Verhältnis Präsenz von Sexualität und sexuelle Lustlosigkeit

In unserem heutigen digitalen und aufgeschlossenen Umfeld in der westlichen Welt sind wir von einer permanenten Erreichbarkeit sexueller Reize geprägt. Auf diversen Internetseiten pornographischen Inhalts erwarten uns, säuberlich nach Kategorien sortiert, gratis ganze Bibliotheken selbst ausgefallenster sexueller Praktiken, für sexuelle Kontakte konzipierte Apps wie Grindr oder Gayromeo ermöglichen uns eine passgenaue, sekundenschnelle und nach Radarkriterien sortierte Suche nach möglichen Sexualpartnern und lassen dabei auf Informationen zurückgreifen, die man zu den intimsten zählen könnte. Wie wirkt sich diese durchgehende Präsenz sexueller Reize auf unsere Erregbarkeit aus? Wie entwickelt sich die Sexualität Jugendlicher, die bereits in eher zartem Alter bereits bestens über extreme Formen von Sexualität informiert sind? Wie gestalten sich die Einflüsse eines regelrechten Konsums auf die Art zwischenmenschlicher Beziehungen?

In meiner Wahrnehmung gibt es im Zusammenhang mit ständiger Präsenz oder zumindest Erreichbarkeit sexueller Reize eine gewisse Abstumpfung und Lustlosigkeit. Während sexuelle Aufklärung von Kindern und Jugendlichen eine absolute Notwendigkeit von großem Nutzen darstellt, scheint mir der mediale Umgang mit Sexualität ein ambivalenter zu sein. Während er einerseits als eine positive Erfüllung eher geheimer Wünsche gesehen werden kann, geht er jedoch auch mit einer gewissen Abwertung der „normalen“ Sexualität einher. Insbesondere in mit sexuellen Aspekten sehr vertrauten und lockeren schwulen Milieus gibt es einen regelrechten Hang zu Szenenbildung und Körperkult, die geradezu offensichtlich durch die mediale Aufbereitung Verbreitung zu findet. Doch während uns unsere Hormone zu einem mehr oder minder regelmäßigen „Abreagieren“ unserer Triebe treiben, sei es in Form von Onanie oder Interaktion mit anderen, ist die Form in einem gewissen Wandel begriffen.
Im Bereich der Selbstbefriedigung ist bildliches Material im Internet nur einen Klick entfernt. Noch vor einem eigentlichen Aufkommen einer Erregung initiieren wir sie, oft aus Langeweile und der ständigen Verfügbarkeit heraus. Im Bereich der Pornoindustrie erlangen zunehmend Videos an Bedeutung, die sich auf das „Rumkriegen eines Heteros“ stützen, willige Schwule scheinen langweilig zu sein.

Demgegenüber ist der zwischenmenschliche sexuelle Kontakt ebenfalls gewandelt. Über eine Vielzahl von Dating-Apps ersparen wir uns einen großen Teil des Flirtens und Werbens, ja der Fantasie, die einen besonderen Stellenwert in der Erregungsbildung hat. Im Internet können wir uns oft problemlos über Penisgröße, sexuelle Vorlieben und Safer-Sex-Einstellung eines potentiellen Sexualpartners informieren. Bei sogenannten Sex-Dates wird das Übliche mehr oder minder heruntergespult, eventuell gespickt und verziert mit extremeren Praktiken wie Fisting, Gangbang oder BDSM. Paare wissen kaum noch miteinander etwas anzufangen, greifen zum Konzept der offenen Beziehung, da ihnen Sexualität ausschließlich mit ihrem Partner langweilig geworden ist.

Was denkt ihr darüber? Tut uns der heutige Umgang mit Sexualität überhaupt gut? Und falls nein, warum tun wir uns so schwer damit, uns ihm zu entziehen?

Hallo Jan,
Ich finde deine Gedanken sehr anregend und wunder mich dass dir noch keiner geantwortet hat, also mach ich es. Meine Meinung dürfte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein Ausfall sein, denn ich hab das Gefühl unsere Generation (und du bist so alt wie ich) ist genauso “problematisch” wie du geschrieben hast.
Dabei denke ich dass du die Antwort auf deine Fragen quasi schon vor dir hast, aber noch nicht zu einem Stück gefasst.
Warum wir so eine “sexuelle” Generation sind?
Das hat viele Gründe. Die digitale Medien spielen erstmal eine große Rolle. Internet hat das ins Rollen gebracht, und mit Smartphone, dating apps (grindr etc.) und soziale Netzwerke wurde das ganze richtig zum Überlaufen gebracht. Wie du schon sagst, es ist so leicht an sexuellen Reizen zu kommen, ein Klick hier, einer da, und die Jugendlichen mit ihren Smartphones schon ab der 5. Klasse heutzutage werden durch die sozialen Netzwerke schon (zu) früh in das Ganze eingeweiht. Und grade die sozialen Netzwerke zeigen: es geht nur noch darum bekannt zu sein, auf insta gut auszusehen, geile (fake) fotos dort zu posten usw. Status. Klicks. Views. Darauf fahren die Leute heute ab. Also legen sie sixh extra geil ins Szene, und möglichst aufreizend, weil sex sells und so. Und diese “Masche” klappt auch noch gut.

Jetzt fragt man sich, was soll dieses ganze Gequatsche. Ganz einfach: Es erklärt, warum wir immer oberflächlicher werden, immer mehr auf Sex orientiert. Denn Sex wird als das Non-plus-ultra unserer Generation angepriesen. Und dann reicht den Leuten nicht, dass sie mit 13 ihre Unschuld verlieren oder sich stundenlang täglich pornos reinziehen. Dann sehen sie diese hochgezüchteten Pornos, und dann ist es klar, dass sie viel zu viel erwarten als normalen Sex. Normaler Sex ist dann langweilig und verkommt zu Standard, und sie entwickeln eine immer höhere Erwartungshaltumg in ihrer Sexsucht, um ein nie erreichbares Sexultraziel zu erreichen. Und vergessen, wozu Sex eigentlich da ist. Lieben. Es ist kein Mittel zum Zweck, es ist das, was die Liebe auf ein intimes Level bringt, der Moment, wo man vollstes Vertrauen in den anderen eingibt, sich so nah ist wie noch nie und vollkommen aufeinander einlässt
Doch die Leute entzaubern und diesen klassischen, gefühlsvollen Sex und betreiben Sex nur als rationales Erfühlen ihres Sexualtriebs mit einem beliebigen sexwürdigen Objekt.
Mit übertriebenen, eingeflössten unrealistischen und oberflächlich gefühlslosen Vorstellungen lebt unsere Jugend ihr Sexleben aus. Und wundert sich dann, dass sie sich irgendwie trotzdem nicht erfüllt fühlen und in Sexsucht verfallen, weil Ihnen etwas fehlt. Mich wundert es nicht, es ist nicht der Sex der Ihnen fehlt, sondern die Liebe

Sorry für den langen und konfrontierenden Text, aber das ist meine leicht asexuell angehauchte Meinung, aber ich verurteile diese derart sex-orientierte Denkweise von heute und sehne mich zurück an die gute alte klassische Liebe und Zweisamkeit ohne sexuellen Orgien!