Tipps zum Schreiben besserer Geschichten

Floskelalarm

“Es war genau x Tage her”
Warum so genau? In der Realität ist unwahrscheinlich. Wenn die Genauigkeit keinen Mehrwert oder spezifischen Grund hat, würde ich darauf verzichten. Die meisten Dinge basieren auf vielen verschiedenen Faktoren. Unser Alltag ist damit meist alles andere als minutiös perfekt durchgeführt ohne die geringsten Zwischenfälle. Solche perfekten Abläufe passen mehr zu einem evil mastermind als zu einem Normalo-Protagonisten.

Show, don’t tell

“Wir schicken unsere besten Männer”

Besser:

"Wir schicken Einheit xy”

Man sagt, die seien bestens für solche Einsätze ausgebildet. Wenn die geschickt wurden, musste die Lage ernst sein

Ein guter Wein muss lange lagern

… und wird manchmal im Weinkeller vergessen. Oder etwas simpler: Wenn ich Gemüse oder Getreide ernten will, muss ich erst einmal Samen in die Erde drücken und dann längere Zeit warten, bis die Saat Früchte trägt. Das ist eben kein Fast Food.

Zwei Informationen, die zu einer Erkenntnis oder einem Meinungswechsel führen, nicht in derselben Szene einführen. Das macht es authentischer, überraschender. Einige Plottwists sind von langer Hand geplant. Manche reichen sogar zurück bis in die ersten Kapitel und schlagen erst beim Klimax zu.

Familienstammbaum

Sein Name war Max Mustermann. Seine Mutter, Monika Mustermann, […]

No shit, Sherlock! Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass die beiden denselben Nachnamen tragen, wo sie doch offensichtlich verwandt sind. Hätten beide unterschiedliche Namen, so wäre die Nennung beider sinnvoll.

Mein Vater war Bergmann. Ich stamme von Karl dem Großen ab

– Armin Laschet, CDU

Auf komplexe oder unglaubwürdige Stammbäume sollte verzichtet werden, es sei denn, sie sollen die Glaubwürdigkeit des Charakters untergraben oder dessen Familiengeschichte spielt in der Handlung eine signifikante Rolle.

Abschließend

Ich kann euch sehr die Tipps von JennaMoreci ans Herz legen: BEST AND WORST WRITING TIPS

Ebenso die On writing-Playlist von HelloFutureMe

Die beiden machen auch einen Großteil meiner Storytelling-Playlist aus

1 „Gefällt mir“

Gemini ist zum Teil eine überaus klassische Geschichte – wie eben “Der Prinz und der Bettelknabe” oder “Das doppelte Lottchen”. Kennst du eine, kennst du alle? Meine Antwort war damals im Thread zur Geschichte folgende:

Es kommt nicht darauf an, ob die Geschichte schon einmal erzählt wurde, sondern darauf, ob du sie noch einmal erzählen kannst

Denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine Geschichte bereits in anderer Form erzählt wurde, ist gar nicht mal so gering. Viele Kulturen kennen ähnliche Geschichten – manche davon wurden voneinander inspiriert, andere scheinen sich unabhängig voneinander entwickelt zu haben. Wie kann das sein?

Dafür würde ich gerne einmal etwas abschweifen und zunächst die Frage stellen, wie ich weiß, dass die Geschichte, die ich schreibe, gut ist. Ich würde sagen, ein wichtiger Baustein sind Regeln oder Gesetze. Muss ich diese ganzen Gesetze nun kennen? Mitnichten. Aber es hilft. Jeder Autorin arbeitet anders. Manche davon planen eine Geschichte anhand dieser Regeln, andere schreiben aus dem Bauch heraus und befinden ihr Werk am Ende ebenfalls für gut. Haben sie also auf diese Regeln verzichtet? Ich denke nicht. Würden sie sie reverse engineeren, würden sie feststellen, dass sie diese intuitiv angewandt haben. Wie kann man aber Regeln einer Zunft anwenden, ohne sie zu kennen? Die Antwort hier ist denkbar einfach: Selbst wenn die Zunft diese Regeln einmal niedergeschrieben hat, sind sie ursprünglich nicht von ihr aufgestellt worden. Die Zunft hat nur dasselbe gemacht, wie derdie Autorin: Reverse Engineering. Denn diese Regeln gelten universell – Naturgesetze quasi. Weil sie in uns Menschen stecken. Wir wollen unterhalten werden. Überrascht. In Staunen versetzt. Aber auch erschreckt. Im Unklaren gelassen. Wir Autor*innen reagieren auf den Bedarf.

Heißt das also, man muss nur diese Regeln anfangen und man hat die perfekte Geschichte? Das ist natürlich quatsch. Gerade dann wirkt eine Geschichte auf uns meist gestellt und wenig einzigartig. Das erinnert mich ein bisschen an den Deutsch- oder Englischunterricht in Schulen. Da gab es auch manchmal klare Dos and Don’ts, die vielleicht in der Theorie funktionieren, aber eben nicht in der Praxis. Mal ganz abgesehen von der kreativen Nutzung von Sprache in Gedichten. Beispielsweise die, dass man vor einem “und” oder “oder” kein Komma setzt. Jedoch gibt es Fälle, in denen gerade das sinnvoll oder sogar nötig ist (bspw. bei eingeschobenem Nebensatz oder beim Oxford-Komma). In der Kunst wird häufig geraten, bei aller Regeltreue auch mit der einen oder anderen Regel zu brechen. Die Wahl der zu brechenden Regel ist natürlich genauso schwierig wie der Schreibprozess manchmal selbst.

Heißt das also, es wurden bereits alle Geschichten erzählt und es ist sinnlos, noch zu versuchen, etwas Neues zu erzählen? Auch das ist so nicht ganz richtig, wie wir schon eingangs festgestellt haben. Im Folgenden will ich euch meine Überlegungen dazu schildern, wie ich mich bei meinen vergangenen Geschichten damit beschäftigt habe, wie Werke anderer Autor*innen funktionieren und an welchen Stellschrauben genau man drehen kann, um einer Geschichte ihren ganz eigenen Kick zu geben.

Die Heldenreise :tm:

Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass es, wenn man sich mit den ganzen Literaturthematiken beschäftigt, schwierig erscheinen kann, etwas erfrischend originelles zu schreiben. Ebenso, weil es offenbar eine Art Naturgesetze in der Literatur gibt.

Nehmen wir uns einmal die Heldenreise. Die ist vielen ein Begriff. Hier lebt derdie Heldin in seinerihrer eigenen Welt, bis etwas einschneidendes passiert, was Protagonistin und Mentorin veranlasst, sich ins Abenteuer zu stürzen. Zunächst bedarf es des Schutzes und der Lehren des Mentors, da das Böse in der Welt sonst wahrscheinlich dendie Protagonistin vertilgen würde, aber irgendwann ereilt eben jenes Schicksal dendie Mentorin und derdie Protagonistin ist auf sich allein gestellt. Erst noch mit wenig Selbstvertrauen, aber nützt ja alles nichts – man muss schließlich weitermachen. Die nächste Konfrontation mit demder Antagonistin ist verheerend, aber nicht vernichtend, stürzt aber dendie Heldin in starke Selbstzweifel, die nach und nach abgebaut werden müssen, bis die nächste Konfrantation mit demder Antagonist*in siegreich ist und die Welt vom Bösen befreit wird.

Auch wenn das eine klassische Erzählstruktur ist, finden wir sie nicht nur in Stücken, sondern auch in Science-Fiction-Werken wie Star Wars, welches überraschend viele Parallelen zu irdischer Kultur enthält, wenn man sich damit näher beschäftigt. Aber wie schon eingangs festgestellt, ist dies keine Regel, die nur beispielsweise auf antike griechische Literatur anwendbar ist, sondern universell ist.

Platons Ideenlehre der Literatur

Platon formuliete seine Ideenlehre damals so, dass es eine sogenannte “Ideenwelt” jenseits der Realität gäbe, in der alle Ideen (quasi Vorlagen) existierten und wir könnten nur einen unzureichenden Blick auf sie erhaschen, da wir sie nicht komplett begreifen könnten. Und so würden wir diesen Ideen nacheifern und uns ihnen annähern, ohne sie jedoch jemals vollends erreichen zu können. So ist es vielleicht auch mit den Gesetzen der Literatur. Natürlich gibt es beispielsweise die Heldenreise. Aber diese gut, erfrischend und unterhaltsam zu erzählen, ist einfacher gesagt als getan.

When you get what you want but not what you need

Wer von euch würde sich als harmoniebedürftig bezeichnen? Okay, da geht die eine oder andere Hand hoch – und das ist auch okay. Wenn wir jetzt auf Wattpad eine Geschichte lesen, besteht die Möglichkeit, dass auf wir eine Geschichte eineseiner Schreibanfängerin gestoßen sind. Wenn man mit dem Schreiben anfängt, kann es vorkommen, dass man, nachdem man gemerkt hat, dass man beim Schreiben wie magisch ganze Welten erschaffen kann, versucht, die schönsten denkbaren Szenarien aufs Papier zu bringen (“Was wäre, wenn ich Bundeskanzlerin, Königin, etc. wäre?”, “Was, wenn keiner mehr Hunger leiden müsste?”, “Was wäre, wenn ich unsterblich wäre?”, etc.). Von Science Fiction wissen wir jedoch, dass allem noch so hoffnungslos Schlechten (Dystopie) auch etwas Gutes; und dem trügerisch Schönen (Utopie) etwas Schlechtes innewohnt. Das heißt, wir erreichen eigentlich das Gegenteil von dem, was wir wollen. Genauso werden wir dem puren Glück schnell überdrüssig oder wollen immer besseres Glück. Oder aber wir missgönnen demder Protagonistin das Glück, weil ersie nicht das Geringste dafür tun musste und es so wirkt, als habe das Glück keinen Wert.

Besonders heftig diskutiert werden häufig die Tode geliebter Charaktere. Es gibt die Aussage, dass man nur hassen könne, wenn man (die Person) vorher geliebt habe. Darin gibt es zumindest einen wahren Kern: Wir weinen um die geliebten Charaktere, weil derdie Autorin es geschafft hat, die Charaktere so authentisch zu erzählen, dass wir sie in unser Herz geschrieben haben, als wären sie real. Auch wenn der Tod wehtut, beweist er eins: Die Geschichte ist herausragend gut geschrieben. Das sollten wir in dem Moment anerkennen.

Kampf- oder Schlachtszenen

Ich muss zugeben, dass ich in beidem nicht besonders gut bin. Denn gerade da fällt es meiner Meinung nach auf, wenn man nur stumpf Regeln abarbeitet:

Figur A schlägt Figur B mit dem Schwert. Figur B weicht aus und schlägt mit dem Streitkolben nach Figur A. Figur A weicht aus […]

Hier mal einen Off-Topic-Fun-Fact: Wusstest du, dass bei Multiple-Choice-Tests/-Quizzen die am häufigsten richtige Antwort C ist? Hast du schon mal versucht, ein solches Quiz zu erstellen? Wenn ja, wie hast du es hinbekommen, dass möglichst kein Muster bei den Antworten zu erkennen ist? Wenn du das nächste Mal ein solches Quiz erstellst, achte mal darauf, ob du auf einmal stark darauf achtest, möglichst wenig C als richtige Antwort zu nehmen?

Ein anderes Beispiel ist eine andere Anekdote aus meiner Schulzeit: Wir sollten damals in Erdkunde im Nachbarort mit siebzig Leuten Interviews in unserer Freizeit führen. Ich hatte wirklich für viele Sachen Verständnis, aber meine Freizeit dafür zu opfern und davon nicht mal wirklich was zu haben, sah ich dann wirklich nicht ein. Also hab ich mir gedacht, ich fake die Interviews einfach. Lange Rede, kurzer Sinn: Das war trotzdem noch verdammt viel Arbeit. Und zu der reinen Schreibarbeit kamen noch die ganzen Charaktere hinzu, die ich mir ausdenken musste. Und die mussten so divers wie möglich sein. Auch wenn ich da schon Geschichten schreib, hatte ich mir glaube ich noch nie siebzig Charaktere ausgedacht, die alle kritischen Nachfragen standhalten könnten. Andererseits: Leute wie George Lucas geben auch selbst jeder Statistenrolle eine Backstory.
Nach der Abfrage wollte meine Erdkundelehrerin von mir wissen, ob ich bei der Aufgabe geschummelt hatte. Ich wusste aber, dass sie mir das unmöglich nachweisen konnte. Aber irgendwoher musste ihr Verdacht ja stammen.

Es gibt eine Gesetzmäßigkeit, die auf mathematischen Hypothesen beruht, die es ermöglicht, festzustellen, wo Bilanzen oder Wahlen gefälscht wurden, und die Benfordsches Gesetz genannt wird. Interessant hierbei ist, dass nach Benford Menschen, die solche Zahlen fälschen, bestimmte Fehler beim Fälschen machen, die dazu führen, dass Zahlenreihen entstehen, die zwar auf den ersten Moment zufällig aussehen, aber so in der Realität eher nicht in der Kombination auftreten.

Denn wenn ich eine Schlacht schreibe, zeige ich zwar vielleicht einzelne Zweikämpfe, aber die sind fürs große Ganze nicht von überragender Bedeutung. Sie können ihre eigenen Metaphern und Charakterentwicklungen haben, aber die Schlacht hat fürs Storytelling meist eine andere Aufgabe.

Nehmen wir einmal an, wir haben Partei A und Partei B. Partei A soll die Schlacht gewinnen. Da wäre es jetzt ja ein bisschen unspektakulär, wenn Partei A von Anfang an Partei B haushoch überlegen ist. Es wäre aber auch eine sehr langweilige Schlacht, wenn bis zur letzten Minute Partei B Partei A haushoch überlegen ist. Klar ist: Das Blatt muss sich also wenden, aber es muss auch das Drumherum stimmen. Gerne darf sich das mehrmals wenden, aber eben auch kein Hin und Her sein. Also gar nicht so einfach. Wie zu Anfang erklärt, ist aber gar nicht der Schlagabtausch als solcher das wichtigste Element der Schlacht, sondern was ich damit erzählen will. Warum gewinnt Partei A? Was bedeutet das für Partei B? Welche Positionen treffen hier aufeinander.

Oder wie ich das Ganze lösen würde: Wie im Theater. Hier passieren große, schwierig darzustellende Szenen oftmals Off-Screen und werden von einer der Figuren im Nachhinein anderen Figuren berichtet. Das Schöne hieran ist, dass die Figuren hier gezwungen sind, die Geschehnisse zu reflektieren und für die Zuschauer einzuordnen; politisch und vor allem auch emotional.

Authentizität vs Alltag

Es gibt bei Konsument*innen von Buch und Film unter anderen zwei Lager: Diejenigen, die Realitätsflucht (das klingt so ungewollt negativ konnotier) betreiben (Fantasy und Science Fiction bieten sich da an) und jene, die nach einer Offenbarung an Realismus und Authentizität suchen: Gefühle – gute wie schlechte, Situationen, mit denen sie sich identifizieren können, die sie vielleicht schon mal erlebt haben.

In der Frühzeit des Films gab es immer wieder Ideen, die das Potenzial hatten, revolutionär zu werden. Die Idee, über die ich in diesem Abschnitt sprechen möchte, ist heutzutage tatsächlich in gewisser Weise in Mode gekommen – allerdings nicht so wie vom Ideengeber beabsichtigt. Ich spreche von Reality TV.

Als Vater desselben kann man ihn deshalb mitnichten bezeichnen, weil ihm das “Reality” eben noch oberste Priorität war – und auch der Grund, warum das Konzept nicht aufging. Doch, der Reihe nach: Ziel war es, ein Ehepaar 24/7 mit der Kamera zu begleiten – ungeschnitten, ungescriptet, unzensiert. Es stellte sich heraus, dass aber das zu viel des Guten war: Der Film war ziemlich langweilig, auch wenn die Idententionen wirklich gut gemeint waren und die Darsteller*innen selbst für einen Plottwist sorgten: Der Sohn outete sich überraschend als schwul. Doch gut gemeint ist eben nicht gut. Das Projekt war gescheitert.

Auch wenn das heutige Reality TV ins andere Extrem geht, tut es zumindest das, was wir im vorherigen Kapitel angesprochen haben: Liefern, fesseln, miteinbeziehen – und das alles auf Kommando.

Aber das muss nicht heißen, das Werk am besten angenommen wird, das am meisten an den Haaren herbeigezogen ist. Nicht ohne Grund spricht man bei Reality TV auch von “Scripted Reality” – und nichts anderes sind Spielfilme. Sie haben ein Drehbuch, werden von einemeiner Regisseurin so umgesetzt, dass wir ihnen an den Lippen hängen und von einemeiner Cutterin so geschnitten, dass wir kaum zu Atem kommen. Aber ist das falsch? Fühlen wir uns angelogen? Nein, natürlich nicht. Wie auch bei der Redewendung “die Dosis macht das Gift”, kommt es darauf an, das richtige Mittelmaß zu finden.

Der Film ist schlechter als das Buch – so will es das Gesetz

Genauso wie es heißt, dass der Film immer schlechter ist als das Buch auf dem er basiert, könnte man sagen, dass auch die filmische Adaption der Realität zum Scheitern verurteilt ist. Unser Problem ist, dass wir erwarten, dass die Filmemacher das Original abpausen. Jedoch hat jedes Medium seine eigenen Arten sich auszudrücken, die sich einfach nicht 1:1 übertragen lassen.

Stellen wir uns einmal folgende Szene einmal als Buch und einmal als Film vor:

Der Raum hatte einen Dielenfußboden und einen Tisch, der so aussah, als sei er genau so dort gewachsen. Mutters Kleid war ihr wie auf den Leib geschneidert; ebenso ihr Lächeln. Den Aufwand hatte sich Vater nicht gemacht: Er trug, was er immer trug – und das passte zu ihm. Die Kinder saßen den Eltern gegenüber – weniger erheitert zwar, aber der Hunger und die Erwartung, von den elterlichen Kochkünsten nicht enttäuscht zu werden, verband sie. Auch wenn die Kochkünste hielten, was sie versprachen, hielten die Eltern nicht immer ihr Versprechen, ihre Kinder ohne Angst vor ihnen aufwachsen zu lassen.

“Hast du dich schon um dein Fahrrad gekümmert?”, fragte Vater und man konnte es seiner Stimme anhören, dass er es leid war, seinen Kindern hinterherzulaufen.

Wir stellen vor, dass der Text sehr viel beschreibt, bevor auch nur eine Handlung vollzogen, geschweige denn, gesprochen wird.

Ich könnte bei der Filmadaption jetzt versuchen, den Augen zu folgen, wie sie der Möblierung und Kleidung der Charaktere folgen, aber während dies im Buch nötig sein mag, um sich die Szene vorzustellen, würde es im Film so wirken, als hätten all diese Details eine ganz besondere Bedeutung, die später noch einmal wichtig werden wird. Im Film habe ich mich entschieden, die Kinder gegenüber der Eltern auf der Seite des Tisches, der näher an der Wand ist, zu platzieren. Warum? Nun, im Buch wird die Sitzkonstellation mit keinem Wort erwähnt. Während im Buch eine Schrödingers-Katze-Situation herrscht (jeder sitzt überall und nirgends, weil egal; in der Quantenphysik spricht man von einer Superposition), müssen den Schauspielerinnen zwangsläufig Plätze zugewiesen werden. Und so würde man als Regisseurin aus der Not eine Tugend machen und gleich mit der Platzierung der Charaktere unterschwelliges Storytelling betreiben. Wir haben die Andeutung aus dem Text, dass die Kinder manchmal Angst vor ihren Eltern haben, genommen und in ein Bild umgesetzt, weil es uns unmöglich ist, die Nachricht 1:1 filmisch umzusetzen: Die Kinder sitzen mit dem Rücken zur Wand und auf der anderen Seite stehen geschlossen ihre Eltern.

Der Unterschied zur Betrachtung von Möblierung und Kleidung ist dieses Detail nicht aufdringlich, sondern unterschwellig, sodass wir nicht mit der Nase drauf gestoßen werden, sondern es zwar wahrnehmen, aber eher unterbewusst. Im Buch dauert der erste Absatz eine ganze Handvoll Sekunden zu lesen, im Film ist es ein Wimpernschlag.

Die Sache mit der Relevanz

Wenn die Mutter von der Arbeit kommt, legt sie einen 40-minütigen Weg zurück. Darum kommt sie nicht herum. In Film als auch im Buch würden wir diesen Teil nicht jedes Mal wieder erzählen, es sei denn, es passiert etwas relavantes für die Handlung. Wenn das nicht der Fall ist und wir das weglassen, nennt man das fachsprachlich eine “Raffung” (siehe auch erzählte Zeit vs. Erzählzeit). In der Reality-Doku, die ich ansprach, hätte man uns den ganzen Weg gezeigt und uns gelangweilt. Klar, viele von uns legen solche Wege im Real Life zurück, aber trotz all der realitätstreue, die wir von einem Film vielleicht fordern mögen, so können wir darauf getrost verzichten. Wir wollen unterhalten werden. Es reicht, wenn sie losläuft und in der nächsten Szene ankommt. Den Rest können wir uns vorstellen.

In eine Geschichte habe ich meinem Protagonisten einen süßen Labrador zur Seite gestellt – toll oder? Ja, für euch Leser*innen vielleicht. Wobei, das letztendlich auch nicht, weil ihr beim Lesen sicherlich bemerkt habt, dass es zwar schön ist, dass der Hund da ist, aber täglich grüßt das Murmeltier beim Gassigehen braucht halt eben auch keiner. Der Hund wurde zu einer Bürde – und konnte nicht einmal was dafür. So müssen sich Tiere fühlen, die aus dem Tierheim geholt werden und nach der anfänglichen Freude hat keiner mehr Bock, sich um sie zu kümmern und bringt sie zurück ins Tierheim. Ich habe für mich festgestellt, dass ich nicht zum literarischen Tierhalter tauge. Ein, zwei schöne Szenen mit Hund – gerne. Aber darüber hinaus mangelt es mir an Fantasie und Interesse, den Hund immer wieder unterhaltsam einzubauen. Schließlich wollte ich eigentlich eine Geschichte erzählen, für die kein Hund notwendig wäre. Die Geister, die ich rief …

Der böse Protagonist

Wer kennt das nicht: Schauen wir Filme wie “James Bond“, wollen wir, dass die Guten siegen; schauen wir jedoch Filme wie “How to sell drugs online (fast)”, wollen wir, dass die Bösen siegen. Der Verdacht liegt nahe, dass uns bei Fiktion weniger die Moral wichtig ist, sondern wir uns auf die Seite desder Protagonistin stellen. Warum ist das so? Nun, wir verbringen mit dieser Person im Laufe der Handlung am meisten Zeit; erfahren am meisten über ihr Innenleben. Viele Bösewichte bekommen eine Backstory, die deren Handlung erklären und ein Stück weit rechtfertigen. Das reicht uns meistens, um zu offen, dass derdie Bösewichtin damit am Ende durchkommt. Vielleicht ist ja dann sogar noch eine Fortsetzung drin – wer weiß?

Jetzt gibt es natürlich Serien, wie “Haus des Geldes”, wo sich die Guten (die Polizei) denkbar blöd anstellen oder sie anfällig für Korruption oder Infiltrierung durch eine dritte Partei sind. Auch deren Einstellung von “der Zweck heiligt die Mittel” mag zwar zur Anwendung von Recht und Gesetz führen, bricht aber gleichzeitig mindestens unsere eigenen Moralvorstellungen, wenn nicht sogar wiederum selbst das Gesetz. Schaut man allerdings Filme wie “Joker”, wo wir genau wissen, dass der Protagonist ein durchgeknallter, schwer gefährlicher Irrer ist, der auch uns eiskalt umlegen wollen. Und trotzdem finden wir das, was er macht “cool”, solange es uns nicht betrifft. Dann haben wir Serien wie “iZombie”, wo die vermeintlich bösen Protagonisten (Zombies), von der Gesellschaft für böse gehalten werden und die Zombies aus Notwehr handeln. Würden wir als Gesellschaft nicht auch in Zombies die Bösen sehen?

Ich hatte dazu mit meinem Mitbewohner letztens eine interessante Unterhaltung: Nehmen wir einen Mann, dessen Kinder entführt wurden. Die Polizei sucht nach den Mädchen und hat sogar einen Verdächtigen, lässt ihn aber wieder laufen. Den Vater überfällt ein Gefühl der Ohnmacht. “Warum macht die Polizei nichts!?”, fragt er sich. Natürlich tut die Polizei alles in ihrer Macht Stehende und was sie halt im Rahmen der Gesetze machen kann und darf. Er überfällt den Mann, fesselt ihn, sperrt ihn ein und foltert ihn, um von ihm zu erfahren, wo die Kinder gefangen gehalten werden. Klassischer Thrillerplot. Natürlich stehen wir aufseiten des Vaters. Die Polizei macht nur ihre Arbeit, aber in der Situation rechtfertigen wir Lynchjustiz. Denn in dem Moment sind wir der Vater. Dieses Szenario gab es auch schon hier in Deutschland in der Realität (Jakob von Metzler/Magnus Gäfkgen). Was würden wir aber sagen, wenn sich herausstellt, dass der Mann überhaupt nichts mit der Entführung der Kinder zu tun hat? Halten wir die Treue mit dem Vater, der diesem unschuldigen Mann gerade mehrere gebrochen hat? Oder was würden wir sagen, wenn dieser Mann seine Kinder nicht retten kann und daraufhin beschließt, dass dann keiner mehr gerettet werden sollte und deshalb eine Atombombe zünden will, um alle Menschen zu töten?

Ich habe die Feststellung gemacht, dass es sehr schwierig ist, sich nicht mit den Protagonisten zu identifizieren. Denn genau dazu sind sie gemacht: Wir stellen ihr Handeln vielleicht infrage, aber wir sind für sie da, wenn sie eine Schulter brauchen, an die sie sich anlehnen können. Wie beste Freunde. Wie Pflichtverteidiger eines geständigen, schwerkriminellen Täters, ohne Reue. Wie Partner in toxischen Beziehungen.

Und deshalb habe ich mich bei einer Kurzgeschichte mal gefragt, ob es überhaupt möglich ist, dass die Leser sich mehr mit den Antagonisten identifizieren als mit dem Protagonisten. Ich denke, das ist nur möglich, wenn wir das Handeln der Protagonisten nicht im Geringsten nachvollziehen können. Wenn sie uns aktiv wegstoßen. Uns als Leser anschreien: “Ja, ich bin ein Arschloch! Zufrieden!?”