Mein persönliches Coming-Out

Ich habe glaube ich bereits schon einmal über mein Coming Out geredet. Oder halt auch nicht. Zumindest wollte ich euch nun einmal schreiben wie alles verlaufen ist, und zwar bei meinen Eltern. Ich möchte meine Erfahrungen mit euch teilen da ich denke dass es genug Jugendliche gibt die genau dieselben Ängste wie ich hatten.
Also im Vorfeld hatte ich mir Gedanken darüber gemacht wie meine Eltern reagieren könnten. Meine Mutter sagte immer früher immer „Gar kein Problem wenn jemand von euch (Geschwister) Schwul oder Lesbisch sein sollte: Gar kein Problem“ – und meinen Vater konnte ich da etwas schlechter einschätzen. Zur Ehe zwischen Männern und Männern stand er sehr kritisch gegenüber. Also eine totale Leere wie er reagieren könnte.
Ich habe am 30. Dezember 2013 mit meinen Eltern zusammen „A Single Men“ gesehen. In dem Film geht es halt auch um einen schwulen Mann. Die Story könnt ihr euch gerne mal auf Wikipedia oder so durchlesen- der Film ist sehr empfehlenswert.
Naja nachdem wir den Film durchhatten sind wir alle in unser Bett und am nächsten Morgen kam meine Mutter und redete mit mir über den Film. „Willst du auch so sein wie der?“ – „Joa“. Er ist einfach ein Mann gewesen der so ein tolles Leben hatte. Genialer Typ einfach.
Naja das verlief alles etwas im Sand. Am Abend so um etwa 7 Uhr, wir hatten zu Abend gegessen. Meinte meine Mutter zu meinem Vater. „Ja hier. Der will genauso sein wie der aus dem Film.“ Sie lachte dabei. Fand es lustig dass ich da meine Vorbilder herausnahm. „Du stehst aber nicht auf Jungs oder?“
Stille. Toten Stille. Ich dachte an gar nichts. Nein Nein Nein. Es darf nicht wahr sein. Oh Gott bitte nicht. Ich wollte nicht Nein sagen weil es falsch wäre. Ich war nervös. „Doch“

Ach du verdammte scheiße. Meine Mutter redete da vor sich hin. Mit mir. Ich konnte nicht zuhören. Ich war so gelähmt. Allein gelassen habe ich mich gefühlt. Aber das Gefühl würde noch viel schlimmer werden. Wusste ich bis dato halt noch nicht. Nach etlichen Rechtfertigungen, einem totalen Desinteresse und Unverständnis Mütterlicher Seite war der Abend dahin. Silvester war im Arsch um es kurz zu sagen.
Ich verzog mich. Ich habe mich noch nie so schlecht für etwas gefühlt. Das mich das ganze aber stärker als je zu vor machte konnte ich nicht wirklich spüren. Tat es aber. Die Stimmung war um Mitternacht am Tiefpunkt. Streit zuhause. Schlimmster Jahresstart jemals. Am 1. Januar, am 2. Januar. 3. Januar. Die Lage blieb gleich. Meine Mutter sah Mega krank aus. Wie man sich dabei fühlt? Schlecht. Verantwortlich. Kühle Distanz zwischen uns. Und dann dieser plötzliche Umschwung der Akzeptanz. Wie Sie heute mit mir umgeht finde ich okay. Ich nehme es ihr noch nicht ab das Sie zu mir steht. Mein Vater steht zu mir. Das merke ich.

Mein Coming Out bei meinen Freunden lief durchweg unpersönlich ab. Ich habe mir zwar für jeden Zeit genommen, habe es aber jeweils immer über WhatsApp gesagt. Es bot mir die Distanz, die Sicherheit, die Distanz die ich bei meinen Eltern nicht hatte. Sie sind alle im Schnitt etwa 2-3 Jahre älter. Aber genau auf der Wellenlänge auf der ich auch bin. Ihre Reaktionen waren fast immer die gleichen: „Danke für dein Vertrauen. Du bist so wie du bist. Es wird sich nichts ändern. Wenn was ist komm zu uns.“
Das gibt einem Mut. Mut und Rückhalt.

Du stehst aber nicht auf Jungs? - Doch. :stuck_out_tongue:
Ist doch alles in allem ganz ok gewesen. Willst du die Geschichte nicht ignisfliege für sein Buch zur Verfügung stellen?

Nein. Das war ja nicht meine Absicht. Außerdem ist es ein persönlicher Bezug der nicht in ein Buch gehört :slight_smile:

Schön, dass deine Eltern letzten Endes doch noch zu dir stehen, auch wenn die erste Reaktion darauf nicht so toll war.