Finding me

Kleine Anmerkung zu “Floor-Flex”: Genau genommen ist das Asbest. Schaut mal auf Google Bilder, wie Floor-Flex aussieht. Vielleicht gibt es das auch bei euch irgendwo noch.

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Finding me
PART 6

“Ich hab’s dir gesagt!”, rief Luca aus, als sie das Haus verließen.
“Was? Dass wir jetzt eine Schnitzeljagd machen dürfen? Oder heißt das Schnipseljagd?”
“Ich glaube, Schnitzel-”
“Aber Schnipsel wäre doch viel naheliegender. Also sammeln wir jetzt Glückskekszettel und Postkarten?”
“So sieht’s wohl aus”, stimmte ihm Luca zu.
“Ich seh den Sinn nicht. Das ist doch ein bisschen albern.”
“Ich bin sicher, wir finden am Ende was tolles”, erklärte Luca zuversichtlich.
“Also eine antike außerirdische Rasse schreibt wahrscheinlich nicht auf Papier.”
“Vor allem nicht, wenn sie intelligent genug ist, um Raumschiffe zu bauen und herzukommen.”
“Und wie wäre es mit Gestaltwandlern, die nach Laborversuchen ausgebrochen sind?”
“Monsanto würde ich alles zutrauen.”
“Da stimme ich dir zu”, bestätigte Marc.
“Also doch der Zeitreisende? Dann müsste ich mir keine Sorgen machen, dass jemand noch einen Zweitschlüssel hat.”
“Oder du führst mich damit an der Nase herum. Vielleicht versteckte Kamera.”

Sie fuhren auf den Parkplatz der Fontanebibliothek. Das Gebäude zwischen Einkaufszentrum und Wohn- und Bürokomplex hatte eine ansehnliche Glasfassade, aber die Inneneinrichtung stammte wahrscheinlich aus den 1950er Jahren.
Durch eine Drehtür mit diagonalen, verchromten Griffstangen und leicht milchigen Glasscheiben betraten sie das Gebäude. Zunächst mussten sie eine Treppe emporsteigen. Die Stufen, wie auch der Fußboden im Eingangsbereich, bestanden aus bräunlichen Floor-Flex-Platten, die vielleicht mal vor fünzig Jahren in, jetzt aber nur noch hässlich waren. Oben angekommen, eröffnete sich ihnen eine riesige Bibliothek. Sie sahen sich um, um sich einen Überblick zu verschaffen. Hier gab es gefühlt alles, was man sich vorstellen konnte, auch wenn das natürlich nur ein Bruchteil der auf der Welt existierenden Bücher sein konnte.
Marc interessierte das alles nicht; Luca allerdings interessierte sich sehr für historische Romane. Sein absoluter Lieblingsautor war Ken Follett, aber genauso gefiel ihm bardenartiger Erzählstil. Fantasy gegenüber war er ebenso nicht abgeneigt, da es ihn sehr faszinierte, wie altertümliche Mystik und Sagen Einzug in das Romanuniversum gefunden hatten. Sein Lieblingscharakter war Draco — der Drache aus Dragonheart. Der Film war einer seiner absoluten Lieblingsfilme und auch noch echt klasse animiert. Drachen waren einfach so edle, erhabene und weise Tiere. Und es gab sie in so vielen verschiedenen Arten, denn sie tauchten vielfach in der Mythologie auf.

Sie kamen auf eine Art Infostand und Kasse zu. Gerade als sie die dahinterstehende Angestellte ansprechen wollten, wandte diese den Kopf zu einer Kollegin, welche auf sie zukam.
“Ich übernehme hier. Danke, Nathalie.”
“Hey!”, rief sie euphorisch an die Neuankömmlinge gewandt und breitete die Arme aus.
Noch so eine, die sich einbildete, sie zu kennen? Das konnte ja heiter werden! Heute trafen sie aber wirklich nur auf Verrückte. Was hatte das alles zu bedeuten? Hoffentlich konnte diese Person ihnen das diesmal beantworten. Die Mitarbeiterin ließ nur Sekunden nachdem sie die Arme gehoben hatte, diese wieder sinken. Ihr Strahlen aber blieb zurück, auch wenn es um ein paar Nuancen verblasste.
“Schön, euch Jungs… zu sehen.”
Luca und Marc mussten sehr verwirrt aussehen, also fügte sie hinzu: “Ich bin Florentina”, aber es schien ihr zu widerstreben, sich vorzustellen.
Eine seltsame Person. Luca musterte sie. Sie war deutlich korpulenter, aber sie zählte zu den Personen, denen das stand — bei denen sich sogar teilweise die Persönlichkeit darin widerspiegelte. Auch ihr Vorbau bildete eine Wulst in ihrem etwas altmodischen Kleid. Ihre Brille hatte große, ovale Gläser, bis auf die jeweils spitz zulaufende obere, äußere Ecke. Die Bügel wurden hinter ihrem Nacken durch eine goldene Kette verbunden.
“Ich hab schon gewartet. Ich habe, was ihr sucht”, erklärte sie und signalisierte ihnen, zu warten, während sie sich umwandte und fortlief, um etwas zu holen.

“Es ist eindeutig eine Schnitzeljagd”, seufzte Marc.
“Besser als bei ‘13 Reasons Why’”, lachte Luca.
“Diese Netflixserie mit Hannah Abett?”
“Genau.”
“Hab ich nie gesehen.”
“Vielleicht ist das auch eine Schatzsuche und am Ende sind wir reich oder so.”
“Dann”, entgegnete Marc, “hätte ich aber gerne Jack Sparrows Kompass.”
“Oder…”, Luca musste ein Lachen mühsam unterdrücken, damit er seinen Gedanken erst aussprechen konnte und sein bester Freund auch etwas davon hatte, “…der alten Dame von vorhin ist einfach langweilig und sie will mal schauen, ob sie Jüngere wie Vollhonks an der Nase herumführen und sich im Alter noch etwas amüsieren kann.”
“Dann könnte sie insgeheim auch von der Mafia sein und es erwartet uns am Ende kein Schatz, sondern der Tod. Alles sehr unwahrscheinlich.”
“Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Das, was wir gerade erleben, ist schon seltsam.”

Schließlich kehrte Florentina wieder zurück und überreichte ihnen… ein Buch.

Noch ganz vergnügt vom aktuellen Lesegenuss und der damit verbundenen Raterei rund um die Schnipseljagd, schlendert PhrasenwesenA zum Pult, um wieder einmal seine Meinung kund zu tun.

Hallo Zuri,

vielen Dank für einen weiteren, spannenden Teil Deiner doch sehr mysteriösen Geschichte.

Und als solcher passt er auch wirklich gut. Vor allem in den nerdigen Dialogen mit Luca harmonieren die beiden prächtig. Das hat mir beim aktuellen Kapitel auch wieder sehr gut gefallen. Ich behaupte nicht, jede Anspielung zu verstehen, aber diejenigen, die ich verstehe, zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht ^^.

Huiii… Noch mehr Rätsel. Auf dieses Ass im Ärmel bin ich sehr gespannt. In irgendeiner Verbindung muss die Frau ja mit Luca stehen. Selbst wenn sie ihn erst meinte, am Vortag getroffen zu haben, impliziert ihr vertrauter Umgang mit ihm eine längere Bekanntschaft. Wie aber kann das sein, wenn Luca ihr nie zuvor begegnet ist… Das eröffnet diverse Möglichkeiten (die ich am liebsten natürlich im Fantastischen suche ^^)

Es könnte sich bei Magdalenas Luca

  1. um einen Klon handeln
  2. um einen Besucher aus einem Paralleluniversum handeln, evtl. ist sogar Magdalene selbst nicht von hier (glaube ich aber nicht)
  3. tatsächlich um einen Zeitreisenden handeln, wie Luca scherzhaft vermutet (dieser müsste dann aber aus relativ naher Zukunft stammen, um die Ähnlichkeit nicht zu weit auseinander zu ziehen – aber darauf deutet im Moment nichts hin)
  4. um eine Person handeln, die Luca verblüffend ähnlich sieht und sich als dieser ausgibt (der fremde Einbrecher kommt als Einziger in Frage). Aber was wäre das Motiv hierbei? Luca soll die Stationen doch nicht ohne Grund abklappern… Hmm… Finding me? Finding wen? Den Fremden? Will er also gefunden werden und das über Umwege? Warum nur? Eine echt harte Nuss.

Und wider Erwarten sind wir mit diesem 6. Kapitel nicht wirklich einer Antwort näher gekommen. Eher haben sich wieder weitere Fragen aufgetan. Diese Florentina… sie hat Luca UND Marc erkannt? Was ist hier los? Paralleluniversum, Gestaltwandler, Zeitreisen? Sind die nerdigen Überlegungen der beiden am Ende so banal, dass schon wieder etwas dran ist?

Gaaaaanz heißer Hinweis ist folgende Stelle:

Moooooment. Sie wollte doch etwas anderes sagen… Man könnte wirklich meinen, was sie EIGENTLICH sagen wollte, war: „Schön, euch Jungs wiederzusehen.“ Aber dann hat sie es sich kurzfristig anders überlegt. Das stinkt doch zum Himmel. Sie kennt die beiden, aber woher…
Auffällig ist auch, dass Luca die Karte bzw. den Hinweis aus dem letzten Teil gar nicht gebraucht hat. Hat sich Florentina dadurch unbewusst verraten? Zumindest ist weder Luca, noch Marc mehr aufgefallen, als nur die Tatsache, dass schon wieder jemand meint, sie kennen zu müssen. Wenn die beiden einen ruhigen Moment haben, könnten sie sich DARÜBER mal genauer Gedanken machen. Um es mit Luca’s Worten zu sagen:

Gekauft. Definitiv. Mit 5 !!!

Tja, das Ratespiel geht weiter. Ein neuer Hinweis (das Buch!) ist im Spiel und ich kann es kaum erwarten, was Luca und Marc darin finden werden. Wieder einen neuen Hinweis? Oder gar des Rätsels Lösung? Warum kann ich gerade DAS nicht glauben?

Fazit: Tolles Kapitel. Wunderbar nerdige Wortgefechte. Ein zunehmend größer werdendes Mysterium. Ich liebe es ^^

Liebe Grüße,
Arokh

PhrasenwesenA neigt den Kopf aus Respekt vor dem Autor, sieht sich kurz um, stellt aber fest, dass es im Moment allein hier zu sein scheint. „Wo bleiben nur die anderen Kommentareschreiber? Ich könnte ein bisschen Unterstützung im theoretisieren gebrauchen.“ Achselzuckend verlässt es das Pult.

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Hallöle :slight_smile:

Diesmal kam mir wohl Arokh zuvor und deinEunsch auf einen weiteren Kommentar sei mir Befehl :smiley:

Alsooo… Sehr schöner Teil erstmal.
Man merkt, dass die Geschichte so langsam Fahrt aufnimmt. Ein neuer Ort und eine weitere Person kommen ins Spiel. Oder vielmehr doch Schnitzeljagd? :smiley:

Frage Nr.1: Zuerst erblickt die Dame an der Kasse/ Info die beiden Jungs. Dann tuschelt sie etwas der zweiten Dame ins Ohr und Florentina empfängt die beiden. Also scheint es offensichtlich zu sein, das wohl beide Empfangsdamen Marc und Lucas kennen.

Doch woher? Da muss ich mich Arokhs Theorie anschließen, das eine der beiden evt die Einbrecherin war? Dies würde zumindest erklären, wie schon Arokh festgestellt hat, das sie eigentlich etwas anderes sagen wollte…

Frage Nr.2: Ist evt das Buch, welches den beiden übergeben wird, dasselbe wie jenes Buch bei der alten Dame? Wenn ich mich nicht Irre hieß es:“ Der Besuch der alten Dame“?

Frage Nr.3: Was wird in dem Buch drinn sein? Evt eine Karte, welche den geheimen Ort des „Einbrechers“ zeigt? Dies wäre zumindest der Hinweis von Lucas gewesen, den er wahrscheinlich eher als Witz gemeint hat :smiley:

Nun gut, wie dem auch sei. Toller Teil, die Fragenliste ist länger geworden und ich hoffe das geschieht auch bald mit der Antwortenliste.

LG Jones

Hi Jones,

da muss ich was richtig stellen ^^ Ich meinte nicht, dass ich denke, dass die Florentina die Einbrecherin sein könnte, sondern dass sie diesen sehr wahrscheinlich kennt, da sie Luca sofort erkennt. Das impliziert, dass sie zumindest ein Bild von ihm (evtl. auch von Marc) bereits gesehen hat. Ich vermute, dass sie von dem Einbrecher (von welchem ich überzeugt bin, dass er männlich ist - war das nicht sogar explizit erwähnt? Anfrage an den ZuriBrainserver™) Instruktionen erhalten hat. Sie scheint allerdings nicht allzu tief drinnen zu stecken, denn sie ist so nervös, dass sie sich eben beinahe verraten hätte (so zumindest meine Vermutung, da es wirkt, als wollte sie etwas anderes sagen).

LG, Arokh

Da sind ja meine lieben Pappenheimer :smiley:

Ich glaube, dass ich nicht gesagt habe, dass es ein Mann sei. Warum auch? Die Person hatte eine Kapuze auf. Das kann jeder gewesen sein. Ich glaube, der einzige Anhaltspunkt war der Hoody. Oder auch was zur Statur.
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Ich glaube, ich bin auch der einzige, der alle meine Anspielungen versteht :smiley:

Was genau meinst du? Dass sie sie hereinbittet? Ich bin erstaunt, dass das nicht nur in der Geschichte selbst zu Missverständnissen führt^^
Noch einmal, um das aufzuklären: Sie glaubt, dass sie die beiden kennt, aber bis Luca sie aufklärt, erkennt sie ihn nicht. Sie hält sie bis dahin für jemand anderen. Nur, dass Luca am Vortag da gewesen sei, ist mehr oder weniger richtig…

Bei Arokh liebe ich die kreativen Spekulationslisten; bei Jones die scharfsinnigen Fragen. Danke ihr beide!

Arokh, meinst du bei der vierten Vermutung Identitätssdiebstahl? Eine deiner Vermutungen kommt schon nah an die Wahrheit heran :wink:

Nicht? Sie denken sich doch, dass das schon wieder eine merkwürdige Person ist, der sie da begegnen.

Wow, da bin ich echt baff. "Brilliant deduction, Watson!“

Man muss dazusagen, dass Arokh für mich editiert (danke dafür an dieser Stelle) und daher das Kapitel im Voraus kennt und ein paar wenige Details des Plots. Das meiste davon ist aber auch für ihn im Unklaren. Und das habe ich ihm definitiv nicht erzählt.

Und ja, wie auch Magarethe kennt auch Florentina beide. Nur dass sie bei klarem Verstand ist.

zu 1) Ihrer Kollegin sagt sie doch nur, dass sie übernimmt. Das sollte ein Zeichen sein, dass sie die andere da heraushalten will

zu 2) Das Buch — das wirst du im nächsten Teil auch lesen — heißt übrigens genauso wie die Geschichte: “Finding me”

Deine dritte Frage wird auch im nächsten Kapitel beantwortet.

LG, Zuri

PhrasenwesenZ will einen neuen Part veröffentlichen, sieht aber gerade PhrasenwesenA, wie es den Kopf neigt und zieht sich in den Schatten zurück. Wenig später hört es die verhallenden Schritte seines Phrasenwesenkollegen. Dann begibt es sich in den Vorführraum und hinterlässt den neuen Part direkt unter der frischen Tinte.

PhrasenwesenZ hebt die Feder und legt sie beiseite. Es entfernt sich, sich freuend, bald wieder tolle Kommentare zu lesen.

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Finding me
PART 7

Als sie zu Hause ankamen, wurden sie von Jasper, einem gelben Labrador, begrüßt. Marc kannte den Hund, der seit Jahren seines besten Freundes treuer Begleiter war, und spielte erst einmal mit dem Tier, während Luca den Napf mit dem Abendessen füllte. Lucas Haustier war sehr selbständig und lief gerne den ganzen Tag im Freien herum. Dennoch hatte ihm sein Herrchen beigebracht, sich nicht zu weit vom Grundstück zu entfernen und größere Geschäfte stattdessen im Gebüsch zu erledigen. Zur Belohnung für seine Geduld nahm er Jasper erst einmal mit, auf eine Runde in den Wald.
Nach seiner Rückkehr war Marc bereits nach Hause gefahren und so nahm er sich das Buch alleine vor. Höchstwahrscheinlich hatte Marc auch schon einen Blick hinein geworfen. Auf dem Buchcover des braunen und schlicht verzierten Hardcover thronte der Titel ‘Finding me’. Was hatte das zu bedeuten? War das der Hilferuf einer entführten Person? Die Fragen wurden nicht weniger — nein, sie wurden eher noch mehr.
Also schlug er das Buch auf und zunächst stand dort:

[i]“Eines ist sicher:
Wir haben nie genug Zeit”

V.[/i]

Hieß das etwa, ihm wurde verraten, wo sich das Opfer einer Entführung befand, aber es war schon zu spät, es zu retten? Wie hatte es dann aber seine Geschichte aus seinem Gefängnis heraus bekommen und warum dann diese Schnitzeljagd?
Er blätterte weiter. Im Inhaltsverzeichnis standen nur Namen, doch sie sagten ihm alle nichts. Im Buch waren aber nach dem Inhaltsverzeichnis alle Seiten leer. Warum waren sie leer gelassen worden? Welchen Sinn hatte ein nahezu leeres Buch? Was für ein Spiel spielte man da mit ihm? Er blätterte wieder und wieder durch das Buch, betrachtete es von allen Seiten, doch es war bis auf das Inhaltsverzeichnis und das Zitat gänzlich unbeschrieben. Führte das vielleicht auch nicht zur Antwort, sondern wieder nur zu einem weiteren Teil der Schnitzeljagd? Was kam als nächstes? Tote Vögel in seinem Briefkasten? Das erschien ihm alles absurd. Er hatte nie zugestimmt, dieses Spiel zu spielen. Und wenn er sich einfach weigerte, weiteren Hinweisen nachzujagen? Konnte er das? Änderte das etwas? Wenn es am Ende nun doch von Bedeutung war? Aber was konnte schon so wichtig sein? Ihm fiel beim besten Willen nichts dazu ein.

Auch Marc, der ihn am nächsten Tag wieder besuchte, wollte zwar aufgeregt über das Buch reden, hatte aber auch keine neuen Ideen mehr. Er war seltsam schweigsam bei dem Thema geworden. Keine ihrer Theorien hatte sich bisher wirklich bestätigen oder entkräften können. Sie tappten absolut im Dunklen.

An den folgenden Tagen erschienen ebenso keine neuen Hinweise. War es das gewesen? War das Buch das Ziel ihrer Suche oder hatten sie darin einen Hinweis übersehen, der sie zum nächsten führte? Die Schnitzeljagd verlor allmählich ihren Reiz und das Buch geriet immer mehr in Vergessenheit. Es gab keine Spur, der er mehr folgen konnte; keine aufregenden, geheimnisvollen Zettelbotschaften mehr. Monate waren vergangen und nichts passierte.

Eilig klingendes Trappeln auf dem Flur zum Lesesaal. Die Türklinke wird hektisch hinunter geschlagen und das gehetzte Phrasenwesen stolpert beinahe über seine eigenen Beine. “Oh Mann, hoffentlich komme ich noch rechtzeitig vor dem nächsten Part zum Podium”, keucht es vor sich hin, bevor es völlig verschwitzt zum stehen kommt und ungläubig auf das Gästebuch schaut. “Was? Noch niemand vor mir hiergewesen?” Schulterzuckend greift es sich die Feder und beginnt den längst überfälligen Kommentar…

Hallo Zuri,

oha, eine Wendung in der Schnipseljagd, die ich so nicht unbedingt erwartet hätte :astonished: Anstatt neuer Hinweise oder gar des Rätsels Lösung, finden Luca und Marc… quasi nichts.

Schade (und ein wenig seltsam), dass Marc nicht gleich mit Luca zusammen in das Buch geschaut hat. Er ist offenbar wirklich nicht besonders interessiert zu erfahren, wo die Schnipseljagd hinführen würde. Genauso zum stirnrunzeln fand ich dann, dass Marc am nächsten Tag keine weitere Idee hatte, was es mit dem “leeren” Buch auf sich hat. Ist da offscreen irgendwas passiert? Weiß er mehr, als er zugibt und kann/will es mit Luca nicht teilen, warum auch immer? Aber warum sollte das so sein? Irgendein größerer Plan, der dahinter steckt? Oder einfach nur zu viel von mir hineininterpretiert :unamused:
Ach Menno, ich hatte mich schon auf eine neue Spekulationsrunde zwischen den beiden gefreut ^^
Da fällt mir aber auch gleich ein, dass Florentina BEIDE Jungs/junge Männer wiedererkannt zu haben schien:

Denn, dass sie die zwei kennt, dessen bin ich mir irgendwie sicher. Also hängt Marc doch tiefer drin oder was?
Egal, wir werden es früher oder später schon erfahren :wink:

Das allwissende Google findet dieses Zitat nicht. Klärst Du das auf oder ist es nicht so wichtig, von wem das ist?

Lucas Vermutungen, was es mit dem Buch und evtl. weiteren Hinweisen auf sich haben könnte, sind sehr interessant und spannend. Umso merkwürdiger finde ich seinen offenkundigen Entschluss, nicht ernsthaft weiter nach Hinweisen zu forschen, als er im Buch nur leere Seiten findet. Ich meine, ja klar, er hat sich das Spiel nicht ausgesucht, aber ich an seiner Stelle würde schon noch den ein oder anderen Versuch starten:

  • das Inhaltsverzeichnis ist voller Namen; kann man da nicht gezielt danach suchen?
  • von wem ist das Zitat? Ein weiterer Anhaltspunkt?
  • sind die Seiten wirklich leer? Es gibt Möglichkeiten, es nur danach aussehen zu lassen (Geheimtinte, durchgedrückte Schrift etc.)
  • Florentina aufsuchen und ansprechen, woher sie die Informationen hatte, mit wem sie gesprochen hatte - allgemein die gute Frau bissel ausquetschen
  • evtl. sogar noch einmal bei Magdalene vorbeischauen
  • (bisschen schwieriger, weil dann müsste man sich an offizielle Seiten wenden) etwaige Fingerabdrücke auf dem Buch prüfen lassen

Also Möglichkeiten sehe ich da schon noch einige, aber andererseits verstehe ich auch Luca, für den das halt alles noch zusätzlicher Zeitaufwand ist für etwas, das vermutlich auf pure Zeitverschwendung hinausläuft. Wobei aber die ganzen “Begleiterscheinungen” (die verwirrte Dame, die Hoody-Sache, Florentina usw.) für mich zu auffällig sind, um sie ignorieren zu können.

Nun ja, die Geschichte ist ja noch nicht annähernd zu Ende und irgendwas neues wird sich wohl noch ergeben. Wie es aussieht, bekommen wir ja jetzt einen kleinen Zeitsprung von ein paar Monaten serviert. Mal sehen, was dann passiert. Ob Luca es noch bedauern wird, dass er keine weiteren Hinweise gefunden hat? Ich bin sehr gespannt.

Jedenfalls machst Du es einem absolut nicht einfach, auch nur irgendwie dahinterzusteigen, was das Ganze soll :smiley:

Doch, hast Du ^^
Hier der Beweis:

Ja, stimmt, das hattest Du ja bereits mehr oder weniger erklärt. Da sehe ich wohl zu viel Verschwörungen und Möglichkeiten ^^

Identitätsdiebstahl? Ja, an so etwas in der Art hatte ich gedacht.

Na ja, es lag für mich auf der Hand. Nicht, weil es so offensichtlich war, sondern weil die Schauspielerin in meinem Kopfkino die Worte entsprechend betont hat :smiley: Ich würde sagen, das liegt zu einem großen Teil daran, dass Du den Moment bzw. die Art und Weise, wie sie die beiden empfängt und die Worte spricht sehr gut gesetzt hast :good:

Sag mal, wenn das Buch “Finding me” heißt, ist es für die Geschichte an sich recht essenziell, oder? Bleibt nur noch die Frage, was es nun genau zu bedeuten hat?

Ist es

  1. ein Scherz des Einbrechers und der rollt sich jetzt lachend über den Boden?
  2. in Wirklichkeit voller Informationen, geschrieben in Geheimtinte?
  3. Ein leeres Buch und das Inhaltsverzeichnis mit den Namen ist tatsächlich der wahre Inhalt
    3.1 Dann könnten die Informationen verschlüsselt sein, die Namen könnten für etwas stehen.
    3.2 Vielleicht ist das Zitat der Schlüssel für die versteckte Botschaft

Wenn 3. zutreffen würde, kann ich nur hoffen, Luca ist nicht wie ich, denn dann würde er das Rätsel niemals lösen können :laughing:

Also wieder einmal ein schönes Stück Mysterium, was Du uns hier geboten hast und ich freue mich bereits auf den nächsten Teil, welcher uns dann ja wohl offensichtlich etwas Zeitabstand zu Lucas jetzigem Misserfolg bei der Jagd bringen wird.

Das trifft aber hoffentlich nicht für den nächsten Teil zu :stuck_out_tongue:

Liebe Grüße,
Arokh

Ganz außer Atem von den vielen Buchstaben, die ihm aus der Feder gefallen sind, klappt PhrasenwesenA das Gästebuch zu und harrt der neuen Informationen, die da kommen mögen.

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Eine Frage kann ich in der Tat bereits jetzt beantworten, mein lieber Arokh: Es gibt einen neuen Teil!

Die anderen Fragen werde ich versuchen, im Anschluss zu beantworten; spätestens aber in den kommenden Tagen, also definitiv vor dem nächsten Part.

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Finding me
PART 8

2022

Die Tür fiel ins Schloss und die Spannung von Luca ab. Das Jobangebot klang vielversprechend, nur war der Arbeitsort in einer anderen Stadt. Aber das Gespräch war gefühlt positiv verlaufen. Er glaubte, das Unternehmen würde ihm eine Zusage schicken.
Nun wartete aber erst einmal Jasper, dem er eine große Runde durch den Wald versprochen hatte. Am meisten freute sich sein Hund auf den kleinen Weiher. Als er zu Hause angekommen war und sein Haustier mit Futter versorgt hatte, machten sich die beiden auf in den naheliegenden Wald. Auf dem Weg zum Weiher warf Luca Stöckchen und Jasper apportierte sie.
Nach ausgiebigem Tollen im Weiher rief Luca seinem Hund zu, dass es dunkel werde und sie nun nach Hause zurück müssten.

“Komm Jasper, wir gehen jetzt”, rief er ins Schilf auf der anderen Seite, in dem sein Hund vor einiger Zeit verschwunden war.
“Komm schon, Jasper! Es wird bald dunkel”, rief er noch einmal; diesmal eindringlicher. Nichts regte sich am anderen Ufer.
“Jasper?”
Immer noch keine Regung.
“Jasper, das ist nicht witzig und auch kein Spiel. Wir müssen los. Ich will zu Hause sein, bevor es dunkel wird. Komm her!”
Doch auch darauf reagierte Jasper nicht. Ein ungutes Gefühl beschlich Luca. Was war los? Sonst hörte Jasper auch spätestens beim zweiten Rufen. Was, wenn Jasper etwas zugestoßen war?
Da berührte ihn etwas nasses am Bein. Er schreckte herum. Jasper hatte ihn mit der Nase von hinten angestupst. Erleichtert atmete er aus.
Auf was für Ideen kam dieser Hund nur? Jasper starrte ihn erwartungsfroh an. Als sein Herrchen nicht reagierte, starrte er ausdruckslos weiter, was Luca dazu veranlasste, aus seiner Verwunderung aufzuwachen.
“Was hast du dir dabei gedacht?”, fragte er. “Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.”
Als Reaktion darauf legte Jasper die Ohren an und setzte seinen Hundeblick auf.
“Jetzt tu doch nicht so, als könntest du mich nicht verstehen. Ich weiß doch ganz genau, dass du das kannst”, erwiderte Luca mit gespielter Strenge. Sein Hund ließ ein Fiepen von sich hören — wohl um zu zeigen, dass er sich ungerecht behandelt fühlte.
“Mach das nicht nochmal, ja”, bat ihn Luca und streichelte ihm über den Kopf, während er sich in Bewegung setzte. Jasper sprang auf und folgte ihm.
Bis nach Hause war es nicht weit — nur ein paar Minuten Fußweg. Luca dachte daran, was sich mit dem neuen Job ändern würde und welche Vorkehrungen dazu vielleicht getroffen werden müssten, wenn er ihn denn bekam. Wahrscheinlich würde er umziehen müssen. Gab es dort auch einen solchen Wald, wie hier? Würde Jasper sich in der neuen Umgebung wohlfühlen?
Als sie die dicht stehenden Bäume fast hinter sich gelassen hatten, knackte es auf einmal im Unterholz neben ihnen. Luca wandte den Blick in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Zunächst konnte er in der Dämmerung abseits des Weges nichts erkennen. Doch als er seinen Blick weiter auf die Stelle konzentrierte, bei der er die Quelle des Lauts vermutete, sah er sie auf einmal: Eine Frau stolperte durch den Wald; schneller als der Untergrund und die Zweige es eigentlich zuließen, sodass sie immer wieder kurz davor war, hinzufallen und sich die ohnehin schon aufgeschrammten Arme auf dem Boden womöglich blutig zu schlagen. Was hatte das zu bedeuten? Schließlich blieb sie direkt vor Luca stehen und hielt sich keuchend an dessen Schulter fest.
“Hilf mir”, hauchte sie.

‘Die Feder liegt anders’, bemerkte das Phrasenwesen und machte eine Notiz in seinem Kopf. Es stand vor dem Pult mit einem durchdringenden Blick wie ein Kommissar, der einen Tatort begutachtet. Einen Moment verharrte es in dieser Pose. Dann kam es zu der — nicht wirklich geistig fordernden — Schlussfolgerung, dass ein neuer Kommentar hinterlassen wurde und somit das andere Phrasenwesen dagewesen sein müsse.

Hallo Arokh,

Nein, Marc war nicht desinteressiert. Nur weil Luca und er keine Ideen mehr haben? Ich kann dir versichern, dass Offscreen auch nichts passiert ist :wink:
Warum hat Luca nicht gleich zu Hause ins Buch geschaut? Auch das ist leicht zu beantworten: Luca hat eine ganz einfache Regel, wenn er nach Hause kommt und die lautet “Erst die Haustiere versorgen, dann sich selbst”. Jasper hat den ganzen Tag auf ihn gewartet.

Das Zitat stammt aus der Realität, also ist V kein fiktiver Charakter. Das Zitat wird darüber hinaus nicht Teil der Geschichte mehr sein, allerdings fasst es mMn den Plot sehr gut zusammen. Darum mag ich das Zitat so. Es jetzt weiter zu erklären, würde aber evtl. zu viel verraten :wink:

Da stehen nur Vornamen drinnen. Das bringt einen nicht wirklich weiter.

Was das Geschlecht des Einbrechers anbelangt: Touché! :smiley:

Aber wieso: “kryptischer Modus”?

Liebe Grüße,
Zuri

Selbstkritisch betrachtet das Phrasenwesen seine Antwort und legt den Kopf schief. Seinem Blick ist zu entnehmen, dass es absolut nicht mit seinem dort vor ihm liegenden Werk zufrieden ist. Da hört es Schritte. Kurzerhand reißt es sich aus seinen Überlegungen los, schlägt das Buch zu und verlässt schnurstracks den Raum.

Kaum, dass PhrasenwesenA dem Pult den Rücken gekehrt und den Saal verlassen hat, macht sich PhrasenwesenZ auch schon ans Werk, eine Forsetzung der mysteriösen Vorfälle um Luca und Co. zu kreieren. Als es die wilden Geräusche von Kritzeleien einer Schreibfeder vernimmt, beschließt PhrasenwesenA, sich heimlich in den Saal zurück zu schleichen und nachzusehen, ob es das andere Phrasenwesen „auf frischer Tat“ ertappt. Jedoch ist dieses bereits schon wieder fort. „Hmmm…“, murmelt PhrasenwesenA, „vielleicht ist es diesmal nur ein ganz kurzer Part…“

Hey Zuri,

da bin ich wieder – und diesmal nicht auf den letzten Drücker :wink:

(…)Phrasenwesen dagewesen(…) – gefällt mir :laughing:

Da hat Luca natürlich absolut recht (und der Autor ja irgendwie auch). Ich schiebe das einfach auf meine Mischung aus Neugier und Ungeduld ^^

In Ordnung; auch damit kann ich leben. Aber Du hast generell recht: Das ist ein sehr schönes, weil so bezeichnendes Zitat…

Ahhh… okay, das muss ich wohl zurücknehmen. Ich wollte darauf hinaus, dass der angedeutete Zeitsprung evtl. weitere Fragezeichen aufwirft, aber kryptisch heißt ja im weitesten Sinne unklar. Und unklar war der Satz nun wirklich nicht formuliert. Mein Fehler.

Nun aber zum neuesten Teil: Ein kurzes, aber überraschendes Kapitelchen hast Du uns da geliefert. Soso, einen Zeitsprung von ca. drei Jahren haben wir also gemacht. Eine überraschende, aber dafür sehr interessante Wendung der Ereignisse. Ob Luca in den drei Jahren noch einmal an die merkwürdigen Schnipselereignisse gedacht hat? Sicherlich hin und wieder; wir werden es schon noch erfahren.

So jedenfalls hast Du es geschafft, dass die Geschichte sich mit diesem Kapitel sehr frisch anfühlt – gerade so, als beschreite man jetzt ein neues Kapitel. Noch habe ich keine Idee, worauf das hinauslaufen soll in Zusammenhang mit der erfolglosen Schnipseljagd. Nun ja, da werde ich mich wohl einfach noch eine Weile gedulden müssen. So lange kann man ja ein bisschen rumrätseln :smiley:

Die Passage rund um Luca und Jasper, wie er sich Gedanken um die Zukunft in der neuen Gegend macht, wie er mit ihm umgeht usw., hat mir besonders gut gefallen. Da liegt eine gewisse Vertrautheit in der Luft, die mich sehr anspricht ^^. Dieser Lümmel… Sich einfach so an sein Herrchen anschleichen, obwohl dieser ihn ruft – ganz schön frech.

Hmm… Und dann kehren die denkwürdigen Ereignisse in Lucas Leben zurück. Wer mag die durch den Wald irrende, offenbar hilfsbedürftige Frau sein? Jemand, der uns bereits zuvor begegnet ist (die Auswahl ist ja sehr begrenzt) oder jemand neues (was ich für wahrscheinlicher halte)? Und was zum Dämmerlicht macht sie da – noch dazu in der Aufmachung??? Ist es eine junge Frau, eine alte Frau, eine Frau mittleren Alters?

  1. es ist eine Frau auf der Flucht vor einem Täter/Vergewaltiger/Räuber/Entführer whatever
  2. es ist eine entlaufene Patientin aus einem Heim für Alte/geistig Kranke/Pflegebedürftige

Warum hält sie sich in dem Wald auf? Sucht sie jemanden? Etwa direkt Luca? Nein, das wäre zu viel des Zufalls… es sei denn, es steckt Absicht dahinter. Am Ende ist es noch wirklich eine Frau, die einem Entführer entflohen ist, der sie vor drei Jahren verschleppte und wo Luca Hinweise zum Aufenthaltsort finden sollte oO
Aber so richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Der Zufall, dass die beiden gerade jetzt in gerade diesem Teil des Waldes aufeinander treffen wirkt doch sehr… nun ja, zufällig eben. Also WAS IST HIER LOS??? Klär uns doch bitte schnell mal auf, ja? :stuck_out_tongue:

Tja, was mag wohl – abgesehen von den aktuellen Ereignissen – aus dem Kerl geworden sein, der die ganze Aktion eigentlich erst ins Leben gerufen hat? Nein, ich meine nicht Dich, lieber Autor, sondern jenen Einbrecher :stuck_out_tongue:
Offensichtlich hat er doch gewollt, dass Luca ihm folgt. Luca hat das nicht bis zum Schluss hinbekommen. Hat der Fremde ihn nie wieder kontaktiert? Oder hat er es versucht, Luca aber hat es nicht gecheckt? Fragen über Fragen, und ich bin gespannt, wie und ob sie beantwortet werden. Nachwievor ist es ja eines der essenziellen Mysterien in dieser Geschichte, wie der Typ aus dem Keller verschwinden konnte und was seine Motivation hinter der eingeleiteten Jagd war…

Liebe Grüße,
Arokh

“Schade, schon wieder zu Ende“, grübelt PhrasenwesenA mit hängenden Schultern. Dann hellt sich seine Miene wieder auf. „Das bedeutet bestimmt, dass wir bald wieder mit einem neuen Teil rechnen können.“ Mit einem strahlenden Lächeln voller Zuversicht zieht sich das Phrasenwesen aus dem Lesesaal zurück.

Und weiter geht’s. Nun werdet ihr erfahren, was es mit der Frau auf sich hat.

@ArokhsSohn Wirklich gute Überlegungen (Y) :smiley:

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Finding me
PART 9

“Hilf mir”, hauchte sie.
Die Frau schniefte und schnappte nach Luft. “Ich… wir…”
Erneut musste sie Luft holen, da sie völlig aus der Puste war und zusätzlich in Panik.
“Ganz ruhig”, redete ihr Luca zu, der nicht so recht wusste, wie man sich in einer solchen Situation verhielt.
“Nein… schnell… wir müssen…”, keuchte sie und musste husten. Sie war in etwa in Lucas Alter, vielleicht etwas jünger — er schätzte sie auf etwa 25.
“Wenn du versuchst, so schnell zu sprechen, kommt aber nichts dabei raus; dann stehen wir hier morgen noch. Also entspann dich, atme tief ein”, erklärte er, während er ihr gleichzeitig vormachte, was sie tun sollte, “und dann erzähl mir bitte langsam und von vorne, was los ist.”
Sie nahm sich nun den Moment, um sich ein wenig zu entspannen. Dann begann sie zu sprechen:
“Mein Freund und ich sind mit dem Hund raus. Wir sind gerade neu zugezogen und haben uns gefreut, dass hier für Niklas so ein toller Wald ist.”
“Niklas?”
“Der Hund.”
Komischer Name für einen Hund.
“Wir waren also im Wald spazieren”, fuhr sie fort, “und dann auf einmal…” Ihre Stimme begann zu zittern. “und der Boden war etwas matschig. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Niklas ist schon vorgelaufen. Er ist nicht der hellste, muss man dazusagen. Irgendwann hörten wir ihn jaulen. Wir sind natürlich sofort hin. Mein Freund war schneller als ich und rief mir kurz darauf zu, dass ich nicht näher kommen soll. Als ich stehen blieb, merkte ich, dass meine Füße in den Boden einsanken. Wir waren in einem Moor gelandet.”
Luca wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
“Mein Freund ist bei Niklas geblieben, aber er kann ihn nicht erreichen, ohne sich in Gefahr zu begeben. Er versucht, ihn zu beruhigen.”
“Okay”, begann Luca. Er wusste immer noch nicht so recht, wie er reagieren sollte, legte sich dann aber schließlich fest: “Ich gehe kurz nach Hause und hole ein Seil. Vielleicht brauchen wir das. Du bleibst hier und wartest auf mich.”
An Jasper gerichtet fuhr er fort: “Du passt auf, okay?”
Der Hund ließ ein leises Bellen hören, wedelte mit dem Schwanz, lief auf die Frau zu und beschnüffelte das neue Wesen, welches er nun bewachen sollte, neugierig.
“Du kannst ihn gerne streicheln”, erklärte Luca der jungen Frau — diesmal zuversichtlicher.
“Er kann davon nie genug bekommen und vielleicht lenkt das einen Moment ab.”
Er ließ ihr keine Zeit zur Widerrede und lief los. Sein Glück, ob er einer Diskussion mit einer panischen Frau darüber, wie in einer solcher Situation vorzugehen sei, gewachsen war, wollte er lieber nicht auf die Probe stellen.
Unterwegs rief er Marc an, der offenbar bereits für heute nicht mehr vorgehabt hatte, das Haus zu verlassen.
“Ich weiß, dass es schon spät ist, aber wir könnten evtl. deine Hilfe gebrauchen. Ich erklär dir alles vor Ort. Fahr in Richtung meines Hauses. Ich schick dir dann meinen Standort, wenn ich da bin.”
Einen kurzen Augenblick später war er mit dem Seil auch schon wieder auf dem Rückweg. Und wirklich: Die Frau hatte sich zu Jasper hingekniet, streichelte ihn und redete auf ihn ein. Jasper sah an ihr vorbei.
“Er lässt sich gerne streicheln und auch wenn er viel von dem versteht, was man ihm sagt, hat er seinen eigenen Kopf”, kommentierte Luca.
Sofort war sie wieder auf den Beinen, wie aus einer Trance erwacht, und im selben Moment war auch die Panik wieder da. Die ruckartige Bewegung ließ den Hund zurückschrecken.
Lucas “Wir können los” kam ihm überflüssig vor, sobald er es ausgesprochen hatte. Sie lief los und er versuchte, mit ihr Schritt zu halten; für seinen vierbeinigen Begleiter war das allerdings ein Kinderspiel. Nach etwa zehn Minuten erreichten sie das Moor. Ihr Freund war mittlerweile auch schon bis zu den Knien eingesunken und der Hund kläffte wie am Spieß, was sich mit einem Winseln abwechselte, welches man durch den ganzen Wald hören konnte.
Luca warf dem anderen Hundebesitzer das Seil zu. Dieser ergriff es, ließ sich nach vorne auf den Bauch sacken und versuchte mit aller Kraft, sein Bein freizubekommen, ohne dabei mit dem Oberkörper einzusinken. Er sah aus wie ein zappelnder Fisch auf dem Trockenen. Seine Freundin konnte dies nicht mit ansehen und wollte ihm zur Hilfe eilen, doch Luca hielt sie mühsam zurück.
“Du kannst ihm jetzt nicht helfen! Sonst sackst du auch noch ein. Was meinst du, warum ich das Seil mitgenommen habe? Sonst muss ich euch noch alle drei retten. Du hilfst deinem Freund damit nicht!”, schrie er sie an.
Jasper legte die Ohren an und war ganz still geworden. Er saß einfach nur stocksteif da. Mittlerweile hatte es der Freund geschafft, seine Beine aus dem Schlamm zu befreien und das Seil um den Bauch zu binden. Vorsichtig robbte er auf seinen Hund zu, wartete manchmal, um zu prüfen, ob der Boden unter ihm nach gab. Schließlich hatte er ihn erreicht. Den zappelnden Hund zu beruhigen und aus dem Schlick zu ziehen, gestaltete sich alles andere als einfach, aber schließlich hatte er auch damit Erfolg.
Als er sich jedoch drehen wollte, führte seine Paddelbewegung mit Armen und Beinen sowie die Verlagerung seines Gewichts komplett auf seinen Unterbauch dazu, dass er sich spiralförmig in den weichen Untergrund eingrub.
Luca zog an dem Seil; die Frau stand nur vor Panik schreiend daneben. Aber alles, was er erreichte, war, dass der Mann nicht weiter einsank. Da wurde die Fläche auf einmal hell beleuchtet. Es waren Scheinwerfer eines Jeeps — der Jeep von Marc. Er sprang heraus und zog sofort mit am Seil. Das Geschehen hatte wohl nun auch die Frau dazu veranlasst, ihr Schreien einzustellen und am Seil mit anzupacken.
Allerdings geriet Marc schnell ins Schwitzen und sie hatten den Mann am anderen Ende kaum bewegt. Da ließ Marc vorsichtig das Seil los und lief zum Wagen zurück.
“Ich habe eine bessere Idee”, setzte er die beiden in Kenntnis.
Er fuhr vorsichtig den Wagen an sie heran, bis Luca ihm mit einem Zeichen zu verstehen gab, dass er stoppen sollte, da der Boden an dieser Stelle bereits matschig wurde. Sie befestigten das Seil an der Anhängekupplung und Marc fuhr langsam in die Gegenrichtung. So schafften sie es schließlich, den Mann mit dem Hund in den Armen, der währenddessen kurzerhand auf seinen Rücken stieg, aus der Gefahrenzone zu ziehen.

Wir haben auch gleich noch ein Doppeljubiläum! Die Geschichte hat das zehnte Kapitel und ich 2000 Beiträge.

+o+o+o+

Finding me
PART 10

“Du siehst aus, als seist du beim Tough Mudder gewesen, Phil”, lachte die Frau, als die beiden Geretteten sich aus der gegenseitigen Umarmung gelöst hatten.
“Ach, ich seh mich eher als Tyler-Joseph-Imitator”, erwiderte Phil ebenfalls lachend. Dann drehten sich die beiden zu ihrem Retter um, der die Szene mit seinem besten Freund, der nun hinzugetreten war, beobachtete.
Die beiden Hunde beschnupperten und beäugten sich neugierig. Es war zu erkennen, dass sie sich sympathisch fanden. Der andere Hund war ein Drahthaar-Foxterrier und ein bisschen jünger als Jasper. Die zwei fiepten freudig und schienen sogar fast zu grinsen. Sie liefen dann, gemeinsam die nahe Umgebung erkundend, umher.
“Tschuldigung, wir haben euch total vergessen”, entschuldigte sich die Frau. “Ich bin Marie und das ist Phil”, erklärte sie freudestrahlend. “Vielen, vielen Dank! Wenn ihr nicht gewesen wärt…”
“Keine Ursache. Ist doch selbstverständlich, Leuten in Not zu helfen”, entgegnete Luca.
Marc wandte sich an Phil. “Und du bist Fan von Twenty-One-Pilots?”
“Oh ja, die sind mega.”
“Wenn du unser Wohnzimmer sehen würdest, würdest du das nicht mehr fragen”, grinste Marie.
Sie standen noch eine Weile dort und hielten Smalltalk. Inzwischen war es dunkel geworden. Dann meinte Marie: “So, ich glaub, wir müssen dann mal. Mein Freund und unser Hund können zu Hause erst einmal eine Dusche vertragen.” Sie wandte sich an ihren Freund: “Es sei denn, du willst dich nicht mehr waschen, damit du weiterhin wie Tyler Joseph aussiehst… Das hätte ich allerdings nicht so gerne.” An Luca gerichtet, fuhr sie fort: “Danke nochmal, ihr beiden! War auch schön, mit euch zu reden. Lasst uns noch mal treffen, wenn wir alle gewaschen sind und es hell ist. Schreib uns mal deine Nummer auf. Nimm aber besser meinen Arm. Phils… Tylers eignet sich gerade, glaube ich, nicht so dafür.”
Luca schrieb ihr seine Handynummer auf den Arm, den sie ihm reichte. Dann verabschiedeten sie sich, Phil und Marie küssten sich und gingen dann eng umschlungen auf die Zivilisation zu.

+o+o+o+

Sie hatten sich auf einen Termin in der darauffolgenden Woche geeinigt und wollten sich in einem Café treffen, von dem Marie sehr schwärmte.
Zwei Tage vor dem Treffen rief Marc Luca an. Er hatte am Tag, an dem das Treffen stattfinden sollte, keine Zeit, da sich für ihn spontan ein Date ergeben hatte. Luca überlegte, wann er seine letzte Freundin gehabt hatte — das war schon ein paar Jahre her.
Luca war zuerst im Café. Es sah nach einer guten Wahl von Marie aus: Die Lokalität war klein und wirkte sehr freundlich. Ein Blick auf die Speisekarte verriet Luca, dass sie hauptsächlich Desserts servierten. Ganz oben auf der Karte, noch über Kaffee und Tee, fanden sich Heiße Schokolade und Chai Latte. Auch die Bedienung, die ihn an den von Phil reservierten Platz brachte, war sehr nett und duzte alle Gäste.
Dann trafen die anderen Gäste ein. Sowohl Marie als auch Phil waren besser gekleidet als vor ein paar Tagen im Wald. Marie trug ein weiß gepunktetes ansonsten rotes Kleid und, auch wenn dieses Muster generell etwas aus der Mode gekommen war, stand es ihr. Phil hatte heute ein lachsfarbenes Jaspéshirt angezogen — ein Ausdruck, den Luca auch erst vor ein paar Wochen gelernt hatte.

An jenem Tag hatte Marc sich ein neues T-Shirt gekauft und Luca gezeigt. Als Luca beiläufig meinte “Schönes T-Shirt. Steht dir”, beschwerte sich Marc gespielt: “Das ist nicht irgendein T-Shirt; das ist ein Jaspéshirt!”
“Ein was?”, wunderte Luca sich, bis sein Freund ihn aufklärte.

Sie begrüßten sich und nahmen wieder Platz.
Wenig später kam die Bedienung, um ihre Bestellung aufzunehmen.

Ganz herzlichen Dank für diesen Part an Arokh, der einen Großteil davon geschrieben hat, weil er sich mit den Hobbies von Marie und Phil weitaus besser auskennt als ich. Also alles Lob an ihn und die Kritik wie gewohnt an mich :wink:

+o+o+o+

Finding me
PART 11

Da ihm nun einfach nichts Gescheites einfallen wollte und er eine peinliche Stille gleich zu Anfang ihres Treffens befürchtete, ließ Luca seinen Blick durch das Café schweifen. Er bemerkte eine Gruppe Jugendlicher, bei denen sein Blick haften blieb. Einer der Jungs trug ein Shirt, das mit einer von Lucas Lieblingsszenen aus dem Remake des ersten Teils der Buchverfilmung von Eragon, welcher vor einigen Wochen in die Kinos kam, bedruckt war. Das Motiv zeigte die junge Drachendame Saphira bei ihrem beeindruckend in Szene gesetzten ersten Flug. Ein verträumtes Lächeln stahl sich auf Lucas Gesicht, was nicht unbemerkt blieb.
Marie folgte seinem Blick, zog die richtigen Schlüsse und fragte Luca frei heraus: „Hast du die Neuverfilmung von Eragon gesehen?“
Luca, der sich einen Moment ertappt fühlte, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine beiden Begleiter. „Oh ja, allerdings — schon zwei Mal“, sagte er grinsend. „Ich muss zugeben, ich bin ein Fan der Buchreihe. Als sie vor zwei Jahren ankündigten, anlässlich des Erscheinens eines fünften Bandes eine Neuauflage des Films von 2006 zu bringen, war ich ja eher skeptisch, aber…“
„…aber dieser hier stellt den weit in den Schatten, was?“, kam Marie ihm lachend zuvor.
Phil beugte sich etwas vor, als er gestand: „Wir haben den Film vor zwei Wochen erst gesehen und ich muss sagen, der hat mir echt gut gefallen.“
Marie fügt hinzu: "Dann kennen wir ja wohl auch beide den miesen Mist, den die uns damals verkaufen wollten. Diesmal haben sie wirklich alles richtig gemacht.“
„Steht Ihr auf solche Filme?“, wollte Luca wissen.
„Oh ja, ich liebe Fantasy!“, erwiderte Marie begeistert, “Meistens kann ich Phil da nicht so für begeistern, aber diesmal war er auch hin und weg.”
Luca spürte beinahe sofort, dass die drei hier auf einer Wellenlänge waren. Es lag das gewisse Etwas in der Luft und so beschloss er auszuloten, wie weit sie dabei kommen würden. „Den ersten Eragon habe ich damals noch als Junge gesehen. Da kannte ich die Bücher schon und war ziemlich enttäuscht. Umso schöner, dass die Macher 15 Jahre später was dazugelernt haben“, griff er das Thema wieder auf.
„Wusstest Du, dass sie für den Hauptdarsteller sogar 'nen Deutschen genommen haben?“, warf Phil ein.
„Ja, Tilman Döbler. Ich hatte zwar vorher noch nie von dem gehört, aber er macht seine Sache sehr gut, bringt den Charakter glaubwürdig rüber und hält sich sehr nahe an der Vorlage.“
“Der ist sogar in dem Jahr geboren, als der alte Film rauskam”, ergänzte Phils Freundin.

Am Fenster des Cafés kam gerade ein Fahrradfahrer vorbei, welcher von einem größeren Hund — dem Anschein nach eine Art Husky — begleitet wurde. Phils Gesicht hellte sich deutlich auf, als er mit einer nicht zu überhörenden Spur Begeisterung Luca fragte: „Hey, kennst Du Bikejöring?“
„Bike…was?“
„Bikejöring. Hast Du also noch nicht gehört.“
„Nein. Was soll das sein?“
Phil war offenbar augenblicklich in seinem Element, als er Luca, der interessiert zuhörte, erklärte, was es mit dieser Hundesportart auf sich hatte. Er beschrieb ihm, dass der Hund mittels eines speziellen Geschirrs über eine elastisch gedämpfte Leine mit dem Fahrrad verbunden wird und vor dem Rad läuft. Nun bedürfe es anfangs zwar ein bisschen Übung mit den entsprechenden Kommandos und der Koordination — und je nach Hund auch eine gute Portion Geduld — doch das würde sich auszahlen, erklärte Phil ihm. „Niklas hat das recht schnell begriffen. Und da er auch noch so ein lauffreudiger Kerl ist, habe ich da genau das Richtige für ihn gefunden.“
Luca fragte sich, ob das nicht auch was für Jasper wäre. „Und ein einfaches Haltegeschirr kann man dafür nicht nehmen?“, wollte er wissen.
„Nein, bloß nicht“, wehrte Phil ab. „Um die Nacken- und Rückenmuskulatur zu schonen, muss es schon ein extra für diesen Zweck angefertigtes Geschirr sein. Leider machen das einige Möchtegerns immer wieder falsch.“ Er schmunzelte, als ihm eine Idee kam. „Kannst du dir das mit Jasper auch vorstellen? Wenn ihr Lust habt… Ich habe noch ein Ersatzgeschirr daheim, das sollte Jasper eigentlich passen.“
„Ja klar, warum nicht?“ Luca fand das eine tolle Idee und freute sich über die Gelegenheit, seinem vierbeinigen Freund mal eine ordentliche Abwechslung bieten zu können.

+o+o+o+

Wenige Minuten nachdem Luca wieder zuhause war, klingelte sein Handy. Phil war dran.

“Hey Luca.”
“Hey Phil, na? Vermisst ihr mich beide schon?”
“Nein, das nicht. Aber das war schon ein sehr schönes Treffen mit dir. Hat uns beiden gefallen. Ich hab dir übrigens mal ein Video vom Bikejöring geschickt. Da hab ich Marie mit Niklas und Lotta gefilmt.”
“Cool, danke.”
“Da gibt es noch was anderes, über das ich mit dir reden wollte.”
“Ich hoffe, nichts Schlimmes.”
“Nein, ganz im Gegenteil!”, lachte Phil. “Ich werde Marie nächste Woche einen Heiratsantrag machen.”
“Wow, okay, das ist toll. Freut mich für euch.”
“Also du findest das passend? Okay, das ist gut.”
“Du, ich kenn euch erst seit ein paar Tagen. Ich bin da echt der Falsche, um das zu beurteilen. Aber ihr seht glücklich aus — und wenn der Schein nicht trügt — warum nicht?”
“Okay, danke.”
Einen Moment lang lächelte Luca vor sich hin.
“Um nochmal auf das Bikejöring zurückzukommen”, erklärte Phil, “Ich hab wie gesagt noch ein Ersatzgeschirr. Das kann Jasper gerne haben, wenn ihr das mal ausprobieren wollt. Schau dir einfach das Video an und wenn du nächsten Samstag Zeit und Lust hast, sag einfach Bescheid.”

+o+o+o+

“Hey! Cool, dass du es dir überlegt hast”, freute sich Phil und umarmte ihn kurz. “Marie ist da vorne und legt Niklas schon das Geschirr an.” Er kramte in seinem Trekkingrucksack, der auf einer Holzbank gestanden hatte, auf der er vor kurzem, bis Luca eingetroffen war, gesessen hatte, herum und überreichte seinem neugewonnenen Freund, wie versprochen, das Ersatzgeschirr für Jasper. Luca ging hinüber zu Marie und Niklas. Bei ihr stand noch eine andere Frau mit Hund. Auch Marie zog ihn in eine kurze Umarmung.
“Hey, ihr beiden. Lotta ist schon startbereit. Sie ist die Hündin von Caro.” Marie deutete auf die Luca bisher unbekannte Frau neben ihr, welche freundlich lächelte und ihm die Hand entgegenstreckte.
“Hi”, meinte Caro.
“Lotta hast du schon im Video gesehen, das ich dir geschickt habe”, erklärte Phil, der hinzugetreten war. “Ich zeig euch beiden jetzt mal an Niklas, wie ihr das macht.”
Er fing an, Niklas das Geschirr umzubinden.
Entgegen Phils Erwartung machte Jasper bereits Anstalten, es Niklas gleich zu tun und wollte in das Geschirr, welches sein Herrchen in der Hand hielt. Damit sich sein vierbeiniger Freund in seiner nur schwierig bremsbaren Euphorie nicht verhedderte, hielt Luca ihm das Geschirr so hin, dass er es ihm anlegen konnte.

Frohe Weihnachten, ihr lieben! Warten musstet ihr lange genug; jetzt geht es weiter. Wahrscheinlich werde ich in diesem Jahr nichts mehr posten, deshalb auch gleich einen guten Rutsch.

+o+o+o+

“Wird das jetzt zur Gewohnheit?”, fragte Luca, während er ein Handy aus der Tasche kramte und nebenbei versuchte, Schuhe und Jacke loszuwerden. Das Handydisplay informierte ihn, dass Phil der Anrufer war. Er hatte Phil bei der Verabschiedung vor einer knappen Stunde noch “Viel Glück” ins Ohr geflüstert und ihm auf die Schulter geklopft.

Das Bikejöring hatte Niklas viel Spaß bereitet. Luca fand es interessant, diese neue Art der Teamarbeit mit Jasper kennenzulernen. Wirklich erschöpfen konnte man Jasper aber nicht damit. Er war immer noch ein bisschen aufgedreht davon. Wahrscheinlich würden sie das jetzt häufiger machen. Phil hatte angeboten, dass, wenn sie das die nächsten Male weiterhin zusammen machen würden, er erst einmal weiter das Ersatzgeschirr benutzen könne, bis er sich sicher war und sich selbst eines kaufen wolle.

Er nahm ab.

“Hi Phil”
“Hey… Luca”
“Wie ist es gelaufen? Gut? Deine Stimme klingt seltsam. Hat sie ‘Nein’ gesagt?”
“Ja… Nein… Wir heiraten nicht. Aber nicht ihretwegen.”
“Deinetwegen? Hast du sie nicht gefragt? Aber habt ihr nicht geredet?”
“Schon…”, druckste Phil herum. “Hör zu: Ich hab mich getrennt. Wir haben uns getrennt.”
“Was? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Du wolltest doch… Warum?”
“Ja, das klingt seltsam”, gestand der Anrufer.
“Vor einer Woche hätte ich mir das selbst auch noch nicht geglaubt. Ich versteh’s ja jetzt nicht mal ganz. Es fühlt sich einfach richtiger an. Heiraten wäre falsch gewesen — da bin ich mir sicher.”
“Aber ihr wart doch glücklich. Warum der plötzliche Umschwung?”
“Ich denke, Marie und ich haben uns lange was vorgemacht. Wir haben die Beziehung wie eine routinierte Pflichtveranstaltung geführt. Da alles lief, haben wir das auch nie infrage gestellt. Aber das Feuer ist aus. Wir lieben uns nicht mehr. Wir haben uns auseinandergelebt. Den einzigen, den unsere Beziehung noch Freude bereitet hat, waren andere.”
Er verstummte einen Moment, als müsse er durchatmen und seine Gedanken ordnen. Dann sprach er weiter.
“Als ich dann den Antrag geplant hab, hab ich mich damit total unter Druck gesetzt. Da hab ich dann angefangen, das zu hinterfragen. Warum haben wir das so lange nicht gemerkt? Ich meine, es muss doch auch Anzeichen gegeben haben…”
“Wie geht es dir jetzt damit?”, fragte Luca.
Das fragte man doch so, oder?

“Ja, ich bin ein bisschen durch den Wind. Aber die Gewissheit, das Richtige getan zu haben, hilft.”
“Und Marie?”
“Sie sieht das genauso. Sie hatte vorher aber auch kaum darüber nachgedacht. Wir haben uns zusammen für die Trennung entschieden. Nicht schön, aber besser so. Freundschaft ist besser für uns beide.”
Jetzt wusste Luca nicht, was er sagen sollte.
“Ach ähm, wenn du mit Marie schreiben willst und so — wir gehen uns in nächster Zeit wahrscheinlich ein bisschen aus dem Weg — ich kann dir ihre Nummer geben. Sie ist damit einverstanden.”
Es klingelte und Luca ging zur Tür. Davor stand ein Briefträger, der ihm einen Brief ohne Absender in die Hand drückte. Er öffnete den Brief, während Phil weitersprach.
“Bikejöring können wir natürlich zusammen weitermachen, wenn das für dich okay ist.”
“Klar”, erwiderte Luca abgelenkt.

Hol das Buch und öffne es.

Diese sechs Worte waren das winzige, was auf dem Zettel stand, der sich im Briefumschlag befand. Also ging Luca mit seinem Handy in den Keller, wo er das Buch vermutete, welches er vor Jahren auf mysteriöse Weise erhalten hatte. Es war nichts besonderes an dem Buch, außer dass es nahezu leer war. Was sollte sonst mit “das Buch” gemeint sein? Aber warum jetzt? Er hatte die ganze Zeit keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Was sollte nach all den Jahren mit einem nahezu leeren Buch schon sein?
Er schlug es auf und es war… beschrieben.

Nach sehr langer Zeit melde ich mich jetzt im neuen Jahr zurück. Ich hab zwar eine Reihe von Kapiteln vorgeschrieben, kam aber noch nicht dazu, noch einmal drüberzuschauen und die durchzugehen. Keine Ahnung, ob noch jemand mitliest, aber ich hab vor, die Kapitel, so lange noch welche in der Pipeline sind, wieder häufiger zu veröffentlichen. Da ich gerade beruflich in Alaska bin, weiß ich noch nicht, wie schnell es mit dem Schreiben weitergeht, wenn ich alles veröffentlich habe, was ich bisher schon handschriftlich habe. Jedenfalls will ich euch nicht wieder bis ins nächste Jahr hinein warten lassen. Ist zwar ein kurzes Kapitel, aber zumindest ein Anfang.

+o+o+o+

Sie waren das absolute Traumpaar - sie selbst waren in dem Glauben, den perfekten Partner gefunden zu haben. Einer Hochzeit stand somit nichts im Wege und so wurde von Phil alles für den Antrag vorbereitet.

Ging es da etwa…? Konnte das sein? Das war bestimmt nur Zufall. Wie viele Menschen hießen schon Phil? Und sicherlich war dieser nicht der Einzige, der auf die Idee kam, seine Freundin zu heiraten. Vor allem: Wer wusste überhaupt davon? Da müsste dieser Jemand ziemlich schnell reagiert haben, das Ganze aufzuschreiben.

Aber es sollte anders kommen: Die Beziehung stellte sich jedoch als nicht so glücklich heraus wie allerseits gedacht. Die Sache nahm eine ebenso unerwartet Wendung und der Antrag endete im Gegenteil: Der Trennung.

Das kam ihm doch bekannt vor! Aber wer hatte das geschrieben? Das Buch war leer gewesen und wer hatte ihm den Brief geschrieben? War es dieselbe Person gewesen? Vielleicht sogar dieselbe Person, die ihn vor Jahren auf Schnitzeljagd geschickt hatte?

Er blätterte ein paar Seiten weiter und las die Zeilen, die dort standen.

Das Gefühl, welches ihr neues Leben erfüllte, war vor allem diese eine: richtig.
Es fühlte sich einfach richtig an, obwohl sie sich gerade getrennt hatten, fühlte es sich wie eine neue Liebe an: Die Liebe zur Selbstehrlichkeit, die Liebe, genau so zu leben, wie es einem gut tat und nicht, was nur danach aussah.

“Krass”, meinte Marc, als ihm Luca am nächsten Tag davon erzählte. Mehr fiel ihm offenbar nicht dazu ein. Nach einem Moment hatte er sich dann so weit gesammelt, die Geschichte zu hinterfragen.
“Und du bist sicher, dass das Buch nur mega spannend ist und du dich da hinein steigerst? Oder bist du darüber eingeschlafen und hast es nur geträumt. Jetzt sag nicht, du bist’n Psycho und fantasierst dir das alles nur zusammen, aber hältst es für wahr!”
Luca reichte ihm das Buch.
“Das ist das Buch, was wir vor ein paar Jahren bei der Schnitzeljagd gefunden haben, oder?”
“Ja, das ist es”, bestätigte sein Kumpel.
“Und die Seiten waren leer, richtig?”
“Bis auf das Inhaltsverzeichnis, ja”
“Also glaubst du mir jetzt?”
“Okay, Alter. Ist ja gut, ich glaube dir. Auch wenn’s ziemlich psycho ist.”
“Das Buch sagt auch, dass sie wieder Freunde werden und es auch bleiben”, erklärte Luca, während Marc weiter im Buch herumblätterte. Das ist noch gar nicht passiert. Also wird das noch passieren? Aber warum ist dann…?
“So wie das hier?”, fragte sein Kumpel und deutete auf eine aufgeschlagene Seite im Buch.

“Das war gestern noch nicht da”, wunderte sich Luca.

Der Rum floss durch seine Venen und ein Gefühl der Glückseligkeit breitete sich in ihm aus. Er schloss die Augen, ließ sich nach hinten sinken und schlief augenblicklich ein.

Teil 14
2033

Er verabschiedete sich von Marie. Sie waren im selben Café wie vor elf Jahren. Letztens war er mit den beiden beim Bikejöring gewesen. Phil hatte Niklas behalten. Auch wenn es Marie nicht leichter gefallen war, sich von ihrem gemeinsamen Hund zu trennen, funktionierte es besser als wenn sie ihn genommen hätte. Manchmal führte sie den Vierbeiner aus oder kam zum Bikejöring, wenn Phil oder Luca sie dazu einlud. Für die beiden Männer war es nun ein monatlicher Sport geworden. Alles in allem hatte der unbekannte Autor recht behalten mit dem, wie es mit Marie und Phil weiterging.

Es war spät geworden. Normalerweise war er nur nachmittags hier. Andere Cafés schlossen um diese Uhrzeit. Nicht so dieses. Das einzige, was sich änderte war der Wechsel der Tresenkraft, und nach und nach gingen die Bedienungen nach Hause. Aus dem Café wurde im fliegenden Wechsel eine Bar. Er stand nicht besonders darauf, in Bars zu gehen, aber nun war er schon einmal hier. Und als er sah, dass eine Jazzband ihre Instrumente im hinteren Teil der Bar aufbaute, beschloss er, noch etwas zu bleiben.

Die Band spielte entspannt im Hintergrund, sodass sich die Leute um Luca herum noch gut unterhalten konnten. Er bestellte einen Cuba Libre und der Barkeeper machte sich an die Arbeit.

“Ganz alleine hier? Keine Angst, ich gehöre nicht zu denen… weißt schon.” sprach ihn ein Mann an, der bereits eindeutig mehr Promille hatte als Luca — sogar mehr als er an diesem Abend überhaupt zu trinken gedachte.

“Bis eben nicht.” Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte.

Trotz seiner Angetrunkenheit wirkte der Mann als könne er recht klare Gedanken fassen. “Ich hatte gerade einen interessanten Gedanken. Vielleicht willst du ihn hören.”

Anstatt diese Annahme zu überprüfen, erzählte er einfach weiter. “Weißt du, was eklig ist? Tigerhaibabys kämpfen im Bauch von der Mutter gegen’nander bis alle bis auf eines tot sind. Wusstest du das schon? Ist doch eklig, oder Mann?”
“Ja”, musste Luca zugeben “keine schöne Vorstellung.”

Was wollte der Typ von ihm?
“Ich hatte heute voll die geniale Geschäftsidee. Komm lass uns mal da rüber setzten.” Er legte Luca die Hand auf den Rücken und schob ihn zu einem Tisch in einer Nische.
“So hört nicht jeder meine Idee mit.”, erklärte Lucas betrunkener Gesprächspartner.
“Warum vertraust du mir? Denkst du, ich wäre jemand, den du kennst?”, fragte Luca.
“Nein, ich vertraue dir einfach. Du siehst vertrauenswürdig aus. Ich weiß einfach, dass du’s nicht weitererzählst.”

Er lehnte sich zurück und begann zu erzählen.

“Die Idee kam mir, als ich auf Facebook war und mir mal Profile von Freunden angesehen habe. Eigentlich ist sie eine logische Konsequenz: Bots, die automatisch deine Timeline füllen.”

“Das gibt es doch schon. Wenn du zum Beispiel auf YouTube ein Video in eine Playlist packst, wird das doch schon seit Jahrzehnten getwittert.”
“Ach, das ist doch ein alter Hut! Der Bot gibt sich als du aus und kann auch mit deinen Freunden chatten!”
“Also ein Fakeaccount.”
“Nein, er imitiert dich.”
“Identitätsdiebstahl.”
“Nicht, wenn du es erlaubst.”
“Warum sollte ich das tun?”
“Die Kids von heute ticken nun mal so. Das hat für die nur Vorteile. Die verbringen eh schon viel zu viel Zeit im Netz und so haben sie wieder mehr für andere Sachen. Und warum soll man ständig alles nacherzählen? Die App wäre quasi dein Schatten, übernimmt aber das Weitergeben für dich.”
“Das öffnet doch Datenklau und Datenhandel Tür und Tor. Werden wir nicht schon genug überwacht?”
“Ach was! Das interessiert die doch gar nicht. Und warum soll ich denen mit dieser App nicht das geben, was sie brauchen?”

Er stand auf.
“Ich hol mir noch einen. Für dich nochmal 'n Cuba Libre?”
“Okay, einen noch”, stimmte Luca zu.

Ihm war immer noch nicht ganz klar, warum der Typ gerade an ihm einen Narren gefressen hatte. Er bezweifelte, dass er dem Typen von Nutzen sein konnte und interessieren tat ihn die App auch nicht so sehr.

“Ich glaube,”, leitete sein Gesprächspartner das Gespräch wieder ein," dass die lästige DSGVO eh bald unter EU-Ratspräsident Müller-Böhm gekippt wird."
Luca sagte nichts dazu. Wahrscheinlich hörte der Typ sich auch selbst gerne reden, solange ihm jemand zuhörte, damit es nicht wie Selbstgespräche aussah.
“Diese App ist viel mehr als bloßes Posten von Statusupdates. Du übersiehst das revolutionäre daran. Das alles wäre ja sonst vor Jahren schon möglich geworden.
Diese App ist Tagebuch und Freundschaftspflegeset in einem: Sie kennt deine Gefühle, weiß, was für dich wichtig ist und was nicht, was welche Freunde interessiert und was du mit ihnen teilen willst. Sie lernt, wie du zu sein. Du musst dich um nichts mehr kümmern.”
“Aber warum ich?”, wollte Luca wissen. “Ich bin kein Informatiker oder so. Ich kann dir nicht bei der Umsetzung helfen.”
“Ich bin auch keiner. Aber darum hab ich dich auch gar nicht angesprochen. Wenn du einer wärst, würdest du mir vielleicht noch die Idee klauen”, war die Antwort seines Gesprächspartners.
Ob das was werden würde? Nahezu alle fünf Minuten erfand irgendjemand irgendeine App. Erfolgreich wurden die wenigsten damit. Und ganz ehrlich: Das was der Typ sich da vorstellte, war schon ein bisschen creepy. Dann konnte man sich selbst ja gleich ganz abschaffen.
Aber das sprach Luca natürlich nicht laut aus. Stattdessen sagte er nur: “Okay.”
“Vielleicht bist du ein bisschen skeptisch”, meinte der andere dann, der bemerkte, dass mehr hinter dem Wort steckte. “Das wäre ich auch, wenn mich ein Fremder anquatscht, der betrunken ist. Vielleicht sollten wir uns nochmal treffen, wenn ich nüchtern bin.”
Er schob ihm ein Bierdeckel rüber. Schreib mir einfach deine Nummer auf und ich ruf dich dann an."
Eigentlich gab er Fremden nicht einfach seine Nummer. Schon gar nicht solchen, die er nicht sympatisch fand. Aber irgendetwas war speziell an dem Typen. Er hatte eine gute Stunde investiert, um an seine Nummer zu gelangen und ihm an seinen Gedanken teilhaben zu lassen.
Luca erhob und verabschiedete sich. Dann wollte er zahlen gehen, doch sein Gesprächspartner rief: “Das geht auf meine Rechnung!”

Finding Me
Teil 16

“Okay, der ist komisch”, stellte sein bester Freund fest.
“Ja, das hab ich mir auch gedacht. Aber ich hab ihm trotzdem zugehört.”
“Und der wollte dich wirklich nur volllabern?”
Marc war skeptisch.
“Wenn er damit besonders junge Leute dazu bringt, weniger Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen, ist das doch gar nicht so schlecht. Es meckern doch eh immer alle, dass die Smombies das den ganzen Tag lang machen”
“Schon, aber überleg doch mal”, widersprach Luca, “denk an den Datenschutz: Was da alles für Daten gesammelt werden müssen, um authentisch zu wirken. Und wie will man dann noch unterscheiden, ob man wirklich mit der Person schreibt oder dem Bot?”
“Hmmm… Hast schon recht. Andererseits funktioniert machine learning eben mit großen Datenmengen und immer auch einem persönlichen Touch. Und solltest du mal einen tödlichen Unfall haben, hast du immerhin ein medizinisches Notfallhologramm. Das macht dich in gewisser Weise unsterblich.”

“Cool, aber Robert Picaros Version finde ich dann allerdings auf Dauer etwas nervig. Mir sind dann doch die Gemälde wie von den Schulleitern aus Harry Potter lieber.”
“Wobei da ja eher Horkruxe Unsterblichkeit versprechen. Oder der Stein der Weisen.”
“Beides wurde in den Neunzigern zerstört. Also keine allzu sichere Methode.”
“So gesehen hat dann ja Davey Jones mit Kalypso auch einen Horkrux hergestellt.”
“Aber selbst wenn man unsterblich ist, ist man erstens nicht unverwundbar - dafür müsste man schon ein kugelsicherer Mönch sein - und zweitens geht man im dritten Zeitalter dann eh in die Unsterblichen Lande.”
“Aber abgesehen von J. K. Rowlings Worten ‘We’ve all magic inside us’ befinden wir uns immer noch in einer — zugegeben manchmal langweiligen — Realität ohne Magie — nur mit Technik.”
“Fast ohne sowas wie Magie.”, korrigierte ihn Luca.

Marc schaute ihn verwundert an; wusste nicht, worauf Luca hinaus wollte.
"Das Buch. Ich versteh zwar nicht, warum es immer nur in so großen Abständen aktiv wird, aber normal ist das Buch sicherlich nicht. "
Auf einmal wurde Marc hellhörig.
"Das Buch? Nicht normal? Luca, kannst du mal das Buch herholen?
Luca tat, wie ihm geheißen, auch wenn nun er derjenige war, der nicht hinter die Intentionen seines Freundes kam.

“Was erwartest du dort zu finden?”, fragte er deshalb.
“Das komische Typ aus der Bar. Vielleicht ist der Teil der Buchsache. So wie Phil und Marie. Das würde ins Muster passen.”
“Es passt so wenig zusammen, da würde ich nicht von einem Muster sprechen. Aber du könntest recht haben.”

Er schlug das Buch auf. Etwas enttäuscht teilte er seinem Freund mit: “Es steht nicht mehr drin, als beim letzten Mal.”
“Hmmm”, machte Marc. “Es kann ja auch nicht alles, was merkwürdig ist, mit diesem Buch zusammenhängen. Es gibt auch ohne Grund komische Typen da draußen.”
“Stimmt. Oh, Connor hat geschrieben. Er will sich morgen nochmal mit mir treffen.”

Finding me
Teil 17

“Nun, ich hoffe, du wirst feststellen, dass ich noch mehr bin, als ein betrunkener Unternehmer, der nachts unbekannte Barbesucher anquatscht und sie ungefragt an seinen Geistesblitzen teilhaben lässt — oder Hirngespinsten, wie man’s nimmt.”

Doug schien wirklich Angst zu haben, dass es zu einer Gesprächspause kam. Das war vielleicht auch der Grund, warum er ohne Luft zu holen sprach. Fürchtete er die Stille?

“Vielleicht ein bisschen von beidem”, erwiderte Luca lachend, als er endlich zu Wort kam. “Manchmal wird das eine für das andere gehalten und umgekehrt. Das muss also nichts heißen. Ich habe eh keine Ahnung davon.”
“Das beweist vielleicht mehr Weisheit als die Meinung derer, die meinen, sich eine erlauben zu können.” Doug nickte anerkennend.

Die Bedienung nahm ihre Bestellung auf und brachte wenig später den Kuchen, den beide bestellt hatten.

“Und”, fragte er zwischen zwei Bissen “Was hast du hier beim letzten Mal gemacht?”
Offenbar war das wieder mehr, um das Gespräch am Laufen zu halten, als erwartete er, etwas wirklich interessantes zu erfahren.

“Ich habe mich mit 'ner Freundin getroffen.”
“Eine Freundin oder deine?”
“Nur eine.”
“Aber du bist schon…”
“Ja”
“Aber zur Zeit nicht…?”
“Ah, okay”
Als der Moment länger wurde, in dem sie schwiegen, stellte Doug fest, dass er in genau die konventionelle Sackgasse geraten war.
Luca bemerkte, dass Doug einen Augenblick wie geistesabwesend mit der Lippe auf dem Tassenrand verharrte, ohne zu trinken, als würde er sich mit Zähnen und Lippe an die Tasse klammern, auf dass sie ihm Halt bei seinem angestrengten Nachdenken gäbe. Also beschloss Luca, seinen Gesprächspartner zu erlösen.
“Was machst du eigentlich beruflich? Hat das was mit deiner Idee zu tun?”
“Ja und nein… entfernt. Ich arbeite als Sales Manager. Und du wohnst also alleine?”
“Mit meinem Hund genau genommen. Jasper.”
“Cool. Welche Rasse?”
“Jasper ist ein Yellow Lab. Ich hab ihn seit er erst ein paar Monate alt war. Er ist ein ganz lieber.”
“Lab steht für Labrador?”
“Genau”

“Ah, die empfinde ich auch als sehr angenehme Zeitgenossen.”
“Ich hatte mal einen Kurzkopffrosch. Der Vorteil war, dass er immer ziemlich ruhig und pflegeleicht war, sodass ich auch erst spät nach Hause kommen oder ein paar Tage wegbleiben konnte.”
“Die gibt es doch so gar nicht bei uns, oder täusche ich mich da? Hab die noch nie in 'ner Zoohandlung gesehen. Kann aber auch was verwechseln.”
“Nein, das stimmt schon so. Der kleine Kerl ist bei einer Touristin in den Koffer gekrabbelt und als blinder Passagier im Flugzeug nach Deutschland emigriert. Beim Kofferauspacken war der Schreck für die Frau natürlich groß. Aber ich bin mir sicher, er hat sich damals um einiges mehr erschreckt. Der Flug saß ihm damals noch in den Knochen. Über zehn Stunden eingeschlossen zu sein, ist für ihn nicht schlimm, aber das ständige Durchgeschütteltwerden, der Lärm und die fremdartige Umgebung innerhalb und außerhalb des Koffers haben ihn sehr mitgenommen.”
“Und du hast ihm dann Asyl gewährt?”
“Keiner wusste, was man mit ihm machen sollte. Er war total verängstigt. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich in dieses Gespräch involviert wurde — ich glaube, ich hab es durch Zufall mitbekommen. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben uns beide spontan ganz gut mit der Situation arrangiert. Er hat erst kaum etwas gegessen und ist manchmal wie eingefroren im Terrarium sitzen geblieben. Wahrscheinlich wollte er sich damit totstellen oder so tun, als sei er etwas unbewegliches wie ein Ast. An wieder anderen Tagen sah es aus, als würde er zittern und seine Augen weit aufreißen. Das Beben des Körpers kam wohl von seiner gesteigerten Atmungsaktivität — war so etwas ähnliches wie eine Panikattacke.”
Luca hörte ihm aufmerksam zu und gab ihm durch entsprechende Laute zu verstehen, dass er dem Gespräch folgte.
“Wusstest du, dass die sehr berührungsempfindlich sind? An den ersten Tagen wären Berührungen womöglich undenkbar gewesen, aber ein paar Tage darauf war das maßgeblich, um die Verbindung aufzubauen, die wir hatten. So hat er überlebt.”
“Wow, interessanter Zufall. Und du hast ihn nicht mehr? Also hast du ihn weggegeben oder …”
“Er ist Anfang des Jahres verstorben. So alt werden die nicht.”
“Oh”, machte Luca.

Doug warf einen Blick auf die Uhr und sprang auf. “Ich muss jetzt leider los. Ich hab gar nicht darauf geachtet, dass ich jetzt einen Termin habe. Aber keine Angst: Ich zahle das natürlich. Man sieht sich.”
Damit war Luca nicht einverstanden. “Ich zahle. Du hast das letzte Mal gezahlt.”
“Echt? Hab ich?” Er schien sich ehrlich nicht zu erinnern. “Okay, wenn du willst. Aber du musst nicht. Das ist wirklich kein Problem für mich.”
“Nein, das ist schon okay.”
“Na dann, danke und man hört sicherlich voneinander. Nummern haben wir ja ausgetauscht.”

Hallo ihr lieben Leser,

ich weiß, dass es ein paar stille Mitleser gibt. Traut euch, meldet euch an und schreibt mir, was ihr über die Geschichte denkt. Wir beißen nicht. Versprochen! Ich und auch andere Autoren freuen sich sehr über Feedback. Das motiviert uns, auch weiterhin zu posten. Wenn Leute nur still mitlesen, wissen wir immer nicht, ob es sich lohnt, weiter zu posten. Das ist immer schwierig einzuschätzen.

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Finding me
Teil 18

“Ich würde gerne zahlen”
Sein Handy vibrierte. Er hatte eine SMS. Die Nummer war unterdrückt. Heutzutage schicken doch eigentlich nur noch SMS-Werbeorganisationen noch SMS.

“Lieber Luca.
Ich habe mich sehr über deinen Vorschlag gefreut. Komm doch am besten morgen in die Mariannenstraße 8A.”

“Wow, jetzt bin ich aber gespannt. Wieder eine demente, alte Witwe mit Kuchen?”, überlegte Marc laut.

Sie standen nun vor der Tür der unbekannten Person. Die alte Frau vom letzten Mal war es schon mal nicht. Aber was erwartete sie stattdessen? Würden sie diesmal Antworten erhalten? Würden sie den Sinn des Buches erfahren und wofür sie die ganze Schnitzeljagd gemacht hatten?
Aber was, wenn das eine Falle war?
Aber warum dann der ganze Aufwand? Dann hätte man bereits vorher zuschlagen können.

Die Tür öffnete sich und vor ihnen stand… die Frau aus der Bibliothek. Florentina.

“Schön, euch wieder zusehen!”, begrüßte sie sie mit einem warmherzigen Strahlen. “Kommt rein!”
Hatte Luca sich getäuscht oder hatte Florentina gerade zu einer Umarmung angesetzt und sich dann doch anders entschieden?
Sie folgten ihr durch den Flur ins Wohnzimmer. Für ihr Alter, auch wenn sie sicher schon sechzig war und dafür einen sehr fitten Eindruck machte, wirkte die Einrichtung überaus altmodisch, was sich auch in ihrer Kleidung widerspiegelte. Irgendwas war an dieser Frau mit ihrer schier unerschöpflichen Freundlichkeit merkwürdig.
“Wollt ihr was trinken?”, erkundigte sich ihre Gastgeberin. “Ich hab mir gerade eine heiße Schokolade gekocht. Wenn ihr wollt, der Topf steht noch auf dem Herd…”
“Jo, ich würd eine nehmen.”
“Ich auch.”
“Okay, ihr zwei. Ich hole euch welche.”

Gleich war es so weit. Sie musste etwas wissen. Warum war sie sonst so geheimnisvoll?

“So”, sie stellte die dampfenden Tassen vor ihren Gästen auf dem Couchtisch ab und nahm selbst auf einem der Ohrensessel Platz.

“Ich weiß, warum ihr hier seid”, begann sie. “Ihr sollt eure Antworten bekommen. Zumindest auf die Fragen, zu denen ich welche kenne.”
“Das Buch…”, begann Luca.
“Darüber weiß ich leider nichts. Ich bin da genauso unwissend wie ihr. Aber ich glaube, ich kenne den Besucher.”
“Besucher?”
“Du hast ihn doch gesehen, oder?”

“Ich denke schon. Wenn wir von der selben Person sprechen.”
“Zeitreise”, war sie daraufhin ein.
“Zeitreise?” Luca kam sich wie ein Papagei vor, nur dass er das vorher gesagte etwas anders betonte, um aus dem Punkt ein Fragezeichen zu machen.
Im Radio sang Natasha Bedingfield “Today is where your book begins. The rest is still unwritten.” Es erinnerte Luca an ein Lied von Daisy Chain, Refpolk und Kronstadt.
“Ja, Zeitreisen. Ich hab mich mit ihm oft darüber unterhalten. Bis das anfing, hab ich nicht gewusst, dass er es geschafft hat.”
“Zeitreisen ist möglich?”, fragte Marc verwundert.
“Das widerspricht doch der Relativitätstheorie”, pflichtete ihm Luca bei “also so richtig.”
“Nach der Stringtheorie sind sie möglich. Nur dass wir uns uneinig waren, ob man die Zeitlinie verändern kann. Ich glaube an den freien Willen und die dem Menschen innewohnende Schöpfungskraft. Daher war ich der Meinung, dass unweigerlich Multiversen erschaffen würden. Möglicherweise hätte das irgendwann eine Instabilität zur Folge. Er glaubte an Schicksal und Vorherbestimmung und war somit überzeugt, dass was auch immer er tat oder unterließ, ohnehin nur die Umstände herbeiführen würde, die für diesen Zeitpunkt vorgesehen waren, also letztendlich die Umstände der Zeitreise selbst. Das waren aber alles nur Theorien. Wir hatten nie Gelegenheit, das gemeinsam zu testen. Und ich habe ihm davon abgeraten. Wir wussten zu wenig. Das war zu gefährlich.”

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Frage an euch: Wie ist eure Theorie zu Zeitreisen? Glaubt ihr, dass sie möglich sind oder es in Zukunft sein werden? Wie glaubt ihr, funktioniert Zeitreisen und was glaubt ihr, hat das für Folgen? Glaubt ihr, es ist einfach, Schaden auf Zeitreisen anzurichten oder hat die Natur dagegen schon vorgesorgt? Glaubt ihr, dass es Paralleluniversen/alternierende Realitäten gibt?

Jetzt hab ich mal eine Menge Fragen gestellt, aber fühlt euch ebenso frei auch selbst Theorien aufzustellen und zu spekulieren.