Dieter Nuhr "Wir leben im digitalen Mittelalter"

Dieter Nuhr schreibt zu dem Shitstorm, die eine seiner Aussagen zur Griechenlandkrise hervorgerufen hat in der FAZ (faz.net/aktuell/feuilleton/m … ticle=true) unter anderem folgendes:

[i]"Der Zivilisation fehlt in der Anonymität des Virtuellen ihre wichtigste Grundlage: die Haftbarkeit des Einzelnen. Die Erfindung des Individuums als haftbare, sein eigenes Handeln verantwortende Person war die Voraussetzung für die Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer großen Errungenschaften: Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Die anonymen Massenaufläufe im Internet entheben den Einzelnen aus der bürgerlichen Verantwortlichkeit.

Die pöbelnde Masse tritt heute wieder selbstbewusst als Handelnder auf. Die Anonymität des Internets bedeutet insofern einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung. Es ist die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, unter den Akteuren im Internet eine Kultur der Aufklärung zu schaffen, um die digitale Welt in ein bürgerliches Zeitalter zu überführen."[/i]

Vielleicht ist es sinnvoll, sich den ganzen Beitrag durch zu lesen…

Wie denkt ihr über die “Anonymität des Virtuellen”?

Ich finde Dieter Nuhr liegt weitestgehend richtig in seinen Ausführungen, nur er zieht am Ende ein falsches Fazit. Wobei ein richtiges auch mir nicht unbedingt einfallen mag.

Er hat nun öfter Begegnungen mit den Wutbürgern, den Trollen und den Extremisten des Internets gehabt und auf die ist er sauer. Verständlich.
Doch wegen dieser dumpfen Pöbeleien die Anonymität entfernen zu wollen ist denke ich falsch. Ich glaube das weiß er irgendwie selber. Es geht ihn nur so doll auf die Nerven.^^ Das ist aus mehreren Gründen falsch.

Der Erste ist der gleiche Grund, den man gegen die Vorratsdatenspeicherung anbringen kann:
Man verurteilt alle Leute des Internets zu potentiellen Missetätern, die ihre Anonymität ausnutzen würden und deshalb muss man sie abschalten. Dass die Anzahl der Trolle und Wutbürger wesentlich geringer im Vergleich zu den “normalen” Nutzern ist, wird hier ignoriert und Unschuldige werden für etwas bestraft, was sie nicht getan haben.

Viele Wutbürger und Extremisten würden auch ohne Anonymität weiter pöbeln:
Das ist sogar recht einfach zu sagen. Denn Extremisten und Wutbürger sind so von ihrer Meinung überzeugt, dass sie sie in die Welt hinausschreien. Sie gehen auf Demos, verteilen Flyer, machen Youtube-Videos. Das ist ja noch gut. Aber es zeigt diese Menschen haben keine Angst vor dem Feind und für Extremisten sind Andersdenkende nun einmal der Feind, weshalb es gegenüber dem Feind kein Mitleid und keine verbale Zurückhaltung gibt.

Schon jetzt kann man wenn man sich die Mühe macht eigentlich fast jeden Pöbelnden identifizieren, weil viele ihre Pöbel Attacken mit den gleichen Account begehen, mit dem sie mit ihren Freunden kommunizieren, Minecraft Videos liken oder Rap Videos hochladen.
Die Menschen sind unachtsam geworden und sie halten ihre Beleidigungen im Internet für legal, weil Internet für sie privater Raum ist und privat schnauzt man seine Kumpels auch mal so an.

Zu guter Letzt: Anonymität schützt auch vor Wutbürgern, Trollen und Extremisten:
Dieter Nuhr hat es erfahren. Er hat etwas geschrieben, was den Reichsbürgern und Leninisten nicht gefallen hat und schon hat er mit höchst persönlicher Adressierung Beleidigungen und Drohungen bekommen. Es wurde eine Hetzjagd gegen ihn veranstaltet.
Zu recht findet er es doof und freut sich auf Beistand. Dieser ist zaghafter, weil die besonnene Mitte meistens schweigt und weil viele auf Konfrontationen scheuen, zu mal die kleine Anzahl der Trolle sich so positioniert, dass es scheint, sie wären mit ihrer Meinung in der Mehrzahl.

Würde es in dieser Situation keine Anonymität mehr geben, dann würden die Wutbürger wie ich oben schon erwähnt habe weiter machen, aber viele besonnene Kräfte würden schweigen, aus Angst auch mit hineingezogen zu werden, auch diffamiert zu werden. Mit Anonymität können sie sich vor Diffamierung schützen.

PS: Ich liebe diesen Satz :smiley:

Ja, ein typischer Nuhrsatz :smiley:
Ich verstehe Dieter Nuhr da eigentlich nicht so, das er die Anonymität im Netz aufheben möchte. Er beschreibt meiner Meinung nach nur, was diese Anonymität bedeutet bzw. zur Folge hat. Und das doch ziemlich treffend. Ich denke allerdings, sein vager Hinweis, eine Kultur der Aufklärung zu schaffen ist so etwas wie ein Notausgang seiner Gedanken. Denn mal ehrlich: Der weiß es doch selbst nicht, oder?

Sorry, zur Verdeutlichung: Nuhr hat offenbar selbst keinen vernünftigen Lösungsansatz, oder wie interpretiert ihr das?

Eine Memme… Die Titanic hats gut zusammengefasst.

“Memme” !! :laughing:
Ich gebe zu, das mir seine Omnipräsenz manchmal auf den Geist geht aber gut ist er trotzdem. Meistens. :stuck_out_tongue:

Ihn als Memme zu bezeichnen, wenn er sich über Beleidigungen anonymer im Internet beschwert ist schon seltsam. Vorallem, wenn man dies anonym im Internet tut.

Ich finde eigentlich, dass “Memme” noch untertrieben ist. Er fuehlt sich da gekraenkt weil er als Antwort auf seinen polemischen Post einige Kommentare bekommen hat, die ihm nicht passen - ok. Aber dann aufgrund von persoenlichem Beleidigtsein von “Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung” zu sprechen, ist eine Relativierung des letzteren, die mich schon verwundert.

Auch ansonsten passt der Begriff in meinen Augen. Erst vor kurzem hat Nuhr vor dem Landgericht Stuttgart versucht einem Muslim zu verbieten ihn mit Bezug auf antiislamische Passagen in seinem Programm “Hassprediger” zu nennen. Erfolglos. (Quelle). Wenn er jetzt von “strafrechtlich relevante Pöbeleien” redet, koennte das auch auf seinem eigenwilligen Rechtsverstaendnis gruenden.

PS: Noch ein differenzierter Artikel in der Sueddeutschen zu dem Thema: Wir alle sind der Shitstorm.

Vielleicht wäre es ein erster Schritt, den lästigen Begriff “Shitstorm” endlich sein zu lassen und die Bestandteile bei ihrem Namen zu nennen: (scharfe) Kritik ist (scharfe) Kritik, Beleidigungen sind Beleidigungen, Drohungen sind Drohungen, Hass ist Hass und eine Debatte ist eine Debatte.<<
Genau darum geht es doch. Der problematische Teil des “Shitstorms” sind nicht diejenigen, die einfach mal ein bisschen Kritik üben. Es geht darum, dass nachdem jemand in der Öffentlichkeit seine Meinung sagt, dieser jemand extrem beleidigt wird. Es wird mit Schimpfworten um sich geworfen und es werden Morddrohungen ausgesprochen.
Ich kann nicht für Herrn Nuhr sprechen aber ich bezweifle, dass er etwas gegen sachliche Kritik hat. Es geht aber einfach nicht, dass man Angst um sein Leben haben muss, wenn man die Religion anderer Menschen kritisiert. Ich kann nicht nachvollziehen, das man es als memmenhaft bezeichnet, wenn jemand Angst hat, wenn sein Leben bedroht wird.
Aber ich gebe zu, dass eine Relativierung des Faschismus, etc. nicht besonders toll ist ^^

Ich würde vor allem differenzieren zwischen purer Pöbelei aus Langeweile und (mehr oder weniger) angebrachter Wut in Anbetracht von Nuhrs unhaltbar witzlosen und auf perverse Art zynischen Äußerungen, die nebenbei bemerkt auch davon zeugen, dass er die Situation völlig verkannt hat. Dennoch ist es natürlich angebracht einen kühlen Kopf zu bewahren und erst einmal zwei Minuten sacken lassen anstatt sofort emotional zu werden.

Das muss man doch sowieso!
Warum meinen so Viele, einschließlich Dieter Nuhr, dass Menschen aufhören (un-)menschlich zu handeln, sobald es Gesetze, Strafen und Vergeltung gibt. Das ist Unsinn. Journalisten werden in ihren Büros erschossen weil sie die Religion anderer Menschen kritisieren. Da sind weder die Täter anonym, noch bleiben sie ungestraft. Und vermutlich taten sie es nicht, weil jemand auf Facebook etwas Schlechtes über die Journalisten gesagt hat.

Woher kommt der Glaube, dass Menschen ihre Freiheit verlieren, wenn man sie im Nachhinein vor ein Gericht stellen kann? Die Freiheit geht erst dann verloren, wenn man im Voraus bestraft. Und an diesem Punkt sind wir noch nicht.

Die Haftbarkeit des Einzelnen im Internet ist in der Regel gegeben. Das sehen wir sehr gut am Konzept der personalisierten Werbung. Der normale Nutzer ist im Internet sogar so leicht wiederzuerkennen, dass Skype dir zwei Tage nach einer Amazon-Suche Angebote für Rasendünger bewerben kann.
Um überhaupt Anonymität im Internet herzustellen, muss man extrem vorsichtig sein und nicht unerhebliche Bequemlichkeitseinbußen auf sich nehmen. VPN/TOR sei genannt. Der normale Internet Troll wird a) keine Ahnung davon haben oder b) sich die Mühe gar nicht machen. Der eigentliche Grund, warum derzeit im Internet kleinere Delikte/Straftaten nicht verfolgt werden, ist nicht weil wir es nicht können, sondern weil es als zu aufwendig für einen fragwürdigen Nutzen erscheint.

Um die Haftbarkeit des Einzelnen herzustellen, auch wenn er sich darum bemüht anonym zu bleiben, müsste eine Organisation (physischen?) Zugriff auf den Großteil der Serverknoten erhalten, falls ich das richtig verstanden habe. Das wäre mit einer internationalen Kooperation aller relevanter Länder möglich, aber vorerst nicht absehbar.
Damit käme man dann tatsächlich an die wirklich relevanten Straftaten und Straftäter heran, die es im Internet gibt.

Und damit kommen wir auch zum ersten großen Punkt in der Diskussion, nämlich der Schwere der Handlungen im Internet.

Und es ist noch nicht mal sozial vernichtend. Das würde voraussetzen, dass jeder alles im Internet ließt und den Beleidigungen zustimmt. Bis vor fünfzig Minuten hätte ich Dieter Nuhr wie jeden anderen Menschen auch behandelt. Vermutlich werde ich das sowieso weiterhin. Mich interessiert nicht wirklich, wie oft ein Mensch von einem anderen beleidigt wurde. Es mag an seinen Stolz gehen, aber nicht an seine Existenz. Und das ist ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem Mittelalter! Das Internet und die Anonymität der “Täter” erlaubt uns den Luxus, Menschen zu ignorieren. Es ist etwas anderes, wenn derjenige, der dich beschimpft, jeden Tag an deiner Haustür vorbei spaziert. Jede Aussage hat mehr Gewicht, wenn jemand mit seinem Namen dahinter steht.

Zweitens, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Ist der Staat dazu da, die persönlichen Gefühle eines Menschen zu schützen? Verstehen wir das unter Menschenwürde? Ich würde eher sagen, dass der Staat dazu da ist die Existenz/Besitz und Freiheit des Menschen zu schützen. Es ist eine hässliche Mentalität, jeden Menschen vor Gericht zu zerren, wenn er etwas Unpassendes sagt. Es ist eine Mentalität der Rachsucht, die fordert: “sag es mir ins Gesicht, denn dann fürchtest du meine Gewalt”. Diese Mentalität fühlt sich hilflos, wenn sie Schatten boxen muss. Sie schreit nach Gerechtigkeit, aber was schreit ist nicht ihr Schmerz, sondern ihr Hass. Eine andere Mentalität hält stattdessen die zweite Wange hin und eine dritte Mentalität freut sich, dass sie das hässliche Gesicht des anderen nicht ansehen muss. Und wieder ein Punkt, der auch ohne Internet existiert - nur schlimmer. “Wir müssen verzeihen lernen.” - ein wichtiger Gedanke in der SZ. Daneben kann man auch stellen: Wir müssen lernen vorüberzugehen. Philosophie der Gesundheit.

Nebenbei halte ich Gene für die Grundlage unserer Zivilisation, nicht die Haftbarkeit des Individuums/Kontrolle durch höhere Instanz. Aber unbewusst spricht er damit den dritten Punkt an: Es fehlt die Rangordnung in der “Anonymität”. Womöglich fällt es deswegen manchen Menschen so unheimlich schwer etwas im Internet zu ignorieren, oder seine Bedeutung richtig einzuschätzen.
Im Internet ist ein Kommentar von Anne Huber grundsätzlich gleichwertig mit dem Kommentar des Hans Peters. Unser Schubladenmechanismus versagt kläglich. Wir sehen nicht, wie viel Geld der andere hat, wir sehen nicht wo er wohnt, arbeitet, ob er Familie hat, ob er kräftig ist oder dick. Im Internet zählt das Wort und das Wort allein. Der Benutzername ist noch das persönlichste, was man über den anderen erfährst ohne seinen Text zu lesen. Damit wird automatisch jeder verunsichert, der mit einem fremden Beitrag konfrontiert wird: Er kann sich kein Bild von der Macht machen, die hinter den Worten steht. Bei manchen versagt dann das Gehirn und es setzt “Anonymität” mit absoluter Gewalt gleich. Richtig ist nur, dass wir im Internet lernen müssen entweder über den Text hinaus zu lesen - in den Autor hinein -, oder über den Menschen hinaus zu lesen. Welches von beidem anzuwenden ist entscheidet sich je nach Situation. Manche Texte sollte man persönlich lesen, manche als ob sie maschienengeneriert seien. Wer nicht sortieren kann, ist zweifellos überfordert und fühlt sich hilflos.
Andererseits zwingt uns die demokratische Behauptung, die Stimme eines Bauern sei gleich viel wert wie die Stimme eines Akademikers oder eines reichen Unternehmers, sowieso unsere Schubladen und Wertungen umzubauen und alles ernst - vielleicht zu ernst - zu nehmen. Das Internet und die Idee der Anonymität schlägt nur in die gleiche Kerbe. Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass unser Gehirn längst daran arbeitet, durch Worte/Sprache allein Menschen wieder in die alten Schubladen einsortieren zu können. Alles andere erscheint mir ungesund. Wenn man die Idee zu ernst nimmt, muss man sich ständig bedroht fühlen, denn eine signifikante Anzahl aller Menschen ist jederzeit unzufrieden mit dem, was du im Augenblick tust, egal was du tust - und ihre Stimmen wären mehr wert als deine einzelne Eigene. Glücklicherweise ist uns dies normalerweise herzlich egal.

Nun zum vierten und wichtigsten Punkt: Wer tatsächlich gefährdet ist.
Grundsätzlich resultieren alle ernsthaften Probleme in Bezug zum Internet darauf, dass ein Machtungleichgewicht hergestellt wird. Eine Seite verzichtet freiwillig, der Natur der Sache nach, oder durch Gesetze bestimmt, auf ihre Anonymität. Probleme entstehen überhaupt erst, wenn ein Mensch Zugriff auf die Existenz eines anderen Menschen gewinnt. Sobald die Anonymität einer Seite aufgehoben wird, während die Identität der anderen Seite geschützt bleibt, entsteht das zur Debatte stehende Machtungleichgewicht. Das ist in vielen Fällen harmlos, aber in manchen eben nicht. Beleidigungen sind noch das geringste Problem.[²] Viele Systeme sind durchlässig und vertrauen auf den guten Willen der Nutzer. Sei es mit einem Namen allein Postanschriften ändern zu können z.B. von Krankenkassenversicherten, Bestellungen zu machen, Accounts zu erstellen und so weiter. Je bekannter die nicht-anonyme Person dann ist, desto eher wird einer der dreißig Millionen Besucher nichts besseres zu tun haben, als die Person zu terrorisieren. Dieter Nuhr ist damit aber vermutlich nicht gemeint. Insbesondere ist die Gefahr groß bei Menschen, die durch das Internet berühmt geworden sind, da diese Menschen im Zweifelsfall noch deutlich angreifbarer sind, wenn ihr Besitz/Vermögen immaterieller Natur ist.

Was lässt sich tun, um diesen Personen zu helfen? Wer Macht über eine fremde Existenz hat, verliert diese nie, bis er selbst handlungsunfähig wird. Ein Name bleibt ein Name. Vorzuschlagen, sich eine (genehmigte) Ersatz-Identität aufzubauen scheint mit extremem Aufwand verbunden zu sein. Die Täter zu fassen mit ebenso extremem Aufwand, falls die Täter keine Fehler machen. Sämtliche Systeme daran anzupassen, dass man Zugriff auf seine Identität verlieren kann, ist ebenso aufwendig (wobei Postident und ähnliche Verfahren das schon versuchen!). Derzeit haben wir keine effektive Methode gegen anonymen Alltags-Terrorismus vorzugehen. Glücklicherweise gehört schon eine ordentliche Portion Psychopath dazu, dies auszunutzen und das ist recht selten.

mfg Schulbuch

[²] Hier ein Beispiel, was heutzutage möglich ist. 2014, Kanadischer Teenager