Die Maschine

Irgendwie zwar ein “echtes” Ende, hat aber zum Schluss ein bisschen was von: haaach kein Bock mehr, so zack er haut ihm eine und dann geht er.
Naja, wahrscheinlich muss es genau so sein. Schließlich ist da ja auch nicht mehr zu zu sagen, als der Ellebogen in sein Gesicht !
Ich fand die Gedankenfetzen als Reprise, so ein bisschen á la Woyzeck ganz gut gelungen :slight_smile: !!!

LG Cyprus (ab sofort hält mich wohl nichts mehr an diesem Forum :frowning: … )

Jetzt ist sie also zu Ende, die Geschichte von Florin und Sven. :cry:

Aber leider wissen wir immer noch nicht, warum die Geschichte “die Maschine” heißt.
Oder hab ich was überlesen?

Ich war tatsächlich ein paar Tage echt fertig, obwohl es ja “nur” eine Geschichte ist; ich habe mich wohl sehr viel mehr mit dem armen Florin identifiziert, als mir klar war. Ich hab auch mal was ähnliches erlebt mit einem Bi, der nicht wußte, was er wollte.

Das heißt: eigentlich wußte er das schon, nämlich Sex mit einer Frau und einem Mann im selben Zeitraum, ohne sich irgendwie festlegen zu müssen. Aber da ich mich in ihn verliebt hatte, kam ich dadrauf nicht klar.

Mit dem Ellbogen durchs Gesicht ist Sven nocht verdammr gut weggekommen. Besonders perfide fand ich es, daß er auch noch Florin dazu einspannt, um an den Schlüssel zu kommen, damit er seinen Fick auf der alten Couch durchziehen kann.

Amon, Du hast die Geschichte echt sehr realistisch wirken lassen; die Charaktere waren insgesamt glaubhaft. Daß sie kein happy End hat, ist wie aus dem Leben gegriffen…

Auch, wenn ich nur selten etwas kommentiert habe, so hab ich doch jede Folge gespannt und sehnsüchtig erwartet und mit viel Freude gelesen.

Du hast echt Talent! :applause:

(Unmittelbar folgt das siebenundvierzigste Kapitel: „Buddhismus“, in dem sich Florian bemüht, sein Leben zu ändern.)

[47] Buddhismus

Es war vier Uhr morgens, oder etwas später. Der Himmel wurde langsam hell, aber von der Sonne war noch lange nichts zu sehen. Kühler als jetzt würde es den ganzen Tag nicht sein. Ich verließ den Bungalow durch die Terrassentür in den kleinen Garten hinaus, setzte mich in den Liegestuhl und wartete. Ich wartete darauf, dass die Übelkeit in meinem Magen nachlassen würde, und dass die heißen Schauer, die durch meine Wirbelsäule zogen, allmählich verschwinden würden. Irgendwann war mein Atem ruhig geworden und ich zitterte ein bisschen, aber nur von der Kälte. Es war das gleiche, wie jeden Morgen. Dann fühlte ich mich endlich so leer, wie der blasse Himmel. Meine Armbanduhr zeigte fünf, ich zog meine Turnschuhe an und begann zu laufen. Rannte einen schmalen Weg entlang, hinter dem Bungalowdorf, an Orleander vorbei, bis die kleinen Stufen auf den Strand hinunter führten. Ich überquerte den trocknen Sand, der aufsprühte, und setzte meinen Weg auf dem festen nassen Streifen über der Brandung fort. Das Meer glitzerte grau und silbern, Vögel standen darüber im lauen Wind. Hier am Strand schien es mir fast so, als wäre das Leben in Ordnung. Der frühe Morgen, wenn ich mit keinem reden musste, und wenn ich allein war, sicher allein, war auch die einzige Zeit, in der ich ein bisschen nachdenken konnte. Später, wenn es ganz warm geworden war, und wenn es überall nach Schweiß und Sonnencreme roch, wurde mir schlecht davon. Die acht Stunden Fahrzeit nach Italien hatten sicher zu den schlimmsten Stunden gehört, die ich je in einem Auto verbracht hatte. Es war eng geworden und zu heiß und das Radio war unvermeidbar. Ein achtstündiger Kampf gegen Übelkeit, Wutausbrüche und das überwältigende Bedürfnis, in Tränen auszubrechen. Ich hatte mich schlafend gestellt, die meiste Zeit, und hatte mein Gesicht gegen die Tür gedrückt. Jetzt schien die Enge und Verzweiflung weit zurück zu liegen, weiter als vier Tage, und die Welt schien offen dazuliegen und flog rasch unter meinen Turnschuhen davon.

Zurück am Bungalow war es halb sieben und dann, frisch geduscht, saß ich wieder im kleinen Garten und wartete ab. Ab jetzt ging es bergab mit dem Tag. Ein kurzer Gang, vor zum Supermarkt, um Milch, Brot und Obst zu kaufen; ein schmaler Bruchteil der Bevölkerung war schon auf den Beinen. Väter mit sehr kleinen Kindern und die Angestellten der Feriensiedlung, Mütter, die ihre nicht mehr ganz so kleinen Kinder mit Sonnenmilch einrieben, Rentnerehepaare aus Eichstätt und Oberösterreich. Es machte mich irgendwie fröhlich, die Regale im engen, überteuerten Geschäft zu sehen. Taucherbrillen und Schnorchel gab es zu kaufen, Kartenspiele und Tischtennisschläger. Es sah dort so aus, als könnte man sich amüsieren. Tatsächlich war es für mich persönlich natürlich völlig unmöglich, mich zu amüsieren. Das Wasser war trübe vom Sand, sodass man nicht schnorcheln brauchte, und mit meinen Eltern Tischtennis zu spielen, kam auf meiner To-Do-Liste noch nach dem Wunsch, mir einen der kleinen Krebse am Strand in die Badehose zu stecken. Um mich zu amüsieren, hätte ich Freunde gebraucht, aber ich hatte auch keine Lust, mich mit jemandem anzufreunden. Es gab zwar viele Kinder und auch ein paar Jugendliche in meinem Alter, die am Pool herumlungerten und an der Bar den Kicker in Beschlag nahmen, aber die Chancen standen nicht schlecht, dass es die gleichen Arschlöcher waren, wie ich sie von zu Hause kannte – wozu also die Mühe?

Meinen Eltern fiel es natürlich auf, dass ich noch weniger sprach als sonst, und dass ich im Morgengrauen aufstand, um nach dem Mittagessen den halben Tag zu verschlafen, und um halb zehn wieder ins Bett zu gehen, aber sie konnten auch nichts dagegen machen und ich selbst gab mir Mühe, mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlten. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machten. Und solange nichts Vorwurfsvolles oder Aufsässiges in meinem Verhalten war, griffen sie auch nicht ein. Zumindest nicht erheblich. Ein Tagesausflug nach Venedig war angesetzt, obwohl es so ein verkommenes Touristennest war, ein zweiter in ein malerisches Fischerdorf mit weniger Touristen und billigerem Kaffee – und abends fragte mich mein Vater häufiger, ob wir am Kicker gegeneinander spielen sollten, oder ob ich Münzen für den Flipperautomaten wollte. Damit war das Repertoire ihrer erzieherischen Maßnahmen zur Verbesserung meiner Laune und zur Errichtung eines Vertrauensverhältnisses glücklicherweise erschöpft. Hinter vorgehaltener Hand hatte mein Vater wieder zu seiner alten Redeweise zurück gefunden: Es ist halt die Pubertät. War es wirklich die Pubertät? War die Pubertät daran schuld, dass mindestens die Hälfte aller Menschen völlig unerträglich, dumm, brutal und stumpfsinnig ist? War wirklich die Pubertät daran schuld, dass unsere Ferienanlage mit Bungalowdorf und Campingplatz eine verdammte Fabrik war, in der mittelmäßiges Wohlbefinden für kleine Kinder, Väter, Mütter und Rentnerehepaare aus Eichstätt und Oberösterreich hergestellt wurde und sonst nichts? War wirklich die Pubertät an den Quallen schuld, die am zweiten Tag im Wasser getrieben hatten, und an den 34 Grad im Schatten? Und wer war überhaupt diese Pubertät, dass sie ein Grund sein konnte, mich nicht ernst zu nehmen? Da ich im Grunde aber auch keinen Wert darauf legte, von meinen Eltern ernst genommen zu werden, verzichtete ich auch gerne darauf, über diese Sachen noch weiter nachzudenken.

Überhaupt verzichtete ich viel in diesen Tagen. Ich hatte vergessen, Bücher einzupacken, hatte ursprünglich geplant, mich am Morgen unserer Abreise noch darum zu kümmern, hatte dann aber schon genug damit zu tun gehabt, nicht loszuheulen oder wahlweise meinen Vater als Arschloch und Hurensohn zu beschimpfen oder meine Mutter als fettige Ratte. Ich konnte manchmal so unfassbar wütend werden, auch wenn es mein Gegenüber nicht verdient hatte, und es wurde nicht besser davon, dass ich mir nie etwas anmerken ließ. Jetzt saß ich jedenfalls vor dem Bungalow oder am Strand herum, ohne ein Buch in den Fingern, und das fiel meinen Eltern als eine weitere Absonderlichkeit auf. Im kleinen Supermarkt gab es einen Drehständer mit fremdsprachigen Taschenbüchern, aber auf Deutsch gab es nur Ärzteromane für Frauen oder Krimis für Erwachsene oder Sciencefiction für Idioten. Auch ein altes, schäbiges, französisches Taschenbuch gab es dort, das bestimmt schon drei oder viermal gelesen und weiterverkauft worden war. Darauf war die schwarz-weiß-Fotographie eines Jungen von fünfzehn oder sechzehn Jahren gedruckt. Der Titel sagte irgendetwas über Schatten im Plural. Mehr hatte ich im letzten Schuljahr nicht gelernt. Ich hätte es gerne gelesen, aber ich verstand keine zwei Sätze und ich hätte es höchstens in der Hoffnung kaufen können, in meiner Schullaufbahn noch genug zu lernen, um das erste Kapitel zu verstehen. Ich saß nun also herum, ohne etwas zu lesen, und ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und kam mir langsam vor, wie ein Buddhist.

Bei einer meiner nachmittäglichen Meditationen unterm Sonnenschirm am Strand, kam mir plötzlich ein überzeugend-klarer Gedanke: Ich konnte einfach aufhören, über Sven nachzudenken. Seine undurchschaubare Gleichgültigkeit, in der Zärtlichkeit lauerte und Brutalität, musste mir keine Rätsel mehr aufgeben. Der Unterschied zwischen seiner warmen Haut und den kalten Augen konnte mir egal sein. All die kleinen Ungewissheiten, warum er dies und jenes getan hatte, brauchten mich nicht mehr zu kümmern. Warum er mir in die Knie getreten und mich beleidigt hatte, warum er damit aufgehört hatte, warum er sich mir zum Kampf gestellt und mich mit in die Turnhallte und zur Papierfabrik genommen hatte… Weiter wollte ich nicht fortschreiten in meiner Liste, denn da wurde es zu schmerzhaft und zu süß. All das, was mir an Rätseln über Severin geblieben war, musste nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich musste ihn nie wieder sehen. Ich konnte ihn aus meinem Alltag löschen. Dieser Gedanke war eine Sensation, eine Befreiung, die mich den halben Tag in Hochstimmung versetzte und in Reinform das war, was sich mir beim morgendlichen Joggen am Strand jeweils angedeutet hatte. Ich hatte auch wirklich genug von der ganzen Sache. Ich hatte genug davon, verliebt und weinerlich zu sein. Ich hatte genug davon, das Anhängsel eines unberechenbaren Jungen zu sein und auf seine Launen zu spekulieren, wie ein Meteorologe auf das Wetter. Ich hatte genug von seinen Streichen und Spielen und sogar von seiner körperlichen Nähe. Sein Körper war eine Maschine, von Insulin und Traubenzucker am Laufen gehalten, die darauf aus war, zu zerstören und selbst zerstört zu werden. Es war die Maschine, die einen Menschen töten konnte, und mit der er ficken ging.

Da hatte ich schon wieder ein bisschen zu viel gedacht, stand auf und sagte meinen Eltern, dass ich zum Bungalow zurückgehen wollte, um kalt zu duschen, denn mir wäre einfach zu heiß. Tatsächlich ging ich aber doch wieder zum Supermarkt hinauf, um mir das französische Buch anzusehen. Es war angenehm im Laden, besonders vor der Kühltheke. Dort verbrachte ich eine halbe Minute und wollte mich dann wieder dem Drehständer mit den Taschenbüchern widmen, als ich einen Jungen sah. Ich sah ihn für einen kurzen Augenblick zwischen zwei Regalen stehen. Er war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, mit brauner Haut und dunklen Augen. Die schwarzen Haare reichten ihm bis zu den nackten Schultern und für einen kurzen Augenblick blitzten seine weißen Zähne auf. Ich schaute ihn an, ohne zuerst zu verstehen, woher ich ihn kannte. Dann, als er das Geschäft verließ und sich im Hinausgehen noch einmal zur Kassiererin umdrehte, fiel es mir ein: Es war der Junge aus der Sommernacht vor einem Jahr, der auf dem Weg in der Dunkelheit verschwunden war und sich noch einmal zu mir umgedreht hatte. Der gelacht hatte mit seinem Freund, in kurzen Hosen. Ich bemerkte den Herzschlag über meinem Brustbein. Vor einem Jahr – und trotzdem war mir der kurze Augenblick ganz gegenwärtig. Die Nachtluft war durch meinen Schlafanzug gefahren und ich hatte noch nichts verstanden von der Welt. Auf dem Weg zurück zum Bungalow (ich hatte nichts gekauft und die Kassiererin hatte mir einen merkwürdigen Blick zugeworfen) wurde mir klar, wie unsinnig und unwahrscheinlich das alles war. Wir waren damals auf einem anderen Campingplatz gewesen, auf der anderen Seite des Landes, in der Toskana, nicht hier. Nur für wenige Sekunden hatte ich ihn damals gesehen und selbst das war bei der Dunkelheit zu viel gesagt. Letztlich war es auch gleichgültig, ob es derselbe Junge war. Was spielte das für eine Rolle? Ich hatte damals nichts mit ihm zu tun gehabt und auch jetzt kannte ich den Fremden nicht. Immerhin, es wäre doch ein eigenartiger Zufall. Gleichgültig vielleicht, aber doch eigenartig.

An diesem Abend ging ich mit meinen Eltern zur Pizzeria. Danach kauften wir Eis und gingen flanieren, wie mein Vater sagte. Es war spät, als ich ins Bett kam, und ich konnte trotzdem nicht gleich schlafen. Aber rechtzeitig vor Sonnenaufgang lag ich wieder wach. Die Strecke den Strand entlang wurde immer länger. Früher war ich nie gelaufen. Jetzt war ich schon ein bisschen danach süchtig. Ich fühlte mich frei dabei und wenn ich nachher still im Garten saß, wurde mein Körper von einem warmen Glück überschwemmt. Am Vormittag ging ich zum Pool hinauf und saß dort auf einem der Liegestühle herum oder zog ein paar Bahnen. Kurz nach Mittag ging ich wieder vor zur Rezeption, an der Bar und am Kicker vorbei, um ins Internet zu gehen. Es gab dort, bei der Rezeption, eine Reihe altmodischer Computer an denen man bei halbstündiger Bezahlung online gehen konnte. Zuletzt war ich das irgendwann in Deutschland noch gewesen, vielleicht am letzten oder sogar vorletzten Schultag. Ich sah mich um, während die Verbindung meine E-Mail-Seite lud. Die anderen Rechner waren nicht besetzt; lediglich in der Ecke saß ein junger Mann, der mit seiner Maus ungeduldig auf den Tisch klopfte. An der Decke über mir drehte sich ein Ventilator. Vier neue Nachrichten in meinem Posteinang: zwei davon von Severin Ahnfeld. Eine am ersten Ferientag verschickt, eine gestern Vormittag, jeweils kein Betreff. Ich klickte auf „Löschen“ ohne sie zu öffnen. Das war ein gutes Gefühl. Sie würden noch vierundzwanzig Stunden in meinem Papierkorb liegen und dann restlos verschwunden sein. Ich konnte Severin aus meinem Alltag löschen. In meiner Erinnerung würde ein kleiner Rest liegen bleiben, mit begrenzter Haltbarkeit. – Eine Nachricht von Christian, gesendet am ersten Ferientag: „Hey Florian, geht’s dir gut? Alles Gute für deinen Urlaub, hab eine schöne Zeit. Kannst mir gerne schreiben. LG, Christian.“ Zurück zum Posteigang. Die vierte Nachricht stammte von einer Adresse, die ich nicht kannte, versendet am ersten Ferientag. Den Leuten wurde offensichtlich schnell langweilig ohne Schule. „Kino?“ war der Betreff. „Hallo Florian, hab eine neue E-Mail-Adresse. Ansonsten alles klar? Schöne Ferien! Genieße deine ‚Schonzeit‘. Wir sehen uns spätestens im September wieder… Lass uns dann doch wieder Kino machen! Hier schon mal ein Trailer: [youtube.com/link]. Küsschen!!!“


(Am Montag folgt das achtundvierzigste Kapitel: „Pozor!“, in dem Florian eine neue Bekanntschaft macht und an die Grenzen seiner Fremdsprachenkenntnis stößt.

Danke, Cyprus. Ich hab schon noch Bock, aber ich kann dir nicht versprechen, dass dir der Anhang, der jetzt doch noch kommt, besser gefallen wird, als das abrupte Ende…
Das stimmt, thysiru, die Erklärung des Titels war ich dir noch schuldig geblieben. Und vielen Dank für das viele Lob!)

Juch…
Ich hab richtig die Wut und die Gleichgültigkeit gespürt…
Der Wahnsinn…

Ohh,.wer da geschrieben hat…hihi…

ich hab bisher nur gelesen und mich aus den Interpretationen rausgehalten. Jetz muss ich aber schreiben! Ich fand das Ende bisschen abrupt und bin jetz umso glücklicher, dass die wirklich großartige Geschichte weitergeht!

LG luckyAss

[48] Pozor!

Was für eine unsinnige E-Mail! Ich las sie noch ein zweites und ein drittes Mal durch. Ich schloss mein Postfach und löschte vorsichtshalber den Browserverlauf. Für mich gab es nichts mehr zu tun und ich verließ den Computerraum. Machte auf dem Weg zurück einen Umweg über den Pool und ging ein zweites Mal am Kicker vorbei. Ich fühlte mich gut. Ich hatte das Richtige getan. Noch dreiundzwanzig Stunden und vierzig Minuten, dann wären Svens Worte, mit denen er mich doch wieder nur in ein altes Spiel verstrickt hätte, unwiederbringlich verschwunden. Christian – nun ja. Und dann dieser Schwachkopf, der mir seine neue E-Mailadresse geschickt und zugleich vergessen hatte, seinen Namen darunter zu setzen. Immerhin musste es jemand aus meiner Klasse sein und jemand der mit mir wieder ins Kino gehen wollte. Es war nicht schwer, auf Emma zu tippen. Dennoch war die Nachricht eigenartig formuliert… - Meine Unruhe hielt an, trieb mich den Strand entlang und immer wieder zu ein paar Erkundungsgängen durch die Feriensiedlung. Meine Mutter fand das merkwürdig, vielleicht sogar besorgniserregend, aber mein Vater flüsterte ihr zu: „Besser als wenn er die ganze Zeit nur rumsitzt.“

Es war am nächsten Tag, als ich am Nachmittag zu einem längeren Strandspaziergang aufbrach. Ich hatte die Frist verstreichen lassen und die einzige Möglichkeit, den Inhalt von Severins E-Mail zu kennen, war jetzt, ihn selbst zu fragen. Ich hatte das Schlimmste hinter mir. Irgendwann wurde es mir zu blöd, in die Sonne zu blinzeln und den Sandburgen kleiner Kinder auszuweichen, also bog ich ab, auf einen schmalen Pfad weg vom Strand. Es ging an einem Holzzaun und an einem Parkplatz vorbei, wo Autos in der Sonne glühten. Dann kam man allmählich wieder in die Gefilde der Feriensiedlung. Es war der Campingplatz unserer Anlage, der sich bis hierher, weit nach Süden zog. Und zu meiner Rechten war mit einem Mal ein hoher Metallzaun hinter dem auf einem geteerten Rechteck zwei Fußballtore standen. Ich blieb stehen. Ein kleiner Junge stand dort in einer weißen Badehose, sah einem anderen, vielleicht seinem großen Bruder zu, der einen Fußball mit den Knien und dem Kopf in der Luft hielt. Abgesehen von seiner schwarzen, engen Badehose war sein ganzer brauner Körper in der Sonne. Die schwarzen Haare fielen ihm bis auf die nackten Schultern. Nüchtern stellte ich fest, dass er schön war. Ein Mädchen würde sich sicher sofort in ihn verlieben, dachte ich. Es hätte mir gefallen, so gebräunt zu sein wie er, und lange Haare zu haben. Sein Körper war fest und glatt, bewegte sich leicht und sicher, wie ein Ruder im Wasser. Ich musste mich zwingen, weiter zu gehen. Ich musste mich zwingen, weiterzugehen und nicht umzuschauen. Ich konnte nicht sicher sein, ob er es war. Aber jetzt wusste ich, wo ich ihn finden konnte.

Ich ging zurück zum Bungalow, beunruhigt und verwirrt. Der junge mit den schwarzen Haaren, die E-Mail, die in meinem Posteingang geblieben war, die anderen beiden, die für immer verschwunden waren, der Junge, der in der Sommernacht verschwunden war, und der andre Junge, der jetzt Fußball spielte und derselbe war. Nach dem „Duschen“ ging es mir besser. Ich zog mir ein anderes T-Shirt an und ging denselben Weg zurück. Jetzt war das Fußballfeld aber verlassen. Mit meiner Mutter spielte ich Federball, obwohl es nicht windstill genug war, und mein Vater hatte sich eine deutsche Tageszeitung besorgt, über die er schimpfen konnte. Am Abend wurde gegrillt und dann spielten wir Karten und ich tat so, als wären wir eine glückliche Familie. Wahrscheinlich war das mehr oder weniger sogar der Fall.

In der letzten Woche wurde es noch einmal anstrengend. Meine Eltern freundeten sich mit einem Ehepaar aus Neu-Ulm an. Der Mann war auch ein ausgewiesener Stau-Experte und die Frau passionierte Gärtnerin. Ihre Tochter war sechzehn und ziemlich schlecht gelaunt und sie verstand nicht, dass ich auch nichts dafür konnte, dass ihre Eltern sie gezeugt, geboren und mit nach Italien geschleift hatten. Das war nun also endlich einmal diese Pubertät, von der ich schon so viel gehört hatte. Manchmal musste ich darüber lachen, wie unmöglich sie sich benahm. Die meiste Zeit wollte ich sie aber ohrfeigen. Hätten der Stauexperte und die Gartenfanatikerin wenigstens einen Sohn gehabt, dann hätte ich mit ihm Fußballspielen können, oder wir hätten uns Bier gekauft, um uns am Strand zu betrinken, oder Streichhölzer, um ein Zelt anzuzünden. Aber so langweilten wir uns gegenseitig und wurden jeden Tag ein bisschen aggressiver.

Einmal als ich am geteerten Fußballplatz vorbeikam, war dort ein wildes Spiel im Gange. Es waren hauptsächlich Kinder, die ein bisschen jünger waren als ich. Aus ihrer unkontrollierbaren Schar ragten ein paar Große, zu denen auch der eine Junge mit den langen schwarzen Haaren gehörte. Sie flogen im Wind, wenn er rannte, und an seinen Beinen und an seinem Bauch tanzten Muskeln unter der gebräunten Haut. Ein langer Schuss – und der Ball flog über den hohen Metallzaun auf den Weg und rollte ins Gebüsch. Es dauerte zwei Sekunden, bis ich reagierte und ihn holen ging. Ich warf ihn in hohem Bogen über den Zaun zurück und ein paar der Kinder riefen etwas in einer anderen Sprache.

Am nächsten Tag zur selben Zeit waren sie wieder dort. Als ich vorbei gegangen war, hörte ich es hinter mir rufen. Ich drehte mich um und der eine Junge mit den langen Haaren kam an den Zaun und rief mir etwas zu. Ich dachte erst, es ginge wieder um einen verschossenen Ball, aber der war noch zu sehen. Noch immer rief er etwas. Mit den Fingern griff er in die Maschen des Zauns und zog sich ein Stück nach oben. Hing dort in der stillen Mittagshitze. Dann, als ich herangekommen war, ließ er sich auf den Boden fallen und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Es war kein Italienisch, das er sprach. Seine Stimme war weich und tief, sein Tonfall freundlich. Ich konnte seine Haut riechen, als er vor mir stand und seine Fingerspitzen waren rot.

Ich schüttelte den Kopf, dass ich nicht verstanden hatte. Ich zeigte auf ihn und die anderen Kinder.
„Deutsch? English? Français?“, fragte ich.
Er lächelte mich an.
„Slovencina.“, sagte er und schüttelte leicht den Kopf. Er winkte noch einmal mit der Hand, deutete, dass ich in den Zaun kommen sollte, vielleicht um mitzuspielen. Ich folgte seiner Einladung.
„Toi jouer avec nous.“, [size=50][Du spielen mit uns.][/size] sagte einer der Jungen mit starkem Akzent, mehr oder weniger auf Französisch und soweit ich es verstand. Er deutete nacheinander auf meine Teamkameraden und das Tor.
„Toi, lui, lui, lui, lui, et lui. Là! Moi et les autres, là.“ [size=50][Du, er, er, er, er, und er. Da! Ich und die anderen, da.][/size] Damit war zwar immer noch nicht klar, ob ich das entsprechende Tor angreifen oder verteidigen sollte, aber das entschied sich mit der Verteilung des Tormannes.

Technisch war das Spiel alles andere als gelungen. Der Boden war unglaublich heiß, die Sonne blendete und man musste aufpassen, keinen der kleineren über den Haufen zu rennen. Der schöne Slowene spielte im gegnerischen Team und ich behielt ihn im Auge. „Pozor!“ schrie er manchmal und der kleine Junge in der weißen Badehose folgte seinem Kommando. Vielleicht hieß der Kleine so. Ich hätte gerne seine Sprache verstanden. Der Junge, der Französisch konnte, spielte auch nicht schlecht, obwohl er einen Kopf kleiner war als ich. Er und sein Bruder führten unsere Mannschaft an und ich glaube, die beiden waren Italiener. Soweit ich die Sache verfolgen konnte, lagen wir am Ende mit drei zu zwei in Führung. Allerdings wusste ich natürlich nicht, mit welchem Spielstand wir begonnen hatten. Wir hatten nicht allzu lange gespielt, nicht länger als eine dreiviertel Stunde, denn es war furchtbar heiß. Schließlich gab es mehrere Wortwechsel in verschiedenen Sprachen und ein paar Kinder mussten gehen, leider auch das, dem der Ball gehörte. Es gab wieder ein kurzes Gerede und dann fingen die übrig gebliebenen an zu laufen. Der Slowene deutete auf den Stand hinunter.
„Spiaggia“, sagte der Italiener, schob auf Französisch nach „Plage. Nous aller nager un peu.“ [size=50][Strand. Wir gehen schwimmen ein bisschen.][/size] Und in vollem Tempo jagten sie den Weg am Parkplatz und am Bretterzaun vorbei zum Strand hinunter, zogen die Schuhe aus und sprangen ins Wasser, als wäre es ein Wettrennen. Wahrscheinlich war es auch eins. Ich folgte ihnen und für eine kurze Zeit war ich ziemlich glücklich.

Zwei Minuten dauerte das Vergnügen, sich gegen die Wellen zu werfen und einander zu tauchen und nass zu spritzen. Dann liefen der Slowene und der kleine Pozor an den Strand hinauf. Sie winkten uns und riefen CIAO und AHOJ. Der kleine Pozor warf uns einen Luftkuss zu und dann jagten sie den schmalen Weg davon, zurück auf den Campingplatz. Auch die Italiener gingen.
„Vous jouez demain?“ [size=50][Spielt ihr morgen?][/size], fragte ich sie, aber sie zuckten mit den Schultern, hatten mich entweder nicht verstanden oder aber sie konnten es mir nicht sagen, ob sie morgen spielen würden. „Ciao“, sagten sie noch einmal und dann waren sie fort und ich war mit ein paar kleineren Kindern zurückgeblieben und mit einem Jungen mit ein bisschen Übergewicht und Sommersprossen.
„Also Servus, Ciao, ich muss zum Essen.“, sagte er und ich starrte ihn an.
„Du kannst mich verstehen?“, fragte ich.
„Ja, freilich. Gestatten, Felix aus Klagenfurt.“, sagte er ziemlich förmlich.
„Ich bin Florian. Sag mal, du lässt mich die ganze Zeit Französisch reden… Ich hab doch vorher gefragt, ob einer von euch Deutsch spricht.“
„Ich sprech ja auch kein Deutsch, sondern Österreichisch.“, sagte der kleine Arsch und verzog sich. Ich hatte auch keine Lust gehabt, ihn zu fragen, ob er morgen wieder spielen würde, nickte den verbliebenen Kindern zu und ging am Strand entlang zum Bungalow zurück.

Natürlich trieb ich mich wieder am Fußballplatz herum, aber der schöne Slowene, wie ich ihn jetzt nannte, Pozor und die Italiener waren nicht mehr zu sehen. Stattdessen hielten sich dort ein paar Achtzehnjährige auf, die ein bisschen gefährlich aussahen. Der Urlaub ging langsam seinem Ende entgegen. Noch vier oder fünf Tage. Ich spielte noch zwei Mal mit ein paar Kindern Fußball, aber der schöne Slowene war nicht mehr dabei. Ich hielt weiter nach ihm Ausschau, am Strand, bei der Bar und im Supermarkt, aber vielleicht war er schon wieder abgereist. Felix aus Klagenfurt sah ich noch einmal am Pool, wo er mit seinen beiden Schwestern die Zeit totschlug. Ich versuchte erst, ihm aus dem Weg zu gehen, aber schließlich sprach er mich doch an, als wir am Sprungturm anstanden und dann musste ich mich mit ihm unterhalten. Es stellte sich heraus, dass er eigentlich ganz nett war. Immerhin besser als die Tochter aus Neu-Ulm. Er war erst elf, hatte eine altmodische, eitle Art zu sprechen, und war auch sonst ein bisschen bemüht, anzugeben. Wenn man darüber hinweg sah und er verstanden hatte, dass man ihm auch so zuhörte, war er ein harmloser, lieber Kerl. Ich verbrachte einen Abend mit ihm am Kicker und einen Nachmittag am Strand. Er kannte alle Quadratzahlen bis Vierhundert auswendig und konnte das Alphabet rückwärts in fünf Sekunden aufsagen, sagte aber JE statt JOTT. Ich fragte Felix ob er den Slowenen kannte und wusste, wo er geblieben war.
„Falls du den Adam meinst, dann weiß ich erstens nicht, wo er ist, und zweitens ist er kein Slowene sondern aus der Slowakei.“
Ich wusste nicht genau, warum, aber darüber dachte ich sehr lange nach.


(Am Mittwoch folgt das neunundvierzigste Kapitel: „Küsschen“, in dem sich Florian, von einem Traum geweckt, in einem Albtraum wiederfindet.

Danke, nademaro!
Danke, luckyAss; freut mich.)

Jaja…
So ein Urlaub kann echt langweilig werden…hihi…

[49] Küsschen

Es war die vorletzte Nacht des Urlaubs, in der ich einen merkwürdigen Traum hatte. Ich war auf einem Fußballfeld, das am Strand gelegen war, und immer wieder spülte die Brandung über das Feld, das schließlich nur aus Sand zu bestehen schien. Zuerst war noch ein wildes Spiel im Gange, dann war ich allein. Im Strafraum des anderen Tores sah ich den kleinen Pozor mit dem Ball und sein großer Bruder, der schöne Slowake machte im Torrahmen ein paar Klimmzüge. Er lief durch die Brandung und an seinen Haaren und seinem grünen Fußballtrikot zerrte ein starker Wind. Er lief auf mich zu und neben mir stand Felix aus Klagenfurt und fürchtete sich. Später sah ich, wie der Slowake Felix mit dem Gesicht ins flache Wasser der Brandung drückte. Der trat und schlug um sich und versuchte sich zu befreien aber der Slowake hatte seinen Kopf fest im Griff und drückte ihn in den überspülten Sand. Ich ging hin und da ließ er Felix los und drehte sich zu mir um. Das Gesicht war verändert, war mir bekannt. Er sagte meinen Namen und redete mich auf Französisch an.
„Qu‘ est-ce que tu fais ici?” [size=50][Was machst du hier?][/size], fragte ich den Slowaken.
„Je t’ai écrit.“ [size=50][Ich habe dir geschrieben.][/size], sagte er.

Dann wachte ich auf. Es war noch lange vor meiner Zeit, war gerade erst halb zwei. Nach einem kurzen Blick auf den Radiowecker schloss ich gleich wieder die Augen, versuchte mich an meinen Traum genau zu erinnern. Manches war schon unwiederbringlich verloren. Wie eine Nachricht, die aus dem Posteingang gelöscht wird, unwiederbringlich verloren geht. Die E-Mail, der Slowake im grünen T-Shirt: Je t’ai écrit. Genieße deine Schonzeit, hatte er geschrieben. Mit einem Mal richtete ich mich auf und schaltete das Licht ein. Korbinian! Er hatte mir geschrieben. Die unbekannte E-Mail in meinem Posteingang war von Korbinian. Es war keine freundliche Nachricht, sondern eine Drohung. Genieße deine Schonzeit. Er hatte mir nicht vorgeschlagen, zusammen ins Kino zu gehen. Er hatte vorgeschlagen, wieder Kino zu MACHEN. Einen Trailer hatte er dafür mitgeschickt. Wie blöde ich gewesen war, nicht auf den Link zu klicken! Ich hätte nur einmal klicken müssen, dann wäre die Sache klar gewesen. Jetzt war es ein Uhr vierzig. In sieben Stunden und zwanzig Minuten würde die Rezeption mit den Internet-PCs öffnen. Bis dahin konnte ich nichts weiter tun. Früher war auch keine Gewissheit zu erlangen. Und dennoch war die Sache sonnenklar. Genieße deine „Schonzeit“, hatte er geschrieben. Wir sehen uns spätestens im September wieder, dann als Achtklässler… Lass uns dann doch wieder Kino machen! Es war eine Drohung, eine Kriegserklärung und blanker Hohn. KÜSSCHEN!!!

Die folgenden sieben Stunden waren schwer durchzustehen. Ich lief wieder den Stand hinauf und brach irgendwann zusammen vor Erschöpfung. Schleppte mich zurück und wartete später zehn Minuten vor der Rezeption, dass geöffnet würde. Es dauerte weitere drei Minuten bis der Computer hochgefahren und die Internetverbindung hergestellt war. Keine neuen Nachrichten. Immerhin das. Ich öffnete die unbekannte E-Mail und klickte auf den Link. Es dauerte unerträglich lange bis die YouTube-Seite geladen war. Der Benutzerkanal trug denselben nichtssagenden Namen wie die E-Mail-Adresse. Nur ein Video hatte der Benutzer hochgeladen und dieses hatte genau zwei Views. Ich setzte die Kopfhörer auf und wartete, auch wenn ich schon wusste, was jetzt kommen würde. Meine Selbstbeherrschung reichte nicht aus, das Browserfenster zu schließen oder einfach nur den Bildschirm abzuschalten. Dann hatte das Video genug geladen, die Bilder setzten sich in Bewegung.

In grünlichem schwarz-weiß leuchten die grellen Umrisse weißer Zweige und Blätter auf, durch die sich die Kamera schiebt. Ihr Knacken ist zu hören und leiser Atem und wie aus der Ferne die dumpfen Bässe von Musik. Dann tauchen hinter den Zweigen die verschwommenen Umrisse einer Gestalt auf, die auf dem Boden an die Wand gelehnt sitzt. Mein Gesicht ist nicht genau zu erkennen, meine Stirn liegt auf den angezogenen Knien und nichts weiter geschieht. Ein Schnitt und dann sind Schritte auf dem Kies zu hören, ich zucke kaum und Korbinians Atem wird schneller. Sven tritt ins Bild, seine Turnschuhe und seine Beine in der kurzen Sporthose. Er setzt sich auf den Boden vor mich. Seine Augen blitzen weiß auf unter dem Infrarotlicht. Mit seiner Hand fasst er mein Knie und schiebt sie unter mein Kinn, hebt es an und dreht meinen Kopf zu seinem Gesicht. Ich lehne den Kopf gegen die Wand, weg von ihm, und er streicht mir durch die Haare mit seiner Hand, die nach dem Mädchen riecht. Seine Stimme ist zu hören, der Kuss, der Schlag und das Blut, das schwarz über seinen Mund und seinen Hals läuft. Noch einmal küsst er mich und meine Lippen werden schwarz davon.

Noch einmal spielte ich das Video ab und ein drittes und ein viertes Mal. Nur dass irgendwann mein Geld verbraucht und meine Zeit abgelaufen war, befreite mich aus der Endlosschleife dieses Augenblicks. Ich fror auf dem Weg zurück zum Bungalow und dort legte ich mich ins Bett. Meine Eltern weckten mich zum Mittagessen und als so ein bisschen Kraft zurückkehrte, wurde mir wieder sehr deutlich, was Korbinian jetzt mit einer einzigen Rundmail oder einem Facebook-Status anrichten konnte. Davon wurde mir schlecht und ich legte mich wieder hin. Es war beinahe schon Abend, als ich noch einmal aufstand, um zur Rezeption zu gehen.
„Korbinian… Ist das dein Spiel für Könige?“, schrieb ich zurück. Als ich dann meine Reistasche packte, wurde mir nach und nach alles egal. Sollte Korbinian doch machen, was er wollte. Ich würde es schon durchstehen. Das Schlimmste, das mir jetzt noch passieren konnte, war, dass ich Charakter zeigen musste. Das war alles. Sollte die ganze Welt doch machen, was sie wollte. Was ging das mich an! Korbinian würde mich schon physisch dazu zwingen müssen, mich für meine Demütigung, die er sich ausdachte, zu interessieren. Sollte doch die ganze Welt zur Hölle fahren.

Nachdem es ja der letzte Abend unserer Reise war, hatten sich meine Eltern mit den Neu-Ulmern zum Essen verabredet. Mein Entschluss, dass man mich fortan gehörig am Arsch lecken konnte, wurde davon nur bekräftigt. Nach dem Essen entschuldigte ich mich und rannte den beleuchteten Weg zu Felix‘ Bungalow hinauf. Die Familie saß auf der Terrasse umgeben von Räucherkerzen und elektrischen Insektenfängern und spielte Kniffel. Felix kam aus dem Garten heraus auf den Weg unter die Laternen, von grimmigen Blicken begleitet.
„Ich fahre morgen.“, sagte ich.
„Das ist schade.“, sagte er. „Ich wollt so gerne noch einmal mit dir baden gehen.“
„Mein Vater will gleich am Morgen los, aber wir können erst ab neun, weil dann die Rezeption aufmacht. Vielleicht, wenn wir uns früh am Morgen treffen, um halb sieben?“
„Um halb sieben, abgemacht. Um halb sieben am Strand bei der gelben Dusche. Ich muss jetzt weiterspielen, Florian, sonst schimpft mein Vater.“ Er wollte sich schon umdrehen und gehen, griff aber noch einmal kurz nach meiner Hand.

Ich wachte später auf am nächsten Tag, später als sonst. Draußen war es ungewöhnlich hell. In meiner Badehose machte ich mich ein letztes Mal auf den Weg zum Strand hinunter, am Orleander vorbei. Das Meer war grau und silbern und eine feste Wolkendecke war zusammen mit starkem Seewind aufgezogen. Der Sand jagte bei jedem Schritt davon. Die Möwen drehten sich im Wind und kreischten. Es war ein schaurig kalter Morgen, der an den Herbst denken ließ, obwohl es noch früh im Jahr war. Ich wartete und wartete ab, aber Felix kam nicht. Ich war enttäuscht und ein bisschen zornig. Um viertel nach Sieben ging ich zurück und meine Eltern waren wach und ziemlich aufgeregt. Es passte ihnen überhaupt nicht, dass ich nun immer vor ihnen aufstand und dann machen konnte, was ich wollte. Wir frühstückten, packten den verfluchten Kofferraum nach einem durchdachten Plan und sahen zweimal den Bungalow durch, ob auch alles in Ordnung und nichts liegen geblieben war.

Dann fuhren wir den Weg durch die stille Feriensiedlung zurück zur Rezeption und mein Vater stieg aus und ging hinein um den Schlüssel abzugeben und seinen Reisepass zurück zu bekommen. Ich saß auf dem Rücksitz und dachte über die schweren Zeiten nach, die mir jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit bevorstanden. Auf einmal klopfte es an die Scheibe. Es war Felix, der draußen vor dem Wagen stand. Ich machte die Scheibe herunter.
„Tut mir leid. Meine Eltern haben mich nicht gehen lassen, weil ein Sturm aufzieht.“, sagte er.
Ich stieg aus.
„Es ist nett, dass du jetzt gekommen bist.“
„Ehrensache.“, sagte Felix. „Ich hab ja gewusst, dass ihr um neun zur Rezeption kommt.“
„Also dann. Mach‘s gut.“, sagte ich.
„Ja.“
Wir standen ein wenig verlegen da. Schließlich hielt er mir die Hand hin. Ich nahm sie, aber dann umarmten wir uns plötzlich und Felix sagte zweimal leise: „Leb wohl.“
Er stand noch da und winkte uns nach, als wir aus der Einfahrt fuhren.

Je näher wir Deutschland kamen, desto unruhiger wurde ich. Als wir über die österreichisch-deutsche Grenze fuhren, hatte ich blanke Angst. Korbinian würde den Link veröffentlichen, würde eine Rundmail an die Klasse schicken, an jeden den ich kannte, und nicht zuletzt an meine Eltern, meine Tante, meinen Bruder, meine Großeltern und meine zukünftige Frau. Es war ihm alles zu zutrauen und wenn er es bisher noch nicht getan hatte, dann nur um ein Druckmittel zu haben, ein Messer, das er mir jeden Augenblick tief in den Rücken stoßen konnte. Das war schlimm genug. Und schlimmer noch: Der Einzige, der mir jetzt helfen konnte, war Severin Ahnfeld. Er allein war schlau genug und entschlossen, Korbinian aufzuhalten und an ihn hätte ich mich wenden können. Es betraf ihn nicht weniger als mich. Vielleicht wusste er schon bescheid. Vielleicht hatte ihn Korbinian schon seinen Triumph schmecken lassen. Das Video hatte zwei Views gezählt, bevor ich es geöffnet hatte. Vielleicht hatte Severin es schon gesehen. Vielleicht hatte er mir deshalb ein zweites Mal geschrieben. Ich verfluchte mich dafür, dass ich seine Nachricht gelöscht hatte. Die tausend kleinen und kleinsten Möglichkeiten und Eventualitäten zerfraßen mir das Gehirn, die Lügen und Geschichten, die ich brauchen würde, um meine Haut zu retten für den Fall, dass das Video öffentlich würde. Warum ich mich von einem Jungen hatte küssen lassen, zwei Mal und warum ich geweint hatte, als er das tat. Ich würde als Schwuchtel gebrandmarkt werden. In der Schule war das vielleicht einmal eine willkommene Abwechslung für ein paar Tage, nicht länger der Streber zu sein, sondern dafür die Schwuchtel, aber zuhause hätte es meinen Untergang bedeutet. Immerhin zog ich Sven den Ellbogen durchs Gesicht und schlug ihm die Nase blutig dafür, dass er mich küsste. Aber wie sollte ich erklären, warum ich weinte? Und andererseits, was zählte das schon? Sollten sie doch denken, was sie wollten. Ich war nicht schwul und kein Gerücht der Welt, kein schäbiges Video würde das ändern. Zuletzt zählt die Wahrheit. Die Wahrheit setzt sich immer durch. Und dennoch: Konnte ich Severin verständigen, ohne mit ihm zu reden? Sollte ich ihm den Link weiterschicken und abwarten, was er von sich aus unternahm? Es war eine verfluchte Sauerei das Ganze. Die Flut von kleinen und kleinsten Möglichkeiten raubte mir den Verstand. Ich hielt es nicht mehr aus, still zu sitzen.

Auch als wir vor unser dunkles Haus kamen und ich ausnahmsweise für ein paar Sekunden seinen Geruch wahrnehmen konnte, bevor ich mich wieder daran gewöhnt hatte, wurde es nicht besser mit mir. Die nächsten Tage verbrachte ich alleine, irrte durch die Räume, saß Stunden vor dem Fernseher, ohne auch nur eine einzige Sendung in Erinnerung zu behalten, und war mehrfach unmittelbar davor, Severin zu schreiben, hatte es auch zweimal schon getan und dann die Zeilen wieder gelöscht. In einem kurzen heroischen Augenblick löschte ich schließlich Korbinians E-Mail und nahm mir damit jede Möglichkeit, Severin das Beweismaterial zu zeigen. Zumindest nach vierundzwanzig Stunden. Es waren schwere vierundzwanzig Stunden. Zuletzt fuhr ich in den Wald hinaus, um weit weg von meinem Computer zu sein, wenn die Frist verstrich. Auf halbem Weg machte ich kehrt, wollte zurück, wollte alles aufhalten und noch einmal überdenken. Wie ein Besessener fuhr ich, von den tausend Stimmen der tausend kleinsten Möglichkeiten angetrieben, und erreichte mit Bauchschmerzen und Krämpfen in den Beinen mein Zimmer um ein paar Minuten zu spät. Damit war meine Entscheidung getroffen. Ich wollte Severins Hilfe nicht. Lieber wollte ich alleine kämpfen. Lieber wollte ich untergehen. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Jetzt fiel es mir ein bisschen leichter, ihren Konsequenzen entgegen zu sehen.

Ein paar Tage lang sonnte ich mich in der herrlichen Gleichgültigkeit eines Verzweifelten. Ich lebte ganz im Augenblick, ohne die Bilder der Vergangenheit in meinen Gedanken zu erlauben und ohne auf die düstere Zukunft zu schielen, die mit dem Herbst heraufzog wie ein Sturm. Ich saß im Liegestuhl im Garten, in der Sonne und trank Limonade, las eine willkürliche Folge von Büchern aus meinem Regal ein zweites Mal und hatte, wie man so sagt, meine Sorgen vergessen. Morgens ging ich laufen, aber erst nachdem meine Eltern das Haus verlassen hatten. Dann lebte ich als ein kleiner König in ihrem Palast, konnte duschen und essen, wann ich wollte, und zog meine süßen Tage bis in die Nachtstunden hinein. Die letzte Augustwoche war so gekommen, zwei Wochen Ferien blieben noch bis zum Schulbeginn. Noch war es ruhig und warm; nur abends zogen Gewitter auf. Ich lag im Garten, an einem Freitagnachmittag, beinahe frei von Sorgen und in der Badehose, als es an der Türe läutete.


(Am Freitag folgt das fünfzigste und letzte Kapitel des ersten Teils: „Korbinian“, in dem die Geschichte erwartungsgemäß eine überraschende Wendung nimmt.)

Ich hab es mir schon gedacht das die pissnelke dahinter steckt…

Mal schauen was du dir da wieder aus den Hut ziehst…hihi…:smiley:

Ahhhh, es geht doch noch weiter! Ich hatte jetzt ein paar Tage nicht reingeschaut und bin jetzt angenehm überrascht.

Jetzt wissen wir auch, warum die Geschichte “Die Maschine” heißt.

Das mit dem Video scheint ja noch spannend zu werden. Hoffentlich hält unser Flo das durch…

Bitte, Amon, mach weiter :good:

[50] Korbinian

Durch die offenen Türen im Haus, durch die offene Terrassentür kam das Geräusch der Türklingel zu mir in die warme Luft des Gartens heraus. Barfuß machte ich mich auf den Weg, bereit ein Paket entgegen zu nehmen, und öffnete, statt einem Kurier, die Türe für Korbinian. Er stand vor den Stufen zu unserer Haustür, die Hände in den Taschen seiner kurzen Hose und sein T-Shirt war weiß. Sonst hatte er nichts bei sich.
„Kann ich reinkommen?“, fragte er.
„Warum?“
Er schaute mir in die Augen, bevor er eine Antwort gab.
„Ich will mit dir reden, wenn‘s geht.“
Er schien dabei sehr ernst und ein bisschen beschämt. Ich maß ihn kurz misstrauischen mit den Augen. Seine Haare waren ein wenig zu lang. Er wäre besser zum Friseur gegangen, statt hier her. Dann zuckte ich mit den Schultern. Ich konnte es ebenso gut jetzt hinter mich bringen, was auch immer er plante.

Korbinian folgte mir durch das Haus in den Garten. Ich trug noch immer nichts als eine Badehose und fühlte mich ein bisschen angreifbar. Ich setze mich wieder in die Sonne und ließ Korbinian den Gartenstuhl aus Holz, der im Schatten der Markise, hinter dem Tisch im Dunkeln verschwand.
„Bist du alleine hier?“, fragte er und schaute sich um, nachdem er sich gesetzt hatte.
„Ja. Wir sind allein.“
„Ich will mit dir reden.“, sagte er noch einmal.
Ich zuckte mit den Schultern. Für einen kurzen Augenblick schien er in seinem dunklen Winkel zu lauern, wie eine Spinne.
„Ich will…“, fing er noch einmal an. „Es tut mir leid, was ich gemacht hab. Es tut mir leid, was ich gemacht hab und ich hätte es nicht tun dürfen und du hast es nicht verdient.“

Das überraschte mich. Nicht so sehr, was er sagte. Das konnte alles Mögliche bedeuten, sondern vielmehr sein Tonfall. Es war eine Art, zu sprechen, die ich nicht von ihm gewohnt war. Still und mit langen Pausen zwischen den Sätzen. Manchmal sogar zwischen einzelnen Wörtern.
„Was hast du gemacht?“, fragte ich ruhig.
„Das Video und… Ich hab mich über dich lustig gemacht, als… Es tut mir einfach leid, dass ich dich nicht besser behandelt habe, und dass ich gedacht habe, dass du es verdient hast, weil du nicht auf mich gehört hast, und weil ich wütend bin, weil er… So wütend, dass ich vergessen hab, dass du nichts dafür kannst und dass ER es ist, der DIR wehgetan hat. Und ich hätte dich beschützen können, vielleicht, oder… Ich hätte verdammt nochmal was Besseres tun können, als dich zu filmen, wenn‘s dir scheiße geht und dich zu veraschen, wenn du auf dem Boden sitzt und weinst.“
„Ist das alles?“, fragte ich ziemlich kalt.
„Was meinst du?“
„Du hast das Video gemacht, das ist alles? Hast du‘s wem gezeigt?“
„Nein. Nur dir. Jetzt ist es weg. Ich hab‘s gelöscht.“

Für eine kurze Zeit war es still. Seine Augen glänzten in der dunklen Ecke, in der er saß. Mich machte die Sonne müde. Wenn er das Video gelöscht hatte: desto besser. Wenn nicht, war ich jetzt nicht schlechter dran, als zuvor. Noch einmal zuckte ich mit den Schultern.
„Ist halb so schlimm.“, sagte ich und stand auf. Korbinian nickte schließlich, stand auf und folgte mir durch das Haus zurück. Im Wohnzimmer blieb er auf einmal stehen.
„Warte, Florian.“, sagte er noch einmal.
„Was?“
„Das ist noch nicht alles.“ Er setzte sich unaufgefordert auf die Couch und fuhr mit der Hand über sein Knie. „Es tut mir leid, was ich gemacht hab, die ganze Zeit.“ Er wartete einen kurzen Augenblick und ich setze mich ihm gegenüber.
„Es tut mir leid, dass ich… dich nicht in Ruhe gelassen hab, und dass ich dich beschimpft habe, früher, und ausgegrenzt. Und es tut mir leid, dass ich dich geschubst und dich bedroht habe und dass ich dein Heft zerrissen habe und für jedes Mal, wenn ich HAWKING zu dir gesagt habe.“

Hier im Haus war es etwas kühler als draußen, das Licht war weniger grell und ich konnte klar sehen. Mein Herz schlug ganz gleichmäßig und in ruhigem Takt und meine Gedanken bewegten sich ungehindert durch einen Raum ohne Gefühle.
„Das ist Unsinn.“, sagte ich ruhig. Korbinian sah mir jetzt zum ersten Mal in die Augen. Seine Augen sind braun, wie meine eigenen. „Du kannst dich nicht an jedes einzelne Mal erinnern, dass du HAWKING zu mir gesagt hast, also kann es dir auch nicht für jedes einzelne Mal leidtun.“
Er hielt meinem Blick weiter Stand, seine Augen glänzten etwas stärker und er sagte: „Du hast Recht. Das ist Unsinn, was ich sage. Aber nicht, was ich meine… Ich war wirklich scheiße die letzten drei Jahre. Und nicht nur zu dir… Ich hab viele Leute fertig gemacht.“
„Ich lebe noch.“, sagte ich nüchtern. Korbinian konnte gerne eine große Szene spielen. Vielleicht verstand er das darunter, Kino zu machen. Er sollte aber nicht glauben, dass ich mich davon beeindrucken ließ.
„Ja du lebst noch.“, stimmte er zu. „Ich bin froh, dass du noch lebst und ich mich noch bei dir entschuldigen kann… Bei dir kann ich mich entschuldigen. Du bist stark genug. Und intelligent…“
Ich hatte Korbinian selten so ruhig gesehen, wie er jetzt war. Er hatte sich leicht zurück gelehnt gegen das Sofa und seine Hände lagen ineinander unter seinem Bauch.
„Ich hab zu lang getan, was ich wollte; egal, wem es geschadet hat, und besonders dann, wenn es jemandem geschadet hat. Und das will ich nicht mehr. Bei dir fange ich an. Du bist stark genug und intelligent genug, um mich daran zu erinnern, wenn ich wieder anfange, zu tun, was ich will. Du musst mir sagen, wenn ich wieder anfange, dir weh zu tun.“

In mir war wieder das Gefühl zu fallen. Nicht so, wie man im Englischen in Liebe fällt. Es war der freie Fall, der es einem nicht mehr erlaubt, zu atmen.
„Bei der Sache mit dem Video jetzt“, fuhr Korbinian fort, „hab ich verstanden, wie sehr man jemanden leiden lassen kann. Und ich hab anderen wehgetan. Früher schon und die ganze Zeit. Und vor allem dir.“
„Wie gesagt. Es ist halb so schlimm. Du hast das Video gelöscht und fertig. Mein Leid darüber hält sich in Grenzen.“
„Das meine ich nicht.“, sagte Korbinian langsam. Er sprach so langsam, als könnte nichts seinen Gedanken falsch machen, egal wie lange er zögerte.
„Ich habe verstanden, wie sehr man jemanden leiden lassen kann, wie grausam man sein kann, als ich euch beide gesehen habe. Er hat dir sehr wehgetan und ich habe wieder verstanden, wie sich das anfühlt.“
Korbinian hörte nicht auf, mir in die Augen zu schauen, und ich setzte alles daran, seinem Blick Stand zu halten. Dann gab er auf und für eine kurze Sekunde schaute er verlegen zur Seite, bevor er mich erneut fixierte.

„Du bist in ihn verliebt, oder?“
Ich zögerte zwei Sekunden. „Ich bin nicht schwul.“, sagte ich dann.
„Das hab ich nicht behauptet. Das sind zwei verschiedene Dinge.“
Ich hatte nicht erwartet, dass Korbinian zu einer solch intelligenten Unterscheidung überhaupt fähig war.
„Es geht dich zwar überhaupt nichts an, aber ich habe mit ihm überhaupt nichts mehr zu tun.“, sagte ich.
„Das ist gut. Wirklich. Es ist besser so.“
„Und ich bin auch nicht in ihn verliebt.“
Er lächelte sehr milde.
„Aber du warst es… Reg dich nicht auf, Florian. Es ist leicht, sich in Severin Ahnfeld zu verlieben. Ich werfe es dir nicht vor. Es ist gut, dass ich dein Geheimnis weiß. Dann kann ich dir beweisen, dass ich dir nicht mehr schaden will. Du musst mir nicht vertrauen. Es ist besser so. Solange du mir nicht vertraust, muss ich mir doppelt Mühe geben.“
Damit stand er auf, strich mir mit der Hand die Schulter entlang und sagte:
„Ich find allein raus. Danke, dass du mir zugehört hast. Wir sehen uns im September.“
Und dann war er verschwunden, während ich sitzen geblieben war und bis zum Abend sitzen blieb.

Meine Eltern kamen nach Hause und ich musste mit ihnen reden und mit ihnen essen. Die Erschütterung, in der meine Empfindungen ganz erschlagen gewesen waren, hatte sich gelegt und stattdessen befiel mich die merkwürdige Unruhe eines Zauberbannes, der irgendwo in der Begegnung als magische Formel von Wörtern, Gesten und einer kurzen Berührung verborgen lag. Ich konnte in keinem Zimmer länger als fünf Minuten bleiben und immer schneller rief ich mir die ganze Begegnung vor Augen und sprang von Wort zu Wort, von Satz zu Satz und von Blick zu Blick. Korbinian, der sich das Knie reibt und später seine Hände faltet. Dessen Augen so ruhig und zeitlos werden können, wie seine Stimme und sein Atem. Was hatten seine Sätze zu bedeuten? Sie konnten sich in Alles verwandeln. Drohungen, Erpressung, Hohn und Poesie, zärtliche, sanfte Ehrlichkeit und Vertrauen. Es ist leicht, sich in Severin Ahnfeld zu verlieben, hatte er gesagt. War ich wirklich in Severin verliebt gewesen? Wo ich ihn jetzt noch nicht einmal mehr hasste, wo ich einfach nur genug von ihm hatte, gründlich genug? Korbinian, dem man nicht vertrauen konnte. Du musst mir nicht vertrauen, hatte er gesagt, so langsam, als hätten wir ein Leben lang Zeit. Es ist besser so. Solange du mir nicht vertraust, muss ich mir doppelt Mühe geben.

Korbinian Schindler, der seinem Vater Pornohefte klaut. Korbinian, der alles daran setzt, um bei Emma aufzufallen. Bei Emma, die alles daran setzt, um Korbinian aufzufallen. Die gar nicht daran interessiert ist, Korbinian aufzufallen. Die stattdessen in mich verliebt ist, wie Nicole in Christian. Korbinian, der unter dem Tisch mit seinem Knie gegen mein Bein drückt und darüber lacht, wenn ich Philipp verspotte. Der versteht, dass man nicht schwul sein muss, um in einen Jungen verliebt zu sein. Der mit mir und Christian in ein Zimmer will. Der mir rät, mich von Severin fern zu halten und der sich nicht mit mir prügelt. Korbinian mit den schwarzen Haaren und den schwarzen Augen, wie der Slowake, der mir im Traum mitteilt, dass er mir geschrieben hat. Der Slowake mit der nackten, gebräunten Haut, die in der Sonne leuchtet. Den ich darum so bewundert hatte, weil er Korbinian ähnlich sah. Nach und nach wurde es mir klar. Ich war ganz ruhig dabei, so ruhig wie Korbinian, der die Hände unter seinem Bauch ineinander legte. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass ich mich Severin nahefühlte, wenn ich mit Korbinian stritt. Ich war viel eher mit Severin befreundet gewesen, um Korbinian zu beeindrucken. Korbinian, vor dem ich mit Stolz mein blaues Auge trug. Korbinian, der zum Kino gekommen war, als er wusste, dass ich dort sein würde. Korbinian, der zu mir nach Hause gekommen war. Korbinian, der kleine Junge mit den schwarzen Augen im grünen Fußballtrikot, den ich nicht hatte vergessen können, den ich kannte und doch nicht erkannte. Korbinian also, den ich kannte und nicht erkannt hatte, und ich selbst, den ich zu kennen geglaubt hatte, und den ich nicht erkannt hatte, bis gerade eben in diesem Augenblick.

Wie das Ticken einer Uhr desto lauter wird, je mehr man darauf achtet, so wurde es mir mit jedem Herzschlag klarer: Ich war in Korbinian verliebt und war es von Anfang an gewesen. Ich erinnerte mich an die Begebenheiten, die Tage und Stunden in der Schule. Versuchte mir jedes gesprochene Wort und jeden Blick in Erinnerung zu rufen. Ja, ich war in Korbinian verliebt, aber er – war er nicht genauso in mich verliebt und von Anfang an in mich verliebt gewesen? Hilflos gegenüber dem eigenen Unverständnis, unfähig zu verstehen, was er empfand, was er eigentlich wollte und immer gewollt hatte? Korbinian, dem das Herz bricht, als er mich mit Ahnfeld sieht, und der mit einem Mal versteht, dass seine eigene Grausamkeit gegen mich nichts anderes gewesen ist, als unverstandene Zärtlichkeit? Korbinian, der zu meinem Haus kommt, in einer kurzen Hose und auf dem Sofa sitzt, der mich fragt, ob er mit mir reden kann. Der ein guter Mensch sein will, bevor wir einander lieben. Der mit der Hand über meine Schulter streicht. Du musst mir nicht vertrauen. Er sagt es so langsam, als hätten wir ein Leben lang Zeit. Solange du mir nicht vertraust, muss ich mir doppelt Mühe geben…

Wir sehen uns im September.


(Ganz herzlichen Dank, nademaro, für deinen ausdauernden Zuspruch!
Vielen Dank, thysiru.
Und auch noch einmal besten Dank an alle Leser. Hat mich gefreut.
Amon)

Hihi…immer wieder gern…

Du bist der Wahnsinn…
Unglaublich…ich muss mich bedanke
Für eine so tolle Storie…
6 1/2 Monate…wow…
Über 15000 Zugriffe…Doppel wow…
Vielen vielen dank…
Ich hoffe ich darf mal wieder was von dir lesen…

Ganz ehrlich ein Unglaubliches Ende…
Korbinian…ja er würde es gutmachen…

Wow.
Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich bei dieser Geschichte emfinde …
Habe die ganze Geschichte heute verschlungen und mir tun die Augen weh aber das war es mehr als wert.
Ich habe noch nichts vergeleichbares in diesem Forum gelesen, das sich mit der Geschichte messen könnte. Die Höhen und Tiefen die du beschreibst, sowie die Gefühle und Reaktionen der einzelnen Personen sind einfach nur Wow.

Zwischenzeitlich konnte ich kaum den Schluss erwarten und nun will ich nicht das es zu Ende ist. :cry: Jedesmal wenn ich eine eine gute Geschichte oder ein buch zu Ende lese fühle ich so eine Leere in mir (weiß nicht wie man das beschreiben soll). Wiklich schade aber nochmal Gratulation und herzlichen Dank für diese tolle und sehr unterhaltsame Geschichte. Da ich es nicht wirklich in Worte fassen kann und um alles zu sagen was es da zu sagen gibt:

Wow. :smiley:

Schreib weiter !
Ich will unbedingt wie es weiter geht !

Lieber Amon, ich möchte mich von ganzem Herzen für Deine tolle Geschichte bedanken. Ich habe sie heute komplett gelesen und dabei ganz bewusst fast alle Kommentare von Dir und anderen nicht gelesen. Du hast es wunderbar verstanden, aus der Sicht eines 12-13 jährigen Jungen zu schreiben. Auch ist Deine sprachliche Kraft hervor zu heben. Für mich ist das Lesen Deiner Geschichte ein besonderes Erlebnis gewesen.

Also: Vielen Dank :applause:

:smiley:
Schade, dass die Geschichte vorbei ist.
Der Realismus erinnerte mich irgendwie an Red State.
Wie hieß der Musiker noch mal? Dorwak Noatak Amundsen …

Diese Geschichte ist der absolute Hammer! Es ist eine Schande, dass Geschichten bei BP nicht bewertbar oder systematisch suchbar sind. Vielleicht bringt dieser neue Post ein paar neue Leute dazu, diese Geschichte zu lesen.

Der Plot und vor allem das Ende sind ungewöhnlich und die Erzählweise ist umwerfend! Es ist krass, wie real der Erzähler herüberkommt. Danke für diese Stunden, in denen ich mich wieder wie dreizehn fühlen konnte!

Es ist wirklich schade, dass der Autor nicht mehr aktiv ist. Hat irgendwer hier irgendeine Ahnung, was mit ihm passiert ist? Gibt es den noch irgendwo?

Wie auch immer, extrem empfehlenswert!

Liebe Grüße
Sammy

Wow. Ich staune und bin sprachlos. Wunderbar. Traurig. Emotional. Irre. Fantastisch. Diese Geschichte ist genial. Einfach genial. Mehr brauche ich nicht dazu sagen, außer danke für diese Hammerstory! :flag: :cry: :slight_smile: :flag:

Hallo Lieber Amon,

ich gehöre wohl mit meinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr zur Zielgruppe deiner Geschichte, trotzdem konnte ich nicht aufhören, deine hervorragend und fesselnde Geschichte durchgängig zu lesen.

Für über 11 Stunden aufmerksames und für deine Charaktere mitfühlendes ununterbrochenes Lesen und Verstehen, überrascht werden, nicht los lassen wollend, von Wort zu Wort und Zeile zu Zeile spannendes Hineindenken, sowie mehr als äußerst aparten und fabelhaften Story, möchte ich dich beglückwünschen. ich vergaß zu Essen, verkniff mir jede Ablenkung von Außen, wurde mehrmals von liebevollen Nachbarn und Freunden aufgefordert, einmal eine Pause einzulegen, dennoch schaffte ich es einfach nicht von dem Abenteuer mich zu entreißen.

Ich sehe sehr wohlwollend in die Zukunft hinaus, dass auch andere Autoren und Schöpfer wundersame, einfühlende, teils wahre, teils erfundene Erlebnisse ‘zu Papier’ beziehungsweise ‘zu Foren und Internet’ bringen können und wollen.

Danke von einem der Jugend verpflichteten, durch Versprechen und Schwur gebundenen, älteren, aber nicht alten Leser :blush:

Gibt es weitere Geschichten von Amon?