Die Liebe meines Lebens

Ein guter Gedanke, Simson :slight_smile: Ein wirklich sehr guter Gedanke…

Am Weihnachtsmorgen wachte ich früh auf. Felian schlief noch tief und fest neben mir. Ich fuhr mit meinen Fingerknöcheln sanft über seinen Rücken und den Nacken. Heute würde es endlich passieren. Ich konnte es kaum erwarten. Felian hatte es mir versprochen. Ich konnte auch nicht länger warten. Er war jetzt endlich mein Freund! Wir waren ein richtiges Liebespaar und Liebespaare hatten auch Sex. Punkt. Ich wusste nicht, wieso Felian daher immer noch zögerte. Er musste doch schon längst kapiert haben, dass ich der Richtige für ihn war.
Am liebsten hätte ich sofort los gelegt, aber ich ahnte, dass Felian mit Weihnachten den Abend gemeint hatte. Auch nicht schlecht, am Abend würde es richtig romantisch werden. Schade, dass unser Christbaum auf dem Balkon stand, sonst hätten wir uns direkt unter diesem ausbreiten können. Bis zum Abend war es allerdings noch so lange…
Felian wachte auch auf und schwang sich direkt aus dem Bett. Nicht einmal kuscheln wollte er an diesem Morgen. Hatte er Angst, dass ich ihn gleich überfallen würde?
Wir frühstückten zusammen, ansonsten war uns eher langweilig. Felian wollte anschließend unbedingt spazieren gehen und ich folgte ihm brav. Draußen herrschte ein ekliger Schneeregen und ich fing, kaum dass wir das Haus verlassen hatten, zum Zittern an. Felian hatte sich in Mütze und Schal gehüllt, ich konnte sein Gesicht kaum noch erkennen. Warum wollte er bei so einem Sauwetter unbedingt raus gehen?! Wir hätten es uns doch wieder auf der Couch gemütlich machen können. Von mir aus hätte ich auch wieder einen so dämlichen Film wie den letzten mit ihm angeschaut.
So liefen wir durch die Straßen und begegneten kaum einer Menschenseele. Nur vereinzelte Autos fuhren an uns vorbei. Einmal war es sogar ein Taxi gewesen und das hätte ich am Liebsten aufgehalten.
Stunden später kamen wir wieder in meiner Wohnung an. Felian wollte sofort duschen gehen und verschwand im Bad. Die Tür schloss er sorgfältig und ich wagte nicht, ihn zu fragen, ob ich mitmachen dürfte. Zu groß war die Angst, dass er Nein sagen würde.

Am späten Nachmittag fuhren wir los. Wir fuhren wieder in meinem Auto und zwar quer durch Berlin. Überall herrschte Stau. Kein Wunder, die halbe Welt war ja heute zu ihrer Familie unterwegs. Felian schien gute Laune zu haben. Im Radio grölte er zu den ganzen Weihnachtslieder mit. Mir hing ‘Last Christmas’ schon zu den Ohren raus.
Felians Mutter wohnte wie ich in einem Mehrfamilienhaus, allerdings hatte es nicht ganz so viele Stockwerke wie meines. Und die Lage war auch besser.
Einen Parkplatz gab es nur überhaupt nicht. Drei Straßen weiter fanden wir endlich eine winzige Parklücke, in der mein Benz nach fünfmaligem Rangieren Platz hatte.
Und dann hieß es schon wieder Laufen. Das Wetter war noch schlimmer geworden, aber der Regen verwandelte sich immer mehr in Schneeflocken.
„Wir bekommen wohl doch noch pünktlich zu Weihnachten Schnee“, Felian freute sich richtig.
„Mhm“, murrte ich, „im Schnee so weit nach Hause zu fahren, macht später aber bestimmt keinen Spaß.“
„Die Straßen werden schon frei sein“, mein Freund war optimistisch, „und wenn du nicht fahren willst, dann kann ich auch ran.“
Er nahm meine Hand und in flotten Schritten zog er mich den vereisten Gehweg entlang.
Als wir das Gebäude betraten, hielt ich sofort nach einem Aufzug Ausschau. Ich wirkte wohl etwas verzweifelt, denn ich konnte keinen Lift entdecken.
„Mum wohnt direkt im ersten Stock, wir müssen also nur eine Treppe hoch.“ Felian hatte natürlich meinen verzweifelten Blick bemerkt und zog mich zu den Stufen.
Sana öffnete uns die Türe. Auf ihrem Kopf trug sie einem dämliche Zipfelmütze. Felian umarmte sie sofort, mir reichte sie nur die Hand. Sie war mir gegenüber etwas skeptisch. Komisch, bevor ich mit Felian zusammengekommen war, hatten wir uns doch gut verstanden.
Die Mutter trafen wir in der Küche an. Auch sie reichte mir die Hand und zeigte mir, wo ich meine Jacke aufhängen konnte, aber auch sie war relativ kühl zu mir. War sie das zu Vitus, als sie ihn kennengelernt hatte, auch gewesen?
„Mama, sollen wir dir bei was helfen?“, bot Felian sofort an, aber seine Mutter winkte ab.
„Setzt euch schon mal an den Küchentisch, ich liege super in der Zeit. Die Ente muss gleich fertig sein. Ich muss nur noch schnell den Salat anmachen, Sana hat den Tisch auch schon gedeckt.“
Felian zog mich also in den größten Raum, der Ess – und Wohnzimmer gemeinsam war. Wir setzten uns an den viereckigen Tisch und ich sah mich unauffällig in der Wohnung um.
Ich erkannte das Sofa wieder. Es war das selbe, das auch in ihrem alten Haus in Bayern im Wohnzimmer stand. Die ganze Familie hatte damals mit Jerome Monopoly gespielt. Jahre war das her. Ich war stolz auf mich, jetzt war ich die Begleitung an Felians Seite. Ich musste mich von meiner besten Seite zeigen.
Und schon erschien die Mutter mit einem riesigen Tablett voll mit Entenkeulen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Endlich wieder ein gescheites Essen! Und das, obwohl ich mir vor Felian echt Mühe gegeben hatte und jeden Tag den Kochlöffel geschwungen hatte. Und viel Fleisch hatte es auch bei mir gegeben, Felian sollte ja nichts vermissen. Trotzdem, ein so großer Braten passte gar nicht in meinen Backofen.
Sana stellte die Salatschüssel dazu und dann legten wir los. Es schmeckte wirklich herrlich. Früher hatte es bei mir zu Weihnachten auch immer Ente gegeben, aber nachdem meine Mutter nicht bei uns war, haben wir höchstens Wiener oder Weißwürste gegessen.
Nach und nach befreite ich das Fleisch vom Knochen und hoffte, dass ich keine große Sauerei auf dem Tischtuch veranstalten würde. Mein Teller quoll nämlich über vor lauter Soße.
Die Familie unterhielt sich über tausend verschiedene Dinge, Sanas Studium, Felians Praktikum im Krankenhaus, das er schon lange hinter sich hatte und über den Familienhund Leo.
Ich zuckte zusammen, als ich von einem Hund erfuhr. Seit ich Billy nicht mehr hatte, hatte ich kaum Kontakt mehr zu Hunden gehabt. Ich drehte meinen Kopf und tatsächlich, ich konnte ein großes Hundekörbchen erkennen.
„Stimmt, Mama, wo ist Leo denn eigentlich?“ Felian zupfte eine Tomate aus dem Salat und legte sie auf meinen Teller.
„Meine Nachbarin ist mit ihm Gassi gegangen. Sie wird in aber bald zurückbringen.“
„Geht er denn jetzt endlich bei fremden Leuten mit?“, erkundigte er sich weiter.
„Bei dieser Nachbarin schon“, die Mutter lachte kurz auf, „sie hat aber auch wirklich einen Narren in Leo gefressen und nach und nach hat es funktioniert, dass er mit ihr das Haus verlässt. Nur von der Leine kann sie ihn natürlich nicht lassen.“
„Ja, aber das kann man bei Leo ja generell vergessen. Ist er immer noch so wild zu anderen Hunden.“
Frau Guhne seufzte. „Ich habe gehofft, dass sich das ändert, wenn er älter wird. Aber da ist wohl Hopfen und Malz verloren.“
„Du solltest ihn wohl doch kastrieren lassen.“ Sana nahm ihren Knochen einfach in die Hand und biss davon ab.
Felian warf seiner Schwester einen genervten Blick zu. „Leo wird nicht kastriert. Er ist schließlich auch ein Mann.“
Ich musste glucksen. Der Hund würde sich wohl nicht in seiner Ehre gekränkt fühlen, wenn plötzlich nichts mehr zwischen seinen Beinen baumeln würde.
„Hobbit haben wir damals auch kastrieren lassen“, erinnerte Sana ihn.
„Ja, aber nur weil er da einen Tumor hatte. Sonst hätten wir das auch nicht gemacht.“
„Wir haben hier spannende Gesprächsthemen“, lachte Sana und warf mir einen entschuldigenden Blick zu.
Ich zuckte nur mit den Schultern.
Und endlich wandte sich die Mutter wirklich an mich. „Und du bist wohl jetzt Felians neuer Freund?“ Ihren Blick konnte ich nicht deuten. Was sollte ich denn auf diesen Satz antworten?! Wirklich höflich fand ich es auch nicht. Natürlich war ich sein neuer Partner, sonst hätte er mich doch nicht mitgebracht!
Felian kam mir netterweise zur Hilfe und antwortete an meiner Stelle. „Ja, ich bin jetzt mit Korbinian zusammen.“
„Hast du mit Vitus nicht nochmal gesprochen?“
Ich wollte diesen Namen nie wieder hören! Vitus war Geschichte, ich war Gegenwart und Zukunft. Ich zog meine Augenbrauen verhasst zusammen.
„Jaa“. Felian fuhr sich durch seine Haare. Er schien nervös zu sein.
„Und du findest nicht, dass es ein wenig überstürzt war?“
Was ging der Mutter das nur an? Felian war alt genug, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich konnte diese Frau im Moment nicht ausstehen.
„Vitus hat mich mit zig Männern betrogen“, entgegnete Felian energisch.
„Sana hat mit ihm mehrmals gesprochen. Er versteht die Welt nicht mehr. Er hat geschworen, dass er dich nicht belogen hat. Er liebt dich wirklich, Feli. Und ihr wart ja auch schon verlobt.“
Ach, und meine Liebe zu Felian spielte plötzlich keine Rolle?! Sie wusste ja gar nicht, wie sehr ich ihren Sohn liebte.
„Ich will nicht mehr darüber reden.“ Felians Augen schimmerten plötzlich. Fing er denn jetzt zum Weinen an? Was war denn das für ein Weihnachten! Und was war das für eine Mutter?! Sie sollte doch glücklich sein, dass ihr Sohn so schnell einen neuen Freund gefunden hatte.

Das restliche Essen verlief noch kühler. Die Nachbarin brachte den Hund zurück, als wir gerade das Geschirr zusammenräumten. Der Hund war an diesem Abend auch der einzige, der sich um mich kümmerte. Sein braunes Fell war ganz weich und immer wieder versuchte er meine Hand abzuschlabbern.
Felian und seine Mutter unterhielten sich lange zu zweit in der Küche. Hoffentlich setzte sie ihm nicht irgendwelche Flausen in den Kopf, von wegen er sollte zurück zu Vitus rennen.
Sana wirkte auch ein wenig angespannt. Wir versuchten Smalltalk zu führen, gaben aber nach ein paar Sätzen wieder auf. Scheinbar war sie mit mir an Felians Seite auch nicht einverstanden. Ich verstand das nicht. Aber sie würden schon noch kapieren, dass Felian keinen besseren als mich haben könnte. Sie sollten bloß nicht auf die dämliche Idee kommen, mich von ihm zu trennen.

Gegen neun Uhr abends täuschte ich Bauchschmerzen vor. Immer wieder verschwand ich im Badezimmer, um mich dort nur gelangweilt auf den Klodeckel zu setzen. Wenn ich mich dann wieder zur Familie setzte, verzog ich jedes Mal mein Gesicht noch leidender und presste meine Hände auf meinen Bauch. Als Schauspieler war ich gut, Felian fiel darauf rein. Wir verabschiedeten uns von seiner Familie und liefen durch die dunklen Straßen. Schnee war nicht viel gefallen, aber die Straßen ähnelten einer Eisfläche.
„Hast du das Essen nicht vertragen?“, fragte Felian mich.
„Anscheinend“, jammerte ich, „dabei war die Ente echt gut.“
„Manchmal liegt etwas ohne Grund schwer im Magen.“
Wir hatten mein Auto erreicht und Felian bat um meinen Schlüssel. Ich zögerte, überreichte ihn dann doch.
Felian schwang sich hinter das alte Lenkrad und stellte den Sitz und die Spiegel ein. Dreimal würgte er ihn beim Starten ab.
„Ich bin noch nie ein so altes Auto gefahren.“ Peinlich berührt lächelte er mich an.
„Macht nichts. Aber mir geht es schon besser, wenn du möchtest, können wir auch wieder tauschen.“
„Ne, ich schaff das schon.“ Erneut legte er den Gang ein und ließ die Kupplung langsam kommen. Tatsächlich, wir bewegten uns. Sehr langsam, beinahe wäre der Wagen schon wieder aus gegangen, dann fuhren wir endlich aus der Parklücke.
Felian kroch wirklich die Straße entlang, aber das war nur gut so. Jedes Mal, wenn er beschleunigen wollte, rutschten unserer Hinterreifen weg. Die Fahrbahn war wirklich spiegelglatt. Ich griff ängstlich an den Gurt. Ich wollte hier nicht sterben. Ich hatte doch noch so viel vor.
Felian hatte sich fest auf seiner Unterlippe verbissen. Wir krochen die dunklen Hauptstraßen entlang. Viel Gegenverkehr hatten wir nicht, die Straßen waren wie ausgestorben. Das Blitzeis zog sich durch ganz Berlin.
Nach der halben Strecke hatte Felian genug und wir tauschten. Mir war das sowieso lieber, ich kannte meinen Wagen viel besser als er. Wir entdeckten zum Glück ein Streufahrzeug, hinter dem wir lange Zeit herfahren konnten. Ich machte das Kreuzzeichen, als wir kurz nach Mitternacht auf meinen Parkplatz einbogen.
„Ich glaub’s nicht, dass wir es endlich geschafft haben“, seufzte Felian erleichtert und riss die Beifahrertüre auf. Kaum hatten seine Schuhe den Boden berührt, fiel er auch schon hin. Er landete auf allen Vieren, seine Knie krachten auf den Teer.
„Felian!“, schrie ich überrascht auf und schon war ich bei ihm. Beinahe wäre ich auch ausgerutscht und auf ihm gelandet, aber ich konnte mich gerade noch mit der linken Hand an der Tür festhalten.
Felian rappelte sich auch gleich wieder auf.
„Ist dir was passiert?“, erkundigte ich mich und hielt sofort nach möglichen Verletzungen an ihm Ausschau.
„Nein, alles gut.“
„Wirklich?“
„Alles gut. Meine Hose ist nur dreckig, mir ist nichts passiert. Komm.“ Er winkte mit der Hand und deutete mir an, ihn zu folgen.
Ich sperrte unsere Wohnung auf Felian ließ sich sofort auf sein geliebtes Sofa fallen. „Man, bin ich froh, dass wir endlich zuhause sind.“ Er atmete hörbar laut aus.
„Willst du dich nicht lieber ins Bett legen?“, wechselte ich das Thema und grinste ihn schief an.
„Ähm…,“ einen Moment schien Felian verwirrt, er schien gar nicht zu checken, was ich genau von ihm wollte, aber dann fiel ihm wohl sein Versprechen ein, das er mir gegeben hatte.
„Geht… Geht es dir denn wirklich schon wieder gut? Hast du keine Bauchschmerzen mehr?“
Suchte er gerade tatsächlich nach Ausreden?! Nein, ich hatte mich den ganzen Tag schon auf heute Abend gefreut. Nochmal wollte ich mich nicht mehr abblitzen lassen.
„Nö, mein Bauch hat sich schon längst wieder beruhigt. Gott sei Dank.“ Ich grinste ihn an.
„Okay“, laut seufzte er, er schien immer noch zu zögern, „lass mich zuvor nur noch schnell duschen gehen.“
„Natürlich.“ Ich erwartete, dass er mich einladen würde, mit unter die Dusche zu springen, aber wie immer war er wie der Blitz im Nebenraum verschwunden und ich hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde.

Ich räumte schon mal die Bettdecke auf die Seite und schüttelte das Kissen auf. Mal schauen, ob Felian wirklich mitmachen würde, sonst würde ich die Krise bekommen.
Das Wasser in der Dusche lief Ewigkeiten. Ich lauschte dauernd drauf, wann es denn endlich abgeschaltet werden würde. Als ich endlich die Duschtüre quietschen hörte, machte ich mich auf dem Bett bereit. Es dauerte trotzdem noch ganze fünf Minuten, ehe er mit feuchten Haaren aus dem Zimmer trat. Er hatte nur ein Handtuch um die Hüften gebunden, darunter schien er nichts anzuhaben.
Ich streckte meine Arme nach ihm aus, er blieb jedoch vor mir stehen.
„Ich wollte dir noch zuvor dein Weihnachtsgeschenk geben“, offenbarte er mir und lächelte schief.
„Mein Weihnachtsgeschenk?“ Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht, selbst an sein Tagebuch nicht mehr.
„Ich habe dir etwas gemacht.“ Er rieb sich einen Tropfen aus der Stirn.
„Ich habe natürlich auch etwas für dich.“ Sofort sprang ich wieder vom Bett auf und kroch darunter. Ganz in der Ecke hatte ich sein hübsch eingepacktes Buch versteckt.
Ich pustete den Staub ab und überreichte es ihn.
„Dankeschön.“ Als Dank bekam ich einen Kuss auf die Wange. Vorsichtig entfernte er das Geschenkpapier und die Schleife.
„Ein Tagebuch?“ Überrascht sah er mich an. „Du wusstest, dass ich früher Tagebuch geschrieben habe?“
Ich kniff meine Augen zusammen. Mist, daran hatte ich gar nicht gedacht. Woher sollte Felian auch wissen, dass ich sogar sein altes Buch gelesen hatte?! Aber er erwartete wohl auch gar keine Antwort, sondern dankte mir nur ausführlich.
„Ich habe vor zwei Jahren mit dem Schreiben aufgehört, ich hatte irgendwann keinen großen Spaß mehr daran. Aber das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, wieder damit anzufangen.“ Er blätterte die leeren Seiten durch und strich über den Umschlag. „Aber jetzt bekommst du erst einmal dein Geschenk.“
Er zog seinen Koffer hervor und holte daraus ein flaches, aber großes Geschenk.
„Ein Bild?“, riet ich, als ich es in der Hand hatte. Ich konnte den Rahmen fühlen.
„Pack es aus.“
Es kam tatsächlich ein Bild zum Vorschein. Es war ein Gemälde von einem Hund, im Aquarellstil mit vielen roten, blauen und grünen Farben.
„Du hattest doch mal einen Pudel, nicht wahr?“
Das Felian das noch wusste! Ich war ganz erstaunt.
„Ja, ganz genau. Er sieht fast so aus wie Billy. Vielen Dank, es ist echt super geworden.“
„Deine Wände sehen nämlich so kahl und leer aus, jetzt kommt endlich etwas Farbe in die Wohnung.“
„Da hast du recht, es wird super aussehen. Ich glaube, wir hängen es hier übers Bett, was meinst du?“
„Da passt es bestimmt hin.“

Ich trat zu ihm und küsste ihn. Er erwiderte es, sogar ein wenig leidenschaftlich.
„Komm mit“, flüsterte ich und zog seine Hand in Richtung Bett.
Er ließ sich auch auf die Matratze fallen, sein Handtuch um den Hüften verrutschte etwas. Ich legte mich auf ihn. Mit seinen Armen umschlang er meinen Rücken. Man, war das aufregend! Es war wie in meinen heißesten Träumen.
„Können wir vielleicht die Decke nehmen? Mir ist ein wenig kalt.“
„Natürlich“, erwiderte ich und bäumte mich auf, um die Bettdecke, die ich zuvor zusammengeknüllt hatte, wieder auszubreiten. Bei der Gelegenheit sprang ich doch noch mal aus dem Bett und drückte auf den Lichtschalter. Es war jetzt ganz dunkel im Zimmer, aber ich glaubte, dass sich Felian so wohler fühlen wollte. Ich hätte ihn zwar so unbedingt sehen wollen, aber es würde bestimmt noch ein zweites Mal geben. Morgen zum Beispiel und dann jeden anderen Tag im Jahr.
Felian benahm sich ja, als wäre dies sein erstes Mal, dabei hatte er schon mindestens zehn Mal so oft Sex gehabt als ich. Bei mir waren es doch bisher nur zwei Männer gewesen, bei denen ich mir eingebildet hatte, sie würden Felian ähnlich sehen.
Ich lag wieder auf ihm, küsste abwechselnd seine Lippen und sein komplettes Gesicht. Er war absolut himmlisch! Einen schöneren Mann gab es nicht als ihn.
Am Anfang hatte er sogar mitgemacht, mich ebenfalls gestreichelt und seine Handballen in meine Schultern gekrallt. Aber als ich dann das Handtuch von ihm weggezogen hatte, war er plötzlich ganz still. Dabei fühlte es sich so gut an, ihn nackt unter mir zu haben. Ich konnte es kaum erwarten, mich ebenfalls aus meinen Klamotten zu schälen.
Er schien fürchterlich nervös zu sein, seinem bestem Stück aber, dem schien es trotzdem zu gefallen. Mehr oder weniger zumindest. Als ich ihn mit der Hand umgriff, durchfuhr ihm wohl ein eiskalter Schauer. Er erzitterte richtig. Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, wie er sich auf die Lippen biss. Es war ein unglaubliches Gefühl, ihn wirklich mal so bei mir zu haben.
Ich küsste seinen Bauch und wollte eigentlich noch weiter hinab rutschen, aber er hielt mich auf. Seine Hände packten meine Oberarme und zogen mich wieder nach oben.
Schade, ich hätte es echt gerne gemacht, aber wenn Felian dies nicht wollte, dann musste ich mich eben gedulden. Jerome hatte es damals aber auch machen dürfen! Er war damals auch Ewigkeiten unter der Bettdecke verschwunden gewesen.

Er blieb reglos liegen, während ich mich auszog. Meine Hose war schon so eng geworden, dass ich den Reißverschluss kaum auf bekam. Ich riss mir förmlich die Klamotten vom Körper und legte mich wieder auf ihn. Jetzt waren wir beide splitternackt. Er keuchte kurz. Na also, er war wohl doch ein Mann mit gewissen Bedürfnissen.
Ich küsste ihn immer und immer wieder. Mein Becken dagegen bewegte ich immer fester gegen seines. Das schien er gar nicht so übel zu finden, denn er hatte wieder begonnen, seine Finger über meinen Rücken kratzen zu lassen.
Ich drückte seine Oberschenkel vorsichtig immer weiter nach oben, sodass mein Penis immer mehr über seinen Hintern rutschte.
„Ich habe Kondome besorgt“, flüsterte er plötzlich gegen meine Lippen, „sie liegen im Koffer.“
„Brauchen wir nicht.“ Ich konnte nur schwer ein lautes Stöhnen verhindern.
„Oh… Okay.“ Seine Stimme zitterte etwas.
Ich bog seine Oberschenkel noch ein wenig weiter nach hinten und platzierte mich dazwischen. Spucke musste reichen. Ich wollte kein fremdes, künstliches Ding zwischen uns haben.
Ich kostete den Moment voll aus, in dem ich in ihm eindrang. Diese Enge! So etwas hatte ich noch nie gefühlt.
Felian machte keinen Eindruck, als ob ihm das irgendwie schmerzen würde. Er lag einfach nur da. Ich fing an, mich zu bewegen. Erst zögerlich, aber dann immer flotter. Ich hatte erwartet, dass er wie bei Jerome damals stöhnen würde, aber das tat er nicht.
Auch so bewegte er sich kaum, fuhr sich höchstens ein paar Mal kurz durch seine Haare. Sein Blick blieb völlig ausdruckslos.
Ich hielt es nicht lange aus und kam tief in ihm. Ich keuchte und hustete und schnappte nach Luft. Endlich, endlich war es geschehen! Mein erstes Mal mit Felian…
Ich rutschte von ihm runter und legte mich seitlich neben ihn. Ein wenig gekränkt fühlte ich mich schon, dass er während dem Sex nicht gekommen war. Dafür packte ich jetzt sein nicht mehr wirklich steifes Glied und fuhr mit meiner Hand daran auf und ab.
Felian ergriff aber sofort mein Handgelenk und schob meine Hand weg.
„Willst du… willst du nicht?“, wisperte ich und er schüttelte den Kopf.
„Unser zweite Mal wird besser“, versprach ich und umschlang mit meinem Arm seine Hüfte.
Es dauerte keine Minute mehr, dann überkam mich der Schlaf. Felian dagegen machte in dieser Nacht kein Auge zu.

Hmm, ich hätte nicht gedacht, dass Felian tatsächlich mit ihm schläft. Ich dacjte er redet sich weiter raus.
Aber es scheint ihm nicht besonders gut gefallen zu haben.
Bin gespannt, wie das weiter geht.

Empathie ist scheinbar ein Fremdwort für den Typen. Erinnert mich traurigerweise an etwas, was mir mal passiert ist :confused:
Korbinian ist im Grunde ja auch überhaupt nicht an Felian interessiert, sondern eher an dem Idealbild von ihm, das er sich jahrelang ausgemalt hat.

Ich würde diesen Kerl auch am liebsten kastrieren, so wie den Hund. Das ist einfach so unterirdisch abartig, was er da veranstaltet.
Aber Respekt, dass du das so gut schreibst. Ansonsten würde ich mich nicht so über deine Figur aufregen, was ja offensichtlich auch gewollt ist.

Der Typ wird von Tag zu Tag unerträglicher. Er nutzt Felians Situation bodenlos aus und scheint null Gewissen zu haben. Was mich am meisten an ihn stört, ist dieses Besitzergreifende. Als wäre Felian nicht ein Mensch, sondern sein persönlicher Gegenstand! Die Wut auf dem Typen wächst von Tag zu Tag mehr. :smiley:

Ich setze jetzt alle Hoffnung in Felians Mutter, dass die ihn diese hinterlistige Beziehung ausredet!!! :smiley:

Das machst du absichtlich Svenni, oder?.. Oder?! :imp: :laughing:

Am nächsten Morgen wachte ich für meine Verhältnisse spät auf. Aber irgendwie musste ich den Feiertag auch ausnützen. Früher hatte ich an den Weihnachtstagen immer freiwillig Dienst geschoben, dieses Jahr haben aber meine Kollegen ran müssen. Die freien Tage würden voll und ganz Felian gehören.
Dieser lag überhaupt nicht mehr neben mir. Ich rieb mir den Sand aus den Augen, streckte meine Muskeln und schwang mich dann nackt aus dem Bett. Am liebsten wäre ich gleich ohne Klamotten geblieben, aber ich wollte Felian nicht verschrecken. Ein wenig schlecht fühlte ich mich schon. Unser erstes Mal hätte besser laufen können. Aber was noch nicht war, konnte ja noch werden, dachte ich mir.
Felian war wohl mal wieder im Bad verschwunden. Wenn er gerade duschen war, wollte ich ihn unbedingt dabei zusehen. Also stieß ich die Tür auf und trat in den kleinen Raum. Felian stand nicht wie erwartet unter der Dusche oder am Waschbecken, sondern hielt gerade sein Shampoo und sein Duschgel in der Hand. Er zuckte vor Schreck zusammen, als er mich sah.
„Korbinian… ich…“, fing er an, stockte aber gleich wieder.
Ich konnte den Kulturbeutel neben ihm stehen sehen, in der er damals seine Zahnbürste und sein Wachzeug hergebracht hatte.
„Was machst du denn da?“, fragte ich ein vorwurfsvoll.
„Ich… äh… ich muss gehen“, stotterte er verlegen.
„Du gehst?“
„Es tut mir leid, Korbinian.“
„Was meinst du damit?“
„Ich…“, er senkte seinen Kopf, „ich schaffe das nicht mehr. Ich habe echt versucht, dass es mit uns klappt, aber das tut es nicht. Es tut mir wirklich leid, aber ich werde Vitus wohl nicht so schnell vergessen.“
„Aber… Aber, das kann doch noch werden! Früher oder später wird Vitus dir egal sein.“
„Nein, sorry, aber ich glaube nicht.“
„Aber Felian, ich liebe dich doch.“ Meine Stimme zitterte. Ich wollte es nicht wahrhaben, was der da gerade machte.
„Ich weiß, darum tut es mir auch so leid. Aber das zwischen uns funktioniert nicht. Ich meine, ich mag dich als Freund sehr gerne, aber mehr ist da nicht. Ich habe es nicht geschafft, mich in dich zu verlieben.“
Deprimiert nickte ich. „Und deshalb willst du jetzt gehen?“
„Ich muss wohl.“ Einen Moment lang schien er zu zweifeln.
„Gib mir doch noch mal eine Chance. Oder dir selbst! Bestimmt wird es zwischen uns bald besser laufen.“
„Nein, nein sorry. Ich kann das nicht mehr.“
Einen Moment lang schwiegen wir uns an.
„Gehst du zu deiner Mutter?“, fragte ich dann.
„Nein, ich… ich gehe zu…“ Seine Stimme brach ab.
„Du gehst zu Vitus?!“ Ich schrie diesen Satz laut aus, „der, der dich betrogen hat?“
Er schluckte. „Er hat mir geschworen, dass das nicht stimmt. Ich muss ihm wohl oder übel glauben.“ Er lächelte traurig.
„Du musst ihm glauben? Wieso rennst du denn zu ihm zurück?“
„Weil ich ihn liebe, Korbinian.“ In seinen Augen schimmerten Tränen. „Weil ich ohne ihn nicht mehr kann.“
„Du hast es ja noch gar nicht so lange ausprobiert.“
„Doch, für mich hat die Zeit genügt.“
„Und du bist dir sicher, dass er dich sofort wieder aufnimmt?“
Traurig zuckte er mit den Schultern. „Ich hoffe es auf jeden Fall.“
Erneut sagte niemand von uns ein Wort.
Es war Felian, der das Schweigen brach. „Ich hoffe trotzdem, dass wir Freunde bleiben können.“
Auch mir stiegen jetzt die Tränen in die Augen. „Ich… Ich will dich nicht verlieren“, flüsterte ich.
„Ich dich auch nicht. Vielleicht, vielleicht könnten wir ja wirklich Freunde bleiben?“
Er schaute mich noch einen Moment traurig an, dann packte er mit einem Seufzen seine restlichen Flaschen und Tuben und schmiss sie in den Beutel.
Ich folgte ihm aus dem Badezimmer. Seine restlichen Sachen waren schon im Koffer verstaut. Auch die Kleiderschrankhälfte, die ich extra für ihn frei geräumt hatte, war jetzt leer.
„Weißt du eigentlich…“, er zögerte, „weißt du, wo mein Ring ist?“
Ich schüttelte den Kopf. Seinen Ring würde er nie wieder bekommen, der war schon längst bei der Müllabfuhr mitgefahren.
Er schloss den Reißverschluss seines Gepäckstückes und schlüpfte in Jacke und Schuhe.
„Ich melde mich, okay?“ Seine Stimme war ganz leise.
Ich nickte kaum merklich.
Und dann war erneut weg. Schon wieder. Schon wieder hatte er mich verlassen.
Ich blieb mit einem wahnsinnigen Hass auf Vitus zurück. Früher hatte ich ihn verachtet, jetzt war mein Hass auf ihn nur noch mehr gewachsen.
Schon wieder wurde mir mein Felian gestohlen und schon wieder war Vitus daran schuld. Ich schmiss mich auf das Sofa, auf dem Felian so oft gelegen war, und vergrub mein Gesicht im weichen Stoff. Vor meinen Augen sah ich immer wieder Vitus. Ich würde mich an ihn rächen und wenn es das letzte war, was ich tun würde. Dieser Mistkerl verdiente Felian nicht. Nie im Leben. Er würde Felian schon wieder verlieren, dafür würde ich schon sorgen. Bald war Felian wieder an meiner Seite. Ich war mir da ganz sicher.

Zwei Tage ließ ich ihn in Ruhe, obwohl er natürlich nie aus meinem Kopf verschwand. So schön waren die letzten Wochen gewesen. Mein Traum war in Erfüllung gegangen, Felian hatte mir gehört. Aber dann hatte ich ihn wieder verloren. Dabei hatte ich mir einen so guten Plan gehabt, um ihn von Vitus zu trennen. Schade, dass der nicht endgültig gewesen war. Aber wer hätte auch schon ahnen können, dass Felian bei der ersten Gelegenheit wieder zu seinen Exfreund zurückrennt?! Nochmal musste ich ich mir etwas ausdenken, um Felian erneut von diesem Mistkerl fern zu halten. Diesmal musste es aber für immer sein.
Zwei Tage vor Silvester fuhr ich wieder in das Gebiet, in dem das Doppelhaus von Vitus stand. Mal schauen, ob Felian wirklich wieder bei ihm einzogen war. Tatsächlich, sein Octavia stand in der Parkbucht vor dem Haus.
Wie schade, dass ich durch die Fenster blicken konnte. Selbst wenn ich etwas finden würde, worauf ich mich stellen könnte, war dieses Risiko einfach zu groß.
Verärgert blickte ich mich um. Um die Nachbarschaft hatte ich mich bisher kaum gekümmert. Ich könnte zwar in den Garten der Nachbarn einbrechen und mich dort hinter dem Geräteschuppen verstecken, dann könnte ich in den Garten des neu zusammengekommenen Liebespaares blicken. Aber das würde mir auch nicht gerade weiterhelfen, schließlich befanden sie sich bei dem Sauwetter nur selten im Garten.
Mir musste etwas anderes einfallen.
Als ich dann die kleine Bäckerei gegenüber entdeckte, war das Glück wieder auf meiner Seite. Vom Schaufenster aus konnte ich direkt zu Felians Haustüre schauen. Was für ein Glücksgriff! Und außerdem würde ich so im Warmen sitzen und nicht im kalten Schnee.
Ich zählte das Kleingeld in meinem Geldbeutel und kam auf knappe fünf Euro. Die mussten ausreichen. Meine Schuhe abklopfend betrat ich den kleinen Laden. Es duftete herrlich nach frischem Brot und Kuchen.
Vor dem Fenster befanden sich zwei Tische, keiner der beiden war besetzt. Umso besser. Eine Verkäuferin war nicht in Sicht, also setzte ich mich auf einen der Stühle.
Die Umgebung draußen war immer noch total ruhig. Kein Felian, der durch die verschneiten Straßen lief oder der Katze kurz die Haustüre öffnete.
Die Bäckerei war auch langweilig. In der Theke lagen nur einzelne Semmeln und ein paar trocken aussehende Gebäckteile.
Eine Verkäuferin erschien hinter dem Vorhang, der den Raum trennte. Kräftig hustete sie in ihre Hände, ehe sie verlegen feststellte, dass ein Kunde eingetroffen war.
„Was möchten Sie denn?“, rief sie mir zu.
Wirklich entschieden hatte ich mich nicht. Keines der Backwaren sehr wirklich appetitlich aus. Aber ich war auch nicht zum Essen hier.
„Eine Quarktasche“, entschied ich, „und einen Kaffee bitte.“
„Quarktaschen gibt es nicht mehr. Eine Apfeltasche habe ich aber noch.“
„Dann nehme ich die.“
„Den Kaffee mit Milch oder Zucker?“
„Ein bisschen Zucker.“ Die Frau lenkte mich bei meinen Beobachtungen ab. Gerade hätte ich mir einbilden können, einen Schatten hinter dem Vorhang gesehen zu haben.
Es dauerte ganze zehn Minuten, dann war mein Snack fertig. Anstatt es zu mir zu bringen, wurde es einfach nur auf die Theke gestellt. Ich verließ meinen Aussichtspunkt nur ungern, um mir meinen Pappbecher und das Teller zu schnappen.
Die Apfeltasche schmeckte wie erwartet, trocken und pappsüß. Mit dem lauwarmen Heißgetränk spülte ich die Brösel in meinen Mund hinunter.

Der Kaffee war schon längst leer, auf meinem Teller war nur noch ein kleiner Apfelschnitz, aber trotzdem saß ich noch unbewegt hinter der Glasscheibe. Zwei weitere Kunden hatten in der Stunde die Bäckerei betreten und je ein halbes Brot gekauft. Ob Felian hier in der Früh auch immer sein Frühstückt kauft? Was, wenn er auf einmal hier herein kommen würde? Es würde nach einem sehr komischen Zufall aussehen. Würde er merken, dass ich ihn stalkte? Trotzdem wünschte ich mir, dass er bald auftauchen würde. Ich langweilte mich hier ziemlich. Die Verkäuferin war über mein langes Sitzen und aus dem Fenster starren wohl auch ziemlich verwirrt, aber ich konnte auf die keine Rücksicht nehmen. Zweimal bot sie mir einen weiteren Kaffee an, doch diesen lehnte ich ab.
Ich wollte schon fast aufgeben und wieder nach Hause fahren, als tatsächlich die Haustüre geöffnet wurde. Vitus erschien als erstes. Von seinen platinblonden Haaren konnte ich unter der riesigen Mütze, die er trug, gar nicht erkennen. Felian dagegen hatte nur einen Schal umgeschlungen. Sie schwiegen sich an, während sie durch die Einfahrt und zu Felians Octavia stapften. Ganz selbstverständlich schlenderte Vitus zur Fahrertür und setzte sich hinter das Lenkrad. Felian schmiss seinen Rucksack auf den Rücksitz und setzte sich dann auf den zweiten Vordersitz.
Das war Felians Auto! Wieso durfte dann Vitus damit fahren?! In mir sammelte sich augenblicklich eine große Wut.
Und dann hieß es erneut warten. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, diesen Laden zu verlassen und in meine Wohnung zurück zu fahren. Ich wusste nicht, wie lange Felian mit Vitus weg sein würde und wo sie überhaupt hin gefahren waren, trotzdem musste ich einfach sitzen bleiben und warten. Ich wollte mindestens noch einen Blick auf meinen Liebsten werfen.
Die Verkäuferin wurde ziemlich verwirrt, andauernd dackelte sie an meinen Tisch auf und ab, wischte mit ihrem Lappen über die Fläche und starrte mit mir aus dem Fenster, nicht wissend, was ich eigentlich genau anstarrte.
Ihre Katze schlich plötzlich durch die Einfahrt und rollte sich im Schnee. Ich glaubte zumindest, dass es ihre Katze war, so viele pechschwarze Katzen würden hier schon nicht rum laufen. Und Biene schien ganz katzenuntypisch der feuchte Schnee gar nichts auszumachen.
Und dann, als ich schon gar nicht mehr daran glaubte, bog der schwarze Skoda wieder in die Straße ein und hielt vor dem Haus. Neugierig beugte ich mich noch ein Stückchen näher an die Schaufensterscheibe. Die Verkäuferin tat es mir gleich.
Vitus stieg als erstes aus, diesmal war er derjenige, der auf der Beifahrerseite saß. Sofort kam die Katze auf ihn zugelaufen und schnurrte um seine Beine. Felian holte einen Einkaufskorb aus dem Kofferraum. Ich konnte ein paar Äpfel, Wasserflaschen und Verpackungen, die Mehl oder Zucker enthielten, erkennen.
Felian beugte sich auch zu dem schwarzen Tier hinunter, doch ich konnte beobachten, wie Biene sofort reiß aus nahm und unter ein parkendes Auto verschwand. Sie hing wohl tatsächlich mehr an Vitus als an ihrem anderen Besitzer. Felian war auch lange weg gewesen, sie kannte ihn vermutlich nicht mehr. Schade. Wenn er das nächste Mal ausziehen und zu mir kommen würde, würde er seine Katze unbedingt mitnehmen müssen.
„Der hellblonde Mann kommt jeden Sonntag hier rein.“ Die Verkäuferin riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich erschrocken zusammenzucken.
„Okay“, murmelte ich nur. Vitus sperrte gerade die Haustüre auf und Felian trug den Korb ins Innere.
„Er ist es doch, den sie die ganze Zeit beobachten, oder?“
„Nein!“ Ich funkelte sie wütend an.
„Ich mein ja nur… Ein sehr netter Typ ist das. Und der andere Mann auch. Den habe ich schon lange nicht mehr gesehen, das hat mich sehr gewundert. Der Hellblonde war mir die letzten Wochen auch sehr traurig erschienen. Schön, dass es ihm anscheinend besser geht.“
„Ich möchte jetzt zahlen.“
Die Frau war über meinen plötzlichen Themenwechsel verwirrt, überlegte kurz und nannte mir dann den Preis.
Ich legte mein Kleingeld auf den Tisch, murmelte „stimmt so“ und schritt aus der Bäckerei.
Felian und Vitus waren längst im Haus verschwunden. Ich beugte mich zur Fensterscheibe des Octavias hinunter. Ich war mir sicher, dass die Verkäuferin mich beobachtete. Hoffentlich würde sie Vitus am Sonntag nichts von dem Mysteriösen erzählen, der knapp zwei Stunden lang ihr Haus im Visier hatte.
Im Wageninneren konnte ich nichts interessantes erkennen. Ein Enteisungsspray lag auf dem Rücksitz, ein Besen und eine Parkscheibe. Etwas, was man im jeden Wagen vorfinden würde. Ich machte mich auf den Weg zu der Seitenstraße, in der mein eigener Mercedes parkte. Die Straßenlampen leuchteten schon, bald würde es dunkel werden.
Ich musste auch noch einkaufen gehen, ich hatte nämlich kaum noch Essen im Haus. Welcher Supermarkt war denn hier in der Nähe? Und in welchem war Felian gewesen?

Silvester war für mich ein Tag wie jeder andere. Da ich schon Weihnachten frei gehabt hatte, musste ich in dieser Nacht arbeiten. Da in der Umgebung des Krankenhauses Silvesterknaller verboten waren, bekam ich vom Jahreswechsel auch kaum etwas mit. Wenn ich hin und wieder Zeit hatte, schaute ich aus dem Fenster und konnte, wenn ich Glück hatte, vereinzelte Raketen am Horizont erkennen. Den Knall dazu konnte ich kaum hören.
Im gesamten Krankenhaus wurden im neuen Jahr winzige und hässliche Glücksschweinchen verteilt. Auf der Kinderstation war dieser Gedanke vielleicht ganz nett gemeint, aber was sollten die ganzen alten Leute, die an Kabeln und Schläuchen dahin vegetierten denn mit dem in Form gedrücktem Marzipan anfangen?! Es war schon fast lächerlich, als ich um fünf Uhr in der Früh, kurz vor Schichtende die Schweinchen verteilte. Dreiviertel der Patienten musste ich ihren Glücksbringer nur wortlos auf den Tisch stellen. Sie schliefen oder dösten in der Dunkelheit. Die meisten hatten schwere Unfälle hinter sich oder litten an einer unheilbaren Krankheit. Glück hätten sie zuvor gebraucht, jetzt war es zu spät.
Bei dem ehemaligen Komapatient angekommen war ich überrascht, als ich ihn wach vorfand.
„Das Krankenhaus schenkt Ihnen einen kleinen Glücksbringer“, verkündete ich und hielt das lächerliche Marzipanschwein hoch.
„Glück ist etwas, was ich in meinem Leben noch nie gehabt habe“, war seine einzige Antwort dazu.
„Mir geht es ähnlich“, erwiderte ich deprimiert, stellte das Schwein trotzdem auf das Wägelchen neben seinem Bett.
„Hast du es auch nicht mal geschafft, dich selbst umzubringen?“
„Nein… Nein, ich habe nicht versucht, mich zu töten.“
„Sondern?“
„Vielleicht muss aber jemand anderes sterben.“ Ich zuckte mit den Schultern, versuchte möglichst gleichgültig zu wirken. Nicht, dass der Patient möglicherweise etwas ausplauderte. Aber wem sollte er denn schon von dem Pfleger mit den Mordgedanken erzählen? Besuch bekam er nie und ein Arzt würde ihm nach der langen Zeit, die er im Koma gelegen hatte, sowieso nicht glauben.
Wortlos verließ ich das Zimmer. Meine Schicht war vorbei. Zeit, um nach Hause zu gehen.

Ein neues Kapitel noch, dann ist das Wochenende eh schon wieder vorbei. Die nächsten Kapitel werden dann wahrscheinlich erst in einer Woche kommen.

Es dauerte noch eine Woche, ehe sich Felian bei mir meldete. Ich dachte schon, ich wäre bei ihm schon völlig abgeschrieben. Aber als ich gerade unter der Dusche stand, klingelte mein Handy. Notdürftig trocknete ich mich ab, setzte mich nackt auf den geschlossenen Klodeckel und ließ mein Herz einen Sprung machen, als ich den Namen auf dem Display lesen konnte.

„Hey Korbinian“, meldete Felian sich, „ich wollte dir ein gutes neues Jahr wünschen. Ich bin schon sehr spät dran, tut mir leid.“
„Dankeschön, dir auch.“ Meine Stimme klang ein wenig kühl und das, obwohl ich mit Felian telefonierte.
Einen Moment herrschte Stille, dann versuchte er wohl mit Müh und Not ein Gespräch in Gang zu setzen: „Was machst du denn gerade so?“
„Ich war gerade duschen“, meinte ich.
„Ah okay. Ich selbst komme gerade vom Einkaufen zurück.“
„Wohnst du jetzt eigentlich wieder bei Vitus?“ Natürlich wusste ich die Antwort schon, aber ich musste ahnungslos wirken. Außerdem war ich neugierig, was Felian mir berichten würde.
„Ähm, ja, das tue ich.“
„Hat er dich also wieder aufgenommen?“
„Ja, das hat er. Am Anfang hatten wir ein wenig Startschwierigkeiten, aber es läuft jetzt immer besser zwischen uns. Es ist schon fast wieder so wie früher.“ Seine Stimme klang ein wenig entschuldigend, als hätte er ein schlechtes Gewissen mir das zu sagen.
„Und das er dich betrogen hat, ist jetzt völlig vergessen?“
Felian seufzte tief. „Ich glaube ihm mittlerweile. Er hat mir so oft bewiesen, dass er mich wirklich liebt.“
„Na dann.“
Das Gespräch verstummte für einen Augenblick.
„Ich wollte dich noch was fragen…“ Felian wirkte zögerlich.
„Ja?“
„Sana, Vitus und ich wollen übernächstes Wochenende nach Bayern fahren. Eigentlich Ski fahren, aber da Vitus noch nie auf Brettern gestanden ist, werden wir hauptsächlich Schlitten fahren. Wird hoffentlich trotzdem lustig werden. Ähm, hättest du denn Lust, mitzukommen?“
„Und Vitus ist auch dafür, dass ich dabei bin? Ist er nicht total sauer auf mich?“
„Ähm…“ Langsam regten mich die vielen ‘Ähms’ bei Felian auf, „wir haben bisher nicht wirklich über dich gesprochen. Und zuvor hat Vitus dich auch recht gerne gemocht. Und ich fände es ganz schön, wenn unser Kontakt nicht komplett abbricht, sondern wir Freunde bleiben können.“
„Und wann würde es los gehen?“
„Am Freitag,“ fuhr Felian fort, „wir würden ganz früh losfahren und hätten dann zwei Übernachtungen in einem kleinen Hotel. Wir haben zwei Zimmer schon reserviert, aber wir haben gleich gefragt, ob noch ein drittes Zimmer frei wäre.“
„Ihr fährt mit dem Auto, oder?“
„Ja genau, Vitus und ich. Wärst du denn dabei? Oder musst du an diesem Wochenende arbeiten?“
„Nein, ich hätte schon Zeit.“
„Sehr schön! Hast du überhaupt Lust, mit uns in die Berge zu fahren?“
„Natürlich.“ Ich grinste schief. Und wie große Lust ich hatte, das Wochenende mit Vitus zu verbringen. Vielleicht würde der Hellblonde dabei ja von seinem Schlitten katapultiert werden und über die Klippen stürzen.
„Wirklich?“
„Ja sicher.“
„Cool. Wie machen wir es dann? Sollen wir dich zuhause abholen?“
„Können wir so machen.“
„Wir planen, so gegen vier Uhr nachts loszufahren, wir wären also gegen viertel Nach bei dir. Wäre dir das denn recht?“
„Nur zu.“
„Gut. Freut mich, dass du dabei bist, Korbinian.“
„Ja, mich auch.“
„Bis dann. Und viel Spaß in der Arbeit.“
„Danke, dir auch in der Uni.“
„Oh, ich war schon lange nicht mehr in der Uni gewesen“, kicherte er, „ich werde das Semester wiederholen. Es ist so viel passiert, dass ich gar keine Zeit zum Lernen hatte. In diesem Jahr wird das hoffentlich besser werden.“
„Wird schon“, versuchte ich ihn aufzumuntern.
„Das denke ich mir auch. Also, wir sehen uns Korbinian.“ Er klang jetzt viel entspannter und erleichterter als am Anfang.
Ich legte mein Handy, nachdem er aufgelegt hatte, auf dem Waschbeckenrand. Ein Kurzurlaub stand an. Und Felian wollte mich dabei haben. Na also, ich war noch nicht aus dem Rennen. Vitus würde bald endgültig Geschichte sein.

Am Abend vorher ging ich früh ins Bett. So früh aufstehen zu müssen machte mir gar nichts aus. Ich war es gewohnt, zu unmöglichen Zeiten aus dem Bett zu müssen und nächtelang durchzuarbeiten.
Um halb vier klingelte mein Wecker. Draußen war es stockdunkel. Ich stieg unter die Dusche und föhnte ausgiebig meine Haare. Hoffentlich beschwerten sich meine Nachbarn über den nächtlichen Lärm nicht. Aber eigentlich war es mir auch egal.
Zum Frühstück schmierte ich mir ein Brot mit Butter und trank eine Tasse Kaffee auf Ex. Dann war es eigentlich auch schon Zeit. Felian würde bald ankommen. Mein Koffer war schon fertig gepackt und stand startklar neben meiner Türe. Viel hatte ich für die zwei Tage sowieso nicht mitgenommen. Ich war seit einem Jahr nicht mehr in Bayern gewesen. Sollte ich vielleicht einen kleinen Abstecher zu meinem alten Zuhause machen? Würde ich meinen Vater überhaupt sehen wollen? Ich glaubte nicht, dass wir Themen finden würden, über die wir uns unterhalten könnten.
Fünf Minuten drauf klingelte es tatsächlich an meiner Wohnungstüre. Es war komisch, Felian wieder in die Augen zu sehen. Auch er wirkte ziemlich nervös. Das erste, was mir auffiel, war, dass seine Haare schon wieder anders aussahen. Anscheinend hatte ihm Vitus, kaum dass er zu ihm zurückgekehrt war, eine neue Frisur verpasst.
„Bist du startklar?“, grinste er.
„Sicher doch.“ Ich deutete auf meinen Koffer.
„Dann komm mit.“
Gemeinsam stapften wir die Treppe hinunter, ich schleppte meinen Koffer.
Ihr Wagen stand direkt vor der Haustüre. Vitus saß hinter dem Steuer und tippte in seinem Handy. Hinter dem Beifahrersitz konnte ich Sana erkennen, die sich in Decken eingerollt hatte. Felian half mir, den Kofferraum zu öffnen und mein Gepäck zwischen den anderen Koffern und Rucksäcken zu verstauen.
Dann setzte ich mich zu der jungen Frau auf die Rückbank, die ihren Kopf gegen die Scheibe gelehnt hatte. Sie begrüßte mich nur mit einem Nicken, Vitus rang sich wenigstens zu einem kurzen „Guten Morgen“, durch.
Ich war gespannt, wie die beiden sich mir gegenüber verhalten würden. Vitus war sicherlich nicht gut auf mich zu sprechen und Sana hatte mich beim Weihnachtsfest auch recht komisch behandelt.
Ich schnallte mich an und Vitus lenkte den Wagen zurück auf die Straße.
„Schaltest du schon mal das Navi ein, Schatz?“, bat er seinen Freund.
Ich musste jetzt schon fast kotzen.
Felian beugte sich sofort nach vorne und tippte auf das Navigatiosgerät, das an der Scheibe befestigt war. „600 Kilometer haben wir zum Fahren, na dann viel Spaß, Freunde.“
Vitus gähnte. „Und dabei bin ich jetzt schon müde.“
„Du sagst mir Bescheid, wenn du genug vom Fahren hast, okay, Schatz? Dann wechseln wir uns ab.“
„Natürlich.“
Jetzt fing auch noch Felian mit diesem Kosenamen an. Mich hatte er nie so genannt.

Die Fahrt war eintönig und langweilig. Da Sana schlafen wollte, durften wir nicht einmal das Radio anschalten und Musik hören. Felian und Vitus wechselten sich alle Stunde mit dem Fahren ab. Mich fragten sie nie, ob ich mich auch hinter das Steuer setzen wollte.
Schon seit Stunden rasten wir über die Autobahn. Zum Glück lag in diesen Teilen Deutschlands kein Schnee, aber immer wieder fing es zum Regnen an. Immerhin kamen wir in keinen Stau.
Als die Sonne aufging machten wir die erste längere Pause. Sana musste dringend aufs Klo und Felian sehnte sich nach einer Tasse Kaffee.
Es war eine kleine Autobahnraststätte mit wenig Parkplätzen. Vitus und Sana verschwanden auf die Toiletten, während ich mich mit Felian an einem Imbissstand anstellte.
„So langsam habe ich genug vom Fahren“, verriet er und streckte seine Arme.
„Ich kann es auch kaum erwarten, endlich anzukommen.“ Es freute mich, dass Felian ganz normal und ungezwungen mit mir redete.
„Ich freue mich wieder nach Bayern zu kommen. Es ist schon so lange her, dass ich das letzte Mal dort war.“
„Mir geht es ähnlich.“
„Wirst du deine Familie besuchen? Ich meine, wir sind nicht allzu weit entfernt von ihnen.“
„Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht, aber ich weiß es noch nicht. Ella habe ich erst wieder gesehen, ansonsten gibt es nur meinen Vater und zu dem war der Kontakt nie wirklich gut. Aber vielleicht gehe ich zum Grab meiner Mutter.“
„Das wäre bestimmt eine gute Idee. Ich habe letztens Christina in Facebook gesucht und sie angeschrieben. Erinnerst du dich an sie? Leider hat sie nicht geantwortet.“
„Ja genau, sie war deine beste Freundin gewesen.“
„Das stimmt. Leider hat der Kontakt trotzdem nicht gehalten.“
„Zwischen mir und ihr auch nicht.“
„Das wollte ich dich gerade fragen. Du hast nicht mehr ihre Handynummer oder so?“
„Nein, schon seit langem nicht mehr.“
„Schade.“
Endlich löste sich die Schlange vor uns auf und wir erreichten die Theke. Felian bestellte sich einen Becher Kaffee und eine Butterbreze. „Ich habe keinen großen Hunger“, erwähnte er, „aber Vitus möchte bestimmt ein paar Krapfen haben.“ Er kaufte also noch zwei dieser Gebäckstücke und dazu einen Becher Tee. Natürlich war es Hagebutte, eine Teesorte, die ich weder riechen noch sehen konnte. Aber so passte sie zu Vitus.
Für mich gab es auch nur eine Breze und eine einfache Flasche Wasser. Mich grauste es schon davor, mich wieder in das kleine Auto zu quetschen.
Sana stand am Ende der kleinen Schlange, sie winkte uns kurz zu. Vitus dagegen stand an den Wagen gelehnt. Felian drückte ihm den Pappbecher mit Tee und die Brotzeittüten entgegen. Als Dank küsste Vitus ihn auf die Stirn.

Und schon wieder saßen wir zusammengedrängt im Auto. Felian saß jetzt hinter dem Lenkrad, auf dem Schaltknüppel hielt er Händchen mit Vitus. Das war genug für meine Augen.
Wenigstens durften wir jetzt Musik hören, Sana hatte wohl auch ausgeschlafen. Nur leider kam keine anständige Musik. Vitus wechselte dauernd die Radiosender und wir hörten somit abwechselnd Adele, Rihanna und Ed Sheeran. Keiner der drei Sänger hatte es mir sonderlich angetan, also hätte ich am liebsten wieder auf das Radio verzichtet.
Ich war wohl doch ein wenig eingenickt, denn ich schreckte auf, als um mich herum Türen krachten.
„Korbinian, aufwachen.“ Felian hatte meine Autotüre auch geöffnet und lachte mich an.
„Bin ich tatsächlich eingeschlafen?“, gähnte ich. Ich konnte es kaum fassen.
„Ja und das seit zwei Stunden. Wir sind endlich da.“
Ich gähnte nochmal. „Wie spät ist es denn?“
„Wir haben jetzt halb zehn. Ohne Stau sind wir recht schnell nach Garmisch gekommen. Wir holen uns jetzt schnell unsere Zimmerschlüssel und dann geht es auch schon auf zum Berg.“
„Wo bekommen wir denn eigentlich unsere Schlitten her?“, stellte ich eine wichtige Frage. Im Kofferraum waren nämlich keine gewesen und ich hatte auch keinen alten Holzschlitten zuhause stehen gehabt.
„Das Hotel leiht uns welche aus, das stand auf jeden Fall auf ihrer Webside.“
„Sehr gut.“ Ich schwang endlich meine eingeschlafenen Beine aus dem Auto.
Vitus lud gerade meinen Koffer aus.
„Dankeschön“, erwiderte ich, als er mir mein Gepäckstück in die Hand drückte, dann schaute ich zu, dass ich so schnell wie möglich wieder von dem Blonden verschwand. Ich war nicht erpicht darauf, mich mit ihm zu unterhalten.
„Schaut mal, da ist die Skischanze“, aufgeregt zeigte Sana in die Ferne.
„Ist ja cool“, staunte Vitus, „ich habe die ein paar Mal im Fernsehen gesehen.“
„Ich war schon mal hier gewesen“, verkündete Felian, „mit Jerome bin ich damals in die Partnachklamm gegangen.“
„Was ist denn das?“, fragte Vitus, „und wer ist eigentlich Jerome? Den Namen habe ich schon mal gehört.“
„Das sind ziemlich coole Schluchten, die weltbekannt sind. Und Jerome ist mein Exfreund, den ich früher hier in Bayern hatte.“ Er grinste seinen neuen Freund verlegen zu.
„Und dieser Jerome lebt immer noch hier?“
„Nein, er ist Amerikaner und wieder in seiner Heimat.“
„Ach so, okay.“
War Vitus etwa eifersüchtig? Das gefiel mir ganz und gar nicht.

Zu viert machten wir uns auf den Weg zu unserem Hotel. Es war ein ganz einfaches Drei-Sterne Hotel mit Blick auf die Berge. Die Lobby war sehr einfach und unkompliziert eingerichtet, aber ich brauchte auch keinen Luxus.
Felian unterhielt sich mit der Empfangsdame, die unsere Ausweise kontrollierte und unsere Namen in ihren PC eingab. Dann überreichte sie uns drei altmodische Zimmerschlüssel, Felian und Vitus bekamen natürlich einen zusammen.
„Und wo können wir uns die Schlitten ausleihen?“ Sana beugte sich weit über die Tresen.
„Die Schlitten stehen bei dem Ski im Schuppen rechts vom Parkplatz. Mein Kollege wird Sie später genau über die Kosten und das Pfandsystem informieren.
„Sehr gut, Dankeschön.“ Sana nickte.
„Na, dann dann, auf zu unseren Zimmern“, befahl Felian und winkte mit den Schlüsseln.
Ich konnte seine Zimmernummer erkennen und mit großer Freude stellte ich fest, dass mein Zimmer genau neben ihrem war. Besser konnte ich es ja gar nicht haben.
Wir schleppten unser Gepäck zum Aufzug und fanden uns dann zusammengedrängt in dem kleinen Lift vor. Scheppernd und krachend wurden wir in den dritten Stock befördert.
Mein Zimmer war gleich das erste vom Gang, das des Liebespaares lag tatsächlich genau neben an. Sanas Schlafmöglichkeit befand gegenüber. Ich sperrte mein Zimmer auf und sah mich um. Es war ein einfaches Hotelzimmer mit sehr viel Holzdekoration. An den Wänden hingen hauptsächlich Bilder von bekannten Skispringern und von den Bergen.
Leise klopfte ich gegen die Wand zwischen meinen und Felians Zimmer. Mit Freude stellte ich fest, dass es nur eine dünne Rigips Wand war. Ich würde also alles hören, was Felian und Vitus so sagten.
Perfekt.

Ich machte mir nicht die Mühe, meinen Koffer groß auszuräumen. Ich wechselte nur meine Schuhe und kramte Mütze, Schal und Handschuhe aus den Tiefen. Wie die anderen schon verkündet hatten, führte unser erster Weg auf die Piste.
Fertig und warm angezogen traf ich im Gang auf die anderen. Felian trug eine hellgrüne Daunenjacke. Sie sah an ihm echt niedlich aus. Vitus dagegen war komplett in schwarz gehüllt.
„Ich kann es kaum erwarten“, jubelte Felian und zog seinen Freund aufgeregt am Handgelenk schon wieder in Richtung Aufzug. Ich folgte ihnen eher langsam. Ich war seit Jahren nicht mehr Schlitten fahren gewesen und erst recht nicht in den Bergen. Ein wenig Respekt hatte ich davor schon. Ich wollte mich nicht verletzen, Vitus sollte es.
Es dauerte nicht lange und schon hatte jeder von uns einen einfachen Holzschlitten unter dem Arm geklemmt.
„Wo müssen wir jetzt eigentlich hin?“ Sana wirkte ratlos.
„Ich habe vorhin ein Schild gesehen, auf dem ein Sessellift abgebildet war“, verkündete Vitus, „das war dort hinten gewesen.“
Das verliebte Pärchen schritt voraus, ich folgte mit langsamen Schritten.
Ein Kilometer später standen wir tatsächlich an einem solchen Lift.
„Bist du schon mal Sessellift gefahren?“, fragte Felian seinen Freund.
„Nein, wo denn auch? In Berlin gibt es solche Berge nicht.“
„Es ist ganz einfach. Du stellst dich einfach hin und wenn der Sitz hinter dir angefahren kommt, setzt du dich einfach drauf. Der Bügel geht dann von alleine zu.“
„Na, wenn du das sagst.“ Vitus sah seinen Freund ein wenig zweifelnd an.
„Keine Angst.“ Felian drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen.

Wir stellten uns alle vier in eine Linie, Vitus blickte immer wieder nervös um seine Schulter. Und als der Lift unsere Kniekehlen rammte, flogen wir quasi zurück in die weichen Sitze. Ich saß direkt neben Vitus, ich konnte sein stinkendes Parfum riechen.
Ein Mitarbeiter befestigte noch schnell die Schlitten an der Rückseite und schon schloss der Bügel und wir wurden durch die Luft getragen.
„Ich habe ganz vergessen, dass ich Höhenangst habe“, jammerte Sana und vergrub ihr Gesicht in den Handschuhen.
„Ach was, das ist doch richtig cool.“ Vitus hatte sich weit nach vorne gebeugt und schaute auf den weit entfernten Boden. Hoffentlich stürzte er ab. Wir waren bestimmt zwanzig Meter weit in der Höhe und der Boden unter uns war mit hartem Schnee und Eis bedeckt. Es würde kein Spaß sein, zwischen den Baumwipfeln auf den Boden zu knallen.
Leider überlebte Vitus die Fahrt und wir kamen zwischen vielen Skifahrern auf der Piste an.
„Da kommt man sich ganz schön blöd vor, wenn man dann nur mit seinem Schlitten da steht“, murrte Vitus.
„Ach, Felian wird dir schon noch das Ski fahren beibringen“, lachte Sana, „unser Vater war früher im Winter jedes Wochenende auf den Brettern gestanden.“
„Genau“, stimmte Felian ihr zu, „Ski fahren tun wir nächstes Jahr.“

Abseits von den Skipisten befanden sich die Bobbahnen. Am Anfang hatte ich befürchtet, dass wir dort nur Kinder antreffen würden, aber dieser Teil des Berges war auch mit Erwachsenen gut gefüllt, trotzdem waren viel weniger Menschen dort als an den Skipisten.
„Drei Kilometer Abfahrt“, grinste Sana, als sie ein Schild entdeckte, „das wird ein Spaß werden.“
„Passt aber auf, es geht teilweise echt stark bergab. Es haben sich schon viele Leute dabei verletzt“, bemerkte Felian.
Na sehr gut, hoffentlich war Vitus das nächste Opfer.
„Wettrennen?“, fragte Sana im nächsten Augenblick und setzte sich sofort auf ihren Schlitten.
„Darauf kannst du Wetten, Schwesterchen.“ Felian war sofort bei ihr. Vitus saß auch schon auf seinem Schlitten.
„Korbinian, kommst du?“ Ich hasste es, wenn Vitus mich anredete, also bugsierte ich meinen Schlitten nur wortlos neben den anderen dreien und auf Kommando stießen wir uns alle gleichzeitig ab.
Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine enorme Geschwindigkeit drauf. Viel schneller als es mit Skiern möglich war. Felian war schon längst am Horizont verschwunden, Sana dagegen hatten wir alle überholt. Nur Vitus war direkt vor mir.
Ich lehnte mich auf meinem Holzgefährt ganz nach vorne, um noch schneller zu werden. Endlich gelang es mir, ich rammte Vitus Schlitten. Dieser geriet ins Straucheln und verlor an Richtung. Er kam zwei Tannenbäumen, die abseits der Schlittenstrecke standen, gefährlich nahe. Ob er wirklich dagegen prallte, konnte ich leider nicht erkennen, ich war zu schnell an ihm vorbei.

Am Fuß des Berges traf ich auf Felian. Seine Mütze hing ihm schief im Gesicht und der Knoten seines Schales hatte sich gelöst. Trotz alldem hatte er ein breites Grinsen im Gesicht.
„Das war richtig cool“, jubelte er mir zu, „ich habe gewonnen.“
„Ja, du warst richtig schnell“, stimmte ich ihm zu, „mal schauen, wann die anderen kommen.“ Wenn Vitus überhaupt ankommen würde… Vielleicht mussten wir ihn später aus Ästen und Zweigen befreien.
Sana erschien lachend und strahlend bei uns und wenig später leider auch Vitus. Dieser sah eher aus wie ein Schneemann. An seinem gesamten Mantel und auch in den Haaren klebte der nasse Schnee. Anscheinend hatte er wirklich einen Abgang vom Schlitten gemacht.
„Du hast mich gerammt“, rief er mir schon vom Weiten entgegen.
„Sorry, war keine Absicht. Ich konnte nicht steuern.“ Ich versuchte ein verlegenes Gesicht aufzusetzen.
„Kein Thema, ist ja nichts passiert. Aber das gibt eine Revanche“, drohte er uns an.
Felian klopfte die Schneemassen aus der Kapuze seines Lieblings.
„Kommt schon, ich will nochmal“, befahl Sana und joggte den Schlitten hinter sich herziehend durch den hohen Schnee zurück zur Sesselbahn.

Drei weitere Abfahrten später waren wir alle durchgefroren. Vitus zitterte am meisten. Kein Wunde, der ganze Schnee, der ihm bei seinem Sturz in den Mantel gefallen war, war schon längst geschmolzen und seine Klamotten waren pitsch nass.
Ich wollte unbedingt durchsetzen, dass wir noch eine Abfahrt machten, doch Felian widersprach mir. Sein Baby würde sich noch erkälten, wenn er weiter zittern würde.
Na, das wäre doch super. Vitus sollte doch todkrank werden. Und wo würde das besser funktionieren als im Schnee?!
Aber wie immer wurde ich überstimmt und trottete mühsam den Weg zum Hotel zurück. Wir gaben die Schlitten zurück, Vitus war der erste, der im Hotelzimmer verschwand. Als Felian, Sana und ich kurz später folgten, hörten wir aus seinem Zimmer schon die Dusche laufen.
„Dann treffen wir uns in einer halben Stunde unten beim Abendessen, oder?“, schlug Felian vor, die Türklinke schon in der Hand.
„Eine halbe Stunde? Seid ihr wahnsinnig?“
„Wieso, schon so Hunger?“, wunderte dieser sich.
„Ne, ich hab vor, meine Haare waschen und die sind unter einer Stunde im Leben nicht trocken.“
„Hast du denn keinen Fön dabei?“
„Ich föhne meine Haare nicht, sonst schaue ich aus wie ein Handbesen.“
Felian verdrehte die Augen. „Schwesterchen, wir sind mitten in den Bergen und nicht auf dem Kudamm.“
„Na und? Aber sehr viele hübsche Skifahrer, vor denen ich nicht aussehen möchte wie ein Aschenputtel. Außerdem warst früher du doch derjenige, der stundenlang das Bad blockiert hat.“
Oh ja, im Badezimmer blockieren war Felian besonders gut, davon konnte ich Lieder singen.
„Okay, in einer Stunde treffen wir uns unten, keine Sekunde später“, gab Felian nach.
„Perfekt.“ Schon war das Mädel in ihrem Zimmer verschwunden und auch Felian drückte endlich die Klinke hinunter. Nur ich blieb alleine im Flur zurück.
Den Kurzurlaub hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte mir gewünscht, dass Felian mir mehr Beachtung schenken würde, stattdessen klebte er nur an Vitus. War es ihm wirklich so egal, dass sein Freund ihn betrogen haben soll oder hatte er es glatt vergessen? So, wie er den Hellblonden die ganze Zeit anstrahlte, könnte man meinen, er sei ein vierzehnjähriges Mädel, das zum ersten Mal einen Schwarm gefunden hatte. Zum Kotzen war das. Ich war doch nicht aus Spaß mitgefahren, sondern um endlich einen endgültigen Keil zwischen Felian und Vitus treiben zu können. Es sah aber nicht so aus, als würde es mir diesen Urlaub noch gelingen. Am liebsten hätte ich Vitus noch dreimal von seinem Schlitten gerammt, doch dann wäre es auffällig geworden. Bei der letzten Abfahrt war er lachend mit Felian voraus gefahren und sie hatten sogar noch versucht, auf dem Berg Händchen zu halten. Ich war direkt hinter ihnen gewesen und hatte dies mitansehen müssen.

Ich verschwand ebenfalls in meinem reserviertem Zimmer, sprang aber nicht gleich wie die anderen unter die Dusche. Mein Magen grummelte schon und trotzdem musste ich noch eine Stunde warten, ehe wir uns endlich zum Abendessen setzen konnten. Wieso brauchten die alle nur immer so lange im Badezimmer?! Felian hatte, als er noch bei mir gewohnt hatte, oft dreimal am Tag geduscht. Musste das denn sein? Mich würde interessieren, ob er es in Vitus Haus genauso machte. Dort versteckte er sich bestimmt nicht stundenlang hinter der geschlossenen Tür. Nein, also wenn Vitus bald ein für alle Mal weg war und Felian wieder bei mir schlafen würde, würden wir mehrere längere Gespräche führen müssen. Ich wollte, dass unsere Beziehung dann besser funktionierte. Mehr Küsse, mehr Kuscheln und Sex anstatt einsame Stunden auf der Couch.
Ich suchte mir mein schönes Hemd aus dem Koffer, das ich extra eingepackt hatte. Felian sollte mich nicht den ganzen Tag in den dicken Pullovern bewundern müssen.
Ich stieg dann doch kurz in die Dusche, schäumte mich mit viel Duschgel ein und verbrachte anschließend doch sehr viel Zeit vor dem Spiegel. Statt meine Haare einfach nur ein bisschen in die Höhe zu föhnen, probierte ich heute was neues aus. Ich ließ sie über Kopf trocknen und verwuschelte sie dann mit meinem Kamm. Noch etwas Haarspray und fertig war die neue Friese auf meinem Kopf. Sah gar nicht so schlecht aus und vielleicht würde Felian meine neue Frisur sogar auffallen. Dass Vitus mir die Haare geschnitten hatte, war schon wieder Monate her und ich hätte dringend wieder jemanden mit diesen Künsten gebraucht. Aber lieber würde ich diesmal sterben, als das Vitus noch einmal meine Haare anfassen dürfte.

Dann musste ich etwas ausprobieren: Ich setzte mich auf mein Einzelbett, das ganz an der Wand stand und drückte mein Ohr fest gegen die dünne Wand. Ich konnte leise Stimmen hören, dann ein kurzes Lachen. Tatsächlich, es war Felian. Wenn ich mich ganz fest anstrengte, konnte ich sogar hören, was er sagte. Sie unterhielten sich gerade über das Abendessen, anscheinend hatte er schon genauso großen Hunger wie ich. Leider ertönte kurz darauf das laute Brummen eines Gerätes. Als erstes vermutete ich, dass sie auch den Föhn zum Laufen gebracht hatten, merkte dann aber, dass das Geräusch eher von einem elektrischen Rasierapparat stammte. Mhm, welche Stellen an seinem Körper Felian wohl gerade rasierte? Sein Gesicht war heute kein bisschen stoppelig gewesen. Oder war es etwa Vitus, der das Gerät in der Hand hielt? Dann wollte ich das gar nicht so genau wissen.
Ich blieb verträumt auf meinem Bett sitzen und lauschte. Viel Interessantes hörte ich leider nicht, aber ich war auf später gespannt. Vielleicht würde ich in der Nacht etwas von mehr Bedeutung zu hören bekommen.
Ich zuckte zusammen, als es an meiner Tür klopfte. „Korbinian, bist du auch schon fertig?“, rief Sana von außen.
Die Stunde war doch relativ schnell vergangen, umso besser. Mein Magen knurrte schon heftig.
Am Flurende sah ich schon Felian und Vitus Hände haltend zu den Treppen marschieren. Felian trug nur ein T-Shirt, sein Freund war wieder in dicke Kapuzenpullis gehüllt. Sana sah eigentlich gleich aus wie zuvor, sie hatte nur noch mehr Schminke im Gesicht. Konnte Felian seiner Schwester nicht mal sagen, wie bescheuert dieser Barbie-Look aussah?!
Aber dann, schnell dem Liebespaar hinterher.

Im Erdgeschoss befand sich das hoteleigene Restaurant. Für uns war ein Tisch am Fenster reserviert. Ich rutschte auf der Eckbank ganz in die Ecke, Sana ließ sich neben mich fallen. Vitus hatte ich direkt gegenüber. Ich musste ihm die ganze Zeit direkt ins Gesicht sehen.
Die Bedienung brachte uns die Speisekarten. Es gab hauptsächlich bayrische Gerichte, wie sehr ich das vermisst hatte. Meine Auswahl war schon gefallen. Schweinerippe und Sauerkraut. Bayrischer ging es nicht mehr. Nur Sana hatte etwas zum Meckern. Zum Vierten Mal blätterte sie durch die Seiten.
„Hinter dir ist auch ein Salatbuffet“, wies Felian sie hin, „wenn du sonst nichts findest, dann iss doch einen Tunfischsalat oder so.“
„Lass mich doch noch schauen, dräng mich nicht so“, meckerte seine Schwester.
„Wir haben alle Hunger, Sana.“ Felian klimperte schon mit dem Besteck.
„Dann bestellt doch schon mal.“
„Machen wir auch.“ Felian streckte seine Hand und winkte der Kellnerin zu.
Bis diese endlich an unseren Tisch kam, hatte sich Sana doch endlich entschieden.
„Ich nehme jetzt die Spinatknödel“, informierte sie, „und ihr seid Schuld, wenn die nicht schmecken.“
„Wieso sollten die nicht schmecken? In Bayern sind Knödel doch ein Nationalgericht, oder?“ beteiligte sich Vitus wenig interessiert an diesem Gespräch.
„Ach, Sana hat halt einfach schlechte Laune“, Felian verdrehte die Augen, „das hat sie hin und wieder. Auffällig oft Mitte des Monats.“
„ich bin nicht schlecht gelaunt“, murrte Sana, „mir ist bloß kalt.“
„Kalt? Hier drinnen? Wir sitzen direkt neben einer Heizung.“
„Nicht nur hier. Mir ist überall kalt. Ich vermisse Berlin.“
„In Berlin ist es auch Winter.“ Felian musste seiner Schwester einfach widersprechen.
„Ja, aber wir haben bei Weitem nicht so viel Schnee wie hier.“
„Tja, Schwesterchen, wir sind halt in den Bergen. Und als Kind hat es dir auch wenig ausgemacht.“
„Ja, als Kind schon. Jetzt bin ich aber ein Stadtmensch geworden.“
„Das sieht man dir auch an“, Felian kicherte.
Als Antwort schlag sie ihr Halstuch nur noch enger um den Hals.
„Also ich bin begeistert von hier.“ Vitus lehnte sich bequem gegen seine Eckbanklehne.
„Ja?“ Felian warf ihm einen verliebten Blick zu.
„Absolut. Ich finde es eher schade, dass wir morgen schon wieder zurückfahren.“
„Ja, aber erst am Abend. Wir müssen noch besprechen, was wir morgen machen werden.“
„Wir könnten ja in diese Klamm gehen, von der du gestern gesprochen hast.“ Vitus nahm der Kellnerin unsere Getränke entgegen, die sie gerade an unseren Tisch brachte.
„Welche meinst du denn?“ Einen Moment lang schien Felian verwirrt zu sein.
„In der, mit der du damals mit deinem Ex warst.“ Vitus Stimme hatte einen komischen Ton angenommen und er warf mir einen kurzen, undefinierbaren Blick zu.
Sein Freund schien davon aber nichts mitbekommen zu haben. „Super, das machen wir. Ich war im Sommer da gewesen und da war es voll von Touristen. Jetzt im Winter ist es bestimmt besser. Kommt ihr auch mit?“
„Ich glaube nicht“, Sana zögerte, „ich hab eher Lust, mir Garmisch anzuschauen.“
„Du willst mal wieder Shoppen gehen?“
„Na und?“ Sana zuckte mit den Schultern, „ich will schon ein paar Souvenirs haben.“
„Na gut. Und was hast du vor, Korbinian?“
Ich seufzte: „Ich glaube, ich hab doch vor, meinen Vater zu besuchen.“
„Ja?“
„Ich bin mir noch nicht sicher, aber ich glaub schon. Ich weiß nicht, ob er sich freuen würde.“
„Bestimmt“, entgegnete Sana, „oder habt ihr euch gestritten?“
„Nein, das nicht. Unser Verhältnis ist nun mal…, wie soll ich sagen…?, komisch.“
„Trotzdem freut er sich bestimmt, dich zu sehen.“ Felian prostete mir mit seinem Spezi zu, „wenn du willst, dann können wir dich Morgen zum Bahnhof fahren. Ich würde an deiner Stelle aber zuvor schauen, ob und wann ein Zug fährt. Bei dem vielen Schnee können die schon mal ausfallen.“
„Danke, mach ich.“
„Wisst ihr, was wir auch noch machen müssen?“ Vitus grinste in die Runde, „ein ganz typisch bayrisches Bier zusammen trinken.“
„Oh ja“, Felian lachte, „Augustiner und Paulaner, die besten Biersorten der Welt.“

Als endlich unsere Gerichte kamen, verstummten die Gespräche erstmal. Das Schlittenfahren hatte uns echt hungrig gemacht. Felian hatte sein Jägerschnitzel in Rekordzeit vernichtet und auch Vitus löffelte nur noch die letzten Soßenreste aus seinem Teller. Er hatte sich sogar in dieser Wirtschaft ein veganes Essen zusammenstellen können. Ich hatte mir eher gehofft, dass er wirklich nur vom Salatbuffet leben müsste.
Nur Sana hatte noch ein halbes Pilzomelett vor sich.
„Schmeckt es dir nicht so?“, fragte Felian mit hochgezogenen Augenbrauen. Hoffte er etwa darauf, ihr Essen auch noch vernichten zu können? Sein Appetit war wieder zurückgekommen. Bei mir hatte er immer nur wenig gegessen.
„Doch, doch, es ist echt lecker. Mir ist nur so kalt“, jammerte sie.
„Dir ist immer noch kalt?“, Felian wirkte ungläubig.
„Ja, ich hoffe, ich werde nicht krank. Ich bin wirklich total am Zittern.“
„Hol dir doch einen dickeren Pullover,“ schlug Vitus vor, „und vielleicht noch einen Schal.“
„Keine schlechte Idee, am liebsten würde ich hier mit Mütze und Handschuhe sitzen.“ Sie nahm eine Gabel voll Omelett und schien kurz zu überlegen. „Ich glaube, ich renne wirklich schnell hoch ins Zimmer und ziehe mich um. Passt ihr auf, dass die Kellner mein Essen nicht wegtragen?“ Und schon war sie vom Tisch verschwunden.
Felian beäugte den Eierkuchen, am liebsten hätte er sich wohl wirklich ein Stück abgeschnitten. Er war wohl heute unersättlich. Dann ließ er seinen Blick durch die Wirtschaft schweifen und blieb am Salatbuffet hängen.
„Ich hole mir noch einen Salatteller“, stellte er fest, „wollt ihr auch etwas?“
Vitus und ich schüttelten gleichzeitig den Kopf.
„Es stehen bloß im Moment ziemlich viele Leute an“, meckerte er, „aber hilft nichts, ich habe noch Hunger.“ Er rutsche aus der Eckbank und lief zum aufgebauten Buffet.

Vitus und ich blieben alleine zurück. Eine ungemütliche Atmosphäre.
Er nahm einen Schluck von seiner Fanta, räusperte sich, einen Moment glaubte ich, dass er etwas sagen wollte, verstummte dann aber wieder.
Mir war das Recht, ich war wirklich nicht erpicht darauf, mit meinem Erzfeind eine Unterhaltung zu führen.
Er fuhr sich durch seine Haare, nahm noch ein Schluck aus seinem Glas und brachte es dann doch fertig, mich anzusprechen: „Planst du eigentlich, länger in Berlin zu bleiben oder willst du früher oder später hier her zurück?“
„Ich werde in Berlin bleiben.“
„Oh, okay.“ Er schluckte kurz.
„Wieso fragst du?“
„Hat mich nur interessiert.“
„Du wünscht dir, dass ich bald wieder aus deinem und Felians Leben verschwinde, nicht wahr?“ Ich grinste ihn hämisch an.
Vitus schluckte abermals, blinzelte mich an, lehnte sich dann über den Tisch ganz nah zu mich rüber. Er lehnte sein Kinn auf die Handflächen und schaute mir direkt in die Augen: „Jetzt hör mir mal gut zu, Korbinian.“
Ich grinste immer noch, Vitus würde mir keine Angst einjagen.
„Ich weiß nicht was du vor hast und was du genau planst, aber du hältst dich schön aus meinem und Felians Leben raus. Ich kann es kaum erwarten, bis wir dich wieder los sind.“
„Na, das versuch doch mal.“ Ich lachte laut auf, obwohl an dieser Situation gar nichts lustig war. Erst recht nicht für Vitus.
Dieser warf einen kurzen Blick zu seinem Freund, der mit einem Teller in der Hand vor dem Buffet stand, nahm mich aber sofort wieder ins Fixier: „Ich habe es Felian noch nicht gesagt, aber ich bin mir sicher, dass du hinter dem Account steckst, der angeblich von mir sein sollte. Ich bin mir tausend Prozent sicher, dass es von dir inszeniert war, dass du uns auseinander bringen wolltest. Du kannst so froh sein, dass ich es Felian bis jetzt verschwiegen habe. Ich wollte damit warten, bis sich die Wogen zwischen uns wieder komplett geglättet haben. Wenn das aber raus kommt, wirst du in Berlin nichts mehr zu suchen haben. Und noch eines: Felian sucht seit Tagen seinen Verlobungsring. Er ist sich sicher, dass er ihn damals in seinen Koffer gesteckt hat. Ich kann dir also nur dringend raten, dass du ihn wieder raus rückst, Korbinian, sonst kriegst du wirkliche Probleme mit mir.“
Nach diesem Monolog musste ich doch erst mal schlucken: „Du benimmst dich so, als wäre Felian dein Eigentum.“
„Er ist mein Freund. Mein einziger Freund, und zu mir ist er auch freiwillig wieder zurückgekommen. Er ist nicht bei dir geblieben, denn wir beide lieben uns und dich wird es in unserem Leben nicht mehr lange geben. Sei froh, dass Felian so ein gutmütiger Mensch ist und überhaupt noch mit dir redet.“ Diesen Satz zischte er mir leise zu, seine Stimme klang trotzdem gefährlich und drohend.
Felian war wieder auf dem Anmarsch. In seinen Händen trug er gleich zwei Teller, eines gefüllt mit Oliven, das andere mit bunt gemischtem Salat.
Er schwang sich wieder auf seinen Platz, küsste Vitus auf die Wange, was dieser mit einem stolzen Lächeln quittierte und deutete auf die Oliven: „Wollt ihr auch welche?“
„Ich habe noch nie Oliven gegessen.“ Vitus Stimme hatte sich wieder total verändert.
„Du hast noch nie Oliven gegessen?“, wiederholte Felian ungläubig, „dann probier unbedingt eine. Mir sind die grünen normalerweise lieber, aber die haben sie leider nicht da.“
Vitus nahm mit den Fingern eine der Baumfrüchte und biss vorsichtig ein kleines Stückchen ab. „Oh ne, mein Geschmack ist das wirklich nicht“, lachte er, „die sind ja salzig.“ Er legte die angebissene Olive, bei der der Kern zur Hälfte raus schaute, auf das Teller zurück.
„Nicht? Ich esse Oliven schon seitdem ich ein Kind war,“ Felian puhlte den Kern aus der Frucht und schob sie sich in den Mund. Er aß etwas, was Vitus schon zwischen den Zähnen hatte?! Wie widerlich war das denn?
„Willst du auch welche, Korbinian?“ Er schob mir dem Teller entgegen.
Vitus warf mir einen kühlen Blick zu, ich ignorierte ihn und nahm gleich zwei Oliven. Ich war jetzt auch kein Fan dieser grünen Früchte, aber ich musste Felian ja beweisen, dass wenigstens einer hier am Tisch den selben Geschmack hatte wie er.
Sana erschien auch wieder am Tisch. Sie schien bessere Laune zu haben als am Anfang.
Sie setzte sich wieder auf die Eckbank neben mich und nahm ihr Omelett wieder in Angriff. Sie trug tatsächlich einen Schal um die Schultern.
„Was ist jetzt mit unserem Bier? Ich trinke heute ein ganzes Maß voll.“
„Bist du jetzt doch bayrisch geworden“, lachte Felian und Sana stimmte mit ein.
Die beiden ahnten überhaupt nicht, welches Gespräch zuvor an diesem Tisch geführt wurde.

Ich lag alleine im dem umbequemen Einzelbett und starrte in die Dunkelheit. Ich hatte einen so tiefen Hass in mir. Hass auf Vitus. Wie konnte er auch nur daran denken, es Felian zu erzählen?! Wenn er das machen würde, war alles vorbei. Vorausgesetzt, Felian würde ihm glauben, aber da standen die Chancen nicht schlecht. Er himmelte seinen platinblonden Freund geradezu an.
Vitus würde mir alles kaputt machen, er würde mein Leben zerstören. Aber nicht, wenn ich seines zuvor zerstören würde. Vitus musste weg! Weg von Felian, weg vom Leben. Daran führte kein Weg vorbei.

Am Anfang hatte ich Vitus und Felian nur leise reden und lachen gehört. Sie schienen sich beide prächtig zu amüsieren. Jetzt hörte ich aber andere Geräusche. Laute, die mich von Felian alleine angemacht hätten, aber leider war jetzt eine zweite Stimme dabei.
Ich hörte sie keuchen, leise stöhnen und lachen. Und das Bett quietschte im Takt dazu.
Eifersucht machte sich in meinem Körper breit. Ich war derjenige, der mit im Bett liegen sollte! Felian hatte sich so wunderbar unter mir angefühlt, leider war unser Sex nicht einmal im Ansatz zu gut gewesen, wie der jetzt im Nebenzimmer. Felian schien einen mordsmäßigen Spaß zu haben.
Das musste ich ändern! Und zwar schnell. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und tippelte barfuß auf den Flur hinaus.
Ich presste mein Ohr gegen die Zimmertür des sehr beschäftigten Paares, aber von hier aus konnte ich ihre Stimmen eher leiser hören. Ich brauchte noch einen Vorwand, um das Zimmer zu stürmen, aber etwas Sinnvolles wollte mir nicht einfallen.
Egal, es ging eh hauptsächlich darum, Felian endlich nackt zu sehen und ihn von Vitus abzubringen.
Ein Problem hatte ich aber noch: Was, wenn die Tür abgeschlossen war? Normalerweise sperrte man doch sein Zimmer von innen ab, wenn man so beschäftigt war, oder nicht? Na, ich konnte es nur ausprobieren.
Mit Kraft riss ich die Klinke hinunter, die Tür schwang tatsächlich auf und zwar mit sehr viel Schwung.
Ich stürzte hinterher in den Raum.
„Felian, hast du vielleicht noch ein Handtuch für mich übrig?“, brüllte ich sogleich, viel zu laut.
Ich bekam einen Anblick, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Erstens war das Licht komplett angeschaltet – bei mir hatte Felian das Licht lieber aus haben wollen – und somit konnte ich genau erkennen, wobei sie gerade waren. Vitus saß tatsächlich auf allen Vieren und Felian lag mehr oder weniger auf und auch hinter ihm. Eine Position, mit der ich nicht wirklich gerechnet hatte.
Felian wirkte im ersten Moment total überrascht, er schien gar nicht zu kapieren, was hier gerade vor ging.
Vitus Blick änderte sich jedoch augenblicklich von Überraschung zu Wut. „Raus hier!“, brüllte er mich an. Seine Augen funkelten mich gehässig an. Beinahe hätte er mir wohl auch das Kissen, das neben seinem Ellbogen lag, entgegengeworfen.
Rückwärts lief ich aus dem Raum zur Tür, die ich nur mit dem Fuß wieder zu kickte und verschwand wieder in meinem Hotelzimmer.
Vitus lag auch unten, das hätte ich mir im Traum nicht gedacht. Das war eine ganz schöne Überraschung gewesen. Mal schauen, ob Felian mich morgen darauf ansprechen würde. Schlechter wäre es, wenn Vitus das jetzt als Vorwand nehmen würde, Felian von seinem Verdacht zu erzählen. Aber damit würde er hoffentlich noch bis nach ihrem Urlaub warten.
Im Nebenzimmer herrschte jetzt erst mal Ruhe. Schade, Felians Stöhnen war zu schön gewesen. Dass es für Vitus so abrupt geendet hatte, geschiehte ihm recht.

Am nächsten Morgen wachte ich gegen acht Uhr auf. Ich ging gemütlich duschen und schlüpfte dann wieder in warme Klamotten. Ich lauschte natürlich im Nebenraum, doch ich hörte weder Stimmen noch andere Geräusche. Schliefen sie etwa noch?
Ich wartete noch eine halbe Stunde, aber auch dann war nur der Lärm der anderen Hotelgäste zu hören. Konnte es etwa sein, dass sie schon im Frühstücksraum saßen? Ich musste mal nachschauen. Ich zog mir meine Schuhe an und lief die Treppe hinunter in die Wirtschaft, in der wir gestern schon gegessen hatten. Anstatt des Salatbuffets standen dort jetzt sämtliche Semmeln, Brote und Müslis ausgebreitet. Und tatsächlich – an dem selben Tisch wie am Abend saß das verliebte Traumpaar. Sollte ich mich tatsächlich neben sie setzten? Zum ersten Mal fühlte ich mich unwohl. Doch Felian hatte mich schon erblickt und hob seine Hand.
Die Begrüßung fiel etwas starr aus. Anscheinend war es ihm peinlich, dass ich ihm gestern Abend so erwischt hatte. Vitus war wie gewohnt sehr kühl zu mir. Nicht einmal ein „Guten Morgen“, warf er mir entgegen.
„Wie lange seid ihr schon wach?“, fragte ich vorsichtig.
„Schon seit halb acht. Wir haben dann beschlossen, schon mal mit dem Frühstück anzufangen.“ Er deutete auf sein Teller, auf dem ein Käsebrot lag.
Die selbe Kellnerin wie gestern trat zu uns. Ich bestellte bei ihr einen Kaffee.
„Für mich noch einen Tee, bitte. Einen Schwarztee diesmal.“ Vitus hielt ihr seine leere Tasse entgegen.
Diesmal gar keinen Hagebuttentee? Das war ja ganz was neues.
„Ich glaube, ich hole mir noch eine Portion Rühreier.“ Felian sprang schon vom Tisch auf.
„Ich komme mit“, beeilte ich mich zu sagen. Ich wollte auf gar keinen Fall wieder mit Vitus alleine bleiben.
Hunger hatte ich kaum. Ich war noch nie ein großer Frühstücker gewesen. Auf meinem Teller landeten also nur drei Scheiben Knäckebrot und dazu etwas Paprikaaufstrich. Felian dagegen lud sich eine große Portion Rühreier auf.“
„Sag mal, was war das denn gestern Abend?“, flüsterte er mir unauffällig zu, „wieso bist du denn so in unser Zimmer gestürmt?“
„Ich… ähm…“ Ich hätte ahnen sollen, dass diese Frage kommen würde. Jetzt hatte ich überhaupt keine Ahnung, was ich antworten sollte. „Es war ein wenig unüberlegt, das gebe ich zu.“
„Allerdings.“ Felian fuhr sich peinlich berührt durch seine Haare. „Ich hoffe, wir haben dich nicht verschreckt.“
„Mhm.“
„Lass uns nicht mehr darüber reden, das endet nur peinlich“, entschied Felian und marschierte wieder zu unserem Tisch zurück, an dem Vitus uns schon auffordernd ansah.

Zwei Stunden später saß ich tatsächlich im Zug nach Augsburg. Felian und Vitus hatten mich tatsächlich zum Bahnhof gefahren. Sana hatten sie zuvor in der Stadt raus gelassen. Sie wollte tatsächlich eine Shoppingtour veranstalten.
Meinen Vater hatte ich nicht vorgewarnt, dass ich kommen würde. Hoffentlich war er überhaupt zuhause, sonst stand ich vor geschlossenen Türen. Meinen Haustürschlüssel hatte ich ihm bei meinem Auszug abgeben müssen. Trotzdem hatte ich mich nicht getraut, vorher anzurufen. Was, wenn er mich gar nicht sehen wollte?
Zweimal hatte ich schon umsteigen müssen, aber bisher war die Fahrt gut voran gegangen. Kein Zug hatte Verspätung gehabt und auch sonst hatte es keine großen Unannehmlichkeiten gegeben. Sogar einen Sitzplatz hatte ich in allen Zügen gefunden. Das war wirklich Luxus.
Nur wenige Minuten später lief der Zug im Augsburger Bahnhof ein. Ich hatte keine Lust auf den Bus zu warten, also bestellte ich mir ein Taxi. Ich ließ es jedoch vor Felians altem Haus parken. Das wollte ich unbedingt noch einmal besuchen. Gleich einem Monat nach seinem Umzug war dort eine weitere Familie mit drei Kindern eingezogen. Sie schienen auch heute noch dort zu wohnen. Nur die große Eiche hatten sie fällen lassen. Ich fühlte einen Stich in meiner Brust. Die Eiche war früher mein bester Freund gewesen. Nur dank ihr hatte ich Felian so viele Nächte beobachten können. Wieso hatten sie diesen großen, alten Baum umgeschnitten? Sollte ich Felian davon erzählen? Interessierte es ihm überhaupt oder kam das eher blöd an?

Die Straßen zu meinem früheren Zuhause kannte ich in und auswendig. Wie oft war ich sie mitten in der Nacht mit dem Fahrrad gefahren?
Ich klingelte an der Haustüre. Niemand öffnete. Komisch, das Auto stand in der Einfahrt. Zu Fuß ging mein Vater eigentlich nie außer Haus. Es dauerte noch einen Moment, dann hörte ich schlürfende Schritte und tatsächlich erschien mein Vater im Eingang.
„Korbinian?“ Er wirkte sehr erstaunt. Freute er sich auch?
„Hallo Dad. Ich wollte dich mal wieder besuchen kommen.“
„Bist du nicht mehr in Berlin?“
„Ähm, doch. Ich bin nur für dieses Wochenende in Bayern.“
Dad nickte. Dann verstummte das Gespräch auch wieder.
„Darf ich vielleicht rein kommen?“, fragte ich schüchtern.
„Ja, aber es wäre besser gewesen, wenn du am Nachmittag gekommen wärst. Ich bin gerade erst aufgestanden.“
„Kein Problem, dann können wir vielleicht zusammen frühstücken.“ Ich war zwar eigentlich satt, wusste aber nicht, was ich stattdessen sagen könnte.
„Du weißt doch, dass ich morgens nie etwas esse.“ Es klang wie ein Vorwurf.
„Dann trinken wir halt nur Kaffee.“ Mein Vater lief vor mir in die Küche, ich folgte ihm. Die ganzen Räume hatten sich seit meinem Auszug nicht verändert. Er warf die Kaffeemaschine an und hielt mir sogleich eine Tasse des schwarzen Getränkes unter die Nase. Wir setzten uns gegenüber an den Küchentisch.
„Hast du von Ella wieder etwas gehört?“, fragte ich vorsichtig.
„Sie hat mir mal ein Bild geschickt.“
„Von Magdalena?“
„Von dem Baby halt.“
„Und was sagst du zu deiner Enkelin?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ein Baby halt. Ich hab mit Kindern nie viel anfangen können.“
Ach, was er nicht sagte! Ein liebevoller Vater war er nie gewesen, ein liebevoller Opa würde er wohl auch nie werden.
„Ella hat mich in Berlin besucht.“
„Schön.“
„Ja, es war ganz nett.“
„Ist deine Wohnung so groß?“
„Groß wofür?“
„Für so viel Gäste.“
„Sie haben im Hotel übernachtet.“
„Ach so.“
Und somit waren unsere Gespräche schon beendet. Mehr hatte ich mit meinem Vater nicht zu besprechen. Wir schwiegen uns an, ich trank meinen Kaffee aus und stellte die Tasse in die Spülmaschine. Schnell verabschiedete ich mich wieder. Ich hatte nicht einmal Lust, mein altes Zimmer zu sehen. Ich wollte gar nicht wissen, wie mein Dad es umgebaut und um geräumt hatte. Vater kam nicht einmal mit bis zur Haustüre. Wir verabschiedeten uns in der Küche und so schnell wie es ging war ich wieder draußen. Ich seufzte. Wieso hatte ich meinen Erzeuger auch so unbedingt sehen wollen?! Es war doch klar gewesen, wie es enden würde.
Viel lieber wollte ich jetzt meine Mutter besuchen. Schade, dass ich da nichts anderes mehr machen konnte als Blumen auf ihr Grab zu legen.
Ich ging extra zum Floristen und kaufte einen Strauß Tulpen. Die würden Mama bestimmt gefallen. Um zum Friedhof zu gelangen, musste ich die halbe Stadt durchqueren. Ich war völlig eingefroren, als ich mich am Grab niederkniete. Ich war noch nie besonders gut gewesen, mit Toten zu sprechen, aber falls es wirklich eine Ebene zwischen den Welten gab, würde Mama gerade auf einer Wolke sitzen und sich freuen, dass ihr Sohn ihre Ruhestätte besucht und ihr so schöne Blumen gebracht hat. Sie würde sicherlich nicht wollen, dass ich an ihrem Grab vor Kälte bibbern würde.
Am Friedhofsgatter zurück rief ich mir sofort ein Taxi. Diesmal fuhr ich nicht nur bis zum Augsburger Hauptbahnhof, sondern ließ mich bis nach Garmisch chauffieren. Das war zwar etwas teuer, aber ich hatte keine Lust, ewig auf die Züge zu warten.

Ich kam gleichzeitig mit Felian und Vitus wieder im Hotel an. Beide hatten ganz rosige Wangen und blasse Lippen. Trotzdem schien Felian überaus gute Laune zu haben. "Die Partnachklamm ist im Winter echt cool“, erzählte er mir begeistert, „richtig mystisch. Und wir haben uns die Skischanze vom Nahem angeschaut. Ich würde dort im Leben nicht runter fahren, obwohl ich schon seit ich Kind bin Ski fahren kann.“
„Ich auch nicht“, erwiderte ich.
„Wie war es bei deinem Vater gewesen?“
„Langweilig, er hat sich eigentlich nicht für mich interessiert.“
„Echt jetzt?“
„Ja, aber das ist normal für ihn.“
„Er hat nicht gefragt, wie es dir geht?“
„Nö.“
„Das tut mir leid.“ Felian fuhr mir kurz über die Schulter, wurde aber von Vitus weggezogen. Ich grinste höhnisch.
„Wie lange brauchst du zum Packen?“ Vitus stellte mir tatsächlich eine Frage.
„Ähm, keine Ahnung? Nicht lange, ich hab eigentlich nichts ausgepackt.“
„Sehr gut, dann treffen wir uns in einer viertel Stunde hier unten in der Lobby. Wir haben gerade beschlossen, dass wir nicht mehr bis heute Abend warten, ehe wir heim fahren. Es soll stark zum Schneien anfangen und keiner hat dann Lust, so weit Auto zu fahren. Sana holen wir direkt in der Stadt ab.“
„Okay.“ Mir sollte es recht sein. Ich wollte auch nicht mitten in der Nacht in Berlin ankommen. Wenn wir jetzt losfahren würden, wären wir gegen neun Uhr abends da. Das war viel angenehmer.
Ein letztes Mal schloss ich mein Hotelzimmer auf, schmiss alles kreuz und quer in den Koffer und bugsierte ihn zum Aufzug.
Fünf Minuten später waren auch Felian und Vitus startklar. Wir checkten aus und Vitus bezahlte unsere Zimmer mit seiner Girokarte.
„Wir haben ausgemacht, dass er die Rechnung für das Hotel zahlt und wir ihm dann das Geld in bar geben“; erklärte Felian mir, „das macht es für das Hotelpersonal einfacher, wenn einer komplett alles zahlt, als wenn sie vier verschiedene Rechnungen ausstellen sollen.“
„In Ordnung.“ Mal schauen, ob Vitus von mir das Geld sehen würde…

Sana pflückten wir am Bahnhof auf und los ging unsere Fahrt nach Berlin zurück. Der Hinweg war schon sehr langweilig gewesen, die Rückfahrt war noch um einiges schlimmer. Nur Vitus und Felian redeten miteinander, aber auch nur belangloses, langweiliges Zeug. Sana zeigte uns ihre ganzen Souvenirs, die hauptsächlich aus Sonnenbrillen, Armbändern und Lippenstiften bestand. Für uns alle hatte sie aber Ansichtskarten gekauft, die sie jedem von uns zusteckte.
Kaum hatten wir Bayern verlassen, ging es auch mit dem Schnee besser. Die Autobahnen waren komplett frei und anders als befürchtet steckten wir in keinem Stau. Wenigstens dabei hatten wir erneut Glück gehabt.
Ich wurde als erster abgesetzt.
„Tschau, Korbinian“, gähnte Felian. Er war tatsächlich kurz vor Berlin eingeschlafen.
„Tschüss, einen schönen Abend euch“, verabschiedete ich mich. Ich konnte es kaum erwarten, aus dem Auto zu verschwinden. Selten hatte ich eine so unentspannte Autofahrt gehabt. Vitus hatte auch keine Minute seine Klappe halten können, sein ständiges Gerede hatte mich auch so aufgeregt. Felian musste bald wieder single sein! Anders würde ich es nicht mehr aushalten können. Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass es mir gelingen würde, ein paar Augenblicke mit Felian allein sein zu können, aber Pustekuchen! Ständig war sein nerviges Anhängsel an ihm dran geklebt. Felian hatte schon einmal mir gehört, bis ich ihn wieder verloren hatte. Aber bald würde er für immer an meiner Seite sein. Bald würde uns nichts mehr trennen können.
Früher hätte ich mir nie gedacht, dass ich mir einmal über so etwas Gedanken machen würde, jetzt war ich mir aber todsicher: Vitus musste weg von dieser Welt. Endgültig, ein für alle mal und für immer.

:confused: Ganz ehrlich? Dieser Korbinian nervt mich derartig, dass ich gar nicht weiterlesen mag.
Was natürlich schade ist, da du dir sooo viel Mühe gibst und echt fleißig postest. Und die Geschichte ja auch irgendwie interessant ist.

Aber ich kann den Typ nicht ab ! Ich will nicht lesen , WIE bzw. DAS er Virus etwas antut.
Ich will ein Happyend für Felian und Virus (für Korbinian brauch ich keins), aber ich habe das Gefühl, dass diese Geschichte etwas anderes zeigen wird…oder ?

Wie kommt mein Handy denn auf Virus :laughing:

Oh ich finde gerade jetzt wird es ganz besonders spannend. Denn jetzt kommt die Geschichte wirklich in Fahrt! :slight_smile: Korbinian ist ein interessanter Charakter und wirklich mal etwas, was man nicht gewohnt ist. Auch wenn er total irre ist ^^ Aber ich gebe dir Recht Simson, er hat Felian, so wie er sich aufführt, definitiv nicht verdient. :slight_smile: Mal schauen wie es weitergeht. Vielleicht fliegt das ja bald wirklich mit seinem Fake Account auf? Würde ich mir für seine gemeine Aktion wünschen.

Ich lade die Geschichte auch in einem anderen Forum hoch und auch da ist sie nicht sonderlich beliebt. Von Kapitel zu Kapitel schrumpfen meine Favoriteneinträge und ich befürchte, es werden jetzt noch weniger werden. Zwei Kapitel wären es noch, dann wären wir durch. Ich habe die Geschichte komplett fertig gestellt auf meinem Laptop. Aber soll ich sie überhaupt noch hochladen oder soll ich es lieber jetzt mit einem offenen Ende belassen?
Wenn ja, dann kommen heute noch oder morgen die letzten Kapitel. Wenn nein, dann, mhm, hat es mir wenigstens großen Spaß gemacht, eine Geschichte zur Abwechslung mal zu Ende zu bekommen.

Ein schönes Wochenende

:flag:

Ich hab ja gar nicht gesagt, dass ich deine Geschichte nicht mag. Ich mag nur Korbinian nicht :angry:
Aber wegen mir musst du nicht aufhören zu posten…Das wäre ja echt schade ! Zumal du die Geschichte auch schon fertig hast, und unfertige Geschichten sind blöd.
Ich lese sie auch zu Ende…versprochen. …auch wenn ich mich dann nochmals über Korbinian ärgernicht sollte.

Ich bin mit den letzten Kapiteln nur selbst total unzufrieden. Ich hab es jetzt meiner Korrekturleserin geschickt und sie entscheidet jetzt, ob es überhaupt brauchbar ist

Die Geschichte ist vom inhaltlichen her absolut klasse, unterhaltsam und fesselnd. Ich sehe keinen Grund für Zweifel an dieser Geschichte. Lasse dich nicht beirren. :slight_smile:

Am Montag machte ich mich an die Arbeit. Jetzt musste ich Vitus stalken. Am Vormittag war ich im Krankenhaus arbeiten. Ich wollte mich sogar mit unserem Patienten ohne Beine unterhalten, doch der starrte nur stur auf den laufenden Fernseher und antwortete nicht auf meine Fragen. Egal, ich war nicht darauf angewiesen, ihn zu bespaßen. Obwohl mich seine Vergangenheit schon ziemlich interessiert hätte. Aber aus ihm würde ich wohl nichts herausquetschen können. In der Pause gab ich seinen Namen in Google ein. Vielleicht war er ja ein Verbrecher und seine früheren Freunde und seine Familie wollte deshalb nichts mehr mit ihm zu tun haben, aber wenn es denn so war, ich würde es nie erfahren. Bei Google und Facebook fand ich nichts über ihn, sein Name war der Welt unbekannt.

Wie immer montags hatte ich gegen Mittag Schluss. Ich kaufte mir beim McDonalds einen Burger und eine Portion Pommes und machte mich dann mit dem Auto auf den Weg Richtung Friseursalon. Ich schlürfte durch den Park, den ich mir heute genauer anschaute als sonst. Ich wusste, dass Vitus ihn zweimal am Tag zu Fuß durchlief. Er hatte kein Auto, mit dem er zur Arbeit fahren könnte. Ich achtete auf Details, denen ich bisher keine Beachtung geschenkt hatte. Auf der einen Seite war der Park mit dem Krankenhaus verbunden, aber er war mit so vielen Bäumen besiedelt, dass man das andere Ende nicht erkennen konnte. Sogar ein kleines Wäldchen befand sich in dieser Grünanlage. Genau durch die Mitte verlief eine kleine Straße. Links und rechts davon standen abwechselnd Tannenbäume und hin und wieder ein verdörrter Laubbaum. Auf der Straße waren hauptsächlich Fahrradfahrer, aber die blieben jetzt im Winter natürlich aus. Autos durften auf der Straße auch fahren, aber nur im Schritttempo. Der Park diente als verkehrsberuhigter Bereich, doch die wenigen Autos, die ich durch die unausgebaute Straße hatte fahren sehen, waren deutlich schneller als in Schrittgeschwindigkeit gewesen. Nachts nutzten viele Jugendliche mit ihren ersten Autos die leere Straße aus, um heftig um die Kurven zu driften. Aber die kamen erst weit nach Mitternacht, gegen frühen Abend war dieser Park komplett verlassen.
Stundenlang saß ich in meinem Auto in einer kleinen Parklücke hinter einem Jeep und starrte durch das Schaufenster. Vitus hatte viel zu tun. Dauernd liefen die verschiedensten Leute durch die Türe. Es war ein dauerndes Kommen und Gehen. Vitus stand am Waschbecken und wusch alten Frauen den Kopf, föhnte die Härchen auf den Glatzen der Männer und kassierte zwischendurch eifrig ab. Dass sie bei den hohen Preisen überhaupt noch Kunden hatten?! Eine Frau, die vor anderthalb Stunden mit brauen Haaren den Salon betreten hatte, kam jetzt genauso platinblond wie Vitus wieder raus. Ich hatte eine Abneigung gegen diese Haarfarbe entwickelt. Wenn Felian seine Haare irgendwann genauso färben sollte, würde ich zur Haarmaschine greifen und sie ihm abrasieren.
Eigentlich hätte ich mich langweilen sollen, stundenlang im kalten Auto zu sitzen, aber ich war wie hypnotisiert vom Geschehen. Nur mein Nacken tat mir mit der Zeit weh, da ich meinen Kopf die ganze Zeit verdrehen musste, um aus dem Seitenfenster schauen zu können.
Mit der Zeit wurde ich immer durstiger. Der Burger war so salzig gewesen und ich hatte vergessen, mir eine Cola oder eine Fanta vom McDonalds mitzunehmen. Ich vermutete, dass ich in meinem Kofferraum noch eine alte Flasche lackes Wasser hatte, so etwas lag in meinem Auto ständig rum. Aber konnte ich es wagen auszusteigen? Vitus würde mich vielleicht bemerken und wahrscheinlich wissen, dass ich nur seinetwegen mit dem Auto direkt vor seiner Arbeit stand. Aber es hatte keinen Sinn, ich hatte total Durst und Vitus war gerade so sehr mit Boden fegen beschäftigt, also nutzte ich den Augenblick. Ich hechtete aus dem Wagen und sprang zum Kofferraum. Ich riss die Klappe auf und wühlte mich durch den gesamten Müll, der sich dort hinten befand. Ich schmiss alles von einer Seite auf die Andere und ein paar Gegenstände, wie Taschentücherpäckchen oder ein Bündel mit Kabelbindern landete einfach auf dem Teer. Ich bemerkte gar nicht, dass der Mann mit dem Jeep vor mir zurückgekommen war und mich komisch musterte. Er schüttelte den Kopf und setzte sich hinter das Lenkrad seines riesigen Autos. Endlich hatte ich eine Flasche Wasser gefunden. Ich wollte gar nicht wissen, wie alt die schon war. Aber was sollte an Wasser schon verfallen? Algen konnte ich auf jeden Fall noch nicht erkennen.
Ich schlug den Deckel meines Kofferraums zu und setzte mich wieder hinters Steuer. Der Mann vor mir musterte mich kritisch durch seinen Rückspiegel, ich winkte ihm gespielt fröhlich zu. Endlich legte er den Vorwärtsgang ein und verschwand auf den Straßen.
Hatte ich etwas verpasst? Meine Nase klebte förmlich an der Scheibe. Für einen Moment konnte ich Vitus nicht entdecken, sah ihn dann aber aus dem Nebenzimmer treten. In der Hand hielt er mehrere Dosen Haarspray. Gut, er schien mich nicht entdeckt zu haben. Aber konnte ich mir da so sicher sein? Wenn er mich bemerken sollte, war ich quasi aufgeschmissen.

Mein Handy piepste. Blind zog ich es aus meiner Hosentasche und sah drauf. Felian hatte mir eine Nachricht geschrieben! Schnell öffnete ich diese. Es hatte mir drei Fotos geschickt, eines von der Skischanze, eines von der Klamm und eines von unserem Hotel.
„Wie war die Arbeit heute gewesen?“ hatte er dazu geschrieben.
Ich musste grinsen. Vitus hatte ihm wohl noch nicht von seinem Verdacht erzählt, sonst hätte mir Felian bestimmt keine so nette Nachricht geschickt.
„Es war sehr ruhig gewesen, zum Glück“, tippte ich, „und was hast du gemacht?“
„Nicht viel. Wäsche gewaschen und ich mache jetzt zum Abendessen Blumenkohlauflauf.“
Entwickelte sich Felian etwa zur Hausfrau?! Nein, so konnte ich ihn ganz sicher nicht gebrauchen. Aber kein Wunder, dass Vitus jemanden haben wollte, der seine Schuhe putzte und seine Hosen bügelte.
„Meine Mama ist gerade in Neuseeland, sie hat mir Fotos geschickt.“
Und schon wieder kamen weitere Bilder an, die mich aber wenig interessierten. Ich hatte kein großes Interesse daran, Fotos von einer fremden Person in einem fernen Land anschauen zu müssen. Felian schien aber von diesem Stück der Erde sehr begeistert zu sein.
Ich schickte mit Felian noch weitere kurze Nachrichten hin und her, ehe ich mein Handy wieder in die Tasche steckte. Ich war zufrieden, Felian schien auch noch nach unserem Urlaub gut auf mich zu sprechen zu sein. Vitus würde es nicht mehr schaffen, einen Keil zwischen uns zu treiben.
Mein Rücken schmerzte heftig. Ich hatte zu viele Tage hintereinander fast ununterbrochen im Auto gesessen. Die letzten Kunden verschwanden um kurz vor 19 Uhr aus dem Salon und schließlich sah ich, wie Pepe, die Kollegin von Vitus, das Schild an der Tür von „Geöffnet“ auf „Geschlossen“ drehte. Na endlich, lange würde es nicht mehr dauern. Ich ließ meine Schultern kreisen. Die Nacht hatte eingesetzt, aber die Straßenlampen leuchteten so hell, dass ich trotzdem noch alles erkennen konnte.
Vitus war der Nächste, der den Laden verließ. Seine zwei Mitarbeiterinnen blieben alleine zurück. Er blieb auf dem Gehsteig vor dem Salon stehen und gähnte halbherzig. Ich erschrak. Wenn er weiter hier stehenbleiben würde, würde er mich früher oder später erkennen. Ich glaubte nicht, dass er wusste, welches Auto ich fuhr, aber sicher war ich mir nicht.
Endlich machte er sich auf den Weg. Er zog große Kopfhörer aus seiner Umhängetasche und setzte die auf. Das Kabel steckte er an seinem Smartphone an und lief mit schnellen Schritten in Richtung Park. Als er schon einen großen Vorsprung hatte, sprang ich aus dem Wagen und folgte ihm unauffällig und auf der anderen Straßenseite.
Bis zum Eingang des Parkes verfolgte ich ihn. Er lief mitten auf der schmalen Straße, aber das schien ihn nicht zu kümmern. Hier war es nicht sehr wahrscheinlich, dass um diese Uhrzeit noch Autos fahren würden und selbst dann dürften die ja nur Kriechen.
Hier gab es auch keine Straßenlaternen mehr, alles war völlig dunkel. Vitus drehte sich nicht nochmal um, sondern stapfte mit schnellen Schritten über die kleine Straße. Er wollte wohl zur S-bahn-Haltestelle auf der anderen Seite. Von dort aus waren es nur drei Haltestellen, dann würde er nach Hause kommen, wo Felian ihn schon mit frisch gekochtem Auflauf überraschen würde.

Ich brach meine Verfolgung ab. Weiter würde ich Vitus nicht mehr stalken können. Ich lief zurück zu meinem Mercedes und fuhr ebenfalls nach Hause in meine einsame Wohnung.
In der Nacht konnte ich schlecht schlafen. Stundenlang lag ich wach und lauschte dem Regen, der gegen das Fenster prasselte. Morgen würde der Boden ganz schön glatt sein, denn die Regentropfen verwandelten sich auf dem kalten Boden zu einer glatten Eisschicht.
Übermüdet stand ich am nächsten Morgen auf und fuhr gleich zur Arbeit. Die ganze Zeit über war ich total abgelenkt. Ich vertauschte Medikamente, aber das fiel glücklicherweise niemandem auf und die Patienten überlebten es auch. Ständig starrte ich auf die Uhr. Gegen halb sieben hatte ich Schluss, ganz pünktlich für Vitus. Um Viertel nach Sechs packte ich schon meine Sachen und wollte verschwinden, als ich ins Zimmer 1999 gerufen wurde. Ich verdrehte die Augen. Darauf hatte ich jetzt gar keine Lust. Außerdem war dies das Zimmer des früheren Komapatienten und was sollte mit dem schon sein? Er lag doch nur stumm in seinem Bett und starrte abwechselnd aus dem Fenster oder den Fernseher an.
Aber als ich die Tür ausstieß, lag der Patient auf dem Boden und verzog schmerzhaft das Gesicht. Ein Arzt kniete neben ihm und hielt seinen Kopf. Was war da passiert? Wollte der Kranke etwa flüchten? Aber er hatte doch gar keine Beine mehr! Das musste er doch mittlerweile kapiert haben. Oder wollte er sich etwa durch den Aufschlag mit dem Kopf umbringen? Eine gruselige Vorstellung und sehr ungünstig für mich im Moment.
Mein Feierabend verzögerte sich nach hinten, denn ich richtete mit dem Arzt zusammen einen Kopfverband auf der Platzwunde des jungen Kerls her und wir hingen ihn an eine Infusion. Anschließend musste ich ihn noch am Bett fixieren.
„Versuch doch das nächste Mal dich umzubringen, wenn ich nicht im Dienst bin“, herrschte ich ihn an und huschte aus dem Zimmer.
Wie der Blitz zog ich mich um und rannte auf den Parkplatz. Es war schon kurz vor sieben, ich würde Vitus verpassen. Das war gar nicht gut, denn ich durfte eigentlich nicht länger warten. Felian hatte sich heute nicht bei mir gemeldet, es konnte gut sein, dass Vitus schon mit ihm gesprochen hatte. Und selbst wenn das bisher noch nicht geschehen war, früher oder später würde er mit der Sprache raus rücken. Und es galt an mir, das zu verhindern.

Ich rutschte quasi in die Parklücke, wieder hinter dem selben Jeep. Ich atmete erleichtert aus, als ich Vitus hinter der Scheibe sah. Er hielt einen Staubsauger in der Hand und fuhr damit gleichmäßig über den Boden. Eine Kollegin von ihm sah ich nicht, er schien ganz alleine zu sein. Umso besser. Er nahm einen Schluck aus einer Limodose, schmiss sie dann beiläufig in den Mülleimer und schaltete den Staubsauger aus. Kurz darauf griff er nach seinem Handy. Schrieb er etwa Felian, dass er sich jetzt auf den Weg nach Hause machte?
Die Lichter im Friseursalon erloschen nach und nach, dann sah ich eine Person im Schein der Straßenlampen nach draußen treten. Ordentlich verschloss er die Türe hinter sich und genau wie gestern setzte er wieder seine Kopfhörer auf und schlenderte in Richtung Park.
Heute ließ ich ihm einen längeren Vorsprung, ich würde heute ja auch nicht zu Fuß gehen. Ganze fünf Minuten später legte ich den Gang ein und rollte aus der Parklücke. Aufmerksam hielt ich nach dem Blonden Ausschau, aber der schien schon den Park erreicht zu haben. So wollte ich das haben.
Tatsächlich, etwa 80 Meter vom Eingang entfernt sah ich ihn laufen, wieder mitten auf der Straße. An was er gerade dachte? An das Essen, das Felian ihm gekocht hatte? Oder sortierte er gerade die Worte in seinem Kopf, wie er Felian von mir erzählen sollte? Egal was es war, es würde keine Rolle mehr spielen. Ich war fürchterlich aufgeregt und nervös, aber es musste getan werden.
Ich schaltete meine Scheinwerfer aus und rollte ganz langsam, so wie es vorgegeben war, im Schritttempo, in den Park. Vitus bekam gar nicht mit, dass ihn jemand verfolgte. Ich kam immer näher und näher, fuhr aber so langsam, dass er mich durch die Musik seiner Kopfhörer gar nicht hörte. Meine Hände verkrampften sich am Lenkrad. Ich war nur noch fünfzehn Meter von ihm entfernt. Mein Blick war ganz fest auf ihn gehaftet. Ich hatte nie gemerkt, was für schreckliche O-Beine er hatte. Er hatte ein fürchterliches Gangwerk. Scheiße, wollte ich das wirklich machen?! Konnte ich es überhaupt? Aber mir blieb nichts anderes übrig. Vitus hatte mir Felian gestohlen und das war der einzige Weg, ihn wieder zurückzubekommen. Ich drehte das Radio in meinem Auto lauter. Ich wollte den Aufprall nicht allzu deutlich hören. „Los jetzt“, feuerte ich mich selbst an. Ich konnte nicht mehr länger zögern, sonst war alles kaputt. Der richtige Zeitpunkt war gekommen.
Ein Grinsen bildete sich auf meinem Gesicht, ich atmete einmal tief ein, hielt dann die Luft an, während ich Gas gab. Mein Motor jaulte laut auf, Vitus machte einen erschrockenen Sprung in die Höhe und drehte sich blitzschnell um. Trotzdem war er zu langsam. Keine Chance für ihn. Mein Auto raste gegen ihn. Ich hörte einen Schrei, aber nicht so laut, wie ich gedacht hatte. Es knallte auf meiner Motorhaube, für einen Moment konnte ich blonde Haarbüschel auf der Frontscheibe sehen, dann war alles vorbei.

Ach du sch… Das hat er jetzt nicht wirklich gemacht…?! :astonished: :astonished: :astonished:

War es echt so schnell gegangen? War es wirklich schon vorbei?
Ich bremste ab und hielt meinen Wagen an. Ich sprang aus der Tür und torkelte zu der Person auf dem Boden. Meine Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Ich beugte mich zu dem Mann hinunter, der gerade eben noch den Friseursalon gesaugt hatte.
Ich sah viel Blut, aber das machte mir nichts aus. Blut sah ich in meinem Beruf jeden Tag. Jeden Tag sah ich solche Leute wie ihn, allerdings lebten die meist noch. Und Vitus lebte nicht mehr, das konnte ein Kenner wie ich mit einem Blick feststellen. So schnell war man tot. So war das Leben eben. Nur Sekunden trennten uns zwischen Leben und Tod. Und für Vitus war es wirklich schnell gegangen. Er war tot. Definitiv.
Ich sah mich um. Alles war ruhig, ich hörte nur den Verkehr auf der Straße nebenan. Hiervon hatte niemand mitbekommen.
Möglichst ruhig lief ich wieder zu meinem Mercedes und leuchtete ihn mit meiner Handytaschenlampe ab. Die Motorhaube war natürlich ziemlich verbeult und meine Frontscheibe hatte einen kleinen Riss, aber ich hatte es mir bei Weitem schlimmer vorgestellt. Blut sah ich auch kaum. Ich stieg wieder hinter das Lenkrad und fuhr davon. Vitus blieb auf dem vereisten Boden liegen.
Sicherheitshalber raste ich noch zu einer Tankstelle, an der man für zwei Euro sein Auto selbst mit Dampfstrahler reinigen konnte. Die Tankstelle war ausgestorben, nur hinter dem Kassenhäuschen saß ein junges Mädel und tippte im Computer. Ich glaubte nicht, dass sie sich an mich erinnern würde.

Zuhause parkte ich wie immer vor dem Haus und schlich in meine Wohnung. Ich machte mir eine Tasse Tee und setzte mich auf das Bett. Ich hätte gedacht, dass ich mich vielleicht schlecht fühlen würde, mich krampfend und heulend auf der Bettdecke herum werfen würde, aber ich fühlte einfach nichts. Es war so schnell gegangen und hatte so gut geklappt. Es war wie im Film gewesen. Ob man mich erwischen würde? Darüber hatte ich noch gar nie nachgedacht und daran wollte ich auch gar nicht denken. Es war sowieso zu spät. Was geschehen war, war geschehen.
Am nächsten Morgen brauchte ich einen Moment um mich zu fassen. Im ersten Moment wusste ich nicht, ob es ein Traum gewesen war oder nicht, aber dann kam die Erinnerung an den Vortag komplett zurück. Vitus, wie er gegen meine Frontscheibe geknallt war. Ich grinste.
In die Arbeit fuhr ich natürlich nicht, ich meldete mich krank. Das hatte ich nach so einem Abend auch verdient. Gegen Nachmittag fuhr ich zu Felian. Mein Auto versteckte ich sicherheitshalber weiter weg. Ich wollte nicht, dass Felian meine zerstörte Motorhaube sah. Vor der Haustüre standen zwei Polizeiautos. Ich erschrak. Abermals versteckte ich mich in der Bäckerei und beobachte das weitere Vorgehen im Haus gegenüber. Es befand sich eine andere Verkäuferin als das letzte mal hinter der Theke, das war gut. Ich zwang eine Tasse Kaffee hinunter und starrte aus dem Fenster.
Nach über einer Stunde traten zwei Polizisten aus dem Haus und fuhren mit ihrem Wagen davon. Das war meine Chance. Ich trabte über die Straße und klingelte an der Haustüre. Sana machte mir auf. Sie begrüßte mich gar nicht, sondern ließ die Türe offen stehen und trat ins Wohnzimmer zurück. Ich folgte ihr. Was ich dort sah, war ein jämmerlicher Anblick. Felian lag zusammengerollt auf dem Sofa und heulte so sehr, wie ich noch nie einen Menschen weinen gesehen hatte. Er schrie richtig, seine Schultern bebten und er schien von seiner Umwelt nichts mitzubekommen. Sana setzte sich neben ihm und strich über seinen Rücken.
„Was ist passiert?“ Ich musste ahnungslos spielen, das war ganz wichtig.
„Vitus… Vitus ist überfahren worden“, stammelte Sana und wich meinem Blick aus.
„Was?!“
„Gestern Abend.“ Auch Sana wischte sie Tränen aus den Augen.
„Wie geht es ihm? Ist er im Krankenhaus?“
„Nein… Er…“ Sana drehte den Kopf weg und strich nur noch teilnahmslos über den Rücken ihres Bruders.
Ich schluckte. Dass Felian leiden würde, hatte ich gewusst, aber das es so schrecklich für ihn war, daran hatte ich gar nicht denken wollen.
„Der Krankenwagen war heute früh schon da gewesen und sie haben Felian eine Spritze zur Beruhigung gegeben, aber sie hat nichts genützt“, murmelte seine Schwester, „heute Abend kommt der Arzt nochmal und vielleicht nehmen sie in dann mit ins Krankenhaus.“
Felian schien nicht mitzubekommen, wer überhaupt neben ihm saß und wer nicht. Ich streichelte ihn abwechselnd mit Sana, aber er reagierte überhaupt nicht. Das Kissen unter ihm war schon komplett durchnässt. Er hatte einen tiefen Schock bekommen. Von Sana erfuhr ich, dass ihre Mutter sich sofort ins nächste Flugzeug gesetzt hatte, aber es würde noch Stunden dauern, bis sie in Europa landete.
Gegen fünf kam tatsächlich nochmal der Krankenwagen und sie luden Felian auf die Trage. Am liebsten wäre ich mitgefahren, aber das durfte ich nicht.
Er landete auf meiner Station, so schlimm war sein Zustand. Am nächsten Morgen war ich einzig und allein für ihn da. Die anderen Patienten mussten schauen, wo sie blieben. Ich strich Felian den Schweiß aus dem Gesicht, hängte ihn an die Infusionen und dosierte sein Beruhigungsmittel. Er sagte weder etwas, aß und trank nicht und starrte nur die Decke an. Er ähnelte sehr dem Patienten ohne Beine zwei Zimmer weiter.
Dreimal waren Polizisten in den letzten Tagen hier gewesen und hatten versucht, mit ihm zu sprechen, aber jedes Mal, wenn Vitus Namen über ihre Lippen kam, heulte er wie ein Schlosshund los.
Ich wurde auch befragt, schließlich war ich ein gemeinsamer Freund des Paares gewesen, aber ich hatte angegeben, zur besagten Zeit im Supermarkt gewesen zu sein. Die Bullen schienen mir zu glauben, auf jeden Fall fragten sie nicht genauer nach und meinen Wagen wollten sie auch nicht sehen. Den musste ich jetzt dringend verschrotten, sicher war sicher. Fahren hatte ich mich mit dem nicht mehr getraut, er stand immer noch unbewegt vor der Wohnsiedlung.
Frau Guhne erschien auch jeden Tag, aber sie störte mich. Felian war mein Patient, ich wollte seine Mutter nicht dabei haben, die ihm das Händchen hielt und seine Stirn küsste.
Erst nach fünf Tagen fing Felian wieder zum Sprechen an. Er wurde von der Intensivstation auf die normale Station verschoben, was mir sehr leid tat. Jetzt waren andere Pfleger für ihn verantwortlich. Aber zwei Tage später wurde er dann komplett entlassen.

Am Dienstag Abend war die Beerdigung. Ich ging natürlich hin, Felian erwartete es wahrscheinlich von mir. Zum ersten Mal im Leben war ich in einer Kirche. Alle Bänke waren besetzt. Es waren sehr viel junge Leute da, wahrscheinlich ehemalige Klassenkameraden, die Vitus seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Felian saß ganz vorne in der ersten Bank, eingepfercht zwischen seiner Mutter und Sana. Daneben saß ein Ehepaar, die sich Taschentücher gegen das Gesicht pressten. Waren das Vitus Eltern?
In der Mitte der Bankreihen fand ich noch Platz, ganz an den Rand gequetscht. Neben mir saß Pepe, die Kollegin aus dem Friseursalon. Ihr Blick war gesenkt und sie musterte während der ganzen Zeremonie ihre Schuhe.
Mich machte dieser Sarg wahnsinnig, der sich am Altar befand. Es war schon schlimm gewesen, als ich auf der Beerdigung meiner Mutter gewesen war. Die Vorstellung, dass sie in diesem engen Sarg lag, war fürchterlich. Jetzt war es genau das selbe, nur hatte ich jetzt immer den Anblick von Vitus vor Augen, wie er zusammengeknüllt auf dem kaltem Boden gelegen war mit dem vielen Blut um ihn herum. Bei meiner Mutter hatte ich mir sehr gut vorstellen können, wie sie im Sarg aussah, schließlich war sie friedlich im Krankenbett gestorben. Bei Vitus sah das anders aus, sein Körper war ganz zerstört gewesen. Hatten ihn die Bestatter wieder schön herrichten können? Hatte Felian noch einen letzten Blick auf seinen Verlobten geworfen und sich von ihm verabschiedet? Ich wollte es gar nicht wissen.
Der Sarg wurde aus der Kirche getragen und die Trauergäste, vorne mit dabei Felian und die Eltern, folgten langsam.
Das Loch war schon ausgehoben. Das Grab befand sich unter einer großen Weide. Ein recht schöner Platz fand ich, viel zu schön für den Toten. Ganz langsam wurde der Sarg hinabgesetzt und Felian brach auf dem Boden zusammen. Seine Mutter versuchte ihn zu stützen, aber er landete wild heulend auf dem Boden.
Die Frau, die schon ganz vorne in der Kirche gesessen war, beugte sich neben ihn und strich ihm über die Haare. Sie flüsterte ihm etwas zu, aber auch ihr Gesicht war nass vor Tränen. Ich war mir sehr sicher, dass dies wirklich Vitus Mutter waren. Er sah nur überhaupt nicht ähnlich, auch dem Vater nicht, der apathisch abseits stand.
Jetzt war es an der Zeit, dass alle Gäste an das Grab traten und Weihwasser und Blumen auf den Sarg warfen. Felian war gleich nach den Eltern an der Reihe. Er rappelte sich vom Boden auf und stolperte zum Grab. Lange blieb er dort stehen. Seine Lippen bebten. Er zog ein Blatt Papier aus der Hosentasche und ließ es in das Loch fallen. Als würde Vitus jetzt noch einen Brief lesen können… Es folgte ein kleinerer Gegenstand, den ich erst später als Ring realisierte. Es musste Vitus Ring sein, den er immer an einer Kette getragen hatte. Wer hatte Felian den denn gegeben? Es war fast ein wenig traurig, dass Felians eigener Ring in der Müllgrube lag.
Ich war der letzte, der an das Grab trat. Kurz betrachtete ich den schweren Eichensarg, der dort unten umringt von der Erde lag. „Du hast es nicht anders verdient“, flüsterte ich und kickte sogar etwas Erde auf den Eichendeckel. Keiner der Trauergäste hatte mich dabei gemerkt.
Ich hatte keine Ahnung, wo die vielen Gäste jetzt hinfahren würden, ich fuhr auf jeden Fall wieder nach Hause. Ich ging ausführlich duschen und suchte mir im Internet einen neuen Friseur raus. Meine Haare wurden schon wieder so lang, ich brauchte dringend wieder eine Frisur.

Eine Woche lang ließ ich Felian in Frieden, dann näherte ich mich ihm langsam wieder an. Er brauchte jetzt dringend einen guten Freund an der Seite. Anfangs hatte er bei seiner Mutter mit in der Wohnung gewohnt, aber schon nach ein paar Wochen zog er dort wieder aus und zog zu mir. Seine Mutter und er gingen sich laut ihm mehr im Weg um. Sie forderte andauernd, dass er etwas unternahm und sich aufmunterte. Sie wollte einfach nicht verstehen, dass er einfach nur seine Ruhe wollte. Sein altes Zuhause mit Vitus wollte er nie wieder betreten. Auch bei mir lag er die meiste Zeit nur auf dem Sofa oder saß auf dem Balkon. Ich hatte ihn nie wieder lachen gesehen. Der rote Schein in seinen Augen ging jetzt gar nicht mehr weg.
Es war eiskalt draußen und der Schnee fiel, als ich ihn nach der Arbeit auf dem Balkon entdeckte. Er trug nur ein T-Shirt und war barfuß.
„Komm rein, Felian, du wirst ja krank“, forderte ich mit sanfter Stimme auf und wollte ihn zurück in die warme Wohnung ziehen, aber er blockte ab.
„Und wenn schon, mein Leben hat sowieso keinen Sinn mehr“, wisperte er, den Blick weit in die Ferne gerichtet.
Ich erschrak. „Sag so etwas nicht.“
„Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr.“
„Aber du musst, Felian.“
Traurig schüttelte er den Kopf. „Die Polizei hat nicht den leichtesten Verdacht, wer es gewesen sein könnte. Meine einzige Hoffnung war noch gewesen, mich an der Person rächen zu können, aber selbst das fällt weg. Ich möchte nicht mehr weitermachen, Korbinian, bitte versteh das. Du erinnerst dich an die Brücke, von der mein Vater gesprungen ist? Von ihr werde ich auch springen. Ich weiß nur noch nicht wann, aber lange wird es nicht mehr dauern. Jeder Tag ist eine Qual.“
„Bitte nicht, Felian“, jammerte ich, „tue alles nur das nicht. Ich liebe dich so sehr.“
„Und für mich war Vitus die einzige Liebe.“
„Aber vielleicht… vielleicht wird es ja noch“, jammerte ich, „es wird besser werden, das schwöre ich dir.“
Felian schüttelte den Kopf.
„Du musst mir vertrauen, Felian.“ Ich strich mit meiner Hand über seine eiskalten Schultern.
Felians Blick war die ganze Zeit auf den Horizont geheftet gewesen, jetzt drehte er sich ganz langsam zu mir um.
„Was weißt du darüber?“ Seine Stimme war ganz tonlos.
„Was meinst du?“
Sein Gesicht sah auf einmal ganz komisch aus.
„Was weißt du über Vitus Unfall?“
Ich starrte ihn nur verwirrt an. Das Gespräch hatte plötzlich eine Wendung bekommen, die mir gar nicht gefiel. Plötzlich sprang er nach vorne und presste mich gegen das Geländer. So viel Kraft hätte ich ihm gar nicht mehr zugetraut.
„Du warst es!“, brüllte er. Seine Stimme zitterte, sein Griff war aber felsenfest, „du wolltest die ganze Zeit Vitus und mich auseinander bringen, aber ich hab es nicht kapiert! Ich hab es nicht kapiert, denn ich hatte mir so sehr einen besten Kumpel gewünscht. Vitus hat immer solche Andeutungen gemacht, aber ich habe ihm nicht geglaubt.“ Er heulte und schrie. Rotz kam aus seiner Nase gelaufen. Er sah überhaupt nicht mehr nach dem schönsten Menschen der Welt aus, der er einst gewesen war.
Ich konnte gar nichts sagen, zu groß war der Druck auf meiner Brust. Felian schrie und brüllte gleichzeitig. Ich hatte Angst, dass das Geländer hinter uns nachgeben würde und wir die Stockwerke nach unten segeln würden.
„Er hat mir noch gesagt, dass es sein kann, dass du den Account mit seinen Bildern erstellt hast, aber ich hab ihm nicht geglaubt. ICH HABE DIR MEHR VERTRAUT ALS MEINER GROßEN LIEBE!“ Er schnaufte und schniefte und um uns herum hörte ich sämtliche Balkontüren aufgehen. Sicherlich konnte ganz Berlin seine schreienden Worte hören.
Mein Leben war jetzt sowieso vorbei, von einer Sekunde auf die andere war es zerstört worden. Wie bei Vitus.
„Er hat dich nie betrogen“, presste ich aus meinen Lungen heraus. Langsam wurde die Luft knapp, so sehr schnürte er sie mir ab.
Ganz plötzlich ließ er mich los. Damit hatte ich nicht gerechnet, gierig sog ich die Luft in meine Lungen. Felian stand jetzt einen Meter von mir entfernt und hatte die Augen merkwürdig verdreht. Er schnappte nach Luft, sein ganzer Körper bebte, dann stürzte er auf den Boden.
Ohnmächtig oder tot?

Polizei, Gerichtsverhandlung, Knast. Meine Zelle bestand aus einer Pritsche, einem Klo mit Waschbecken und einem vergittertem Fenster. Drei Jahre war ich schon dort, etliche Jahre hatte ich noch vor mir. Mein Leben war vorbei. Ich wünschte, ich wäre gestorben, aber ähnlich wie der Komapatient ohne Beine hatte ich jetzt keine Chance mehr, mich umzubringen. Sobald ich ein Messer finden würde, würde ich mir die Pulsadern aufschneiden oder sobald mir ein Strick in die Hand gedrückt würde, ich würde sofort von der Decke baumeln.
Felian war tot. Er war zwar damals auf dem Balkon nur in Ohnmacht gefallen und war abermals im Krankenhaus gelandet. Eine Woche später hatte er sich aber, wie sein Vater, von der Brücke gestürzt.
Ich hatte ihn nie wieder gesehen und hatte auch kein Foto von ihm hier. Dabei war er doch der schönste Mann der Welt gewesen. Meine große Liebe.

Danke fürs Lesen

Starker Tobak, aber sehr gut geschrieben! Finde es sehr mutig von Dir auch mal eine eine Geschichte mit Ecken und Kanten und ohne Happy End zu verfassen! :stuck_out_tongue:

Also für schwache Nerven ist das wirklich nichts. Das mit Felian muss ich wirklich jetzt erst einmal verdauen. ^^ Und das schlimmste ist, dass er anscheinend noch immer nicht begriffen hat, was er da eigentlich angerichtet hat. Er ist so fixiert und besessen auf ihn, dass er alles ausblendet. Einfach nur irre. Alleine schon der letzte Gedanke von ihm, zeigt doch schon, dass er es noch immer nicht verstanden hat. Wahnsinn.

Inhaltlich hat mir die Geschichte trotz des abrupten Endes aber sehr gefallen. Auch wenn ich mir ein positives Ende gewünscht habe und das Ende doch etwas schneller als erwartet kam. Wenigstens ist er aufgeflogen und verrottet im Knast. ^^

Hm,als mir klar war, dass Vitus wohl tatsächlich sterben wird, hab ich fest mit dem Selbstmord von Felian gerechnet. Irgendwie war das Ende gar nicht überraschend für mich.
Aber es passt zu dieser tragischen Geschichte.
3 zerstörte Leben (und noch mehr, wenn man die Angehörigen hinzurrechnet) was für ein Wahnsinn!
Danke fürs Schreiben :bp: Nicht meine Lieblingsgeschichte, aber eine einprägsame.