Das Seil

Hi ^^

im Rahmen des Boypoint-Weihnachtskalenders erscheint auch eine Kurzgeschichte (in 3 Teilen) von mir. Den ersten Teil, hinter dem 10. Türchen, gibt es ab heute hier zu lesen.

Viel Spaß damit und liebe Grüße,
Arokh

Hi Arokh,

oh, was hat denn Chris? Das klingt echt nicht gut :open_mouth:

Na toll, da fange ich dann auch noch von hinten an, das Pferd aufzuzäumen… kopschüttel Unverbesserlicher Zuri…

Nicht nur dich, Jack.

Nicht sehr schmeichelhaft, aber wahrscheinlich einfach die Wahrheit…

Awww… Chris nimmt sich auch wirklich immer zurück. Das macht ihn so sympatisch. Nicht sein Aussehen oder seine nicht vorhandenen oder schlecht ausgeprägten Fähigkeiten.

Oha, Jack ist also ab und zu auch gewalttätig…

Zur Handlung kann ich noch nicht viel sagen, weil vieles ja eher eine Beschreibung der Charaktere und der Ausgangssituation war. Aber mal sehen wie es weitergeht… :wink:

Liebe Grüße,
Zuri

PS.: Die Zusammenarbeit war auch für mich sehr unterhaltsam auf der einen Seite und auf der anderen wieder lehrreich für jemanden, der selbst aktuell nicht schreibt, aber schon mal editiert hat. Jeder Autor ist anders, da ist es mal cool, verschiedene Typen kennen zu lernen. Kleiner Tipp an andere Autoren: Lasst euch nicht von euren Editoren auf der Nase herumtanzen, die dürfen euch auch nicht alles sagen, auch wenn ihr generell ein offenes Ohr für eure Editoren haben solltet, aber es ist immer noch eure Geschichte :wink:

Oh, jetzt geht’s aber los! Heftig…

Mach ich das gerade wieder? Oops, I did it again!

Erinnert mich gerade an ein cold opening wonach dann auf Schwarz geblendet und der Schriftzug “Vor x Stunden” eingeblendet wird.

Und so springen auch wir an den Anfang des Geschehens zurück:


Also Jacks Vorschlag am Strand ist dezent merkwürdig, wenn er ihn als vollkommen unverfänglich betrachtet… oO

Vielleicht gehört er einfach zur Faktion nach-dem-Sport-mit-den-Klassenkameraden-duschen und damit eher zu #TeamJacob als zu #TeamJosh bzw. noch eher wohl zu #TeamEthan mittlerweile, seitdem wir mehr über ihn wissen.

Das ist doch jetzt bewusst zweideutig aufzufassen, wo unsere Sprache doch genau an der Stelle Platz für Missverständnisse lässt, die für den einen oder anderen unangenehm werden können?

Also definitiv nichts, was man bereits im nächsten Jahr zum Schrottwichteln mitbringen will (Y)

Folgendes hatten wir ja schon geklärt, aber der Vollständigkeit halber (und damit andere die Antwort auch lesen können) an dieser Stelle noch einmal die zwei Sachen, die ich etwas komisch fand:

  • Die Hollywoodschaukel, die von knutschenden Pärchen benutzt wird, schon zu erwähnen, obwohl keiner bis dahin ausgesproche ausgesprochen hat, dass er den anderen liebt und doch ist es das Ziel der beiden.
  • Auch die Szene mit den Händchen halten wirkte etwas deplatziert, da es unausgesprochen und einvernehmlich passierte, bevor es ausgesprochen wurde.

Wenn dann würde es ja ein Liebesgeständnis zumindest überflüssig machen, aber bisher scheint das für beide normal zu sein und keine solche Bedeutung zu haben. Wie Jack ja schon im Krankenhaus dem Leser erklärte, stört die viel Körperkontakt bzw. die Reaktion anderer darauf nicht.

Mal sehen, wie es weitergeht… :wink:

Bin gespannt :slight_smile:


Ich hatte gestern und heute noch jeweils was geschrieben, gestern sogar deutlich mehr, aber ich hab an beiden Tagen den Anfängerfehler begangen und hab’s nirgendwo zwischengespeichert. Somit zweimal denselben Fehler gemacht. Zweimal die gesamte Arbeit verloren. Danke, dass du, mein Browser diese tolle Macke hast und danke an meine Dummheit :smiley:


An die 147 anderen, die kommentarlos in den Thread gekommen sind und ihn auch so wieder verlassen haben:

Kommentieren!

Da mich ein lieber Freund gefragt hatte, ob ich die Story nicht noch einmal zusammengefasst hier posten könnte, tue ich das nun mal :slight_smile:


Teil 1

Ich bin Jack, und das ist die Geschichte von mir und meinem lieben Freund Chris.

Chris und ich könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Gene schienen es wohl gut mit mir zu meinen, denn ich bin hoch gewachsen, gut gebaut und proportioniert, habe volles, hellbraunes Haar, nussbraune, scharfe Augen, eine gute Kondition und man sagt mir nach, dass ich äußerst talentiert und intelligent sei – was wohl Ansichtssache sein dürfte. Auf der anderen Seite steht Chris, ein zwar großer, aber schlaksiger, dürrer Junge mit schiefem Gesicht, krummem Rücken, Brille, blassem, aschblonden Haar, einer Augenfarbe, die eine seltsame Mischung aus Grün und Grau darstellt und ungeschickt ist er auch noch. Was die Allgemeinheit betrifft, ist er wirklich nicht hübsch anzusehen, nicht besonders stark und definitiv nicht beliebt.
Mir ist das alles vollkommen egal. Mir ist egal, wie er aussieht, was er an hat, woher er kommt, wie ungeschickt oder unbeliebt er ist, denn wir sind Freunde seit wir kleine Kinder waren. Chris war immer freundlich und hilfsbereit zu mir, wobei ich sagen muss, dass letztendlich er es meist war, der Hilfe brauchte. Chris‘ große Stärke war seine unendliche Geduld und Güte. Er nahm niemals jemandem etwas krumm, redete nicht schlecht über andere und nahm sich nicht wichtig. Es war ein Jammer, dass das niemand, außer mir, erkennen wollte. Unsere Freundschaft wurde zwar auch das ein oder andere Mal belastet, aber zerstören konnte sie nichts und niemand. Andere Freunde habe ich nicht viele, denn leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen nicht über ihre eigene Oberflächlichkeit hinauswachsen können. So oft, wie Chris wegen seines Äußeren angepöbelt oder gemobbt wurde, so oft bin ich dazwischen gegangen und habe nicht selten angebliche „Freunde“ in ihre Schranken weisen müssen – manchmal auch mit mehr als nur Worten.

Oftmals wurde ich von oberflächlicheren Zeitgenossen darauf angesprochen, was ich an Chris nur fand, dass ich ihn immer in Schutz nahm. Abgesehen davon, dass es richtig war, lag das wohl auch darin begründet, wie unsere Freundschaft entstanden war. Ich war als kleiner Junge im Alter von 4 Jahren einmal mit meinen Eltern im Urlaub in den Bergen. Bei einem Ausflug lernten sich Chris‘ und meine Eltern kennen – und somit auch wir. Als kleines Kind war ich sehr schüchtern, im Gegenteil zu Chris, der auf mich zuging, mit mir spielte und Zeit verbrachte. Unsere Familien freundeten sich schnell an, nachdem wir feststellten, dass wir im selben Hotel übernachteten und sogar in derselben Stadt wohnten. Von da an besuchten wir uns regelmäßig gegenseitig und wurden unzertrennliche Freunde. Zwar gingen wir auf unterschiedliche Schulen, doch vor ein paar Jahren wurden diese zusammengelegt, sodass wir inzwischen sogar das Klassenzimmer teilten. Ich bemerkte schnell, dass Chris mir meist den Vortritt ließ. Er ermutigte mich, frei heraus zu sagen, was ich möchte, indem er mich häufig fragte, auf was ich denn zu spielen Lust hätte. War von unserem Lieblingskuchen nur noch ein Stück übrig, bot er es mir an. War im Freibad nur noch eine Liege frei, bot er sie mir an. Er teilte alles mit mir und verlange nie etwas – ausgenutzt habe ich das jedoch nicht, sondern, angespornt durch seine selbstlose Art, meistens einen guten Mittelweg für uns beide gefunden.
Leider meinte es das Schicksal dennoch nicht so gut mit ihm und so wurde im Laufe der Jahre aus mir der beliebte Jüngling und aus ihm das hässliche Entlein, was für mich allerdings bedeutungslos war, denn ich hatte Chris aufgrund seiner wahren Natur schätzen gelernt.

Einmal hatte ich eine feste Freundin, Lara hieß sie und verdammt hübsch anzusehen war sie auch. Ich wurde beglückwünscht und beneidet und war auch eine Zeit lang sehr glücklich mit ihr. Doch irgendwann begann sie, mich zu bedrängen, ich solle doch weniger Zeit mit Chris verbringen, da er mich ständig nur runter ziehen und in ein schlechteres Licht stellen würde. Chris hatte nie etwas gesagt, doch es stellte sich heraus, dass sie ihn angesehen und behandelt hatte, wie ein lästiges Insekt. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass mir das nicht aufgefallen war. Daraufhin war ich schneller wieder Single, als sie einen Augenaufschlag machen konnte. Bestürzt fragte ich Chris danach: „Warum hast Du denn nicht schon eher was gesagt?“ Mit seinen treuen, grau-grünen Augen und einem zaghaften Lächeln, mit dem er bei mir alles entschuldigen konnte, antwortete er: „Du warst doch so glücklich mit Lara; ich wollte das nicht kaputt machen.“
„Oh, Chris“, ich ließ die Schultern sinken und sah ihn mitfühlend an. „Sie ist es doch, die völlig kaputt ist; da kannst Du nichts dafür.“ Dann zog ich ihn an mich und umarmte ihn – eine Geste der Zuneigung, die mich noch nie gestört hatte, egal welche Blicke man uns zuwarf. „Du bist manchmal so ein Dummkopf. Zögere nie wieder, mir zu sagen, wenn Dir jemand weh tut, ja? Das lasse ich nicht zu“, flüsterte ich ihm zu.
Chris sah mich anschließend dankbar und lächelnd an, sagte aber mit nüchternem Tonfall: „Das ist sehr lieb von Dir, Jack, aber Du kannst mich nicht immer und vor allem und jedem beschützen.“
„Doch, das kann ich!“, erwiderte ich trotzig und merkte nicht, dass hinter seinen Worten mehr steckte, als er ausdrücken wollte. Aber so war Chris eben – stellte sich immer zurück.

Inzwischen waren wir beide 16 Jahre alt und in der zehnten Klasse. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätten wir den Schulalltag hinter uns gelassen. Die Bewerbungsphase für eine Lehrstelle lief bei uns beiden auf Hochtouren und wieder einmal hatte ich mehr Glück als mein Freund. Es war an einem verregneten Nachmittag im Frühjahr, als sich etwas in unser Leben schlich, das uns noch viel Sorgen bereiten würde. Wir saßen beide auf meinem Bett und spielten Videospiele. Chris war an dem Tag nicht in Form – nicht dass das sonst anders gewesen wäre – aber diesmal spielte er besonders schlecht und sah auch noch blasser aus, als sonst. Mir war aufgefallen, dass er in letzter Zeit ruhiger geworden war. Ich betrachtete ihn unauffällig von der Seite und schob es für den Moment auf das neueste, missglückte Vorstellungsgespräch, welches er vor einigen Stunden hinter sich gebracht hatte.
Mitten im Spiel stockte Chris plötzlich und stierte mit glasigem Blick nach vorn. „Ich glaube, ich bin ein wenig müde und brauche eine Pause“, meinte er und ich wendete mich ihm zu.
Da erschrak ich, fuhr auf und sagte leicht panisch zu ihm: „Chris, Du blutest ja aus den Ohren!“ Mit müdem Blick sah er fragend zu mir auf und kippte anschließend ohnmächtig nach hinten. Die Panik stieg nun vollends in mir auf, sodass ich vor lauter Schreck nicht wusste, was ich tun sollte. Reflexartig rief ich lautstark nach meiner Mutter und kurz darauf stand der Krankenwagen vor unserem Haus. Chris wurde von den Sanitätern untersucht, welche ihn anschließend ins Krankenhaus brachten. Mit Tränen in den Augen fuhren mich meine Eltern sofort dorthin, wo Chris‘ Eltern und seine kleine Schwester bereits warteten. Nach einer langen Zeit, in welcher die Ärzte ihn untersuchten und wir im Ungewissen gelassen wurden, erfuhren wir schließlich, dass kein physisches Problem zu erkennen war. Dem Jungen fehlte offensichtlich nichts und man konnte sich den Schwächeanfall und das Blut nicht erklären.
Nachdem man uns zu Chris auf das Zimmer gelassen hatte, rannte ich zu ihm ans Bett, setzte mich darauf und nahm instinktiv seine Hand. „Du hast mich ganz schön erschreckt“, raunte ich ihm zu und war erleichtert, als er meinen Blick erwiderte, mit der gewohnten Lebendigkeit in seinen Augen.


Teil 2

Nach diesem Vorfall ging das Leben für uns beide zunächst wie gewohnt weiter. Da die Prüfungen vor der Tür standen, waren unsere Mitschüler mehr mit sich selbst beschäftigt und hatten weniger Lust, auf Chris herumzuhacken. Ich wünschte einigen von ihnen, dass sie ordentlich durchrasseln mögen, doch Chris, in seiner unendlichen Geduld, bat mich, so etwas nicht zu denken. Ihm zuliebe ließ ich es sein und konzentrierte mich ebenfalls auf den bevorstehenden Abschluss. Anders als die meisten aus meiner Klasse hatte ich jedoch bereits meinen Ausbildungsplatz sicher und daher eine Sorge weniger.
Im Frühsommer hatte die Sonne dieses Jahr schon reichlich Energie und das Wetter lud einen zum Baden gehen ein. Chris und ich waren Wasserratten, also nutzten wir jede Gelegenheit, die sich uns bot und suchten den außerhalb der Stadt gelegenen Weiher auf, wo wir uns erfrischten. Meistens waren wir ungestört dort, was mir nur recht war: Ich konnte sowohl auf die angeberischen Kerle aus unserer Schule, als auch auf die gierig gaffenden Weiber, denen ein hübscher Körper achso wichtig war, gerne verzichten. Die bewundernden Blicke von Chris, wenn er mich halbnackt im Wasser tollen sah, fand ich aber irgendwie gut. Es lag mir fern, Arroganz an den Tag zu legen und ich nahm an, dass mein schmächtiger Freund sich einfach nur selbst nach einer sportlicheren Statur sehnte. Allerdings kam ich nicht umhin, dass ich mich geschmeichelt fühlte, wenn er mir verstohlene Blicke zuwarf, wobei ich mir sicher war, dass er dachte, ich würde es nicht bemerken. Als wir rücklings auf der Decke lagen, von der warmen Sonne langsam trocknend, schlug ich ohne groß darüber nachzudenken vor, dass wir doch auch gleich ohne Badehose hier rumliegen könnten. „So werden wir wenigstens gleichmäßig braun“, lachte ich ihn an.
Chris, der tatsächlich eher weniger zum Braunwerden taugte, lief plötzlich hochrot an und drehte sich, mir den Rücken zuwendend, auf die Seite.
Verwundert richtete ich mich halb auf. „Was ist denn, ich mein ja nur…“ Weiter kam ich nicht, denn ich stellte erschrocken fest, dass Chris erneut das Bewusstsein verloren hatte. „Chris, um Himmels willen!“, schrie ich ihn an und rüttelte an seinem Arm. Panik stieg erneut in mir hoch und ich fragte mich wieder einmal kopflos, was ich jetzt machen sollte.
Schließlich kramte ich doch mein Handy aus der Tasche und war bereits dabei, den Notruf zu wählen, als Chris‘ schwache Stimme ertönte, er sich langsam auf den Rücken drehte und mich anblinzelte. „Ist ok, ich bin wieder da“, flüsterte er.
„Mensch Chris, was ist denn nur los mit Dir?“, fragte ich mit zitternder Stimme und wieder rollte eine Träne meine Wange hinunter. Voller Sorge um meinen Freund fiel ich ihm um den Hals. Chris erwiderte die Umarmung und drückte mich liebevoll an sich. Nachdem wir seinen Eltern von dem neuerlichen Vorfall berichteten, wurden wieder diverse Untersuchungen vorgenommen, erneut mit dem Ergebnis, dass keine Ursache für diese Ausfälle festgestellt werden konnte.

Von diesem Tag an häuften sich die Anfälle allerdings, wobei die Abstände dazwischen jedoch unregelmäßig waren. Manchmal war Chris nur für Sekunden weggetreten, manchmal für mehrere Minuten. Einmal, im Herbst, als ich Chris nach der Berufsschule zu Hause besuchte, wachte er erst nach mehreren Stunden in der Klinik wieder auf. Und niemals konnte eine Erklärung für seinen Zustand gefunden werden. Trotz allem schien ich mehr beunruhigt zu sein, als Chris selbst, was mir einfach nicht in den Kopf wollte. Ich fing an, meinen Freund genauer zu beobachten. Doch außer der Tatsache, dass er stiller und in sich gekehrter als früher war, stellte ich nichts fest. Schließlich führte ich seinen Gemütszustand darauf zurück, dass er in Wirklichkeit aufgrund der Ungewissheit über den Ursprung seines Zustandes Angst hatte.
Beim Aushelfen im Obst- und Gemüseladen meiner Mutter, gestand ich ihr, dass ich selbst wahnsinnige Angst um Chris hatte und begann fürchterlich zu weinen. Sie nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten und riet mir, dass ich im Moment nichts weiter tun könnte, als für ihn da zu sein, wie ich es immer war: als Freund.

Und ich war für ihn da. Die Abstände der Anfälle waren so unregelmäßig und unvorhersehbar, dass zu dieser Zeit für Chris eine Ausbildung nicht in Frage kam. Er war darauf angewiesen, sich die meiste Zeit daheim aufzuhalten. Allein sein musste er aber nicht, denn ich besuchte ihn, wann immer ich konnte und wir hatten trotz allem die beste Zeit zusammen, die wir uns vorstellen konnten. Neben den unheimlichen Anfällen von Chris hatte sich noch mehr verändert. Ich konnte es zunächst nicht bestimmen und als ich es konnte, tat ich es als Mitleid ab. Doch tief in mir drin wusste ich, dass es etwas anderes war: Meine Freundschaft und Zuneigung zu Chris war über all die Jahre zu echter Liebe geworden. Ich konnte nicht begründen, warum es so war; ich fühlte es einfach. Unklar, was das für die Zukunft – meine und seine – bedeuten sollte, dachte ich nicht weiter darüber nach und beschloss, erst einmal zu warten, ob es sich nicht doch als irgendeine hormonelle Spinnerei von mir herausstellte. Schnell wurde mir klar: es war keine Spinnerei! Wenn ich ihn so ansah, seinen verträumten Blick, wie er sehnsüchtig aus dem Fenster sah oder sein schiefes aber warmherziges Lächeln, wenn er mit mir sprach, da wusste ich, ich wollte immer nur ihn an meiner Seite haben. Obwohl es das erste Mal war, dass ein Junge mir den Kopf verdrehte, machte ich mir über die Bedeutung dessen keine Sorgen – egal, was andere davon halten würden. Dann liebte ich eben einen Jungen; was sollte daran schlimm sein? Meine Gefühle für Chris waren das Einzige, was für mich zählte.

Die Monate zogen ins Land, der Winter hatte die Stadt fest im Griff und es ging langsam aber sicher auf Weihnachten zu. Ich wusste, was ich wollte und hatte fest im Blick, was ich Chris dieses Jahr schenken würde. Es war nichts Materielles und ich war nicht einmal ansatzweise sicher, dass er mein „Geschenk“ überhaupt haben wollte, geschweige denn annehmen konnte. Letztendlich konnte ich nur hoffen, dass ich mich in nichts verrannt hatte und am Ende alles gut werden würde. Der letzte Anfall war bereits einige Wochen her und wir alle glaubten, dass dieses unselige Spiel des Schicksals endlich ein Ende hatte.

Einen Tag vor Heiligabend, es war ein Samstag, war die Sonne hinter den Wolken hervorgekrochen. Der Schnee lag dicht und blendend weiß über unserer Welt und die Temperaturen waren trotz des hellen Sonnenscheins so niedrig, dass er noch eine ganze Weile liegen würde.
„Ich möchte gern etwas machen“, begann Chris an diesem Morgen.
Ich hatte bei ihm übernachtet und fragte fröhlich: „So? An was hast Du denn gedacht?“
Er strahlte mich aus seinen grau-grünen Augen durch die Brille hindurch an, ein Effekt, den ich in der letzten Zeit sehr vermisst hatte. „Ich würde gern zum Aussichtspunkt gehen, der Blick von dort ist heute bestimmt traumhaft.“
Ich musterte ihn aufmerksam. Zwar erschien er ein wenig blasser als gewohnt, doch es war nur eine Spur, und er wirkte so lebendig wie noch nie. Dennoch hakte ich nach: „Bist Du sicher? Du warst schon eine Weile nicht mehr länger draußen, vielleicht sollten wir es langsam angehen lassen.“
Chris überzeugte mich aber letztlich doch und auch wenn seine Mutter zwar sehr besorgt war, konnte er auch sie überreden, uns gehen zu lassen. Also machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zu dem Felsplateau, von wo aus man die gesamte nähere Gegend im Blick hatte. Der Aufstieg war nicht allzu schwierig, obwohl der Schnee reichlich lag und sich rechts und links auftürmte. Noch dazu blendete die Sonne ganz schön. Gegen Mittag erreichten wir aber doch den Aussichtspunkt, an welchem vor Jahren jemand eine Hollywoodschaukel aufgestellt hatte, die gern von knutschenden Paaren bei Sonnenuntergang genutzt wurde. Auch wir setzten uns, in dicke Schichten Winterkleidung gepackt, dorthin und genossen den Blick, der sich uns bot. Ich warf einen Seitenblick auf Chris, doch der sah glücklich aus und hatte ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Er drehte sich ebenfalls zu mir und unsere Blicke trafen sich.
„Weißt Du, was ich noch niemandem erzählt habe?“, richtete er das Wort an mich.
„Nein, woher auch?“ antwortete ich mit einem freundschaftlichen Schmunzeln.
„Immer, wenn ich diese Anfälle bekam, hatte ich denselben merkwürdigen Traum“, sprach er und wirkte dabei ein bisschen, als würde er an mir vorbei in die Ferne sehen.
„So? Was für ein Traum war das?“, wollte ich wissen.
Chris wendete den Blick nun vollends von mir ab und sah auf die unter uns liegende Landschaft. „In diesem Traum stehe ich in einer grauen, toten Landschaft und halte irgendetwas Langes in meinen Händen, das von mir weg in die Dunkelheit führt. Ein Stück weit vor mir kann ich einen riesigen Abgrund oder Graben erkennen, der mich anzuziehen scheint. Jedes Mal, wenn ich diesen Traum hatte, war der Abgrund ein Stück näher gekommen…“
Eine unbestimmte Unruhe stieg in mir auf. „Chris, das ist voll gruselig“, flüsterte ich heiser. Ohne groß darüber nachzudenken zog ich meinen Handschuh aus und hielt ihm meine linke Hand hin. Und ohne zu zögern zog er den seinen aus und ergriff mit seiner rechten Hand die meine. So saßen wir tatsächlich Händchen haltend auf der kalten Schaukel, sahen verträumt in die Landschaft und es war so, als hätten wir nie etwas anderes getan. Mein Herz begann stark zu klopfen und ich wusste nicht sicher, ob es daran lag, dass sein Traum mir Angst machte oder ob es doch eher das schöne Gefühl war, bei ihm zu sein und die Sache mit ihm gemeinsam durchzustehen.
Die Sonne zog sich hinter die dichter werdenden Wolken zurück, als Chris unvermittelt sagte: „Ich liebe Dich, Jack.“
Seine Worte überraschten mich so sehr, dass mir direkt der Atem stockte. Mit aufgerissenen Augen sah ich meinen Freund an. „Was hast Du da eben gesagt?“ Doch ich bekam keine Antwort. Chris war erneut bewusstlos geworden und sein Kopf auf seine Brust gesunken. Noch immer hielt ich die Hand meines Freundes und ein schrecklicher Gedanke kam mir. Fühlte sich Chris‘ Hand nur deswegen so kalt an, weil es hier draußen so frostige Temperaturen waren oder sollten meine schlimmsten Ängste gerade Realität geworden sein? Die erdrückende Panik machte sich wieder in mir breit und ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Mit zittriger Hand fummelte ich mein Handy hervor, doch hatte ich kein Netz. „Hilfe“, begann ich zunächst leise, dann immer lauter und hysterisch zu schreien. „Hiiiilllfeee!“ Ich versuchte Chris‘ Puls zu fühlen, doch da war nichts. Schockiert stellte ich fest, dass er auch nicht atmete. „Nein, bitte nicht das“, flehte ich.


Teil 3

„Dein Freund ist fort, für ihn ist es zu spät“, ertönte da plötzlich eine tiefe, dröhnende Stimme.
„Was zum…“, fuhr ich auf und wirbelte herum. Hinter mir stand eine hochgewachsene Gestalt. Der Mann mit dem üppigen und dichten, weißen Bart war in einen langen, mit tiefdunklem Rot, von leuchtend weißem Zierrand umsäumten Mantel gekleidet. Seine strengen Augen blickten mich unverwandt an. Die Hände hatte er in den weiten Ärmeln verborgen. Inzwischen war vom Sonnenschein nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Wind war aufgekommen und es fühlte sich nach neuem Schnee an, welchen der Sturm mit sich bringen würde.
„Nein“, sagte ich entschlossen. „Nein, das kann nicht sein. Nicht jetzt, noch nicht!“ Die Situation war grotesk und absurd. Ich fragte mich endlich, warum dieser Fremde nichts unternahm, um mir zu helfen; ich konnte es überhaupt nicht verstehen. „Tun Sie doch etwas; holen Sie Hilfe, nehmen Sie Ihr Handy, aber tun Sie doch endlich etwas!“, schrie ich ihn an. „Bitte“, ich wendete mich wieder Chris zu und weinte bitterlich. „Bitte, ich habe ihm doch versprochen, ihn zu beschützen.“
Der Alte trat neben mich und sah fast gebieterisch auf uns herab. „Ist er Dir wirklich so wichtig, wie Du behauptest?“
Ich hatte nur Augen für Chris und erwiderte schluchzend: „Er bedeutet mir alles.“
„Dann gebe ich Dir die Chance, ihn vor diesem Schicksal zu bewahren“. So wie der fremdartige Alte die Worte gesprochen hatte, war er verschwunden.

Ich blickte mich verwirrt um, doch konnte ihn nirgends entdecken. Und einen Augenblick später konnte ich nicht einmal mehr sagen, wo ich überhaupt war. Die Gegend hatte sich komplett verändert. Verschwunden waren das Felsplateau, die Hollywoodschaukel und auch Chris. Verschwunden war überhaupt alles, denn ich befand mich in einer kargen, öden Landschaft. Weder Baum noch Strauch waren weit und breit zu sehen, der Himmel war ein einziges Gemisch aus Grautönen und beständig pfiff Wind über das Land. Ich blickte an mir herunter, und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich lediglich eine Art Nachthemd trug.
„Was zur Hölle?“, entfuhr es mir, doch weiter kam ich nicht, denn ich entdeckte eine Gestalt, welche die Einzige außer mir in dieser Ödnis zu sein schien. Ich brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, wer die Gestalt war. „Chris!“, rief ich aufgeregt und rannte auf meinen Freund zu. Als ich ihn erreicht hatte, blieb ich abrupt stehen und wäre beinahe über den Rand eines gigantischen Abgrundes gestürzt. Chris, welcher ebenfalls nur in ein Nachthemd gekleidet war, stand genau an der Kante und hielt ein fingerdickes Seil in beiden Händen, welches über den Abgrund führte und irgendwo in einem schwarzen, wabernden Nichts endete. Das Seil war straff gespannt und doch schien Chris es einfach nur zu halten und keine große Mühe dabei zu haben.
„Chris, hey“, sprach ich ihn an und da endlich wendete er mir den Kopf zu.
„Jack? Was machst Du denn hier?“, fragte er erstaunt und wankte leicht, als das Seil zu rucken begann.
„Ich… ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, meinte ich unsicher und blickte prüfend auf das Seil. „Wo sind wir und was machst Du hier mit dem Seil?“
Chris sah verdammt müde und niedergeschlagen aus. „Das ist der Traum, von dem ich Dir erzählt habe. Warum ich diesmal von Dir träume, weiß ich nicht. Vielleicht, weil es das letzte Mal ist, dass ich ihn träume.“ Er blickte vielsagend zu seinen Füßen, welche sich mit den Zehen direkt an den Rand des Abgrunds klammerten.
„Du träumst nicht von mir“, sagte ich, „Ich bin tatsächlich hier, wo auch immer und wie auch immer das sein kann. Da war dieser Mann und… egal. Warum lässt Du das Seil nicht einfach los?“
„Ich kann nicht. Ich habe es versucht, aber es geht nicht“, antwortete Chris und sah mich traurig an. „Ich kann auch nicht daran ziehen, meine Kraft reicht nur, um den Abstand zu wahren… solange ich hier bin zumindest.“ Er brachte ein gequältes Lächeln zustande, als er mir offenbarte: „Aber meine Kraft lässt nach, bald werde ich dort runter gerissen und ich weiß nicht, was dann geschieht.“ Leise setzte er hinzu: „Dann hat diese ganze Quälerei ein Ende. In gewisser Weise werde ich froh sein, wenn es soweit ist.“ „Nein, das wirst Du nicht“, sagte ich mit einer plötzlichen Entschlossenheit. Ich packte mit beiden Händen das Seil. „Wenn einer allein das nicht schafft, machen wir es eben zusammen.“ Ein heftiger Ruck durchfuhr meinen Körper, als ich spürte, wie das Seil sich mit meinen Händen verband. Es gab nun kein Zurück mehr.
Chris riss die Augen weit auf. „Jack, warum hast Du das nur getan?“
Die Angst, die Chris nun empfand, galt längst nicht mehr ihm selbst. Ich spürte, wie er sich um mich sorgte und musste beinahe ironisch auflachen. Schon wieder dachte er nur an mich, nicht an sich – und nie war ich mir einer Sache sicherer. Voller Zuversicht bekräftigte ich: „Wir sind Freunde bis in alle Ewigkeit.“ Unsere Umgebung blendete ich vollkommen aus und konzentrierte meine Gedanken nur auf die Gefühle, die ich für diesen Jungen empfand. „Ich lasse Dich nicht allein – egal wo, egal wann – verstehst Du das?“, versuchte ich, ihm klarzumachen, dass es genau so richtig ist, wie es ist.
„Und wenn wir beide es nicht schaffen?“, fragte Chris ängstlich. Es war deutlich zu erkennen, dass er längst aufgegeben und sich treiben gelassen hätte, wenn er sich jetzt nicht um mich sorgen müsste. Sein Blick huschte dabei nervös in alle Richtungen, in denen sich die karge Ebene weiterhin unendlich erstreckte – grau, trist und in der Ferne von einer bedrohlichen Nebelwand umschlossen, die alles verschluckte und keine Hoffnung auf ein besseres Morgen zuließ.
„Dann bin ich bis zum Ende bei Dir.“ Ich suchte Chris‘ Blick und sah ihm entschlossen und angestrengt in die Augen. Möglicherweise drängte ich ihm damit eine Verantwortung auf, die er nicht wollte, doch ihn aufzugeben, kam für mich nicht in Frage. Ich ahnte allmählich, was diese Szenerie hier für Chris wirklich bedeutete und ich musste und wollte ihm zeigen, dass es da mehr gab, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Meine ganze Kraft legte ich in meine Arme und hatte den Eindruck, dass es auch Chris gelang, etwas mehr Energie aufzuwenden. Wie viel Zeit verging, konnte ich nicht einschätzen, meine Konzentration galt allein dem Stemmen gegen den Abgrund. Sicher war ich nur, dass wir beide nicht mehr viel länger standhalten würden. Nur weil ich Chris sagte, wir würden das jetzt gemeinsam durchstehen, ganz gleich wie die Konsequenzen aussahen, hieß das nicht, dass ich vor dem Sturz in den Tod weniger Angst hatte. Für ihn versuchte ich aber, die aufkommende Panik zu unterdrücken und stark zu sein. Erst jetzt konnte ich nachempfinden, was Chris die ganze Zeit gefühlt hatte – und ich hatte das alles nicht gemerkt. Er war so lang damit allein gewesen. Das sollte ab sofort enden. Von nun an wollte und würde ich bei ihm sein.
„Chris?“ Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, als ich mich mit aller Macht gegen den Zug in die Unendlichkeit stemmte. „Ich liebe Dich!“, presste ich unter größter Anstrengung hervor. Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, ging ein Ruck durch das Seil und ich wusste sofort, das war nicht mein Verdienst allein. Durch den unvermittelten Schwung fielen wir rücklings zu Boden, während die dunkle, nebulöse Wolke, und auch das Seil, welches in ihr endete, sich auflösten.
Wir atmeten beide heftig und lagen nach Luft ringend am Boden.

Chris wendete den Kopf zu mir. „Du liebst mich? Aber warum?“ Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Verwunderung, Unsicherheit, aber auch Hoffnung.
Ich grinste ihn an und antwortete: „Ach Chris, eben weil Du Du bist, warum sonst?“ Nach kurzem Zögern gestand ich ihm: „Weißt Du, ich wollte Dir das eigentlich erst morgen sagen – sozusagen als mein persönlichstes Weihnachtsgeschenk an Dich. Und ich war mir echt nicht sicher, ob Du überhaupt etwas damit anfangen kannst…“
„Wer ist jetzt hier der Dummkopf, hm?“, lächelte Chris mich an. Es war das schönste Lächeln, das ich jemals gesehen hatte.
Ich dachte zunächst noch, ich würde mich täuschen, doch tatsächlich veränderte sich etwas in Chris’ Augen. Und nicht nur das: ein flüchtiger Blick in die Umgebung verwirrte mich, denn ich meinte erkennen zu können, dass die karge Landschaft einen Hauch Farbe bekommen hatte. Ehe ich mir der Bedeutung der Veränderung vollends bewusst werden konnte wurde es hell und ich fand mich, mit dem Kopf auf Chris‘ Schoß liegend auf dem Plateau wieder. Der Schneesturm war vorbei, als hätte er nie stattgefunden und ich war mir auch nicht sicher, was sich da eben abgespielt hatte. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah in Chris‘ lächelndes Gesicht. Freudestrahlend fiel ich ihm um den Hals, löste mich wieder und sah ihn glücklich und mit Freudentränen in den Augen an. Es überkam mich und ich gab ihm einen Kuss, den er, ebenso glücklich wie ich, erwiderte. „Ich sagte doch, ich würde Dich immer beschützen“, lächelte ich Chris freudig an.

Chris und ich feierten das schönste Weihnachtsfest, das wir je erlebt hatten, behielten die denkwürdige Begebenheit auf dem Plateau jedoch für uns. Die Anfälle kehrten danach niemals wieder. Wir fragten uns oft, was das alles zu bedeuten hatte und was an jenem Tag geschehen war. Mit der Zeit fanden wir für uns heraus, dass Chris allmählich immer einsamer geworden war, obwohl er in mir einen treuen Freund besaß, und dass sich diese Einsamkeit als eine Art psychosomatische Störung in diesen Anfällen manifestiert hatte, welche ihn offenbar langsam umbrachte, was bis zu dem Ereignis am Berg jedoch niemand erkannte. Eine eindeutigere Erklärung für die Auflösung des Ganzen fanden wir nie, doch das war auch nicht wichtig. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit, dass mir die Chance gegeben wurde, meinen Freund zu retten. Und auch wenn es absolut lächerlich klang, hatte ich für mich eine befriedigende Antwort gefunden, wer mir jene Chance in dieser schlimmen Situation gewährt hatte.

ENDE

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