[Ein ganz normaler Tag]

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Yako
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[Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 13 Jan 2018, 13:56

[Vorwort]

Herzlich Willkommen zu meiner kurzen Geschichte Ein ganz normaler Tag.

Vorab zwei Dinge:
1) In dieser Geschichte werden Themen wie Selbstverletzendes Verhalten, Suizid, Tod und Ähnliches thematisiert. Ich werde in keinem Fall diese Dinge glorifizieren oder verharmlosen. Wenn du trotzdem nichts mit solchem Inhalt sehen möchtest, lies diese Geschichte besser nicht.
2) Die Geschichte wird auf zwei Ebenen erzählt.
Was der Protagonist "live" erlebt, wird in schwarzem Text gedruckt.
Seine Erinnerungen, die sich unabhängig davon ereignen, sind rot.
Dies wird das Verständnis der Handlung enorm vereinfachen.

Wenn du noch dran bist, freut mich das sehr, und ich hoffe, dir wird diese Geschichte gefallen. Ich freue mich sehr über Feedback und bin auch für Diskussionen über Charaktere und Handlung offen.
Die Geschichte ist bereits abgeschlossen, ich werde vorraussichtlich jeden Tag 1-2 kurze Kapitel hochladen, also bleibt dran.

Nun wünsche ich dir noch viel Spaß und einen guten Tag

Mit freundlichen Grüßen,

Cato



[1]

Tief Luft holen. Einen Schritt nach vorne. Springen.
Und dann folgte das Nichts.


Es war unmöglich zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, bis ich die Augen öffnete. Stunden? Tage? Wochen?
Ein grelles Licht blendete mich und ein steriler Geruch lag in der Luft. Ein Piepsen. Und schrecklicher Schmerz.
Von links drang eine Stimme an mein Ohr, doch ich verstand kein Wort. Nur Augenblicke später, doch in meinem Zustand war schwer abzuschätzen, wie die Zeit verrann, kamen Gestalten in weißen Mänteln herein. Stellten Fragen. Fühlten meinen Puls und entnahmen mir Blut.
Meine erste klare Erinnerung muss gut Stunden Tage später gewesen sein.
Franziska hieß sie, war kaum ein Jahr älter als ich und hatte langes, blondes Haar. Zumindest sagte sie das. Im Moment hatte sie gar keine Haare. Sie lag auf meinem Zimmer. Jugendstation, Zimmer 23. Das wusste ich da aber noch nicht.
Franziska hatte gesehen, dass ich aufgewacht war, und die Ärzte gerufen.
Inzwischen war ich seit 3 Tagen wach. Franziska stand sie am Fenster und sah auf die Dächer der Stadt. Die Jugendstation war im obersten Stock des großen Krankenhauses. Das große Krankenhaus, das ich bisher nur von außen gekannt hatte.
„Kommen dich deine Eltern nicht besuchen?“, fragte sie und drehte sich zu mir um.

Bisher hatte sie kein Wort mit mir gesprochen. Aber, vor 2 Tagen, hatte sie mit ihrer Mutter gesprochen, als ich mich schlafend gestellt hatte.
„Dieser Junge hat alles. Er ist gesund. Keine Krankheit. Keinen Krebs“ Und ihre Mutter hatte geflüstert: „Dieser Junge hat eine Krankheit in seinem Kopf. Nur weil man es nicht sieht, tut es nicht weniger weh. Sei bitte nett zu ihm“ „Er wollte ein perfektes Leben wegschmeißen! Was ist mit mir? Ich würde es gerne nehmen. Ich weiß nicht, ob ich nächstes Jahr noch lebe!“


„Meine Eltern wollen mich nie wieder sehen“, antwortete ich ihr, und sie drehte sich um. „Was? Du spinnst wohl!“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie hassen mich. Mehr als es in Worte zu fassen ist. Meine Mutter hat mich schon immer gehasst. Doch seit der letzten Nacht zu Hause…“
„Was ist passiert?“, fragte sie. Ihre Augen waren ungläubig aufgerissen, ihre kränklich blasse Haut wirkte im Licht der untergehenden Sonne seltsam farbenfroh.
„Es gab Streit. Sie haben mich geschlagen. Sagten, ich solle nie wieder zu Hause erscheinen“ Ich sprach ohne Ton, nur auf meine zitternden Hände starrend. Die Narben auf meinem rechten Handrücken traten dunkel auf der weißen Haut hervor. Mein linker Arm war im Gips.
„Und dann bist du weggelaufen?“ Ich nickte. „Ich war 2 Tage weg. Und dann bin ich gesprungen“
Franziska setzte sich an die Kante meines Bettes, legte eine Hand auf mein Bein und ich spürte echtes Mitleid in ihren Augen. „Worüber habt ihr gestritten?“
Und ich erzählte meine Geschichte.

[...to be continued]
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[Ein ganz normaler Tag]

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 14 Jan 2018, 16:48

[2]

Hallo. Mein Name ist Lasse. Ich bin 17 Jahre alt. Mein Sprung ist nun 2 Jahre her. Und seitdem ist alles besser.
Ist es nicht seltsam, dass mein eigentlicher Todestag für mich nun wie eine zweite Geburt ist?
Das Jugendgericht hatte entschieden. Adoption.

Ich sehe noch, als sei es gestern geschehen, mich auf dem Rücksitz des schwarzen VW Touran. Am Steuer der Sozialarbeiter. Neben mir die Beauftragte des Jugendamts. 250 Kilometer nach Norden.
Ein rauer Trip, doch er was es wert.
„Glaub mir, alles wird besser“, hatte die Frau mit der roten Brille und der schwarzen Hochsteckfrisur gesagt. Ich hatte nichts gesagt. Mein Arm war noch in Gips, eine Schiene an meinem Bein.
Vor einer Stunde hatte ich meinen Vater das letzte Mal gesehen. Meine Mutter war nach dem Sprung nicht wieder aufgetaucht.
„Möchtest du ein Bonbon, Lasse?“, fragte die Pädagogin und holte eine Dose aus ihrer Tasche. Ich hasste Pfefferminz, nahm aber dennoch eins.
„Ich möchte lieber ein neues zu Hause“
Sie streichelte meinen gesunden Arm. „Da fahren wir jetzt hin“ Ihr Lächeln war ehrlich, aber einstudiert. Wie viele dieser Fälle hatte sie noch auf ihrem Schreibtisch? Noch einen diese Woche? Oder heute Nachmittag? Was lag ihr wirklich an mir?
Das konnte mir egal sein. Sie war nicht meine Mutter. Und sie würde es nie sein.


Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. „Ich bin zu Hause“, rief ich, warf meinen Ranzen in eine Ecke, zog die Schuhe aus und lief in die Küche, aus der es bereits nach Pfannkuchen roch. „Setz dich, Lasse, alles ist fertig“, sagte Ingrid lächelnd, und ich erwiderte das Lächeln.
Sie war die Mutter meiner Adoptivmutter, und mehr meine Oma als je ein Mensch zuvor. Sie tat mir reichlich auf. „Vielen Dank“, sagte ich lächelnd, und sie nahm mir gegenüber Platz.
„Wie war es in der Schule?“, fragte sie, als ich nach dem Apfelmus griff. Selbstgemacht. Natürlich.
„Alles wie immer. Wir haben die Physikarbeit immer noch nicht zurück“
„Nun, es wird schon was gescheites dabei heraus kommen“ Ich nickte. Wohl wahr.
„Beate hat gefragt, ob du am Wochenende… zurück fahren willst“ Ich sah auf. Der Tag kam. Der Tag meiner Wiedergeburt.
Ich stocherte im Essen rum. Beate, meine Adoptivmutter, die wie ihr Mann Steffen noch bis heute Abend arbeiten würde, hatte mich letztes Jahr zurück fahren wollen. Auch wenn sie es „nach Hause“ nannte, war es das längst nicht. Hier war mein zu Hause, irgendwo in den Weiten Niedersachsens, nicht in dieser fürchterlichen Stadt im Süden. Erst nach viel Protest meinerseits hatte sie es aufgegeben.
„Nein“, antwortete ich knapp. „Warum fragt sie das? Sie weiß, ich hasse diesen Ort…“ „Du hast dort viele Freunde und Erinnerungen zurück gelassen. Oft sollten wir uns an unsere Vergangenheit erinnern“
„Ich will mich aber nicht erinnern“, protestierte ich. „Ich habe dieses Leben beendet. Ein für alle Mal. Wenn ich nicht glücklich gelandet wäre, hätte ich nicht mal die Option…“
„Solltest du sie nicht gerade deswegen nutzen?“, gab mir Ingrid zu denken und schob einen weiteren Pfannkuchen auf meinen Teller. Ich starrte darauf, ohne zu antworten.
„Niemand zwingt dich, deine Eltern zu treffen“ „Das weiß ich“ „Also?“
Ihre Augen waren grau wie der stürmische Himmel im Fenster hinter ihr, und zeugten von mehr Erfahrung und Weisheit, als sie es oft zugab. „Du solltest es tun. Ich merke, dass du nie mit diesem Leben abgeschlossen hast. Und wenn du das wirklich willst, solltest du ein letztes Mal zurückkehren“
Ich seufzte, und nickte. „Ja… das wird das Beste sein“

Ich war kaum ein halbes Jahr im Haus der Schweidlers eingezogen, da zog ihr einziges leibliches Kind, die Tochter Laura aus. Laura war inzwischen 22 und studierte in Berlin. Wir sahen uns nicht oft, was jedoch nichts an dem Fakt änderte, dass wir sowas wie beste Freunde geworden waren.
Wir hatten viel gemeinsam, wie sich heraus gestellt hatte. Das wohl offensichtlichste Merkmal, und auch der Grund, warum man mich den Schweidlers zugewiesen hatte, war Laura gewesen. Denn Laura war lesbisch. Und ich war schwul.
„Du willst es wirklich?“, fragte sie, und ich nickte. Der Ton knisterte. Die Verbindung des Skype-Telefonats war nicht die beste. „Dann tu es. Geh allem auf die Spur. Und wenn du zurück bist, bin ich vielleicht schon da. Ich hab ab der nächsten Woche frei“
Ich lächelte. „Das wär toll“ „Das wär es“
„…und wer weiß… vielleicht… wirst du ja positiv überrascht“ Sie zwinkerte.
„Worauf spielst du an?“ Sie lachte. „Warts nur ab, Lasse. Das Leben steckt voller Überraschungen“
„So? Wie zum Beispiel?“ „Das wirst du dann ja sehen. Ich hab bei sowas den siebten Sinn“
Laura war toll.

[...to be continued]
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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 15 Jan 2018, 16:20

[3]

„Auf der A7 erwartet sie in Richtung Kassel eine Tagesbaustelle mit zurzeit 12 Kilometern Stau. Aufgrund der Witterungsverhältnisse warnen wir zu besonderer Vorsicht“
Der Regen und der Schnee hatten sich vermischt und schlugen nun in dicken Flocken gegen die Windschutzscheibe. Mein Blick war aus dem Seitenfenster gerichtet, an dem die Bäume und Wiesen vorbei zogen. Der Himmel war grau wie die Innenverkleidung des Autos.
Schon seit einer halben Stunde hatte keiner ein Wort gesprochen. Steffen hatte sich bereit erklärt, mich zurück zu fahren. Ich tat es nicht gerne, aber ich würde es tun. Ein allerletztes Mal wohl.
„Wie lange ist es noch?“, fragte ich, ohne zu ihm zu sehen, und er antwortete in dem für ihn typischen Tonfall: „Es wird wohl noch eine halbe Stunde dauern… aber nicht mehr allzu lange“
Ich nickte, und spielte mit dem Schlüssel herum, den ich die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.
Der Schlüssel war rot lackiert, mit einem schmalen Bart und einer eingravierten Nummer im Kopf. 258.
Ich hatte sie etwa 258 000 Mal in den letzten 2 Jahren angestarrt. Voller Fragen. Was mag wohl passiert sein?

„Verlier diesen Schlüssel nicht, klar?“ Ich schüttelte den Kopf. Grade 13 Jahre alt und schon so eine Verantwortung.
„Ich will nicht, dass du mit irgendwelchen Kindern darin herum spielst. Und frag uns, bevor du dorthin gehst“ Ich nickte. „Ja, verstanden“
Der rote Schlüssel wanderte in meine Jackentasche. Und dort blieb er tatsächlich einige Monate, bis die Jacke gewaschen wurde. Zu diesem Anlass wurde der Schlüssel feierlich in die oberste Schublade meines Nachttisches verbannt, wo er fast ein Jahr blieb.
Und wenn mir die alte Jacke auch schon längst nicht mehr passte, sollte der Schlüssel doch einen Platz in der Innentasche ihrer Nachfolgerin finden. Genauso grau war auch diese, mit einem leuchtenden Schriftzug auf der Brust.
Ich hatte diesen Schlüssel kein einziges Mal benutzt. Er gehörte, genau wie seine beiden Brüder, zu der Lagergarage, die uns ein Großonkel nach seinem Tod vermachte.
Nachdem er den ganzen Plunder daraus im Internet versteigert hatte, erwarb mein Vater zwei Sporträder, einen neuen DVD-Player, ein neues Sideboard und ein ganzes Dutzend anderen Schrott, der nun auf ewig dort hinein verbannt wurde, zusammen mit dem, was er auf dem Speicher fand, das meine Mutter nicht zu verwenden wusste, ihr aber zum Wegwerfen zu kostbar war.
Und während meine Eltern ab und an dorthin gingen, um Dinge wegzubringen, die zu Hause im Weg standen, oder um Habseligkeiten zu suchen, ohne jedoch eine einzige davon je in der Garage zu finden, hatte mich nie etwas zu diesem Ort gezogen, und so war dieser Schlüssel unbenutzt in meiner Jacke geblieben. Bis zum Moment des Sprungs.


„Möchtest du irgendetwas besonders gerne sehen?“, fragte Steffen und ich sah auf. „Was denn?“
„Was für Orte fandst du denn damals toll?“ Ich brummte nur.
„Die Schule?“ „Du machst wohl Witze“
„Das Kino?“ „Das war immer zu teuer. Und meine Mutter hat es mir nicht erlaubt“
„Wo hast du dich denn immer mit deinen Freunden getroffen?“ „Bei ihnen zu Hause, ich durfte nur selten wen mitbringen“
Steffen musterte mich besorgt von der Seite. Ich musste mich nicht zu ihm drehen, um dies zu wissen.
„Willst du deine Freunde besuchen?“ „Sie sind ja nicht mehr meine Freunde. Die haben mich sicher alle vergessen“ „Wenn sie dich vergessen haben, waren sie auch nie deine Freunde“

Allein den Namen auf dem Schild der Stadt zu sehen, verlieh mir eine gewisse Form von Altschmerz, und ich seufzte auf. „Nun geht’s los“ „Nun lächle doch mal, Lasse“
Steffen war ja ein klasse Kerl, aber seine permanente gute Laune konnte einem schon gewaltig auf den Zeiger gehen.
All diese Orte zu sehen, lies ein mulmiges Gefühl in mir wach werden. Zuhause hatte ich mir immer eingeredet, diesen Ort gehasst zu haben. Aber das stimmte nicht. Eine Wahrheit die ich jetzt erkannte. Als ich vierzehn geworden war, hatten mir meine Eltern erlaubt, am Wochenende bis 10 Uhr mit meinen Freunden Dinge zu unternehmen, wenn sie wussten, wohin wir gingen.
Und auch wenn, oder gerade weil wir uns meist nicht daran hielten, und es auch ab und zu etwas später wurde, verband ich diese Abende mit glücklichen Erinnerungen.
Der große Marktplatz, der nun menschenleer und eingeschneit war, bot im Sommer eine einladende Atmosphäre, mit geöffneten Eiscafés, Geschäften und Restaurants an seinen Seiten und dem Springbrunnen in der Mitte, gesäumt von 8 schlanken Birken.
Verfolgte man die große Straße nun, wie wir es mit dem Auto taten, Richtung Osten, so wir bald den Fluss erreichten, der sich durch das Herz der Stadt schlängelte, und die Altstadt diesseits und die Wohnviertel jenseits seiner Ufer trennte.
Als wir über die Brücke fuhren, erinnerte ich mich an allerlei mehr, was passiert war, und eine gewisse Melancholie erlangte mich, ein Gefühl, dass ich nicht für möglich gehalten hätte.
Die nächsten 20 Minuten gingen durch das immer gleiche Wohngebiet, an der Schule vorbei und auf geradem Weg zum Ausgang der Stadt.

[...to be continued...]
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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Simson » 16 Jan 2018, 15:59

Hallo Yako,
das ist ja auch ne ganz interessante Geschichte.
Vor allem der Wechsel zwischen Realität und Erinnerung gefällt mir sehr gut.
Bin gespannt, wie es mit Lasse weitergeht.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 16 Jan 2018, 20:33

[Vielen Dank für deine Antwort, Simson
Es freut mich, dass dir meine Arbeit gefällt

Liebe Grüße, Yako]


[4]

Ich lief. Der Asphalt unter meinen Sohlen schien zu brennen, und tausend Augen und hundert paar Beine verfolgten mich durch die abendlichen Straßen, hinaus in der Stadt, durch den kurzen Streifen Felder, bis in den Wald, der wie ein dunkler Schleier am Kamm einer Hügelkette begann, und sich von dort aus weiter erstreckte, bis in unbekannte Entfernungen von der Stadt weg.
Die Blätter und Zweige unter meinen Schuhen knacksten, und ich stolperte. Fiel zu Boden. Rieb mir die Handballen auf, schnitt mich an einem spitzen Stein. Rappelte mich wieder auf und nahm das erste Mal einen tiefen Atemzug.
Durch das Unterholz stolpernd fand ich vor Einbruch der Dunkelheit einen Unterschlupf, den ich gemeinsam mit ein paar Freunden im Sommer aus Ästen und Zweigen errichtet hatte, und nun halb eingebrochen war.
Ich zwängte mich in die enge Kammer zwischen den dicht beieinander stehenden Buchen, und war überraschend gut vor Wind und Kälte geschützt. Der Boden war kalt, hart und dreckig, doch das beste Bett, das ich finden konnte. Und wie ich damals glaubte, das letzte meines Lebens.


Er wurde langsamer. Die Straße endete hinter der letzten Häuserreihe und wurde zum Feldweg. Der Wald stand wie eh und je auf der Kuppe der Hügel, bedrohlich und finster.
Meine Finger schlossen sich eng um den Griff der Tür und den Schlüssel.
„Dreh bitte um… nicht weiter“
Steffen sah zu mir. „Ist es da draußen?“ Ich nickte.
Er schaltete in den Rückwärtsgang, fuhr zurück und während meine betäubten Sinne wieder die echte Welt realisierten, fuhren wir zurück in die Stadt.
Ohne wirklich darauf zu achten, was ich da draußen beobachtete, hefteten sich meine Blicke weiter an all das vor dem Fenstern.
Ich konnte den großen Busbahnhof erkennen. Hier war im Gegensatz zum Rest der Stadt, den wir gesehen hatten, wirklich etwas los. Einige Jugendliche stiegen aus einem Bus.
Alle waren so alt wie ich oder ein, zwei Jahre älter. Und während sich die breite Masse in Richtung der Altstadt lief, blieb einer von ihnen zurück.
Sein Haar war dunkelbraun, lockig und voller Schneeflocken. Den Kragen seiner dunkelgrünen Jacke hatte er hoch geschlagen, doch für einen Moment, als er sich umsah, erspähte ich sein Gesicht. Die großen, grünen Augen. Die schmalen Lippen. Die geschwungene Linie seiner Augenbrauen.
Ich schnappte nach Luft. Die kantige Form seines Kiefers, der entschlossene Blick, und mindestens zwanzig Zentimeter mehr zeigten, dass aus dem Jungen, den ich gekannt hatte, ein junger Mann geworden war.
Er sprang sogleich in den nächsten Bus, da war er aus meinem Sichtfeld. Es war die Linie 12.
Die Zeit verging nur halb so schnell, als ich im Rückspiegel sah, wie der Bus aufbrach, in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
„Steffen… dreh um! Sofort!“
Er sah auf. „Was ist denn?“ „Mach einfach!“
Steffen fuhr ein Stück weiter, dann drehte er im nächsten Kreisel, und fuhr zurück in das Wohnviertel, in das der Bus gefahren war.
Und wenn es doch zwei Jahre her war, so kannte ich die Route dieser Linie noch genau. Und so konnten wir, auch wenn der Bus aus meinem Blick geraten war, seine Route verfolgen.
„Du hast wen gesehen?“ Ich nickte stumm.
Da war der Bus, er hatte gerade gehalten. Etwa 500 Meter vor uns. Ich erhaschte einen Blick auf die grüne Jacke, die zwischen den Häusern verschwand.
„Lass mich hier raus… ich bin gleich wieder da“ „Ich warte hier. Ruf mich an, wenn was ist“
Ohne zu antworten war ich aus dem Auto gesprungen, und rannte dem Jungen hinterher.
Erst jetzt fiel mir auf, an welcher Kreuzung wir waren. Der Weg zum Wald.

„Ist hier noch frei?“ Der Junge sah auf. Seine Augen waren ungewöhnlich grün. Seine Haare ungewöhnlich ungekämmt. Er nickte.
Ich setzte mich neben ihn, meinen großen Schultornister festhaltend.
„Auch dein erster Schultag an der neuen Schule?“, fragte er unsicher, mich musternd.
Ich nickte. „Ja… ich bin so aufgeregt“
Er lächelte. „Ich auch“
Unsicher erwiderte ich das Lächeln. Ich war immer ein schüchternes Kind gewesen.
„Du, ich bin Kacper. Wie heißt du?“ „Lasse“ „Freut mich, dich kennen zu lernen, Lasse“
Weder er noch ich wussten, dass wir beste Freund werden würden. Über Jahre hinweg.


[...to be continued]
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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 17 Jan 2018, 10:46

[5]

Die Pfeife klang schrill, und ich sprintete los. Der Boden knirschte unter meinen Sohlen. Links überholte ich einen fülligen Jungen mit blondem Haar und schwerer Akne, rechts ein weiterer, hochgewachsener Kerl mit schwarzen Locken.
Alles hielt den Atem an. Vor mir liefen nur noch zwei weitere Jungen.
Patrick Grubers grünes Trikot leuchtete wie die Ampel, die mir Licht gab, ihn zu überholen. Er war der schnellste Junge der C-Klasse. Nur blöd dass er die Rechnung ohne die 9B machte.
Ich zog an ihm vorbei, mit einem selbstsicheren Gefühl. Dieses Mal würde mich niemand aufhalten.
Eine wirkliche Sportskanone war ich nie, aber einen schneller Läufer konnte man mich schon nennen.
Nur noch ein letzter Junge vor mir, wenige Meter. Seine langen Beine verschafften ihm einen Vorteil vor mir. Doch viel nahmen wir uns nicht.
Da war die Ziellinie. Nur noch ein kurzes Stück… einige Meter.
Wir zogen gleich. Ohne zur Seite zu sehen, wusste ich, dass er grinste. Er legte einen letzten Sprint ein, und passierte das Ziel den Bruchteil einer Sekunde früher.
Keuchend lief ich aus, während hinter uns die anderen ins Ziel stolperten.
Mit einem breiten Grinsen reichte mir der Gewinner der Bundesjugendspiele meine Wasserflasche. „Guter Kampf, Lasse“ Ich schnappte nach Luft und erwiderte das Lächeln.


Zugegebener Maßen hat meine Begeisterung für den Sport deutlich nach dem Sprung nachgelassen. Kacpers offenbar nicht.
War er damals nur etwas schneller, so hatte er mich heute leicht abgehängt. Ich war kaum auf halbem Weg, da verschwand er im Wald.
Gedanken rasten durch meinen Kopf. Was machte er hier? Warum heute? Wo wollte er hin?
Als ich den Wald erreichte, verlangsamte ich meine Schritte und schlich auf leisen Sohlen den Pfad ab, den er genommen haben musste.
Zwar hatte ich den größeren Jungen aus den Augen verloren, doch eine gewisse Ahnung beschlich mich, wohin seine langen Beine ihn trugen.
Und dann wurde mir eins zum ersten Mal nach zwei Jahren bewusst, und eine Frage trat so unvermittelt und präsent in meine Gedanken, dass ich inne hielt und sie erst einmal sacken ließ. Was hatten Kacper und die anderen damals erfahren? Hatten sie mit meinen Eltern geredet?
Alles schien sich um mich zu drehen. Wie konnte ich das vergessen haben? All die Zeit nach dem Sprung hatte ich keine Sekunde an ihn oder meine anderen Freunde gedacht, wenn auch kein einziger von ihnen mir auch nur an Ansätzen so nahe gestanden hatte, wie Kacper, der vom ersten Tag mein bester Freund an der großen, neuen, unübersichtlichen Schule gewesen war. Dreieinhalb Jahre lang. Und ich hatte ihn vergessen.
Etwas Luft einsaugend richtete ich meinen Blick nach oben. Der Waldweg stieg stetig den Hügel hinauf, der kein Ende zu nehmen schien.

„Ich finde die Sterne wunderschön“, sprach sie mit sanfter Stimme und rückte etwas näher zu Kacper, auf seine linke Seite.
Denn zu seiner rechten saß ich, mit den Augen den klaren Himmel nach Konstellationen absuchend, die ich zu erkennen glaubte.
„Du hast Recht, Marie“, hatte Kacper gemurmelt, dessen grasgrüne Augen den Sternenhimmel widerspiegelten.
Ich hatte mich öfter schon gefragt, was er fühlte. Schon seit den Osterferien waren er und Marie sich sehr nahe gekommen, und verbrachten viel Zeit miteinander. Wenn auch nicht allein, denn oft waren auch ich oder ein paar andere Leute aus unserer Klasse mit von der Partie.
Die Vorstellung, Kacper könnte sich in Marie verliebt haben, war mehr als nur befremdlich. Eigentlich schon abstoßend, angsteinflößend und schockierend.
Sie hatte sich ganz gewiss verliebt, und dass konnte er kaum übersehen. Aber wäre er nicht längst auf ihre Gefühle eingegangen, wären seine die Gleichen? War er sich über seine Gefühle unsicher? Wollte er sie einfach nicht verletzten, und war deshalb so nett?
Meine Gedanken waren wie immer abgedriftet. Das Lagerfeuer knisterte.
Noch eine Woche Sommerferien.


Als ich vor zwei Jahren den holprigen Waldweg genommen hatte, war kein Schnee gefallen. Es war klirrend kalt gewesen, aber auch trocken. Kein Tag war mir so lebendig in Erinnerung wie dieser.
Schließlich begradigte sich der Weg, links und rechts wurden die Bäumer dichter. Lang konnte es doch nicht mehr sein…
Da sah ich den großen Findling am rechten Wegesrand, auf den man mit bunter Farbe Symbole für die Wanderwege gesprüht hatte. Zu meiner Zeit waren diese ausgeblichen und kalt gewesen, doch offenbar hatte man sie vor nicht allzu langer Zeit mit frischer Farbe erneuert, und so leuchteten die Neontöne grell durch den grau-weiß-braunen Winterwald.
Von hier aus musste ich quer durch die Schonung laufen, immer geradezu nach Osten.
Die Fußstapfen vor mir im Schnee, die keine 3 Minuten alt sein konnten, verrieten mir, dass Kacper diesen Weg ebenso gewählt hatte. Und ab hier nicht mehr gerannt war.
Beißend kalt schnitt der Wind in mein Gesicht, als ich eine Lichtung betrat, und auf das Tal sah, dass sich in der Ferne erstreckte, bis zu den kleinen Dörfern am anderen Ende.
Würde ein Wanderer dorthin laufen wollen, müsste er zum Weg umkehren, und über den Waldweg mit dem grünen Dreieck bis zum äußersten Ausläufer des Hügels laufen, um dort hinab zu steigen.
Der gerade Weg von hier aus zum Tal würde jäh enden. Mit einem Abgrund, der vor etwa 30 Jahren durch einen Erdrutsch entstanden war.
Wenn einer von diesem Abhang wusste, dann ich.

[...to be continued]
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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 18 Jan 2018, 13:04

[6]

Verdammt, die Ohrfeige hatte gesessen.
„Spinnst du eigentlich?“, schrie mich der andere Junge an, der immer noch meinen Arm hielt.
Den Pullover hatte er hoch geschoben, und entblößte meinen vernarbten Unterarm. Einige der Wunden waren keine zwei Stunden alt.
Ich zitterte, mein Puls war auf 180. Ihn anzusehen wagte ich nicht, doch ich spürte seinen bohrenden Blick und drehte mich zu ihm.
Der strenge Ausdruck wirkte falsch auf seinem jugendlichen Gesicht, und doch schien die geschwungene Linie seiner Augenbrauen diesen noch zu verstärken.
„Du hast mir versprochen, damit aufzuhören!“
Ich zuckte zusammen, doch er schlug nicht noch einmal. Meine Wange brannte immer noch. Tränen füllten meine Augen.
Kacper wollte etwas sagen, machte den Mund aber wieder zu.
Mich schüttelte es, und eine heiße Träne rollte meine Wange herunter. Wie konnte mich der Junge, den ich so sehr liebte, nur so verletzen?
„Es tut mir leid, Lasse… ich… ich bin ein Idiot“, murmelte er, „Warum… warum tust du das nur?“
Und dann zog er mich an sich, und umarmte mich. „Versprich mir bitte, damit aufzuhören. Rede einfach mit mir… ich bin immer für dich da“


Ich hatte oft geweint. Allein. In meinem Zimmer, auf meinem Bett, unter der Bettdecke.
Kacper war der erste und einzige, der sich dafür zu interessieren schien. Der einzige, der wirklich für mich da zu sein schien. Mein einzig wahrer Freund.
Ein Fels in der Brandung, der mich immer halten würde, egal, welche Stürme von hoher See kamen, und drohten, mich vom glitschigen Stein des Monolithen in den Fluten zu wehen.
Kacper so zu sehen, auf die Knie gesunken, weinend, versetzte mir einen Stich.
Er kniete vor dem Abgrund. An jener Stelle, an der ich gesprungen war. Die Hände in den Schnee gekrallt, den Blick zu Boden, schluchzend.
Den starken, gefestigten Kacper, der in den letzten beiden Jahren auch noch körperlich eben diesen robusten Konterpart zu mir darstellte, ließ mich schwanken.

„Schreib mir, wenn es dir schlecht geht, ja?“, hatte er gefragt. Es war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Ich biss mir auf die Lippe, dann nickte ich.
„Natürlich… das tue ich“
„Schieb es nicht auf. Wenn was ist, komm sofort zu mir oder schreib mir ne Nachricht“ Er umarmte mich. Das tat er inzwischen oft. Und auch, wenn es ungewohnt für mich war, und es mir jedes Mal im Herzen stach, da ich wusste, dass ich nie mehr als ein guter Freund für ihn sein würde, erfüllte es mich mit positiver Energie.


„Kacper…“ Ich stapfte zu ihm.
Er erstarrte. Selbst der Wind schien nicht mehr zu heulen, denn in diesem Moment kehrte völlige Stille ein. Zumindest schien es mir so.
„Wer…“
Langsam drehte er sich um. Die Augen gerötet, die vom Schnee nassen Haare in der Stirn klebend.
Mir wurde ganz schummrig.

Der Abgrund unter mir war tief. Tief genug.
Eine Stimme in meinem Hinterkopf rief mich. Es war Kacpers.
„Lasse… bitte… geh nicht… ich will dich nicht verlieren“
Ich schüttelte den Kopf. Das war nur Phantasie. Kacper war nicht hier. Niemand war hier.
Einen Schritt nach vorne. Ein Steinchen bröckelte ab und fiel hinab. Ich hörte nicht, wie es aufkam.
„Lasse… wie kannst du das tun?“
Ich holte tief Luft.


Meine Beine gaben nach, nachdem mich Kacper gepackt, und sofort wieder von sich geschleudert hatte. Ich fiel nach hinten und landete schmerzhaft auf meinem Hinter.
Der größere, kräftigere und verzweifeltere Junge beugte sich zu mir.
„Du lebst? Du Idiot lebst? Nach zwei verdammten Jahren? Ist das dein Ernst, Lasse?“, schrie er mich an, sodass meine Ohren rasselten.
„Hast du überhaupt eine Ahnung…“ Er verpasste mir eine Ohrfeige. Ich zuckte kaum. Verdient hatte ich sie alle Mal.
„Ich hasse dich, Lasse“, würgte er noch hervor, dann brach er, vor Erleichterung weinend, auf mir zusammen.


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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Fireboy » 18 Jan 2018, 16:25

Richtig gute geschicht bitte poste mehr, ich verschling es grade zu, und hör bloß nicht auf ich will hier endlich mal eine Geschichte mit ende^_^

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 18 Jan 2018, 22:33

[Danke Fireboy für deinen lieben Kommentar :)
Hier ist auch schon der nächste Teil
LG Yako


[7]

Vor dem Fenster schneite es immer noch. Die Flocken waren dick und wirkten wie Watte. Steffen war zu Hause. Dieses Wochenende würde ich bleiben.
Kacper nahm endlich Platz und gab mir eine Tasse heißen Kakao. Endlich erzählte er mir alles, was er bisher nur gestammelt hatte.

„Ich mache mir bis heute Vorwürfe, nicht auf dich geachtet zu haben. Und obwohl ich wusste, wie es um dich steht… und was du dir antust… habe ich es nie realisiert. Ich war viel zu blind. Natürlich habe ich es mir nicht ausmalen können… dass du dich umbringen würdest.
In meinen Augen warst du viel zu perfekt. Du warst in der Schule in den meisten Fächern besser als ich. Du sahst besser aus. Du warst lustig, charismatisch, nett…
Gott, was war ich verliebt in dich. Aber das ging natürlich nicht. Du warst mein bester Freund. Von jedem Menschen auf dieser Welt war ich in dich verliebt. Ich wusste, dass ich für dich nur ein Freund war. Dass du nie so fühlen würdest, wie ich es für dich tat.
Und ja, natürlich war auch das für mich eine große Belastung. Aber ein Teil von mir hat es nie akzeptiert, und immer noch gehofft. Ich hab versucht, Andeutung zu machen. Aber dir kam das natürlich nur wie Scherze meinerseits vor.
Wir waren ja beste Freunde. Nichts, aus dem sich mehr entwickeln konnte.
Deshalb war ich so sauer, als ich dich eines Tages auf der Schultoilette fand, mit der Rasierklinge. Wie konnte ein Junge, dem es so gut ging, und dessen Leben so viel schöner war als meins, so etwas tun?
Natürlich war das dumm. Ich kannte deine Eltern kaum… mit hätte klar sein sollen, dass dort alles im Argen lag. Und was noch alles dazu kam… weiß ich ja nicht. Aber… ich habe es ausgeblendet.
Und dann warst du Tage lang nicht in der Schule gewesen. Hattest keine Nachrichten beantwortet. Bald kämen die Ferien. Deine Eltern ließen sich nicht auftreiben, du warst wie vom Erdboden verschluckt.
Und… da musst du schon zur Adoptionsfamilie aufgebrochen sein, oder wenigstens kurz davor, hatte ich deine Mutter erwischt. Sie empfing mich an der Haustür, und als ich fragte, sagte sie: ‚Lasse ist tot. Er hat sich umgebracht‘
Verdammt… nie ging mir so schlecht wie in dem darauf folgenden Jahr. Ich machte mir furchtbare Vorwürfe. Ich hätte viel mehr tun sollen. Aber ich war geblendet“

Ich hatte geschwiegen, keinen Schluck Tee hatte ich getrunken. Das konnte er nicht ernst meinen. Das konnte er einfach nicht ernst meinen.
„Hast du je erfahren, warum ich gesprungen bin?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, woher denn. Deine Eltern haben niemanden mehr zu sich gelassen. Ich wusste nichts. Allein nicht zu wissen, wo dein Grab ist, hat mich wahnsinnig gemacht. Der Ort, an dem du gesprungen bist, ist irgendwann durchgesickert. Der Vater von Helena Stein aus der Parallelklasse war bei der Kriminalpolizei. Irgendwie erfuhr durch sie die ganze Schule, dass sich ein Teenager im Wald vom Abhang gestürzt hatte und…“
„Kacper“, unterbrach ich ihn, und er stockte. Seine grünen Augen funkelten.
„Ich bin wegen dir gesprungen. Weil ich unsterblich in dich verliebt war. Und mir meine Eltern ‚verboten‘ haben, schwul zu sein. Es gab einen schrecklichen Streit. Sie haben mich quasi aus dem Haus geschmissen. Und zu dir zu kommen, traute ich mich nicht. Ich dachte, du würdest mich genauso hassen, wie es meine Familie tat“
Kacpers Finger zitterten um die Tasse. „Ist das dein verdammter Ernst?“
„Das wollte ich dich während deiner Erzählung auch fragen, Bruder“
Er mied meinen Blick. „Wow… ich meine… wow… und wir beide… wussten es nie“
„All die Jahre nicht“
„Das war echt scheiße von mir… hätte ich was gesagt, wärst du nicht gesprungen“
„Hätte ich was gesagt, hättest du mich davon abhalten können, zu springen“
Stille kehrte ein.
„…hast du einen Freund, wo du jetzt lebst?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Und du hier?“ Kacper schüttelte ebenfalls seinen Kopf. „Nein“
Ein Gefühl staute sich in meinem Magen auf, das langsam bis in meinen Hals stieg, wo es wie ein zweites Herz pochte. Es war eine Mischung aus Aufregung, Vorfreude, Angst, Scham, Unwohlsein und Nervosität.
„Und…“, setzte ich an, überlegte einen Moment, ob ich wirklich damit heraus rücken sollte, überlegte es mir noch einmal, dann sprach ich: „…könntest du dir immer noch vorstellen… ich meine… mit mir“
Kacpers grüne Augen fixierten einen Punkt auf dem Boden. Kaum merklich nickte er. „Das… das wollte ich dich auch grade fragen“

[...to be continued]
[Quod nocet, saepe docet]

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Simson » 19 Jan 2018, 07:04

Wow...Gefühlschaos im Schnelldurchlauf ! Deine Geschichte hat echt Potenzial für eine intensivere Betrachtung und könnte viele Seiten füllen.
Einerseits mag ich es, das du in dieser Kurzgeschichte recht schnell auf den Punkt kommst, andererseits ist sie nun vermutlich bald schon vorbei ...und das ist schade...Ich bin gespannt wie es weitergeht.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Simson » 19 Jan 2018, 07:06

Wow...Gefühlschaos im Schnelldurchlauf ! Deine Geschichte hat echt Potenzial für eine intensivere Betrachtung und könnte viele Seiten füllen.
Einerseits mag ich es, das du in dieser Kurzgeschichte recht schnell auf den Punkt kommst, andererseits ist sie nun vermutlich bald schon vorbei ...und das ist schade...Ich bin gespannt wie es weitergeht. :flag:
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Simson » 19 Jan 2018, 07:07

Ups, jetzt war'schon doppelt.
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Re: [Ein ganz normaler Tag]

Beitragvon Yako » 19 Jan 2018, 20:18

Nawww, vielen Dank Simson. Es freut mich sehr, dass dir meine Arbeit so gut gefällt. Leider ist sie schon vorbei :/ Du kannst aber gerne meine Geschichte "Strawberry Cheesecake" hier im Forum lesen, wenn dir mein Schreibstil gefällt. Die ist weniger tiefgründig, dafür niedlicher :3

Mfg Yako


[8]

„Mit wem schreibst du denn da?“ Laura sah auf mein Telefon, dass ich schnell in die Tasche steckte.
Weihnachten war der schönste Tag im Jahr. In meinem ganzen Leben schon, auch damals, gewesen. Da war auch immer meine Oma aus Schweden gekommen. Doch sie war vor 3 Jahren gestorben. Und das nächste Weihnachten verbrachte ich mit Gipsarm unter dem Baum einer völlig fremden, wenn auch sehr herzlichen Familie.
Nun saß ich mit der gleichen Familie an einem Tisch, die mehr für mich da sein konnte, als je ein andrer Mensch es war. Nicht mit Gipsarm, aber in einem von Ingrid gestrickten Weihnachtspullover, und neben meine „Schwester“ Laura gelehnt auf dem Sofa.
Meine Wangen waren hochrot. „Ich sch-schreibe mit niemandem“ Das Handy rutschte noch tiefer in meine Tasche.
„Ist es der, an den ich denke?“ „An wen denkst du denn?“ „An den Jungen aus deiner alten Heimat. Diesen Kacper“
Ich kicherte. Ihr alleine hatte ich in meiner neuen Familie von Kacper erzählt, als ich hier wieder gelandet war. „Ja… mit ihm“ Ich kicherte.
„Nawww… ihr seid sicher ein total süßes Paar“ „Wirklich zusammen sind wir ja noch nicht“ Sie lachte. „Dann wird’s aber Zeit“
Der Gedanke an Kacper ließ es in meinem Herzen noch wärmer werden, als es Punsch, Pullover, Laura oder der Kamin je schaffen konnten. „Er kommt über Silvester hier hoch. Will euch mal kennen lernen… vielleicht… wird was Ernstes draus“
Sie wuschelte mir durch die Haare. „Natürlich. Das ist ja wohl längst überschüssig, oder?“

So sehr ich den Winter liebte, zu sehen, wie der Schnee schmolz und erste Krokusse blühten, gab mir neue Lebenskraft. Vielleicht weil es mich an das erste Frühjahr nach meiner Wiedergeburt erinnerte.
An diesem Tag im März hatte es geregnet, und nun war der akribisch gekürzte Rasen noch nass. Der Schotterweg war bereits getrocknet.
„Ulrike Schott“ „Peter Elsner“ „Sandra Elsner“ „Katharina Altmeyer“ Ein Grabstein am nächsten.
Der schwarze, schlanke, mit den weißen Lettern, am Ende des Friedhofswegs war mein Ziel.
Kacpers Hand drückte meine fester.
Als wir das Grab erreichten, legte ich meine Blume nieder, richtete mich wieder auf, und ergrifft Kacpers Hand wieder. Tränen stiegen in meine Augen.
Noch mehr Menschen waren zum Jahrestag hier gewesen. Es lagen einige Blumen und Gestecke auf dem Urnengrab.
Ich habe Franziska kaum einen Monat gekannt. Und dennoch hatte sie einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen.
„Krebs ist scheiße“, murmelte Kacper. Ich nickte, und strich eine Träne weg. „Ja. Da hast du Recht. Aber das Leben geht weiter. Vor allem meins. Wenn mir Franzi eins beigebracht hat, dann war es, dass mein Leben wertvoll ist. Und ich jede Chance nutzen muss. Denn ich habe nur eins. Das sollte ich nun wirklich nicht wegwerfen.

[Ende]
[Quod nocet, saepe docet]

Re: [Ein ganz normaler Tag]

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