Liam und die Hilfe von oben

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Timmyboy
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Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Timmyboy » 13 Jun 2018, 22:09

Hallo erst einmal von meiner Seite, bevor ich euch etwas zu lesen gebe.
2013 schrieb ich einem wunderbaren Autor in die Kommentare, dass ich seine Geschichte sehr gerne gelesen habe und selber dabei bin, eine zu schreiben. Ich wollte sie recht bald veröffentlichen. Nun, aus recht bald wurden dann fünf Jahre. Was soll's. :)
Der Autor, dem ich hier meinen Gruß ausrichten möchte, ist übrigens @GoldenStar18. Huhu. ;)

Außerdem noch ein paar kurze Worte zu der Geschichte. Ich habe sie zum Anlass genommen, um mich mit dem Tod meiner Großmutter zu befassen, die wie in der Geschichte tatsächlich an Krebs verstarb. Sie bedeutete mir immens viel und deshalb widme ich ihr diese Geschichte.

Gut, genug rührselige Worte, hier folgt nun der erste Teil der Geschichte, der Prolog.
Habt viel Spaß beim Lesen und natürlich würde ich mich sehr über Kommentare und Feedback freuen. :D


_____________________________

PROLOG

»Dreckige Schwuchtel«, zischte es an meinem linken Ohr. Erschrocken fuhr ich in die Richtung, von der ich glaubte, die Stimme wahrgenommen zu haben, doch ich entdeckte die Person nicht mehr. Offenbar wurde sie von der Schülerschar in die entgegengesetzte Richtung getrieben, so wie sie mich zur Aula mitnahm.
 Gedankenverloren und mit gesenktem Blick lief ich einfach weiter. Seit ich auf diese Schule ging, hatte ich nichts zu lachen gehabt. Aber wenn man es genau nahm, konnte ich schon längere Zeit nicht mehr fröhlich sein. Es ist einfach das passiert, das man sich in so jungen Jahren nie wünscht, wenn es dann aber doch passiert, einen komplett aus der Bahn wirft: Der Tod einer geliebten und nahen Person.

Mein Handy klingelte. Auf dem Display leuchtete der Name meiner Schwester „Melli“ auf. Eigentlich hieß sie Melanie, aber seit ich denken konnte nannte ich sie immer Melli. Ich überlegte ranzugehen, entschied allerdings sie wegzudrücken. Wenn es wichtig wäre, würde sie erneut anrufen.
 Ich trank aus meinem halbvollen Cola-Glas und schenkte meinem besten Freund ein herzhaftes Lachen über seinen gerade gerissenen Witz. Ich stellte das Glas wieder auf seinen Couchtisch, als sich mein Handy erneut meldete. Dieses Mal war es eine WhatsApp-Nachricht. Genervt holte ich mein Handy wieder aus der Hosentasche und las mir die Nachricht durch. Alle Geräusche um mich herum erstarben, auch wenn mein Kumpel weiterhin auf mich und seine Freundin einsprach. Das leise Rascheln der Vorhänge, als der Wind durch die Fenster zog, nahm ich nicht mehr wahr. Einzig mein Herz, welches gerade mit enormer Kraft das Blut durch meinen Körper pumpte, hörte ich unerlässlich schlagen.

»Sie hat es nicht geschafft. Sie ist heute Morgen von uns gegangen.«

Ich starrte auf die Nachricht, ohne sie direkt wahrzunehmen. Ich las die Worte, doch deren Bedeutung wollte mir gerade nicht in den Sinn kommen. Natürlich hatte ich sie sofort verstanden, als ich sie gelesen hatte. Aber ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«, fragte Tom mich. Ich musste aschfahl geworden sein, denn sein Blick verriet mir, dass er sich Sorgen machte.

»Ja klar, alles in Ordnung.« Ich ließ mir nichts weiter anmerken und steckte mein Handy zurück in die Hosentasche. Die Nachricht sollte unbeantwortet bleiben.

Wir witzelten weiter, spielten PS4, aßen zu Mittag, bis es Zeit war aufzubrechen.


Zuhause angekommen stellte ich fest, dass niemand sonst da war. Ich ging auf Toilette und kramte erneut mein Handy heraus. Mein Handy zeigte mir keine weiteren Nachrichten an, aber das brauchte es auch nicht. Für mich war nur die eine Nachricht wichtig. Ich öffnete WhatsApp und las sie mir erneut durch. Sie hat es nicht geschafft.

Eine Träne bahnte sich ihren Weg aus meinem linken Auge, gefolgt von einer weiteren aus meinem rechten. Sie ist heute Morgen von uns gegangen. Ich ließ es endlich zu, ließ endlich meine Gefühle zu. Weinend brach ich vor der Toilette zusammen. Ich umklammerte mein Handy, als wäre es ein rettender Schwimmreif, an dem ich mich festklammern konnte. Ich wollte es vorhin, im Haus meines besten Freundes nicht wahrhaben, ich wollte ihn und seine Freundin nicht mit meinen Gefühlen konfrontieren, also ließ ich es jetzt endlich zu, geschützt in der Einsamkeit.

Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis ich mich, befreit von weiteren Weinkrämpfen, auf der Toilette abstützte und aufrichtete. Ich blickte mich im Spiegel an und erkannte mich nicht wieder. Meine Augen waren feuerrot und lange Spuren von Tränen zeichneten sich auf meinem Gesicht wieder.
Ich wusch mir das Gesicht und entschied mich dazu, meine Mutter anzurufen. Mit zittrigen Händen wählte ich ihre Nummer. Nach dem zweiten Klingeln meldete sie sich:

»Gott sei Dank, Jonas! Warum hast du dich nicht gemeldet?!« Sie klang vorwurfsvoll, aber auch so, als würde sie keine Antwort erwarten.

»Ist sie - ist sie wirklich tot? Oma? Ist sie heute Morgen gestorben?« Ich war den Tränen wieder verdächtig nah und ich beendete mit einem langen Schniefer die Frage.

»Ja. Wir sind gerade im Wohnheim, ihre - naja, einiges klären…« Sie verstummte und ich merkte, dass es sie ebenfalls sehr stark mitnahm.

»Aber - sie kann doch nicht - ich meine - ich konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden.« Wieder rann mir eine Träne das Gesicht herunter. »Das ist so unfair! Ich wollte mich doch noch von ihr verabschieden. Sie kann doch nicht einfach so sterben!« Meine Stimme erstarb und so konnte meine Mutter nur noch mein Schluchzen wahrnehmen.

»Jonas. Mach dir keinen Vorwurf. Sie wusste, dass du dich von ihr verabschiedet hättest, wenn du es geschafft hättest. Aber alles ging so schnell. Bitte, mach dir keine Vorwürfe. Hörst du?« Auch sie schniefte in den Hörer, versuchte aber trotzdem die starke Mutter zu sein, die 18 Jahre Erfahrung aus ihr gemacht hatten.

»Ja -«, antwortete ich. »Aber - aber - ich komme zu euch.«

»Nein Jonas, du bleibst Zuhause. Hast du gehört, mein Schatz? Du verlässt das Haus bitte nicht mehr. Okay?« Ein ängstlicher Unterton hatte sich nun in ihre Stimme gemischt.

»Ja, ist gut.« Damit legte ich auf.

Ich verzog mich auf mein Zimmer, legte das Handy beiseite und schmiss mich auf mein Bett. Mit dem Gesicht im Kopfkissen vergraben, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf.


Dieses Ereignis warf mich binnen weniger Minuten komplett aus der Bahn. Ich liebte meine Oma über alles. Ich war ihr kleiner Prinz und sie spielte ihre Rolle als Großmutter echt wunderbar. Ich konnte mich einfach auf sie verlassen. Dann wurde sie krank, urplötzlich. Ich meine, sie hatte schon einmal Probleme mit dem Krebs, noch vor meiner Geburt. Aber diesen hatte sie erfolgreich besiegen können. Doch dieses Mal war es nicht so einfach. Sie wurde schnell schwach, magerte in enorm kurzer Zeit radikal ab. Es war uns unterbewusst klar, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Aber dass es dann doch so schnell ging, damit hatte zumindest ich nicht gerechnet.

Meine Hände verschränkt vor dem Bauch, schaute ich auf meine schwarzen Schuhe. Meine Hose hatte Bügelfalten, mein schwarzes Hemd und schwarzes Jacket ebenfalls. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut. Aber noch unwohler fühlte ich mich an diesem Ort. Ich stand zusammen mit meiner Familie und ein paar Freunden und Bekannten vor einem riesigen Loch. Der Sarg war bereits in dem Grab verschwunden, aber ich konnte mich einfach nicht von diesem Anblick lösen. Meine Oma, die mich über alles liebte und mich ihren kleinen Prinzen nannte, lag nun dort unten, direkt neben dem Grab meines Großvaters, der noch lange vor meiner Geburt verstarb und ich somit nie kennenlernte. Erneut traten mir die Tränen in die Augen und ich schüttelte sie wütend ab. Warum so früh? Warum gerade sie?

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter.

»Komm, Jonas. Wir wollen gehen.« Es war meine Schwester, die mir traurig in die Augen schaute.

Ich antworte nicht und blieb dort stehen, festgewurzelt. Insgeheim musste ich über diesen Wortwitz lachen, hieß sie schließlich mit Nachnamen Wurzel.
 Meine Schwester versuchte es nicht weiter und ließ mich allein. Dann schlang meine Mutter ihre Arme von hinten um mich.

»Wir warten am Auto auf dich.« Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich allein.

Als die letzten Tränen versiegt waren, schaute ich auf. Ich war tatsächlich als einziger zurückgeblieben, bis auf eine Ausnahme. Mir gegenüber stand ein Junge, etwa in meinem Alter. Auch er wirkte traurig und still rannen ihm Tränen über sein Gesicht. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber er schien meine Oma zu kennen. Doch woher?

Als ich mich endlich dazu entschlossen hatte ihn anzusprechen, drehte er sich plötzlich um und verließ den Friedhof.
Sei mutig und gehe den ersten Schritt. Die nächsten Schritte geht ihr gemeinsam.

Liam und die Hilfe von oben

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Cyberfox » 17 Jun 2018, 16:13

Hallo Timmy, ich finde es großartig, dass du deine Geschichte, deiner verstorbenen Großmutter widmest. Der Einstieg fängt ziemlich traurig an. Es erinnert mich auch an meine eigene Großmutter, die ich erst vorletztes Jahr verloren habe, weil sie 10 Wochen nach dem Tod meines Großvaters ebenfalls von uns ging. Demnach kann ich dieses Gefühl mehr als genug nachvollziehen. Würde deine Großmutter von dieser Geschichte wissen, sie wäre sicher ganz Stolz auf dich. :-)

Ich bin gespannt und frage mich, was es mit der Person auf dem Friedhof auf sich hat.

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Timmyboy » 18 Jun 2018, 18:03

@Cyberfox: Vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt.
Auch wenn sich das jetzt vielleicht mega kitschig anhören mag, aber ich denke, dass sie von der Geschichte weiß und stolz auf mich ist. Auch wenn sie es mir nicht sagen kann, lebt sie doch in uns weiter, solange wir sie nicht vergessen.
Mein Beileid für deinen Verlust. Dich hat es ja noch schlimmer getroffen, denn du hast gleich zwei liebe Menschen verloren. Meinen Großvater habe ich tatsächlich, wie der Jonas aus der Geschichte, nie kennengelernt, da er lange vor meiner Geburt verstorben ist.

Aber nun wünsche ich wieder viel Spaß mit dem ersten Kapitel der Geschichte. :)


_____________________________

DIE NEUE SCHULE

Diese Geschehnisse lagen nun bereits zwei Monate hinter uns und doch konnte ich mich nicht an das Gefühl gewöhnen, meine Oma nicht mehr bei mir zu haben. Ich hatte einen wichtigen Teil von mir verloren und wusste, dass er nie mehr zurückkehren würde.
 Meine Unterrichtspausen verbrachte ich fortan allein und in mich gekehrt. Auch meine Freunde kamen nicht an mich heran und ich ließ sie einen nach dem anderen abblitzen. So entfernten sie sich immer mehr von mir.

Ein Gespräch zwischen meinen Eltern und dem Klassenlehrer entschied über meine weitere Schullaufbahn und alle waren sich einig, dass ein Neubeginn an einer neuen Schule mir wohl ganz gut tun würde.

So zogen wir in den Sommerferien um und meldeten mich an einer neuen Schule an.
 Die Sommerferien selbst waren für mich die reinste Qual. Nichts konnte mir helfen mich abzulenken. Selbst der Umzug in eine neue Stadt war nicht aufregend genug, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Ich hing auch weiterhin allein herum, wurde von meinen Eltern allerdings dazu genötigt, endlich mal das Haus zu verlassen und mich mit Kindern aus meiner Nachbarschaft anzufreunden. Ich dagegen unternahm gar nicht erst den Versucht, setzte mich dagegen auf irgendwelche Spielplätze und schaute den Kindern beim Spielen zu.

»Hey, du bist neu hier, oder?«, fragte mich eine Stimme und legte einen Schatten über mein Gesicht. Da er mit der Sonne im Rücken zu mir stand, konnte ich sein Gesicht nicht richtig erkennen, als ich aufschaute.

»Ja«, antwortete ich nur und ließ den Blick wieder sinken.

»Wie heißt du?«, fragte er mich und ließ sich auf der Schaukel neben mir nieder.

»Jonas«, antwortete ich kurz angebunden. Verstand er nicht, dass ich im Augenblick lieber allein sein wollte?

»Cooler Name, Jonas. Ich heiße Liam.« Aus dem Augenwinkel vernahm ich, dass er mich angrinste. »Auf welche Schule gehst du denn?«

»Keine Ahnung«, sagte ich zerknirscht und ließ den Blick weiter auf den Sand unter mir ruhen.

»Hey, warum so niedergeschlagen? Ist jemand gestorben?«

Zornig sprang ich von der Schaukel und rannte los. Ich hörte ihn mir noch meinen Namen nachrufen, aber das war mir egal. Er konnte ja nicht erahnen, was er mit seinen letzten Worten in mir ausgelöst hatte.


Ich rannte immer weiter, bis ich in eine Seitenstraße lief und mir keuchend die Seite hielt. Verdammt, wo war ich?

Verzweifelt schaute ich mich um, aber erkannte nichts wieder. Vor mir erstreckte sich eine lange Einkaufsstraße mit allen möglichen Geschäften, die ich nur vom Hörensagen kannte. Gucci, Louis Vuitton, Apple, Starbucks, Hugo Boss, Chanel, Cartier. Einzig McDonalds kannte ich, aber alle anderen Ladengeschäfte hatte ich nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn betreten. Hier in Berlin schien es alles zu geben, was man sich nur wünschen konnte. In meinem Kuhkaff konnte ich von Glück reden, dass wir einen Tante Emma Laden hatten, für das erwähnte McDonalds musste man schon in den nächst größeren Ort fahren.

Ich entschied mich dazu, das McDonalds aufzusuchen und dort nach der Adresse zu fragen. Ich rief meinen Vater an, der sich zwar wunderte, mich dann aber bereitwillig abholen kam.
 Schweigsam fuhren wir den Kurfürstendamm herunter - so hieß die Straße, in der ich gelandet war - und brauchten nicht lange, um zu Hause anzukommen. Er parkte das Auto einen Häuserblock entfernt, weil direkt vor der Tür keiner mehr frei war und zusammen liefen wir nach Hause.

»Wieso warst du so weit von Zuhause weg?«, wollte er endlich von mir wissen. Ich zuckte nur mit den Schultern.

»Hör mal, für uns alle ist es ein großer Verlust gewesen, aber das Leben geht weiter. Oma hätte sicher nicht gewollt, dass du ihr so lange hinterher trauerst und vergisst zu leben.«

Diese Worte saßen gewaltig, aber ich äußerte mich weiterhin nicht dazu. Resigniert gab mein Vater mit einem langgezogenen Seufzer auf und fuhr mit mir in den achten Stock. In unserer Wohnung angekommen, zog ich mir die Schuhe und Jacke aus und verschwand in meinem Zimmer. Ich hörte meinen Vater noch rufen »In zehn Minuten gibt es Abendbrot«, dann knallte ich auch schon meine Tür zu.

Am ersten Tag nach den Sommerferien fuhr mich meine Mutter zur Schule, weil mein Vater arbeiten musste. Die ganze Fahrt über schwiegen wir uns an, bis meine Mutter mich vor dem Sekretariat abstellte.

»Ich wünsche dir viel Spaß und bitte gib den Schülern keine Gelegenheit über dich herzuziehen. Du weißt ja, der erste Eindruck zählt.« Sie zwinkerte mir zu.

»Klar doch. Es reicht ja nicht, dass ich als Hochbegabter zwei Stufen überspringen konnte und nun mit einem Altersunterschied von zwei Jahren in ihre Klasse komme, um über mich herzuziehen«, murmelte ich.

»Jetzt hab dich nicht so. Du kannst natürlich auch zurück in die achte gehen, aber da wirst du dich langweilen, das weißt du.« Sie schlug mir sachte auf die Schulte, beugte sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Halt die Ohren steif, mein Schatz. Das wird schon.«

Ich nickte dem Boden zu und sah, wie sich meine Mutter entfernte. Sie drehte sich noch einmal um, doch da wurde ich schon von der Sekretärin hereingebeten. Ich sah also ihren zweifelnden und sorgenvollen Blick nicht mehr, den sie noch kurz auf ihrem Gesicht huschen ließ, bevor sie das Gebäude verließ.

»Hallo Jonas, ich bin Herr Schütter und der Rektor dieser Schule«, hieß er mich willkommen und schüttelte mir die Hand. »Es freut uns immer wieder, so wissbegierige und kluge Köpfe auf unserer Schule willkommen heißen zu können. Ich denke, du wirst dich gut einleben können.«

Ich bekam bei der Ansprache einen spontanen Würgereiz, konnte ihn aber geschickt als trockenes Husten umwandeln.

»Ich werde dich nun zu deiner Klasse bringen. Deine Klassenlehrerin heißt übrigens Frau Morel und ist gleichwohl deine Französischlehrerin. Also, wenn du mir nun folgen magst?!« Mochte ich nicht, aber was blieb mir für eine andere Wahl?

Er führte mich die große Treppe im Vorraum hinauf und ging den Gang im ersten Stock entlang. Ich musste erstaunt feststellen, dass die Schule einen gewissen Charme versprühte.

Hier und da tadelte Herr Schütter Zuspätkommer, als wir endlich vor einer Tür Halt machten, die offenbar zu meiner Klasse führte. Er klopfte an und wartete gar nicht auf ein „Herein“, sondern stürmte direkt in den Raum, ich schüchtern hinter ihm her.

»Guten Morgen Frau Morel, guten Morgen Klasse 10b.«

»GUTEN MORGEN, HERR SCHÜTTER«, sprach die Klasse im Chor.

»Ihr bekommt dieses Jahr einen Neuen, sein Name ist Jonas Kraus. Er ist in den Sommerferien aus Rädigke nach Berlin gezogen, richtig?« Erwartungsvoll schaute er mich an.

Ich nickte nur.

Da schallt es aus einer der letzten Reihe: »Sicher, dass er hier richtig ist? Der gehört doch noch in die Grundschule.« Alles lachte und ich wurde rot im Gesicht. Ja gut, die Pubertät hatte bei mir noch nicht zugeschlagen, aber Grundschule? Der wollte wohl auf witzig machen. Ich schaute ihn grimmig an, doch er lachte weiter. Ein paar Plätze weiter lachte allerdings einer nicht mit. Er schaute ernst zu mir herüber und ich schaute ihm in die Augen. Irgendwoher kennst du den, dachte ich mir, wurde aber von dem wütenden Direktor am Weiterdenken gehindert.

»Das reicht, Sven. Das ist absolut nicht witzig. Ungeachtet deines Intellekts gibt es Leute, die einen so hohen Wissensstand besitzen, dass sie mehrere Klassen überspringen können.«

Ich wurde so rot, wie eine zu lang gegarte Languste. Ja sicher doch, gib ihm weiteren Zündstoff, um mich noch mehr zu hassen. Ich schaute wieder zu dem Jungen herüber, der nicht gelacht hatte und wusste nun endlich, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte.
Sei mutig und gehe den ersten Schritt. Die nächsten Schritte geht ihr gemeinsam.

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Simson » 24 Jun 2018, 18:08

Auch wenn es traurig beginnt, deine Geschichte klingt vielversprechend. ..schön geschrieben. ....macht neugierig auf mehr. Ich freue mich darauf.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Timmyboy » 28 Jun 2018, 00:35

@Simson: Danke dir vielmals für die lieben Worte. Es freut mich, dass die Geschichte offenbar so gut ankommt.

So, nun folgt auch schon das nächste Kapitel. Viel Spaß beim Lesen. :)


_____________________________

Ziemlich beste Feinde

»Du setzt dich nun am Besten, Jonas. Dort hinten bei Liam ist noch Platz.«

Liam? Nein Moment. Der Liam? Das kann nicht sein! Oder doch?
Grübelnd machte ich mich auf den Weg zu dem einzig freien Platz neben Liam, ließ meinen Rucksack neben dem Tisch fallen und tat selbiges mit mir, nur nutzte ich den etwas bequemeren Stuhl und nicht den Boden des Raums.

»Hey, Jonas. Verrückt. Wir kennen uns vom Spielplatz. Ich bin der Liam, der neben dir auf der Schaukel saß.«

»Ruhe jetzt, Leute! Wir wollen endlich weitermachen. Es gibt noch einigen organisatorischen Kram, der erledigt werden muss. Ich brauche von jedem ein Passbild, damit ihr aktuelle Schülerausweise bekommt, außerdem…« So ging es die ganze Stunde über, doch ich schweifte schnell in meinen Gedanken ab. Der Typ neben mir, den hatte ich nicht nur auf dem Spielplatz getroffen. Er war es auch, der damals auf der Beerdigung meiner Oma aufkreuzte und als einer der letzten ging. Was wollte er dort? Woher kannte er meine Oma? Warum ist er auf dem Spielplatz aufgekreuzt und hatte mich nicht auf die Beerdigung angesprochen? Dann hätte ich ihm ins Gesicht gesehen und direkt erkannt, dass er der selbe Typ war. Fragen über Fragen bildeten sich in meinen Gedanken und immer wieder spürte ich seinen Blick von der Seite.

Als endlich das Läuten der Glocke ertönte, schrack ich aus meinen Gedanken und sah noch, wie Frau Morel den Raum verließ. Sofort baute sich Sven vor mir auf und ich reckte meinen Hals nach oben.

»Na Kleiner, du bist also der neue Überflieger in der Klasse, ja? Heimst die Lorbeeren ein und lässt uns normaler Haufen wie Dreck aussehen? Ich verrat’ dir mal was«, und er bückte sich herunter an mein Ohr, damit nur ich die nächsten Worte hören konnte, »wir haben schon einmal solch eine Kanalratte wie dich rausgeekelt. Das sollte uns bei dir auch gelingen, dreckige, kleine Schwuchtel.« Die letzten Worte sprach er im normaler Lautstärke aus und heimste ein paar Lacher aus der Klasse ein. Die Mädchen blieben dagegen stumm, schauten mich dafür mit einem beinahe herzlichen Blick an. Muttergefühle?

»Lass ihn in Ruhe, Sven.« Liam hatte sich erhoben und bäumte sich nun vor Sven auf. Dieser grinste nur schief und zeigte seine Zähne.

»Ah, wie ich sehe, hast du schon deinen persönlichen Bodyguard. Oder ist er dein Lover, Liam? Denk dran, Sex mit einem 10-Jährigen ist strafbar, du Pedo!« Wieder ein paar verhaltene Lacher aus der Klasse, die das Gefecht zwischen uns dreien gespannt beobachteten.

»Ich bin 14«, erwiderte ich mit zusammengebissenen Zähnen kleinlaut.

»Ja sicher und ich bin der Kaiser von China.« Wow, wie schlagfertig. »Denk dran, du bist einer und wir sind viele. Leg dich am besten nicht mit uns an.«
 »Du und welche Armee, Sven? Du hast doch nur ein großes Maul, aber wenn es hart auf hart kommt, ziehst du den Schwanz ein. So war es schon immer, weißt du noch? Damals, in der sechsten Klasse? Soll ich dich wirklich daran erinnern?«

Feindselig funkelten sich Sven und Liam an und insgeheim bewunderte ich Liam dafür, dass er sich so für mich einsetzte, wo er mich doch kaum kannte. In dem Moment war ich ihm unglaublich dankbar, doch ich kam nicht umhin mir Gedanken zu machen, was mich mit ihm verband, wo er doch offenbar meine Oma zu kennen schien.

»Pass auf Liam, für wen du in die Bresche springst. Das könnte für dich ganz mies enden.« Damit drehte er sich endlich um und ging auf seinen Platz. Mit seinem Sitznachbarn gab er sich ein High Five, doch nicht viele konnten sein Grinsen teilen. Einige schauten immer noch gespannt zu mir und Liam, doch der setzte sich nun wieder und schlotterte vor unterdrücktem Zorn.

»Hey - ähm, danke.«
 »Kein Problem. Sven ist ein Kotzbrocken. Der ist zu allen Neuen ein Arsch, dabei waren wir mal beste Freunde. Aber er hat sich verändert.«

Ich sagte keinen Ton mehr, denn augenblicklich öffnete sich die Tür und ein Mann mittleren Alters betrat den Raum.

»Okay, dann mal Klappe zu und Ohren auf, Jungs und Mädels. Holt eure Mathebücher raus und öffnet Seite 5. Löst Aufgabe 3 und 4. Für die ganz schnellen unter euch, könnt ihr noch 5 b) lösen, für einen Extrapunkt in der Bewertung. Also los, ihr habt 35 Minuten Zeit.«

Ich öffnete das Buch und schaute mir die Aufgaben an. Lächerlich, das würde ich in einer Viertelstunde geschafft haben.

Ich zückte meinen Füller und rechnete in Windeseile die Aufgaben durch. Mehrfach spürte ich einen Blick von Liam, der ganz beeindruckt von meiner Geschwindigkeit schien. Hier und da sah ich ihn Lösungen von mir übernehmen, aber das war mir gleich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er sich das verdient hatte.
 Tatsächlich war ich in etwas unter 15 Minuten mit den Aufgaben fertig und auch die Zusatzaufgabe bereitete mir keine Probleme. Ich schaute um mich und stellte fest, dass alle anderen noch schrieben oder verstohlen auf die Blätter ihrer Nachbarn schauten.

Was sollte ich nun tun? Aufstehen und meine Aufgaben abgeben? Dann würde ich bestätigen, was Sven vorhin über mich daherredete. Oder sollte ich einfach so tun, als würde ich noch schreiben, um den Hass der Mitschüler nicht weiter anzustacheln?

»Du, Junge? Abschreiben führt zu einer direkten sechs.«

»Aber ich schreibe nicht ab, ich bin fertig.« Verdammt, warum konnte ich nicht einfach meine Klappe halten? Aber ich war schon immer stolz auf meinen Intellekt und an meiner alten Schule war das auch kein Problem, schließlich kannten sie mich nicht anders. Aber hier?

»Du bist - was?« Verblüfft hievte sich der Lehrer aus seinem Stuhl und kam den Gang zu meinem Tisch. Ich vernahm das höhnische Lachen von Sven und seinem Sitznachbarn.

»Zeig’ mal her«, sprach er und nahm sich den Bogen Papier. Seine Augen huschten schnell über die Lösungen und Verblüffung machte sich auf seinem Gesicht breit.

»Alles klar, du darfst nun deine Sachen packen und in die Pause gehen.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. An meiner alten Schule musste jeder, egal ob er schon fertig war oder nicht, so lange auf seinem Platz sitzen bleiben, bis alle anderen auch fertig waren.
 Zögernd stand ich auf und schwang mir den Rucksack über die Schulter. Ich sah, wie Liam angespannt über die Lösungen nachdachte, die er noch nicht von mir abgeschrieben hatte. Ich schaute zu Sven herüber, der mich wütend anschaute und mit seinen Fäusten knackte. Hilfe, wo bin ich hier nur gelandet?

Befreiend sog ich die frische Luft ein und ging zu einer Tischtennisplatte, die auf der Mitte des Hofes stand. Dort ließ ich meinen Rucksack nieder und hievte mich hoch. So verweilte ich im Schneidersitz und dachte weiter über diesen Liam nach.

Noch vor dem offiziellen Pausenklingeln, schlenderten einige Schüler aus dem Tor auf den Schulhof, darunter auch einige aus meiner Klasse, gefolgt von Liam. Als er mich erblickte, steuerte er direkt auf mich zu und ließ sich neben mir auf der Tischtennisplatte nieder.

»Danke man, du hast mir echt den Hals gerettet. Wenn ich nicht von dir abgeschrieben hätte, hätte ich nie auch nur den Hauch einer Chance bekommen, etwas Besseres als eine vier zu bekommen.« Er strahlte mich an und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

»Kein Ding. Woher kennst du sie eigentlich?« Verwirrt schaute er mich an. »Helene Wurzel? Woher kanntest du sie? Ich hab dich auf ihrer Beerdigung gesehen. Sie war meine Oma.« Traurig ließ ich den Kopf hängen. »Du warst bei ihr, aber ich wusste nicht, dass du sie kanntest. Woher?«

Er schaute mich weiterhin verwirrt an. »Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich kenne keine Helene Wurzel.«

Verständnislos schaute ich ihm in seine hellbraunen Augen. Eine Augenbraue zog er nach oben und kleine Fältchen bildeten sich auf seiner Stirn. Sein lockiges Haar wurde durch den Wind ordentlich zerzaust, aber das schien ihm egal zu sein, denn er machte keine Anstalten, sie zu glätten.

»Aber ich habe dich doch da gesehen. Ganz sicher. Du warst neben mir der letzte, der noch an ihrem Grab stand. Ich dachte nur - ich weiß auch nicht.« Eine Träne rann mir das Gesicht herunter und wütend wischte ich sie weg. Warum musste ich ausgerechnet jetzt anfangen zu heulen?
Plötzlich spürte ich, wie sich die Arme von Liam um meinen Oberkörper schlangen und er mich ganz fest drückte. Ich war so perplex, dass ich mich nicht dagegen wehrte. Es fing mir sogar an zu gefallen und so lehnte ich meinen Kopf gegen seine durchtrainierte Brust und fing an zu schluchzen. Er löste seinen rechten Arm von mir und fing sachte an mir über die Haare zu streicheln.

»Ist schon gut, lass alles raus.« So verharrten wir eine Weile, bis uns eine Stimme aufschrecken ließ.

»Ach ist ja süß, da haben sich ja tatsächlich zwei gefunden. Unsere Dorfmatratze und der Neue. Und geflennt hat er auch noch. Ich sag ja, in der Grundschule wäre er besser aufgehoben.« Sven betrat den Schulhof, gefolgt von seinem Sitznachbarn.

Wutentbrannt sprang Liam von der Tischtennisplatte und stürmte Sven entgegen.

»Halt deine Fresse, Sven. Sonst bekommst du es mit mir zu tun, hast du verstanden?« Ich folgte Liam und blieb mit etwas Abstand hinter ihm stehen. Ganz wohl war mir bei der ganzen Sache nicht.

»Ach wie süß, drohst du mir etwa, du Tunte? Was willst du denn tun, hä? Willst du -?« Weiter kam er nicht, denn schon grub sich die Faust von Liam in Svens Bauch und ließ ihn überrascht zusammensacken. Ich hing an Liam und wollte ihn von ihm wegzerren, doch ich war nicht stark genug. Sven kniete vor Liam und hielt sich den Bauch.

»Das wirst du noch bereuen, Liam! Das schwöre ich dir.« Das wurde Liam nun offenbar zu bunt und er trat zu. Ich hing immer noch an Liam, konnte ihn aber nicht aufhalten.

»Jungs, was ist hier los?« Frau Morel kam auf uns zu und zerrte Liam von Sven weg. »Kann mir mal einer verraten, was das soll? Ihr prügelt euch? Ist das dein Ernst, Liam? Und du, Jonas? Du hilfst ihm auch noch dabei? Ich hätte echt mehr von dir erwartet.« Ohne unsere Proteste anzuhören, schliff sie uns ins Sekretariat und verständigte unsere Eltern und den Direktor. Der kam mit etwas säuerlicher Miene aus seinem Büro und baute sich vor uns auf.

»Ihr prügelt euch also? Ist das wahr?«

Niedergeschlagen schauten wir auf den Boden. Ich hätte sagen können, dass ich Liam davon abhalten wollte, Sven zu verprügeln, aber ich wollte Liam das nicht allein durchstehen lassen, schließlich setzte er sich für mich ein und das rechnete ich ihm hoch an.

»Eure Eltern werden gleich da sein. Ihr werdet für drei Tage von der Schule suspendiert. In der Zeit solltet ihr genau über euer Handeln nachdenken.«
Sei mutig und gehe den ersten Schritt. Die nächsten Schritte geht ihr gemeinsam.

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Cyberfox » 08 Jul 2018, 13:15

Solche Kotzbrocken, wie Sven es ist, kannte ich zur Genüge. ^^ Ich sehe schon, der Typ wird noch zu einem Problem werden, mit seinem Gefolge.

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon Timmyboy » 22 Jul 2018, 17:53

@all: Sorry, dass es so lange mit einer Fortsetzung gedauert hat. Aber in meinem Leben ist momentan enorm viel los, sodass ich erst jetzt wieder zum Schreiben gekommen bin.
@Cyberfox: Wer kennt sie nicht. Aber mal sehen, was er noch alles so fabriziert. ^^

Genug der Worte, hier folgt nun der nächste Teil.


_____________________________

Der hochwohlgeborene Liam

Es dauerte eine geschlagene Ewigkeit, bis meine Mutter eintraf. Als sie das Sekretariat betrat und mich anschaute, tat sie das mit einem Blick, den ich nie vergessen werde. Es war keine Wut, kein Zorn - nur blanke Enttäuschung und das war für mich noch schlimmer, als wenn sie mich angeschrien hätte. Sie betrat das Büro ohne mich und sprach mit dem Direktor. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum Sekretariat erneut und herein kam ein Mann mittleren Alters, der allerdings noch recht jung erschien. Seine Haare trug er mittellang, sodass sie ihm schwungvoll auf die Schultern fielen. Sein Gesicht war ganz klar das gleiche, wie das von Liam. Nur seine Augen nicht, die waren stechend blau und in diesem Augenblick ärgerlich zusammengezogen. Er schaute seinem Sohn in die Augen und auch hier war es weniger Wut als blanke Enttäuschung, die ich aus dem Gesicht herauslesen konnte. Er folgte meiner Mutter ins Büro des Direktors.

Gespannt warteten wir im Vorraum auf das, was da kommen sollte. Liam schaute mich von der Seite an, doch ich ließ den Blick auf den Boden gerichtet. Ich war ihm zwar dankbar, dass er sich für mich eingesetzt hatte, aber musste es gleich Gewalt sein? Lässt sich sowas nicht mit Worten regeln?
 Die Tür zum Büro öffnete sich und unsere beiden Eltern verließen den Raum. Meine Mutter nahm mich an die Hand und in allen anderen Situation hätte ich sie abgeschüttelt, jetzt ließ ich es einfach über mich ergehen.

Wir stiegen ins Auto, fuhren aber nicht direkt los. Zunächst drehte sich meine Mutter zu mir um.

»Du musst wissen, dass ich sehr enttäuscht bin. Ich hätte nie gedacht, dass du dich prügeln würdest.«

»Aber -«, versuchte ich mich zu verteidigen, doch mit ihrer erhobenen Hand bedeutete sie mir zu schweigen.

»Ich weiß, dass dich der Tod von Oma sehr mitgenommen hat. Das hat er bei uns allen. Trotzdem ist das kein Grund, über jemanden herzufallen, der vielleicht etwas Falsches zu dir sagt. Man kann alles mit Worten regeln, hörst du?«

»Ich habe mich doch aber gar nicht geprügelt. Ich wollte nur Liam davon abhalten.«

»Und wer Bitteschön ist Liam?«, wollte meine Mutter wissen.

»Das war der Junge, der mit mir im Sekretariat gesessen hat. Der hat mich verteidigen wollen und ich wollte ihn eigentlich davon abhalten, jemanden zu verprügeln. Vielleicht sah das aber auf Frau Morel anders aus, weshalb sie dachte, dass ich mit von der Partie gewesen sei.«

»Ach so ist das. Und das soll ich dir glauben?« Entsetzt sah ich sie an.

»Hast du jemals gesehen, dass ich mich geprügelt habe? Im Kindergarten gab es vielleicht mal Rangeleien, aber seitdem bin ich nie wieder handgreiflich geworden. Das schwöre ich dir.«

Sie schaute mich einen Moment abschätzig an, startete dann den Motor und fuhr vom Schulgelände. Sie glaubte mir nicht, das hatte ich im Gefühl.

Als wir Zuhause ankamen, setzten wir uns in der Küche gegenüber.

»Ich glaube dir. Ich weiß doch, dass du dich nicht prügeln würdest. Aber ich war so enttäuscht darüber, als ich den Anruf vom Direktor deiner Schule bekommen habe, dass ich nicht direkt darüber nachgedacht habe. Dennoch bist du jetzt erstmal drei Tage von der Schule freigestellt worden. Und dein Freund ebenfalls. Was sein Vater mit ihm macht, weiß ich nicht, aber du hast jetzt halt verlängerte Sommerferien. Die solltest du vielleicht nutzen, um den Stoff, den du jetzt verpasst, dennoch zu bearbeiten.«

»Ich glaube nicht, dass ich irgendein Stoff verpasse. Wir haben heute in Mathe einen Überraschungstest geschrieben und die Aufgaben, die wir bearbeiten sollten, hatten wir schon im letzten Jahr. Ich denke also, dass vielleicht, was in den nächsten Tagen behandelt wird, einfach nur Wiederholung vom Vorjahr ist.«

»Na gut, mein Schatz. Ich muss jetzt erstmal einkaufen. Willst du was Besonderes zum Mittag?«, fragte sie mich und ich schüttelte den Kopf. Mir war nicht nach Essen zumute. Ich wollte gerade erstmal nur allein sein.

Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. So hatte ich mir meinen ersten Tag nach den Sommerferien nicht vorgestellt.
 Ich legte mich auf mein Bett und schlief kurz darauf ein.

Ein Klingeln riss mich aus dem Schlaf. Es mussten wenige Minuten vergangen sein, denn meine Mutter war noch nicht vom Einkauf zurück. Es klingelte immer noch, als ich die Küche betrat und zum Festnetztelefon ging. Komisch, ich wusste gar nicht, dass wir das noch angeschlossen hatten. Sonst rief uns nie jemand darauf an, nicht seit Oma gestorben ist.

»Hier bei Kraus, Jonas am Apparat?«

»Man, so förmlich. Liam hier. Was treibst du so?« Verwundert antwortete ich gar nicht erst. Woher hatte er unsere Nummer? »Ihr seid im Telefonbuch eingetragen und das Internet ist relativ schnell uptodate«, beantwortete er mir meine unausgesprochene Frage.

»Ich treibe gar nichts. Ich bin gerade kurz eingeschlafen, wenn du es genau wissen willst.«
 »Cool, willst du dann zu mir rüberkommen?«, schlug er vor.
 »Lässt das dein Vater denn zu?« Es verwunderte mich, dass sein Vater, der vorhin noch so wütend darüber war, ihm nun erlauben sollte, Freunde einzuladen.

»Quatsch, wo denkst du hin? Mein Vater ist wieder auf Arbeit und kommt wahrscheinlich nicht vor 11 Uhr abends nach Hause. So lange habe ich sturmfrei. Also, wie sieht’s aus? Kommst du rum?«

»Da muss ich erst meine Mum fragen, aber eigentlich sehr gerne. Hier ist es gerade irgendwie sehr langweilig.«

»Cool, dann frag sie mal und ruf mich zurück. Meine Nummer siehst du im Display?« Ich hielt mir den Hörer vor die Augen und stellte fest, dass er mit dem Handy anrief.

»Jep, wird mir angezeigt. Ich rufe dich nachher an.« Damit legte ich auf. Euphorie erfasste mich und irgendwie wurde ich auch etwas nervös. Sollte er mein erster neuer Freund in der neuen Gegend werden? Und da wäre immer noch die Sache mit meiner Oma, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Er kannte sie, davon war ich überzeugt. Er war es, der mir am Grab gegenüber gestanden hatte. Und ich würde es noch aus ihm herausbekommen.

Zwanzig Minuten später öffnete sich die Wohnungstür und eine vollbepackte Mum betrat den Flur. Ich nahm ihr die Tüten ab und wäre beinahe unter der Last vornüber gekippt, doch ich schleppte mich mühsam in die Küche und ließ den Einkauf auf die Arbeitsplatte fallen.

Als meine Mum entkleidet hinter mir die Küche betrat, nahm ich allen Mut zusammen und fragte zaghaft: »Du Mum, Liam hat mich zu sich eingeladen. Kann ich zu ihm gehen?«

»Liam, ist das nicht der, der sich vorhin mit dem Jungen geprügelt hatte?« Oh Mist, das verhieß nichts Gutes. Meine Mutter konnte Gewalt überhaupt nicht ausstehen.

»Ja, der. Aber das war sein erstes Mal. Er prügelt sich normalerweise nie. Bitte, Mum!«, flehte ich sie an.
 Ich sah, wie es hinter den Augen meiner Mutter ratterte. Sie war einerseits froh, dass ich endlich jemanden gefunden hatte, mit dem ich spielen konnte. Anderseits hielt sie Liam für einen gewalttätigen Jungen und von solchen wollte sie mich unter jeden Umständen fern halten. Ich schien aber schon zu ahnen, welche Seite die Oberhand gewinnen sollte.
 »Also gut. Aber du bist pünktlich um 21 Uhr Zuhause, ist das klar? Und wehe dir, du verprügelst wieder jemanden«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Freudestrahlend umarmte ich meine Mutter, nahm den Hörer auf und wählte Liams Nummer. Es dauerte nicht lange, da ging er auch schon ran.
 »Und?«
 »Ich darf kommen. Jetzt brauche ich nur noch deine Adresse.«

»Nicht nötig, ich hole dich ab. Denn ich habe deine ja schon.«

»Alles klar, dann bis gleich.« Ich legte auf und ging in mein Zimmer. Es dauerte eine viertel Stunde, da klingelte es endlich an der Tür und ich verabschiedete mich hastig von meiner Mum.

Unten angelangt sah ich freudestrahlend zu Liam auf, der mich ebenso glücklich in Empfang nahm.
»Hier Kleiner, den wirst du brauchen.« Und er reichte mir einen Helm. Da sah ich erst, dass hinter ihm ein Motorroller der Marke Yamaha stand und deshalb überging ich einfach mal, dass er mich Kleiner genannt hatte.

»Ist das deiner?«, fragte ich verblüfft.

»Ne, den habe ich gerade so einem Jungen geklaut. Du weißt ja, ich bin ein voll harter Typ, ich prügel mich auch auf dem Pausenhof.« Offenbar deutete er mein Blick richtig, denn beschwichtigend setzte er hinzu: »Hey, war nur ein Scherz. Ich weiß auch nicht, was da vorhin über mich kam, als ich Sven eine verpasst habe. Es war einfach zu viel und da hat es mir einfach gereicht.«

»Mach so etwas nie wieder, bitte. Lass ihn halt einfach reden, mich stört das nicht. Soll er von mir halten, was er will. Ich weiß, dass ich der Klügere von uns beiden bin und dass er nichts gegen mich in der Hand hat.«

»Aber mich hat es gestört, okay?«, gab er aufbrausend von sich, war aber im nächsten Moment wieder ganz sanft. »Los, lass uns fahren.«

Er setzte sich auf seinen Roller und ich nahm hinter ihm Platz. Ich setzte mir den Helm auf, doch stellte ich zu spät fest, dass es nichts gab, woran ich mich hätte festhalten können.

»Ähm Liam, wo soll ich mich hier eigentlich festhalten?«

»Na an mir natürlich.« Also griff ich ihm in die Seite und ab ging die wilde Fahrt. Gut, so wild war es dann doch nicht, aber schön war es dennoch. Ich beschloss, wenn ich alt genug dafür sein würde, ebenfalls den Rollerführerschein zu machen.

Zwanzig Minuten später rollten wir in eine recht noble Gegend Berlins, wie mir schien. Die Grundstücke waren allesamt durch schwere Eisengitter und -tore gesichert und in der Ferne konnte man die mehrstöckigen Prachtvillen ausmachen. Würde Liam etwa auch in solch einem Ding wohnen? Wir rauschen weiter und tatsächlich hielt er vor einem schmiedeeisernen Tor, welches sich öffnete, sobald er die Fernbedienung betätigte. Ich war überrascht. Würde man bei solch einem Vermögen nicht eigentlich auf eine Privatschule gehen oder Unterricht Zuhause bekommen? Er hielt vor der Haustür der Villa, die ihm und seiner Familie zu gehören schien und wir stiegen von seinem Roller. Liam grinste beim Anblick meines verblüfften Gesichts und geleitete mich ins Haus. Wenn das Haus schon verblüffend war, dann war die Einrichtung ein Orgasmus der Sinne. Im Eingangsbereich wandte sich eine Treppe zu beiden Seiten der Halle empor in die nächste Etage. Der Fußboden der Eingangshalle schien aus Marmor zu bestehen und die Einrichtung sah mir sehr nach Echtholz aus, kein Pressspan, wie wir ihn Zuhause hatten und dank IKEA Bauanleitung selbst zusammenzimmern mussten.

»Willst du Wurzeln schlagen oder kommst du endlich?« Ich hatte ganz vergessen, dass Liam auch noch da war, so verblüffte mich der Eindruck der Villa. Ich folgte ihm die Treppe hinauf und wir wandten uns nach rechts einen langen Gang entlang. Am Ende des Gangs stieß Liam die Tür auf und ich erblickte dahinter ein recht großes Zimmer, dass mich aber etwas enttäuschte, denn ich hatte vermutet, dass es noch größer und prunkvoller sein würde. Liam schien mein Gesichtsausdruck nicht entgangen zu sein.

»Ich stehe eigentlich nicht auf diesen Luxus und deshalb wollte ich das kleinste Zimmer und es mir nach meinem Belieben einrichten.«

»Das kleinste Zimmer? Dann will ich gar nicht wissen, wie groß die anderen alle sind, wenn schon dein Zimmer doppelt so groß ist wie meins.« Damit ging ich umher und schaute mir seine Einrichtung genauer an. An der Stirnseite des Zimmers stand eine große Anbauwand und darin ein enormer Flachbildfernseher. Darunter einsortiert eine PlayStation 4 und eine Xbox One, inklusive aller möglichen Spiele. Unter dem Fenster, welche eine tolle Aussicht auf den hinteren Garten eröffnete, stand ein langgezogener Schreibtisch, auf dem gleichzeitig sein Laptop als auch alle möglichen Bücher und Hefte Platz fanden, die er für die Schule benötigte. Gleich daneben stand ein mächtiger Kleiderschrank, den ich aus Respekt allerdings nicht öffnete. In der Mitte des Raums an die Wand gestellt, stand ein Kingsize Bett, in dem locker vier oder fünf Personen hätten schlafen können. An allen möglichen Stellen fand ich Poster berühmter Rockbands und auch hier und da eine Fußballmannschaft. Doch da ich mehrere unterschiedliche erblickte, konnte ich mir denken, dass er den Sport zwar mochte, sich aber nicht auf eine bestimmte Mannschaft versteifte.

»Na, gefällt dir, was du siehst?« Er grinste zu mir herüber und ich nickte. Ein großartiges Zimmer, in dem man den Charakter von Liam gut gezeigt bekam.
 »Na los, setz dich doch«, forderte er mich auf und klopfte neben sich auf das Bett. Schüchtern setzte ich mich auf die besagte Stelle, ließ aber meine Beine über der Kante hängen.

»Wie war deine Oma so?« Mir verschlug es glatt die Sprache.
Sei mutig und gehe den ersten Schritt. Die nächsten Schritte geht ihr gemeinsam.

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Re: Liam und die Hilfe von oben

Beitragvon gillibill » 23 Jul 2018, 21:46

Hbe hier heute mal rein gelesen.

Sehr guter Beginn der Geschichte. Bin da mal gespannt, wie es zwischen Liam und Jonas weiter geht.

Re: Liam und die Hilfe von oben

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