In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Platz für eure Beziehungsstories - fact and fiction
Gay Stories - keine Sexstories!
Benutzeravatar
SammyBlue
member
member
Beiträge: 462
Registriert: 27 Nov 2013, 03:57
Wohnort: Braunschweig, Germany

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SammyBlue » 17 Mai 2018, 23:31

Gerne :)

Sorgen wegen der Sprache musst du dir nicht machen, das ist schon okay soweit ich das gesehen habe.

Was ich persönlich beim Übersetzen als sehr hilfreich empfunden habe, ist, den Text wenn er fertig ist ein paar Tage liegenzu lassen bis ich ihn wieder lese, eventuell auch ausgedruckt. Dann sieht man nochmal vieles wo man sich denkt "hä, was habe ich denn da fabriziert". Probier das mal. :)

Und sehr cool, ich bin da ähnlich gelandet, wobei ich inzwischen nurnoch sehr wenigen Sachen dort folge. Es freut mich zu hören dass ich über Gemini tatsächlich sogar Leute hierher bringen konnte. :D

Liebe Grüße
Sammy
Wichtige Infos Rund um Gemini
https://forum.boypoint.de/post675838.html#p675838

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Werbung
 

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 19 Mai 2018, 02:47

@Simson: Danke dir für deine Anmerkungen XD eigentlich im Fall von "schlampiger Kuss" musste ich im Internet fürs richtige Wort recherchieren, da das originale Wort "a sloppy kiss" war. In diesem Kontext kann es 2 Bedeutungen haben, entweder nass oder unbeholfen. Ich hatte also keine Ahnung, wie ich das am besten übersetzen sollte, deshalb Googeln haha. Jedenfalls danke dir. Ich versuche, mehr Acht darauf zu geben.

@Sammy: Danke dir auch für die Empfehlung. Ich hab normalerweise nur Zeit am Wochenende fürs Übersetzen, deshalb versuche ich so viel auf einmal zu arbeiten XD und nachdem ich einen sooo langen Text übersetzt und ihn wieder gelesen hab, wunderte ich mich auch ebenso XD

Okay, ohne weiteres, hier ist der erste Teil des 8. Kapitels

[8] Aufgedeckt

Der Tag, an dem ich mich vor meiner Mutter outete, war warscheinlich einer der schwierigsten meines Lebens. Da schossen mir alle Szenarien durch den Kopf. Ich stellte mir vor, dass sie... von mir enttäuscht wäre. Ich stellte mir auch vor, dass sie sich über mich ärgern würde, selbst wenn ich es nicht ändern konnte. Ich bildete mir ein, wenn sie mich ansehen würde, würde sie etwas... Widerliches, was nicht ihr Sohn war, sehen. Freilich hätte ich mir keine Sorgen bei meiner Mutter machen sollen, und das bewies sie mir.

Nach ihrem Tod machte mir die Tatsache, dass ich nicht nur allein, sondern auch als einen sechzehnjährigen schwulen Jungen hinterlassen worden war, nichts daraus. Jedoch könnte es vielleicht daran liegen, dass ich nicht genau allein mit meinem Geheimnis hinterlassen wurde. Ich war zu meiner Oma gezogen, die schon von meiner Sexualität wusste und sich nicht darum kümmerte. Ganz im Gegenteil hatte sie mich immerzu unterstützt.

Vom Zuhause Ausziehen... das war mir viel beängstigender gewesen, als ich je hätte zugeben wollen. An den ersten Tagen, als ich noch gerade hierher gezogen war, verdeckte ich größtenteils diese Angst mit Ärger. Die ganze Zeit ließ ich alle ganz genau wissen, dass ich nicht glücklich war, hier zu sein, und ich warf Eddie es vor, hasste ihn gleichzeitig deswegen, dass er mich gezwungen hatte, hierher zu ziehen, und sogar weil er einfach existierte... Verdammt, ich hatte beschlossen, ihn einfach als einen verantwortungslosen Vater anzusehen und ich mochte ihn hassen, weil das hieß, er sei derjenige, der schuld daran war. Ich stünde ober ihm. Und all diese Ärger ihm gegenüber war die Maske, mit der ich meine einge Angst verdeckte, die Angst vor der Unsicherheit, was sich herausstellen würde, wenn er mein Geheimnis entdecken würde.

Da hatte es vielleicht vollkommen mit dem ersten Eindruck zu tun. Ich wollte bei dem ersten Treffen mit dem Vater, den ich nie zuvor gekannt hatte, als den besseren Menschen erscheinen. Da meinte ich den wertvolleren Menschen nicht. Ich wollte besser sein, als er, und es war nicht wirklich schwer, so ein Gefühl zu haben, da ich ehrlich dachte, dass er der Arschloch war, der meine Mutter verlassen hatte. Als ich dennoch von der Wahrheit erfuhr, dass Eddie eigentlich ein netter Typ war, und er tatsächlich ein toller Vater hätte sein können... fühlte ich mich durchaus schrecklich. Ich hatte ihn nicht nur schlecht behandelt, sondern war ihm als ein Sohn auch nicht wert. Ich war immerhin schwul, und ich hatte echt geglaubt, würde er das entdecken, wäre ich ihm genauso wertlos, wie er mir einige Tage zuvor. Um ganz ehrlich zu sein, die solche Verleugnung war ebenso erschreckend.

Aber nun... also, nun wartete ich darauf, aufgeweckt zu werden. Es fühlte sich so an, als hätte ich gerade einen Traum gehabt. Einen echt komischen Traum, in dem ich bei einem winzigen Bistro mit Aaron saß, ein Paket von meiner gestorbenen Mutter dabei mithatte und von dem ersten Jungen, der mich je geküsst hatte, mitgeteilt wurde, dass mein Leibvater so schwul wie ich war, und Aaron zufolge wohnte ich jetzt in dem Haus der Schwuchteln.

Eddie.

Jase.

Luke.

Schwul

Alle von ihnen.

Komisch. Jedenfalls komisch. Es sei denn, Aaron hatte es erfunden... Da war ich mir nicht sicher, ob ich ihm glauben konnte... aber die Art, wie er zu mir sah, als wäre ich überschnappte, würde den Gegenteil hinweisen.

„Rory?“ Sagte er, nachdem ich ihn einige Minuten nur angestarrt hatte. „Du... wusstest das schon, oder?“ Auch als er es fragte, konnte ich es in seiner Stimme bemerken, dass er schon die Antwort hatte. „Ich meine, du müsstest es wissen...“

Ich stand abrupt auf, und mir folgte Aaron, als ich das Paket an meine Brust hielt.

„Kannst du mich heim bringen?“ Fragte ich.

„Klar... aber, ich dachte du wolltest dich mit Eddie treffen...“

„Ich muss nach Hause.“ Unterbrach ich ihn. Warum musste ich nach Hause? Eigentlich hatte ich auch gar keine Ahnung. Trotzdem war ich mir sicher, dass ich nicht zu Eddies Büro gehen konnte. Ich konnte ihn im Moment einfach nicht sprechen. Oder zumindest konnte ich ihn nicht vernünftig sprechen. Ich glaubte, der einzige Grund, warum ich mich momentan so gelassen benahm, war nur wegen des Schocks und der Verwirrung, welche ich gerade erlebte. Alles fiel mir langsam ein. Also als ich noch vernünftig überlegen konnte, warnte ich mich selbst, dass ich es nicht vorhersagen konnte, wie lange es noch dauern würde. „Kannst du mich nur heim bringen, Aaron?“

„Wie du willst.“ Zuckte er die Schultern. “Aber lass mich mal fertig mit dem Essen...“

„Es gibt keine Zeit mehr für dein Essen!“ Brüllte ich jäh, welches ihn erschreckte und ein paar Gäste sahen deswegen in unsere Richtung. „Ich muss nach Hause! Alle sind schwul, und wenn du Hunger hast, find ich was für dich, wenn wir da ankommen. Beeil dich nur!“

Aaron sah perplex zu mir, als ich mich umdrehte und aus dem Bistro ging, dabei wartete ich offenbar nicht für ihn. Ich hatte keine Zeit, ihn zu warten. Ich wusste nicht, warum ich so eine Eile hatte, oder wozu ich mich zu beieilen brauchte, aber ich spürte den Drang, mich schnell in Bewegung zu setzen... oder einfach etwas zu tun. Es schien mir also nicht so hilfsreich zu sein, da nur zu sitzen. Glücklicherweise protestierte Aaron nicht, obwohl er immer verwirrter, und wahrscheinlich nun ein bisschen besorgt, wirkte. Einige Minuten später war er mit mir wieder im Auto, und dann fuhren wir zum Haus zurück, während ich nur gedankenverloren auf das Paket starrte.

Ich war einfach von allem, was heute passiert war, überwältigt, und das war meiner Meinung nach ganz verständlich. Zuerst erschien Aaron... danach das Paket... und jetzt das. Schwul. Alle waren schwul. Ernsthaft? Na ja, aber was zur Hölle? Ich meine, also... Gottverdammt. Ich konnte nur nicht vernünftig denken. Mir schossen zugleich so viele Gedanken durch den Kopf, wie Luke zum Beispiel. Es hätte mir der erste Hinweis sein sollen, dass jemand so heiß wie er trotzdem keine Freundin hatte. Eddie und Jase... also, was zum Teufel für erwachsene Männer, welche offenbar keinen Mutterkomplex hatten, außerdem erfolgreiche Karrieren, und da musste ich zugeben, gutes Aussehen besaßen, lebten mit deren Bruder? Die Tatsache, dass sie sich doch nicht mal ähnelten, hätte mir ganz am Anfang an schon auffallen müssen.

Alles in allem fand ich mich jetzt so... dumm. Genau, dumm. Ich fühlte mich, als hätte ich da die ganze Zeit nur rumgesessen, während sie mich alle zum Narren hielten. Aber als ich mir das jetzt wirklich überlegte, realisierte ich, dass es nicht so war, als wären gewisse Dinge nicht offensichtlich, und ein normaler Schwuler diese hätte mitbekommen können. Ich hingegen konnte nicht einmal einen anderen Homosexuellen im Abstand von einem Meter erkennen. Deswegen hielt ich mich jetzt selbst für einen Idioten, und das ließ mich... beschissen fühlen. Es verärgerte mich so sehr.

Und warum sollte ich nicht darauf sauer sein? Es war mir schlimm genug, dass mir meine Mutter die Informationen über meinen Vater vorenthielt, und jetzt entdeckte ich, dass Eddie auch seine eigenen verbarg, auch wenn er schon wusste, wie es mich beim ersten Mal verrückt machte. Na ja, ich war trotzdem nicht genau offen bezüglich meiner Sexualität gewesen, aber ich war der Teenager. Es ergab also nur Sinn, dass ich es wäre, der mehr Toleranz in solcher Situation hatte. Aber Eddie... also, es wäre sicherlich erleichterter gewesen zu wissen, dass ich in einem Haus, das laut Aaron Haus der Schwuchteln genannt wurde, wohnte.

Und meine Oma! Ich wettete, dass sie davon wusste. Abscheuliche alte Frau. Das war wahrscheinlich der Grund, warum sie mich immer wieder drängte, mich vor Eddie zu outen. Doch warum hätte sie mir die Wahrheit vom Anfang an nicht mitteilen können? Scheiße. Ich musste damit aufhören, mir so Fragen zu stellen. Es war schon deutlich, dass alle Erwachsene in meinem Leben nicht anders konnten, als mich anzulügen... sogar Luke. Ich dachte, ich war am enttäuschsten von Luke, weil er mir nichts davon erzählte. Trotzdem konnte ich mich nicht mehr über ihn ärgern, als Eddie. Luke sollte mein Freund sein, ja, und er hätte mir das offenbaren können, ja... aber ich wusste, dass ich mich ihm genauso leicht hätte anvertrauen können. Dennoch sah ich Eddie anders an. Er war der Erwachsene. Er hätte mir die Wahrheit sagen sollen.

Verdammt. Das war alle nur... so viel. Es fühlte sich langsam an, als würde mein Kopf plazten, wenn ich herausfände, dass noch ein Geheimnis vor mir verborgen wurde. Zum einen wollte ich Eddie, oder Jase, oder Luke anrufen... es war aber egal. Ich wollte einfach irgendeinen von ihnen anbrüllen, sodass sie wussten, ich habe das schon entdeckt. Jedoch dachte ich mir gleichzeitig, dass sie selbst mir die Wahrheit mitteilen sollten. Insbesondere Eddie. Ich wollte das von ihm hören. Ich wollte, dass er sich outete.

“Sie sind schwul?” Platzte ich endlich heraus, die Stille brechend und mich frustriert fühlend, und Aaron sah zu mir herüber.

„Du hast echt keine Ahnung?“

„Nein! Aber weißt du was? Ich bin schon dran gewöhnt, keine Ahnung zu haben! Mein Gott, haben alle hier die Gewohnheit, wichtige Informationen vorzuenthalten?“

„Wie konnstest du das wohl nicht wissen?“ Erwiderte Aaron skeptisch. „Sie halten es nicht mal geheim. Besonders Luke. Er hat sich ein paar Monate vorm Schulschluss in der Schule geoutet. Hat er dir das echt nicht mitgeteilt?“

„Nein.“ Runzelte ich die Stirn. “Und Eddie und Jase... Scheiße, sie haben mir gesagt, sie seien Brüder.” Angewidert schüttelte ich den Kopf, doch Aaron brach zum Gelächter aus. Das war nicht genau hilfreich.

Brüder? Und du hast ihnen echt geglaubt?“ Er machte den Anschein, dass er offenbar nicht glaubte, was ich gerade sagte.

„Ich wusste nicht besser.“ Einen finsteren Blick warf ich Aaron zu. “Ich hab sie gerade erst kennengelernt! Was zum Teufel sollte ich denn davon halten?”

Aarons Schmunzeln verschwand, als er mitbekam, dass ich die Situation nicht für witzig hielt, und er stieß einen Atemzug aus, offensichtlich keine Ahnung habend, was zu sagen, als wir wieder in Schweigen versanken. Es war vielleicht gut so, dass wir vorhin nicht so weit in die Stadt gefahren waren, bevor Aaron anhielt, denn ich wollte nun einfach nur wieder zum Haus. Als wir da ankamen, stieg ich unvermittelt aus, ehe er sogar das Auto zum Stehen bringen konnte.

„Rory!“ Rief mir Aaron nach, als er sich beeilte, mich einzuholen, trotzdem verlangsamte ich mich nicht, als ich das Paket festhielt und mich ins Haus begab. Ich maschierte direkt ins Wohnzimmer und stand vor den allen Fotos, die ich an dem ersten Tag hier gesehen hatte, bleiben. Das aggressive Bellen von Chey war das einzige Ding, das mir verkündete, dass Aaron mir nach innen gefolgt hatte. Doch ich gab momentan kaum Acht darauf, da ich gerade versuchte, jedes einzelne Foto zu beäugen.

Keine schwulen Hinweise hier.

Da war ein Foto von Eddie und Jase zusammen, aber man konnte dadurch nicht mal behaupten, dass sie mehr als Freunde wären. Trotzdem hielt ich nun davon ein bisschen anders, und der Gedanke, dass sie zusammen waren, fiel mir irgendwie... komisch.

„Rory.“ Kam Aarons Stimme erneut heraus, und diesmal schaute ich zurück und bekam mit, dass Chey ihn in die Ecke trieb, und er sah langsam etwas eingeschüchtert aus.

„Chey!“ Rief ich etwas ungeduldig, und die Hündin hörte mit dem Bellen auf, um mir in die Küche zu folgen, wo ich sie nach draußen durch die Glasschiebetür ließ, ehe ich mich an Aaron wandte, der mich neugierig betrachtete.

„Was machst du denn nur?“ Fragte er mich.

„Weiß ich doch nicht.“ Gab ich zu. Ich ging an ihm vorbei, setzte das Paket auf die Küchentheke ab, bevor ich den Raum verließ und nach oben ging. Aaron folgte mir, aber ich konnte seine Anwesenheit kaum spüren, als ich die Treppe zwei Stufen auf einmal hinauftrat, bis ich den Flur erreichte und dann blieb ich inne, versuchend, mich daran zu erinnern, wo laut Eddie seins und Jases entsprechende Zimmer waren.

Genau, ich hatte vor zu schnüffeln. Ich mochte Aaron schon glauben, und die Tatsache, dass mein Leibvater schwul war, fiel mir langsam ein, trotzdem fühlte ich mich, dass ich... Beweise in dieser Situation brauchte. Ich wollte es also einfach sehen, um es zu glauben. Ich wollte nur sicherstellen. Deshalb betrat ich zunächst Jases Zimmer. Ich schwang die Tür auf, danach blieb kurz stehen, ehe ich vorsichtig hineintrat.

„Was machst du nur?“ Fragte Aaron nun wieder direkt hinter mir.

„Das ist Jases Zimmer.“ Sagte ich mehr zu mir, als zu ihm, während ich mir das ordentlich gemachtes Bett, die Kommode, den sauberen Nachttisch mit dem Telefon und einer künstlichen Pflanze, ein paar schäbige Wandbehänge und sonst ein leeres Zimmer ansah.

„Na klar.“ Erwiderte Aaron gedehnt, als ich das Zimmer betrat und mich eine Weile umsah, bevor ich mich langsam der Kommede näherte und die erste Schublade aufzog. Ich musste sie eine ganze Minute angestarrt haben, ehe es mir einfiel, dass sie vollkommen leer war, und danach verlor ich etwas Kontrolle, da ich begann, jede einzelne Schublade im Zimmer aufzureißen. Leer. Leer. Leer.

“He... Rory!” Aaron legte mir eine Hand auf die Schulter, aber ich schüttelte sie ab und marschierte zum Wandschrank, danach machte den auch auf. Leer, außer dem alten Staubsauger.

„Er hat gemeint, das sei Jases Zimmer.“ Raunte ich, als ich Aaron wieder vorbeiging und den Flur entlang trottete, dann öffnete die Tür von Eddies Zimmer.

Ich hielt an der Tür inne und sah mich um, diesmal schien das Zimmer ein Schlafzimmer, in dem jemand tatsächlich bewohnte, zu sein. Das Bett wurde gemacht, aber es sah so aus, als hätte derjenige, der das gemacht hatte, Eile. Der Boden war sauber und staubgesaugt, abgesehen von einer Socke, die aus dem Wäschekorb gefallen war. Dorthin ging ich zuerst. Ich hob ein rotes Hemd direkt aus der schmutzigen Wäsche an und wandte mich jäh an Aaron, dabei hielt ich es hoch.

„Das ist Jases Hemd!“ Verkündigte ich. “Er hat es gestern bei dem Wasserpark getragen.“

„Na und?“ Aaron zog eine Augenbraue hoch.

„Das heißt, sie teilen bloß ein Zimmer!“ Sagte ich noch ungläubig, als ich das Hemd runterließ und zum Wandschrank hinüberging, um ihn zu öffnen.

„Pass auf.“ Aaron sah mich stirnrunzelnd an, wurde offenbar immer unangenehmer, während ich den Schrank aufmachte und nach innen sah, um zu bestätigen, dass beide Jases und Eddies Kleider darin waren. „Wir sollten besser mal raus, Rory. Was machst du denn nur?“

Ich schüttelte nur den Kopf und verließ den Schrank, bevor ich Aaron erneut vorbeiging, diesmal zum Nachttisch, deren Schublade ich aufzog. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, was ich suchte. Die Tatsache, dass Jase und Eddie offensichtlich ein Zimmer teilten, hätte mich zwingen sollen, mich das Telefon zu greifen und Eddie anzurufen... oder sogar Jase, falls ich Eddie nicht sprechen konnte, um eine Erklärung zu verlangen. Dennoch konnte ich das noch nicht machen. Ich fühlte mich immer noch, dass etwas fehlte, auch wenn alle Beweise dafür, dass ich nicht bei zwei Brüdern wohnte, direkt vor mir waren. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was ich in diesem Zimmer suchte, einem Schlafzimmer, das ich in erster Linie nicht hätte betreten sollen. Doch egal was ich suchte, war ich mir ziemlich sicher, dass ich es fand, als ich die Schublade der Kommode öffnete und ein 13x18cm gerahmtes Foto daraus nahm, das den richtigen Platz auf dem Nachttisch, neben dem Wecker haben sollte... bevor ich herkam.

Ich stierte auf das Foto von Eddie und Jase. Es war eins jener klischeehaften Selfies, in denen eine Person die Kamera auf Ärmeslänge hochhielt. In diesem Fall war Eddie es, der das Foto machte, weil Jase seine Arme um ihn schlangte, und er küsste Eddies Wange, während Eddie lächelte... Ich wurde einfach von dem Foto erstaunt. Sie sahen glücklich mit sich aus... und doch wichtiger war, dass sie völlig wohl bei sich waren. Ich hatte recht nie sowas gesehen. Sie ließen das Bild, dass zwei Männer zusammen waren, natürlich aussehen. Trotzdem war das Bild sowohl faszinierend, als auch vollkommen widerlich, da ich ein anderes Bild der Beziehung zwischen Eddie und Jase in meinen Gedanken hatte. Das war eher nicht dieses Bild. Nun war ich mir nicht sicher, wie ich davon hielt, als ich das Foto anstarrte, fast nicht zu blinzeln wagend, denn ich brauchte immer noch, es langsam zu verdauen. Ich setzte mich fassungslos auf das Bett und wunderte mich, wie zur Hölle ich es nicht gemerkt haben konnte. Ich spürte sogar kaum, dass die Matratze senkte, als Aaron sich neben mich hinsetzte. Ich war mir jedoch bewusst, dass wir uns so nah waren, dass sich unsere Schultern berührten, als er sich herüberlehnte, um sich das Foto in meinen Händen anzuschauen.

„Du hattest echt keine Ahnung?“ Fragte Aaron, aber es gab keinen Hauch Neckerei mehr in seinem Tonfall.

„Sie haben es nicht genau der ganzen Welt offenbart.“ Erwiderte ich abwehrend. Ich konnte nicht anders. Es fühlte sich an, als bräuchte ich Ausreden dafür, wieso ich so blind für meine eigene Umgebung sein konnte.

„Also... ich geh davon aus, sie wissen das über dich auch nicht, oder?“ Sagte Aaron nach einem Moment, offensichtlich nicht von meinem bestürzten Tonfall abgehalten.

„Nein.“ Gab ich zu. “Aber wie gesagt, ich hab sie nur gerade erst kennengelernt... ich kann’s nicht glauben, dass er mir nicht erzählt hat.“ Schüttelte ich den Kopf, mich seltsam irritiert fühlend, dass Eddie mir seinen Lebensstil vorenthalten würde... und nicht nur Eddie, sondern alle von ihnen. Ich meine, sie hatten ihre Leben vor mir verborgen, insbesondere Jase und Eddie. Sie waren ein Paar, und Aaron zufolge, so gut wie verheiratet. Trotzdem versteckten sie diese Tatsache. Vielleicht wenn ich mir vernünftig überlegte, würde ich davon ausgehen, dass sie die Wahrheit wegen des gleichen Grunds wie meinen vorenthielten. Aber Jase und Eddie hatten sie nicht nur vor mir versteckt, sondern sie hatten die Wahrheit vergraben, und ich konnte es einfach nicht begreifen, welches wahrscheinlich einer der Gründe für meine Ärger war.

„Aber... es ist nicht so schlimm, oder?“ Fragte Aaron.

„Huh?“ Runzelte ich die Stirn. Wie konnte es nicht so schlimm sein?

„Weißte, ich meine... jetzt weißt du schon. Du kannst dich ja vor ihnen outen und dir keine Sorgen machen. Es ist eher besser so, oder?“

„Besser?“ Wiederholte ich. “Wie ist es denn besser? Es sieht so aus, dass alle um mich herum die Fähigkeit, ehrlich zu sein, verloren haben... und da hab ich sie vielleicht schon überschätzt, denn keiner von ihnen scheint, die Wahrheit in erster Linie sagen zu können. Nicht mal meine Mutter... sie hat mir nicht mal erzählt, wer mein Vater war! Sie hat mir nicht mal erzählt, dass sie ihn gesucht hat, als sie am Sterben war. Erst einen Monat danach hab ich es rausgefunden... und dann hab ich entdeckt, dass er nicht mal von mir wusste! Und Eddie wusste schon, ich konnte keine mehr Geheimnisse ertragen, aber doch er hat vor mir seins verborgen!“

„Warte mal.“ Runzelte Aaron die Stirn. “Hör mal, ich weiß, du bist ja verärgert... aber ich hab keine Ahnung, worüber du redest.“

Ich sah Aaron missmutig an, mich völlig unbehaglich fühlend, dass ich gerade versuchte, meine Gefühle mit ihm zu teilen, aber er hatte wirklich keine Ahnung, worüber ich sagte.

„Eddie ist mein Vater.“ Klärte ich kurz. “Ich hab ihn gerade erst getroffen, als ich hergekommen bin. Ich wusste nicht mal, dass er existierte, bis nachdem meine Mutter gestorben ist, und offenbar wusste er auch nicht von mir... und er hätte mir das sagen sollen... er wusste, ich konnte keine Geheimnisse mehr...“

„Eddie ist dein Vater?“ Machte Aaron den Anschein, als würde er denken, dass ich gerade eine Fremdsprache sprach.

„Ja, und offenbar hab ich mehr von ihm geerbt, als ich dachte.“ Schüttelte ich den Kopf. „Vielleicht ist es echt genetisch.“

„Aber du hast gesagt, du bist Lukes Cousin.“ Erwiderte Aaron, immer noch verwirrt, und seine Bemerkung ließ mich innehalten und überlegen.

War Luke mein Cousin? Also, wie zum Teufel sollte ich jetzt denn wissen?

„Warum hast du mir nicht erzählt?“ Erwiderte ich bitterlich. „Du weißt ja offensichtlich mehr davon als ich. Ist Luke mein Cousin? Gott, ist es bloß noch wichtig? Ich bin mir sicher, er könnte nun mein Opa sein, und niemand würde sich Mühe machen, mir das zu sagen!”

„Wenn Eddie dein Vater ist, dann ist Luke nicht dein Cousin.“ Behauptete Aaron gelassen, ersichtlich meine Wut ignorierend. „Luke und Jase sind Cousins, Eddie ist nicht mit ihnen verwandt... zumindest, hoffentlich nicht... He, ich glaub, du müsstest mindestens deswegen erleichtert sein.“ Lächelte er.

„Was?“ Worüber sollte ich denn erleichtert sein? Warum war Aaron so gelassen?

„Dass Luke nicht dein Cousin ist.“ Schmunzelte Aaron schelmisch. „Ich meine, er ist keine Frage heiß. Ich wette, du fühlst dich ja erleichtert, dass ihr euch nicht verwandt seid. Ernsthaft, wenn ich mit Luke zusammen in einem Haus wohne, würde ich jede Nacht...“

„Aaron! Bitte... nicht.” Unterbrach ich ihn genervt, da er so ein Thema in dieser Situation starten würde. „Weißt du was?“ Schüttelte ich den Kopf, stand auf und stellte das Foto von Eddie und Jase auf den Nachttisch, bevor ich zur Tür ging. „Du musst gehen. Ich hab grad eben viel zu viel Scheiße, mit der ich klarkommen muss.“

„Rory.“ Rief er, mir folgend. “Warte mal. Kannst du dich mal beruhigen? Ich versteh ja gar nicht, was für Problem hier ist.”

„Natürlich verstehst du nicht!“ Unversehens drehte ich mich im Flur zu ihm. „Genauso wie du es für kein Problem gehalten hast, als du das Auto geklaut und Luke die Schuld auf sich nehmen gelassen hast!“ Ich wurde mit so viel Frustration beladen, dass ich etwas davon entladen musste, und Aaron tat mir leid, da er der Einzige war, bei dem sich meine Ärger entladen konnte. Leider war er deswegen beleidigt.

„He, wenn du diese Scheiße anfangen möchtest, na gut.“ Entgegnete er. „Aber wir reden jetzt bloß nicht über uns, sondern dich. Ich seh hier echt kein Problem, Rory. Also sie haben dir nicht erzählt, das versteh ich... eigentlich versteh ich nicht. Das macht nicht wahnsinnig viel Sinn, aber trotzdem ist egal. Du weißt nun von der Wahrheit, also warum bist du denn dann drauf sauer? Ich meine, es ist nicht so, als müsstest du ihnen sofort über dich mitteilen, oder?“

„Was muss es mit irgendwas zu tun haben?“ Protestierte ich. „Eddie hätte mir erzählen sollen! Laut dir halten sie es nicht geheim, aber trotzdem haben sie mir das seit dem ersten Tag vorenthalten! Wie zum Teufel sollte ich denn drauf reagieren?“

„Du könntest es ja als ein Glück ansehen.“ Erwiderte Aaron nach einem Moment, dabei klang sein Tonfall etwas weniger scharf. „Hör mal, ich weiß nicht genau, was hier grad passiert, Rory. Aber wenn Eddie dein Vater ist, dann... kannst du es doch als ein Glück ansehen. Zumindest kannst du dich jetzt vor ihm outen und dir keinen Kopf machen müssen, ob er dich akzeptieren würde. Ich könnte es nie bei meinen Eltern machen.“

„Das ist nicht der Punkt, Aaron.“

„Dann sollte es sein.“ Zuckte er die Schultern. “Vielleicht haben sie nen guten Grund, warum sie dir nicht davon erzählt haben... und egal ob sie das gemacht haben, musst du ja zugeben, das ist gut so.“

Fortsetzung folgt...

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 20 Mai 2018, 13:24

Fortsetzung zu Kapitel 8

Das war gut so? Gut? Wie zum Teufel war es denn etwas Gutes? Na ja, ich gab es zu. Da Eddie schwul war, befreite es mich recht von der Angst, wie Eddie reagieren würde, wenn er jemals das über mich entdeckte. Trotzdem war ich ungehalten aus anderem Grund. Ich konnte das Gute in diesem Geschehnis einfach nicht erkennen, da ich mich mehr auf das Gesamtbild konzentrierte, und das war, dass sich Menschen gar keine Mühe machten, ehrlich zu mir zu sein. Ich wollte auch keine Ausreden von ihnen hören. Ich hielt es einfach für Müll, wenn mir jemand sagte, es sei zu meinem Besten, welches meiner Ansicht nach die beliebte Ausrede war.

„Du verstehst nicht.“ Sagte ich zu Aaron, ging danach nach unten erneut, und er folgte mir wieder. „Du würdest nicht verstehen... und du solltest nicht hier sein. Ich hab Eddie eine Nachricht hinterlassen, und er könnte irgendwann heim. Er ist ja nicht Luke, aber trotzdem geh ich davon aus, er mag dich auch nicht, also solltest du vielleicht weg.“

„Ich dachte, Eddie war vor Gericht. Man kann sich nicht sicher sein, wann er hier ankommen wird.“ Erwiderte Aaron, als wir den Erdgeschoss erreichte, und ich wandte mich wieder an ihn.

„Hör mal, du musst jedenfalls weg. Falls du es noch nicht bemerkst, hab ich grad hier bisschen Probleme, und nichts für ungut, aber ich hasse es, dass du versuchst, die Stimme der Vernunft zu sein. Bitte geh weg, Aaron.“

Ich drehte mich um und trottete in die Küche, wo ich das Paket abgesetzt hatte. Ich wusste nicht, warum ich einfach erwarten konnte, dass Aaron meinen Wunsch respektieren und nur davon gehen würde, aber so oder so, er hatte mich überrascht, als er unversehens meinen Arm packte und mich zurückzog.

„Lass los!“ Platzte ich barsch heraus, als ich mich herumwirbelte, und gleichzeitig meinen Arm von ihm wegzog. Er tat mir nicht weh, aber sein Benehmen hatte mich komplett verblüfft, und ich wurde deshalb wieder abwehrend.

„Hör damit auf, dich wie ein Hurensohn zu benehmen!“ Brüllte er mich an, und sowohl seine Worten, als auch sein Tonfall erschreckten mich. Er wurde wieder aggressiv, welches mich durchaus einschüchterte, und genau wie bei dem Park, ich fühlte mich im Moment so, als würde er mich überragen, und ich zuckte mich deswegen zusammen. „Ich werde nirgendwohin gehen, bis du mich sprichst! Es tut mir leid, dass du nicht schlau genug bist, um selbst rauszufinden, dass dein Vater nen anderen Typ fickt, aber hör mal damit auf, es an mir auszulassen!“

„Du...“ Ich fing mit dem Tonfall, der so aggressiv wie seiner war, an, doch bevor ich irgendwas sagen konnte, unterbrach er mich.

„Du hast mich echt beschissen behandelt, seit ich hierher gekommen bin. Ich wollte dich ja nur sprechen, Rory. Also bin ich zu dir gekommen, weil ich dich mag und ich glaube, wir könnten versuchen, nen neuen Anfang zu machen, nicht sodass ich dein Fahrer sein kann, oder du deine Wut an mir auslässt. Wenn du Probleme mit Eddie oder Luke, oder Jase, hast, dann lass es an ihnen aus, nicht mir.“

„Das hab ich vor!“ Sagte ich trotzig, meistens weil das das Einzige, was ich ausdenken konnte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Aaron mich wegen meines Benehmens konfrontieren würde. „Und ich hab doch Probleme mit dir. Ich will ja nicht, dass du hier bist. Sowieso hab ich dich nie eingeladen, herzukommen. Also geh nur weg und bleib mir bloß vom Leib!”

„Willst du wirklich, dass ich dir vom Leib bleibe?“ Fragte er rundweg.

“Ja.” Erwiderte ich, obwohl mir die Antwort irgendwie falsch klang. Ich wusste, ich hatte gesagt, was zu sagen sein sollte, aber trotzdem kam mir das üble Gefühl in den Bauch, als ich an das Dilemma, das mit meinen Mitbewohnern zu tun hatte, dachte, und mich daran erinnerte, wie ich Aaron gestern begegnete und zum ersten Mal geküsst wurde. Ich überlegte mir auch die Fragen, die ich ihm stellen wollte... und die Tatsache, dass er zugegeben hatte, er mochte mich... und dass ich meine eigenen Gefühle für ihn empfunden hatte, ehe ich davon erfuhr, was er Luke antat. Ja, ich wusste, dass es am besten wäre, wenn er mir vom Leib blieb. Aber, nein, ich wollte zutiefst nicht, dass er das machte. Nicht ganz. „Du hättest nicht herkommen sollen. Es ist zu kompliziert bezüglich Luke, und...”

„Das hab ich nicht gefragt.“ Aaron runzelte die Stirn, und ich stieß einen langen Atemzug aus.

„Bitte, geh nur sofort weg.“ Sagte ich flehentlich. Auf jeden Fall brauchte ich doch wirklich, dass er wegging. Ich hatte noch etwas zu tun, und das musste ich allein schaffen... und ich brauchte zu denken. Ich brauchte zu denken und wütend zu sein. Ich wollte gerade wütend sein, da es das Einzige, das mich davon abhielt, wegen all meiner gemischten Emotionen überzuschnappen. Dass Aaron die Stimme der Vernunft und alle guten Aspekte in dieser Situation hinzuweisen, brauchte ich eher nicht.

„Na gut.“ Erwiderte er kalt, als er zur Haustür zurücktrat und ohne weitere Worten hinausstürmte. Er blickte auch nicht einmal zurück. Trotz meiner gemischten Gefühle, glaubte ich, dass Aaron sicherlich nicht bald wieder erscheinen würde... vielleicht wäre es am besten. Ich wünschte mir nur, dass ich mich nicht so elend fühlte, weil er so auf die Art verlassen hatte... und weil ich ihn in der letzten Stunde oder so so schlecht behandelte. Dennoch nahm ich mir keine Zeit, darüber zu grübeln. Das konnte ich nicht. Es gab einfach viele andere Dinge, auf die ich mich konzentrieren musste.

Als ich die Küche erreichte, ging ich direkt wieder zum Paket, und diesmal zögerte ich nicht, mich das nächste Messer zu greifen. Ich schnitt vorsichtig, doch schnell, den Rand des Klebebands entlang, und kurz danach machte ich das Paket einhändig auf, als ich es zum Küchentisch brachte und mich hinsetzte.

Ich hielt einen Moment inne, nicht weil ich mich schuldig fühlte, dass ich es ohne Eddie öffnete, das wäre eher niemals der Fall, sondern weil ich wieder an meine Mutter dachte. Ich grübelte über die Frage, warum sie mir nie von Eddie, oder Eddie von mir, erzählt hatte, und über diese neue Information, welche ich immer noch zu verdauen versuchte, dass Eddie schwul war. Der letztere Gedanke führte weiterhin zu allen anderen möglichen Fragen, aber meistens wunderte ich mich, ob sie es geheim gehalten hatte, da Eddie schwul war. Dies allein fiel mir durchaus schwer zu begreifen. Als ich mich vor meiner Mutter outete, war sie extrem rücksichtsvoll. Sie ging mit mir niemals anders um, und sie machte nie den Anschein, dass sie enttäuscht war... doch ich dachte jetzt, dass das wahrscheinlich auch eine Lüge war. Vielleicht tat ihr es weh, denn sie hatte davon erfahren, dass ihr Sohn schwul war, und sie verbarg es nur, weil sie mir nicht verletzen wollte. Wenn es der Fall wäre, wäre ich mir nicht sicher, ob ich damit zurechtkommen konnte. Ich dürfte den Rest meines Lebens bereuend leben, dass ich meiner Mutter je mitteilte, ich sei Schwul. Der Gedanke, dass ich sie verletzt, oder enttäuscht hatte, bevor sie starb, war mir einfach unerträglich.

Ich wollte die Antworten auf meine Fragen, aber gleichzeitig fürchtete mich davor. Trotzdem musste ich sie sowieso wissen. Ich beäugte die geöffnete Box auf dem Tisch vor mir, und wunderte mich, ob irgendeine von denen darin war. Es war scheinbar an der Zeit, mit dem Nachdenken aufzuhören. Ich atmete aus, und aus unbekanntem Grund fühlte ich mich traurig, als ich begann, die einzelnen Gegenstände auszuladen und auf den Tisch vor mir zu legen. Ich fühlte mich traurig, und nervös, eigentlich so nervös, dass ich mich ertappte, dass meine Hände zitterten, während ich die Sachen von meiner Mutter einordnete.

Nachdem ich alle Gegenstände auf den Tisch gelegt hatte, sah ich mir jeden von denen an. Da waren insgesamt vier Objekte. Ein versiegelter brauner, nicht beschrifteter Umschlag. Zwei weiße Briefumschläge, welche ich sofort aufreißen wollte, jedoch hielt ich mich davon ab, und legte sie auf den Tisch. Meine Mutters Handschrift war auf der Vorderseiten von beiden, einem für mich, dem anderen für Eddie. Und dann war das letzte Objekt. Es war so groß wie ein Schuhkarton, und mit glänzendem rotem Geschenkpapier gewickelt, und auf der Oberseite stand: Alles Gute zum 17. Geburtstag, Rory. Nur diesmal darfst du es früher aufmachen. Liebe, Mama.

Ein Geburtstagsgeschenk? Aber mein Geburtstag war Monate zuvor. Ich konnte mir einfach nie vorstellen, dass ich noch ein anderes Geschenk von meiner Mutter bekommen würde. Da konnte ich nicht einmal beschreiben, wie verheerend dieser Gedanke war. Das wäre das Letzte.

Ich berührte die Handschrift auf dem Geschenkpapier, die mit permanent schwarzer Tinte geschrieben wurde, und als ob all meiner Stress mich endlich überwältigte, brach ich danach plötzlich in Tränen aus. Es ging um diese schrecklichen Schluchzer, die ich zurückzuhalten versuchte. Trotzdem gab ich dann nach, und ich ließ mich weinen. Dass ich an dem Küchentisch saß und ohne irgendeine Kontrolle über meine Emotionen schluchzte, sah ich wahrscheinlich wie ein Narr aus, aber ich dachte, das war eine jener Zeiten, in denen ich wirklich brauchte, einfach loszulassen. Ich erlaubte mir, um den Verlust meiner Mutter zu trauern... und die Enttäuschung, dass mir niemand scheinbar so vertrauen konnte, mir die Wahrheit zu sagen, anzunehmen. Ich ließ alle diese Gefühle freien Lauf, und nachdem alles vorbei war, war ich total still, als ich das frühe Geburtstagsgeschenk beiseite legte und nach dem weißen Umschlag mit meinem Namen darauf griff.

Ich nahm mir doch Zeit, den Umschlag aufzumachen, aber es lag höchstwahrscheinlich an der Tatsache an, dass ich komischerweise nichts, welches meine Mutters Handschrift darauf hatte, schäden wollte. Außerdem musste ich auch warten, bis meine Sicht wieder klar wurde, als die letzten Tränen über mein Gesicht liefen. Doch als er geöffnet wurde, und ich den Brief darin aufklappte und ihn vor mir hielt, konnte ich die Schrift da perfekt sehen, und dabei fühlte ich mich erschreckend beruhigt, als ich begann, den Brief zu lesen.

Liebe Rory,

Jeden Tag der letzten sechzehn Jahre habe ich gesehen, wie du aufgewachsen bist. Ich glaube, es ist egal, wie viel Zeit ich übrig habe, einen Tag, oder ein Jahr, würde es mir nie reichen, um dir zu sagen, wie stolz ich bin auf dich. Aber trotzdem will ich, dass du es weißt. Ich bin sehr stolz auf dich.

Ich weiß, was du wahrscheinlich gerade denkst. Ich bin mir sicher, wäre ich da neben dir, würdest du jämmern, wie morbid du meinst dieser Brief ist, deswegen liest du ihn eher jetzt, als fünf Minuten, nachdem ich ihn fertig geschrieben habe... Es tut mir leid, dass ich nicht da bei dir bin, Rory. Ich kann mir nicht vorstellen, wie du dich dabei fühlst, doch ich hoffe, dass es dir gut geht. Ich hoffe, dass du glücklich bist.

Wow, das ist echt schwieriger zu schreiben, als ich dachte. Vielleicht hast du doch recht, das ist ein bisschen morbid, oder? Ich habe das Gefühl, dass ich wegen aller Dinge, die ich dir mitteilen möchte, für immer schreiben müsste, aber natürlich hat niemand unendliche Zeit, und es gibt bestimmte Dinge, die du auf jeden Fall wissen musst. Vielleicht sollte ich mit etwas Leichtem anfangen. Ich weiß, es ist noch früh, aber ich will es sicherstellen, dass ich ein Geburtstagsgeschenk für dich habe, wenn du siebzehn wirst. Es ist nicht etwas, was ich in einem Geschäft gekauft habe, auch nicht etwas Neues, aber ich weiß, dass du wahrscheinlich Fragen hast. Vielleicht wirst du immer Fragen über mich haben. Ich entschuldige mir, dass die Sachen, die ich dir hinterlassen habe, die einzige Art sind, auf die du Antworten auf deine Fragen erhalten kannst. Ich hoffe, dass es reicht.

Jetzt kommt der schwierige Teil. Wenn deine Oma tat, was ich sie gebeten habe, solltest du diesen Brief direkt nach meiner Beerdigung lesen. Es tut mir leid, dieses Wort zu benutzen. Es scheint irgendwie seltsam zu sein, zu wissen, dass ich nicht mehr da bei dir bin, wenn du diesen Brief liest. Ich will nicht, dass du um mich trauerst. Von dem Moment an, als du geboren warst, war alles, was ich jemals wollte, dass du glücklich bist. Ich hoffe, dass ich nicht deswegen eine nachlässige Mutter wäre, weil ich mich nie hingesetzt und darüber nachgedacht habe, welche Träume ich für dich hatte, oder was für ein Mann ich wollte, zu dem du in Zukunft würdest. Ich wollte, dass du deine eigenen Träume hast, ich woltte dich aufwachsen sehen, egal wer auch immer du sein wirst... das war mein Traum. Wenn es etwas gibt, was ich bereue, ist es, dass ich nicht dabei sein werde, aber ich würde nie die Zeit, die wir zusammen erlebt haben, gegen etwas anderes auf der Welt tauschen. Du bist meine größte Errungenschaft, und es gibt nichts oder niemanden, den ich so sehr liebe wie dich.

Ich weiß, es ist ein bisschen früh. Gerade eben magst du dich wundern, was dir geschehen wird. Du bist nicht allein, Rory. Ich will nicht, dass du Angst hast. Ich habe deine Oma gesprochen. Sie wird bei dir bleiben, bis du deine Sachen zuhause fertig einpackst, und dann wirst du vorerst zu ihr ziehen. Du wirst noch zur Schule gehen können, deshalb solltest du dir keine Sorgen machen, dass du dich jetzt bei einer anderen anmelden musst. Trotzdem gibt es etwas, welches ich dich zu machen bitten muss, und ich hoffe, dass du es verstehst, nachdem ich es erkläre.

Als ich so alt war wie du, eigentlich ein wenig jünger als du, hatte ich einen besten Freund namens Edward Soarda. Wir alle nannten ihn Eddie. Er war einer der nettesten Menschen, den ich je kennen durfte, und jeden Tag, an dem ich mit dir verbracht habe, dachte ich an ihn. Er ist dein Vater, Rory.

Ich weiß, dass wir nie wirklich darüber geredet haben. Ich weiß auch, dass du darauf neugierig warst, und vielleicht hätte ich dir früher davon erzählen sollen, aber weil du mich nie gedrängt hast, dir Informationen über deinen Vater mitzuteilen, dachte ich immer, es wäre am besten, das Thema nicht zu besprechen. Aber jetzt fühle ich, dass es für dich an der Zeit ist, von ihm zu wissen. Das ist mir nicht leicht, und ich habe diese Entscheidung nicht einfach getroffen. Ich hoffe, dass du das verstehst. Der Tag, an dem ich herausgefunden habe, dass ich schwanger war, war der fürchterlichste meines Lebens. Ich war noch fünfzehn, und obwohl ich niemals bereut habe, dich zu bekommen, habe ich doch manche meiner Entscheidungen bereut.

Als ich fünfzehn war, war ich überzeugt, dass ich den Rest meines Lebens mit Eddie Soarda verbringen würde. Ich werde nicht sagen, dass ich junge Liebe mit der wahren verwechselt habe, denn die Wahrheit ist, dass ich Eddie immer noch liebe, während ich diesen Brief schreibe. Es war eine Woche, bevor ich herausgefunden habe, dass ich schwanger war, als Eddie mir etwas über sich erzählt, welches alles verändert hat. Eddie war mit jemand anderem zusammen.

Ich will nicht, dass du ihn für einen bösen Menschen hältst, Rory. Er war immer mein bester Freund, und obwohl er Gefühle für jemand anderen hatte, hat er mich nie betrogen, bevor er unsere Beziehung geendet hat. Ich gebe zu, damals war ich sehr sauer auf ihn. Ich wurde verletzt, und als er mir gesagt hat, für wen er Gefühle hatte, war ich verwirrt. Das war ein Junge namens Josh Kemlar.

Du hast mich einst gefragt, wie es möglich war, dass ich da beruhigt sitzen konnte, als du mir mitgeteilt hast, dass du schwul warst, und ich dir dann ohne darüber nachzudenken gesagt habe, ich liebe dich und nichts habe sich verändert. Ich glaube, der Grund, warum ich es schaffen konnte, hatte etwas mit Erfahrung zu tun, aber trotzdem tut es mir leid zu sagen, dass ich bei dem ersten Mal, als ich diesem Gespräch zugehört habe, nicht so gut darauf reagiert habe. Ich will, dass du wissen, ich habe Eddie nie gehasst, weil er schwul war, und die Wahrheit ist, dass mir deine Oma dabei geholfen hat. Sie war die erste Person, an die ich mich wandte, nachdem Eddie mir sein Geheimnis erzählt hatte. Nach einer langen Unterhaltung, bei der sie gemeint hat, das sei nicht etwas, was er verändern konnte, konnte ich es schließlich annehmen, und danach immer noch seine Freundin sein, denn er war immerhin mein Freund.

Aber dann habe ich von dir erfahren. Du hast keine Ahnung, wie es für mich schwierig war, nicht direkt zu Eddie zu stürmen, um ihn zu informieren, dass ich schwanger war, aber ich habe Gründe, warum ich es nicht gemacht habe. Wenn es eine Tatsache über Eddie Soarda gibt, die du wissen solltest, ist es, dass er immer das Richtige tun wollte. Damals hat er mir gesagt, er sei verwirrt wegen seiner Sexualität. Er war verängstigt, dass jemand das entdeckt würde, und ich wusste, wenn er seinen Eltern davon erzählen würde, wären sie nicht genau verständnisvoll. Davon kannst du vielleicht ausgehen, dass ich nicht wollte, dass es ihm schwieriger wurde. Um ehrlich zu sein, trotz meiner Liebe für ihn, wollte ich nicht, dass er jemand geworden wäre, der nicht er war, nur weil er sich verpflichtet fühlte. Deswegen bin ich weggegangen. Ich bin bei einem Freund geblieben, als ich mit dir schwanger war. Am Anfang habe ich geplant, zurückzukehren und Eddie zu erzählen, nachdem du geboren bist. Ich habe mir erhofft, dass er bis dann sein Leben eingeordnet hätte und vielleicht könnte er damit umgehen. Aber als ich wieder heim war, war Eddie leider schon weggezogen, und ich habe die Entscheidung getroffen, ihm nicht von dir zu erzählen. Du und ich haben uns bereits angepasst, ich habe versucht, die Schule abzuschließen, und ich habe keinen Grund gesehen, warum Eddie beteiligt sein sollte. Da hatte ich einfach Angst davor, dass ich schließlich sein Leben stören würde. Ich weiß, ich hatte nie das Recht darauf, diese Entscheidung für ihn zu treffen. Das war falsch von mir, und deswegen schuldie ich euch beiden eine Entschuldigung.

Ich weiß, es mochte eher ein bisschen zu spät, es wieder gut zu machen, aber ich kann versuchen. Deshalb habe ich angefangen, nach deinem Vater zu suchen, Rory. Ich will, dass du ihn kennst. Ich dürfte nicht da für dich sein, aber ich weiß, wenn ich Eddie finde, wird er sicher da für dich sein. Ich wünsche mir, dass ich mutig genug wäre, dir das persönlich zu sagen, und wenn ich Eddie finde, bevor ich keine Zeit mehr habe, verspreche ich dir, ich würde es machen, aber gerade eben sieht es so aus, dass mir die Zeit fehlt. Es tut mir leid Rory, und du hast jedes Recht darauf, dich über mich zu ärgern. Trotzdem hoffe ich, dass du mir irgendwann verzeihen kannst.

Ich weiß, dass dein Vater irgendwo auf der Welt ist, und wenn er gefunden ist, bitte ich dich nur darum, ihn kennenzulernen. Ich habe deine Oma darum gebeten, dass sie es arrangiert, sodass du bei ihm wohnen kannst. Diese Idee mag dir nicht gefallen, aber ich denke, das ist am besten. Eddie verdient zu wissen, was für ein wundervoller Junge du bist, genauso wie du verdienst zu wissen, woher du kamst.

Ich will nicht, dass du dich in dieser Situation hilflos fühlst, deswegen habe ich sichergestellt, dass du immer einen Platz bei Oma Alice hast, falls es sich schlecht bei Eddie herausstellt. Ich erhoffe mir doch, dass du dir Mühe gibst. Zumindest gib ihm eine Chance, Rory. Ich kenne dich gut, also du wirst diese Idee gar nicht mögen, aber bitte, versuch mal, deinen Vater kennenzulernen, ich bin mir sicher, es gibt vieles, was ihr von euch lernen könnt... Bitte denk daran, dass das nicht Eddies Schuld war, dass du nie eine Chance hatte, ihn zu kennen. Ich glaube, ich muss eher die Schuld auf mich nehmen.

Alles, was ich jetzt tun kann, ist, dir zu sagen, wie es mir leidtut, dass ich dir früher nie davon erzählt habe. Es würde eine Lüge zu sagen, dass ich gar nicht egoistisch war. Du bist mein Kind. Alles, was ich in den letzten sechzehn Jahren gemacht habe, war für dich. Ich würde nicht sagen, dass ich keine Fehler gemacht habe, ganz im Gegenteil, aber ich habe nie aufgehört, an dich zu denken. Wir waren glücklich, oder? Ich würde nicht sagen, dass ich mir nie gewünscht habe, dass ich dir mehr hätte geben können. Das habe ich mir immer gewünscht. Aber wenn es etwas gibt, auf was ich sicherlich stolz sein kann, dann bist du es, und ich möchte denken, dass du glücklich warst. Jeden Tag habe ich dich beobachtet, und ich glaube, ich werde dich für immer beobachten. Ich hoffe, dass du das auch glauben kannst.

Vorhin habe ich gesagt, ich wollte immer, dass du deine eigenen Träume hast, aber trotzdem habe ich einen letzten Wunsch für dich. Ich wünsche, dass du zu einem guten Mann aufwächst, und du bist schon auf dem Weg dahin. Und wie jede Mutter will ich, dass du dich in jemanden verliebt bist, und ein Leben baust, sodass du einen Tag zurückschauen und sagen kannst, dass du nie einen Moment davon bereut hast. Ich verstehe, nachdem ich gestorben bin, wirst du Fragen über mich, und die Entscheidungen, die ich getroffen habe, stellen, aber frag bitte nie über die Tatsache, dass ich dich liebe. Deine Mutter hat dich immer lieb gehabt. Nichts auf der Welt könnte es verändern. Sei stolz auf dich selbst, Rory. Ich bin schon.

Liebe,

Mama


Fortsetzung folgt...

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 21 Mai 2018, 09:15

Jetzt tut mir Aaron ja direkt leid :wink:

Rory kann ganz schön "pissig" sein. Aber ich kann ihn auch verstehen. Warum kann denn niemand einfach mal ehrlich zu ihm sein. Das hätte es sehr viel einfacher für Rory gemacht.
Jeder hatte "gute" Gründe ihm wichtige Informationen vorzuenthalten . Keine gute Idee!
Bin gespannt wie er jetzt weiter reagiert.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 21 Mai 2018, 23:01

Haha pissig ist er sicher, aber ich glaube, das ist schon zu viel. Klar dass die anderen ihm wichtige Informationen vorenthalten, und er hat das Recht darauf, sauer auf sie zu sein, aber auch er vertraut ihnen nicht mit seinem Geheimnis ^^ also schauen wir mal, ob sie schließlich miteinander klarkommen werden.

Fortsetzung zu Kapitel 8

Fünf Minuten. Zehn Minuten. Ich starrte nur das Stück Papier in meinen Händen an. Ich lies es wieder. Und wieder. Und wieder. Es gab da so viel. Tja, den Inhalt davon begriff ich größtenteils, aber das war von meiner Mutter. Ihre Worten, zu mir. Ich war berührt, und verletzt, und verwirrt, und zum Boden zerstört, alle zugleich. Hätte ich wahrscheinlich vorhin nicht wie ein Kind geweint, würde ich jetzt bestimmt in Tränen ausbrechen. Verdammt, daran war ich recht nah.

Sie hatte einen Grund, warum sie mir nicht von Eddie, oder Eddie von mir, zu erzählen. Angst. Sie hatte Angst, ihm die Wahrheit zu sagen. Sie wollte sein Leben nicht zerstören. Ich konnte nicht sagen, dass ich mit ihrem Grund zustimmte, aber vielleicht... vielleicht konnte ich etwas davon verstehen. Ich war ein bisschen weniger sauer und frustriert auf meine Mutter, jedoch lag es scheinbar daran, dass ich jetzt mehr Acht auf jemand anderen gab. Oma Alice. Während ich den Brief lies, war mir klar, dass ich den lang früher hätte bekommen sollen, als der eigentlich bei mir ankam. Warum zur Hölle meine Oma mir den Brief vorenthielt, überstieg mein Fassungsvermögen. Meine Mutter sagte, ich hätte ihn nach der Beerdigung haben sollen, also konnte ich nur vermuten, dass damals Oma Alice mir ihn nicht reichen wollte. Um ehrlich zu sein, ich war mir trotzdem nicht sicher, ob ich irgendetwas erlungen hätte, außer eine negative Wirkung auf mich, hätte ich den Brief damals erhalten, als ich noch bekümmert war. Ohnehin hätte er mir zumindest dann gegeben werden müssen, als Eddie gefunden wurde, sodass ich mich nicht fragen müsste, was geschah und was meine Mutter dachte. Oma Alice hätte besser gewusst müssen, mir ihn früher zu geben. Also dann warum hatte sie nicht? Da waren nur mehr Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Ich musste sie später auf jeden Fall danach fragen, was sie denn vorhatte, aber im Moment wagte ich nicht, sie anzurufen und ihr die Fragen zu stellen. Sowieso würde ich anscheinend nichts daraus gewinnen.

Nachdem ich den Brief meiner Mutter noch einmal gelesen hatte, klappte ich ihn sorgfältig zu und steckte ihn wieder in den Umschlag, bevor ich nach dem zweiten Umschlag griff, der Eddies Namen darauf hatte. Ich war mir sicher, dass der Inhalt darin meinem ungefähr gleichte. Eigentlich wäre ich nicht überrascht, wenn die kleine Tatsache, dass ich schwul war, auch eingeschlossen wurde. Sie hatte mir über Eddie im Brief erzählt, dann warum würde sie Eddie nicht über mich? Dadurch würde er das auch über mich wissen, und alles wäre klar. Das wollte ich immerhin, oder? Dann warum störte mich der Gedanke nur?

Ich legte Eddies Brief beiseite, war darauf neugierig, was darin stand, aber trotzdem unwillig, ihn zu öffnen. Ich war mir ganz bewusst, dass es die Grenze überschreiten würde, den Brief von meiner Mutter zu ihm ohne seine Erlaubnis aufzumachen, egal was ich vermutete, worum es darin ging. Danach hob ich neugierig den braunen Umschlag an. Es stellte sich heraus, dass der nichts Interessantes war. Es handelte sich um eine Akte voller Dokumente, dazu zählten meine Geburtsurkunde, meinen Sicherheitsausweis und meine Gesundheitsakten. Ich blätterte die Akte nur eine Weile durch, ehe ich sie wieder in den Umschlag steckte, und dann griff ich mich erneut meinen Brief, dabei warf ich der verpackten Kiste vor mir nur einen kurzen Blick zu.

Es mochte unglaublich sein, aber ich interessierte mich mehr dafür, den Brief noch einmal zu lesen, als das Geschenk zu öffnen. Den Brief konnte ich immer wieder lesen, und obwohl die Worten sich nie änderten, gab ich es zu, dass ich mich täuschte, dass bei jedem nächsten Lesen der Text länger würde. Oder vielleicht hätte es mir etwas gefehlt und ich würde es sehen, wenn ich ihn noch einmal lies. Es könnte wohl mein Wunschdenken sein, da ich meine Mutter vermisste.

Nachdem ich den Brief wieder gelesen hatte, fühlte ich mich merkwürdigerweise beruhigt, und extrem müdig. Ich glaubte, ich war einfach von allem überwältigt worden, denn kurz danach steckte ich vorsichtig alles in die Kiste zurück und brachte sie zum Keller, dann wollte urplötzlich ins Bett kriechen. Es war komisch, dass ich am Mittag müde war, aber ich wollte einfach nur... einschlafen.

Ich legte die Kiste auf den Boden neben mein Bett, kroch unter die Decke, ohne die Schuhe auszuziehen, dann schlief ein. Zumindest glaubte ich, dass ich einschlief. Ich mochte nur da mit den geschlossenen Augen liegen. Währenddessen kamen mir in den Sinn die Geschehnisse des Tages immer wieder, zusammen mit dem Brief meiner Mutter, welchen ich bis dahin schon praktisch auswendig gelernt hatte.

Aber es waren die Gedanken an Eddie, Luke, und Jase, welche mich etwa zwei Stunden später aufrecht aufweckten, als mir die Realität plötzlich einfiel. Heute Abend würde alles aufgedeckt... besonders wenn Jase und Eddie nach Hause kamen und bemerkten, dass ich die oberen Schlafzimmer durchgewühlt hatte.

Ich war mir sogar nicht sicher, warum ich jäh aus dem Bett sprang, meinen stechenden Kopfschmerzen ignorierend, um nach oben zu rennen und das Chaos aufzuräumen. Mein Verstand sagte mir, ich solle nur lassen. Sowieso würden sie es herausfinden. Trotzdem zwang mich etwas, die Beweise zu vernichten. Vielleicht lag es daran, dass ich immer noch wollte, dass sie mir die Wahrheit sagten. Ich wollte, dass selbst Eddie mir die Wahrheit mitteilte. Das war es, was mich gestört hatte, seitdem ich zum ersten Mal jene Worten aus Aarons Mund hörte. Sie sind schwul, Rory. Alle von ihnen. Es hatte mich auch gestört, als ich den Brief meiner Mutter lies. Ich wollte es nicht von Aaron hören. Ich wollte es auch nicht von meiner Mutter hören. Was ich wollte, war, dass ich es von Eddie hörte. Eigentlich versicherte ich mich sogar, dass ich es bald von Eddie hören würde.

Ich würde ihn nicht wissen lassen, dass ich schon davon wusste. Ich würde keinen von ihnen wissen lassen. Ich wollte, dass sie mir die Wahrheit sagten. Genauer gesagt, ich wollte, dass Eddie mir die Wahrheit sagte. Klar war es vielleicht kindisch. Eigentlich war ich mir bewusst, dass es verdammt kindisch war. Aber komischerweise... brauchte ich, dass er mir das erzählt, besonders nachdem er andere Tatsachen vor mir verborgen hatte, wie zum Beispiel, dass er nicht einmal von meiner Existenz wusste. Ich hatte ihn gerade erst kennengelernt, und sodass sich irgendeine Beziehung zwischen uns entwickeln konnte, musste er ehrlich zu mir sein... oder zumindest musste er mir so vertrauen, dass er mir über seinen Lebenstil mitteilen konnte. Wenn er mir so vertrauen konnte, konnte ich ihm vielleicht auch zurück vertrauen.

Freilich war es einfacher gesagt als getan, mich zu überzeugen, dass Eddie mir das erzählen würde, sobald er nach Hause kam, da ich es für sicher hielt, dass es nie passieren würde, es sei denn, dass ich ihn konfrontierte. Dennoch war das der vernünftigste Gedanke, den ich im Moment ausdenken konnte: wenn Eddie mir die Wahrheit mitteilte, dann wäre alles irgendwie in Ordnung.

Auch ich hielt diesen Gedanken für einen riesigen Blödsinn. Trotzdem hielt es mir nicht davon ab, ein subtiles Detail zu hinterlassen, als ich das von Eddie und Jase geteilte Zimmer aufräumte. Ich stellte sicher, dass alles sich in ihren ursprünglichen Plätzen befand, abgesehen von einer kleinen Sache... diesem gerahmten Foto, das ich in der Schublade des Nachttisches gefunden hatte. Das ließ ich absichtlich draußen.

Es stellte sich heraus, dass ich zur richtigen Zeit von meinem Nickerchen aufgestanden war, denn als ich nach unter ging, hörte ich die Garagetür öffnen, und ich blieb vor der Treppe stehen. Ich hörte den Klang des Öffnens von der Autotür, dann der Haustür, und dann...

„Rory? Bist du da?“ Ich schaute auf, als Eddie aus der Ecke auf mich zukam, wobei ich schön wie ein im Licht verschrecktes Reh aussah. Ich war mir sicher, dass ich diesen Anschein machte, genau wie andere Teenager, wenn sie dabei ertappt wurden, dass sie etwas nicht Gutes machten. Das machte es nicht besser, dass Eddie mir einen seltsamen Blick zuwarf. Aber dann fiel mir ein, dass ich ihn auch ein bisschen komisch betrachtete. Das war das erste Mal, dass ich direkt meinen leiblichen, entfremdeten, schwulen Vater getroffen hatte. „Ich hab deine Nachricht bekommen.“ Sagte Eddie. „Das Paket ist angekommen?“

“Hallo Eddie.” Erwiderte ich gleichgültig, schüttelte dann den Kopf, um mich zu konzentrieren. Er hatte mir eine Frage gestellt. „Ähm, ja, es ist heute erst angekommen.“

„Also wo ist denn das?“ Fragte er aufgeregt, ein Lächeln auf sein Gesicht erschienen.

„Ich hab nicht auf dich gewartet, also hab ich es schon aufgemacht.“ Gab ich zu. Ich wünschte mir wirklich, dass mein Tonfall nicht so ausdruckslos klang. Trotzdem konnte ich nicht umhin. Ich hatte plötzlich keine Ahnung, wie ich zu Eddie reden sollte, in Anbetracht dessen, dass ich schon die Wahrheit wusste. Es fühlte sich so an, als würde ich ihn wieder zum ersten Mal treffen. Es war im Ernst traurig. Das Einzige, was ich nicht wollte, war, dass andere Menschen mich anders ansahen, wenn sie meine Sexualität entdeckten. Trotzdem sah ich Eddie gerade eben ganz anders an, als ich ihn, als er heute Morgen zur Arbeit ging. Ich wünschte mir nur zu wissen, ob das etwas Gutes oder Schlimmes war.

„Macht nichts.“ Versicherte Eddie mich, und aus unbekanntem Grund überraschte es mich. „Ich bin so bald wie möglich nach Hause gekommen... also was gibt’s drin?“

Uh-oh. Tja, ich wusste, dass diese bestimmte Frage würde unweigerlich vorkommen, doch ich hatte recht gehofft, dass ich bis dahin die Antwort darauf haben würde. Ich war nicht genau bereit, ihn wissen zu lassen, was es darin gab.

„Rory?“ Fragte Eddie etwas besorgt, da ich nichts sagte.

„Ich geh es holen.“ Erwiderte ich, mich innerlich schüttelnd. “Also, ich hab Chey vorhin rausgelassen...”

„Okay.“ Lächelte Eddie, als er langsam seinen Mantel und seine Krawatte auszog. “Ich werde sie reinlassen.”

Ich schüttelte nur den Kopf und ging Treppe runter schnell zu meinem Zimmer. Als ich nach dem Paket griff und mir die Gegenstände darin ansah, geriet ich ein bisschen in Panik. Ich hatte recht keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich könnte Eddie seinen Brief reichen... aber ich wollte nicht, dass er durch einen Brief davon erfuhr, dass ich schwul war, und das wollte ich ihm auf keinen Fall selbst mitteilen.

Ich hob meinen Brief, dann Eddies, an, und bevor ich darüber nachdenken konnte, schob ich beide in meine Tasche hinein, nachdem ich sie in zwei Teile gefaltet hatte, danach brachte ich den Rest der Kiste nach oben zum Wohnzimmer mit, wo Eddie auf mich wartete. Er stand auf und kam auf mich zu, ehe ich das Zimmer sogar betrat, und ohne mir zu überlegen, reichte ich ihm die Kiste, welche er auf seinen Schoss legte, als er sich auf das Sofa setzte. Ich setzte mich auf den weitesten Sitz von seinem entfern, weswegen er mir einen anderen seltsamen Blick zuwarf.

„Alles gut, Rory?“

„Klar.“ Erwiderte ich ein bisschen zu schnell.

„Na gut, also, lassen wir uns sehen, was es da drin gibt.“

Ich sah nervös zu, als er zuerst den braunen Umschlag daraus hob, und ich sagte nichts, als er ihn öffnete und die Dokumente durchblätterte. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass er dabei etwas enttäuscht wirkte, doch als er aufschaute, lächelte er wieder.

„Das war super von deiner Oma. Du magst diese brauchen. Es gibt einen Tresor im Arbeitszimmer, geht das, wenn ich diese da reinlege?“

„Klar.“ Zuckte ich mit den Schultern.

„Okay.“ Sagte er, als er die Dokumente beiseite legte und in die Kiste hineinschaute. “Ist das alles drin?”

„Ja.“ Log ich, und er runzelte die Stirn, ehe er die kleine verpackte Kiste daraus hob und sie eine Weile betrachtete, bevor er zu mir aufschaute.

„Hast du die noch nicht geöffnet?“ Fragte er etwas ungläubig.

„Nein.“ Gab ich zu. “Ich... ich war nicht bereit.”

Eddie sah zu mir, dann meinem Geburtstagsgeschenk, und schließlich der leeren Kiste.

„Du bist enttäuscht.“ Sagte er. Das war eher eine Behauptung, als eine Frage.

„Könnte wohl sein.“ Erwiderte ich ehrlich, und Eddie betrachtete mich für einen Moment, während ich seinen Blick auswich. Ich blickte auf, als er aufstand und den Raum durchquerte, um sich auf den Stuhl neben mich zu setzen.

„Weißt du, du könntest die öffnen.“ Schlug er vor, als er mir das Geschenk hinhielt, und ich lehte mich davon weg, als wäre es in Flammen. Ich wollte es jetzt wirklich nicht aufmachen. Es war von meiner Mutter. Das letzte Geschenk, das ich je von meiner Mutter bekommen konnte. Das war das letzte Ding, das sie je verpackt und meinen Namen darauf geschrieben hatte, und ich wollte es nicht eilig aufreißen. „Rory? Ich weiß, du erwartest vielleicht mehr, ich meine, ich... bist du dir sicher, dass das alles ist?“ Meinen Blick auf die Kiste richtend nickte ich nur. „Also, vielleicht sind die Antworten drin... willst du es öffnen?“

„Kann ich nicht.“ Runzelte ich die Stirn. “Ich bin nicht... ich will es noch nicht öffnen.”

Für einen Moment sah Eddie sowohl frustriert, als auch verwirrt aus, doch es verschwand schnell und er wirkte dann verständnisvoll.

„Dann später vielleicht.“ Erwiderte er, während er mich nachdenklich ansah. „Rory... Alice meinte, sie habe etwas von deiner Mutter geschickt... du warst ja ziemlich eifrig, es mal rauszufinden...“

„Ich bin nicht bereit, es zu öffnen.“ Unterbrach ich ihn, und Eddie sah überrascht aus.

„Na gut... musst du aber nicht.“ Nickte er, obwohl ich mir sicher war, dass er mir nicht zustimmte. Er wollte auch so sehr wissen wie ich, was die Kiste enthielt. „Bist du dir sicher, dass du okay bist?“

Ich stieß einen Atemzug aus, es fiel mir immer unbehaglicher. Freilich war ich nicht okay. Das Problem ist, dass ich ihm den Grund dafür nicht sagen wollte. Ich wusste, dass ich mich stur verhielt, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich wollte nur, dass er mit dem Blödsinn aufhörte und ehrlich zu mir war. Ich wollte es von Eddie hören, was ich heute schon zweimal gehört hatte. Ich wollte die Wahrheit, und ich wollte die von ihm erhalten.

„Oma Alice hat gemeint, es gäbe etwas von Mama.“ Meinte ich subtil. „Was meinst du soll das?“

“Also, du könntest es mal öffnen und das rausfinden.” Eddie lächelte mich an, als er mir die Kiste wieder hinhielt. „Komm schon, Rory. Ich weiß, das ist ja bisschen außergewöhnlich von dir, aber willst du echt nicht rausfinden, was es drin gibt?“

Ich schüttelte den Kopf noch einmal, trotz meiner Neugier.

„Na gut.“ Seufzte Eddie, und diesmal versuchte er nicht, seine Frustration zu verdecken, als er mir das Geschenk reichte, und ich musste es nehmen. „Also nimm dir Zeit, ja? Ähm... Jase und Luke sollen bald nach Hause. Ich könnte... was zum Abendessen bestellen, dann können wir vielleicht...”

„Ich weiß auch nicht, ob ich bis dahin bereit bin, es zu öffnen.“ Sagte ich rundweg.

„Rory, wir müssen...“

„Ich weiß nur... nicht, was meine Mutter mir schicken würde. Ich meine, es könnte ja um dich gehen, oder? Vielleicht hat Oma Alice deshalb gemeint, es sei für uns beide.“

„Kann sein... aber wenn du es rausfinden möchtest, kannst du einfach...“

„Also wenn meine Mutter mir etwas über dich erzählen mochte, was meinst du kann es sein?“ Fragte ich suggestiv. Da würde er vielleicht den Hinweis erkennen und mir die Wahrheit sagen. Das war alles, was ich im Moment wollte.

„Bin mir nicht sicher.“ Erwiderte Eddie, obwohl ich mitbekam, dass er sich leicht in seinem Sitz bewegte. „Rory... du hast drauf gewartet, dass dieses Ding ankommt... gibt es einen Grund, warum du es nicht öffnen möchtest?“

Ja, weil ich es bereits entdeckt hatte, was mich interessierte.

„Ich bin bisschen müde.“ Wechselte ich unversehens das Thema, denn offenbar würde er mir nichts mitteilen. „Es war ja ein langer Tag. Kann ich mich halt ne Weile bis zum Abendessen hinlegen?“

„Klar.“ Runzelte Eddie die Stirn, plötzlich alarmiert aussehend. “Bist dir sicher, dass du okay bist?”

“Alles gut.” Sagte ich ausdruckslos, als ich abrupt mit der verpackten Kiste aufstand und in Richtung Keller ging, ohne mich zurückzuschauen. „Ich glaub, ich bin es leid zu warten, dass alle ehrlich zu mir sind.“

„Rory.“ Rief Eddie, weswegen ich zu ihm drehte, als er aufstand und mich fragend betrachtete. „Was meinst du denn?“

„Nichts.“ Zuckte ich die Schultern.

„Sicher?“ Fragte er, dabei sah er irgendwie skeptisch aus.

„Ich hab schon gesagt, ich bin okay.“ Erwiderte ich.

„Na gut.“ Nickte er nach einem Moment, trotzdem sah er mich immer noch irgendwie misstrauisch. “Wir reden dann später drüber, ja? Ich denke echt, dass du das aufmachen solltest.” Fügte er hinzu und sah auf die Kiste, als wollte er sie mir einfach wegreißen und sie selbst aufmachen. „Es lässt dich vielleicht besser fühlen.“

„Vielleicht.“ Sagte ich gleichgültig, bevor ich in mein Zimmer ging, dabei fragte ich mich, was zur Hölle ich tat... und wann zum Teufel ich bekam, was ich wollte.

.................................

Auch nach meinem Mittagsschlaf konnte ich wieder einschlafen, nachdem ich mich mit Eddie unterhalten hatte. Ich war einfach erschöpft. Ich erwartete gar nicht, dass ein Gewicht aus dem Nichts auf meinen Po landete, als ich schließlich in einen friedlichen Schlaf eintrat. Ich stöhnte laut aus, als ich meine müdigen Augen zwungen zu öffnen, und meinen Kopf drehte, sodass ich sah, dass Luke auf mich gesprungen war. Da saß er gerade auf mir, sein Gesicht zu einem doofen Grinsen verzogen. Er trug nichts außer eine Jogginghose und seine Haare waren noch nass von der Dusche.

„Wach auf.“ Lachte er über meine irritierte Miene. “Abendessen ist fertig. Du willst heut Abend halt noch rausgehen, oder?”

Ich runzelte die Stirn und drehte mich um, wobei ich ihn von mir schob, dann saß gähnend auf, als ich zu Luke sah... der nicht mein Cousin war... und irgendwie konnte ich mich nicht so fröhlich wie er fühlen. Tatsächlich konnte ich gar nicht fröhlich ihm gegenüber sein. Ich war definitiv mürrisch aufgewacht. Da spürte ich plötzlich den Drang, Luke anzuschreien. Ich wollte ihm alles erzählen, und ihn zu wissen fordern, warum er mit allen anderen zusammen mich angelogen hatte, dennoch beschloss ich, nichts zu sagen.

„Keine Ahnung.“ Antwortete ich ihm, als ich aus dem Bett kam, und mich streckte. „Mal schauen.“

Lukes Lächeln verschwand, als er auch aufstand und mich besorgt betrachtete.

„Eddie hat gesagt, dass das Paket von deiner Oma hier angekommen ist... willst du mal drüber reden?“

„Nein.“ Meinte ich rundweg, als ich zur Tür ging und er mir folgte, offensichtlich von meiner Unfreundlichkeit verwirrt. „Was ist zu Abendessen?“

„Italienisches Essen... du bist schlecht gelaunt, ist etwas passiert?“

„Nichts Außergewöhnliches.“ Erwiderte ich. “Ich gewöhn mich grad nur dran, dass alle mich anlügen. Was für italienisches Essen?“

„He.“ Platzte Luke heraus, als er jäh nach meinem Arm griff, um mich zu ihm zu drehen. Er griff nach mir nicht so auf die Art, wie Aaron es früher gemacht hatte, trotzdem wollte er definitiv meine Aufmerksamkeit. Ich wandte mich an ihn, konnte ihn aber nicht anlächeln, wie er mich gerade. „Was meinst du denn?“

„Was für Essen ist das...“ Antwortete ich. „Lasagna, Spaghetti...“

“Rory, was ist passiert?” Unterbrach er mich, da wurde er Ernst. “Warum sprichst du mich nicht?”

“Wozu denn? Du sprichst mich nicht. Tatsächlich spricht mich niemand.“

Luke runzelte die Stirn, offenbar verwirrt.

„Rory, worüber laberst du denn? Wenn etwas passiert ist, weißt du, dass du mir drüber reden kannst. Ist etwas passiert mit dem Paket von deiner Oma? Hast du...“

Luke wurde abrupt von dem Klang des Zuschlagens der Tür von oben unterbrochen. Die Wände dieses Hauses waren nicht genau hauchdünn, deswegen musste die Tür so hart zugeschlagen worden sein, dass Luke und ich den Klang sogar im Keller hören konnten. Wir beide sahen uns etwas neugierig an, bevor Luke sich umdrehte und nach oben voranging, während ich ihm folgte. Als wir den Erdgeschoss erreichten, wurde meine Neugier zu Besorgnis, da ich realisierte, dass der gesagte Klang mit der lauten Schrei von oben herauskam.

Luke und ich blieben inne, und hörten den erhobenen Stimmen von beiden Jase und Eddie zu. Luke wirkte besorgt, während ich mich nur überrascht fühlte. Eddie hatte einst seine Stimme erhoben, als er meinetwegen frustriert wurde, aber diesmal klang er ganz anders an. Obwohl die Stimmen durch das Haus gedämpft herauskamen, kann man deutlich die Ärger darin mitbekommen.

„Das ist nicht witzig, Jase!“ Brüllte Eddie. „Ich brauch mehr Zeit! Warum würdest du sowas machen?”

“Wenn du dich nicht beruhigst, geh ich einfach von hier raus, Eddie.” Entgegnete Jase. „Ich hab dir gesagt, ich hab es nicht gemacht, und selbst wenn es der Fall wär, hast du die Grenze komplett überschritten. Ich hab dir Zeit gegeben! Du hast gesagt, dass es nur ein paar Tage dauern würde, Eddie! Rory ist hier seit zwei Wochen gewesen und du hast ihm noch nicht davon erzählt. Es wird langsam lächerlich! Du hättest es ja schon an dem ersten Abend machen sollen. Ich kann das nicht mehr, Luke ist es auch leid.“

„Du bist es leid?“ Fragte Eddie verärgert. “Deshalb hast du das gemacht? Was wenn er das sähe, Jase? Niemand war hier, um ihm das zu erklären!“

„Ich hab dir schon gesagt, dass ich es nicht gemacht habe, Eddie. Es ist nur ein Foto! Und niemand hätte hier sein müssen, um ihm das zu erklären, wenn du ihm das von Anfang an erzählt hättest! Ich schwöre, wenn ich gewusst hätte, dass du uns alle wieder im Verborgenen zwingen würdest, hätte ich nie erlaubt, dass er hierher gekommen ist!“

Ich zuckte mich innerlich wegen dieser Worten zusammen, die aus Jases Mund herausgekommen waren. Ich war mir nicht sicher, was er meinte, dass er nie erlaubt hätte, dass ich hierher gekommen war, aber egal wie es sich anhörte, wollte er sicherlich nicht, dass ich hier war. Überraschenderweise tat das eigentlich weh, jedoch schüttelte ich es ab, als ich langsam mitbekam, weswegen Eddie und Jase sich streiteten. Dieses Fotos.

Sie streiteten sich meinetwegen.

„Er ist mein Sohn!“ Protestierte Eddie.

„Nein, ist er nicht!“ Sagte Jase unversehens. “Er ist gerade eben nicht dein Sohn, Eddie. Er ist nur ein verwirrter Junge, der gerade seine Mutter verloren hat! Er ist nicht dein Sohn und wird er auch nicht sein, bis du dich endlich wie sein Vater verhälst! Genug ist genug! Ich bin geduldig gewesen, jetzt geh ihn mal sprechen, oder Luke und ich gehen von hier raus, bis du es machst!“

Luke wandte sich plötzlich an mich, dabei alarmierte mich seine Miene. Es handelte sich um ein Gemisch von Angst, Besorgnis, und Ärger. Trotzdem sagte er nichts, bevor er sich davon drehte und nach oben ging, wo die Stimmen herauskamen.

Als Luke außer Sicht war, stieß ich einen Atemzug aus und sah in Richtung Haustür. Ich wunderte mich, ob es mich einfacher machte, mich noch einmal auf einen Kaktus zu setzen zu riskieren, statt hier rumzusitzen, wo ich wusste, sobald alle nach unten gingen... müsste ich ein paar Erklärungen abgeben.

Ende des 8. Kapitels

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 22 Mai 2018, 08:06

:o böser cliffhanger...
wie soll ich das denn jetzt bis zum nächsten Teil aushalten ??? :( :D

Das war wieder ein echt schöner Teil, mit einem Kracher am Ende. Eigentlich müssten Jase und Luke ja froh sein , das Rory Eddies outing provoziert hat.
Hoffentlich rennt Rory jetzt nicht wieder weg und stellt sich mal dieser Situation.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 22 Mai 2018, 21:52

Haha es freut mich, dass dir dieser Teil gefällt. Ich stimme dir zu, dass Jase und Luke froh sein müssten, da Eddie endlich eine Chance (oder eher einen Vorwand?) hat, sich bei Rory zu outen, aber trotzdem mag ich Rorys Lösung in dieser Situation nicht ganz. Übrigens muss ich mich entschuldigen, wenn der nächster Teil später als normal kommen würde, da ich diese Woche echt viel an der Uni zu tun habe. Das nächste Kapitel heißt Haus der Lügner, also bleib dran XD

Benutzeravatar
Salvador
Einmalposter
Beiträge: 7
Registriert: 22 Mai 2018, 21:18
Wohnort: kommen aus ESP jetzt GER

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Salvador » 22 Mai 2018, 22:17

schöne storry und ist doch gut übersetzt

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 23 Mai 2018, 02:52

Ich werde geduldig warten :D Macht dir keinen Stress.
Das nächste Kapitel heißt Haus der Lügner ? Oh oh, dass klingt ja vielversprechend dramatisch.
Ich freue mich schon.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 26 Mai 2018, 18:22

Boah bin wieder da XD danke euch für eure Geduld. Jetzt geht's weiter mit der Story:

[9] Haus der Lügner

Ich fragte mich, ob Oma Alice mich wieder zu ihr ziehen lassen würde, nachdem ich so ein Chaos verursacht hatte. Das müsste sie auf jeden Fall. Sie schuldete mir das. Immerhin war das alles ihre Schuld. Ganz genau. Es hatte also perfekt Sinn, ihr die Schuld zu überlassen. Sie war sowieso nicht hier, um sich zu verteidigen, und selbst wenn ja, war ich mir ziemlich sicher, dass sie dann nur etwas klugscheißen und davon gehen würde. Außerdem fiel es mir leicht, ihr das vorzuwerfen, da ich glaubte, hätte sie die Anweisungen meiner Mutter befolgt, und mir die ganze Wahrheit von Anfang an erzählt, dann hätte ich nicht nach Ari-verdammt-zona ziehen müssen, und dadurch das ganze Leben meines offenbar homosexuellen Vaters nicht zu dem Punkt geändert, dass sein... Freund... oder was auch immer Jase war, bald mit ihm Schluss machen möchte.

Also... vielleicht war es nicht alles Oma Alices Schuld. Sie hätte mir nie erlaubt, in das Schlafzimmer von jemand anderem zu schleichen, egal wie lebensverändernd der Stress war, unter dem ich litt. Ohnehin war mir Oma Alices Genehmigung jetzt total Wurst.

Ich drehte mich um und schaute wieder zur Treppe auf, diesmal nicht wegen der Schreien, sondern Stille. Vielleicht hatte Luke da erreicht und den Streit zwischen Eddie und Jase unterbrochen. Mich wunderte es, was sie sagten, und ob sie drei realisieren würden, was genau passiert war, bevor sie wieder nach unten gingen. Es ließ sich sowieso echt nicht so schwer entdecken. Man musste also nur eine einfache Vermutung machen. Wenn keiner von ihnen dieses Foto draußen gelassen hatten, dann musste es nur ich sein.

Eine Weile später, als ich da nur regungslos stand und darauf wartete, dass etwas, irgendetwas, geschah, hörte ich die Türklingel läuten und fragte mich, ob jemand da oben nach unter gehen würde. Aus unbekanntem Grund fühlte ich mich extrem unbehaglich, als ich realisierte, dass ich es selbst tun musste. Ich trottete in Richtung Haustür, mein Nacken gekribbelt. Es könnte sein, dass ich irgendwie erwartete, dass ein anderer Ausbruch der Schreien hinter mich herauskommen würde, und ich hatte Angst, wenn das wirklich passierte, wüsste ich dann nicht, was zu tun. Das wollte ich momentan gar nicht.

Die Haustür aufgemacht sah ich Dave da stehen. Er lächelte mich an, welches ich wegen des Umstandes irgendwie blöd fand.

„Na, Rory.“ Sagte er. “Ist Luke zu Hause? Er hat gemeint, ich soll bei euch zum Abendessen vorbeikommen, und weil meine Mutter spät arbeitet...“

„Ich weiß nicht, ob wir heute noch zu Abend essen.“ Erwiderte ich, während ich die Tür weiter ausmachte, sodass er hineinkommen konnte. Dave sah mich fragend an, als er das Haus betrat, dabei hatte er offensichtlich keine Ahnung, worüber ich redete.

„Ähm... okay. Also, wo ist Luke eigentlich?“

„Da oben.“

„Ist er beschäftigt?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Eddie und Jase streiten sich.“

Da wirkte Luke plötzlich alarmiert. Ich wunderte mich, ob es hieß, dass sich Eddie und Jase nicht oft streiteten.

„Im Ernst?“ Fragte er. “Ist alles in Ordnung?”

“Mach dir keinen Kopf. Sie überlegen sich wahrscheinlich nur, ob sie mir mal erzählen wollen, dass sie schwul sind.“ Klärte ich gleichgültig, und ging dann davon weg.

Unnötig zu erwähnen, als ich das Wohnzimmer erreichte und mich müde auf das Sofa setzte, folgte mir ein baffer Dave, der sich danach mir gegenüber setzte, und mich anstierte. Ich starrte ihn zurück. Ich hatte recht nichts zu sagen. Da war ich mir ziemlich sicher, dass er schon von der Situation wusste. Es hatte nur Sinn, in Anbetracht dessen, dass er Lukes bester Freund war. Obwohl es mich nicht überraschte, nervte es mich doch wegen der Tatsache, dass scheinbar alle von der Wahrheit gewusst hatten, außer mir.

„Weiß Eddie... ich meine...“

„Nein.“

„Also hat Luke dir das erzählt.“ Sagte Dave nickend, als hätte er gerade ein Rätsel gelöst. „Er hat ja gemeint, dass er bald... ähm, pass auf, tut mir leid, dass ich dich je angelogen hab. Also, Luke hat das nur gemacht, denn Eddie wollte nicht, dass du das weißt. Aber trotzdem freut‘s mich, dass er dir das erzählt hat.“

„Luke hat mir nichts erzählt.“ Erwiderte ich etwas hitzig, als mir diese Information einfiel. Luke wollte mir bald die Wahrheit sagen? Angesichts der Tatsache, dass ich mich ihm nah fühlte, wollte ich ihm deswegen Extrapunkte geben. Aber immerhin erzählte er mir das nicht.

Daves Augen weiteten sich erneut, und er wurde anscheinend blass. Wahrscheinlich dachte er, dass er gerade versehentlich ein Geheimnis preisgegeben hatte, das nicht offenbart werden sollte.

„Also Luke... ich meine, wusstest du schon von...“

„Ich weiß auch über Luke.“ Bestätigte ich, und er sah danach tatsächlich erleichtert aus. Jedoch wurde seine Miene unvermittelt ernst.

„Also keiner von ihnen hat ne Ahnung, das du das weißt?“

„Denk ich nicht.“

Dann kam eine lange Pause.

„Wirst du... ihnen es sagen?“ Sein Tonfall deutete offensichtlich hin, dass er keine Geheimnisse mehr halten wollte.

„Ich denke, sie sollten mir es sagen.“ Sagte ich sachlich.

„Aber du weißt es schon.“ Er wirkte so, als könnte er gar nicht begreifen, was ich sagte. „Ich meine... bist du damit okay? Wenn...”

“Nein, ich bin damit nicht okay!“ Unterbrach ich ihn zornig. „Sie haben mich alle belogen, seitdem ich hergekommen bin! Alle von ihnen!“

„He!“ Sagte Dave ernst, seine Augen sich verengt. “Ich verstehe, dass dir dieses ganze Ding wahrscheinlich zu viel ist, aber wenn du sie nur deswegen hasst, weil sie schwul sind...“

„Warum würde ich mich drum kümmern, dass sie schwul sind?” Schnauzte ich, da die Aussage total albern zu sein schien. Trotzdem war ich im Moment zu entrüstet zu denken, wieso Dave so davon ausgehen könnte. „Ich bin sauer, weil sie mich belogen haben! Alle belogen mich! Ich wusste ja nicht mal, dass ich einen Vater hatte, bis meine Mutter gestorben ist, und dann hat mich meine Oma hierher geschickt, ohne mir über ihn zu erzählen, auch wenn sie es wusste! Jemand hier schuldete mir die Wahrheit, und ich werd ihnen nichts sagen, bis ich die kriege.“

Dave blinzelte und betrachtete mich mit einem komischen Ausdruck auf seinem Gesicht.

„Das ist aber bescheuert!“ Stieß er hervor.

Bescheuert?

Na ja. Stimmt. Vielleicht hatte Dave recht. Trotzdem fand ich es genauso bescheuert von den anderen, da sie ihre Leben vor einem Sechzehnjährigen verbargen.

„Na und?“ War meine schlaue Antwort.

Dave schüttelte nur seinen Kopf. Offenbar verstand er nicht ganz, was mein Problem war.

„Rory, komm schon. Wenn sie sich da oben streiten, mach mal was.“ Drängte er mich, wartete dann auf meine Antwort. Als er keine bekam, fügte er hinzu. „Wenn du es ihnen nicht sagst, dann mach ich es.“

Ich runzelte die Stirn wegen der Drohung und stand abrupt auf. Alle waren anscheinend gegen mich, doch es machte mir nichts mehr aus.

„Na gut, tue was auch immer du willst.“ Sagte ich kalt, ging dann unmittelbar in Richtung Haustür.

„Wo gehst du denn hin?“ Vollkommen perplex rief Dave mir hinterher. Ich antwortete nicht darauf. Es war mir nicht nötig, und ich trat einfach heraus. Danach schlenderte ich die Auffahrt entlang bis hin zum Feldweg, der vom Haus wegführte.

Nicht wie letztes Mal, jetzt spürte ich gar keine Panik, als ich wegging. Eigentlich fühlte ich mich überraschenderweise beruhigt... und betäubt. Ich fühlte mich betäubt. Da spürte ich auch keinen Drang zu rennen, stattdessen schlenderte ich. Als ich versuchte, meinen Kopf frei zu machen, bekam ich mit, dass Chey mir irgendwann gefolgt hatte. Ich hatte recht nicht vor, sie zu entführen, aber trotzdem sah sie dabei froh aus, da jemand mit ihr Gassi ging.

Ich versuchte, Chey zu ignorieren, auch wenn sie ab und an ihren Kopf hob, um meine Hand zu lecken. Es lag nicht daran, dass mich ihre Gesellschaft stört. Eigentlich hatten die zusätzlichen Schritte auf der leeren Straße fast eine wohltuende Wirkung, aber ich war nicht genau gut gelaunt, und Cheys fröhliche Haltung fand ich irgendwie irrtierend... Es war albern von mir, ich weiß, denn sie war nur eine Hündin, trotzdem war ich der Meinung, es sei ganz normal, von ihr genervt zu sein, angesichts meiner aktuellen Situation.

Ich schüttelte mit dem Kopf über mich, dann über Chey, als ich einen Stein wegtrat, und sie ihm hinterherjagte. Es sah so aus, dass mindestens einer von uns noch eine gute Zeit hatte.

Als ich erneut ging, kamen meine Gedanken zum Haus zurück, wo Dave warscheinlich alle informierte, dass ich alles wusste. Ich war definitiv am Arsch. Vielleicht war es bescheuert von mir, darauf zu warten, dass mir alle die Wahrheit sagten, obwohl ich schon genau davon wusste, dennoch war es mir scheinbar wichtig, dass mir jemand... hier meinte ich Eddie... das erzählte. Logischerweise wusste ich, dass ich nichts daraus gewinnen würde, da es sowieso nichts wieder gut machen konnte, auch wenn ich es von Eddie hörte, insbesondere jetzt. Dennoch wollte ich mich doch überzeugen, dass es sich besser herausstellen würde. Ich wollte, dass etwas passierte, welches alles einfacher machen würde.

Es war doch nie einfach. Seitdem ich meine Mutter verlor, hatte mich scheinbar alle belogen... nein, auch bevor ich meine Mutter verlor. Was ich aber nicht verstand, war warum. War es überhaupt nötig? Dachte eigentlich jeder um mich herum, dass sie mir halfen? Ich verstand es gar nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich es verstehen wollte. Ich wünschte mir nur, dass sie damit aufhörten. Ich wollte einfach... dass etwas wahr war.

Ich wusste nicht mehr, wie lang ich unterwegs war. Ich wusste sogar nicht, wie weit ich vom Haus entfern war, und da wollte ich nicht wirklich zurückschauen, um es herauszufinden. Ich schaute auch nicht mal zurück, als ich einen Wagen von hinten sich mir nähern hörte. Trotzdem trat ich zur Seite der Straße, da es meinen Tag gar nicht besser machte, von einem Auto angefahren zu werden.

Leider als ich schlenderte und versuchte, an nichts zu denken, vergiss ich auch dabei, dass Chey mich begleitet hatte, bis sie urplötzlich aus dem Nichts vor mich rannte, und ich entsetzt zusah, wie ein blauer zweitüriger Pick-up kreischend zum Stehen kam, und dabei Staub in die Luft sandte. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich Chey vor dem Wagen verschwinden sah, und ich betete, dass sie nicht von diesem angefahren wurde. Ich rannte vorwärts und rief nach ihr, da schossen mir durch den Kopf die Gedanken an Luke, und wie er mir nie verzeihen würde, wenn sie verletzt wurde, oder wie ich mir nie verzeihen würde, wenn ich etwas Chey zustoßen ließ, weil es Luke wehtun würde, trotz meines Ärgers.

Als ich die Hündin zweimal bellen hörte, wirbelte ich herum und sah sie von hinter der Ladefläche des Wagens auf mich zukommen. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie in die Arme schließen oder sie deswegen tadeln wollte, weil sie mich zu Tode erschrocken hatte. Schließlich beschloss ich, nach ihrem Kragen zu greifen und sie zu meiner Seite zu ziehen, um sicherzustellen, dass sie nicht mehr frei weglief.

„Diese Scheißhündin.“ Kam eine Stimme aus dem Wagen heraus, und diese erschreckte mich, weil sie mir irgendwie bekannt vorkam. Ich schaute auf und entdeckte Aaron Keslin, der von dem Beifahrersitz aus dem Fenster heraussah und Chey einen wütenden Blick zuwarf. Als sich unsere Blicke trafen, wirkte er überrascht, fast als hätte er mich erst dann erblickte. „Rory?“

„Was machst du denn hier?“ Stieß ich unmittelbar hervor. Mein früherer Ärger gegenüber ihm kam langsam zurück und mischte sich mit der Angst vor Cheys nahem Tod. Diese Kombination führte zu eine große Frustration, welche ich im Moment am liebsten auf ihn richtete.

„Was machst du denn hier?“ Entgegnete er, plötzlich aus dem Wagen aussteigend. Chey begann, ihn anzuknurren, hörte aber damit auf, als ich sie mir sogar näher zog. „Ich dachte, dass du immer noch mit... deinem blödsinnigen Scheiß klarkommst?“

„Mach ich doch.“ Erwiderte ich kalt. Ich war wieder überrascht, denn Aarons Stimme hörte sich echt besorgt an, als er fortfuhr.

„Na... ist dir alles in Ordnung? Ich weiß, dass du Schwierigkeiten hattest, als ich verlassen hab, und ich war mir nicht sicher... ich meine, ich wollte dich doch anrufen und checken, wie es lief, aber dann dachte ich mir, dass du noch auf mich sauber warst.“

„Bin ich immer noch.“ Bestand ich darauf, doch er lächelte mich tatsächlich an.

„Na gut... also bist du okay? Hast du sie gesprochen?“

Ich hielt inne, mich etwas beruhigter fühlend, weil er nun nichts tat, was mich weiter ärgern könnte. In der Tat benahm er sich wie ein besorgter Freund. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Ich sollte recht nicht mit ihm befreundet sein, besonders wenn ich Luke treu bleiben möchte. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass Luke mich belog und es Aaron war, der mir die Wahrheit sagte, fühlte sich die ganze Situation plötzlich wie eine Grauzone an.

„Nein, ich hab sie noch nicht gesprochen.“ Gab ich zu, und Aaron wirkte deswegen verwirrt.

„Warum denn nicht? Ist doch keiner nach Hause gekommen?“

„Doch, aber ich hab keinen von ihnen gesprochen.“ Antwortete ich kurz.

„Also dann was machst du hier?“

„Wie sieht’s aus, was ich mache?“ Fragte ich sarkastisch. “Ich geh spazieren.”

„Läufst du weg oder so? Rory...“

„Nein, ich geh verdammt spazieren!“ Wiederholte ich, mich noch einmal frustriert fühlend. Ich war da draußen, um meinen Kopf frei zu machen, nicht um auf Aaron zu stoßen, sodass er mich verhörte.

„Okay, tut mir leid. Pass auf, Rory, dein Haus liegt wohl weit da rüber.“ Deutete er mit dem Finger, und ich schaute endlich zurück, dabei bekam ich mit, dass ich das Haus sogar nicht mehr sehen konnte. „Wir können dich heimbringen, was hältst du davon?“

„Nein danke.“ Antwortete ich. “Ich möchte noch nicht zurückgehen... Chey, los.“

Ich zog die Hündin am Kragen und machte mich los. Soweit es mich betraf, ging das Gespäch schon zum Ende, sobald er vorschlug, dass ich zurückging, doch Aaron stimmte mir offensichtlich nicht zu.

„Warte mal, möchtest du dann zu uns kommen?“ Sagte er schnell, und ich sah auf ihn zurück. „Pass auf, Rory, mein Freund wohnt nur etwa 800 Meter von hier entfern. Wir haben nur vor, einen Film so zu gucken, also nichts zu Spannendes, aber es ist doch besser, als hier rumzulaufen. Mein Auto ist da drüber, also kann ich dich heimbringen, wann auch immer du magst.“

Ich fand es irgendwie lächerlich, dass ich mir sein Angebot noch überlegte, doch ich wurde eigentlich langsam vom Spazieren müde. Trotzdem schüttelte ich den Kopf, als ich zu Chey heruntersah.

„Nein, danke dir.“

„Du kannst auch die Hündin mitbringen.“ Bestand Aaron darauf. „Seth hat zwei davon, also bin ich mir sicher, sie werden sich gut auskommen.“

Bei dem Erwähnen eines fremden Namen sah ich kurz in Richtung Wagen und erst dann fiel mir auf, dass wir da nicht allein waren, als ich eine dunkle Gestalt, welche ein Baseballcap trug, hinter dem Lenkrad erblickte.

„Ich...“ Fing ich an, aber Aaron unterbrach mich.

„Komm schon, Rory. Nur ne Weile. Wir müssen auch nicht drüber reden, wenn du nicht magst.” Und ehe ich darauf sogar antworten konnte, ging er schon zum Wagen zurück und die Heckklappe aufmachte, damit Chey hineinkommen konnte.

Ich zögerte für einen Moment, mich wundernd, ob es eine gute Idee wäre. Vielleicht nicht, aber trotzdem überredete ich Chey kurz danach, in die Ladefläche des Wagens einzusteigen, und tadelte sie, weil sie Aaron wieder anknurrte, als er ihr half, ihre Hinterbeine hineinzustecken. Anschließend folgte ich ihm zur Beifahrerseite und er rückte auf der Sitzbank in die Mitte, um einen Platz für mich übrig zu lassen.

„Rory, das ist Seth.“ Stellte Aaron mir seinen Freund vor, und als ich kurz herübersah, erblickte ich einen anderen Kerl, der etwa unseren Alters und so groß wie Luke oder Aaron war, aber vielleicht breitere Schultern hatte. Unter dem Baseballcap schien er definitiv ein schüchterner Typ zu sein, doch als er einen Gruß brummelte, erweckte er den Eindruck, dass er eher genervt, als schüchtern war, weil ich mich ihnen anschloss. Vielleicht war es immerhin keine gute Idee.

Obwohl Aaron gesagt hatte, dass wir nicht über meine Probleme reden würden, hörte ich ihn trotzdem Seth von meinem ganzen Tag erzählen, zumindest alles, was er wusste. Ich hatte den Anschein, dass Seth Luke in der Schule kannte, doch er kommentierte nicht viel. Er war tatsächlich echt schweigsam. Ich mochte von Aaron genervt sein, da er seinem Freund das alles erzählte, aber dieser kümmerte sich sowieso nicht darum. Vielleicht deswegen fühlte ich mich angenehmer, als ich dachte, als Aaron mich fragte, was geschah, nachdem er vom Haus verließ, und ich erzählte ihm das. Ich erwähnte nicht, was im Brief meiner Mutter stand, dennoch erwähnte ich den Streit zwischen Eddie und Jase, und die Tatsache, dass Dave wusste, was los war, und wie er wahrscheinlich die anderen darüber informierte. Überraschenderweise ließ es mich besser fühlen, darüber zu reden.

„Das wäre typisch Dave.“ Bemerkte Aaron. “Er kann keine Geheimnisse halten, es sei denn, dass sein Leben davon abhängt.”

„Prima.“ Sagte ich irritiert.

„He, keine Sorge.“ Versicherte mich Aaron. “Du musst jetzt sogar nicht damit klarkommen, und sie wären wahrscheinlich nicht auf dich sauer, nur weil du eine Weile verschwindest. Ich meine, es ist ja nicht so, als hättest du keinen guten Grund dafür.“

Ich glaubte, dass ich mich nach diesem Kommentar ein paar Grade für ihn erwärmte. Stimmt, sie haben kein Recht darauf, mir deswegen übel zu nehmen, weil ich eine Weile von ihnen weglief. Nach dem, was sie taten, hatte ich jedes Recht, weglaufen zu wollen. Da wünschte ich mir nur, dass ich mich nicht dafür schuldig fühlte... und dafür, dass ich mit Lukes Hündin verschwand.

Fortsetzung folgt...

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 27 Mai 2018, 09:08

Ich hab mir schon gedacht, dass Rory irgendwann vielleicht mal zu Aaron abhaut. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das natürlich sehr gewagt.
Mal sehen wie die "3 Lügner " damit klarkommen und wie sie überhaupt mit der Situation umgehen.

Will Jase wirklich Schluss machen, oder wollte er nur ausziehen bis Eddie endlich zur Wahrheit stehen kann ? Was macht Luke jetzt, wenn sein Leben so durcheinander kommt? Und reagiert Eddie endlich mal aufrichtig ?... Und ist Rory das dann auch zu ihm ( outen sich und gibt ihm gefälligst den Brief) ?

Die Fragen werden irgendwie immer mehr :roll: :D
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 29 Mai 2018, 01:18

@simson Du stellst da schön viele gute Fragen XD also mal schauen, wie es weiter geht. Dieser Teil ist etwas kürzer als die anderen, aber trotzdem hoffe ich, dass es dir sowieso gefallen würde ^^

Fortsetzung zu Kapitel 9

Laut der Beschriftung auf dem Briefkasten vor dem Haus, bei dem wir ankamen, war Seths Nachname Fischer. Dieses Haus erinnerte mich an das von Eddie, und es gab ebenso nicht viel in der Umgebung. Doch im Unterschied zum offenen Grundstück, auf dem sich Eddie und Jases Haus befand, gab es hier eine große Backsteinmauer, die den Hinterhof umgab, und der Vorhof wurde als quasi einen Steingarten gestaltet. Es sah auf jeden Fall wie ein Familienheim aus, der Willkommensmatte und allem anderen nach zu urteilen.

„Sind deine Eltern zu Hause?“ Fragte Aaron Seth, als wir uns in ein übermäßig eingerichtetes Wohnzimmer mit einem dicken weißen Teppichboden begaben, nachdem Seth Chey durch ein Tor in den Hinterhof hineingelassen hatte, wo es zwei deutsche Schäferhunde gab, an welchen sie schnüffelte, bevor sie in der fremden Umgebung erneut herumschnüffelte.

„Nein, sie sind bei Gails Balletsunterricht.“ Erwiderte Seth, und als er sich an uns wandte, konnte ich ihn etwas besser betrachten. Er machte wirklich den Anschein, dass er sich unter diesem Baseballcap versteckte, aber jetzt konnte ich den Glanz zweier hellbraunen Augen und einen bogenförmigen Mund sehen, der den Eindruck erweckte, dass er wegen meiner Anwesenheit nicht glücklich war. Ich mochte diesen Kerl nicht kennen, jedoch war ich mir sicher, er wollte definitiv nicht, dass ich hier war.

„Cool.“ Lächelte Aaron ihn an. “Willst du die Pizza in den Ofen reinstecken? Ich kann Rory nach oben bringen und den Film starten.“

Seth wirkte auch nicht von der Idee begeistert, zuckte trotzdem mit den Schultern und begab sich durch das Wohnzimmer, während Aaron sanft nach nach meinem Arm griff und mich in Richtung Treppe hinzog.

„Na komm, Seth hat da ein geiles Zimmer.“

Zögerlich folgte ich ihm.

„Hör mal, Aaron, vielleicht sollte ich nur los.“ Sagte ich.

„Wieso?“ Fragte er, runzelte dann die Stirn. “Bist noch sauer auf mich?”

„Bisschen.“ Gab ich zu. Ich war tatsächlich immer noch genervt, weil er vorhin alles für einen großen Scherz gehalten hatte, doch das war mir im Moment nicht das Problem. „Aber nicht deswegen... hör mal, dein Freund...“

„Ach, mach dir keinen Kopf um Seth.“ Unterbrach Aaron mich lachend. „Er mag neue Menschen nur nicht sehr gern, und er ist ja manchmal bisschen eifersüchtig.“

Eifersüchtig?

Ich sah Aaron zweifelnd an, als wir die Treppe zusammen hinauftraten. „Ist er dein Freund?“ Fragte ich etwas hitzig, da bekam ich bald eine ganz neue Liste der Gründe, warum ich ihn verabscheute.

„Eigentlich Ex.“ Erwiderte Aaron beiläufig. „Aber echt, mach dir keine Sorgen um ihn. Ist ihm egal, ich schwöre, du musst ihn nur kennenlernen. Er ist jetzt vielleicht nur sauer, weil ich ihm vorhin von dir erzählt hab. Ich hab mit ihm vor etwa einem Monat Schluss gemacht, aber wir sind noch Freunde.“

„Du hast ihm von mir erzählt? Und er ist dein Ex? Was hast du denn erzählt?“ Mir wurde plötzlich ganz schwindelig. Aaron erzählte jemandem von mir. Vielleicht wusste ich, was das bedeutete, und obwohl ich davon nicht begeistert war, fand ich es doch irgendwie schmeichelhaft. Trotzdem ergab für mich die Tatsache, dass derjenige, dem er von mir erzählt hatte, sein eifersüchtiger Ex war, gar keinen Sinn, und deswegen hielt ich ihn für blöd.

„Ich hab ihm gesagt, dass du süß bist.“ Erwiderte Aaron, schelmisch schmunzelnd, daraufhin hatte ich das Gefühl, dass er mir das sagte, nur um mich zu necken. Ich verengte die Augen und er lachte auf. „Kannst du dich mal nur entspannen, Rory? Seth ist ein cooler Typ, und wenn es dich überhaupt besser fühlen lässt, ist er mittlerweile mit jemand anderem zusammen, einem Mädchen.“ Sagte er schnaubend. „Er hat gemeint, nach mir wollte er versuchen, hetero zu sein.“

Ich warf Aaron einen anderen zweifelnden Blick zu. Ich hoffte, er dachte nicht, dass er sich gerade schmeichelte. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich zu konzentrieren.

„Pass auf, ich weiß ja nicht, was los ist, aber wenn er deswegen sauer ist, weil er noch was für dich empfindet, und er denkt...“

„Würd’s dich stören, wenn er mich noch mag?“ Fragte Aaron mich, dabei sah er mich schelmisch an, und ich runzelte die Stirn. Eigentlich dachte ich mir, dass es mich stören würde, doch ließ ich ihn das nicht wissen.

Aaron...“

„Hör mal.“ Meinte er ernst. “Alles in Ordnung, Rory. Wir werden nur ‘nen Film gucken und uns ‘ne Weile entspannen. Ich kann dich heimbringen, wann auch immer du magst.”

Der Gedanke, jetzt nach Hause zu fahren, gefiel mir recht nicht, deswegen konnte ich nicht umhin, mich gefangen zu fühlen. Ich glaubte, dass Aaron es auch bemerkte, wenn sein Lächeln überhaupt eine Anzeige dafür wäre. Ich war also genervt, da er das amüsiert fand, ließ jedoch das Thema fallen, als wir den zweiten Stock erreichten, und er mich in ein Zimmer begleitete, welches mich sehr an den Keller, den ich mit Luke teilte, erinnerte, obwohl es etwas kleiner war.

Doch nur weil dieses Zimmer kleiner war als unser Keller, hieß es nicht, das es ein kleines Zimmer war. In der Tat könnte man denken, dass es sich um ein Hauptschlafzimmer handelte. Es gab im Hinteren einen Flur, welcher wahrscheinlich in einem Badezimmer führte, und genügenden Platz für ein dreiteiliges Sofa, einen Sessel, einen TV-Schrank, und ein riesiges Bett in der Ecke.

„Das ist sein Zimmer?“ Platzte ich heraus.

„Jap, Seths Eltern halten ihn doch für das goldene Kind.“ Bemerkte Aaron. „Er hat nen großen Bruder, der letztes Jahr die Schule abgebrochen hat, um wegzulaufen und zu heiraten, und seit damals ist es so, als möchten seine Eltern versuchen, ihn wegen diesem Fehler zu verwöhnen. Man würd ja aber bemerken, dass er es hasst, wenn man sein Benehmen sieht.“

„Die Hälfte dieses Zimmers hat einst zu meinem Bruder gehört.“ Kam eine leise Stimme aus dem Eingang heraus, und ich merkte, dass jetzt Seth Aaron einen finsteren Blick zuwarf. „Sie haben die Wand abgerissen, als sie festgestellt haben, dass er nicht zurückkam.“ Ich sah kurz herunter und bekam mit, dass die Hälfte des Zimmers mit blauem Teppich ausgelegt war, die andere mit grauem. Das war also nur ein subtiler Unterschied, trotzdem konnte man das erkennen. „Tatsächlich hatten Aaron und ich ein paar interessante Zeiten in diesem Zimmer, nicht wahr, Aaron?“

Der letzte Kommentar gefiel mir recht nicht, meistens weil ich das Gefühl hatte, dass er das eher auf mich richtete, als Aaron, und die Anspielung darin ließ mich definitiv unangenehm fühlen.

„Lassen wir uns einfach den Film starten.“ Wechselte Aaron das Thema, sah jedoch eher amüsiert über den Kommentar aus, als genervt. Mir gefiel das auch nicht, oder die Art, wie Seth mir unter seiner Kappe einen bösen Blick zuwarf, als er und ich uns auf gegenüberliegende Enden des Sofas setzten, und Aaron beschloss, sich neben mich... an mich... hinzusetzen, nachdem er ein DVD eingelegt und es abgespielt hatte. Danach versuchte ich, mich auf den Film zu konzentrieren.

Eigentlich half mir der Film nicht dabei. Das war eine Komedie, die ich schon einmal im Kino mit meiner Mutter geschaut hatte. Ich erinnerte mich daran, dass ich damals darüber lachte. Diesmal lachte ich jedoch nicht. Doch in deren ersten Hälfte gelang es mir, mich auf den Fernseher zu konzentrieren, meine Gedanke von meinen aktuellen Problemen abgelenkt.

Als die Sonne begann unterzugehen und das Zimmer allmählich dunkler wurde, da kam das einzige Licht aus den Fenstern, spürte ich Knoten im Magen, als meine Gedanke wieder zu Eddie, Jase, und Luke wanderten. Sie müssten sich fragen, wo ich gerade war, und Luke fragte sich wahrscheinlich auch, wo Chey war. Das allein machte mich nervös. Es war sicherlich schon nach der Abendessenszeit, das konnte ich im Magen fühlen, trotzdem lehnte ich die Pizza ab, welche Aaron mir anbat. Ich war einfach zu nervös zu essen, wurde dabei immer unruhiger, als ich mich wunderte, was in meinem neuen Zuhause passierte. Ich fragte mich, ob sich einer von ihnen Sorgen um mich machte... oder sauer auf mich war. Ich wunderte mich, wieviel Dave ihnen mitteilte, und wie sie darauf reagierten. Aber als ich begann, mich ruhelos in meinem Sitz zu bewegen, war ich mir einer anderen Art von Nervösität bewusst, als sich Aaron an mich lehnte.

Abgesehen von diesem Küss bei dem Wasserpark, waren wir uns niemals so nah gewesen. Außerdem hatte ich wegen der neulichen Geschehnisse auch kaum Zeit, daran zu denken. Wegen seiner Beziehung mit Luke fiel es mir echt schwer zuzugeben, das ich ihn mochte... obwohl das wahr war. Zumindest war ich mir sicher, dass ich von ihm angezogen wurde. Mich machte es schon benebelt, nur in seiner Nähe zu sein, aber die Tatsache, dass er der erste Kerl, den ich je geküsst hatte, trug vielleicht auch dazu bei.

Ich sprang nahezu aus meinem Sitz heraus, als er mir seine Hand auf den Schenkel legte. Da erstarrte ich definitiv, als ich in seine Richtung sah und mitbekam, dass er mich neugierig zurück anstierte.

„Ist alles in Ordnung?“ Flüsterte er, und ich blickte über ihn, mich etwas erleichtert fühlend, weil Seth immer noch dem Fernseher widmete, und nicht bemerkte, wie nah Aaron und ich uns waren.

„Klar.“ Erwiderte ich leise, achselzuckend.

Doch mir war nichts in Ordnung. Ich konnte die Wärme seiner Hand durch meine Hose spüren, und entdeckte, dass meine Hände verdammt schnell schwitzten. Diese neue Nervösität mochte eine gute Ablenkung von den Gedanken an Eddie und alles anderen sein, aber trotzdem war die nicht unbedingt eine gute, denn ich hatte durchaus gemischte Gefühle für Aaron Keslin. Das allein ließ seine nächsten Worten nicht einfacher verdauen. „Willst du mal mit mir zu einem Date gehen?“

Ich sah ihn etwas erstaunt aus. Fragte er mich das tatsächlich jetzt? Es war nicht so, als hätte ich nicht genug Sorgen, außerdem war sein Ex direkt auf dem anderen Ende des Sofas.

„Im Ernst?“ Fragte ich, mich nervös bewegend, aber das führte nur dazu, dass seine Hand meinen Schenkel auf eine subtile, doch total offenbare Weise drückte.

„Ich wollte dich das doch vorhin fragen.“ Sagte er, immer noch flüsternd. „Weißte... vielleicht irgendwann nächster Woche, wenn du fertig mit dem Einziehen bist... könnten wir ja was zusammen unternehmen.“

„Hör mal, Aaron, das ist glaub ich keine gute Idee, also dieses ganze Ding zwischen dir und Luke...“

„Wir können halt später über Luke reden, wenn du willst.“ Er wurde leicht irritiert. „Denk bitte drüber nach, ja?” Er schob seine Hand etwas weiter oben meinen Schenkel entlang, und ich zitterte unabsichtlich, hart schluckend, als ich mich fragte, was hier los war.

„Okay.“ Zischte ich, mich wegen des Umstandes vollkommen unbequem fühlend. Doch Aaron schmunzelte nur, konzentrierte sich dann wieder auf den Film, und ich versuchte, das Gleiche zu tun, trotzdem konnte ich es nicht ignorieren, dass sich seine Hand immer noch auf meinem Schenkel befand. Mich entnervten besonders diese Berührung und die Art, wie er sich an mich lehnte. Es fühlte sich an, als wären Stunden verflogen, und mein Rücken wurde allmählich steif, jedoch war ich einfach zu beängstigt, mich sogar ein Centimeter zu bewegen.

„Rory.“ Flüsterte Aaron plötzlich erneut, und diesmal war seine Stimme es, was mich erschreckte.

„Huh?“ Ich sah zu ihm.

„Also... denk auch dran.“ Flüsterte er, lehnte sich dann nach vorn.

Ich sah es kommen. Wirklich diesmal. Er bewegte sich so langsam, fast als gäbe er mir die Chance, davon zu gehen. Doch im Moment konnte ich aus unbekanntem Grund scheinbar nur auf seine Lippen achten, die auf meine zukamen, und als er mir so nah war, dass ich buchstäblich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte, und sich seins verwischte, spürte ich seinen Mund, welcher anscheinend sogar heißer war als die Hand auf meinem Knie, und ich schloss meine Augen, als der fest gegen meinen drückte. Ich nahm wahr, wie er seine Lippen öffnete, und ich ahmte ihn nach. Er tauchte seine Zunge nur kurz in meinen Mund, damit ich das Wurzelbier, welches er zu seiner Pizza trank, schmecken konnte, bevor er sich abrupt zurückzog und mich selbstzufrieden ansah. Daraufhin wurde ich hochrot, und ehrlichgesagt, ein bisschen verlegen, weil ich so willig gewesen war, ihn zu küssen, obwohl ich mir nicht mal sicher war, ob ich überhaupt etwas mit ihm zu tun haben wollte. Dennoch drückte er noch einmal mein Knie, fast beruhigend, ehe er jäh aufstand.

„Muss aufs Klo.“ Verkündigte Aaron, und ich sah schweigend zu, als er das Zimmer durchquerte und im Flur verschwand. Ich hörte die Tür schließen bevor ich blinzelte, mir wieder meiner Umgebung bewusst. Ich war eigentlich etwas von Aarons Verhalten genervt, jedoch wurde mir sogar unangenehmer, als ich den Fehler machte, in Seths Richtung zu sehen und bekam dadurch mit, dass er mir sichtlich einen bösen Blick zuwarf.

Ich gab zu, das machte mich mehr als ein bisschen unbequem, und deswegen richtete ich meinen Blick zurück auf den Fernseher, entsetzt, da ich realisierte, dass er wahrscheinlich alles gesehen hatte, was zwischen Aaron und mir geschehen war. Vielleicht musste ich hier echt mit einem eifersüchtigen Ex umgehen. Leider hatte ich keine Ahnung, wie ich das machen sollte. Verdammt, ich hatte sogar nie zuvor mit einem eigenen Freund umgegangen. Das war mir alles neu, und in Anbetracht dessen, dass die zwei einzigen Leute, die von meiner Sexualität gewusst hatten, meine Mutter und Oma Alice waren bevor ich Aaron kannte, war ich einfach von dieser ganzen Situation erschüttert.

„Du bist ein verdammter Idiot.“ Flüsterte Seth vor sich hin, und ich sah jäh wieder in seine Richtung.

Ich mochte mich etwas eingeschüchtert fühlen, aber nun musste ich mich auf jeden Fall verteidigen.

„Wie bitte?“ Ich sah verärgert auf ihn zurück, als sich unsere Blicke trafen, seiner unter der Kappe.

„Du bist dumm.“ Sagte er sachlich, und ich verengte meine Augen. „Du solltest weg von Aaron bleiben.“

Auch wenn ich nun noch nicht beschlossen hatte, was ich von Aaron halten sollte, schien es so, dass mich dieser Kerl drängen möchte. Ich fühlte mich komischerweise plötzlich territorial. Ich konnte einfach nicht anders.

„Wieso? Wirst du mich stoppen?“ Fragte ich trotzig.

„Wenn du schlau bist, würdest du das exakt machen.“ Erwiderte er beiläufig, trotzdem klang es für mich wie eine Drohung. Für wen zum Teufel hielt er sich eigentlich? „Jemand wie du hat keine Ahnung, was zu tun mit einem wie Aaron. Bleib einfach weg von ihm... besonders wenn du in meinem Haus bist.“

Ich blinzelte, mir fiel plötzlich die Realität ein. Das war Seths Haus. Seine Erwähnung davon erinnerte mich plötzlich daran, wie ich so unangenehm war, als wir gerade hierher kamen... und jetzt fühlte ich mich völlig unwillkommen. Das war mir extrem demütigend, weil ich immer glaubte, eines der schechtesten Gefühle der Welt war, irgendwo unwillkommen zu fühlen, deshalb wollte ich jetzt einfach nur davongehen.

Ich blickte von Seth weg, und sah in Richtung Flur, wo Aaron verschwunden war. Sobald er daraus kam, beabsichtigte ich, ihn darum zu bitten, mich heim zu bringen, wie er mir versprochen hatte. Leider stellte es sich heraus, dass ich nicht so lang warten konnte.

„Du bist ihm nichts Besonderes.“ Fuhr Seth fort, daraufhin wandte ich mich an ihn erneut. „Glaub mir.“

Ich öffnete meinen Mund, um das zu entgegnen, aber abgesehen von den kindischen Beschimpfungen, war mein Kopf eigentlich leer. Das hatte mit meiner Nervösität zu tun. Ich hatte heute schon zu viel ertragen, und die Art, wie er mich ständig anstarrte, verschärfte es nur. In der Tat war ich so nah daran zu platzen, dass ich dringend von hier entkommen musste, deshalb stand ich abrupt auf, um abzuhauen, egal mit oder ohne Aaron.

„Haust so früh ab?“ Bemerkte Seth arrogant. “Muss ich dir den Ausgang zeigen?”

„Sag Aaron, ich werd ihn später anrufen.“ Sagte ich, hauptsächlich um ihn zu nerven. Das hatte irgendwie eine Wirkung auf ihn, da ich seine Miene unter der Kappe verfinstern sah, und ohne ein weiteres Wort, trat ich aus dem Zimmer heraus.

Fortsetzung folgt...

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 29 Mai 2018, 07:39

Aaron Asshole :roll:
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

SergeyP
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 26 Mär 2018, 04:24
Wohnort: Leipzig

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon SergeyP » 03 Jun 2018, 00:50

Fortsetzung zu Kapitel 9

Ich war so empört, als ich Chey von den Schäferhunden in Seths Hinterhof abriss, trotzdem gelang es mir, ohne dass mich Aaron anschloss. Ich zögerte sogar einen Moment, bevor ich davonging, hoffend, dass er das tun würde. Das geschah jedoch nicht, und Chey und ich trotteten zu der Straße zurück, als die Sonne unterging, und ich dachte mir resigniert, dass es ein langer Weg vor uns war.

Freilich grübelte ich darüber, womit ich umgehen müsste, wenn ich nach Hause kam, doch mir kamen größtenteils in den Kopf immer wieder die Gedanken an Aaron, und was Seth vorhin gesagt hatte. Jemand wie ich hätte keine Ahnung, was zu tun bei einem wie Aaron. Was zum Teufel sollte das bedeuten? Und, ich war ihm nichts Besonderes. Das fand ich extrem beleidigend. Es war nicht so, als wäre Seth Aaron etwas Besonderes. Nun ergab es also Sinn, warum Aaron Schluss mit ihm gemacht hatte. Tatsächlich tröstete mich dieser Gedanke, aber der war der Einzige, der mich im Moment beruhigen konnte, da meine jetzigen Gefühle nur darauf hindeuteten... dass ich Aaron recht mochte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn schon zweimal geküsst... oder zumindest hatte ich ihn zweimal zurück geküsst. Weil ich mir immer noch nicht sicher war, ob ich mich überhaupt von ihm fernhalten sollte, hatte das Küssen mit Aaron die unheimliche Fähigkeit, mich extrem nervös zu machen. Leider ließ es mich auch die Gründe vergessen, warum ich wirklich nichts mit ihm zu tun haben sollte, wie zum Beispiel Luke.

Auch wenn Luke mich angelogen hatte, und ich deswegen auf ihn sauer war, wollte ich doch keinen weiteren Riss zwischen uns verursachen, insbesondere einen, welcher abwendbar war. Aaron war ein solcher Riss, welchen ich hätte vermeiden sollen. Es war die Tatsache, dass ich mich so fühlte, dass Luke mich verraten hatte, die jedoch unweigerlich war, und trotzdem bemerkte ich momentan nicht ein kleines Detail: egal wie wütend ich auf Luke war, waren er, Jase und Eddie dennoch nicht die einzigen Lügner. Sie waren nicht die Einzigen, die Geheimnisse besaßen.

Zutiefst wusste ich, dass ich mit etwas zurechtkommen musste, wenn der Ärger nachließ. Doch es gab scheinbar so viele Dinge, worüber ich mich ärgerte, und als ich die dunkle Straße entlang mit Chey an meiner Seite ging, konnte ich sie irgendwie nicht abschütteln. Alles in meinem Leben schien immer noch, eine Lüge zu sein.

Als mich diesmal das Licht eines Auto von hinten bestrahlte, trat ich nicht nur zur Seite der Straße, sondern ich griff auch nach Cheys Kragen und zog sie zu mir hin. Danach verlangsamte sich jedoch der Wagen, daraufhin hielt ich inne und drehte mich um, mich für einen Moment fragend, ob Aaron mich eingeholt hatte, als ich meine Augen mit der Hand vor dem Licht der Schweinwerfer schützte. Doch als das Licht an mir vorbei war, und ich vor einer Beifahrerscheibe stand, erblickte ich einen bekannten Jeep, und ich trat tatsächlich erschrocken einen Schritt zurück, als mein Blick Lukes traf. Ich ließ Chey los, als sie um Freiheit kämpfte und gegen die Beifahrertür aufsprung, um Lukes Aufmerksamkeit zu bekommen. Trotzdem ignorierte Luke sie, dabei starrte er mich mit einem nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht an, der abrupt zu zielstrebig wurde, als er die Tür öffnete und ausstieg. Ich trat einen weiteren Schritt zurück, machte mir fast Sorgen, dass seine Miene hieß, dass er mich bald verprügeln würde. Wer weiß, vielleicht dachte er sich wirklich, dass ich seine Hündin gestohlen hatte.

Ich hatte recht nicht damit gerechnet, dass er mich finden würde, bis ich bei dem Haus ankam, deswegen war ich komplett sprachlos, als Chey fröhlich durch die geöffnete Tür hinter ihm ins Auto hineinsprung. Das war Luke aber egal, weil er es war, der zuerst zu Wort meldete. „Wo zur Hölle warst du denn?“ Fragte er verärgert. „Alle sind auf der Suche nach dir! Scheiße, Rory, was zum Teufel machst du denn nur?”

Ich blinzelte, hatte erstmal keine Ahnung, wie ich darauf antworten sollte, bis mir einfiel, dass ich es sein sollte, der auf ihn wütend war.

„Ich ging spazieren.“ Entgegnete ich. “Das schien ne gute Idee zu sein, denn ich wollte weg von allen Menschen, die mich sichtlich angelogen haben!“

Der danach grimmig werdende Ausdruck auf seinem Gesicht deutete darauf hin, dass er schon mit Dave gesprochen hatte. Meine Worte brachten ihn definitiv zum Schweigen, und ich war nicht mehr es, der keine Ahnung hatte, was zu sagen, weil er mit einzigen Malen seinen Mund öffnete, als wollte er etwas sagen, jedoch kamen keine Worte heraus, bis er schließlich einen Atemzug ausstieß, und sehr gelassen sagte, „Könntest du bitte nur ins Auto einsteigen? Bitte?“

Ich runzelte die Stirn, als wollte ich darüber nachdenken, aber in der Tat gab es nicht so viel zu überlegen. Auf keinen Fall wollte ich den restlichen Weg nach Hause in Dunkelheit zu Fuß laufen, deswegen ging ich ohne ein weiteres Wort langsam um den Jeep herum und stieg ein, dabei merkte ich, dass Luke Chey nicht aus seinem Sitz wegschob und einstieg, bis er feststellte, dass ich schon im Wagen war und mich anschnallte. Dennoch fuhr er nicht sofort los, deshalb saßen wir schweigend für ein paar scheinbar unbehagliche Minuten.

„Können wir uns sprechen?“ Fragte er endlich.

„Wenn ich nein sage, würd es dich zurückhalten?“

Luke schien verzweifelt zu sein, als er zu mir sah, kommentierte aber nichts dazu.

Du weißt drüber...“ Behauptete er, und ich runzelte die Stirn. Ja klar wusste ich darüber. Ich war mir nur nicht sicher, ob er erwartete, dass ich darauf antwortete oder nicht, deshalb sagte ich nichts, und schließlich fuhr er fort. „Pass auf... ich weiß ja nicht... Scheiße... ich weiß ja nicht, was du erwartest, was ich hier zu sagen habe, aber ich muss dir was auf diese Weise erzählen, sonst könnte ich es nicht schaffen. Rory, ich bin schwul. Das bin ich mir seit Ewigkeit sicher. Es wird sich also nie ändern, und du kannst es entweder akzeptieren oder nicht. Es ist halt nicht wer ich bin, sondern ein Teil von mir. Ich versteh’s, wenn du Zeit brauchst, um drüber nachzudenken.“

Ich stierte ihn nur an, dabei verarbeitete ich seine einstudierte Rede. Das war mir eigentlich irgendwie seltsam zu hören, und es wunderte mich, ob jeder, bei dem er sich geoutet hatte, die gleiche Rede bekam. Es würde Sinn ergeben. Natürlich aufgrund deren Inhalts wurde sie wahrscheinlich nur bei den Menschen gehalten, die nicht so verständnisvoll sein mochten, wie Luke erwartete, und da in diesem Fall ich derjenige war, fand ich es aus offenbarem Grund frustrierend... selbst wenn der nicht genau offensichtlich war für Luke.

„Es ist mir Wurst, dass du schwul bist.“ Sagte ich nach einem Moment, genervt weil er sichtlich nicht mitbekam, was hier wichtig war. „Du hast mich belogen! Ihr alle habt mich belogen!“

“Rory...”

“Du bist ein Lügner! Du hast mich belogen, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind.” Unterbrach ich ihn zornig. “Jedes einzige Mal... jedes Mal wir über Eddie geredet haben. Ich hab dir vertraut, Luke! Du bist es, der mir immer wieder gesagt hast, dass ich ihm eine Chance geben sollte, selbst wenn du es wusstest... dass er mir sogar keine gab. Du bist ein Lügner! Ihr alle seid verdammte Lügner!“

“Wirst du mich mal erklären lassen?” Fragte er, fast niedergeschlagen aussehend, als er sein Lenkrad anstarrte.

„Na gut. Wie lange hast du noch vorgehabt, das mir vorzuenthalten? Wie lange wolltest du noch tun, als wärst du...“

Luke unterbrach mich jäh, dabei schien er mehr als willig zu sein, meine Fragen zu beantworten, als hätte ich ihm gerade eine Einleitung angeboten, die er brauchte.

„Ich hab nicht... ich meine... ich wollte es nie vor dir verbergen, Rory. Aber als du gerade hierher gekommen bist, hat Eddie mich und Jase drum gebeten... ich meine, es hätte nur ein paar Tage dauern sollen, bis du uns richtig kennenlernst. Er...“

„Eddie.“ Murmelte ich, meine Frustration plötzlich auf ihn gerichtet. Natürlich war Eddie schuld daran.

“Rory, er möchte nur, dass du uns kennenlernst.” Meinte Luke ernst. „Wir wollten dir bald alles erzählen...“

„Doch habt ihr nicht!“ Unterbrach ich ihn.

„Ich weiß.“ Gab er seufzend zu. “Aber alles ist ja irgendwie chaotisch geworden, seit du hergekommen bist. Also denk mal drüber nach, es hat nur gerade angefangen, sich zu beruhigen. Hör mal, hätte ich allein die Entscheidung treffen können, hätte ich dir schon alles erzählen... Tut mir leid, weil ich es nicht getan hab.“

„Du dachtest dir echt nicht, dass ich es rausfinden würde?“ Fragte ich entrüstet, obwohl ich verstand, dass er versuchte, mir alles zu erklären, trotzdem spürte ich den Drang, ihn anzubrüllen. „Ich bin kein Idiot, Luke!“

„Das hab ich nicht gemeint, und doch, ich dachte mir doch, dass du es endlich rausfinden würdest. Als du Jase vorhin brüllen hören hast, hab ich damit gerechnet, dass du zumindest etwas entdecken wirst, und dann...“

„Wenn du schon wusstest, dass ich etwas rausfinden werde, dann warum hast du nur nicht...“

„Rory, ich erwarte nicht, dass du mir jetzt glaubst, aber der einzige Grund, warum ich vorhin nach oben ging, war dass ich Eddie und Jase sagen wollte, dass ich es schon satt hatte, und ich würde dir sofort alles erzählen. Trotzdem hab ich es nicht gemacht, weil... Eddie mir versprochen hat, sich mit dir heut Abend zu unterhalten... beim Abendessen.“

Heute Abend? Beim Abendessen?

Aber das Abendessen war vorbei, und es war scheinbar schon zu spät, mir irgendetwas zu erklären.

„Aber dann kam Dave auf uns zu...“ Fuhr Luke fort. „Also...“

“Jemand hätte mir alles erzählen sollen.” Sagte ich leise.

„Ja, und vielleicht hätte das jemand schon getan, wenn du es nur nicht so verdammt schwierig gemacht hättest.“ Luke hörte sich plötzlich abwehrend an. „Hör mal, hier musst du über einige Dinge nachdenken, wie zum Beispiel, Eddie sollte es sein, der dir es erzählt hat... aber du hast ihm gar keine Chance gegeben, das zu machen. Es war nicht so, als wolltest du gern ne Beziehung mit ihm anfangen oder so!“

Das war nicht was ich hören wollte.

„Deswegen rechtfertigst du das? Ich dachte, du hast gesagt, dass du mir alles erzählen wolltest!“

„Das wollte ich doch. Weißt du, wir hatten auch keinen genau einfachen Anfang, Rory. Trotzdem wollte ich dir alles erzählen. Und ich glaube nicht, dass Eddie es recht hatte, dir es so lange vorzuenthalten. Ich meine nur, dass ich es verstehe, warum er das getan hat. Du solltest das auch verstehen, denn wenn du und Eddie später damit klarkommt, würdet ihr gar nichts hinkriegen, wenn du immer noch auf ihn sauer bist.“ Ich öffnete meinen Mund, um ihm zu widersprechen, doch er hielt nur einen Moment inne, bevor er fortfuhr. „Hör mal, ich verstehe, dass du wütend bist... aber das war für keinen von uns einfach. Jase hat tatsächlich gesagt, dass er deswegen ausziehen würde... er hat das nie zuvor gemacht. Es tut mir leid, dass ich dich angelogen hab, und ich möchte unsere Probleme lösen, aber du musst ja wissen, dass das meine einzige Familie ist, und ich kann es nicht ertragen zu sehen, wie sie zerfällt, nur weil alle pissig sind, und keiner drüber reden möchte!“ Ich hätte ihm entgegnet, dass ich so empört sein konnte, wie ich wollte, und Eddie das verdiente, hätte Luke nicht urplötzlich besorgt ausgesehen. Das erstaunte mich. Immerhin, ich sollte es sein, der verärgert war. „Rory... also... denk bitte nur drüber nach, ja? Wenn du dich doch mit Eddie unterhältst... hör mal nur dem Grund zu, weshalb er nicht ehrlich zu dir war.“

„Das wird keinen Unterschied machen.“ Bestand ich darauf, da ich brauchte, etwas Abwehrendes zu sagen.

„Vielleicht.“ Gab Luke zu. “Aber wenn du ihm zuhörst, heißt das schon, dass du ihm zumindest ne Chance gibst, und das wollte deine Mutter, oder?“ Lukes unerwartete Erwähnung meiner Mutter ließ mich anscheinend in Wut geraten, und ich war mir sicher, dass das sichtlich war, denn er fuhr schnell fort. „Entschuldigung, ich weiß, du möchtest so nen Scheiß nicht hören, aber denk nur drüber nach, Rory... deine Mutter würde wollen, dass du ihm ne Chance gibst, oder? Warum sonst würde sie dich hierher schicken?“

“Prima, jetzt musst du meine Mutter erwähnen!” Schauzte ich ihn an, mich vollkommen empört fühlend, weil er meine Mutter erwähnt hatte... und auch weil das Sinn ergab. Die Frage, die ständig in meinem Hinterkopf lag, war, warum tat mir meine Mutter das denn an? Lukes Frage schien auf meine zu antworten. Sie hatte einen Grund dafür, mich zu Eddie zu schicken, deshalb hätte vielleicht meine echte Frage so sein sollen, was war es für den Grund, dass sie mich hierher schickte?

„Entschuldigung, Rory. Ich hab nur... versucht, mit dir zu reden.”

Ich schüttelte den Kopf über ihn, dabei versuchte ich auch, meinen Kopf von allem, was ich in den letzten Wochen erfahren hatte,... oder von allen Lügen frei zu machen. Ich versuchte darüber nachzudenken, was sich meine Mutter gedacht hatte. Sie mochte etwas davon im Brief erklären, und hätte ich den früher bekommen, dann wäre die Antwort vielleicht offensichtlich gewesen. Leider war meine Wut noch nicht vorbei, und das schien meine Annahme dafür zu verlangsamen.

„Das ist alle so beschissen.“ Murmelte ich, regungslos aus dem Fenster herausblickend, während Luke sich unangehnehm im Sitz bewegte.

„Ja... Pass auf, ich muss dich heimfahren, bevor jemand die Polizei anruft.“

„Na gut, dann los.“ Erwiderte ich kurz, und Luke wirkte unruhig, als er in meine Richtung sah.

Luke betrachtete mich für einen langen Moment. „Rory, ich muss... über dich und mich... ich glaub, dass wir drüber reden sollten. Ich verstehe, dass du das Recht drauf, dich über mich zu ärgern, trotzdem möchte ich, dass alles gut wird. Also kann ich mich nur entschuldigen, und...“

„Mein Gott.“ Stöhnte ich auf. “Ich dachte, du wolltest los. Ich versteh’s, Luke. Du hast es gemacht, weil Eddie dich drum gebeten hat. Alles ok.“ Vielleicht wollte ich auch los. Ich hatte es echt schon satt, darüber zu reden.

„Es ist offensichtlich nicht okay.“

„Also dann was willst du denn von mir hören?“ Fragte ich genervt. „Ich kann meine Gefühle einfach nicht ändern, Luke. Erstmal hat Eddie nicht mal erwähnt, dass er nicht von mir wusste, dann dies. Ich...“

„Du bist verärgert.“

„Ja. Und du... weiß ich nicht.“

„Hasst du mich?“

Ich hielt inne, mehr weil ich nicht mit der Frage rechnete, als weil ich nicht darauf antworten konnte. Eigentlich ließ sich die Antwort scheinbar einfacher sagen, als ich dachte.

„Nein. Ich bin nur...“

“Verärgert.” Sagte Luke erneut, und ich dachte einen Moment darüber nach, versuchte mich nicht in Wut zu versetzen, weil es sich so anfühlte, als hätte er mir Worte in den Mund gelegt.

„Nein.“ Sagte ich rücksichtsvoll. “Ich bin sauer auf Eddie, und vielleicht auch bisschen auf Jase. Aber dir gegenüber, weiß ich nicht... Ich glaube ich bin enttäuscht.“

Lukes Miene wurde traurig, als wäre meine Enttäuschung sogar schlimmer als meine Wut auf ihn. Aber mindestens war ich ehrlich. Von Luke war ich echt enttäuscht. Ich war enttäuscht, weil ich ihm vertrauen wollen hatte. Ich hatte ihm vertraut, während er den anderen dabei geholfen hatte, mich anzulügen. Es fühlte sich einfach nicht wie... Luke an.

„Das hat Rick gesagt, als ich mich bei dem geoutet habe.“ Erklärte Luke, die Stille brechend, und daraufhin sah ich ihn an.

„Wie bitte?“

„Als ich mich zum ersten Mal bei meinen Freunden geoutet hab, haben die meisten von ihnen mich akzeptiert, weißte? Dave hat irgendwie geschafft, es lang zuvor rauszufinden, und viele andere Menschen haben sich einfach nicht so sehr drum gekümmert, wie ich dachte, aber Rick... hat gemeint, er sei enttäuscht. Er dachte, dass ich anfangen würde, mich anders zu verhalten oder so. Also, wir sind schließlich damit klargekommen, aber trotzdem hat es... ziemlich wehgetan. Ich weiß, wir haben uns ja nicht lang kennengelernt, aber glaub mir, es tut mir mehr weh, das von dir zu hören.“

Ich schwieg einen Moment, um zu verdauen, was er mir gerade sagte. Zuerst wurde ich verwirrt, da fragte ich mich, womit Rick hier zu tun hatte, aber dann war ich genervt auf Rick, weil er Luke nicht so verständnisvoll, wie ich erwartete, und schließlich fühlte ich mich vollkommen beleidigt, als ich realisierte, worauf Luke... wieder anspielte.

„Ich bin nicht enttäuscht, weil du schwul bist! Scheiße, ich hab dir das schon gesagt!“ Schnauzte ich ihn an. „Es liegt nur dran, dass du mir von keinem erzählt hast. Auch deine Freunde lügen für dich, Luke! Es fühlt sich an, als wäre nichts hier wahr! Jeder versucht, mir etwas vorzuenthalten und ich kann’s einfach nicht verstehen... selbst meine Mutter! In ihrer Fall musste ich abwarten, bis sie gestorben ist, ehe sie mir die Wahrheit offenbart hat!“ Daraufhin schloss ich abrupt meine Augen, sie fest drückend, als ich mich geistig beschimpfte, weil ich so über sie lästerte. Klar war ich entrüstet, doch sie war schon gestorben, und ich hasste schlecht an sie zu denken. Deswegen fühlte ich mich schuldig. „Gott, Luke... können wir nur los? Bitte? Ich kann nicht...”

Ich öffnete meine Augen, als ich spürte, wie seine Hand meine Schulter drückte, und als ich zu ihm sah, wirkte er genauso traurig, wie ich mich gerade fühlte.

„Rory, ich schwöre dir, es wird keine Geheimnisse mehr geben... was auch immer du wissen möchtest...“

Keine Geheimnisse mehr?

Ich blickte kurz aus dem Fenster heraus, mich doch entspannend, als er meine Schulter erneut drückte. Es gab noch mehr Geheimnisse... aber nun gehörten sie mir.

„Fahr mich nur heim, bitte.“ Sagte ich leise. „Ich muss Eddie sprechen.“

...............................

Als ich Eddie zum ersten Mal begegnete, schien er so ein großer, einschüchternder Typ zu sein. Doch diesen Typ erblickte ich nicht, als ich diesen Abend mit Luke ins Haus trat. Stattdessen sah ich einen Mann, der blasser geworden war, seitdem er von der Arbeit nach Hause kam, da entdeckte er uns bei der Tür und griff nach meinem Arm, mich praktisch nach innen hinziehend, als hätte er gedacht, dass ich bald wieder nach außen rannte. Und genau in diesem Moment konnte ich nicht mehr auf ihn sauer sein. Es könnte wohl sein, dass ich zu erschöpft war. Er blickte dann schnell in meine Richtung, und ohne ein Wort zu mir zu sagen, rief er Luke.

„Luke, ruf Jase an. Er ist noch draußen mit Dave auf der Suche.“

Luke warf mir einen unsicheren Blick zu, tat trotzdem was ihm gesagt wurde, und Eddie richtete seinen Blick immer noch auf mich, als er mich weiter ins Haus führte.

„Wo bist du denn gewesen?“ Fragte er plötzlich, dabei klang sein Tonfall erschrockener, als verärgert. „Rory, du kannst nicht einfach so verschwinden, niemand wusste, wo du warst! Du hättest...“

Ich unterbrach ihn mit einem Blick, mich wegen des Tadelns genervt fühlend. Ich war erschöpft, aber nicht so erschöpft, dass ich seinen Fehler vergaß.

„Okay.“ Sagte er nach einem Moment. “Wir müssen uns sprechen.”

Daraufhin nickte ich, sagte jedoch nichts. Stattdessen, als er mich in Richtung Wohnzimmer hinzog, riss ich mich abrupt von ihm ab und trat entschlossen zur Treppe.

„Rory!“ Rief Eddie mir hinterher, doch blieb ich nicht stehen. Ich brauchte etwas. Ich konnte ihn nur noch nicht sprechen. Ich musste erstmal in mein Zimmer gehen. Ich brauchte etwas, was dabei helfen könnte, die Probleme zu lösen... Ich brauchte, die Geheimnisse zu beseitigen. Zu viele Lügen. Ich konnte einfach keine Lüge mehr leiden.

Ich hörte Eddie mich noch einmal rufen. Er folgte mir, doch das war mir egal, als ich mein Zimmer erreichte und den ungeöffneten Brief meiner Mutter fand. Den schien ich einen ganzen Moment lang anzustarren, als ich mich daran erinnerte, dass ich Eddie den zuvor nicht geben wollte. Ich glaubte, ich hatte noch zum Teil Angst, ihm den Brief zu reichen. Wenn der überhaupt wie meiner wäre... dann kannte ich schon vielleicht, was darin stand. Auf jeden Fall musste er das wissen. Es könnte nur so enden, sonst würde ich der größte Lügner von ihnen, der den Grund, weshalb meine Mutter das getan hatte, nicht annehmen konnte. Ich dachte mir, dass ich das jetzt schon verstand... und Eddie würde es auch verstehen.

Als ich mich umdrehte, um aus dem Zimmer herauszugehen, entdeckte ich ihn schon bei der Tür, seine Augen verengt, seine Arme am Türrahmen. Er hatte mich gefangen. Es war mir dennoch egal. Ich rannte nicht weg. Ich wich ihn auch nicht aus... nicht wie er dachte.

Ich sah zu, wie sein Blick dem Umschlag in meiner Hand folgte, als ich ihm den reichte, bis der in seiner war, und ich betrachtete ihn, wie er seinen in der Handschrift meiner Mutter geschriebenen Namen stierte. Die Art und Weise, wie er sich den ansah, machte den Anschein, dass er den so schnell erkennen konnte wie ich... Etwas daran schien wichtig zu sein, doch es ging mir in den Hinterkopf, als sein Blick meinen traf, und ich hatte nur eins zu ihm zu sagen.

„Ich möchte nicht mehr lügen.“

Ich hatte es wirklich satt... von allen den verdammten Lügen.

Ende des 9. Kapitels

Benutzeravatar
Simson
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 95
Registriert: 25 Jan 2015, 13:58

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Beitragvon Simson » 03 Jun 2018, 18:29

Phu, sehr emotionaler Teil. Man kann das Ringen der beiden Jungs um Worte und Gefühle direkt spüren.
Ich bin sooo froh, dass Rory tatsächlich auch seine Geheimnisse (Brief und hoffentlich auch das er ebenfalls schwul ist ) preisgeben will! Einzig richtige Entscheidung.
Bin schon gespannt wie Eddie und die anderen darauf reagieren :D
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

Re: In Die Wüste Gefallen - Desert Dropping

Werbung
 

 


  • Ähnliche Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Schwule Geschichten“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste