Hunde, die bellen, beißen nicht

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Svenni
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Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 23 Aug 2017, 20:53

Eine neue Geschichte von mir! Ich hoffe, ihr mögt sie. Sie ist komplett fertig geschrieben, die nächsten Kapitel werde ich nach und nach hochladen. Bitte schreibt mir doch eure Meinung zu meinem Geschreibsel. Egal ob positiv oder negativ - nur von Kritik kann man lernen.


Vielen Dank an meine liebe Beta, die sich die Mühe gemacht hat, alle Kapitel Korrektur zu lesen und mir in vielen Momenten weitergeholfen hat.


Titel: Hunde, die bellen, beißen nicht


Kurzbeschreibung:

Für viele Schwule ist es meist nicht so einfach, einen Freund zu finden. Viele müssen lange suchen, bis sie einen geeigneten Partner finden. Nicky hat dieses Problem nicht. Er hat sich gleich zwei Männer angelacht, die nichts voneinander wissen. Dumm nur, dass er sich in beide verliebt hat und er sich für einen entscheiden muss. Aber für wen?



Die Geschichte habe ich mir ausgedacht! Eine Ähnlichkeit zu meiner Person oder zu bereits bestehenden Personen / Geschichten ist nicht beabsichtigt. Und bitte klaut sie auch nicht.

Ich mache mich in den nächsten Tagen daran, eine Fortsetzung zu dieser Geschichte zu schreiben, drückt die Daumen, dass es auch klappt.

Und jetzt erstmal viel Spaß und denkt an eure Reviews.


lg

Sven - Enrico




Fünf Hunde rannten über die Wiese. Ich sah ihnen zu. Ein Jack Russel und eine Mischung aus vermutlich Windhund und Dackel jagten sich gegenseitig. Verfolgt wurden die beiden von einem jungen Schäferhund und einem Münsterländer. Gut zehn Meter weiter hinten hechelte eine Bulldogge und versuchte angestrengt hinter seinen Hundekumpels herzukommen, ehe er sich erledigt ins Gras warf.

Ich versuchte den Hunden, ihren Besitzern zuzuordnen, die sich an allen Seiten der Hundespielwiese verteilt hatten. Ich war mir sicher, dass der Schäferhund dem dicken Mann gehörte, der schräg gegenüber von mir an einem Baum lehnte und eine Zigarette zwischen den Lippen hatte.

Der Münsterländer lief im Moment auf eine junge Frau zu, die eifrig einen Futterbeutel schwenkte. Sie nahm ihren Hund an die Leine und kurz darauf waren sie aus meiner Blickweite verschwunden.

Eine alte Frau versuchte so schnell wie möglich zu ihrer am Boden liegenden Bulldogge zu gelangen, die immer noch völlig abgekämpft aussah.

Gleichzeitig schien dem Mischling die Freude am Spiel verloren gegangen zu sein. Er stürzte sich knurrend auf den Terrier und biss ihm ins Ohr. Dieser jaulte entsetzt auf und setzte zur Flucht an. Sein Weg führte jedoch direkt durch die Beine der alten Frau, die daraufhin auf ihren Hintern plumste.

„Jaaacky“, schrie ein kleines Mädchen, das ich bisher kaum beachtet hatte. Es rannte auf die Wiese und versuchte ihren Hund einzufangen, der bereits den Waldrand erreicht hatte. Trotz des Durcheinanders, das jetzt auf dem Hundespielplatz herrschte, musste ich grinsen. Jacky – was für ein einfallsreicher Name für Jack Russel Terrier.

Der Mischling, der den Tumult ausgelöst hatte, schlich jetzt ganz gemütlich zu seinen Besitzern, einem jungen Pärchen, zurück. Sie nahmen ihn ohne ein weiteres Wort zu den anderen Hundebesitzern, an die Leine und verschwanden.

Auch der dicke Mann eilte jetzt auf die Wiese. Seine Zigarette hatte er weggeworfen. Er half der alten Frau auf die Beine, während sein Schäferhund eifrig und verspielt um sie herum sprang.

Ich hörte die alte Frau schimpfen, der Mann redete wohl beruhigend auf sie ein, doch sie zerrte nur ihre Bulldogge vom Boden auf und versuchte dann mit ihren krummen Beinen über die unebene Wiese zu gelangen. Ihr Hund lag wie bewusstlos in ihren Armen.

Wenig später war der dicke Mann alleine auf der Grasfläche. Er warf einige Male einen Tennisball, dem der Schäferhund jedes Mal nachjagdte und wieder zurückbrachte, doch dann schien auch er nach Hause zu müssen. Mit seinem Hund, der zwischen seinen Beinen umher tänzelte, verließ er die Hundespielwiese und ich blieb alleine zurück.

„Wie sieht's aus, alter Mann? Wollen wir auch so langsam aufbrechen? Die Sonne geht schon fast unter und zuhause wartet dein Fressnapf auf dich“, fragte ich den großen Hund, der im Schatten meiner Bank lag.

Doch Goofy gab nur ein Seufzen von sich und vergrub seine Nase in den Grashälmen.

Ich rutschte von meiner Bank hinunter und setzte mich neben ihn auf den Boden. Mit meinen Fingern strich ich durch sein dichtes, langes Fell. Er hechelte stark. Die Sonne machte ihm zum Schaffen. Vielleicht sollte ich doch mal mit ihm zu einem Hundefriseur gehen und seinen dicken Pelz abschneiden lassen. Vielleicht würde ihm das etwas Erleichterung schaffen.

Ich zog eine Wasserschüssel aus meinen Rucksack und füllte sie mit Wasser aus einer Plastikflasche, die ich extra hierfür mitgenommen hatte. Goofy trank ein paar Schlücke und vergrub anschließend seinen Kopf erneut im hohen Gras.

Ich seufzte. Goofy war mein bester und ältester Freund. Meine Eltern hatten ihn mir zu meinem fünften Geburtstag geschenkt. Er war damals noch ein Welpe gewesen, doch er wuchs schneller als uns lieb war. Schon bald war er fast genauso groß wie ich, aber dafür umso liebenswürdiger. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, mich zu beißen und auch zu allen anderen Hunden war er verträglich. Er war ein treuer Gefährte. Umso mehr schmerzte es mir, ihm beim Altwerden zusehen zu müssen. Zwölf Jahre war er jetzt schon alt. Ein stolzes Alter für einen Leonberger. Kaum ein Hund seiner Rasse durfte so lange leben. Aber ihm sah man sein hohes Alter deutlich an. Das Fell an seiner Schnauze hatte sich weiß verfärbt und längst sprang er nicht mehr so ausdauernd und temperamentvoll zwischen den anderen Hunden umher. Ich wollte nicht daran denken, aber es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis er mich verließ. Es brach mein Herz entzwei, aber ich würde es nicht ändern können. An so heißen Tagen wie heute ging es ihm besonders schlecht. Er wollte dann kaum aufstehen und rollte sich am liebsten den ganzen Tag in seinem Körbchen ein. Es hatte mir ziemliche Mühe gekostet, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Selbst in unserem Haus war es extrem heiß gewesen und ich hatte gedacht, dass er sich hier im Schatten zwischen den Bäumen wohler fühlen könnte. Hier war sein Lieblingsplatz. Früher sind wir jeden Tag hierher gekommen. Ich war stundenlang auf der Bank gesessen und hatte ihm beim Spielen zugesehen. Jetzt sah ich anderen Hunden beim Toben zu, während er neben mir schlief.

„Komm schon, versuch' aufzustehen“, ermunterte ich den großen Hund, der sich zu meiner Freude tatsächlich auf die Pfoten hiefte. Er bog seinen Rücken durch und schüttelte sich.

„So ist es brav“, lobte ich ihn und kraulte seine Schlappohren.

Ich musste ihn nicht an die Leine nehmen, er schlenderte gemütlich den kurzen Weg bis zu unserem Zuhause hinter mir her. Meine Mutter wartete schon auf uns. Goofys Fressnapf war bereits gefüllt und auch auf mich wartete ein Abendessen. Ich setzte mich an den Tisch und beobachtete meinen Hund, der gemächlich sein in Wasser aufgeweichtes Futter schlürfte und sich dann in seinem Körbchen, das die selben Ausmaße wie mein Bett aufweisen konnte, fallen.

„Goofy scheint in letzter Zeit noch schlechter zu gehen“, bemerkte meine Mama traurig, mit Blick auf die nur halb geleerte Futterschale. Früher hatte er in Windeseile sein Fressen verputzt und immer nach einer zweiten Portion verlangt.

Ich nickte. Ich wollte nicht darüber reden. Die Vorstellung, ihn bald nicht mehr bei mir zu haben, tat auch so schon genug weh.

„Aber du fängst ja morgen deine Ausbildung an. Da erfährst du dann bestimmt, wie du ihm seine restliche Zeit so schön wie möglich machen kannst“, ergänzte sie stolz. Sie freute sich fast genauso sehr wie ich, dass ich ab morgen beim Tierarzt arbeiten durfte.

Schon seit der Grundschule stand für mich fest, dass ich was mit Tieren tun wollte. Letztes Jahr hatte ich mehrere Praktika in verschiedenen Tierarztpraxen und Kliniken gemacht und wurde mir immer sicherer, dass dieser Job genau der Richtige für mich war. Nach etlichen geschriebenen und verschickten Bewerbungen hatte ich endlich eine Zusage bekommen. Eine Praxis im Nachbarort hatte mich ausgewählt und morgen stand mein erster Tag an. Es war eine kleine Praxis mit einem Tierarzt, der mein Chef sein würde und zwei Helferinnen. Julia hatte letztes Jahr ihre Ausbildung dort angefangen und kam jetzt ins zweite Lehrjahr. Ich hatte sie und die beiden Helferinnen beim Praktikum kennengelernt und fand sie alle sehr sympathisch. Ihren Aussagen nach war ich der erste Junge gewesen, der bei ihnen zur Probe gearbeitet hatte und ganz vernarrt in ihren Job war. Und anscheinend hatte ich mich gar nicht so schlecht geschlagen, denn trotz der vielen Bewerbungen hatten sie mich ausgewählt.



Meine Mama stellte mir währenddessen einen Teller Nudelsalat auf den Tisch. Genau das richtige Essen für einen heißen Tag wie heute.

„Kommt Papa heute Abend nach Hause?“, fragte ich während ich Nudeln und Erbsen auf den Löffel häufte.

„Nein, er ist vorhin gefahren. Er hat heute mal wieder Nachtschicht.“

„Ach so.“

Eigentlich waren wir eine sehr glückliche, kleine Familie. Mein Vater war Polizist und verbrachte viel Zeit auf seiner Dienststelle, während meine Mum seit Jahren als Friseuse tätig war. Wir kamen alle gut miteinander aus und obwohl es manchmal Streit gab, konnte man sich immer aufeinander verlassen. Ich wusste, dass meine Eltern eigentlich mehrere Kinder geplant hatten, aber es einfach nicht geklappt hatte. Aber es machte mir nicht viel aus, ich war gerne Einzelkind. Nur früher hatte mir hin und wieder ein Bruder oder eine Schwester zum Spielen gefehlt, aber dafür hatte ich dann Goofy bekommen.

„Er lässt dich grüßen und wünscht dir morgen viel Spaß bei deinem ersten Tag.“

„Dankeschön. Ich bin schon richtig aufgeregt“, gab ich zu.

„Du wirst das super machen“, sprach Mum mir gut zu und beruhigte mich etwas.





Um sieben Uhr klingelte der Wecker. Normalerweise war ich ein totaler Langschläfer und hasste es, zu einstelligen Uhrzeiten aufzustehen. Aber jetzt konnte ich es keine Sekunde länger im Bett aushalten. Die Sommerferien waren vorbei und der erste Tag meiner Ausbildung stand an, aber ich freute mich.

Ich schnappte mir eine einfache, aber bequeme Jeans und ein weißes T-Shirt und wollte mich unter die Dusche stellen, doch zuvor sah ich nach Goofy, der im Erdgeschoss schlief.

Ganz ruhig lag er in seinem Körbchen und war noch im Land der Träume. Nur hin und wieder zuckte sein Ohr und er sabberte etwas. Beruhigt stieg ich die Treppe wieder nach oben und schloss die Badezimmertüre hinter mir.

Im Haus war es noch ganz still, als ich wenig später in der Küche stand und mir ein Brot zum Frühstück strich. Meine Mutter hatte montags immer frei und sie nützte es aus, um lange schlafen zu können. Ich versuchte möglichst leise zu sein, um sie nicht zu wecken.

Goofy war jedoch mittlerweile aufgewacht. Er stand neben mir an der Küchenzeile und schlapperte sein Wasser, wobei er den ganzen Holzboden nass machte. Abwesend strich ich über sein braunes Fell, während ich mein Brot verschlang und Orangensaft hinterher schüttete.

Genau rechtzeitig wurde ich fertig. Ich verabschiedete mich von Goofy, der mir mit seinen treuen Augen traurig nachblickte. Mein Fahrrad wartete im Schuppen auf mich. Liebend gerne wäre ich mit dem Auto zur Praxis gefahren, denn ich hasste es, Fahrrad zu fahren. Ich hatte zwar schon meinen Führerschein, aber mit meinen 17 Jahren durfte ich nur mit meinen Eltern auf dem Beifahrersitz herum düsen. Mein Vater hatte mir jedoch versprochen, mir zum achtzehnten Geburtstag ein Auto zu schenken.

„Auf geht's“, flüsterte ich und schwang meinen Hintern auf den Sattel.

Sogar am Morgen brannte die Sonne schon vom Himmel und ließ mich schwitzen. Auch auf der Hauptstraße herrschte schon dichter Verkehr. Die Autos brausten an mir vorbei und mehr als einmal hatte ich Angst, dass mich einer vom Rad holen würde. Zum Glück brauchte ich nur fünfzehn Minuten, um in das Nachbardorf zu kommen. Die Praxis befand sich ziemlich am Ortsrand und somit hatte ich mein Ziel schnell erreicht. Ich stellte das Rad zwischen mehreren Mülltonnen ab und wandte mich dann dem Eingang der Praxis zu.

Man, war ich aufgeregt!

Voller Vorfreude ging ich mit schnellen Schritten zur Tür. Ich zog an der Klinke, doch sie ließ sich nicht öffnen. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich zehn Minuten zu früh war. Die anderen würden sicherlich bald aufkreuzen. Ich ließ mich auf die Bank vor dem Fenster fallen und zog mein Handy aus der Hosentasche. Ich hatte in der Früh gar keine Zeit gehabt, meine Nachrichten zu beantworten. Aber viele waren es sowieso nicht, stellte ich mit einen Blick fest.

Mein Vater hatte mir geschrieben und mir nochmal einen schönen Arbeitstag gewünscht, meine beste Freundin Madita ebenso und sonst war da nur noch eine etwas längere Nachricht von Maxi.

Maxi war der einzige Kontakt in meinem Handy, den ich nicht persönlich kannte. Vor ein paar Wochen hatte er mich auf Facebook angeschrieben und seitdem chatteten wir öfter am Tag. Irgendwann waren wir von Facebook auf Whatsapp umgestiegen. Wir hatten schon öfter darüber geschrieben, dass wir uns bald treffen würden, aber bisher hatte es noch nicht geklappt. Ich war neugierig, wie er so sein würde. Er war ein Jahr älter als ich und lebte in einer eigenen kleinen Wohnung in der Stadt. Er hatte mir jedoch sehr schnell erzählt, dass er mich nur angeschrieben hatte, weil er aus meinem Profil hatte herauslesen können, dass ich genau wie er schwul war und er mich hübsch fand. Ich fragte mich zwar, welche meiner Beiträge ihn auf meine sexuelle Orientierung hingewiesen hatten, aber das war mir auch egal. Maxi war, zumindest im Internet, sehr nett, aber ich befürchtete, dass er auf eine Beziehung aus war und ich bezweifelte, ob ich das jetzt unbedingt wollte.

In seiner neuesten Nachricht erzählte er mir von einem wichtigen Fußballspiel, das er heute Nachmittag haben würde. Schnell antwortete ich ihm und wünschte ihm viel Glück.

Währenddessen fuhr ein Wagen auf den Hof und Julia stieg aus.

Lachend lief sie auf mich zu. „Ich habe mich schon darauf gefreut, dass du heute bei uns anfängst“, verkündete sie lachend.

„Ich habe es vor Aufregung nicht mehr länger zuhause aushalten können“, grinste ich und betrat hinter dem Mädchen die Praxis. Automatisch fiel mir der Geruch nach Desinfektionsmittel und Tieren auf, aber er gefiel mir.

In der Praxis kannte ich mich dank meines Praktikums noch relativ gut aus. Das Wartezimmer war groß und kreuz und quer standen die Stühle und Bänke. Einige Tische fanden dazwischen platz und waren mit Zeitschriften und Malbücher für die Kinder bedeckt.

Ansonsten gab es noch ein Behandlungsraum mit Ultraschallgerät, ein kleines Labor, einen übersichtlichen Empfang und eine Angestelltenküche. Das Röntgengerät und den Raum für die stationären Tiere befand sich hinter einem kleinen, verdeckten Gang, der vom Wartezimmer aus abging.

Ich hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als ich Julia durch die Räume folgte, die sämtliche Computer und Geräte in den Räumen anschaltete.

„Wir haben dir auch schon einen Kittel bestellt“, erzählte sie mir, als wir die Küche betraten. Sie hängte ihre Jacke an einen Kleiderbügel und zog von einem anderen einen dunkelblauen Kittel hinunter. „Ich hoffe, der passt dir.“

Ich dankte ihr und zog mir das Teil über. Es war mir viel zu groß und hing wie ein Sack an meinem Körper herunter, aber ich fühlte mich jetzt wie ein richtiger Tierarzt.

„Wann kommen denn die Patienten?“, fragte ich das Mädchen.

„Am Vormittag haben wir meist Operationstermine. Nach der Mittagspause haben wir dann offene Sprechstunde, aber ich weiß nicht, wieviel da los sein wird.“

„Haben wir heute auch OPs?“ Ich konnte es kaum erwarten, dabei zuzusehen.

„Ja, heute Morgen aber nur eine. Eine Hündin wird kastriert, aber ansonsten schaut es für heute eher ruhig aus. Es sei denn, ein Notfall kommt dazwischen.“

„Kommt das denn oft vor?“

„Zum Glück nicht so. Aber man kann es nie wissen. Komm mit, ich zeige dir Nena“, verkündete sie dann und ich folgte ihr in den Stall.

Drei große Tierboxen befanden sich dort. Ich wusste bereits, dass die Tiere nach den Operationen oder mit schweren Krankheiten dort untergebracht wurden.

Zwei der Boxen waren leer, aber in einer rekelte sich eine tiefschwarze Katze. Als sie uns sah, begann sie, auf und ab zu laufen und streckte ihre Pfoten durch das Gitter.

„Die ist ja niedlich“, schwärmte ich, „was hat sie denn?“

„Sie ist letzte Woche von einem Auto angefahren worden. Aber sie hatte wahnsinniges Glück. Ein Bein mussten wir zwar amputieren, aber sie kommt auch so super zurecht. Die Wunde schaut auch gut aus und vermutlich darf sie bald wieder nach Hause.“

Ja, jetzt stellte ich es auch fest. Das hintere, linke Bein der armen Katze fehlte. Aber so, wie sie jetzt munter in ihrem Käfig umher spazierte und immer wieder mit ihrem Pfoten nach mir schlug, war ich mir sicher, dass sie auch ohne dieses Bein gut klar kommen würde.

„Du kannst sie füttern und ihre Box sauber machen“, erklärte mir Julia und holte eine Dose Katzenfutter aus dem Schrank. „Aber pass auf, dass sie dir nicht raus springt. Ich bin derzeit vorne, falls du was brauchst.“

Ich nickte. Kaum war sie verschwunden, öffnete ich die Gittertür und hielt Nena vorsichtig meine Hand hin. Sie schien sofort Vertrauen zu mir zu haben, denn sie schmiegte ihren kleinen Kopf in meine Handfläche und fing an zu schnurren . „Du bist wirklich niedlich“, flüsterte ich. Genau so hatte ich mir den Job vorgestellt. Die ganzen Tag Tiere um mich herum. Wenn das kein Paradies war!

Mit einer Hand kraulte ich das weiche Fell der Katze, während ich mit der anderen Hand das Katzenklo und ihre Futterschüssel aus der Ecke hervor zog. Ich spülte beides am Waschbecken ab und füllte sie mit neuem Katzenstreu und Futter. Nena stürzte sich sofort auf das Fressen, als ich es in ihre Box zurückstellte und verschlang es gierig. Ich wusch mir meine Hände und trocknete sie an der Hose ab. Die erste Aufgabe hatte ich erfüllt.



Julia traf ich im Behandlungsraum wieder. Sie sortierte Spritzen und Kanülen in eine Schublade ein.

„Kann ich dir was helfen?“, fragte ich sie.

„Oh, nein danke. Ich bin schon fast fertig. Aber du könntest schon mal den Tisch sauber machen.“ Sie deutete auf eine Sprühflasche, die am Waschbecken stand und auf einen Lappen daneben. Ich nahm die Flasche in die Hand, sprühte den Tisch mit der sich darin befindenden Flüssigkeit ein. Anhand des Geruchs stellte ich schnell fest, dass es sich um Desinfektionsmittel handelte. Währenddessen hörte ich, wie eine Türe aufgeschlagen wurde und eine große, braunhaarige Frau stürmte in den Raum.

„Ich habe es Luca schon so oft gesagt! Das war das letzte Mal gewesen! Heute Nachmittag werde ich ihm die Ohren lang ziehen. Stell dir das Mal vor – Lena – zum dritten Mal hat seine Lehrerin schon bei uns angerufen, weil er seine Hausaufgaben nicht macht! Dabei frage ich ihn jeden Tag und er behauptet immer, er hätte sie in der Schule schon fertig gemacht. Aber warte.! Nicht noch einmal“, zeterte die Frau und ich trat automatisch einen Schritt zurück.

Ich kannte sie schon, ihr Name war Dajana und sie arbeitete schon seit mehreren Jahren in dieser Tierarztpraxis. Auch ihr aufbrausendes und lautes Temperament war mir schon bekannt. Beim Praktikum war sie aber trotz allem sehr nett zu mir gewesen und ich hoffte, dass das auch weiterhin so bleiben würde.

Eine weitere, etwas jüngere Frau streckte ihren Kopf zur Tür herein.

„Das ist der Grund, wieso ich keine Kinder möchte“, kicherte sie und schlüpfte gleichzeitig in ihren Kittel.

„Du hast so Recht, Lenalein. Tu dir das bloß nicht an. Ich brauch jetzt dringend eine Tasse Kaffee. Soll ich euch eine mitmachen?“

„Für mich nicht, danke“, erwiderte Julia, während die andere Helferin, Lena, laut bejahte.

Ich hielt mich immer noch im Hintergrund, wurde aber bald von Dajana bemerkt.

„Oh Nicky! Dich habe ich ja ganz vergessen. Stimmt, heute ist ja dein erster Tag bei uns Chaoten. Wir dürfen doch wieder Nicky sagen, oder?“

Ich bejahte. Nicky nannten mich fast alle Leute, die mich kannten. Nur Lehrer hatten meinen vollen Namen, Nicolas, verwendet. Aber die Abkürzung war mir deutlich lieber.

„Ich hoffe, du fühlst dich wohl bei uns. Wir werden unser Bestes versuchen.“ Sie zwinkerte mir zu und war dann blitzschnell in der Küche verschwunden, wo sofort die Kaffeemaschine zu laufen anfing.



Ich blieb alleine im Behandlungsraum zurück. Ich sah mir alle Schränke an. In den meisten befanden sich Ampullen, Fläschchen mit Arzneimitteln, Verbandsmateralien, Tabletten und weitere Medikamente. Ich fand das alles so interessant, dass ich gar nicht mitbekam, dass bereits die ersten Patienten die Praxis betreten hatten. Neugierig schlich ich mich in den Empfang, um die Anmeldung der Personen mitzubekommen.

Julia saß am Computer und trug die Namen der Leute ein. Ich bekam mit, dass der erste Patient, ein gewisser Herr Kanz, mit seinem Labrador zum Impfen da war. Julia bat ihn , noch einen Augenblick im Wartezimmer Platz zu nehmen, aber er fing sofort zu Meckern an, dass er keine Zeit zum längeren Warten hatte. Julia beruhigte ihn, indem sie sagte, dass er direkt der erste Patient sein würde und Dr. Bär sofort mit der Behandlung anfangen würde, sobald er im Haus war.

Immer noch murrend stampfte der Mann schließlich doch ins Wartezimmer und zog eine dicke, braune Hündin mit sich mit. Das konnte spannend werden. Ich hoffte, dass ich bei dieser Behandlung zusehen durfte.

Dajana setzte sich mit einem Kaffeebecher in der Hand neben Julia an die Anmeldung und zog einige Blätter an sich heran.

„Wolltest du diese Formulare nicht eigentlich am Freitag absenden?“, fragte sie.

„Ja, eigentlich schon. Ich bin nur leider nicht mehr dazu gekommen, tut mir leid“, entschuldigte Julia sich, „aber ich kümmere mich sofort darum.“

Dajana nickte und trank einen großen Schluck Kaffee. „Das wäre nicht schlecht. Frau Voges wartet auf ihre Unterlagen.“

Sie legte die Blätter beiseite und seufzte. „Der Chef ist heute mal wieder spät dran. Ich hoffe, er macht nicht so wieder eine Hektik wie letzte Woche.“

„Das hoffe ich auch“, gab Julia zu, „am Freitag war er besonders schlimm. Er hat mich von einer Ecke in die nächste gehetzt und nichts konnte ich ihm recht machen.“

„Unser Chef ist eigentlich recht in Ordnung“, wandte sich Dajana an mich, „aber er ist der totale Hektiker. Nichts kann ihm schnell genug gehen und er ist furchtbar ungeduldig. Julia kann schon ein Lied davon singen. Ich hoffe, dass du damit klar kommst.“

Ich hoffte es auch. Beim Praktikum war Dr. Bär – mein jetziger Chef – zwar sehr nett zu mir gewesen, aber ich hatte ihn an einem sehr ruhigen Tag antreffen dürfen. Wie er in Stresssituationen war, wusste ich nicht.

„Ah, da kommt er ja“, bemerkte Julia, während sie die Formulare, die Dajana zuvor in der Hand hatte, zu sich her zog.

Ich reckte meinen Hals und sah gerade noch einen Mann, der in Lichtgeschwindigkeit mit seinem Mountainbike auf den Hof raste. Er legte eine Vollbremsung hin und wäre trotzdem beinahe in der Hauswand gelandet. Er sprang vom Sattel, ließ sein Fahrrad einfach fallen und stürmte seine Praxis.

Er wurde von einem einstimmigen 'Hallo' von uns allen begrüßt, aber er nickte uns nur schnell zu. Mir klopfte er dabei kurz auf die Schulter und verschwand dann im Behandlungszimmer.

„Julia, denk bitte daran, mir nach 12 Uhr keine Termine mehr einzutragen! Ich muss pünktlich weg. Und wer ist jetzt der erste Patient? Kann ich seine Karteikarte haben? Wieso ist noch nicht alles vorbereitet, Mensch?!“

Julia seufzte und grinste mir vielsagend zu. „Daran wirst du dich gewöhnen müssen“, meinte sie, während sie in einer Schublade mit etlichen Karteikarten durchsuchte und die von Dr. Bär gewünschte hervorzog.

Hunde, die bellen, beißen nicht

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Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 25 Aug 2017, 20:31

Der Vormittag verlief sehr spannend. Die Zeit verging wie im Fluge. Nachdem sich der ungeduldige Herr Kanz mit seinem Labrador verabschiedet hatte, kam schon recht bald eine Dame mit der Hündin, die kastriert werden sollte. Das war sehr interessant gewesen. Ich hatte zugesehen, wie Dr. Bär mit Lena eine Braunüle in das Bein des Tieres geschoben, dann die Narkosemittel gespritzt und schließlich deren Bauch rasiert hatte. Ich hatte sogar während der Operation zusehen dürfen. Anfangs hatte ich ein bisschen Angst gehabt, dass mir übel werden könnte. Es gab schließlich schon eine Menge Blut zu sehen, aber außer meinen Beinen, die ein wenig zitterten, ging es mir gut. Ich war nicht umgefallen und hatte auch nicht auf das OP-Besteck gekotzt. Da konnte ich schon stolz auf mich sein.
Ich saß neben der Hündin, bis sie wieder aus ihrem Tiefschlaf aufwachte und richtete ihr im Stall eine schöne Box mit Kuscheldecke und riesigem Wassernapf her. Heute Abend würde ihre Besitzerin, die sie sicherlich schon schmerzlich vermisste, sie wieder abholen.
Ich bekam erst mit, dass es bereits 12 Uhr war, als Dr. Bär an mir vorbei zu seinem Fahrrad stürmte und genauso schnell wie am Morgen davon radelte.

„Na, wie war dein erster Vormittag so, Nicky?“, fragte Lena mich, „was hast du für einen Eindruck?“
„Klasse“, lobte ich, „es war richtig spannend gewesen. Ich bin wirklich froh, dass ich hier sein darf.“
„Das freut uns. Wir sind auch froh, dass du dich bei uns beworben hast. Die anderen Interessenten waren nämlich alle ziemlich schlecht. Sie konnten kaum einen Hund von einer Katze unterscheiden.“ Sie lachte.
Dajana kam in der Zeit mit einem zweiten Kaffeebecher an. „Ich habe gestern extra Kuchen gebacken. Hat von euch denn niemand Hunger?“
„Kuchen? Niemals esse ich Kuchen. Damit kannst du mich jagen“, erwiderte Lena, aber man konnte die Ironie deutlich aus ihrer Stimme heraus hören. „Zeig mal, was für ein Meisterstück ist es denn geworden?“
„Nur ein einfacher Erdbeerkuchen. Für mehr hat die Zeit nicht gereicht. Ich musste mit Tamara noch zum Friseur und Joschie hatte am Nachmittag Fußballtraining.“
Ich schlich hinter den beiden in die Küche. Julia richtete schon mehrere Teller her.
„Möchtest du auch ein Stück, Nicky?“, wurde ich gefragt.
Ich hatte bisher kaum gemerkt, dass ich Hunger hatte. Aber jetzt hörte ich meinen Magen schon gewaltig knurren. „Sehr gerne“, antwortete ich daher und setzte mich auf einen Stuhl.
Dajana reichte mir ein Stück ihres Erdbeerkuchens und eine Schale mit Schlagsahne. „Ich weiß gar nicht, wo mir im Moment die Zeit bleibt. Ich hab zuhause so viel zu tun. Tamara und Joschie sind nur am Streiten, Paula grenzt sich total von allem aus und dann noch den ganzen Ärger, den Luca mir mit seinen Lehrern macht. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf derzeit steht“, jammerte sie währenddessen.
„Lena hat vier Kinder zuhause“, erklärte Lena, mit einem mitleidigen Blick auf Dajana, mir.
„Eigentlich fünf“, warf sie jedoch ein, „Philip benimmt sich auch wie ein Kind. Man könnte meinen, er sei 12 und keine 50!“
„Hast du auch Geschwister?“, wollte Julia von mir wissen.
„Nein, ich bin Einzelkind“, gab ich zu und piekste eine Erdbeere auf die Kuchengabel.
„Deine Eltern hatten es mit dir bestimmt einfach, oder?“, vermutete Dajana.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Aber Haustiere hast du dafür bestimmt oder?“, fragte Julia weiter.
„Ja“, grinste ich stolz, „einen 12 Jahre alten Leonberger. Ich habe ihn damals als Welpe geschenkt bekommen.“
„12 Jahre? Das ist ein stolzes Alter für so einen großen Hund. Ihm geht es soweit aber gut, oder?“
Ich biss mir auf die Lippen. „Ne, das ist das Problem. Er ist bei Weitem nicht mehr so fit wie früher. Gerade die Hitze macht ihm sehr zu Schaffen.“
Lena überlegte. „Wir haben letzte Woche neue Tabletten ins Sortiment aufgenommen. Extra zur Unterstützung von alten Hunden. Wenn du möchtest, kannst du gerne ein paar davon ausprobieren. Falls das nichts nützt, nehme ihn doch mal mit und lass ihn vom Chef abhören. So viel Zeit wird er sicherlich haben.“
Ich nickte und dankte den Frauen.
„Die Mittagspause ist jetzt gleich vorbei, wann glaubt ihr, wird unser Chef diesmal auf der Matte stehen? Meint ihr, er schafft es pünktlich?“, überlegte Lena.
„Bestimmt nicht. Er hat mir vorhin gesagt, dass er einen Termin beim Zahnarzt hat und das kann dauern“, verneinte Dajana und leerte ihren Becher.

Sie hatten recht gehabt. Fünf Patienten warteten bereits ungeduldig im Wartezimmer und starrten permanent die Wanduhr an, als Dr. Bär mit reichlich Verspätung in seine Praxis hetzte. Diesmal keuchte er sogar leise eine Entschuldigung, während er sich selbst einen Stapel Karteikarten schnappte und den ersten Patienten aufrief.
Ich durfte wieder bei den Behandlungen zusehen. Ich hielt die Katzen, während Dr. Bär Spritzen setzte, Blut abnahm oder die Temperatur kontrollierte. Sogar das eine oder andere Medikament durfte ich aufziehen und war mächtig stolz auf mich.
Gegen Ende der Sprechstunde wurde es ruhiger, nur noch einzelne Patienten kamen, um Medikamente und Entwurmungsmittel abzuholen und pünktlich um 16 Uhr verabschiedeten wir den letzten Patienten.
„Gut hast du dich heute geschlagen“, lobte mich mein Chef, als er seinen Kittel in die Garderobe hängte und zauberte somit ein Grinsen auf mein Gesicht.


Goofy wartete schon sehnsüchtig auf mich. Er watschelte mit seinen dicken Beinen auf mich zu. Ich freute mich, ihn zu sehen. Er legte seinen Kopf auf meinen Schoß und brummte zufrieden. Noch war ich alleine, mein Dad hatte derzeit viel auf der Dienststelle zu tun und meine Mum traf sich sicherlich mit ihren Freundinnen.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche. Eine Nachricht von Maxi wartete auf mich. Ich zögerte etwas, als ich seine Nachricht las. Er fragte mich tatsächlich, ob ich heute Abend spontan Zeit hätte.
Klar, wir hatten schon öfter darüber geschrieben, aber war das nicht ein bisschen zu spontan?
Ich konnte nicht lange überlegen, denn mein Mobilphone fing an zu klingeln. Maxis Name stand auf dem Display. Langsam strich ich über das grüne Hörer-Symbol und hielt mir das Handy ans Ohr.
„Hallo Nicky. Wie geht’s dir denn so?“, wurde ich begrüßt.
Ich hörte Maxis Stimme zum ersten Mal. Sie war ziemlich dunkel und tief, klang aber trotzdem sympathisch.
„Ganz gut und selber so?“, fragte ich ein wenig schüchtern.
„Passt eigentlich alles. Du, sag mal – wollen wir uns nicht heute Abend sehen? Es würde mich freuen.“
„Ähm“, verdammt – mir fiel so auf die Schnelle keine Ausrede ein. Aber wollte ich wirklich absagen? Irgendwie war ich schon neugierig, wie Maxi wohl sein würde.
Also sagte ich, wenn auch zögerlich, zu.
„Sehr schön. Ich habe sogar schon einen Vorschlag, was wir machen könnten“, erwiderte er voller Euphorie.
„Und der wäre?“ Maxis gute Laune am Telefon gefiel mir.
„Ich hole dich von zuhause ab und dann fahren wir zurück in die Stadt. Da ist derzeit ein Volksfest. Hast du Lust, dort hin zu gehen? Da ist es immer total lustig.“
Volksfeste gefielen mir. Ich liebte es, die verrücktesten und wildesten Karussells zu fahren.
„Klar, gerne“, antwortete ich daher.
„Super. Dann sag mir deine Adresse, ich kann dann hoffentlich in einer halben Stunde bei dir sein.“
Erneut hatte ich Bedenken. Sollte ich wirklich einem völlig Fremden meine Adresse nennen?
„Also?“ Maxi klang schon ungeduldig, als ratterte ich ihm schnell den Straßennamen und die Hausnummer herunter.
Mit wenigen Worten der Verabschiedung legte er auf und ich sah Goofy zweifelnd an. Ob es so schlau war, ihm zu verraten, wo ich wohnte?
Hoffentlich war er kein Fake. Aber am Telefon hatte er eigentlich ganz nett geklungen.
„Du wirst mich schon verteidigen, wenn er was Böses will, nicht wahr?“, fragte ich den großen Hund, der müde mit dem Schwanz wedelte.
Jetzt musste ich aber erst einmal Duschen gehen, schließlich roch ich noch nach Tierarzt.
„Ich muss dich leider schon wieder alleine lassen“, meinte ich zu Goofy, als ich meine dunkelblonden Haare im Spiegel richtete, „aber ich glaube, ein ruhiger Abend ist in deinem Sinne, nicht wahr?“
Schon klingelte es an der Türe. Ich strich ein letztes Mal über Goofys Fell und lief dann die Treppe hinunter. Ein bisschen aufgeregt war ich, als ich die Haustüre öffnete.
Ein großer, junger Mann stand davor. Er hatte die selben gebleichten Haare wie auf seinen Fotos und große, braune Augen.
Ich fand ihn sofort hübsch und meine Wangen liefen rosa an.
„Hallo Nicky.“ Seine Stimme klang gleich noch viel schöner als am Telefon, „schön, dich endlich zu sehen.“
„Ebenso“, lächelte ich.
„Wie sieht's aus, darf ich rein kommen?“
„Eh- ja klar.“ Ich trat zur Seite. Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir sofort in die Stadt fahren würden. Ich wusste nicht, ob ich einen fast Fremden im Haus haben wollte.
„Schön lebst du hier. Ich würde auch viel lieber ländlich wohnen. Meine Zwei-Zimmer Wohnung regt mich jeden Tag auf“, erzählte er.
„Wieso bist du denn schon von zuhause ausgezogen?“, fragte ich neugierig.
„Ach, Streit mir der Familie. Nichts besonderes.“
Ich fragte nicht weiter nach.
„Das ist dein Hund?“ Maxis Stimme hatte plötzlich eine Oktave weiter oben angeschlagen. Ich beobachtete Goofy, wie er gemächlich die Treppe nach unten schlenderte und dabei gähnte.
„Der ist ja groß.“
„Ja, er ist ein Leonberger. Hat stolze 75 Zentimeter Schulterhöhe.“
Maxi trat einige Schritte zurück, als Goofy näher kam. „Ich hab ein bisschen Respekt vor Hunden“
Goofy schnupperte in der Zeit an den Schuhen meines Gastes. Augenblicklich erstarrte Maxi. Seine Augen blickten mich flehend an.
Ihm zuliebe rief ich Goofy zurück und schickte ihn in sein Körbchen.
Maxi sah echt niedlich aus, während er meinem Hund erleichtert hinterher starrte.
Obwohl seine Angst sicherlich keine gute Voraussetzung für uns beide war.
„Gut, wollen wir jetzt zu meinem Auto? Ich hab Lust aufs Volksfest“, bat Maxi mich und ich sagte zu.
Ich verabschiedete mich von Goofy und folgte Maxi aus meinem Haus. Ein grauer Peugeot wartete am Straßenrand auf uns. Ich hoffte, dass Maxi ein guter Fahrer war und uns nicht umbringen würde.
„Hast du Lust Cabrio zu fahren?“, fragte er mich und drückte gleichzeitig auf einen Knopf, wodurch sich das Dach über uns öffnete. Das war ja cool! Ich war noch nie Cabrio gefahren.
Der Fahrtwind zerzauste meine Haare und brachte mich zum Grinsen. Maxi sang lautstark zu mehreren Michael Jackson Songs, die er auf einer CD abspielte, mit. Er konnte gut singen, das rauchige in seiner Stimme passte hervorragend zu den Liedern.

„„So, da wären wir“, verkündete er kurz darauf. Ich konnte schon ein Riesenrad am Horizont erkennen.
Maxi stellte den Peugeot am Parkplatz ab und schlenderte mit mir zum Volksfest. Währenddessen erzählte er mir sehr detailreich von seinem Fußballspiel, das sie leider 3:5 verloren hatten.
„Aber ich habe zwei Tore geschossen“, fügte er stolz hinzu.
Ich war zwar kein Fußballfan und kannte mich auch überhaupt gar nicht damit aus, trotzdem tat ich Maxi den Gefallen und hörte mir alles ganz genau an und stellte sogar Fragen dazu.
Schon bald schlug mir der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln entgegen. Darauf freute ich mich am meisten.
Auf dem Fest selbst war es eher ruhiger. Nur vereinzelte Pärchen oder Jugendliche liefen durch die Gänge. Wer wollte Montagabend auch etwas unternehmen?!
Maxi schien das nicht zu stören. Er redete immer noch ohne Punkt und Komma. Mittlerweile war er aber von Fußball auf Handys übergegangen. Ich hörte ihm gerne zu und dieses Thema interessierte mich schon etwas mehr. Ich wusste aus unseren Nachrichten, dass es sein Job war, Handys zu verkaufen. Das war auch gar nicht so schlecht, meines gab langsam aber sicher den Geist auf. Vielleicht konnte ich bei ihm bald ein neues Mobilphone kaufen?
„Schau mal, ich habe noch Autoscooter Chips vom letzten Jahr. Da fahren wir gleich, okay?“, fragte Maxi mich voller Energie.
Sofort wurde ich zu den kleinen Autos gezogen.
Ich hasste Autoscooter, seitdem ich mir vor Jahren den Arm darin gebrochen hatte.
Aber ehe ich mich versah, saß ich in einem der bunten Fahrzeuge und starrte ängstlich zu Maxi herüber.
„Keine Angst, ich bin ein guter Fahrer“, lachte er und lenkte das Auto zu den anderen. Da die meisten anderen Fahrer Kinder waren und alle Zusammenstöße auswichen, überlebte ich die Fahrt.
„Da müssen wir nachher unbedingt nochmal machen“, jubelte er.
Ich grinste verlegen.
Währenddessen erblickte ich ein Fahrgeschäft, in das ich viel lieber steigen würde. Kleine Sitze drehten sich in diesem sehr schnell um die eigenen Achse, wodurch man das Gefühl hatte, aus dem Karussell zu fliegen. Ich liebte diesen Nervenkitzel.

„Da will ich als nächstes rein“, verkündete ich und zeigte mit dem Finger auf das Fahrgeschäft.
Maxi blieb der Mund offen stehen. „Damit willst du fahren?!“
„Ähm ja?“
„Bist du lebensmüde?“
„Wieso denn?“
„Siehst du das Teil nicht?! Da drin stirbt man.“
„Nee, wie willst du denn da sterben?“
„Indem man raus fliegt?!“ Maxis entsetzter Blick brachte mich fast zum Lachen.
„Da kannst du nicht raus fallen. Man ist da gesichert.“
„Ja, ja wers glaubt.“
„Also du fährst das nicht mit mir?“, fragte ich vorsichtig, obwohl ich die Antwort schon kannte.
„Niemals. Wenn du da rein willst – okay. Ich schau dir beim Sterben zu. Schade eigentlich, ich fand dich eigentlich ganz nett“. Er zwinkerte mir zu.
„Ich werde nicht sterben“, erklärte ich mit fester Stimme, aber irgendwie hatte ich jetzt doch ein flaues Gefühl im Magen.
„Na dann – steig ein. Ich mach derweil Fotos von dir.“
„Du kommst wirklich nicht mit?“
„Never ever.“ Maxi lachte laut.
Am liebsten hätte ich es mir jetzt doch anders überlegt, aber die Blöße wollte ich mir vor Maxi nicht geben. Also versuchte ich so lässig wie möglich zu dem Karussell zu schlendern. Ich kaufte mir einen Fahrchip und ließ mich von dem Mitarbeiter zu einem freien Platz dirigieren.
Ehe ich mich versah, saß ich in dem unbequemen Plastiksitz und ein Sicherheitsbügel drückte fest auf meine Körpermitte. Ich wäre am liebsten sofort wieder ausgestiegen. Maxi stand immer noch an der selben Ecke und grinste mir breit zu. Sein Handy hatte er bereits in der Hand. Wahrscheinlich wollte er wirklich Fotos von mir machen.
Ein lautes Piepen ertönte. Die Fahrt begann. Ich klammerte mich ängstlich an die Griffe. Immer schneller begann das Fahrgeschäft, sich zu drehen. Ich wurde in meinem Sitz herum katapultiert und nach vorne und hinten geschleudert.
Aber seltsamerweise machte es mir Spaß. Umso schneller es sich drehte, umso mehr lachte ich. Ich verlor völlig die Orientierung, sah abwechselnd Himmel und Boden.
Maxi hatte unrecht. Hierin starb man nicht. Hierin hatte man mordsmäßigen Spaß.
Viel zu schnell war die Fahrt vorbei. Die einzelnen Sitze drehten sich immer langsamer und kamen schließlich ganz zum Stehen.
In meinem Kopf drehte sich alles ein bisschen und meine Beine schlotterten etwas, aber insgesamt ging es mir mehr als gut.
Gut gelaunt sprang ich aus dem Sitz und ging mit festen Schritten auf Maxi zu. Den anderen Mitfahrern schien es bei Weitem nicht so gut wie mir zu gehen. Sie klammerten sich mit letzten Kräften aneinander und versuchten, nicht auf den Boden zu fliegen.
Maxi kam mir schon entgegen.
„Siehst du, ich lebe noch“, bemerkte ich und sah ihn provozierend an.
„Pures Glück“, lachte meine Begleitung.
„Fährst du in der nächsten Runde mit?“
„Du willst tatsächlich noch einmal Fahren?“ Maxis Blick war schon fast wieder lustig.
„Natürlich. Mir macht das Spaß. Was ist mit dir?“
„Auf gar keinen Fall. Ich würde das ganze Karussell voll kotzen.“
„Na, das wäre nicht so gut.“
„Nein, überhaupt nicht. Ich kann so etwas überhaupt nicht ab. Ich würde Wochen brauchen, um mich zu erholen.“
„Dann bleib lieber hier draußen.“
„Fährst du jetzt gleich noch einmal?“
Ich überlegte. Lust hatte ich schon. Aber ich wollte Maxi nicht erneut alleine draußen stehen lassen, also verneinte ich.

Wir spazierten weiter gemütlich über das Volksfestgelände.
„Soll ich dir eine Rose schießen?“, fragte Maxi mich plötzlich.
„Wie bitte?“ Ich konnte die Frage im ersten Moment kaum glauben.
Aber Maxi packte einfach meine Hand und zog mich zu einem Schießstand.
Ich stand daneben, als er dem Personal Geld reichte und sich ein Luftgewehr schnappte.
Mein Vater hatte früher immer versucht, mir die größten Kuscheltiere zu schießen, aber geklappt hatte es nur selten. Meine Mama war am Schluss über das verschwendete Geld wütend gewesen, hatte sich aber durch den Strauß Plastikrosen, den mein Vater ihr dann überreicht hatte, wieder beruhigt. Ich lächelte über diese Erinnerung.
Maxi zielte und schoss. Er traf die Hälfte eines kleinen Plastiksterns.
Die Mitarbeiterin schüttelte den Kopf. „Der ganze Stern muss abfallen, dann gibt es einen Punkt.“
Maxi blickte sie genervt an, zielte dann ein zweites Mal und diesmal traf er den Stern genau in der Mitte.
Er grinste siegessicher und schoss gleich ein zweites Mal.
Am Schluss hatte er neun von zehn Schüsse getroffen. Die Mitarbeiterin überreichte in einen ganzen Strauß roter Plastikrosen. Maxi überreichte ihn mir.
„Das nächste Mal bringe ich dir echte Rosen mit“, strahlte er und meine Wangen verfärbten sich rosa.

Als wir gerade ein zweites Mal am Autoskooter vorbei kamen, traute ich meinen Augen kaum.
Meine Eltern saßen in einem der kleinen Autos. Sie schienen sich köstlich zu amüsieren. Ich konnte das Lachen meiner Mutter bis hier her hören.
„Was ist, willst du jetzt nochmal Autoscooter fahren?“, fragte Maxi, der meinen Blick falsch deutete.
„Nein. Jetzt nicht.“
„Wieso denn?“ Maxi war ziemlich überrascht.
Mit dem Zeigefinger deutete ich auf das Ehepaar im roten Auto. „Das sind meine Eltern.“
„Ach sooo.“ Maxi schien das sehr amüsant zu finden. „Wusstest du, dass sie da sind?“
„Ne, natürlich nicht.“
„Sie sehen aber ziemlich nett aus.“
Ich zuckte mit den Schultern. Klar, meine Eltern waren nett und ich kam relativ gut mit ihnen aus, aber während meines ersten Dates wollte ich sie wirklich nicht begegnen, also zog ich Maxi schnell weiter.

„Es fängt an zu regnen“, stellte Maxi eine Stunde später unnötigerweise fest.
Auf meiner Nase landete ein Tropfen und ich sah missmutig zum Himmel empor. Schwere Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben.
„Darauf habe ich jetzt gar keinen Bock“, maulte Maxi.
„Können wir leider nicht ändern.“
„Schaut auch nicht so aus, als würde es bald wieder aufhören“, meinte Maxi schlecht gelaunt, „aber weißt du, was wir unbedingt noch machen müssen?“
„Was meinst du?“
„Riesenrad fahren! Das wollte ich unbedingt mit dir machen. Wie sieht's aus? Hast du Höhenangst?“
Ich schüttelte den Kopf und somit war es für Maxi beschlossene Sache.
Seine gute Laune war zurück, er ergriff meine Hand und zog mich mit zu diesem Fahrgeschäft.
Zu meinem Leidwesen kamen wir direkt an meinen Eltern vorbei. Maxi schien sie ebenfalls zu erkennen, denn er winkte ihnen mit seiner freien Hand zu.
Mir war das ein wenig peinlich, denn meine Mum bekam natürlich Stielaugen, als sie mich an der Hand eines anderen Kerls entdeckte. Wie gut, dass ich mich bereits vor Monaten bei ihnen geoutet hatte. Sonst hätte ich morgen zuhause ganz schön was erklären müssen.
„Ich lade dich ein“, verkündete meine Begleitung stolz und reichte der Kassiererin einen zehn Euro Schein.
„Ich bin schon lange nicht mehr Riesenrad gefahren“, offenbarte ich.
„Ich bin noch gar nie in einem gesessen“, grinste Maxi, „aber ich wollte es unbedingt mal machen.“
Eine Gondel hielt direkt vor uns und wir stiegen ein. Wir waren die einzigen Fahrgäste. Die meisten anderen Besucher hatten das Fest mit den ersten Regentropfen verlassen.
Meter für Meter wurden wir 'gen Himmel getragen. Eigentlich war das recht romantisch, wenn mir nicht so kalt wäre.
Maxi saß ganz nah bei mir. „Wie schön die Welt von hier oben aussieht“, bemerkte er.
Ich nickte.
„Erzähl was von dir“, forderte er mich auf.
„Ich soll was von mir erzählen?“
„Ja. Ich will alles wissen.“
„Dann stell Fragen.“
„Ich überlege mir welche. Einen Augenblick.“ Er schien wirklich kurz nachzudenken, ehe er mir die erste Frage stellte. „Welches Buch hast du zuletzt gelesen?“
„Bücher? Oh.“ Ich wurde ein wenig rot im Gesicht, „es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal ein Buch gelesen habe. Also freiwillig, nicht in der Schule.“
„Und was war das letzte Buch gewesen, das du in der Schule gelesen hast.“
„Ähm.“ Ich überlegte. „Ich glaube, das war 'Berlin Alexanderplatz' von Alfred Döblin gewesen.“
„Ach, das kenne ich auch. Habe ich auch gelesen – allerdings freiwillig.“
„Oh. Wow.“ Ich staunte nicht schlecht.
„Weiter geht’s. Was ist deine Lieblingsfarbe?“
„Ich hab keine Lieblingsfarbe.“ Ich fand die Frage ziemlich merkwürdig.
„Jeder hatte als Kind eine Lieblingsfarbe. Du bestimmt auch, oder?“
„Ja. Damals habe ich alles geliebt, was gelb war. Meine Eltern haben mir damals bergeweise gelbe Bettwäsche kaufen müssen und meine Zimmerwände waren damals noch in einem knalligen Gelb-Orange gestrichen.“
Maxi schien die Antwort zu akzeptieren. „Wann warst du zuletzt im Krankenhaus“, fragte er nach kurzem Überlegen.
„Letztes Jahr. Aber nur zu Besuch, als bei meiner besten Freundin der Blinddarm raus operiert werden musste. Patient war ich selbst noch nie.“
„Hast du ein Glück. Ich verletzte mich andauern. Fußball, weißt du?“
Ich nickte.
„Welche Farbe hat deine Bettwäsche denn jetzt?“
Ich dachte im ersten Moment, mich verhört zu haben. Was war denn das auch für eine Frage?! Aber Maxi schien sie ernst zu meinen.
„Kariert. Blau-weiß“, antwortete ich, nachdem ich kurz überlegt hatte, welche Bettwäsche es war, die ich gestern aus dem Schrank hervorgekramt hatte.
„Also keine gelbe mehr?“
„Nein. Auch meine Zimmerwände sind jetzt wieder weiß. Gelb ist jetzt fast nichts mehr.“
„Sieht bestimmt schön aus.“
Darauf wusste ich jedoch keine Antwort.

Mittlerweile hatten wir den höchsten Punkt des Riesenrades erreicht. Der Regen peitschte uns ins Gesicht und der Wind zerrte an meinem T-Shirt.
„Ganz schön kalt hier oben“, zitterte ich.
„Ich hoffe, wir sind bald wieder unten“, entgegnete Maxi und rutschte etwas näher an mich ran.
Aber das war nicht der Fall. Zu unserem Entsetzen hielt das Riesenrad auch noch an.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte ich überrascht.
„Keine Sorge. Unten steigen bestimmt nur weitere Leute ein. Gleich geht es weiter.“
Aber so war es nicht. Auch fünf Minuten später saßen wir noch an der selben Stelle fest. Die Gondel schaukelte im Wind bedrohlich.
„Ich will wieder nach unten. Mir ist kalt“, maulte Maxi.
Das wünschte ich mir ebenfalls. Mein Shirt war bereits völlig durchnässt und meine Fingerspitzen wurden taub.
Vor ein paar Stunden saß ich noch auf dem Fahrrad und hatte die Sonne verflucht. Das konnte ich mir jetzt gar nicht mehr vorstellen.
„Ist das Riesenrad kaputt? Kann das sein?“, wollte Maxi ängstlich von mir wissen.
„Ich weiß nicht.“ Dieser Gedanke machte mir Angst.
„Können wir runter fallen?“
„Runter fallen werden wir bestimmt nicht“, ich versuchte selbstbewusst zu wirken, aber der Satz kam nur zögerlich aus meinem Mund.
„Es war eine Scheißidee, Riesenrad zu fahren“, beichtete er. „Niemals wieder steige ich in eins ein, sollte ich hier lebend raus kommen.“
„Das tun wir. Bestimmt.“ Aber auch ich hatte ein komisches Gefühl im Magen.
Maxi ergriff meine Hand und drückte sie fest.
Wir jubelten laut, als sich die Gondel wieder in Bewegung setzte. Langsam, aber stetig, fuhren wir jetzt wieder nach unten. Maxi strahle mich an. „Jetzt kann unser Date doch weiter gehen.“

Unsere Klamotten klebten wie Kaugummi an unseren Körpern. Das Wasser lief aus meinen Haaren und mein Gesicht herab. Ich fror fürchterlich und jede Bewegung fühlte sich schrecklich an.
So schnell wie möglich bahnten wir uns den Weg durch die kaum noch vorhandene Menschenmenge zurück zu Maxis Auto.
„Ich habe eine Wolldecke im Auto“, erwähnte Maxi plötzlich.
„Sehr gut.“ Eine Decke war jetzt genau das, was ich brauchte.
Am Peugeot angekommen schloss er den Kofferraum auf und holte eine große, kuschelig aussehende Wolldecke heraus.
Wie der Blitz ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen, wodurch das Wasser aus meiner Hose nur so spritzte.
Maxi setzte sich auf den anderen Sitz. „Bekomme ich auch ein bisschen was von der Wolldecke ab?“, lachte er und ich überreichte ihm das andere Ende der Decke.
„Stell dir mal vor, wir hätten das Dach offen gelassen“, überlegte ich plötzlich.
„Dann hätten wir jetzt ein Swimmingpool“, grinste Maxi. „So, ich will jetzt nach Hause. Ich brauche trockene Kleidung“, erklärte er und startete den Motor.

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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon iami » 25 Aug 2017, 22:28

Wuhuuu Erster! :P

Schön dass man wieder etwas von dir lesen darf, nachdem es bei deinet anderen Geschichte wohl (vorerst) nicht weitergeht.

Aber nach den ersten zwei Teilen behaupte ich einfach mal die hier wirs genau so gut ;)
Wir trauen uns manchmal nicht Dinge zu tun, weil wir denken, dass wie sie bereuen, doch am Ende bereuen wir es meistens viel mehr, dass wie uns nicht getraut haben.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 29 Aug 2017, 20:40

Hey du :) Danke für deine Rückmeldung
ich hoffe wirklich, dass dir die Geschichte (auch) gefällt. :)




Ich hatte erwartet, dass er mich nach Hause fahren würde, aber ich fand mich auf unbekannten Straßen wieder. Das war definitiv nicht der Weg, der in mein kleines Dorf führte.
Ich wies Maxi schüchtern darauf hin, doch er lachte nur. „Ich habe doch gesagt, dass ich mich zuerst umziehen möchte. Ich fahre dich dann gleich nach Hause, wenn du das möchtest.“
„Okay“, erwiderte ich zurückhaltend. Ich war jetzt ziemlich nervös. Maxi war zwar echt nett und der Tag war trotz allem echt lustig mit ihm gewesen, aber ich kannte ihn kaum. Ich wusste nicht, was er vorhatte. Ich hielt mein Handy fest umklammert. Trotz des Regens schien es noch gut zu funktionieren. Falls Maxi vor hatte, mich zu entführen, zu vergewaltigen oder zu ermorden, würde ich einfach ganz schnell meine Eltern anrufen und dann ganz laut ins Handy brüllen. Nicht, dass ich Maxi so etwas zutraute, aber sicher war sicher.
„So, hier wohne ich.“ Er lenkte den Wagen in eine Parklücke vor einem Hochhaus.
Ich sah interessiert aus dem Fenster. Es war ein gewöhnliches, heruntergekommenes Hochhaus mit grauem Anstrich. Einen Straßennamen entdeckte ich nirgends.
Langsam lief ich hinter Maxi her, als dieser die Haustüre aufsperrte.
„Ich wohne im siebten Stock und der Lift ist kaputt. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass wir Treppen steigen müssen.“
Ich verneinte, fühlte mich aber überhaupt nicht wohl, als ich Maxi in seine Wohnung folgte.
Etliche Stufen später standen wir im Flur einer winzigen Wohnung. Aber sie war ordentlicher, als ich es erwartet hatte. Alles schien seinen genauen Platz zu haben und nichts lag auf dem Boden. Auch die Bettdecke lag ganz akkurat auf dem kleinen Einzelbett.
„Willst du duschen gehen?“, wurde ich gefragt, doch ich schüttelte den Kopf.
„Wirklich nicht? Ich hätte sie dir zuerst überlassen.“
„Was bist du denn im Moment so schüchtern?“, fragte er kurz darauf und sah mich interessiert an.
Ich senkte den Blick. Das war mir jetzt etwas peinlich.
„Hast du Angst?“
„Nein. Natürlich nicht.“ Aber leider zitterte meine Stimme, während ich das sagte.
„Du musst doch keine Angst vor mir haben. Ich bin doch echt lieb.“ Er lächelte mich breit an und ich schaffte es, es ein wenig zu erwidern.
„Ich kann dich sofort nach Hause fahren, wenn du das möchtest, okay?“
Ich nickte.
„Ich ziehe mir nur schnell was frisches an, dann können wir sofort los, okay?“
„Okay.“
„Möchtest du Klamotten von mir haben? Du kannst sie mir dann das nächste Mal zurückgeben. Wir sehen uns doch wieder, oder?“
„Gerne“, lächelte ich verlegen.
„Super.“
Er ging zu seinem Kleiderschrank, in dem seine Anziehsachen sauber und ordentlich an den Kleiderbügeln hingen und reichte mir daraus eine dunkle Jeans und einen gelben Kaputzenpulli. „Ich hab anders als du noch viele gelbe Klamotten“, kicherte er.
„Du kannst dich im Bad umziehen, wenn du möchtest“, bot er an.
Ich dankte ihm und durchquerte die kleine Wohnung, um ins Badezimmer gelangen zu können. Dort schloss ich die Türe und lehnte mich sogleich gegen sie.
Man, ich war immer noch so nervös. Dabei war Maxi doch so nett zu mir. Es war anscheinend nicht seine Absicht, mich nur ins Bett zu bekommen. Darüber war ich mehr als froh. Und irgendwie gefiel er mir auch. Selbst so durchnässt hatte er eine gewisse Eleganz an sich, die ich an ihm bewunderte.
Ich wollte ihn nicht unnötig warten lassen, also schlüpfte ich schnell in meine neue Kleidung und verließ das Badezimmer.
„Schaut hübsch aus“, bemerkte er und ich lächelte ihn an.
„Dann ab nach Hause“, fügte er dann hinzu und ergriff erneut seinen Autoschlüssel.
Kurz bevor wir seine Wohnung verließen, fiel mir etwas auf. Ein kleiner Käfig stand auf der Garderobe. Neugierig trat ich näher. Ich erkannte ein Laufrad und mehrere kleine Häuschen.
„Du hast einen Hamster?“, fragte ich überrascht.
„Ja. Freddy. Er ist sogar noch ein Baby. Aber im Moment schläft er leider.“
„Ich dachte, du hast Angst vor Tieren?“, stellte ich fest.
„Ne. Nur vor Hunden. Hamster sind deutlich kleiner, die mag ich.“
„Okay gut.“

Maxi hielt sein Versprechen. Diesmal fuhr er mich auf dem schnellsten Weg nach Hause. Während der Fahrt konnten wir uns wieder ganz ungezwungen unterhalten und er brachte mich zum Lachen.
Als wir vor meiner Haustüre hielten, geriet ich jedoch wieder in eine Situation, in der ich mich unwohl fühlte. Ich wusste nicht, wie ich mich von ihm verabschieden sollte. Erwartete er, dass ich ihn mit hinein bitten würde? Oder wollte er mich womöglich auch küssen? Ich wusste nicht, ob ich
das schon wollte oder ob mir das noch zu früh war
Es war Maxi, der das ungemütliche Schweigen brach. Er klopfte mir auf die Schulter und fuhr kurz durch meine dunkelblonden Haare. „Es war echt schön mit dir. Wir hören voneinander, okay?“
„Das fand ich auch. Bis bald“, lächelte ich, ein wenig erleichtert.
Maxi winkte mir zu, während ich aus seinem Auto kletterte und war dann mit Vollgas aus unserer Einfahrt verschwunden.
Im Haus wartete Goofy schon auf mich. Er fiepte vor Freude, als er mich zur Tür herein kommen sah und wedelte heftig mit seinem Schwanz.
„Mein großer Junge“, flüsterte ich und kraulte seine Ohren. „Bist du noch nicht müde? Es ist schon ganz schön spät.“
Wie auf Kommando gähnte der große Hund und dackelte dann zu seinem Hundebett zurück. Auch ich war mittlerweile ziemlich müde. Es war ein langer Tag gewesen und morgen musste ich wieder früh aufstehen. Ich stieg die Treppe zu meinem Zimmer empor und kuschelte mich gleich in mein weiches Bett.
Bevor ich einschlief, dachte ich an Maxi. Der Tag mit ihm hatte mir wirklich gefallen. Aber konnte ich mich wirklich so schnell auf eine neue Beziehung einlassen? Nachdem es gerade mal zwei Monate her war, nachdem Till mich verlassen hatte?
Meine Hände ballten sich zu Fäusten, als Till in meinem Kopf auftauchte.
Till – der erste Junge, in den ich verliebt war und der leider ein großes Arschloch war.
Am Anfang hatte er mir wirkliche Hoffnungen gemacht. Wir hatten uns jeden Tag getroffen, hatten zusammen gelacht und ich hatte es geliebt, in seinen Armen zu liegen. Wir benahmen uns, als wären wir ein richtiges Pärchen und ich dachte auch, wir wären eines. Ich dachte, wir führten eine richtige Beziehung. Doch Tills Plan war ein anderer gewesen. Von einem Tag auf den anderen hatte er sich von mir getrennt und hatte sich in die Arme von Denise geworfen. Ein Mädel, das aufgrund ihres Aussehens von allen Kerlen begehrt wurde. Und anscheinend hatte auch Till ihr nicht widerstehen könnten.
Anfangs hatte ich noch ziemlich oft an ihn gedacht, aber mittlerweile war ich über ihn hinweg. Dachte ich zumindest. Gesehen hatte ich ihn seit Schuljahresende nicht mehr. Ich wollte Maxi eine Chance geben und Till komplett vergessen. Wenn man seine erste Liebe wirklich vergessen konnte.


Am nächsten Tag wurde ich in der Arbeit am Empfang eingeteilt. Julia stand schon seit heute Morgen im Labor und pipettierte Blutproben ab, während Dr. Bär einen Patienten nach den anderen behandelte. Dajana half ihm dabei. Lena hatte mir vorhin kurz erklärt, was meine Aufgaben waren. Sobald ein neuer Patient die Praxis betrat, sollte ich seinen Namen im Computer aufrufen und gleichzeitig seine Karteikarte aus der Schublade heraus suchen. Das klingelnde Telefon musste ich währenddessen auch noch bedienen. Zu meinem Glück war es bisher still gewesen. Ich war schlecht im Telefonieren und wusste auch gar nicht, wie ich mich melden sollte. Im Wartezimmer war währenddessen schon viel los und im Moment betraten drei Frauen gleichzeitig die Tierarztpraxis. Ich lächelte sie ihnen freundlich zu.
Eine dunkelblonde Frau mit einer Brille kam sofort zu mir an die Anmeldung.
„Mayer mein Name“, stellte sie sich vor. „Ich habe mit Nepomuk um neun Uhr einen Termin.“
„Entschuldigen Sie – ich war zuerst hier“, warf die hinter ihr stehende Frau ein. „Ich komme zuerst dran.“
„Aber ich habe einen Termin“, entgegnete die Dame mit der Brille.
„Seit wann vergebt ihr um diese Zeit Termine? Das sind ja ganz neue Sitten“, wandte sich die zweite Frau an mich entrüstet.
„Am Vormittag vergeben wir nur Termine. Am Nachmittag haben wir offene Sprechstunde“, versuchte ich schüchtern zu erklären.
„Aber ich bin jetzt nun mal hier. Ich fahre jetzt sicherlich nicht noch einmal heim“, verkündete die Frau ohne Brille.
„Das ist ja auch kein Problem. Wir finden sicher Zeit, Sie irgendwo dazwischen zu schieben“, entgegnete ich so höflich wie möglich.
„Dass ich aber ja nicht lange warten muss! Meine Sissy mag diese engen Katzenkörbe gar nicht.“ Ohne ein weiteres Wort war sie im Wartezimmer verschwunden. Dabei kannte ich gar nicht ihren Namen. Wie sollte ich jetzt ihre Karteikarte heraussuchen? Ich seufzte. Auch Frau Mayer verschwand jetzt mit ihrem Nepomuk im Nebenraum.
Die dritte Dame, die bisher abseits gewartet hatte, war zum Glück freundlicher. Ich fragte sie nach ihrem Namen, fügte ihren neuen Welpen im Computersystem hinzu und fand auch ihre Karte in Rekordzeit. Ich lächelte. Wenigstens das hatte jetzt geklappt.
Aber ich konnte mich nicht lange entspannen. Das Telefon fing zum Klingeln an. Ich verkrampfte mich. Was jetzt? Sollte ich nach Lena rufen und ihr sagen, dass ich mich nicht traute, das Gespräch anzunehmen? Nein – das war bescheuert. Was sollte Dr. Bär auch mit einem Lehrling, der nicht telefonieren konnte? Ich wollte ja nicht gekündigt werden, also nahm ich in Zeitlupe den Hörer auf und hob ihn mir ans Ohr.
„Hallo, hier spricht Nicky Endres von der Tierarztpraxis Dr. Bär“, meldete ich mich leise. Gleichzeitig konnte ich mich fast ohrfeigen. Ich hatte tatsächlich meinen Spitznamen gesagt. Wie dumm war das denn?!
„Grüß Gott. Pellner ist mein Name. Ich möchte den Doktor sprechen“, ertönte eine tiefe Männerstimme in mein Ohr.
„Um was geht es denn bei Ihnen?“, fragte ich mit piepsender Stimme.
Lena hatte mir vorhin nämlich erklärt, dass Dr. Bär während der Behandlungen keine Telefonate führen wollte, es sei denn, es handelte sich um einen Notfall. Ich sollte alle Anrufer auf Mittag vertrösten.
„Um meinen Hund Berti.“
„Was hat Berti denn? Geht es ihm schlecht?“ Ich versuchte durch die Frage herauszufinden, ob das Telefonat dringend war.
„Ihm geht es gut. Es geht nur um die Blutwerte, die letzte Woche von ihm bestimmt wurden. Ich würde gerne das Ergebnis wissen wollen.“
„Achso, okay. Dann muss ich Sie bitten, dass sie sich gegen Mittag noch einmal melden. Der Doktor ist gerade mitten in der Sprechstunde.“
„Können Sie mir nicht die Ergebnisse sagen?“, wurde ich gefragt.
„Nein“, ich schüttelte sogar gleichzeitig den Kopf, „die Blutwerte müssen Sie mit Dr. Bär besprechen.“
„Sind sie denn so schlecht? Ist Berti sehr krank? Muss er denn sterben? Wieso muss ich denn mit dem Doktor persönlich sprechen?“ Der Mann klang leicht hysterisch.
„Ich weiß nicht, wie die Blutwerte ausgefallen sind. Ich kann Ihnen dazu nicht viel sagen.“
„Aber warum denn? Was machen Sie denn überhaupt hier, wenn sie mir nicht einmal die Ergebnisse durchgeben können?!“
„Das ist mein zweiter Tag hier“, antwortete ich mit piepsiger Stimme. Der Anrufer war auf einmal sehr unfreundlich geworden.
„Ach, so ist das. Dann pass gut auf, dass du nicht sofort wieder gefeuert wirst.“ Der Hörer wurde auf die Gabel geknallt und ich hörte nur noch einen durchgehenden Pieps-Ton. Ich zitterte etwas. Das war das erste Telefonat gewesen, das ich geführt habe – und ich hatte es versaut.
Ich hatte es schon immer gehasst, zu telefonieren. Zuhause musste ich das auch nicht allzu oft. Wenn unser Apparat klingelte, gingen meine Eltern meist ans Telefon. Telefonieren musste ich nur, wenn ich einen Termin beim Arzt oder Friseur ausmachen musste, aber das war schon immer schlimm genug für mich. Wie sollte ich es dann schaffen, den ganzen Tag lang geschäftliche Telefonate zu führen?
Ich hoffte, dass sich dieser Herr Pellner – falls er sich noch einmal melden sollte – nicht bei Dr. Bär über mich beschweren würde. Hatte ich einen Patienten vergrault? Ich hoffte es nicht. Mein Chef würde sehr sauer sein, wenn er das erfahren würde.

Ich war echt erleichtert, als ich Stunden später Feierabend hatte und meinen Arsch auf den Sattel schwingen konnte. Nichts wie nach Hause! Der Tag in der Arbeit hatte mir zwar gefallen, aber er war auch sehr anstrengend gewesen. Das Gespräch mit Herrn Peller war nicht das einzige Telefonat geblieben. Fast durchgehend hatte der Apparat geklingelt und andauernd waren neue Patienten zur Tür herein gekommen, die etwas von mir wollten.
Abermals wünschte ich mir ein eigenes Auto herbei, während ich müde einen Berg empor strampelte. Am besten so ein Cabrio wie Maxi eins hatte. Damit würde mir das Fahren richtig Spaß machen.


„Hast du einen Freund?“, wurde ich sofort von meiner quirligen Mutter begrüßt, als ich mein Rad in den Schuppen stellte.
„Einen was?“, fragte ich verwirrt.
„Na, einen Freund. Oder wer war der Junge, mit dem du auf dem Volksfest warst? Wieso wissen wir nichts von ihm?“, fragte meine Mum entrüstet.
„Ach, das war Maxi. Er ist nicht mein Freund. Noch nicht zumindest.“
„Erzähl mal.“ Meine Mutter war vor Neugierde kaum zu stoppen.
„Viel gibt es nicht zu sagen. Wir haben uns gestern das erste Mal getroffen.“
„Das erste Date also.“
Ich nickte.
„War's schön?“
„Ja, Maxi ist echt nett.“
„Und weiter? Wie ist er sonst so?“
„Richtig hübsch, finde ich zumindest.“
„Ja, das haben wir auch gesehen. Obwohl du bisher nicht so auf hellblonde Typen standest, nicht wahr?“ Sie dachte wohl an Till, dessen Haare schwarz wie die Nacht waren.
„Joar, ich weiß nicht“, meinte ich ein wenig verlegen. „Die Haarfarbe ist mir eigentlich eher egal.“
„So soll es auch sein. Das Innere eines Menschen ist viel wichtiger. Ich hoffe wirklich, dass das zwischen dir und diesem Max was werden wird.“
„Ja, vielleicht“.
„Glaubst du denn, dass du dich so kurz nach dieser Sache mit Till komplett auf ihn einlassen kannst?“
Meine Mama war natürlich über die Sache mit meinem Exfreund gut informiert. Schließlich hatte ich mir damals in ihrem Beisein jeden Abend die Augen aus dem Kopf geheult.
„Ich weiß nicht“, gab ich zu. „Das ist eben auch mein Problem. Ich weiß nicht, ob es mir nicht noch zu früh ist.“
„Versuch, diesen Till zu vergessen. Er ist ein Idiot, okay? Verschwende keinen Gedanken mehr an ihn, er ist es nicht wert.“
„Ich probiere es ja. Aber so leicht geht das nicht.“
„Ich kenne das, aber versuche es trotzdem, okay? Aber mach diesem Maxi nicht unnötige Hoffnungen, wenn du merkst, dass du dich noch nicht auf ihn einlassen kannst. Es wäre nicht fair, ihn zu verarschen.“
Nein, verarschen wollte ich Maxi auf keinen Fall. Dafür war er viel zu lieb.
„Das werde ich nicht. Hast du schon gekocht? Was gibt es zu essen?“, wechselte ich dann das Thema.
„Ich hatte heute keine Lust zum Kochen. Ich habe Pizza bestellt, ich hoffe, das ist okay.“
Ich grinste. „Pizza ist mehr als okay. Das weißt du doch.“

Ich hatte mir den Bauch vollgeschlagen und lag jetzt auf dem Bauch in meinem Bett und sah mir verschiedene Komiker - Videos an. Diese brachten mich immer zu lachen und ich liebte die kleinen Sketche. Unterbrochen wurde ich nur, als mein Mobilphone plötzlich anfing zu klingeln. Ich war aufgeregt, als ich Maxis Namen auf dem Display lesen konnte.
Mit einem leisen „Hallo“ meldete ich mich.
„Nicky – einen schönen Abend. Hast du gerade Zeit?“
„Ja, im Moment habe ich nichts zu tun“, gab ich zu.
„Sehr gut. Ich bin gerade zufällig in deiner Nähe. Ich könnte schnell bei dir vorbei schauen, wenn du das möchtest.“
„Ähm, okay.“ Maxi wollte mich schon wieder besuchen?
„Also nur wenn du Lust hast. Ich könnte in weniger als fünf Minuten bei dir sein. Stehe eigentlich quasi vor eurer Haustüre.“
„Okay, dann bis gleich.“
„Super, dass du Zeit hast. Kannst du nur dafür sorgen, dass euer Hund nicht wieder meine Beine abschleckt? So schnell kann ich mich leider nicht an ihn gewöhnen.“
„Keine Sorge, das mache ich.“

Mir blieb gerade noch Zeit, meine Eltern vorzuwarnen, dass ich gleich Besuch bekommen würde und Goofy in sein Körbchen zu schicken, ehe es läutete.
Meine Mum war schneller als ich an der Tür. Wahrscheinlich wollte sie dafür sorgen, dass sie Maxi diesmal aus der Nähe betrachten konnte und war neugierig, mit wem sich ihr Sohn abgab.
„Hallo, ich bin Claudia“, stellte sie sich sofort vor und reichte dem etwas verwirrt aussehenden Jungen an der Tür die Hand. „Ich bin die Mutter von Nicolas. Schön, dich endlich kennenzulernen.“
„Maxi. Schön, auch Sie kennenzulernen. Hat Nicky schon erwähnt, dass ich ihn besuchen komme?“
„Aber ja. Er hat mir schon von dir erzählt. Er freut sich schon auf dich. Möchtest du etwas trinken? Ich hab selbst gepressten Orangensaft im Kühlschrank stehen.“
„Sehr gerne, vielen Dank.“
Endlich verschwand meine Mutter von der Türschwelle und gab mir die Sicht auf meinen Gast frei.
„Hey“, begrüßte ich ihn. Maxi sah sogar noch besser als gestern aus. Seine Haare hatte er glatt nach hinten gekämmt und er trug ein schwarzes Hemd über einem einfachen, weißen T-Shirt. Ich fragte mich, wo er zuvor gewesen war, dass er sich so schick angezogen hatte.
„Hallo. Schön, dass ich so spontan zu dir kommen darf.“
„Kein Ding. Komm doch erst mal rein.“ Ich trat einen Schritt zur Seite.
Meine Mutter kam sofort mit einem Tablett zurück in den Flur, auf dem zwei randvolle Gläser Orangenschorle und ein großes Stück Pizza lag.
„Du siehst hungrig aus“, bemerkte meine Mutter, „zum Glück haben wir ein Stück Pizza übrig gelassen“, bemerkte sie und ich wurde anstelle von Maxi rot. Es war natürlich klar, dass ihr sofort auffiel, dass Maxi ziemlich dünn, aber dafür relativ groß war.
„Oh, das ist aber nett von Ihnen, Dankeschön.“ Maxi nahm ihr das Tablett ab.
„Du darfst mich auch duzen. Das mag ich sowieso lieber“, bot meine Mutter an.
„Komm, gehen wir hoch in mein Zimmer“, drängte ich meinen Gast.
So langsam wurde mir das aufdringliche Verhalten meiner Mutter doch etwas peinlich.
„Viel Spaß euch beiden. Du weißt, wo wir deine zweite Bettdecke lagern, falls Maxi hier übernachten will, nicht wahr, Nicky?“
Ich nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Darüber, dass Maxi hier eventuell schlafen wollte, hatte ich bisher überhaupt nicht nachgedacht.
Er folgte mir die Treppe in mein Zimmer empor. Mein Vater kam uns auf halber Strecke entgegen. Er hatte ein ruhigeres Temperament als meine Mutter und war wohl auch schon ziemlich müde. Zu allem Überfluss war er auch nur noch in Unterhose und anscheinend auf den Weg in sein Bett. Er winkte Maxi und mir nur kurz mit einer Hand, an der noch Zahnpastaschaum hing, zu und war dann im Schlafzimmer verschwunden.
Ich verdrehte heimlich die Augen. Was würde Maxi jetzt von meiner Familie halten? Er hatte meine aufdringliche Mutter überstehen müssen und dann auch noch den haarigen Bauch meines Vaters betrachten müssen.
„Deine Familie ist echt lustig“, meinte er, als wir kurz vor meiner Zimmertüre standen.
„Findest du wirklich?“
„Aber ja. Sie sind sehr locker, oder? Ich wünschte, meine wären genauso.“
„Ja, das sind sie. Wann hast du deine Eltern zum letzten Mal gesehen?“
Maxi zuckte mit den Schultern. „Das ist ein halbes Jahr oder so her. Als ich die letzten Gegenstände von mir aus meinem alten Zimmer geräumt habe und in meine Wohnung gebracht habe.“
„Das ist echt traurig“, fand ich.
„Ist es nicht. Ich komme gut ohne sie aus“, gab mein Gast zu, während er mein Zimmer genau begutachtete. Es war mir etwas peinlich, denn mein Zimmer glich zwar keiner Müllhalde, war aber bei Weitem nicht so sauber und ordentlich wie seine Wohnung.

"Du hast ja einen eigenen Balkon“, stellte Maxi fest und presste seine Stirn gegen die Fensterscheibe, „das hätte ich auch gerne. Aber meine Bruchbude ist selbst für einen Balkon zu klein.“
„Wir können gerne dort raus gehen“, bot ich an und mein Gast öffnete sofort die Türe. Ich hatte eine große, alte Holztruhe auf dem Balkon stehen, in der ich altes Spielzeug von mir aufbewahrte, das ich nicht verkaufen wollte.
Maxi setzte sich sofort auf diese. „Nicolas heißt du also. Ich habe mir schon mal überlegt, wie wohl dein echter Name lautet.“
„Ja, aber den verwende ich nur selten.“
„Nicky klingt auch viel niedlicher.“
„Oh, danke“, freute ich mich über das Kompliment, obwohl es sich unwohl anfühlte, als 'niedlich' abgestempelt zu werden. „Du verwendest aber auch nur deinen Spitznamen.“
„Nö. Maxi ist mein kompletter Name. Ich heiße nicht Maximilian oder so ähnlich.“
„Ach so. Das hätte ich jetzt nicht gedacht.“
Wir verfielen in kurzes Schweigen.
„Wo warst du denn eigentlich zuvor?“, fragte ich dann.
„Wie meinst du das?“ Maxi war in der Zeit an das Geländer getreten und sah gebannt hinunter in unseren Garten.
„Na, du hast doch gesagt, dass du in der Nähe warst.“
„Ach, das meinst du. Ich war kurz in der Autowerkstatt. Hab ein Paar neue Scheibenwischer gekauft und bei euch auf dem Dorf sind die meist billiger.“
„Und warum bist du dann so schick angezogen?“
„Das nennst du schick?“ Er sah an sich herunter. „Ich war zuvor in der Arbeit und die sehen es nicht gerne, wenn ich nur in T-Shirt antanze.“
„Ich muss bald mal bei dir im Vodaphone Laden vorbei kommen“, verkündete ich, „mein Handy gibt bald den Geist auf.“
„Natürlich, ich freue mich darauf. Ich suche dir den besten Vertrag raus.“
„Wie bist du eigentlich zu diesem Job gekommen?“
Maxi überlegte: „Ich bin da irgendwie so rein gestolpert.Ich brauchte damals schnell eine Arbeit und habe die Gelegenheit dann genutzt. Aber es macht echt Spaß. Jetzt erzähl mir aber mal von deinen ersten Tagen beim Tierarzt. Ich habe gestern gar nicht danach gefragt, sorry.“
„Es war toll“, erwiderte ich grinsend. „Sehr viele Tiere um mich herum. Aber es kann auch sehr anstrengend sein.“ Ich dachte dabei an den heutigen Vormittag zurück.
„Für mich wären da zu viele Hunde“, bemerkte Maxi, „aber wer weiß, vielleicht lege ich meine Phobie noch ab, wenn ich öfter mit dir abhänge.“
Er trat zur Truhe zurück und setzte sich ganz nah zu mir. Er ergriff sogar meine Hand, drückte sie kurz und brachte mich somit zum Lächeln.
Plötzlich dachte ich daran, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. Er gefiel mir und es wäre sicherlich sehr schön. Aber ich traute mich nicht und außerdem wäre es hierfür noch zu, früh.
Maxi biss in der Zeit in sein Pizzastück. „Deine Mum hatte recht. Ich bin wirklich richtig hungrig.“
„Bei uns wirst du nie verhungern müssen“, kicherte ich, „unser Kühlschrank ist immer randvoll.“
„Sehr schön, dass ich davon etwas abbekomme. Habt ihr die Pizza selbst gemacht?“
„Ne, wir haben sie liefern lassen. Aber normalerweise kocht meine Mum selber.“
„Ist bestimmt praktisch. Ich muss immer selbst dafür sorgen, dass ich was Essbares auf dem Tisch habe.“
Maxi legte seinen Kopf auf meine Schulter und ich wurde etwas nervös.
„Was wollen wir denn heute Abend noch machen“, fragte er.
„Ich weiß nicht“, meine Stimme klang ein wenig zittrig.
„Wir finden schon was. Vielleicht hättest du ja Lust, noch spazieren zu gehen?“, fügte er nach kurzem Überlegen hinzu.
„Jetzt noch?“, wunderte ich mich, schließlich ging die Sonne bereits unter.
„Wieso denn nicht? Eine kleine Nachtwanderung ist bestimmt schön.“
Da musste ich ihm zustimmen und so liefen wir wenig später gemeinsam die Treppe hinab.
„Gehst du schon?“, fragte meine Mutter enttäuscht, die sofort ihren Kopf aus dem Wohnzimmer streckte.
„Ne, wir gehen spazieren“, erwiderte ich und schlüpfte in meine Chucks.
„Uh, wie schön. Viel Spaß euch.“
„Danke.“ Ich zog meinen Gast mit zur Tür hinaus, ehe meine Mum uns ein weiteres, langes Gespräch aufzwingen konnte.
Die ersten Sterne zeigten sich schon am Himmel. Maxi griff ganz selbstverständlich nach meiner Hand. Wir schlugen ganz automatisch den Weg zur Hundewiese ein.
„Hier bin ich mit Goofy oft“, erzählte ich.
„Hier ist es echt schön. Sind dort immer viele Hunde?“, fragte er im selben Atemzug.
„Ja schon. Goofy spielt aber nicht mehr mit ihnen.“
„Ja, selbst ein Laie wie ich erkennt, dass er schon sehr alt ist.“
Ich nickte verbittert.
„Darf ich dir wieder Fragen stellen? Wie gestern auf dem Riesenrad? Ich möchte so viel wie möglich von dir erfahren.“
„Ähm. Ja, natürlich.“ Gestern waren manche Fragen echt außergewöhnlich gewesen.
„Was trinkst du eigentlich gerne?“
„Was?“
„Dein Lieblingsgetränk?“
„Fanta“, antwortete ich einfach. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht.
„Das hat aber sehr viel Zucker. Aber du kannst es dir ja leisten“, bemerkte er. „In welches Land würdest du gerne einmal reisen?“
Diesmal kam die Antwort prompt aus meinem Mund. „Afrika. Ist zwar ein Kontinent, aber egal. Ich will seit Jahren mal nach Afrika fliegen.“
„Wegen den vielen, wilden Tieren, oder?“ Maxi lächelte mich an.
„Ja auch. Eine Safari würde mir bestimmt gefallen.“
„Ich habe fünf Jahre lang in den USA gewohnt“, erwähnte er dann plötzlich.
„Echt? Ist ja cool. Wie kam es dazu?“
Maxi zuckte mit den Schultern. „Ich war zehn Jahre alt, als ich dort hin geflogen bin. Meine Eltern wollten mich schon damals loswerden.“
„Ist das wirklich so?“
„Ja, sie wollten nie Kinder und hatten keinen Bock auf mich.“
„Das ist echt schade.“
„Lass uns über was anderes reden“, forderte er, „erzähl mir mal zum Beispiel von deinem Lieblingsfach in der Schule.“
„Das war Biologie “, erinnerte ich mich.
„Mit der Antwort habe ich gerechnet. Wie war deine Klasse so?“
„Ganz okay eigentlich. Ich hatte aber nie viele Freunde. Mit den meisten hatte ich nie viel gemeinsam. Ich hatte nur meine beste Freundin.“
„Ist sie jetzt nicht mehr bei dir?“
„Nein, Madita ist nach Köln gezogen, um dort studieren zu können.“
„Wie schade. Ich habe auch nur einen besten Freund. Wenn du willst, stelle ich euch mal vor. Er ist echt klasse.“
„Klar, wieso nicht.“ Ich wusste nicht, mit welchen Leuten sich Maxi abgab.

„Welche Jahreszeit ist dir denn am Liebsten?“ Die Fragerei ging weiter.
„Ich mag den Winter“, bemerkte ich leicht verträumt. „Vor allem, da es Goofy dann besser geht.“
„Mit der Hitze kommt er nicht so klar, oder?“
„Nein, nicht mehr“, flüsterte ich niedergeschlagen.
„Ich wünschte, ich könnte meine Angst vor Hunden einfach ablegen“, seufzte Maxi, „dann könnten wir ihn das nächste Mal hierher mitnehmen. Vielleicht wird es mit der Zeit besser, vielleicht lässt die Angst dann nach. Es ist nur ein wenig blöd, dass dein Hund so riesig ist. Mit einem kleineren Exemplar käme ich vermutlich besser zurecht.“
„Dafür ist Goofy aber der liebste Hund der Welt.“
„Das glaube ich dir gerne.“

Einige Zeit und viele Fragen seitens Maxi später, lag ich alleine in meinem Bett und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Maxi war echt toll. Und ich wünschte mir, dass er mein Freund werden würde. Die Chancen standen aber auch nicht so schlecht. Ich glaubte, ich gefiel ihm auch.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 31 Aug 2017, 20:26

Der nächste Arbeitstag war mal wieder sehr stressig. Die ganze Zeit rannte ich von einer Ecke in die andere, suchte Karteikarten, rief Patienten auf und das ständig klingelnde Telefon nervte mich. Gerade stand ich im Labor und suchte verzweifelt nach unserem Laborbuch. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo das hin gekommen sein könnte. Dabei brauchte ich es doch dringend!
„Hey Nicky? Da sitzt ein junger Mann mit seinem Spitz im Wartezimmer. Kannst du den Hund gleich an die Infusion hängen? Ich habe dir gestern ja erklärt, wie du das machst.“, forderte Julia.
„Ähm, okay. Mache ich gleich. Aber hast du eine Ahnung, wo das Laborbuch sein könnte? Dr. Bär braucht es ganz dringend.“
„Das Laborbuch? Das liegt vorne am Empfang. Ich bringe es dem Chef gleich. Aber jetzt beeil dich.“
Ich war ein wenig aufgeregt, als ich mir den riesigen Infusionsständer schnappte und eine Flasche mit Natriumchlorid daran hängte. Bisher hatte ich beim Anbringen einer Infusion nur zugesehen, aber jetzt durfte ich es wohl zum ersten Mal selbst machen. Hoffentlich klappte alles.
Ich zog den großen Infusionsständer hinter mir her und plagte mich, ihn über die Türschwelle zum Wartezimmer zu bekommen. Ich stand gerade mit dem Rücken zu diesem Raum und zerrte den Ständer hinter mir her.
„Hallo Nicky“, wurde ich plötzlich von einer Männerstimme begrüßt.
Die Stimme kam mir bekannt vor. Ich konnte sie nur nicht sofort zuordnen.
Langsam drehte ich mich um und meinte im selben Augenblick, einen Herzinfarkt zu bekommen.
Ich konnte es kaum glauben, wer da vor mir auf einem der Stühle saß, einen wuscheligen, kleinen Hund zu seinen Füßen hatte und mich breit angrinste. Till – mein Exfreund, wegen dem ich mir tagelang die Augen aus dem Kopf geheult hatte.
„Da hab ich dich jetzt überrascht, oder?“, lachte er, aber ich blieb ihm eine Antwort schuldig. Noch immer stand ich an der Tür zum Wartezimmer und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was machte er hier?
„Charly geht es seit einigen Tagen nicht so gut. Er ist schon ziemlich alt, aber das weißt du ja. Darum habe ich mir für heute einen Termin geben lassen. Wie geht es Goofy? Ist er noch fit?“
Ich kannte Charly, den kleinen Spitz, ebenso gut wie seinen Besitzer. Früher waren Till und ich jeden Abend mit unseren Hunden spazieren gewesen. Es hatte echt Spaß gemacht und unsere Hunde hatten sich trotz des Größenunterschiedes sehr gut verstanden. Nur war Charly mittlerweile ebenso alt wie mein Goofy und im Moment schien es ihm wirklich nicht sehr gut zu gehen. Zitternd lag er zwischen Tills Beinen und wedelte nur zaghaft mit dem Schwanz.
„Goofy macht die Hitze zu schaffen“, presste ich zwischen meinen Lippen hervor, denn mein Gegenüber erwartete wohl eine Antwort.
„Oh, genau wie Charly. Er ist die ganze Zeit nur am Hecheln und Schwitzen. Der Doktor hat ihn sich schon angeschaut und eine Nadel in sein Bein geschoben. Und du hängst ihn jetzt an die Infusion?“ Till redete ganz ungezwungen mit mir. So als hätte er bereits vergessen, was er mir angetan hatte.
„Ja, das habe ich vor.“ Ich hoffte, dass meine Stimme einigermaßen fest klang. Ich ging vor ihm in die Hocke und streichelte Charlys kleines Köpfchen. Der Hund schien mich zu erkennen, denn er fiepte leise vor Freude.
Ich zog den Infusionsständer näher an mich ran. Wie war das jetzt gewesen? Den Verband am Bein des Tieres lösen, dann das Plastikende aus dem Venenkatheter ziehen und stattdessen den Infusionsschlauch daran befestigen. Dann den Katheter wieder mit dem Verband umwickeln und fertig. Klang gar nicht so schwer und Julia schaffte es in wenigen Sekunden. Wenn meine Hände nur nicht so zittern würden!
Der Verband klebte zu gut am Fell des Hundes und als ich ihn abwickeln wollte, winselte Charly kurz auf. Scheiße! Ich wollte ihm doch nicht weh tun. Das Plastikende der Infusion rollte mir anschließend über den ganzen Boden und schließlich unter eine Bank. Das war jetzt auch sau blöd. Ich versuchte jetzt wenigstens den Infusionsschlauch am Bein des Hundes zu befestigen, doch dreimal rutschte er mir aus den Fingern, ehe es mir endlich gelang, ihn anzustöpseln. Jetzt nur noch den Verband drum herum, dass sich Charly den Venenzugang nicht sofort wieder rausreißen konnte.
Peinlich berührt stellte ich mich wieder auf die Beine. Ich hatte eigentlich alles falsch gemacht, gut, dass Dr. Bär mir nicht dabei zugesehen hatte. Dafür aber Till, aber ihm schien das nicht aufgefallen zu sein.
„Es freut mich, dass du jetzt hier arbeiten darfst. Da hat unser stundenlanges Bewerbungsschreiben doch etwas genützt, oder?“
Ich schnaubte leise. Till hatte mir tatsächlich beholfen, als ich am Laptop saß und mir den Kopf wegen meines Lebenslaufes zerbrochen hatte. Wenige Tage später hatte er mich dann abserviert. Und jetzt saß er da auf dem Stuhl und versuchte ein ganz normales Gespräch mit mir zu führen? Die Situation war ganz schön verrückt.
Ich enthielt mich einer Antwort.
„Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis die Infusion komplett durchgelaufen ist“, erklärte ich stattdessen, „in dieser Zeit musst du hier sitzen und aufpassen, dass Charly nicht an dem Schlauch nagt.“
„Ist in Ordnung. Wenn irgendetwas ist, schreie ich einfach nach dir.“ Er grinste mich breit an. Sein Lächeln, das hatte ich damals am meisten an ihm geliebt.
Ich nickte nur und war mit schnellen Schritten aus dem Raum heraus, als er mich doch noch zurück rief.
„Was ist?“, fragte ich.
Till kicherte leise. Er deutete mit dem Finger auf die Infusion. „Sollte die nicht zum Tropfen anfangen?“
Oh fuck, war das peinlich. Ich hatte die Infusion zwar angeschlossen, aber das Rädchen nicht aufgedreht. Das Wichtigste hatte ich vergessen. So könnte Till noch bis nächste Woche hier sitzen und die Flasche würde sich nicht leeren.
„Tschuldigung“, nuschelte ich. Schnell drehte ich den Verschluss auf und stellte die richtige Tropfgeschwindigkeit ein.
Als wäre ich auf der Flucht, verließ ich das Wartezimmer. Na ja, eigentlich war ich das sogar, also auf der Flucht. Zumindest fühlte es sich so für mich an.
An der Anmeldung traf ich wieder auf Julia.
„Und, hat alles geklappt?“, fragte sie mich sofort.
„Ja, passt alles“, antwortete ich.
„Was ist los? Du siehst auf einmal so aufgeschreckt aus.“
Doch ich winkte ab. Ich hatte keine Lust, Julia zu erklären, dass gerade mein Exfreund im Wartezimmer saß.
„Okay gut, dann mal komm mit. Ich brauche kurz deine Hilfe beim Einsortieren der neuen Medikamente.


Vier Stunden später hatte ich endlich Feierabend. Heute hatte ich es kaum erwarten können, endlich nach Hause zu dürfen. Mein Chef hatte fürchterlich Stress geschoben und auch Dajana schien mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein. Beiden konnte ich es kaum recht machen.
„Morgen läuft es wieder besser“, sprach ich leise zu mir, während meinen Kittel an die Garderobe hängte. Ich war der letzte, der noch hier war. Dajana war auf dem schnellsten Weg nach Hause zu ihren Kindern gerast, Lena hatte heute früher aufhören dürfen und Julia war vor zwei Minuten vom Hof gefahren. Ich überprüfte, ob alle Lichter ausgeschaltet waren und ob Nena, unsere stationäre Katze, noch genügend Futter hatte.
Erst dann verließ ich die Praxis und schloss die Türe sorgfältig hinter mir ab. Ich schnappte mir mein Fahrrad und wollte gerade davon düsen, als ich zum zweiten Mal an diesem Tag eine Stimme hinter mir hörte, die meinen Namen rief. Diesmal erkannte ich sie schneller. Abermals war es Till.
Ich überlegte, ob ich nicht einfach kräftig in die Pedale treten sollte und vor Till davon rasen sollte, doch schon erklangen Schritte hinter mir und Till kam neben mir zum Stehen. Er trug Charly in seinen Armen. Der kleine Hund sah schon wieder viel fitter aus.
„Charly geht es schon besser“, bemerkte mein Ex stolz und setzte den alten Hund auf das Pflaster. Sofort begann dieser, an meinem Rad zu schnüffeln.
„Sehr schön“, antwortete ich.
„Ja, finde ich auch. Deine Infusion hat ihm gut getan.“
„Toll.“
Ich fragte mich noch immer, was ich mit meinem ehemaligen Freund bereden sollte. Er machte mich nervös, wie er so vor mir stand und dabei ganz selbstsicher wirkte.
„Du bist heute nicht sehr gesprächig, oder?“, fiel Till auf.
Ich riss die Augen auf. Was dachte er von mir? Dass ich mich ganz ungezwungen mit ihm über Gott und die Welt unterhalten konnte, obwohl er mir vor wenigen Wochen so weh getan hatte?
Ich schwang mich zurück auf den Sattel und versuchte, so schnell wie möglich von ihm weg zu kommen. Ich wollte ihn nie wieder sehen.
„Hey Nicky – warte.“ Till hatte mein Lenkrad ergriffen und hinderte mich somit am Flüchten. „Ich möchte mit dir sprechen.“
„Ich will aber nicht mit dir reden“, zischte ich.
„Bitte. Nur ganz kurz.“
„Nein!“
„Bitte. Sonst lasse ich dein Fahrrad nicht los.“
Ich seufzte: „Till, was möchtest du von mir? Wieso willst du jetzt auf einmal mit mir reden? Es hat dich doch auch nicht interessiert, wie es mir ging, als du mich gegen Denise eingetauscht hast.“

„Ich weiß. Und genau darüber wollte ich mich mit dir unterhalten. Es tut mir leid, Nicky, okay?“
Ich sagte daraufhin nichts, doch Till fuhr fort: „Es tut mir wirklich leid. Es war eine richtige Scheißaktion von mir und ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Die Sache mit Denise war ein Fehler gewesen, den ich mittlerweile eingesehen habe. Ich habe diese Sache mit ihr ganz schnell wieder beendet, aber dich brauche ich. Bitte!“
Ich schluckte. So oft hatte ich heimlich davon geträumt, dass Till zu mir zurück kommen würde und mir genau diese Sätze ins Ohr hauchen würde. Jetzt stand er vor mir und bettelte um eine zweite Chance. Noch vor wenigen Tagen hätte ich sie ihm ohne zu Überlegen gegeben, doch jetzt sah es ein wenig anders aus. Ich hatte Maxi kennengelernt, aber ich wusste nicht, welche Gefühle ich für ihn hegte.
Aber ob ich Till noch liebte? - die Frage war einfacher. Ich war damals so sehr in ihn verliebt gewesen und diese Liebe kam jetzt wieder zum Vorschein.
„Bitte. Gib mir die Chance, okay? Ich werde alles viel besser machen. Ich tue dir nicht mehr weh.“

„Ich weiß nicht, ob ich so einfach zu dir zurück kommen kann, Till“, erwiderte ich leise, „es ist so viel passiert. Keine Ahnung, ob ich sofort wieder eine Beziehung mit dir möchte.“

„Dann lass es uns langsam anfangen! Ich gebe dir alle Zeit der Welt. Ich will nur, dass wir in Kontakt bleiben. Die Wochen ohne dich haben mir echt weh getan.“
Nicht nur ihm war es so ergangen.
„Ich will dich nicht wieder verlieren.“ Till sprach diesen Satz und jagte mir damit beinahe die Tränen in die Augen.
Ich hatte ihn auch nicht verlieren wollen. Wenn Denise nicht gewesen wäre, wären wir sicherlich immer noch zusammen und glücklich.
„Bitte lass es uns noch einmal versuchen, okay?“
„Okay“, antwortete ich ganz leise, aber Till hatte mich trotzdem verstanden.
Seine Lippen bildeten ein breites Grinsen. „Dankeschön“, flüsterte er.
Ich zuckte mit den Schultern. „Bitte lass mich jetzt nach Hause fahren. Ich muss über alles nachdenken“, bat ich ihn mit brüchiger Stimme.
„Natürlich, alles was du willst. Ich komme morgen bei dir vorbei, dann reden wir weiter, ist das in Ordnung?“
Ich nickte wieder.
„Dankeschön. Einen schönen Abend noch, Nicky und bis morgen. Ich freue mich so.“
Er küsste mich ganz kurz auf die Wange und joggte dann zu seinem Auto, das gegenüber der Praxis parkte. Er winkte mir die ganze Zeit über zu, während er ausparkte und war dann auf den Straßen verschwunden.
Ich blieb nachdenklich zurück. Würde das zwischen uns wieder so werden wie früher? Konnte ich ihm wirklich verzeihen? Ich wünschte es mir sehr, aber spürte plötzlich einen Druck in meinem Herzen, als mir einfiel, dass ich dann Maxi nicht mehr treffen konnte, wenn ich wieder mit Till zusammen war.

Am nächsten Tag musste ich zur Abwechslung mal nicht zur Arbeit, sondern mein erster Tag in der Berufsschule stand an. Zum Glück befand sich diese Schule in der Stadt und ich hatte einen nicht allzu weiten Weg vor mir. Mit dem Fahrrad wollte ich aber trotzdem nicht fahren, also war ich auf den Bus angewiesen. Leider war es nur so, dass mein Wecker mich heute eine Stunde früher aus meinem Tiefschlaf riss. Gähnend drehte ich mich um, nachdem ich das nervige Teil abgestellt hatte. Ich war war noch so müde. Am Abend bin ich noch lange wach gelegen und hatte abwechselnd von Maxi und Till geträumt. Jetzt hatte ich aber Angst, dass ich wieder einschlafen würde, also quälte ich mich aus den Federn. Noch völlig verschlafen sammelte ich meine Klamotten ein und schlurfte ins Badezimmer.
Goofy schlief noch tief und fest , als ich ihn zur Verabschiedung streichelte, ehe ich das Haus verließ. Die Sonne schien zwar schon kräftig vom Himmel, trotzdem fror ich leicht, als ich mich zur Bushaltestelle aufmachte. Ich war überpünktlich, der Bus sollte in drei Minuten eintreffen. Aber das tat er nicht. Auch nach weiteren fünf Minuten war er noch nicht zusehen. Ich trat unruhig von einem Bein auf das andere. Wenn der Busfahrer sich nicht ein bisschen beeilte, würde ich an meinem ersten Schultag zu spät kommen.
„Warten Sie auch auf den Bus?“, fragte mich eine Frau im besten Alter.
Doofe Frage, was würde ich denn sonst an der Bushaltestelle machen?! Ich bejahte.
„Das ist jeden Morgen dasselbe. Jeden Tag hat er Verspätung und wir erfahren nie, wieso. Das regt mich so auf. Bald kaufe ich mir ein eigenes Auto.“
Ja, einen eigenen Wagen. Das wäre jetzt super. Am besten ein Cabrio.. Ob ich meinen Vater da überzeugen konnte?
Aber da kam endlich der Bus. Zum Glück war er verhältnismäßig leer und ich setzte mich ganz in die Nähe des Busfahrers. Das hätte ich aber besser nicht gemacht, den kaum hatte die Fahrt begonnen, zündete der Fahrer sich eine Zigarre an. Ich musste durch den dichten Rauch die ganze Zeit husten und meine Augen tränten. Ich hasste Zigarettenrauch. Durfte ein Busfahrer überhaupt während der Fahrt rauchen? Ich glaubte nicht. Hoffentlich tat er das nicht, wenn der Bus voller kleiner Schulkinder war.
Die Stadt hatten wir glücklicherweise schnell erreicht und ich konnte schnell aus dem Bus flüchten. In den Sommerferien hatte ich mir meine neue Schule bereits von außen angesehen, also musste ich nicht lange suchen. Es war ein einfaches, graues Gebäude, das von außen ziemlich langweilig aussah. Aber so waren Schulen halt nun mal. Mich auf das Schlimmste gefasst machend, betrat ich das Schulgebäude und suchte mein Klassenzimmer.

Ich merkte schnell, dass mir die Arbeit in der Praxis besser gefiel als in der Berufsschule. Ein Lehrer schien unfähiger als der andere zu sein und auch die Klassenkameraden machten auf mich nicht den besten Eindruck. Ich war der einzige Kerl in dieser Klasse und die Mädels schienen die ganze Zeit über mich zu lästern.
Ich saß den ganzen Vormittag über auf meinem Stuhl und versuchte, die Augen offen zu halten. Unterricht hatten wir gar keinen und die meiste Zeit über war gar kein Lehrer bei uns im Raum. Ich kritzelte lustlos auf der Rückseite meines Stundenplanes herum, malte Kringel und kleine Strichmännchen. Anfangs hatte ich sogar versucht, mich mit dem Mädchen neben mir, Rayka war ihr Name, zu unterhalten, doch sie hatte da überhaupt kein Interesse gezeigt. Jetzt saß sie seit einer geschlagenen Stunde vor ihrem Handy und jagte auf ihrem Bildschirm Aliens hinterher.
Ich seufzte. Den Tag hatte ich mir echt spannender vorgestellt. Was wohl Julia und die anderen in der Praxis zu tun hatten? Ich hoffte für sie, dass es nicht allzu stressig sein würde.
Schließlich zog auch ich mein Mobilphone aus der Hosentasche und klickte auf meine Whatsappnachrichten. Ein wenig überrascht stellte ich fest, dass ich eine neue Nachricht hatte, allerdings von einer unbekannten Nummer.

Hey Nicky
Ich würde dich heute Nachmittag gegen 16 Uhr abholen.
Ist das okay für dich?
<3

Jetzt wusste ich, wer mir diese Nachricht geschickt hatte. Till! Wir hatten ja ausgemacht, dass wir uns heute treffen würden. Aber wollte ich das auch? Die Antwort war ja – irgendwie schon. Seine Nummer hatte ich damals unter Tränen gelöscht, jetzt war ich froh, dass ich sie wieder hatte. Ich vergrößerte sein Profilbild und stellte erstaunt fest, dass er ein Bild von uns beiden eingestellt hatte. Hatte er sein Foto gar nicht gewechselt oder hatte er es gestern, nachdem wir miteinander gesprochen hatten, ausgewählt? Ich wusste nicht, was mir von beiden Optionen lieber war.
Mit einem Lächeln im Gesicht schrieb ich ihm zurück und bestätigte, dass ich ab vier Uhr nachmittags zuhause war. Der Schultag wurde jetzt viel erträglicher.

Auch bei der Rückfahrt hatte der Bus Verspätung. Ich war fast durchgedreht. Ich war doch mit Till verabredet, da wollte ich doch pünktlich nach Hause kommen. Als er zehn Minuten später tatsächlich erschien, war er auch noch so vollgestopft, dass ich bei Weitem keine Aussicht hatte, einen Sitzplatz zu bekommen. Völlig eingepfercht stand ich zwischen drei weiteren Männern und wurde gleichzeitig mit dem Rücken gegen eine Haltestange gepresst, was sich schmerzhaft bemerkbar machte.
Zu allem Überfluss hing der selbe Busfahrer wie heute Morgen wieder an der Zigarre und seinen Rauch bekam ich die ganze Zeit ins Gesicht gepustet. Im ganzen Bus war es mittlerweile so rauchig, dass ich kaum noch bis ans andere Ende sehen konnte.
Ich stank sicherlich entsetzlich nach dem Qualm. Hoffentlich roch es Till nicht und machte auf den Absatz wieder kehrt.
Endlich in meiner Heimat angekommen, joggte ich den Weg zu unserem Haus zurück. Es war bereits fünf Minuten nach vier – Till wartete bestimmt schon.
Und das tat er auch. Als ich um die Ecke bog, sah ich ihn auf der Treppe vor unserer Haustüre sitzen.
„Da bist du ja! Ich hatte schon Angst, dass dir was passiert ist“, rief er mir zu.
„Keine Sorge“, japste ich etwas außer Atem, als ich zu ihn trat.
Till schwang sich elegant von unserer Treppe nach oben und küsste mich ganz selbstverständlich auf die Wange.
„Bist du denn mittlerweile unter die Raucher gegangen?“, fragte er anschließend leicht verwundert.
„Ähm nein“, mir war das jetzt etwas peinlich, „der Busfahrer hat die ganze Zeit über an einer Zigarre gezogen und den ganzen Rauch habe ich abbekommen.“
„Es wird Zeit, dass du ein eigenes Auto bekommst.“
„Ganz meine Meinung“, stimmte ich ihn zu.
„Hast du eins in Aussicht?“
„Ne, noch nicht.“
„Ich kann mich gerne mal umhören, wenn du das möchtest. Was hättest du denn gerne für eins?“
Till arbeitete bei einem Autohändler und verkaufte dort jeden Tag mehrere Wagen an die unterschiedlichsten Leute. Das war echt praktisch - Maxi verkaufte Handys und Till Fahrzeuge. Ich war somit mit den notwendigen Dingen versorgt.
„Am liebsten ein Cabrio“, antwortete ich leicht verlegen.
„Cabrios sind meist teuer. Aber ich schaue mich mal um, was wir derzeit so da haben. Ich habe mir überlegt, ob ich meinen jetzigen lieber gegen einen Passat eintausche. So ein Kombi wäre viel praktischer.“
Schweigend drehte ich mich zu Tills uraltem, roten Golf um, der am Straßenrand parkte. Lange würde dieser Wagen es nicht mehr tun, er war quasi schon bereit für den Schrotthändler. Aber ich wusste auch, dass Till trotz allem an seinem Golf hing. Er war seit seinem achtzehnten Geburtstag sein ganzer Stolz und mal mehr und mal weniger zuverlässig hatte uns dieser Wagen überall hingebracht.
„Wollen wir zu mir fahren? Ich hatte nämlich eine Idee, was wir machen könnten und habe schon etwas vorbereitet“, wechselte er das Thema.
Ich stimmte zu und gemeinsam schlenderten wir zu seinen Auto hinüber. Till wohnte, genau wie Maxi, bereits in seiner eigenen Wohnung. Allerdings wurde er nicht von seinen Eltern hinaus befördert, sondern war freiwillig ausgezogen. Er hatte in seinem altem Umkreis keine Arbeit als Automobilverkäufer gefunden und war daher zum Umziehen gezwungen gewesen. Ich wusste, dass er seine Familie hin und wieder vermisste und konnte ihn da absolut verstehen. Auch ich wäre ohne meine Eltern sehr einsam. Natürlich hatte ich den Wunsch, endlich auszuziehen, aber ich merkte, dass ich trotz allem sehr gerne zuhause war.
Ich stieg zu Till in den Wagen und staunte nicht schlecht über die Müllberge, die ich darin vorfand. Flaschen, Bierdeckel, Kaugummipapiere und Taschentücher stapelten sich überall und flogen überall umher. Aber ich ließ mir nichts anmerken und fegte unauffällig mit meinem Unterarm über den Sitz, um ihn von dem Saustall zu befreien, damit ich mich hinsetzen konnte.
Ich glaubte, Till war das ein wenig peinlich, denn er lächelte verlegen.
„Ich sollte echt Mal wieder aufräumen“, stellte er fest.
„Joar, würde nicht schaden“, stimmte ich ihm zu. Till war so ein Chaot. In seiner Wohnung sah es ähnlich aus. Da war er komplett das Gegenteil von Maxi.

Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Der Weg zu Tills Wohnung war nicht weit. Er wohnte in der selben Stadt, in der Maxi auch wohnte, allerdings eher am Rand.
Überrascht sah ich zu, wie Till zwei randvoll gefüllte Tüten aus dem Kofferraum holte. Was hatte er nur gekauft? Ich traute mich aber nicht zu fragen.
In seiner Wohnung angekommen, staunte ich nicht schlecht. Der Boden war sauber, die Küchenzeile glänzte in der Sonne und sein Sofa war frei von Krümeln, Staub und sonstigen Bestandteilen.
„Ich habe extra den ganzen Tag lang für dich aufgeräumt“, stellte er klar, als er meinen fragenden Blick bemerkte. „Ich will nicht mehr in so einem Chaos wohnen. Das mit dem Auto war mir gerade schon zu peinlich gewesen und ich will mich jetzt ändern. Ich will nicht mehr so unordentlich sein.“
„Wenn du willst, helfe ich dir beim Auto putzen“, bot ich an.
„Das würdest du machen? Das wäre echt lieb von dir. Aber nur wenn du Lust hast, okay? Ich will dich zu nichts zwingen.“
„Klar, gar kein Problem.““
„Aber jetzt habe ich andere Pläne mit dir. Hast du Hunger?“
„Joar, ein bisschen“, gab ich zu.
„Sehr gut. Hast du Lust mit mir zu kochen? Ich war vorhin extra einkaufen.“ Er deutete auf die zwei Plastiktüten, die an der Theke lehnten.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Till war ein wahnsinnig guter Koch. Früher hatten wir sehr oft zusammen gekocht und dabei großen Spaß gehabt. Erinnerte er sich auch daran und hatte dies deshalb für unser erstes Treffen nach unserer Trennung ausgewählt?

Während des Kochens haben wir die ganze Zeit gelacht. Till erzählte mir lustige Geschichten von seiner Arbeit und witzige Erlebnisse mit seiner kleinen Schwester. Ich hatte wahnsinnig gute Laune und mir kam es fast so vor, als wären wir nie getrennt gewesen.
„Was machst du denn da?“, rief er plötzlich entsetzt.
Ich zuckte erschrocken zusammen. „Was meinst du?“
„Wollten wir nicht Bratkartoffel machen?“ fragte er belustigt.
Ich schielte nach unten zu den Kartoffeln, die ich gerade schnitt.
Mist! Ich war tatsächlich so abgelenkt gewesen, dass ich die Kartoffeln anstatt in Scheiben in winzig kleine Würfelchen zerteilt hatte.
„Oha“, brachte ich nur zwischen meinen Lippen hervor.
„Macht doch nichts. Jetzt haben wir halt eine neue Art von Bratkartoffeln. Schmecken bestimmt so besser.“ Er zwinkerte mir zu.
„Wie weit bist du mit dem restlichen Gemüse?“, fragte ich.
„Fast fertig“, erhielt ich als Antwort, „wenn du mit den Kartoffelwürfelchen fertig bist, kannst du noch den Schnittlauch schneiden.“
Ich nickte und machte mich an die Arbeit. Mein Magen knurrte schon gewaltig und ich konnte kaum erwarten, dass unser Essen bald fertig wurde.
Schnittlauch in winzige Fetzen schneiden war eines der Dinge, die ich überhaupt nicht beherrschte. Ständig rutschten mir die dünnen Hälmchen unter dem Messer weg und die fertigen Stücke waren viel zu lang.
Till stellte sich hinter mich. Ich konnte seinen Atem in meinem Nacken spüren. Ganz automatisch lehnte ich mich an ihn. Er legte sein Kinn auf meiner Schulter ab.
„Soll ich dir helfen?“, bot er mir an.
„Sehr gerne. Ich hasse es, Schnittlauch zu schneiden.“
Till griff mit seinen Armen rechts und links an meinem Bauch vorbei und nahm mir das Messer aus der Hand. In Nullkommanichts waren die Halme in gleich große Teile zerteilt und ich streute sie über den Salat.
„Dann müssten wir jetzt fertig sein, oder?“, wollte ich von ihm wissen.
„Ich glaube ja. Das war eine gute Idee mit deinen Kartoffelwürfelchen. Sie sind in der Pfanne viel schneller fertig geworden.“
„Na, das ist doch mal schön. Ich hab nämlich schon einen Bärenhunger.“
„Ich hoffe, es schmeckt dir auch“, bemerkte er, als er die Töpfe und Pfannen auf den Tisch stellte.
„Das wird es auf jeden Fall. All deine Gerichte haben bisher immer fantastisch geschmeckt.“
Ich brachte ihn mit diesem Satz zum Lachen.

Ich behielt recht. Nach dem dritten Teller lehnte ich mich pappsatt zurück.
„Hast du noch Lust, einen Film anzuschauen oder musst du nach Hause?“, fragte er mich, nachdem wir das Geschirr in die Spülmaschine geräumt hatten.
„Nö, ich habe noch Zeit“, entgegnete ich.
„Sehr gut. Wir haben bevor wir uns getrennt haben – er schluckte – ausgemacht, dass wir bald alle Harry Potter Teile gemeinsam ansehen. Hast du Lust darauf oder kennst du die Filme mittlerweile?“
Ich verneinte. Ich hatte nur die ersten Teile vor Jahren mal angeschaut, aber bis jetzt war ich kein großer Potter – Fan gewesen. Aber ich erinnerte mich nur zu gut daran, als ich ihm das erzählt hatte und er gefordert hatte, dass wir alle Teile gemeinsam anschauen würden. Und jetzt war es anscheinend so weit.
„Dann mach es dir gemütlich“, er deutete auf sein Bett, „ ich richte in der Zeit alles her.“
Ein wenig nervös ließ ich mich nach hinten auf seine weiche Matratze fallen.
Hier war ich schon etliche Male gelegen, mit Till über, unter und neben mir. Ich schwelgte ein wenig in diesen Erinnerungen, ehe sich mein ehemaliger Freund zu mir quetschte.
Er legte seinen Arm um meine Schulter und ich lehnte meinen Kopf an ihn. So hatten wir früher immer gesessen, während wir Filme angeschaut hatten. Ich fühlte mich wirklich wohl neben ihm und es war alles so wie früher.

Richtig auf den Film konnte ich mich aber nicht konzentrieren, denn ab der Halbzeit schien es Till wohl zu langweilig geworden zu sein, nur neben mir zu sitzen. Am Anfang hatte er mir immer nur über meine dunkelblonden Haare gestrichen, später hatte er begonnen, mir abwechselnd in mein Ohrläppchen zu beißen und Küsse in meinen Nacken zu hauchen.
Eine Gänsehaut bildete sich auf meinem gesamten Körper. Das fühlte sich absolut himmlisch an. Seine Hände fuhren meine Brust und meinen Bauch hinab und drückten mich gleichzeitig noch fester an ihn. Ich keuchte leise und drehte meinen Kopf zu ihm. Till nutze den Augenblick und küsste mich ganz liebevoll auf die Lippen.
So lange Zeit war ich ohne ihn gewesen und hatte ihn schmerzlich vermisst – dieser Kuss schien jetzt alle Risse in meinem Herzen zu heilen.
Nicht um alles in der Welt hätte ich jetzt seine Lippen wieder frei gegeben, sondern presste meine eher noch fester auf seinen Mund. Ich spürte seine weichen Lippen, seine Zunge, seinen Körper unter meinen Händen.
„Oh Nicky“, flüsterte er, doch ich ließ ihn nicht ausreden, sondern drückte ihm gleich nochmal einen Kuss auf. So lange hatte ich darauf gewartet. Jetzt hatte ich ihn wieder bei mir.
Seine Hände strichen unter mein Shirt und er begann, ganz zärtlich meine Haut zu streicheln. Ich war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Alles um mich herum wurde mir egal. Es existierten nur noch wir beide.
Ganz langsam zog er mir mein Oberteil über den Kopf und strich ganz ehrfürchtig über meine Brust.
„Du bist noch so viel schöner geworden“, wisperte er und zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht.

Ich zuckte zusammen, als Till plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, aufsprang und in sein Badezimmer verschwand. Verstört blieb ich auf seiner Bettdecke liegen. Was war das jetzt gewesen? Ich zog die Decke über mich drüber, denn ich fühlte mich jetzt unwohl, allein und komplett nackt in seinem Bett zu liegen. War ihm plötzlich schlecht geworden? Ich wartete noch ein paar Minuten, ehe ich mich vorsichtig unter seiner Bettdecke hervor kämpfte, um sein Zimmer zu durchqueren. Ich klopfte an die Badezimmertür.
„Till? Ist alles in Ordnung?“, rief ich ihm zu, doch ich erhielt keine Antwort.
„Till? Kann ich rein kommen?“ Immer noch blieb es auf der anderen Seite stumm.
Ich drückte die Klinke hinunter und war überrascht, als sie sich sofort öffnen ließ.
Till saß am Rand seiner Badewanne und hatte den Blick gesenkt. Er sah mich nur ganz kurz an, als ich mich neben ihn auf den feuchten und kalten Rand setzte.
„Was ist los?“
„Es ist nur... Es wäre verkehrt, das jetzt zu machen?“, brachte er mit zitternden Lippen hervor.
„Wieso? Was ist verkehrt?“
„Mit dir zu schlafen. Ich will es – aber es geht nicht.“
„Warum geht das nicht? Was ist daran falsch?“
„Ich will nicht, dass du denkst, dass ich dich nur deswegen zurück haben möchte. Ich will dir nicht das Gefühl geben, dass es nur wegen Sex ist.“
„Aber das denke ich doch gar nicht“, erwiderte ich. Oder?
„Ich habe dich so vermisst, Nicky. Es war ein riesengroßer Fehler, dich abzuservieren.“
„Aber jetzt hast du mich ja wieder.“ Ich strich vorsichtig mit meinen Fingerspitzen über seinen Rücken.
„Ja. Und ich will nicht, dass du wieder gehst.“
„Werde ich bestimmt nicht.“
Endlich hob er seinen Kopf und sah mir fest in die Augen.
„Du bist was ganz besonderes, Nicky.“ Noch nie hatte jemand das zu mir gesagt.
„Das bist du auch.“
„Wirst du mir irgendwann verzeihen können, dass ich dich damals verlassen habe?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Es soll wieder so wie früher zwischen uns werden, okay?“
Ich nickte. Ja, das hoffte ich auch. Klar, es tat tief in mir immer noch weh, dass er sich damals von einen Tag auf den anderen von mir getrennt hatte, aber es fühlte sich so schön und so richtig an, neben ihm zu sitzen und ihn im Arm zu halten.
Auf einmal fing er zum Kichern an. „Jetzt sitzen wir hier beide völlig nackt auf der Badewanne und frieren uns den Arsch ab. Irgendwie ist das schon sehr komisch.“
„Wir können gerne zurück in dein Bett kriechen“, lachte ich.
„Ne, besser nicht. Ich glaube, ich fahre dich jetzt gleich nach Hause.“
Ich nickte.
„Ich melde mich dann bei dir, okay? Versprochen.“

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 02 Sep 2017, 21:59

Meine erste Arbeitswoche war überstanden. Ich genoss es, am Samstag endlich wieder, den ganzen Vormittag im Bett liegen bleiben zu können, um dann ganz gemütlich zu frühstücken. Meine Eltern waren nachmittags zu irgendeinem Orchester gefahren und ich machte mit Goofy einen schönen, aber gemächlichen Spaziergang. Ihm taten die Tabletten, die er jetzt bekam, wirklich gut und er wirkte trotz seines hohen Alters um einiges fitter.
Am frühen Abend erreichte mich eine Nachricht von Maxi. Ich zögerte etwas, bevor ich sie öffnete. Er fragte mich, ob ich heute Abend Lust hatte, ihn zu einem Fest am Baggersee zu begleiten.
Ich haderte mit mir. Einerseits wollte ich gerne zustimmen. Maxi war so nett und ein Abend mit ihm versprach lustig zu werden, aber es gab nun Mal auch Till in meinem Leben. Was er sagen würde, wenn er wüsste, dass ich mich zeitgleich mit einem anderen Kerl treffen würde? Aber waren wir überhaupt schon wieder zusammen? War ich überhaupt in irgendeiner Beziehung?! Es war zum Haareraufen. Ich wusste es nicht.
Klar, Till und ich hatten uns geküsst und waren mehr oder weniger in seinem Bett gelandet, aber darüber gesprochen, ob wir jetzt wieder ein richtiges Paar waren, hatten wir nicht.
Ich wollte Till nicht verlieren, aber Maxi.... Maxi irgendwie auch nicht. Dafür war er zu nett, zu lustig und eine viel zu interessante Person. Er war das Gegenteil von Till und genau das zog mich an.
Mit einem tiefen Seufzen tippte ich eine Nachricht in mein Handy ein und schickte sie ab. Ich hatte mich entschieden. Ich wollte Maxi nicht so schnell aufgeben. Und ich hatte wahnsinnig Bock auf diesen Abend.

Eine Stunde später parkte ein grauer Peugeot vor meiner Haustüre. Voller Vorfreude lief ich Maxi entgegen, der sich gerade aus dem Auto quetschte. Er umarmte mich zur Begrüßung fest.
„Hallo Nicky. Ich finde es super, dass du Zeit hast. Ich freue mich wirklich, dich wiederzusehen“, begrüßte er mich.
„Ich freue mich auch“, strahlte ich ihn an. Und es war die absolute Wahrheit.
„Warst du schon mal auf der Party?“
„Nein, ich weiß nicht einmal genau, welche das ist“, gab ich mit einem Grinsen im Gesicht zu.
„Echt? Also das Festival heißt Sound am See. Ich war letztes Jahr schon dort, es ist echt cool. Hast du wirklich noch nie davon gehört?“
„Ne, sagt mir leider auch gar nichts.“
„Na, hast du ein Glück, dass ich dann mit dir hingehe.“ Er zwinkerte mir zu und hielt mir die Wagentüre auf. „Lass uns aufbrechen.“
Während der Fahrt starrte ich die ganze Zeit zu ihm hinüber. Er trug ein weißes Tanktop und eine enge, schwarze Jeans. Das Outfit passte perfekt zu seinen hellblonden Haaren und ich musste zugeben, dass ich ihn so verdammt heiß fand. Zu allem Überfluss entdeckte ich auch noch ein Tattoo, das seine Schulter und seinen halben rechten Oberarm einnahm. Es zeigte einen großen Baum, über dessen Krone eine Menge Sterne und ein Halbmond kreiste.
„Mir gefällt dein Tattoo“, offenbarte ich ihm.
„Danke. Hast du auch welche?“
„Nein, aber ich will mir später vielleicht mal welche stechen lassen. Ich weiß nur noch nicht, welches Motiv. Wieso hast du genau dieses Bild gewählt?“, fragte ich ihn, schließlich gehörte ein Baum nicht unbedingt zu den gängigsten Tattoomotiven.
„Er erinnert mich an meine beste Freundin“, offenbarte er.
„Ihr habt euch also sozusagen ein Freundschaftstattoo stechen lassen?“
„Nein. Ich habe es erst nach ihrem Tod entworfen.“
Vor Entsetzen verschluckte ich mich an meiner Spucke. Ich hustete laut auf und konnte mich nur schwer wieder beruhigen. Maxi hatte derzeit den Blick nicht von der Straße genommen, aber seine Augen waren jetzt total leer.
„Stella und ich kannten uns seit dem Kindergarten. Auch sie hatte massive Probleme mit ihren Eltern gehabt. Wir haben uns immer gegenseitig getröstet und uns unterstützt. Wir trafen uns jeden Tag an einem alten Eichenbaum. Als Kinder hatten wir dort miteinander gespielt und wir saßen auch oft zusammen dort und und haben beide geheult. Es war der Lieblingsplatz von uns beiden. Wir haben uns jeden Tag dort getroffen. Jeden Abend saßen wir in den Ästen, haben in Erinnerungen und Träumen geschwelgt und haben die Sterne beobachtet. Der Name Stella heißt 'Stern' übersetzt, weißt du? Und Stella hat die Nacht und die Sterne geliebt. Wir haben sie immer versucht zu zählen, aber es sind einfach zu viele. Und na ja, irgendwann ist ihr das mit ihren Eltern einfach zu viel geworden. Sie hat sich vor einen Zug geworfen. Am Baum hat sie mir einen Abschiedsbrief hinterlassen. Das ganze ist jetzt ein Jahr her.“
Ich zitterte, als ich seiner Erzählung lauschte. Das war so schrecklich zu hören! Es tat weh, so etwas hören zu müssen.
„Das tut mir so leid“, flüsterte ich und streichelte ganz zärtlich über seinen Arm und das Tattoo. Ich merkte, wie lasch diese Worte selbst in meinen Ohren klangen, aber ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Die ganze Geschichte entsetzte mich.
„Das muss es nicht. Stella hat es so gewollt und ich bin mir sicher, dass sie jetzt viel glücklicher ist. Sie ist mein Schutzengel, das weiß ich.“
„Trotzdem. Das alles ist so traurig.“
„Stella hätte nicht gewollt, dass ich traurig bin. Das hat sie mir auch in ihrem Brief geschrieben, also raffe ich mich jeden Morgen erneut auf und versuche, jeden einzelnen Tag zu genießen. Das Leben kann so schnell vorbei sein.“
„Ja, das kann es“, gab ich zu und dachte dabei an Goofy.
„Aber jetzt wechseln wir das Thema,okay? Ich spreche nämlich trotzdem nicht gerne darüber. Hast du irgendwelche Piercings?“
„Piercings?“
„Ja, wir haben zuvor über Tattoos gesprochen und jetzt reden wir über Piercings. Hast du welche?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber du?“
Er drehte seinen Kopf zu mir und streckte mir seine Zunge entgegen. Ein Piercing mit einer knallroten Kugel hatte seine Zungenspitze durchbohrt. „Das Lieblingspiercing aller Schwulen“, erwähnte er und grinste breit.
„Hat das nicht beim Stechen total weh getan?“, wollte ich wissen.
„Na ja, es ging. Das Stechen an sich war schnell vorbei, aber die nächsten Tage waren nicht so toll. Ich konnte mich nur von Pudding und Joghurt ernähren und küssen hat die ersten Tage auch ziemlich weh getan.“
„Wieso hast du dir denn eins stechen lassen?“
„Um gegen meine Eltern zu rebellieren“, lachte er, „was sonst? Und jetzt bin ich zu faul, es raus zu tun. Aber irgendwie gefällt es mir auch.“
„Ach, so ist das.“

Währenddessen hatten wir die breite Landstraße verlassen und krochen einen schmalen Feldweg entlang.
„Wo fahren wir jetzt lang?“, fragte ich ein wenig verpeilt.
„Na, zum Baggersee. Warst du da wirklich noch nie?“
„Nein, ich bin zum ersten Mal in diesem Ort“, offenbarte ich.
„Dann wird es aber mal Zeit. Ich gehe wahnsinnig gerne dort baden.“
Eine matschige Wiese diente als Parkplatz. Mindestens dreihundert Autos parkten schon kreuz und quer auf der Grasfläche. Vom Weiten konnte man schon die lauten Bässe der Musik und das Stimmengewirr von etlichen Leuten hören.
„Ich bezahle für dich“, erklärte mir Maxi und nahm meine Hand in seine.
Doch da fiel mir etwas Wichtiges ein. „Du Maxi – ich bin noch keine achtzehn“, teilte ich ihm ein wenig peinlich berührt mit, „darf ich dann überhaupt schon rein?“
„Ich gebe mich als deine Aufsichtsperson aus, dann sollte es kein Problem sein. Probieren wir es einfach mal, okay?“
Und wir hatten Glück. Die Türsteher winkten uns ohne große Diskussion durch den Eingangsbereich und wenig später fanden wir uns auf dem Festivalgelände wieder.
Vor uns war eine große Bühne aufgebaut, auf der ein DJ laut seine Platten abspielte. Mehrere Teenager sprangen vor ihm auf und ab und tanzten wild miteinander.
„Wo willst du zuallererst hingehen?“, fragte Maxi mich, doch mir war das eigentlich egal.
Maxi zog mich somit direkt an den ersten Getränkestand und bestellte sich eine Flasche Cola.
„Ich darf keinen Alkohol trinken, wenn ich noch Auto fahren muss“, erklärte er, „aber du kannst gerne etwas alkoholisches nehmen. Ich lade dich ein.“
„Das musst du aber nicht“, bemerkte ich, während ich die Getränkeliste durchforstete.
„Ich würde aber gerne.“ Er legte seinen Arm um mich und ganz automatisch schmiegte ich mich näher an ihn.
„Dann hätte ich gerne ein Bier“, wandte ich mich an die Barkeeperin, die sofort eine Flasche reichte.
„Kannst du tanzen?“, fragte Maxi mich plötzlich.
„Ähm, keine Ahnung“, gab ich zu. Recht viele Gelegenheiten zum Tanzen hatte ich bisher noch nicht gehabt.
„Hast du denn Lust?“
„Ich weiß nicht. Was, wenn ich mich total blamiere?“
„So jemand wie du wird sich nicht blamieren. Wir mischen uns einfach mitten unter die Leute, dann wird schon keiner so genau auf uns achten.“
„Okay“, nur zögerlich stimmte ich zu und ließ mich von ihm quer über den ganzen Festplatz ziehen.
Ich betete, dass ich Till oder einer anderen Person, die ich kannte, nicht begegnen würde. Nicht auszudenken, was Till sagen würde, wenn er mich an der Hand eines anderen Mannes vorfinden würde. Aber er hatte mir eigentlich geschrieben, dass er einen ruhigen Abend auf dem Sofa verbringen wollte und ich hoffte, dass er seine Meinung nicht geändert hatte.
Maxi zog mich wirklich genau in die Mitte der tanzenden Leute und fing sofort an, seinen Körper zu bewegen. Ich blieb jedoch erst mal stocksteif stehen und wagte nicht, irgendwie blöd hin und her zu tänzeln.
„Versuch es doch mal. Tanzen macht echt Spaß“, rief er mir durch die laute TechnoMusik zu.
Ja, wenn man wenn so tanzen konnte wie er, war das sicherlich spaßig. Ich würde dabei eher wie ein aufgedrehter Truthahn aussehen.
Trotzdem versuchte ich ihm den Gefallen zu tun und bewegte meine Beine.
„Na, siehst du – geht doch.“
Ich nickte zaghaft. Maxi legte seine Arme um meine Hüften und zog mich näher an sich ran. „Versuch einfach mir nachzumachen, okay? Es ist gar nicht so schwer.“
Ich versuchte wirklich, ihm zu folgen und mit der Zeit gelang es mir immer besser. Ich trat Maxi nicht mehr bei jedem Schritt auf die Füße und so schlimm schien es gar nicht mehr auszusehen. Und es machte mir wahrhaftig Spaß.

Es war schon weit nach Mitternacht, als meine Begleitung mich plötzlich aus der Menschenmasse heraus zog.
„Ich habe einen Vorschlag, was wir jetzt noch machen könnten“, offenbarte er.
„Und der wäre?“, erwiderte ich etwas verschwitzt.
„Komm mit.“
Ich folgte ihm zum Ausgang und zum Parkplatz zurück.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“ erklärte er mir und öffnete seinen Kofferraum.
Er zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht, als er einen riesigen Strauß roter Rosen hervorzog und in meine Hand drückte.
„Dankeschön“, stotterte ich ein wenig verdutzt.
„Ich hab dir doch auf dem Volksfest versprochen, dass ich dir beim nächsten Date ein Strauß echter Rosen mitbringe. Leider hat das nicht wirklich geklappt, weil ich so spontan vor deiner Haustüre stand, aber dafür bekommst du sie jetzt. Freust du dich?“
Was für eine Frage?! Natürlich freute ich mich. Mir hatte noch nie jemand Rosen geschenkt.
„Danke“, wiederholte ich und zog ihn in meine Arme.


Wir saßen am anderen Ufer des Baggersees auf einer Wiese. Maxi hatte mir unbedingt die Stelle zeigen wollen, an der er so oft baden ging und ich war ihm nur zu gerne gefolgt.
Ganz leise konnten wir die Musik vom Festival noch hören, aber das laute Zirpen der Grillen hielt sie eher im Hintergrund. Ich hatte mich im weichen, aber auch feuchten Gras ausgestreckt und Maxi hatte diesen Moment ausgenützt, um seinen Kopf auf meine Brust zu legen.
„Du bist richtig bequem“, murmelte er und fuhr mit seinen Fingerspitzen durch meine Haare. „Und so hübsch.“
Ich musste schmunzeln. So extrem hübsch fand ich mich eher nicht. Meine dunkelblonden Haare waren zu gewöhnlich, meine blauen Augen viel zu wässrig und die Pickel auf der Stirn nervten mich. Aber Maxi schien ich zu gefallen.
Es war wirklich schön, mit ihm hier zu liegen. Der kühle Wind fuhr über mein Gesicht, das Gras kitzelte auf meiner Haut und die Sterne leuchteten über uns. Sofort fiel mir die Geschichte von Maxis bester Freundin wieder ein, doch ich verscheuchte sie aus meinen Gedanken. Sie war zu traurig, ich wollte sie nicht in meinem Kopf behalten.
„Wie war dein erster Kuss?“
Diese plötzliche Frage ließ mich leicht zusammenzucken.
„Wie meinst du das?“, fragte ich verwirrt.
„Wie war dein erster Kuss?“, wiederholte er.
„Wieso möchtest du das wissen?“
„Ich möchte alles über dich erfahren.“
„Na ja. Nicht so toll. Mit einem Mädchen aus meiner Klasse“, gab ich leise zu und war froh, dass Maxi meine rosa angelaufenen Wangen nicht erkennen konnte.
„Du hast schon Mal ein Mädchen geküsst?“
„Ja, aber nur ein einziges Mal. Du nicht?“
„Nein, bisher nur Männer.“
„Okay.“
„Hast du schon mal jemanden mit einem Zungenpiercing geküsst?“
„Wie bitte?!“ Dabei hatte ich die Frage nur zu gut verstanden.
Er wollte doch jetzt nicht...
Aber dann hatte ich seine Zungenspitze schon in meinem Mund.

Am Anfang störte mich die Piercingkugel etwas. Ständig stieß sie gegen meine Zähne, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich dran oder Maxi schaffte es, mich genug abzulenken. Immer wieder hauchte er mir einen Kuss nach dem anderen auf meine Lippen und schien sich gar nicht mehr von mir lösen zu wollen.
„Ich mag dich, Nicky“, wisperte er in die Stille der Nacht, ehe er meinen Mund erneut mit seinem verschloss.
Ich strich mit meinen Händen ganz sachte über seinen Rücken. Sein Shirt war etwas nach oben gerutscht und seine Haut fühlte sich dort unheimlich warm und weich an.
Er umschlang mich mit beiden seiner Arme und legte erneut seinen Kopf auf meinem Oberkörper ab. „Ich lass dich jetzt nie wieder gehen“, lachte er leise, „es ist so schön hier.“
Da konnte ich ihm nur zustimmen.
Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich sicherlich die ganze Nacht mit Maxi im Gras liegen geblieben, doch typischerweise musste ausgerechnet jetzt das Wetter umschlagen und es begann zu tröpfeln.
Leise murrte ich auf und drehte meinen Kopf, um mein Gesicht von den stetig mehr werdenden Regentropfen zu schützen.
„Ach Mist“, schimpfte Maxi, „das hat jetzt noch gefehlt.“
„Können wir leider nicht mehr ändern“, murrte ich, „komm, lass uns zum Auto zurück gehen, ehe wir völlig durchnässt sind.“
Schnell sammelten wir uns unsere sieben Sachen ein und liefen händchenhaltend zu Maxis Wagen zurück.
„Ich will dich noch nicht gehen lassen“, bemerkte Maxi plötzlich und seine Hand umschloss meine fester. „Hast du nicht Lust, heute Nacht bei mir zu übernachten?“
„Ähm, ich weiß nicht“, stotterte ich ein wenig verlegen.
Ich sollte jetzt schon bei Maxi schlafen? Da war ich mir noch ein wenig unsicher, schließlich hatten wir uns gerade erst zum ersten Mal geküsst.
„Du musst nicht, wenn du nicht möchtest. Aber es würde bestimmt toll werden.“
„Findest du nicht, dass es dafür noch ein wenig zu früh ist?“, fragte ich verunsichert.
„Keine Angst – ich fasse dir schon nicht in die Hose, wenn du das nicht möchtest. Ich möchte nur neben dir einschlafen. Ich finde die Vorstellung total schön.“
„Okay“, stimmte ich halbherzig zu.
„Nur, wenn du auch wirklich möchtest.“
„Ja, das tue ich.“
„Super.“

Im Auto schrieb ich meinen Eltern eine Nachricht, damit sie sich keine Sorgen machten, wenn ich die ganze Nacht lang weg blieb. Noch war ich ein wenig unsicher. War es wirklich eine gute Idee, schon jetzt bei Maxi zu übernachten? So lange kannten wir uns ja immerhin noch nicht. Bei Till hatte ich mir damals viel mehr Zeit gelassen.
Maxis Wohnung erreichten wir in weniger als fünfzehn Minuten. Wie letztes Mal parkten wir vor dem Eingang des Hochhauses und liefen zu Fuß in den siebten Stock. Auch seine Wohnung sah noch aus, wie bei meinem ersten Besuch vor wenigen Tagen . Es war aufgeräumt und hell in seinen Räumen.
„Ich habe leider kein großes Bett“, stellte Maxi fest, „ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn es ein bisschen eng werden sollte.“
„Gar kein Problem.“
„Du kannst duschen gehen, wenn du möchtest. Im Regal liegen Duschgel und ein paar Handtücher. Bedien dich ruhig – ich überziehe in der Zeit das Bett neu.“
Ich nickte und verschwand in das enge Badezimmer. Eine Dusche konnte ich jetzt bestimmt gut gebrauchen, außerdem war ich froh, jetzt kurze Zeit alleine sein zu können. Ich wusste immer noch nicht, was ich von Maxis Einladung halten sollte. War es wirklich nur seine Absicht, neben mir einzuschlafen? Oder hatte er bereits mehr geplant?
Ich schlüpfte aus meiner Kleidung und stellte die Temperatur des Wassers auf ganz heiß. Ich war ein absoluter Warmduscher, kaltes Wasser konnte ich selbst im Hochsommer nicht ab. Wie es wohl in einem alten Hochhaus typisch war, musste ich lange warten, ehe der Wasserstrahl sich erwärmte. Im Raum nebenan hörte ich Maxi auf und ab gehen und hin und wieder klapperte eine Schranktür. Hoffentlich wurde er nicht ungeduldig, wenn ich so lange brauchte.
Endlich hatte das Wasser die richtige Temperatur angenommen und ich stellte mich unter die Brause. Mit einem Grinsen verteilte ich eine riesige Menge von seinem Duschgel auf meinem Körper. Ich wollte für das, was eventuell jetzt kam, auf jeden Fall sauber sein und gut riechen. Ich kletterte aus der Dusche und stellte mich beim Abtrocknen direkt vor den Spiegel. Wie sah ich aus? Fand mich Maxi wirklich so attraktiv? Hätte ich mich wirklich nicht rasieren müssen? Ich biss mir auf die Zunge. Ein Rasierer hätte mir jetzt sicherlich nicht geschadet. Aber darüber hatte ich zuvor gar nicht nachgedacht, ich war wohl zu lange Single gewesen.
Nachdem der letzte Wassertropfen auf meinem Körper abgewischt war, wandte ich mich den Klamottenberg zu meinen Füßen zu. Was von alldem sollte ich jetzt wieder anziehen? Sollte ich wieder in Jeans und T-Shirt schlüpfen oder sollte ich einfach nackig aus dem Badezimmer spazieren? Nein, die zweite Idee schlug ich mir schnell wieder aus dem Kopf, aber mich erneut komplett anzuziehen, kam mir ebenfalls doof vor.
Also zog ich mir nur schnell meine Boxershort über und atmete tief durch, ehe ich zurück in Maxis Schlaf- und Wohnraum trat.
Seine Blicke blieben mir nicht verborgen, als ich langsam auf ihn zu lief, aber er zwang sich anscheinend, mir nur ins Gesicht zu schauen. Ich war ihm dafür sehr dankbar.
„Leg dich ruhig schon Mal ins Bett, ich komme gleich“, versprach er und war in seiner kleinen Küche verschwunden.
Wie er befohlen hatte, schwang ich meine Beine in sein enges Bett und kroch unter die Bettdecke. Belustigt stellte ich fest, dass er extra eine knallgelbe Bettwäsche ausgewählt hatte. Er erinnerte sich wohl an das Gespräch, das wir im Riesenrad geführt hatten und in dem ich ihm von meiner früheren Lieblingsfarbe erzählt hatte.
Ich hörte, wie in der Küche der Wasserhahn mehrmals auf und wieder zu gedreht wurde und das Klappern von Messern. Was Maxi wohl machte? Aber ich traute mich nicht, in die Küche zu schleichen.
Zum Glück brauchte er auch nicht lange, sondern kam nach kurzer Zeit in meine Blickweite zurück. In den Händen trug er ein Tablett, auf dem eine Schale mit Erdbeeren und zwei Gläser Wasser platziert waren.
„Ich dachte, du hast bestimmt noch Hunger“, erklärte er und setzte das Tablett auf meinen Beinen ab. „Auf welcher Seite möchtest du schlafen?“
„Ist mir eigentlich egal“, antwortete ich.
„Dann schläfst du innen, okay? Damit du nicht aus Versehen in der Nacht aus dem Bett fällst.“
Umständlich begann er, über mich drüber zu klettern und sich neben mich zu setzen. Um ein Haar hätte er die Schüssel mit den Erdbeeren umgeworfen, aber ich konnte sie gerade noch festhalten. Ich schob mir eine Erdbeere in den Mund. Sie schmeckte richtig lecker. Maxi klaute sich ebenfalls eine. „Ich hasse es, am Abend alleine zu sein“, erklärte er mir, „ich bin echt froh, dass du heute Nacht bei mir schläfst.“
„Ist doch keine Ursache.“
Maxi drückte mir zum Dank einen Kuss auf. Seine Lippen schmeckten sanft nach Erdbeeren. Ich liebte diesen Geschmack.

Als wir auch die letzte Erdbeere aufgefuttert hatten, stellte Maxi das Tablett auf den Boden. Er rutschte mit seinem Oberkörper nach unten und kuschelte sich unter die Decke. Ich tat es ihm gleich.
„Liegst du bequem?“, fragte er mich.
„Ja, sehr sogar“, antwortete ich ihm und zog das Kissen ein wenig näher an meinen Kopf heran.
„Hast du auch genug Decke?“, wollte er besorgt wissen.
„Ja, bei mir passt alles.“
„Wenn dir kalt sein sollte, dann wecke mich. Ich habe im Schrank ein paar Wolldecken liegen.“
„Nein, mir ist nicht kalt.“
„Schlaf gut, Nicky.“
„Du auch“, erwiderte ich.
Er legte seinen Arm um meine Hüfte und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. Ich kuschelte mich fest in seine Arme. Es war so schön, hier neben ihm zu liegen.
Es war komplett still in der Wohnung. Nur hin und wieder hörte ich das Quietschen des Laufrades seines Hamsters. Ich konnte Maxis Atem an meinem Hals spüren. Anscheinend war er schon eingeschlafen. Auch mir fielen sekündlich die Augen zu, lange würde es nicht mehr dauern, ehe auch ich im Land der Träume versinken würde.

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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 06 Sep 2017, 20:01

Der Duft von Kaffee weckte mich. Müde schlug ich die Augen auf und blinzelte ein paar Mal. Anfangs musste ich mich orientieren, wo ich war. Das Bett und das Zimmer waren mir fremd, aber dann fiel es mir wieder ein. Ich lag in Maxis Bett und dessen Besitzer kniete jetzt über mir und hielt mir eine Tasse des schwarzen Heißgetränkes entgegen.
„Guten Morgen“, wünschte er mir und drückte mir gleich die Tasse in die Hand.
„Morgen“, nuschelte auch ich, aber noch ziemlich verpennt.
„Endlich bist du auch aufgewacht.“
„Wieso?“, gähnte ich, „wie spät ist es denn?“
„Bereits kurz vor Mittag. Ich bin schon seit Stunden wach.“
„Warum hast du mich nicht geweckt?“
„Du sahst du niedlich beim Schlafen aus.“
Ich grinste verlegen.
„Musst du bald nach Hause?“
„Ne, ich glaube nicht“, überlegte ich, „ich hab heute nicht mehr viel vor.“
„Das ist schön. Dann verbringen wir noch den ganzen Tag zusammen, okay? Also nur wenn du möchtest.“
„Gerne.“ Ich lächelte.
„Ich habe dir schon Frühstück gemacht. Ich wusste aber nicht, wie du deinen Kaffee trinkst. Ich habe ihn jetzt schwarz gelassen, aber ich habe noch Milch und Zucker in der Küche.“
„Zucker wäre nicht schlecht“, gab ich zu und Maxi sprang sofort auf, um in den besagten Raum zu laufen.
Normalerweise trank ich keinen Kaffee. Ich verabscheute dieses Getränk sogar. Es war mir viel zu bitter und nur mit Müh und Not bekam ich einen Schluck runter. Aber ich fand es so lieb von Maxi, dass er mir Frühstück gemacht hatte und wollte ihn nicht enttäuschen. Und mit einer gewaltigen Ladung Zucker würde ich das Ekelgetränk schon irgendwie durch meine Kehle bekommen.
Maxi erschien wieder neben mir und hielt neben einem Becher mit Zuckerwürfeln noch zwei Teller und Besteck in den Händen.
„Ich frühstücke eigentlich nie im Bett, aber ich dachte, dass ich heute mal eine Ausnahme machen kann“, offenbarte er und streichelte mir kurz über meine verwuschelten Haare.
Anschließend trabte er zurück in seine winzige Küche und kam mit mehreren Scheiben Brot, Butter, Marmelade und verschiedene Käsesorten bepackt zurück.
Ich nahm ihm die Essenssachen ab, ehe sie aus seinen Händen fallen konnten und platzierte sie nebeneinander auf der Bettdecke.
Maxi setzte sich sogleich wieder zu mir und zog mich in seine Arme.
„Bei mir hat noch nie jemand übernachtet“, gab er beiläufig zu, während er sich sein Brot schmierte.
„Echt?“
„Ja. Du bist der erste.“
„Schön.“ Ich wusste nicht so recht, was ich darauf sagen sollte.
„Ich war zuvor noch nie in einer Beziehung“, erklärte er, „du bist mein erster Freund.“ Er küsste mich auf den Mundwinkel.
Ich war sein Freund? Er ging davon aus, dass wir schon in einer Beziehung waren? Oh man. Es war schön und ich fühlte mich auch irgendwie geehrt – aber was sollte ich nur mit Till machen?! Ich seufzte lautlos. Ich sollte mich jetzt erst einmal freuen, vielleicht würden sich alle Probleme irgendwann von selbst lösen.
„Aber du hast mir doch gestern erzählt, dass du schon mehrere Kerle geküsst hast“, fiel mir plötzlich ein.
„Ja, aber mehr war da nicht. Das waren nur irgendwelche Idioten, die mir nicht wichtig waren. Aber wie sieht es bei dir aus? Hattest du schon mal einen Freund?“
Ich schluckte. Was sollte ich jetzt sagen? Dass ich vor wenigen Tagen noch mit meinem Exfreund rumgeknutscht hatte und dass ich mir jetzt nicht sicher war, ob ich wieder mit ihm zusammen war? Nein, das bestimmt nicht.
„Willst du nicht darüber reden?“
„Mhm“, grunzte ich nur.
„Dann ist das okay. Du musst nichts darüber sagen.“
„Danke“, seufzte ich erleichtert. Das machte es mir schon viel einfacher.
„Lass uns lieber über was Schönes reden. Lass mich mal überlegen. Ähm – hast du ein Lieblingswort?“
Ich fing an zu lachen . „Ein Lieblingswort? Was soll das denn sein?“
„Ein Wort, das man besonderes gerne sagt.“
„Ich glaube, ich hab gar keines“, gab ich zu, „und ich hab auch noch nie darüber nachgedacht.“
„Also mir gefallen manche Wörter schon. Allerdings sind diese meist in einer anderen Sprache. 'Relationship' zum Beispiel. Ich finde, das Wort hat so einen schönen Klang. Ich könnte es den ganzen Tag vor mir her sagen. Oder 'Horizon'. Das war mein früheres Lieblingswort. Selbst auf Deutsch klingt Horizont einfach traumhaft. Findest du nicht auch?“
Ich nickte, fand aber das, was Maxi da von sich preis gab, ein wenig merkwürdig.
„Trinkst du deinen Kaffee nicht?“, wechselte er schnell das Thema.
„Ähm doch“, stotterte ich verlegen und nahm einen tiefen Schluck.
Das war jedoch ein Fehler. Nur mit großer Mühe bekam ich ihn hinunter und musste aufpassen, dass ich ihn nicht auf die Bettdecke kotzte.
Mein Gesichtsausdruck hatte mich jedoch verraten. „Wieso sagst du mir nicht, dass du keinen Kaffee trinkst?“, fragte Maxi und sah mir fest in die Augen.
„Ich weiß nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil du ihn extra für mich gemacht hast?“
„Ich hab auch Säfte hier, wenn dir die lieber sind. Oder Tee, wenn du einen magst.“
„Orangensaft wäre super.“
„Kommt sofort.“ Maxi schälte sich aus dem Bett und nahm mir die Kaffeetasse aus der Hand. „So viel Zucker wie du rein getan hast, kann er ja auch nicht schmecken“, grinste er und verschwand abermals im angrenzenden Raum.

Nachdem ich nach einem langen Tag mit Maxi, den wir zum größten Teil in seinem Bett verbracht hatten, endlich nach Hause kam, wartete Till schon vor meiner Haustüre.
„Endlich bist du da“, rief er mir schon von Weitem entgegen.
„Waren wir verabredet?“, fragte ich zurück und fuhr mir durch die Haare, die vom ganztägigen Im-Bett-Liegen noch ganz platt waren.
„Ne, aber ich hatte solche Sehnsucht nach dir. Was hast du denn gemacht?“
„Ach, nichts besonderes“, wandte ich ab und Till er griff sofort nach meiner Hand.
„Deine Eltern sind anscheinend nicht zuhause“, erklärte er, „ich habe mindestens dreimal geklingelt.“
Man, da war ich erleichtert. Nicht auszudenken, was meine Eltern gesagt hätten, wenn sie Till vor unserem Haus entdeckt hätten. Nachdem er sich von mir getrennt hatte, waren sie nämlich nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Und falls sie ihm von Maxi erzählt hätten, hätte ich ein riesiges Problem gehabt.
„Wie sieht's aus? Wollen wir nicht rein gehen?“, schlug er vor.
„Ähm, doch“, verhaspelte ich mich. Ich hoffte, dass meine Mum und mein Dad so bald nicht nach Hause kommen würden.
Ich zog den Schlüssel aus meiner Hosentasche und Till folgte mir ins Haus.
„Übrigens, ich habe mich ein bisschen umgesehen. Also wegen einem Auto für dich. Wir hätten zum einen einen dreier Golf zum Verkaufen. Aber der wäre schon ein bisschen sehr alt und hat etliche Kilometer auf der Uhr . Mir würde ein schneeweißer M1 sau gut gefallen, aber die sind ein bisschen teuer.“
„Und außerdem kein Cabrio, oder?“
„Cabrio hätten wir derzeit nur eines da. Einen 206er Peugeot.“
„In so einem bin ich letztens erst mitgefahren“, erklärte ich und biss mir auf die Zunge. Das war jetzt nicht so klug gewesen.
„Echt? Bei wem denn?“
„Nicht so wichtig“, winkte ich ab und Till begann vom Neuen zu erzählen. „Eine Frau hat letzte Woche ihren Passat bei uns abgegeben. Den würde ich mir gerne holen.“
„Dann müsstest du dich aber von deinem Golf trennen“, stellte ich fest.
Till seufzte: „Das ist ja das traurige. Irgendwie hänge ich noch an diesem Schrottkarren.“
„Vielleicht tut er es noch ein paar Monate.“
„Eher Wochen“, lachte Till auf. „Aber da fällt mir ein – wir haben am Freitag einen Opel Tigra rein bekommen. Allerdings ein totaler Unfallwagen. Mein Chef schaut, ob der noch zu retten wäre. Das wäre dann zwar ein Cabrio, aber ein totales Frauenauto, findest du nicht auch?“
„Ja, und außerdem will ich kein Auto, das schon mehrere Unfälle hatte. Möchtest du was trinken?“, fragte ich im gleichen Satz.
„Ja, aber nur Wasser, bitte.“
Ich füllte ein Glas mit Mineralwasser und reichte es ihm.
„Ich war gestern auf einer coolen Party am Baggersee“, erwähnte er beiläufig.
Ich verschluckte mich vor Schreck.
„Schade, dass wir da nicht zusammen waren. War in einem kleinen Kaff namens Hurlach. Hat echt Spaß gemacht.“
„Mit wem warst du da?“, presste ich zwischen meinen Lippen hervor.
„Mit zwei Freunden aus der Berufsschule. Aber das waren voll die Lahmärsche. Sie standen den ganzen Abend nur an der Bar und wollten nicht tanzen.“
Man, hatte ich ein Glück, dass er mich nicht gesehen hatte, als ich mit Maxi getanzt habe. Das hätte ich unmöglich erklären können. Gut, dass Maxi mich erst geküsst hatte, nachdem wir am anderen Ende des Sees am Ufer lagen.
„Nächstes Jahr gehe ich mit dir dort hin“, erklärte Till mir noch und ich nickte.

Später lag ich bäuchlings auf meinem Bett und Till streichelte und massierte abwechselnd meinen nackten Oberkörper. Er hatte darauf bestanden, mich zu massieren und ich hatte ihm diesen Wunsch gerne erfüllt. Früher hatte er das jeden Abend, wenn ich bei ihm übernachtet habe, gemacht. Till hatte aber auch richtiges Talent dafür, seine Finger fühlten sich auf meiner Haut himmlisch an. Mal fester, mal sanfter massierte er meine Muskeln und platzierte hin und wieder einen Kuss auf meine Schulterblätter.
Irgendwann begannen seine Hände, auch über den Stoff meiner Hose meinen Hintern zu streicheln.
„Möchtest du die Jeans nicht ausziehen“, hauchte er mir leise und verführerisch ins Ohr, „dann ist es doch viel bequemer, nicht wahr?“
Kurz zögerte ich noch. Mir war noch gut in Erinnerung, wie Till ins Badezimmer geflüchtet war, nachdem wir das letzte Mal nackt in seinem Bett gelegen haben.
Ich drehte mich dann doch um und öffnete den Knopf meiner Hose. Till half, sie mir auszuziehen und schmiss sie einfach von der Bettkante. Gleichzeitig kletterte er über mich und fing an, mein Gesicht mit mehreren Küssen zu bedecken. Genießerisch schloss ich die Augen und lehnte mich nach hinten. Das, was Till gerade mit mir machte, fühlte sich einfach so toll an.
„Ist das auch wirklich okay“, flüsterte er, während er gerade dabei war, meinen gesamten Oberkörper bis hinunter zu meinem Bauchnabel zu küssen.
„Ja“, keuchte ich auf, während ich seine Finger spürte, die sich bereits den Weg in meine Boxershort bahnten.
Gleichzeitig hörte ich, wie im Untergeschoss die Haustüre geöffnet wurde und das laute Gelächter meiner Mutter.

„Ach du kacke!“ Ich sprang aus dem Bett und schleuderte Till von mir herunter. „Das ist jetzt echt scheiße“, fluchte ich.
„Wieso denn?“, fragte Till mit leiser Stimme ahnungslos. „sie kennen mich doch?“
„Ja, sie denken, dass du noch mein Exfreund bist.“
„Dann sag ihnen doch die Wahrheit!“
„Ich glaube, das geht nicht“, murmelte ich verzweifelt.
„Warum? Sie haben mich doch früher auch gemocht.“
„Ja, aber sie sind nicht besonders gut auf dich zu sprechen, nachdem du dich von mir getrennt hast“, erklärte ich. Außerdem hatte ich Angst, dass sie mich auf Maxi ansprechen würden.
„Aber dann kläre ich das mit ihnen! Komm, lass uns runter gehen und wir reden mit ihnen. Ich sag ihnen, dass es mir unendlich leid tut und du mir verziehen hast. Das hast du doch, oder?“
Ich schluckte. „Ja, das habe ich. Aber glaub mir, das ist wirklich keine gute Idee.“
„Versuchen wir es doch Mal.“
„Nein, besser nicht.“

„Nicky? Bist du zuhause? Komm doch mal runter, wir haben Essen mitgebracht.“ Die Stimme meiner Mutter.

„Sofort“, rief ich nach unten.
„Okay, aber beeile dich. Wir waren beim Chinesen und haben uns dort verschiedene Speisen mitgenommen.“
„Super“, antwortete ich mit lauter Stimme und schielte dabei nervös zu Till.

„Wie sollen wir das jetzt machen? Willst du mich jetzt hier oben verstecken?“
Mist, darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Till würde auf alle Fälle von meinen Eltern erwischt werden, wenn er mein Zimmer verließ. Aber er konnte auch schlecht die ganze Nacht bei mir bleiben, schließlich musste er morgen zur Arbeit.
„Der Balkon!“, fiel mir plötzlich ein.
„Du spinnst doch“, erwiderte Till, aber er grinste dabei, „ich soll Spiderman spielen und die Hauswand hinab klettern?“
„Ja, das geht“, erklärte ich mit hastiger Stimme, „das habe ich vor ein paar Jahren schon mal gemacht, als mir meine Eltern Hausarrest aufgebrummt hatten.“
„Ach, so ein Rebell warst du?“, fragte er belustigt.
„Ja, ab und zu schon. Und jetzt beeile dich.“
„Wenn ich mir die Arme und Beine breche, bist du schuld, mein Lieber.“
„Das wirst du nicht.“ Ich deutete auf die festen Efeuranken, die an der Hauswand wuchsen. „Die kannst du als Leiter benützen, dann kommst du sicher unten an.“
„Was man nicht alles für seinen Liebsten machen muss“, Till verdrehte die Augen, „ich komme mir vor, wie in einem Schnulzenfilm. Können wir denn nicht mal versuchen, mit deinen Eltern zu reden?“
Ich schüttelte hastig den Kopf, denn vom Erdgeschoss hörte ich dieses Mal die tiefe Stimme meines Vaters nach mir schreien.
„Na dann – bekomme ich wenigstens noch einen letzten Kuss? Es kann ja schließlich sein, dass ich jetzt abstürze.“
„Du fällst schon nicht“, versicherte ich ihm und beugte mich zu ihm rüber, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken.
„Wäre auch zu schade. Aber das mache ich kein zweites Mal für dich, okay?“
Ich nickte. Er öffnete das Fenster und starrte nach unten.
„So hoch ist das gar nicht“, bemerkte er, „ich glaube, das könnte ich schaffen.“
„Natürlich schaffst du das. Das ist ganz einfach.“
„Ich komme mir vor wie ein Einbrecher“, lachte Till, während er sich auf mein Fensterbrett hiefte.
„Ein Einbrecher würde hoch klettern und nicht hinunter“, stellte ich trocken fest.
„Reißt die Ranke besser ab, wenn ich unten bin. Nicht, dass wirklich noch ein Verbrecher auf die Idee kommt, bei euch einsteigen zu wollen.“
„Ich glaube nicht, dass das passiert.“
„Ich hoffe es für dich, mein Lieber.“ Er schwang seine Beine aus dem Fenster und kam sicher auf der Ranke zum Stehen. „Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.“
„Ich dir auch.“ Ich lächelte ihm zu, „und danke, dass du das machst.“
„Nur für dich, Nicky.“
Nach diesem letzten Satz verschwand sein Kopf aus meinem Blickfeld. Ich sprintete aus Angst, er wäre jetzt doch hinunter gefallen, zum Fenster, doch nichts war geschehen. Till war in Windeseile die Efeuranken herunter geklettert und stand jetzt sicher in unserem kleinen Garten. Er winkte mir kurz zu und warf mir eine Kusshand zu, ehe er unser Haus umrundete.

Ich selbst machte mich auf dem schnellsten Weg auf ins Untergeschoss, ehe meine Eltern noch ungeduldiger wurden.
„Warst du gerade duschen?“, fragte mein Vater mich. Er trug anstatt seiner Dienstkleidung, die er sonst fast den ganzen Tag über an hatte, ein einfaches T-Shirt und blaue Jeans.
„Ne, wieso?“, fragte ich verdutzt.
Mein Vater zog nur seine Augenbraue nach oben und da fiel es mir ein. Ich stand nur in Boxershort vor den beiden. Till hatte mich vor nicht allzu langer Zeit ausgezogen und ich hatte vergessen, mich wieder anzuziehen.
„Oh je. Moment kurz.“ Ich joggte nach oben und schlüpfte in Sekundenschnelle in meine Klamotten. Ein wenig peinlich war es mir schon, so halbnackt vor meinen Eltern zu stehen.
„Wie war es denn bei Maxi?“, wollte meine Mum wissen, als ich mich fertig angezogen zu ihnen an den Tisch setzte.
„Echt schön“, murmelte ich knapp. Ich wollte jetzt nicht über die verflixte Situation mit Maxi und Till nachdenken.
„War es denn geplant gewesen, dass du bei ihm übernachtest?“
„Nein, er hat mich ganz spontan gefragt.“
„Und war es schön gewesen?“
„Ja, das war es.“
„Toll. Ich hoffe, du hast mit ihm mehr Glück als mit Till.“
Ich schluckte nur. Wenn meine Eltern wüssten...
„Seid ihr denn jetzt schon richtig zusammen?“
„Ja, ich glaube schon“, offenbarte ich, es ging mir dabei aber gar nicht gut.
„Das ist ja schön. Und du fühlst dich damit auch wohl?“
'Nein', dachte ich, aber ich sagte: „Ja.“
„So soll es sein. Wir freuen uns darauf, ihn bald wieder zu sehen, nicht wahr Marcus?“ Meine Mutter wandte sich an ihren Ehemann, der uns jedoch kaum zugehört hatte, sondern nur den Topf mit dem aufgewärmten chinesischen Essen im Blick hatte.
„Ja, das tun wir auf jeden Fall“, nuschelte er, „aber können wir jetzt nicht endlich mit dem Essen anfangen? Mein Magen verdaut sich schon selbst vor lauter Hunger!“
Ich kicherte. Mein Dad war sowas von verfressen. „Wenn du weiterhin soviel isst, entkommt dir bald jeder Verbrecher“, kicherte ich und hoffte, dass mein Vater den Sarkasmus verstehen würde.
„Ich muss mich nur einmal auf die Täter drauf werfen und schon sind sie außer Gefecht gesetzt.“ Er zwinkerte mir mit seinem linken Auge zu, während er sich eine gewaltige Portion gebratene Nudeln und Frühlingsrollen auf sein Teller hiefte.
„Du sprengst eher deine Uniformen“, stellte meine Mutter kühl fest, „ich habe sie jetzt schon drei mal nähen müssen.“
„Ich habe mir schon neue bestellt.“ Mein Vater strahlte seine Ehefrau regelrecht an und brachte uns somit alle zum Lachen.
Ich zerstückelte in der Zeit das Sushi auf meinem Teller. Ich war nicht so der Fan vom chinesischen Essen und die Sache mit Till und Maxi lag mir noch schwer im Magen. Die ganzen letzten Wochen war ich ohne Freund gewesen und jetzt hatte ich auf einmal zwei – wie konnte mir das nur passieren?!

Die nächsten Tage vergingen sehr schnell. Ich traf mich abwechselnd mit Till und Maxi, ohne dass die beiden etwas voneinander wussten. Ich saß im strömenden Regen am Fußballplatz und schaute Maxi und seiner Mannschaft bei einem Fußballspiel zu, bei dem sie allerdings verloren. Maxis gute Laune änderte sich dadurch allerdings nicht. Er redete im Vodaphone Laden, in dem wir anschließend waren, Ewigkeiten auf mich ein und versuchte wirklich, den besten Vertrag für mich rauszusuchen. Vor seinen Chefs stellte er mich allerdings als seinen Freund vor, was mich schlucken ließ. Gut war daran nur, dass ich dadurch ein wenig Rabatt bekommen würde.
Meine Mutter empfing mich schon freudestrahlend, als ich nach Hause kam.
„Nicky, ich habe eine wahnsinnig gute Idee“, freute sie sich.
„Und die wäre?“, fragte ich wenig begeistert. Meine Mum übertrieb nämlich öfter mal.
„Was sagst du dazu, wenn wir am Wochenende Maxi und seine Eltern zu uns einladen? Wir könnten im Garten grillen, der Wetterbericht sagt ja strahlenden Sonnenschein an.“
„Mit seinen Eltern? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“
„Wieso denn? Ich bin echt gespannt, sie kennenzulernen. Hast du sie schon gesehen? Wie sind sie so?“
„Maxi hat keinen Kontakt mehr zu ihnen“, verkündete ich und schälte mich aus meiner Stoffjacke.
„Was? Warum das denn?“
„Sie haben ihn damals quasi rausgeworfen.“
„Wie kann man das nur machen?! Maxi ist doch so ein lieber Junge. Das tut mir echt wahnsinnig leid. Spricht er mit dir darüber?“
„Nein, kaum.“
„Aber dann lade du ihn auf jeden Fall für Samstag ein. Er soll sich bei uns wohl fühlen.“
„Ja, ich schlage es ihm mal vor.“
„Tu das. Ich freue mich schon, ihn wiederzusehen. Er passt so gut zu dir, Nicky.“
Ich grinste verlegen.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 11 Sep 2017, 18:35

Ich war nicht allzu überrascht, dass mir Maxi sofort zusagte. Er freut sich auf den Abend mit mir und mit meinen Eltern, meinte er. Den ganzen Samstag war meine Mutter zugange, unseren Garten zu schmücken und mindestens fünf Salate vorzubereiten. Ich fragte mich echt, was dieser Aufwand sollte. Wer sollte denn so viel Essen?!
„Glaubst du nicht, dass es so langsam reicht?“, fragte ich daher meine liebe Mutter, nachdem sie schon das dritte Baguette geschnitten hatte.
„Ich will, dass auf jeden Fall genug da ist. Niemand soll hungrig vom Tisch aufstehen müssen.“
Ich nickte. „Das ist ja schon klar, aber – um Himmels Willen – wir sind vier Leute! Wir könnten uns drei Wochen von dem ernähren, was du gerade kochst.“
„Erstens ist Maxi so dünn. Er freut sich sicherlich, endlich mal wieder etwas Gescheites zu essen zu bekommen. Ich glaube nämlich nicht, dass er für sich selbst viel kochen wird, oder? Und außerdem habe ich noch die Nachbarn eingeladen.“
„Wen hast du noch eingeladen?“
„Nur die Karpaties und die Bergers. Amelie und Leon wussten noch nicht, ob sie es zeitlich schaffen.“
„Okay.“ Sehr begeistert war ich von der Nachricht nicht. Die Familien, die meine Mutter genannt hatte, wohnten entweder direkt neben uns oder ein paar Häuser weiter. Sie waren zwar alle sehr nett und als Nachbarn sicherlich ideal, aber trotzdem nervte es mich, dass meine Mutter sie mindestens dreimal im Monat zu uns einlud. Während Alessandro und Laura Karpatie meiner Meinung nach viel zu neugierig waren und viel zu sehr in unserem Privatleben schnüffelten, brachten mich die beiden Kinder des Ehepaars Berger oft zum Verzweifeln. Sophie und ihrem Mann Robert war es lange nicht gelungen, Nachwuchs zu zeugen und erst nach unendlich vielen künstlichen Befruchtungen war es ihr gelungen, schwanger zu werden. Und das gleich im Doppelpack. Vor fünf Jahren kamen Louis und Estelle auf die Welt und wurden sogleich behandelt, als wären sie Königskinder oder so. Beide wurden mit so viel Spielzeug und Süßigkeiten verwöhnt, dass ihre Kinderzimmer beinahe überquollen und Regeln oder Erziehung kannten die Kleinen gar nicht.
Wenn sie zu Besuch waren, musste ich häufig als Babysitter herhalten, was mir gar nicht passte. Ständig weinte eines der beiden Kinder, weil ich ihnen entweder nicht erlaubte, sich gegenseitig zu schlagen oder über den Zaun zu klettern. Ich hoffte wirklich, dass es diesmal anders sein würde, wenn Maxi mit dabei sein würde.
„Ich hoffe, Maxi hat nichts dagegen, wenn wir mehrere Leute sind.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte ich, „kann ich dir bei irgendwas helfen?“
„Du kannst den Karottensalat schon mal anmachen, wenn du möchtest und im Gurkensalat fehlt noch das Salz. Frag doch dann mal deinen Vater, wie weit das Fleisch auf dem Grill schon ist. Vielleicht ist es schon an der Zeit, die Kartoffeln ins Rohr zu schieben.“
„Wird erledigt.“ Doch bevor ich auch nur mit einer Aufgabe anfangen konnte, fing mein Handy an zu klingeln. Ein Blick aufs Display verriet mir, dass sich Till am anderen Ende befand. Ich versuchte, so schnell wie möglich aus der Küche zu huschen und mich in mein Zimmer zu verkriechen. Ein Gespräch mit Till sollte meine Mum nicht unbedingt mitbekommen.
„Hallöchen Nicky“, wurde ich begrüßt. „Ist alles gut bei dir?“
„Ja, bei mir ist alles in Ordnung“, antwortete ich, „und wie geht es dir?“
„Immer bestens, mein Lieber. Wie sieht's aus, könntest du in einer Stunde bei mir sein?“
„In einer Stunde bei dir? Warum?“
„Ich hab etwas Schönes für dich vorbereitet.“ Man konnte aus seiner Stimme heraushören, wie stolz Till war.
„Ähm, das geht leider nicht.“
„Wieso denn? Bitte! Ich hab mir solche Mühe gegeben.“
„Meine Mutter hat unsere Nachbarn für heute Abend zum Essen eingeladen.“
„Aber das tut sie doch andauernd. Du kannst sie doch sicherlich überreden, dich gehen zu lassen.“
„Ne, ich hab ihr schon versprochen, dass ich heute da sein werde.“
„Bitte Nicky, ich hab etwas ganz besonderes für dich.“
Ich schluckte. Man, war das scheiße! Ich wollte doch unbedingt wissen, was Till für mich vorbereitet hatte. Aber in wenigen Minuten würde Maxi bei mir aufkreuzen und das konnte ich Till doch nicht sagen.
„Es geht leider wirklich nicht“, murmelte ich ins Telefon und bedauerte es wirklich, „können wir es verschieben? Morgen Nachmittag habe ich ganz sicher Zeit für dich.“
„Müssen wir dann wohl, nicht wahr?“
„Es tut mir wirklich leid, Till. Ich wäre wahnsinnig gerne zu dir gekommen.“
„Können wir nicht ändern, nicht wahr? Aber morgen sehen wir uns?“
„Ja, das verspreche ich dir.“
„Sehr schön. Ich freue mich auf dich Nicky.“
Und schon hatte er aufgelegt. Ich seufzte. Hoffentlich war er nicht beleidigt oder so!
Ich trabte zurück in die Küche, in der meine Mutter gerade selbst Essig und Öl in die Salate schüttete.
„War das gerade Maxi am Telefon ?“, fragte sie mich.
„Maxi? Ähm ne, wieso?“
„Nur so, ich hatte schon Angst, dass er in letzter Minute absagen wird.“
„Nein, das tut er bestimmt nicht.“
„Ich freue mich sehr, ihn wieder zu sehen. Ich wünsche euch beiden ganz viel Glück miteinander.“
„Dankeschön, Mum.“
Ein bisschen Glück könnte ich wirklich gebrauchen. Oder Ideen, wie es nur weitergehen sollte. Die ganze Situation war zum Verzweifeln.

Ich saß auf der unbequemen Bierbank, die mein Vater in den Garten geschleppt hatte und nippte hin und wieder an der Colaflasche vor mir. Gelegentlich wanderte mein Blick zu Maxi hinüber, der am anderen Ende der Wiese stand und gerade von zwei Kindern gefesselt wurde. Ich konnte sein Lachen bis hier her hören. Einerseits war ich ganz froh, dass Maxi die Aufgabe als Babysitter erfüllte und sich mit Estelle und Louis abgab, andererseits hätte ich ihn auch gerne neben mir gehabt. Maxi schien in seiner Rolle als Kinderbespaßer richtig aufzugehen. Die kleinen Zwillinge waren begeistert von ihm. Abwechselnd warfen sie ihn laut jubelnd mit Softbällen ab oder ließen sich von ihm huckepack durch unseren Garten tragen. Ich war echt erstaunt, dass Maxi so gut mit Kindern umgehen konnte.
„Jetzt erzähl mal, Nicky – wo habt ihr euch denn kennengelernt?“, wandte sich Laura an mich.
„Ähm, er hat mich bei Facebook angeschrieben“, gab ich zu.
„Und wann habt ihr euch zum ersten Mal getroffen?“
„Das war vor ein paar Wochen auf dem Volksfest gewesen.“
„Wie niedlich. Das war bestimmt ein schönes Date, nicht wahr?“
Ich nickte.
„Seid ihr zusammen Achterbahn gefahren?“
„Ne, Maxi steht nicht auf solche Bahnen“, erklärte ich und trank einen Schluck aus meiner Colaflasche.
„Wie schade. Alessandro und ich lieben schnelle Karussells. Aber es ist echt schön, dass du wieder einen Freund gefunden hast, Nicky.“
„Ja, das ist es.“
„Es ist natürlich für dich schwerer, einen Partner zu finden.“
Ich wusste nicht, wie ich diesen Satz auffassen sollte. „Wie meinst du das?“
„Na, ganz logisch. Es gibt deutlich weniger Schwule als Menschen mit normaler Ausrichtung. Bitte fasse das jetzt nicht als Beleidigung auf, so meine ich das nämlich nicht. Umso mehr freut es mich, dass du jetzt einen Freund an deiner Seite hast.“
Ich schluckte nur. Wie sollte ich Laura jetzt erklären, dass ich es sogar geschafft hatte, mir zwei Freunde anzulachen, die nichts voneinander wussten? Ich schwieg einfach und trank auf ex meine Cola aus.
„Wie ist eine schwule Beziehung denn so?“, wurde ich weiter befragt.
„Inwiefern?“
„Glaubst du, sie ist anders als eine Heterobeziehung?“
„Keine Ahnung.“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Du warst doch zuvor mit diesem hübschen Schwarzhaarigen zusammen, nicht wahr? Deine Mutter hat seinen Namen ein paar Mal erwähnt. War diese Beziehung denn anders ?“
„Nun ja, Maxi und Till sind total verschieden“, wich ich dem Thema aus. Ich konnte ihr ja schlecht sagen, dass meine Beziehung zu Till gerade neu auflebte.
„Dann hoffe ich, dass das mit Maxi dieses Mal etwas ernsthafteres ist.“
„Mhm“, murmelte ich nur und wandte dann meinen Blick ab. Ich war froh, dass Laura kurz darauf in Sophie, der Mutter von Estelle und Louis, eine Ablenkung gefunden hatte: „Wie groß die beiden schon geworden sind! Ich sehe sie meist nur von der Ferne im Garten spielen, da ist mir das noch gar nicht so aufgefallen.“
Sophie legte augenblicklich ihre Kuchengabel aus der Hand und schluckte das letzte Stück Schokokuchen hinunter. „Ja, das sind sie, nicht wahr? Ich bin so stolz auf die beiden. Estelle hat jetzt mit dem Kinderturnen angefangen und bei Louis überlege ich, ob ich ihn nicht zum Tischtennis anmelde.“
Ich klingte mich aus dem Gespräch aus und schlich mich lieber ins Haus, um nach Goofy zu sehen. Er hatte sich aufgrund des Tumultes im Garten lieber ins kühle Haus zurückgezogen. Außerdem hatte ihn Estelle mit ihren ständigen Kuschelattacken gestört. Goofy würde zwar keiner Fliege etwas zuleide tun, aber man hatte ihm deutlich angesehen, dass er von dem kleinen Mädchen genervt gewesen war. Jetzt hatte er im Haus seine Ruhe und war dort sicherlich glücklicher.
Er schlief in seinem Körbchen, als ich mich zu ihn setzte. Träge öffnete er sein rechtes Auge und blinzelte mir zu. Ich hob seinen riesigen Kopf aus den Kissen und bettete ihn mir auf den Schoß. Der Hund seufzte genüsslich und schleckte sich über sein Maul.
Auch ich genoss die Ruhe um mich herum und nutzte die Zeit, um nachdenken zu können. Ich wusste, dass das mit Maxi und Till nicht ewig so weitergehen konnte. Irgendwann musste ich mich für einen der beiden entscheiden. Aber für wen? Ich mochte beide und war in beide in gleichem Maße verliebt. Ich wollte keinen der beiden aufgeben! Aber das war so mega kompliziert.
„Wie konnte ich auch nur in so was hineinrutschen?!“, stöhnte ich genervt auf und durchzottelte liebevoll Goofys Fell.

Ich hörte das Quietschen unserer Terrassentür und wenig später Schritte im Flur. Ich drehte meinen Kopf, um zu erkennen, wer sich da in unser Haus gestohlen hatte und erkannte sofort Maxi.
„Hier steckst du also“, begrüßte er mich und ging ein paar Schritte näher an mich und Goofy ran. Er blieb aber mit einem Sicherheitsabstand von drei Metern vor dem Hundebett stehen.
„Geht es Goofy nicht gut?“
„Doch doch“, erwiderte ich, „er ist nur müde und außerdem von den vielen Gästen genervt.“
„Das tut mir leid, Goofy“, bemerkte Maxi und sah den riesigen Hund mitleidig an, „ich störe dich schon nicht, okay?“
„Nein du nicht,“ ich zog meine Mundwinkel nach oben, „aber die Kleinen sind ganz begeistert von ihm und wollen ihn gar nicht mehr gehen lassen. Von dir sind sie das übrigens auch.“
Maxi lachte. „Ja, das merke ich. Aber mir macht das nichts aus, ich mag Kinder.“
„Das sehe ich. Du kannst unheimlich gut mit ihnen umgehen.“
„Ich habe mir früher immer Geschwister gewünscht“, gab er zu, „du auch?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Am Anfang schon, ja. Meine Eltern haben sich auch immer ganz viele Kinder gewünscht, aber es hat nicht geklappt. Also habe ich dann Goofy bekommen.“
„Vielleicht hätte ich als Kind auch einen Hund bekommen sollen, dann hätte ich heute bestimmt keine so große Angst vor ihnen.“
„Kann sein“, antwortete ich nur.
„Aber es ist schon viel besser geworden“, freute Maxi sich, „ich kann schon viel näher an ihn ran gehen als zu Anfang. Glaubst du, ich werde ihn irgendwann streicheln können?“
„Bestimmt“, erwiderte ich, hoffte aber, dass Goofy noch so lange leben konnte, bis es so weit war.
„Ich glaube, wir sollten wieder nach draußen gehen“, bemerkte ich und stand vorsichtig auf.
„Einen Moment noch.“
„Ja?“
Maxi trat zögerlich ein paar Schritte näher auf mich und Goofy zu. Er ließ sich in meine Arme fallen und presste seine Lippen gegen meinen Mund. „Das wollte ich gerade unbedingt noch machen.“


Als wir wieder nach draußen gingen, waren Laura und Alessandro gerade dabei, sich zu verabschieden. Sophie und ihr Ehemann sammelten währenddessen noch ihre Kinder ein, die wie wild durch unsere Blumenbeete rannten.
„Tschüss, ihr beiden“, rief uns Laura noch in voller Lautstärke entgegen, „ich hoffe, wir sehen euch bald wieder.“
Wir winkten ihnen zu und sahen ihnen nach, wie sie den kurzen Weg zu ihrem Grundstück zurücklegten.
Kurz darauf war es auch Sophie und Robert gelungen, ihren Nachwuchs zu bändigen und sie aus unserem Garten zu manövrieren. Die beiden Kinder waren total aufgedreht, es würde sicherlich einige Zeit dauern, bis sie sich beruhigt hatten und in ihren Betten einschlafen würden.
Meine Eltern waren schon dabei, die vielen Töpfe, Pfannen und Teller ins Haus zu tragen. Ich staunte nicht schlecht, bis auf ein paar Salatreste hatten wir geschafft, alles aufzuessen. Maxi packte tatkräftig mit an und versuchte gerade, eine Bierbank auf die Seite zu tragen, doch mein Vater bremste ihn. "Lass es uns zu zweit machen, dann geht es leichter.“
Gemeinsam schleppten sie die Bänke und unseren Tisch in die Gartenlaube. Währenddessen redeten sie unaufhörlich und ich konnte Maxi mehrere Male lachen hören. Über was sie sich nur unterhielten?
Zeit zum Lauschen blieb mir allerdings nicht, denn ich musste Goofys Fressen vorbereiten. Ich schnippelte Karotten und Zucchini klein und schüttete dies zu seinem aufgeweichten Trockenfutter in die Schale. Ich war zufrieden, als der große Hund sofort anfing zu schlabbern.
„Du übernachtest bestimmt heute hier, oder Maxi?“, fragte meine Mutter Maxi, als er gefolgt von meinem Vater, die Küche betrat.
„Ähm“, stotterte dieser überfordert und sah mich an.
„Nicky freut sich bestimmt, wenn du heute Nacht bei ihm schläfst“, stellte meine Mum mit einem Grinsen im Gesicht fest.
Himmel – was sollte das jetzt werden?!
Maxi sah mich mit großen Augen an. „Wenn das okay für dich ist ...“
Ich seufzte lautlos. Was blieb mir denn jetzt noch für eine Antwort übrig? Also nickte ich vorsichtig.
Maxis Augen fingen automatisch an zu leuchten. Und ich freute mich ein wenig. Bisher hatte nur Till in meinem Bett geschlafen, wie es wohl mit Maxi sein würde?


Ich lag auf der Wandseite in meinem Bett und starrte die Decke an. Maxi war vor geraumer Zeit im Bad verschwunden und seitdem wartete ich hier auf ihm. Was machte er nur so lange?! Die Dusche war schon vor einigen Minuten abgestellt worden und auch die Klospülung war schon zweimal ertönt. Warum brauchte dieser Kerl Stunden im Badezimmer? Vorhin hatte es einen lauten Knall gegeben und ich hoffte, dass Maxi nichts passiert war. Aber was sollte einem schon im Badezimmer passieren?
Ich seufzte in meine Kissen und drehte mich auf die Seite, um bequemer liegen zu können.
Meine Mutter freute sich sichtlich darüber, dass ich einen neuen Freund gefunden hatte. Sie war richtig begeistert von Maxi und sah ihn schon als zukünftigen Schwiegersohn. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Einerseits freute es mich, andererseits war es bei Till dasselbe gewesen. Till hatte sie ebenso geliebt – bis er mit mir Schluss gemacht hatte. Jetzt würde sie ihn in Nullkommanichts aus dem Haus jagen, sollte er bei mir aufkreuzen. Und das machte es mega kompliziert. So wie ich Till kannte, würde er nicht locker lassen und bald wieder vor unserer Haustüre stehen. Und ob ich ihn ein zweites Mal dazu bringen konnte, wie Spider Man unsere Hauswand hinunter zu klettern, war auch fraglich. Wieso war das nur so kompliziert! Aber ich sollte nicht länger über Till nachdenken. Jetzt war erst einmal Maxi an der Reihe, der heute bei mir übernachten wollte.
Hatte ich gerade tatsächlich die Badezimmertür gehört?
Ich schien recht behalten zu haben, nur Sekunden später stand Maxi nur in Boxershort in meinem Zimmer.
„Du liegst ja schon im Bett“, stellte er mit einem Grinsen im Gesicht fest.
„Ähm ja“, antwortete ich ein wenig verlegen.
„Darf ich mich zu dir legen?“
„Natürlich.“ Was dachte er denn? Dass ich ihn auf dem Boden schlafen lassen würde? So etwas luxuriöses wie eine Couch besaß mein Zimmer nämlich nicht.
„Fantastisch.“
Er bahnte sich seinen Weg durch mein Zimmer und blieb an der Bettkante stehen. Ich rutschte automatisch ein Stückchen näher an die Wand.
Maxi legte sich zu mir und schmiegte sich ganz eng an meinen Körper. „Du bist so schön warm“, flüsterte er.
Ich streckte meine Hand aus und löschte das Licht der kleinen Lampe am Nachtschränkchen. Sofort wurden wir in fast völlige Dunkelheit gehüllt.
„Und du riechst so gut“, murmelte er weiter.
Ich gluckste ein leises „Dankeschön.“
„Was hast du eigentlich so lange im Bad gemacht?“, fragte ich weiter. „Du warst über zwanzig Minuten da drinnen.“
„Ähm, mir ist da ein kleines Malheur passiert.“ Er hatte seine Stimme gesenkt und trotz der Dunkelheit merkte ich, dass er seinen Kopf von mir weg gedreht hatte.
„Was meinst du damit?“
„Eigentlich hatte ich vor, es dir erst morgen zu sagen. Oder am besten gleich deiner Mutter.“
„Hä, was meinst du? Was ist passiert.“
„Ich hab mich blöd angestellt, als ich aus der Dusche gestiegen bin.“
„Du bist hingefallen? Ist dir was passiert?“
„Nö, aber den Sachen deiner Mutter. Es tut mir echt leid, Nicky.“
„Was ist mit denen?“
„Ich hab die ganzen Parfumflaschen runter geworfen. Eine ist jetzt kaputt.“
„Oh“, murmelte ich nur. Jetzt wusste ich, was vorhin so gescheppert hatte.
„Das tut mir echt leid. Soll ich es gleich deiner Mutter sagen? Wird sie sehr sauer sein? Es war keine Absicht, ich war einfach zu doof...“
Ich strich mit meinen Fingern sanft über seine Wange. „Mach dir keine Sorgen. Meine Mum ist bestimmt nicht wütend auf dich. Sie benützt sowieso kaum Parfums.“
„Da bin ich beruhigt. Ich ersetze sie ihr aber natürlich trotzdem.“
„Wie du meinst.“ Ich drehte mich ein wenig näher zu ihm und legte meinen Arm um seinen Bauch. Seine Haut fühlte sich dort einfach zu schön an. Wie gut, dass er kein T-Shirt angezogen hatte, sondern nur in Boxershort neben mir lag.
„Aber was machen wir gegen den Gestank?“
„Welchen Gestank?“
„Den Gestank, den die Parfumflaschen verursachen, wenn man sie umschüttet. Ich hab schon die ganze Zeit über gelüftet, aber es riecht da drin immer noch schlimmer als in jeder Parfümerie.“
Ich lachte. „Sei froh, dass es bereits mitten in der Nacht ist. Bis morgen früh hat es hoffentlich schon ausgestunken.“
„Das hoffe ich auch. Ich hasse Parfumgeruch.“
„Mhm“, murmelte ich nur. Kurz nachdem Maxi ins Bad verschwunden war, hatte ich mir nämlich eine große Ladung von meinem Parfum gegen den Hals gesprüht. Ich wollte nämlich für ihn gut riechen. Das hätte ich wohl besser gelassen.
„Aber du riechst trotzdem so gut“, wiederholte er seinen Satz von vorhin.
„Dann bin ich zufrieden“, gab ich als Antwort.
„Und deine Mutter wird wirklich nicht sauer sein?“
„Bestimmt nicht. Sie mag dich doch.“
„Ja, das habe ich auch gemerkt. Sie ist total nett.“
„Ja, das ist sie wirklich.“ Dass mir ihre offene Art teilweise auf die Nerven ging, behielt ich lieber für mich.
„Und auch dein Vater ist toll. Er ist zwar um einiges ruhiger als deine Mutter, aber ich habe mich heute echt gut mit ihm unterhalten können.“
„Ja, meine Mum hat eindeutig mehr Temperament als er. Er ist der Schweigsame in unserer Familie. Leider sehe ich ihn nicht allzu oft. Er arbeitet die meiste Zeit.“
„Wo arbeitet er denn?“
„Er ist Polizist.“
„Polizist? Das hätte ich jetzt echt nicht gedacht. Ist aber bestimmt cool, einen Cop als Vater zu haben, oder?“
„Ich weiß nicht“, gab ich zu, „ich bin es nicht anders gewöhnt. Was arbeiten denn deine Eltern so?“ Ich war gespannt, ob Maxi mir eine Antwort auf die Frage geben würde.
Er zögerte, brachte aber dann doch einen Satz zwischen seinen Lippen hervor. „Meine Mutter ist Lehrerin auf einer Hauptschule. Sie unterrichtet Mathe und PCB. Mein Vater ist Anwalt. Selbst zuhause läuft er nur immer gestylt und im Anzug 'rum. Ich habe ihn in meinem ganzen Leben nur sehr selten in anderer Kleidung gesehen. Aber jetzt muss ich ihn zum Glück nicht mehr jeden Tag anschauen.“
„Deine Mutter ist Lehrerin und trotzdem wirft sie dich von zuhause raus?“ Ich konnte es kaum fassen.
„Ja, unvorstellbar, oder? Aber sie ist die totale Berufsverfehlung. Ich glaube nicht, dass sie irgendeinem Schüler je irgendetwas beigebracht hat. Sie sitzt eigentlich nur den ganzen Tag an ihrem Pult, liest Zeitung und lässt die Schüler machen, was sie wollen.“
„Und die Schule kündigt sie deswegen nicht?“
Ich spürte, wie Maxi mit der Schulter zuckte. „Es herrscht ein großer Lehrermangel, weißt du? Außerdem wirst du verbeamtete Lehrer nicht so schnell los.“
„Das ist echt komisch.“
„Ja“, seufzte mein Bettnachbar, „aber was soll man machen?“
„Haben sie dich eigentlich rausgeworfen, weil du schwul bist oder gab es eine andere Ursache?“
„Das war der Hauptgrund. Aber wir lagen uns zuvor schon einige Male in den Haaren, es war sozusagen eher der Auslöser.“
„Wusstest du, dass sie dich raus werfen, als du dich bei ihnen geoutet hast?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass sie so krass reagieren, hätte es mir aber eigentlich denken können. Wir haben uns wegen irgendetwas anderem gestritten und ich war so wütend gewesen, dass ich es ihnen einfach, ohne nachzudenken, hingeknallt habe. Ich habe es sofort wieder bereut, es ihnen gesagt zu haben, denn keine Sekunde später fand ich mich auf den Schwellen vor unserer Haustüre wieder. Sie haben mich ohne ein weiteres Wort nach draußen bugsiert.“
„Wo bist du dann untergekommen?“
„Ich habe ein paar Wochen bei Cody gewohnt. Er ist mein bester Freund – ich glaube, ich habe ihn schon mal erwähnt, oder?“
Ich nickte.
„Auf jeden Fall bin ich bei ihm untergekommen und nachdem ich ein wenig Geld gespart hatte, habe ich mir eine eigene Wohnung gesucht und bin in der Bruchbude im Hochhaus gelandet.“
„Wieso bist du nicht bei Cody geblieben? Hat er auch noch bei seinen Eltern gewohnt?“
„Nein, Cody ist vier Jahre älter als ich und wohnt schon lange in seiner eigenen Wohnung. Es war dann so, dass seine Verlobte auch noch zu ihm gezogen ist und für mich war damit klar, dass ich raus musste.“
„Das ist aber irgendwie gemein“, fand ich.
„Ne, wieso denn? Es war für mich klar, dass ich nicht ewig bei Cody bleiben konnte und dass er sich Zweisamkeit mit Becka wünscht. Sie ist übrigens auch total nett und passt somit total zu Cody.“
„Weiß er eigentlich von mir?“, traute ich mich zu fragen.
„Aber natürlich. Ich habe ihm schon tausend Mal von dir vorgeschwärmt.“ Ich konnte sein verlegenes Grinsen erkennen. „Er möchte dich auch unbedingt kennenlernen. Hättest du da was dagegen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sehr schön. Ihr beide werdet euch bestimmt gut versehen.“
„Das hoffe ich auch.“
„Keine Sorge, Cody ist echt klasse. Ihn muss man einfach mögen.“
„Na, wenn das so ist.“
Wir schwiegen für einige Zeit. Meine Hand lag immer noch auf Maxis Bauch und ich konnte seinen Atem spüren.
Für einige Momente dachte ich schon, er wäre eingeschlafen, bis eine Frage die Stille durchbrach. „Ist dein Zimmer abgesperrt?“
„Ähm, nein. Du bist doch als letzter ins Zimmer gekommen“, stellte ich fest, „aber wieso meinst du?“
„Wegen Goofy. Ich glaube, ich bekomme den Schock meines Lebens, wenn er mitten in der Nacht neben dem Bett steht.“
„Ach, das meinst du. Goofy schläft immer in der Küche und kommt sowieso nur noch, wenn es ganz dringend ist, die Treppe hoch gedackelt. Aber wenn es dich beruhigt, kann ich gerne absperren.“
Maxi nickte: „Das wäre echt klasse von dir.“
Also strampelte ich mich noch einmal aus der Decke und aus Maxis Umarmung hervor und schlich zur Tür. Mit Schwung drehte ich den Schlüssel um, sodass das Schloss knackte und bahnte mir einen Weg zurück zum Bett.
Kaum lag ich wieder auf der weichen Matratze, rollte sich Maxi auf mich drauf. „Danke“, murmelte er mir ins Ohr.
„Keine Ursache.“
„Es gab noch einen anderen Grund, wieso ich wollte, dass du abschließt.“
„Und der wäre?“
„Ich will heute noch etwas mit dir machen.“
Ich zog meine Augenbrauen in die Höhe.
„Aber nur ein bisschen, okay? Ich will noch nicht gleich...“, er zögerte etwas, „das volle Programm. Du weißt ja, ich hab noch nie...“
Ich strich ihm beruhigend mit meinen Fingern über die Wange. „Du musst dich zu nichts zwingen.“
Auch ich wusste nicht, was ich mit Maxi tun wollte und wie weit ich gehen wollen würde.
„Aber ein bisschen will ich schon – okay? Und ich will es nur mit dir ausprobieren. Mit niemand anderem.“
Ehe ich etwas antworten konnte, legten sich seine weichen Lippen auf die meinen.
Abwechselnd streichelten und küssten wir uns. Es war so anders als mit Till. Maxi roch anders, seine Berührungen fühlten sich anders an, er küsste anders – wobei mich das Zungenpiercing längst nicht mehr so störte wie am Anfang – und sein Körper ähnelte kaum dem von Till. Aber trotzdem war es nicht schlecht. Es war anders – aber toll.
Ich genoss die sanften Berührungen an meiner Brust, Maxis Finger, die über meine Seiten strichen und seine Küsse an meinem Hals und an meinem Schlüsselbein.
Anfangs war ich noch etwas zögerlich gewesen, aber ich hatte schnell abschalten können.
Hier ging es um Maxi und um mich. Um Till konnte ich mir später wieder Gedanken machen.

„Wollen wir uns ausziehen?“
„Öhm?“ Zugegeben, diese Frage brachte mich etwas aus dem Konzept. Till hatte so etwas noch nie gefragt.
Ich konnte erkennen, wie Maxis Augen erwartungsvoll aufblinkten, also nickte ich.
Maxi grinste mich zögerlich an und schob dann seine Hände in meine Boxershort, um sie mit einen Schwung hinunter zu ziehen.
„Ich bin echt aufgeregt“, offenbarte er mir und presste sofort seinen Körper enger an mich, was mich beinahe erregt aufkeuchen ließ.
„Das musst du nicht, es ist alles in Ordnung“, beruhigte ich ihn.
„Ich kann es kaum glauben, dass ich das jetzt endlich tue. Und dann auch noch mit dir.“
„Lehn' dich einfach zurück und genieß es“, forderte ich ihn auf.
„Ich versuche es.“ Er ließ etwas von mir ab und legte sich mit dem Rücken auf die weiche Matratze.

Diesmal beugte ich mich über ihn. Ich küsste seine Stirn und begann dann, mit meiner Zunge langsam abwärts zu wandern. Ich entlockte ihm das eine oder andere Keuchen, als ich seinen Hals und seine Brust küsste. Meine Hände streichelten dabei seinen Bauch und immer, wenn ich nach oben linste, um in sein Gesicht zu sehen, konnte ich ein breites Grinsen auf seinen Lippen erkennen.
Als ich am Bund seiner Short angelangt war, hob er ganz automatisch seine Hüften und ich traute mich, sie ihm abzustreifen.
„Man, ist das aufregend“, murmelte er und griff mit seiner Hand in meine Haare.
Ich kicherte leise. Maxi war echt süß, wenn er so etwas sagte.
„Legst du dich auf mich?“, bat er mich.
Ein wenig verwundert tat ich ihm den Gefallen. Ich konnte deutlich spüren, wie erregt Maxi war – aber mir erging es genauso. Fast gleichzeitig keuchten wir auf, als sich unsere Körpermitten berührten und ich begann, mich langsam zu bewegen. Sein nackter Körper unter mir fühlte sich einfach himmlisch an.
Maxi umklammerte mich mit seinen Armen.. „Das ist richtig schön“, keuchte er auf und drückte sich von unten noch enger an mich ran.
Wir küssten und streichelten uns am ganzen Körper. Immer wieder keuchten und seufzten wir auf, was wir durch unsere Küsse zu dämmen versuchten. Ich hoffte, dass meine Eltern das nicht hören könnten, aber dann warf ich diese Gedanken über Bord. Jetzt existierten nur noch Maxi und ich - niemand anderes.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 18 Sep 2017, 19:09

Ich trat kräftig in die Pedale, um wenigstens einigermaßen pünktlich bei Till erscheinen zu können. Erst hatte es einige Zeit gedauert, bis ich Maxi aus meinem Bett manövrieren konnte und ihn dann überredet hatte, noch vor dem Mittagessen unser Haus zu verlassen. Auch meine Eltern hatten sich gewundert, wohin ich so schnell wollte. Sie hatten mich mit Fragen durchlöchert und ich hatte sie schon wieder anlügen müssen. Dabei hasste ich es, lügen zu müssen. Aber es schien für mich alltäglich geworden zu sein.
Mit Schwung bremste ich vor Tills Wohnung und lehnte das Fahrrad gegen die Hauswand. Ich hatte noch nicht einmal auf die Klingel gedrückt, als die Haustüre auch schon vor mir aufgerissen wurde.
„Da bist du ja endlich!“ Till schlang sofort seine Arme um mich, „ich habe dich so vermisst.“
Ich erwiderte die Umarmung sofort. Es war schön, ihn endlich wieder bei mir zu haben. Er hatte mir auch wahnsinnig gefehlt.
„Komm doch rein, ich habe was für dich vorbereitet“, bat er mich und bugsierte mich in seine Wohnung. Wie beim letzten Mal war alles total aufgeräumt und in jeder Ecke blitze und blinkte es vor Sauberkeit. Ich staunte nicht schlecht, Till schien jetzt auf Ordnung wirklich wert zu legen.
„Ich habe für uns gekocht“, verkündete er. „Rate mal, was es gibt!“
Ich roch einen Geruch, der mir mir nur allzu bekannt war. „Es gibt Lasange“, wusste ich sofort. Till wusste, dass das mein absolutes Leibgericht war und hatte es schon etliche Male für mich gekocht.
„Du bist gut“, lobte er, „setz dich doch schon mal hin, ich schaue kurz nach, ob sie schon fertig ist.“
Wie befohlen setzte ich mich an den kleinen Tisch mit zwei Stühlen, auf dem schon Teller, das Besteck und in der Mitte ein Strauß gelber Tulpen stand.
Till öffnete in der Zeit die Luke des Ofens und starrte hinein. „Ich glaube, wir haben Glück. Sie scheint schon komplett fertig zu sein.“ Er streckte seine Hände mit Geschirrtüchern bewaffnet in den Ofen.
„Verdammt.!“ Sofort zuckte er zurück und schüttelte seine Hände.
„Hast du dich verbrannt?“ Ich sprang vom Stuhl auf und kam eilig auf ihn zu. Doofe Frage – seine Finger schienen ihm wahnsinnig weh zu tun. Er fluchte und jammerte in einer Tour.
„Komm, du musst sie kühlen.“ Ich zog in am Handgelenk zum Wasserhahn und drehte das Wasser auf eiskalt.
„Wird es langsam besser?“, fragte ich besorgt, nachdem er seine Finger schon einige Zeit lang unter den Wasserstrahl hielt.
„Ja, ein bisschen.“
„Zeig mal her“, bat ich ihm und er streckte mir seine Handflächen entgegen. An den Fingerspitzen konnte ich bereits leichte Brandblasen erkennen.
„Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt“, jammerte er.
„Halte sie weiter unter das Wasser“, befahl ich, „und hast du irgendeine Brandsalbe oder ähnliches da?“
Till zuckte mit den Schultern. „Schau mal im Erste Hilfe Schrank. Ich glaube aber nicht.“
Tills Erste Hilfe Schrank war eigentlich eher ein Fach in seinem Küchenschrank, in dem sich Aspirintabletten, Pflaster, Verbände und weiteres medizinisches Material stapelten. Ganz hinten entdeckte ich ein paar Salbentuben. Ich nahm eine nach der anderen raus, aber eine Brandsalbe entdeckte ich nicht. Wenigstens war eine Bepanthen- Creme darunter, die zur Not ausreichen musste. Till hatte in der Zeit den Wasserhahn abgedreht und stand jetzt neben mir.
„Es tut nicht mehr ganz so weh“, verkündete er mir.
„Das ist schon mal gut. Aber jetzt lass mich deine Hände erst einmal verbinden.“
„Kannst du das?“ Till sah mich belustigt an.
Ich schnaubte empört: „Natürlich kann ich das. Ich mach das jeden Tag bei den unterschiedlichsten Hunden und Katzen.“
„Ich weiß“, Till lächelte mich lieb an, „ich wollte dich nur ärgern.“
„Das merke ich.“ Ich ergriff mir einfach seine rechte Hand und drückte ein wenig Salbe aus der Tube. Dann umwickelte ich seine Fingerspitzen vorsichtig mit einer Mullbinde.
„Passt das so?“, fragte ich, nachdem ich auch das letzte bisschen vom Verband um seine Hand gewickelt hatte.
„Du machst das perfekt.“
„Dann gib mir doch gleich mal deine andere Hand.“
Nachdem auch seine linke Hand komplett mit weißen Verband umhüllt war, drückte mir Till einen Kuss auf die Lippen. „Gut, dass du da bist.“
Ich lächelte ihn an.
„Hast du jetzt noch Hunger auf Lasagne?“,
„Aber natürlich“, gab ich als Antwort. „So schnell verzichte ich nicht auf eine Lasagne. Erst recht nicht, wenn sie von dir ist.“
Ich wandte mich dem Ofen zu.
„Pass bloß auf, nicht das du dich auch noch verbrennst“, warnte mich Till, doch ich hatte diesmal mehr Glück als er. Ohne Verbrennungen und weiteren Unfällen stellte ich die Form auf den Tisch.
„Kannst du jetzt überhaupt essen?“, fragte ich besorgt, als ich seine eingebundenen Finger betrachtete. Das Messer und die Gabel zu halten stellte ich mir schwierig vor.
„Ach das wird schon.“ Entschlossen stopfte sich Till die Gabel in die Faust und ging auf sein Gericht los. „Ich werde jetzt zwar nicht die besten Tischmanieren haben, aber ich hoffe, dir macht das nichts aus.“
„Nein, das macht nichts.“ Ich musste beinahe lachen, als ich zusah, wie Till mit Müh und Not eine Ecke aus seiner Lasagne schnitt und sie sich in den Mund stopfte.
„Soll ich dir helfen?“, bot ich an.
„Das wäre echt super von dir.“ Er schob mir sein Teller zu und in wenigen Augenblicken hatte ich seine Lasagne in mehreren mundgerechten Stücken zerteilt.
„Es wäre echt schön, wenn wir jeden Tag zusammen essen könnten“, platzte es auf einmal aus ihm heraus.
„Mhm?“, murmelte ich nur, aber Till kam deutlich ins Schwärmen.
„Oder jeden Tag neben dir einzuschlafen. Hast du schon mal darüber nachgedacht, bei mir einzuziehen? Wir könnten jeden Tag miteinander verbringen, alles gemeinsam machen und ich wäre nicht mehr so alleine in dieser doofen Wohnung. Wäre das nicht toll?“
„Der Gedanke hat was“, gab ich zu. Mit Till zusammenzuziehen wäre wirklich wundervoll. Aber im Moment ging das nicht, schließlich konnte ich das unmöglich Maxi erzählen. „Aber das wäre ein bisschen zu schnell für mich, tut mir leid“, beendete ich den Satz.
„Ich weiß, dass ich da ein bisschen vorschnell bin, sorry. Aber ich finde nur die Vorstellung, dich immer bei mir zu haben, richtig schön. Du kannst ja mal darüber nachdenken.“
„Ja, das mache ich.“
Das würde ich auch machen müssen. Und nicht nur darüber, wie es wäre, bei Till einzuziehen, sondern auch, wie es mit ihm und Maxi weitergehen sollte.

Das ist jetzt voll bescheuert“, maulte Till, „ich hab so viel für heute Abend mit dir geplant und nichts können wir jetzt machen.“ Er schaute deprimiert auf seine eingebundenen Hände.
„Was hättest du denn vorgehabt?“
„Baden gehen. Also in der Badewanne, mit dir zusammen. Ich hab jetzt nämlich einen neuen Stöpsel organisiert.“
„Stimmt, das wollten wir früher auch immer machen.“ Nur war es da der Fall gewesen, dass Tills Stöpsel zum Verschließen des Abflusses nicht dicht gewesen war und wir somit nur gemeinsam duschen konnten.
„Aber das geht jetzt auch nicht. Ach scheiße!“
„Was könnten wir denn stattdessen machen?“
„Ich weiß nicht. Nur Film schauen oder so, wäre mir jetzt zu langweilig.“
„Wo ist denn Charly überhaupt?“, wechselte ich das Thema.
„Bei meiner Nachbarin. Sie passt immer auf ihn auf, wenn ich keine Zeit habe. Sollen wir ihn jetzt schon abholen?“
„Können wir ja“, willigte ich ein, „geht es ihm eigentlich wieder besser? Ich hab dich nicht mehr beim Tierarzt gesehen.“
„Er ist wieder völlig gesund“, strahlte Till, „du hast ihm damals sehr geholfen.“ Er drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Wir könnten ja mit ihm spazieren gehen oder so. Wenn dir das nicht auch zu uneinfallsreich ist“, schlug ich vor.
„Ne, spazieren gehe ich gerne. Und Charlie freut sich auch. Schade, dass Goofy nicht dabei ist. Sollen wir zu dir nach Hause fahren und ihn abholen?“
Ich verneinte: „Für Goofy ist ein Spaziergang in der Mittagshitze nichts. Das machen wir lieber ein andermal.“
„Du hast recht. Charly kann man ja wenigstens tragen, wenn es ihm zu viel wird, aber für dein Schwergewicht bräuchte man einen ganzen Lastwagen.“

Charly tollte ausgelassen zwischen uns umher, als wir das Haus verließen. Man konnte echt meinen, dass es sich bei ihm um einen jungen Hund handelte. Ich seufzte. Schade, dass Goofy nicht auch noch so fit war.
Ich war ein wenig verwundert, als Till sein Auto ansteuerte, anstatt in Richtung der Wiesen, die sich hinter seinem Wohnblock befanden, zu gehen.
„Ich war letztens im Park am anderen Ende der Stadt und fand es dort echt schön. Charly liebt Wasser doch so sehr und dort gibt es einen kleinen Fluss, in den Hunde rein dürfen. Hast du also was dagegen, wenn wir ausnahmsweise dort hin fahren?“
Nein, hatte ich überhaupt nicht. Also setzte ich mich auf Tills Beifahrersitz und kaute nervös auf meinen Fingernägeln, als Till mit Ach und Krach versuchte, seinen Wagen zu starten. Der alte Golf gab nur hustende Geräusche von sich und starb jedes mal wieder ab. Lange würde es dieser Beinahe–Oldtimer nicht mehr tun.
Till fluchte in einer Tour und drehte wie verrückt den Schlüssel. „Seit kurzem spinnt er immer beim Starten. Ab und zu mag er auf Anhieb, aber manchmal will er mich noch Ewigkeiten ärgern. So wie jetzt zum Beispiel“, erklärte er.
Mit Ruck trat er auf die Kupplung und drehte mit aller Kraft am Schlüssel. Der Motor hustete, der Drehzahlmesser schoss nach oben, aber diesmal blieb er an.
„Na, wer sagt's denn“, rief Till triumphierend auf und legte den Rückwärtsgang ein. „Ich hab halt ein braves Auto.“
Da war ich mir leider nicht so sicher. Ich hatte mich in Tills Wagen eigentlich immer wohl gefühlt, aber so wie jetzt der Motor jedes Mal stotterte, wenn Till aufs Gas trat und die Bremsen quietschten, hoffte ich, dass die Fahrt nicht allzu lange dauern würde.
Irgendwie kamen mir die Straßen und Häuser bekannt vor, an denen wir vorbei fuhren und wenig später wusste ich auch wieso. Ich biss mir auf die Unterlippe. Wir waren in der Gegend, in der Maxi wohnte. Was für ein doofer Zufall!
Aber ich würde schon Glück haben. Maxi würde uns hoffentlich nicht jetzt mit seinem Auto entgegenkommen und mich auf dem Beifahrersitz erkennen.
Doch mein Entsetzen war groß, als Till auf die Parkbucht, die zehn Meter von Maxis Hochhaus entfernt war, fuhr. Er stellte den Motor aus und wandte sich an mich: „Wir müssen jetzt noch ein bisschen laufen, bis wir am Park sind, aber näher finde ich keinen Parkplatz mehr.“
„Macht nichts“, erwiderte ich, doch mein Herz schlug laut gegen meine Brust. Wenn jetzt Maxi aus diesem Haus kommen würde...
Zu meinem Entsetzen legte Till auch noch seinen Arm um meine Hüfte. Händchenhalten konnten wir ja aufgrund seiner Verbände nur schlecht. Es war mir sehr unangenehm, aber ich brachte es es nicht fertig, mich aus seinen Armen zu winden.
Ich konnte kaum erwarten, Maxis Zuhause so schnell wie möglich hinter mir zu lassen.
„Was rennst du denn so?“, fragte mich Till lachend, nachdem ich schon fast angefangen hatte zu joggen.
„Ich renn doch gar nicht“, entgegnete ich, verlangsamte mein Tempo aber nicht.
„Natürlich tust du das. Charly und ich kommen kaum hinterher.“
„Mhm.“ Nur widerwillig verlangsamte ich meine Schritte und war heilfroh, als wir um die erste Kurve bogen.
„Wir müssen jetzt noch ein wenig geradeaus gehen und dann sind wir schon am Park“, erklärte mir Till.
„Okay super.“

Wir lagen nebeneinander auf der Wiese und sahen Charly zu, der abwechselnd das kühle Flusswasser trank und in der Strömung planschte. Till streichelte mit seinen Fingerspitzen meinen Rücken und nahm mich immer mehr in seine Arme.
Das alles war zwar sehr schön, aber ich war immer noch nicht ganz aus der Gefahrenzone. Wir befanden uns nicht weit von Maxis Wohnung entfernt und es konnte sein, dass er jeden Augenblick im Park auftauchen würde. Ich wusste, dass er die Natur sehr liebte und da er in seiner Hochhauswohnung nicht einmal einen Balkon hatte, konnte ich mir gut vorstellen, dass er spontan einen Ausflug ins Grüne machen würde.
Und dann würde er mich in Tills Armen erwischen... Das wäre schlecht. Richtig schlecht.
Aber was blieb mir anderes übrig als die Daumen zu drücken, dass alles gut gehen würde? Ich konnte ja Till nicht erklären, wieso ich am liebsten flüchten würde.
„Schau mal, Charly bekommt Hundegesellschaft“, stellte Till plötzlich fest und deutete mit seinem Finger in eine Richtung.
Ich folgte seinen Blick. Ein junges Pärchen kam zum Fluss. Ein mittelgroßer Mischling lief ohne Leine vor ihnen her. Der Hund kam mir aus irgendeinem Grund bekannt vor.
Charly und der andere Hund beschnüffelten sich und Tills kleiner Spitz wedelte eifrig mit seinem Schwanz. Plötzlich wusste ich, woher ich den Mix kannte. Vor ein paar Wochen, als ich mit Goofy an der Hundewiese in der Nähe von meinem Zuhause war, hatte dieser Hund einen Jack Russel gebissen, der daraufhin die Flucht ergriffen hatte.
Ich wollte Till das gerade sagen und ihn warnen, dass er Charly besser zu sich rufen sollte, doch da war es schon zu spät. Charly fiebte erschrocken und schmerzhaft auf, als sich der größere Hund ohne Vorwarnung auf ihn stürzte und seine Zähne in sein Bein bohrte.
„Charly!“ Till war in sofort aufgesprungen. Voller Entsetzung rannte er auf seinen weißen Hund zu, der fiepend und jaulend am Boden lag.
Ich folgte ihm nicht wenig langsamer. Was war das nur für ein blöder Hund?! Und wieso unternahmen die Besitzer nichts?
Bei Charly angekommen sahen wir sofort ein paar Tropfen Blut im weißen Fell.
„Charly! Mein Armer!“ Till hob ihn vom Boden auf und schmiegte ihn fest in seine Arme.
„Wie schlimm ist es, Nicky? Schau mal sein Bein an, es blutet! Was machen wir jetzt nur?“ Till war völlig außer sich. „Oh, mein armer Charly.“
Ich versuchte, einigermaßen ruhig zu bleiben, aber auch in mir saß der Schock tief. Das war alles so schnell gegangen...
Ich streckte vorsichtig Charlies Bein und sah sofort, von woher das Blut kam. Eine Wunde befand sich knapp oberhalb des Knies.
„Ist sie sehr tief? Es blutet so stark.“ Till war ganz bleich im Gesicht geworden.
„Wir sollten schnell zum Tierarzt. Es muss eventuell genäht werden“, stellte ich fest.
„Oh nein. Mein armer Charly...“
Ich konnte Tränen auf Tills Wangen erkennen.
Ich legte ihm beruhigend meinen Arm um die Schulter. „Keine Angst, Charly schafft das schon.“
Doch Till schluchzte als Antwort nur.
Wir machten uns auf den Weg zurück zu seinem Wagen. Ich drehte mich einige Male um die eigene Achse, in der Hoffnung, die Besitzer des Mischlings zu finden, doch sie waren ebenso wie ihr Hund spurlos verschwunden. Was für eine unglaubliche Unverschämtheit!
„Komm, Nicky, beeile dich.“ Jetzt war Till derjenige, der rannte. Sein Hund in seinen Armen hatte aufgehört zu jaulen, sah aber immer noch ziemlich verstört aus.

Till schmiss sich hinter das Lenkrad und drückte mir seinen Hund in die Arme. „Ruf am besten schon mal bei deinem Tierarzt an und sag, dass wir mit einem Notfall kommen. Charly muss sofort operiert werden.“ Erneut liefen mehrere Tränen aus seinen Augen.
„Das mache ich.“ Ich zog sofort mein Handy aus der Hosentasche. Sonntags hatten wir normalerweise geschlossen – wir waren schließlich keine Klinik -, aber ich war mir sicher, dass ich meinen Chef trotzdem erreichen konnte. Für Notfälle gab es ein extra Telefon.
„Man, diese Scheißkarre!“, brüllte Till plötzlich los und schlug mit seiner Hand aufs Lenkrad.
Ich zuckte erschrocken zusammen. Der Wagen hatte wie gerade eben nur ein Stottern hervorgebracht.“
Wie wild drehte Till am Schlüssel und trat immer wütender werdend abwechselnd aufs Gaspedal und auf die Kupplung. „Wenn der nicht sofort anspringt, fahre ich ihn morgen auf den Schrottplatz. Was anderes hat er nicht verdient!“
Er versuchte es nochmal und nochmal, aber der Golf wollte einfach nicht so, wie wir es gerne hätten.
Charly jaulte auf meinem Schoß auf. Ich streichelte ihm beruhigend über den Kopf.
Vor uns ging die Haustüre des Hochhauses auf. Ein junger Mann mit knallroten Haaren, die nur gefärbt sein konnten, trat heraus. Er trug überdimensionale Kopfhörer um seinen Hals und seine Kleidung sah ein wenig schlampig aus. Er drehte seinen Kopf und rief anscheinend etwas in den Hausflur hinein.
Ungeduldig stand er vor dem Eingang des Wohnblockes und starrte immer wieder zu uns rüber. Zu meinem Entsetzen erschien jetzt noch ein zweiter Mann an der Haustüre. Mein Herz schlug wie wild, als ich ihn sofort identifizieren konnte. Mein Albtraum hatte sich erfüllt – Maxi stand vor mir.
Ich machte mich auf meinem Sitz ganz klein. Hoffentlich sah er mich nicht...
Der fremde Mann redete mit ihm und deutete dann mit seinem Finger auf uns.
„Was will der denn jetzt?“, fragte Till genervt und versuchte zum x-ten Mal, seinen Wagen zu starten.
Der Fremde kam auf uns zu. Ich schluckte. Maxi blieb zum Glück noch an der Haustüre stehen. Anscheinend hatte er mich noch nicht erkannt.
„Können wir euch helfen?“, rief der rothaarige Mann uns zu und war nur noch wenige Meter vor uns entfernt.
Aber im selben Moment schien das Glück doch mal mit uns zu sein. Der alte Golf sprang, wenn auch zögerlich, an und starb nicht sofort wieder ab.
„Gott sei Dank“, rief Till auf und warf die Hände in die Luft. Im selben Augenblick trat er jedoch so aufs Gas, sodass der fremde Mann uns richtig aus dem Weg springen musste. Er landete deswegen fast im Gebüsch. Ich bekam mit, wie er uns noch etwas hinterher schrie, doch Till hatte sich sofort in den Verkehr eingeordnet und raste jetzt in Lichtgeschwindigkeit in Richtung meiner Arbeit.
Mir blieb nicht viel Zeit, über das, was passiert war, nachzudenken. Aber ein Gedanke hatte sich in meinem Kopf festgesetzt: Wer war der fremde Mann gewesen? Betrog Maxi mich genauso, wie ich ihn betrog? Die Vorstellung schmerzte.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 01 Okt 2017, 17:07

Mein Chef wartete schon auf auf uns, als wir auf den Hof düsten. Wie befohlen, hatte ich ihn schon während der Fahrt angerufen und ihm von dem Unglück erzählt.
„Dann komm mal rein, Nicky“, rief er mir schon vom Weiten zu, als ich aus dem Auto sprang, „schauen wir uns die Verletzung mal an.“
Er dirigierte uns direkt in den Behandlungsraum und Till setzte Charly auf den Untersuchungstisch.
„Er wurde hier gebissen“, er deutete auf das Hinterbein des Hundes, „es ging alles so schnell, wir konnten gar nicht reagieren.“
„Lass mich mal schauen.“ Dr. Bär legte den Spitz gekonnt auf die Seite und begutachtete das Bein.
„Bringst du mir mal den Rasierer, Nicky?“, forderte der Tierarzt mich auf und ich lief sofort los.
Mein Chef begann, Charlys weiße Locken im Bereich der Verletzung zu scheren. „Das sieht gar nicht gut aus“, bemerkte er.
Ich hörte Till neben mir schlucken.
„Die Wunde ist zwar nicht besonders groß, dafür aber ziemlich tief. Klammern würden uns jetzt nicht weiterhelfen, wir müssen ihn nähen.“
„Aber das macht ihr doch bestimmt in Narkose, oder?“, fragte Till ängstlich.
„Ja, dafür müssen wir ihn schlafen legen.“
„Aber ich hab so Angst, dass Charly dann nicht mehr aufwachen wird! Er ist nicht mehr der Jüngste, verstehen Sie? Zwar ist er im Moment ganz gut drauf, aber...“
„Ein gewisses Narkoserisiko besteht immer, aber wir werden alles Notwendige tun, um es so gering wie möglich zu halten.“ Ich hatte Dr. Bär diesen Satz schon öfter sagen gehört.
„Ja, das verstehe ich...“ Till klang immer noch total unsicher.
Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter. „Charly wird nichts passieren. Wir passen auf ihn auf. Die Wunde muss nur dringend genäht werden.“
„Kann ich dabei bleiben, bis er eingeschlafen ist?“
„Ja, natürlich“, erwiderte mein Chef, „wir legen ihn zuerst einen Venenkatheter und er wird während der OP an die Infusion gehängt, um seinen Kreislauf zu stabilisieren.“
„Okay, gut. Infusion hat er letztens auch gebraucht, das kennt er schon.“ Missmutig strich Till über das Fell seines Tieres.
Ich hielt Charly vorsichtig fest, während der Tierarzt eine Braunüle in sein Bein schob und anschließend das Narkosemittel spritze.
Innerhalb von Sekunden wurde Charly immer müder und müder, ihm knickten die Beine ein und kam schließlich auf dem Tisch zum Liegen. Man konnte aus Tills Gesicht ablesen, das ihm das gar nicht passte und er sich große Sorgen machte.
Heimlich streichelte ich kurz über seine Hand, um ihn zu beruhigen. Wider Erwartens nützte es nicht viel.
„Nicky und ich nehmen deinen Hund jetzt mit in den OP. Du kannst derzeit im Wartezimmer Platz nehmen, es dauert nicht allzu lange.“
Till nickte und verschwand wortlos durch die Türe.
Ich hob währenddessen den schlafenden Hund vorsichtig hoch und trug ihn in den Operationsraum. Bisher hatte ich nur bei wenigen Operationen zusehen dürfen und assistieren taten sowieso meist nur Dajana oder Lena. Aber jetzt würde ich derjenige sein, der mit operieren sollte. Ich war ein wenig aufgeregt, vor allem da es sich bei dem Hund um Charly handelte und um keinen Fremden. Ich durfte keinen Fehler machen – Till würde mir das niemals verzeihen.
Mein Chef war schon am Waschbecken und wusch sich sehr gründlich seine Hände, während ich Charly auf den OP-Tisch hiefte und das narkotisierte Tier mit Stricken festband.
„Richtest du mir meine Handschuhe her?“ Dr. Bär war im OP-Raum erschienen und deutete auf ein Packen steril verpackte Handschuhe.
Ich beeilte mich, die obersten zu ergreifen und sie, wie es mir Julia vor wenigen Tagen erklärt hatte, zu öffnen. Wichtig dabei war, dass ich sie nicht berühren durfte, schließlich sollten sie komplett steril bleiben.
„Sehr gut“, wurde ich gelobt, „jetzt brauche ich noch den Nadel – und den Skalpellhalter, eine Klinge und am besten den 2 -0 Supramid-Faden.“
„Okay“, erwiderte ich etwas zögerlich, suchte aber die benötigten Materialien schnell zusammen.
„Ein Abdecktuch kannst du mir auch gleich geben und ein bisschen Natriumchlorid – Lösung zum Spülen.“
Ich nickte, darauf bedacht, keinen Fehler zu machen.
„Gut, dann mal los.“
Ich sah interessiert zu, wie der Tierarzt das Skalpell ansetzte und vorsichtig die Haut durchtrennte. Er spülte die Wunde gründlich aus und begann sofort wieder, die offene Haut zu vernähen. Alles zusammen hatte die OP gerade mal fünfzehn Minuten gedauert, Till im Wartezimmer war aber bestimmt schon krank vor Sorge.
„Du kannst deinem Freund sagen, dass wir fertig sind mit operieren. Jetzt lassen wir Charly noch gemütlich aufwachen und dann darf er schon wieder nach Hause.“
„Super“, antwortete ich und wollte schon zu Till eilen, um ihn die frohe Botschaft zu verkünden, als mein Chef mich noch einmal aufhielt.
„Das hast du echt gut gemacht, Nicky. Wir sind echt froh, dass wir dich jetzt bei uns im Team haben.“
Ich strahlte über dieses Lob. Es war ein tolles Gefühl, von seinem Vorgesetzten gelobt zu werden.


An diesem Abend übernachtete ich bei Till. Er war noch immer völlig durch den Wind und machte sich Sorgen um seinen Hund, obwohl dieser schon wieder völlig fit, aber mit einem Verband am Bein, durch die Gegend tapste.
Ich brachte es nicht übers Herz, Till jetzt alleine zu lassen, obwohl das hieß, dass ich meine Eltern schon wieder anlügen müsste. Ich erzählte ihnen einfach, dass ich bei Maxi übernachten würde. So wie ich es erwartet hatte, hatten sie überhaupt nichts dagegen, sondern freuten sich noch für mich. Ich hoffte nur, dass die Lüge nicht irgendwie auffliegen würde.
Ich schlief zum ersten Mal wieder mit Till. Es war genauso wie früher. So innig, so vertraut – so perfekt. Till war so viel erfahrener als Maxi und bei Weitem nicht so zögerlich. Seine Hände und seine Zunge brachten mich zum Glühen. Ich konnte mich bei ihm völlig fallenlassen und mich ihm komplett ergeben. Ich kannte seinen Körper schon in und auswendig, wusste was ihm gefiel und wo er gerne berührt werden wollte. Wir passten im Bett so gut zusammen und ich wollte dieses Gefühl nie wieder missen.
Trotzdem dachte ich sogar während dem Sex an Maxi. Ob er mit mir genauso weit gehen wollte, wie ich mit Till? Und wie würde es mit ihm sein?
Ich schämte mich ein wenig, als ich feststellte, dass ich mit beiden Männern problemlos ins Bett gehen konnte – und das auch wollte.

Am nächsten Morgen fuhr mich Till mit seinem Auto in die Arbeit. Es war wie verhext. Diesmal sprang der alte Golf direkt beim ersten Versuch an.
Till hatte gleich den ersten Termin bekommen, um Charlys Bein kontrollieren zu lassen.
Dr. Bär öffnete den Verband und betrachtete die Naht.
„Sieht gut aus“, stellte er fest und Till atmete erleichtert aus, „der Verband muss in der nächsten Woche alle zwei Tage gewechselt werden und anschließend kommst du zum Fäden ziehen. Wir geben dir Verbandsmateralien mit, aber Nicky wird dir sicherlich dabei helfen.“
Ich bejahte. Natürlich würde ich das machen.
Till drückte mir heimlich einen Kuss auf, ehe er das Behandlungszimmer verließ. „Danke, für alles, Nicky. Viel Spaß noch bei der Arbeit.“
Ich winkte ihm zu, als er unsere Praxis verließ und mit Charly an der Leine zu seinem Auto lief.
„War das dein Freund?“ Julia stand so plötzlich hinter mir, dass ich vor Schreck zusammenzuckte.
„Ähm“. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Ich hab gesehen, dass er dich geküsst hat.“ Julia grinste von einer Wange zur anderen.
„Öhm ja...“, stotterte ich verlegen.
„Du kannst es ruhig zugeben. Ich hab viele schwule Freunde und jetzt habe ich anscheinend noch einen schwulen Arbeitskollegen. Finde ich super.“
„Okay, schön.“ Ich brachte ein Grinsen auf meinem Gesicht zustande.
„Du musst es nicht verheimlichen. Ich gehe nicht davon aus, dass Lena oder Dajana ein Problem damit hätten. Was unser Chef dazu sagen würde, weiß ich nicht, aber ich würde ihn jetzt nicht als kompletten Hinterwäldler abstempeln.“
„Mit was würden wir kein Problem haben?“ Dajana hatte anscheinend unser Gespräch mitbekommen und stellte sich jetzt neben uns.
„Ach, Nicky hat nur gerade erwähnt, dass er schwul ist“, erzählte Julia ganz beiläufig.
Ich biss mir auf die Lippen. Sie hätte es auch ein wenig anders formulieren können...
„Das hab ich mir schon gedacht.“ Dajana grinste breit und schlug mir spaßeshalber auf die Schulter, „und soll ich ehrlich sein? Ich vermute es bei einem meiner Söhne auch.“
„Echt? Wer denn?“, fragte Julia interessiert.
„Bei Joschie. Ich weiß, er ist zwar erst elf Jahre alt, aber ich habe da eine gewisse Vorahnung. Mal schauen, ob ich recht habe. Ich hoffe natürlich, dass er mich rechtzeitig einweihen wird und mir nicht ewig etwas vorspielt. Hast du es deinen Eltern schon gesagt, Nicky?“
„Ja, sie wissen schon seit geraumer Zeit Bescheid“, gab ich zu.
„Und es gab keine Probleme?“
„Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern freuen sich eher darüber.“
„So soll es sein.“ Dajana strahlte mich richtig an.

Am Abend war ich der letzte, der die Praxis verließ und ausnahmsweise war mir das diesmal mehr als Recht, denn ich sah Maxi mit seinem Cabrio auf den Hof rollen.
Ich beeilte mich mit meinen restlichen Aufgaben und konnte es kaum erwarten, in Maxis Arme zu springen.
„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte er mir ins Ohr, wodurch sich eine Gänsehaut auf meinem Rücken bildete. „Ich wollte dich unbedingt abholen.“
„Das ist schön.“ Ich vergrub mein Gesicht in seinem T-Shirt. Er roch so gut. Anders als Till, irgendwie viel blumiger, aber es gefiel mir.
„Ich hab dir doch letztens von Cody erzählt,“ fing er mit einem Gespräch an.
„Ja?“
„Er ist derzeit für ein paar Tage bei mir. In seiner und Beckas Wohnung hat es einen Rohrbruch gegeben und es dauert ein wenig, bis dieser wieder behoben ist. Wenn du möchtest, stelle ich dir die beiden vor. Sie freuen sich schon, dich kennenzulernen.“
„Natürlich.“
Dann war es anscheinend Cody gewesen, den ich gestern zusammen mit Maxi gesehen hatte. Ich fühlte mich sofort erleichtert. Obwohl ich es schon zuvor bezweifelt hatte, dass Maxi mich betrügen würde. Für diesen Part war eindeutig ich zuständig und es schmerzte ein wenig in meiner Brust. Aber viel Zeit für Reue hatte ich nicht, denn Maxi bombardierte mich sofort mit etlichen Fragen zu meinem Arbeitstag. Er wollte alles über die Tiere, deren Besitzern und die verschiedenen Krankheiten wissen. Ich kam aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.

Tatsächlich, ich hatte den selben Rothaarigen vor mir, als ich Maxis Wohnung betrat. Zu meinem Glück schien er sich nicht daran zu erinnern, dass ich gestern vor ihm im Auto gesessen hatte. Er trat sofort zu mir und streckte mir seine Hand entgegen.
„Ich bin Cody, ich weiß nicht, ob Maxi schon von mir erzählt hat?“, stellte er sich vor.
Ich ergriff seine ausgestreckte Hand und schüttelte sie kurz.
Cody sah ganz anders aus als Maxi. Sie sahen sich kein bisschen ähnlich und ich fragte mich, ob sie wirklich viele Gemeinsamkeiten hatten. Cody trug lange, ausgewaschene Kleidung, die mindestens drei Nummern zu groß waren und in denen etliche Löcher geschnitten waren. Seine feuerroten Haare standen wie wild vom Kopf ab und ich war mir sicher, dass seine Augen mit ein wenig Kajal umrandet waren. Ich wusste nicht, ob man Cody als Punk bezeichnen konnte oder um welche Szene es sich bei ihm handelte.
„Ich kann es kaum glauben, dass ich dich jetzt endlich kennenlerne, Nicky“, erwähnte Cody ganz voller Euphorie. Er hatte eine laute, aber sehr tiefe Stimme. „Maxi erzählt seit Wochen von nichts anderem mehr, als von dir. Und ich war echt neugierig, wie derjenige wohl sein wird, in den sich Maxi bis über beide Ohren verknallt hat.“
Ich wurde ein wenig rot um die Wangen.
„Das ist schön“, stotterte ich ein wenig verlegen.
„Mach Maxi glücklich, okay? Sonst bekommst du Ärger mit mir“, forderte der Rothaarige im selben Moment.
„Cody! Lass meinen Freund in Ruhe.“ Maxi trat neben mich und legte seinen Arm um meine Hüfte.
„Cody glaubt, dass er mich immer noch beschützen muss“, ergänzte er dann leise und an mich gewandt.
„Ich werde meinen Beschützerinstinkt dir gegenüber nie ganz ablegen“, grinste Cody breit.
„Lasst uns jetzt doch erst mal ins Wohnzimmer gehen“, schlug Maxi vor und erwiderte auf Codys Satz erstmal nichts mehr.
Ich war ein wenig erstaunt, als ich eine schlafende junge Frau auf Maxis Couch vorfand.
„Das ist Becka“, stellte Cody mir sie gleich vor, „die Dame meines Herzens. Aber leider seit geraumer Zeit im Land der Träume.“ Er strich vorsichtig die Decke um ihren Körper glatt.
„Becka arbeitet im Krankenhaus und hatte gestern Nachtschicht“, erklärte Maxi mir.
Ich nickte. Irgendwie fühlte ich mich zwischen den beiden nicht wirklich wohl. Ich wäre lieber mit Maxi alleine gewesen.
„Was möchtet ihr denn trinken?“ Maxi sah mich fragend an, ich antwortete einfach mit: „Ein Wasser – bitte.“
„Hast du auch was Gescheides wie Bier da?“, ertönte gleichzeitig von Cody.
Maxi verdrehte die Augen. „Wenn du Bier möchtest, musst du selbst zum Supermarkt fahren. Ich hab nur alkoholfreie Getränke da.“ Im selben Augenblick öffnete er seinen Kühlschrank und spähte hinein. „Ich hab auch noch Orangensaft da“, stellte er an mich gewandt fest, „möchtest du nicht lieber das?“
„Nein, danke. Wasser reicht mir“, lehnte ich ab. Ich fühlte mich immer noch ein wenig unbehaglich.
„Aber was haben wir denn da?!“, Cody war an den Kühlschrank getreten und schob Maxi mit einem Stoß zur Seite. „Sagtest du nicht, du hast kein Bier im Haus?“ Triumphierend zog er eine Braunglasflasche aus den Tiefen des Kühlschrankes.
Auf Maxis Gesicht schlich sich ein Grinsen. „Wenn du Bier ohne Alkohol möchtest, kannst du es gerne trinken.“
Codys entsetzter Blick war schon fast wieder lustig. „Seit wann trinkst du denn Bier ohne Alkohol?“, rief er empört aus, „das ist Gotteslästerung. Du als waschechter Bayer müsstest es doch besser wissen.“
„Darum steht es ja auch schon seit Ewigkeiten im Kühlschrank. Was ist jetzt? Willst du es jetzt trinken oder möchtest du auch lieber ein Wasser? Orangensaft hätte ich für dich auch im Angebot.“
„Ne, gib mir das Gesöff her. Einer muss sich sich ja opfern.“
„Wie du meinst.“ Maxi reichte seinem besten Freund die Flasche des „unechten“ Biers und füllte gleichzeitig ein Glas mit Leitungswasser für mich.
„Ich hoffe, das ist okay so, ich hab leider kein Mineralwasser mehr da“, entschuldigte er sich bei mir.
„Das ist überhaupt kein Problem“, winkte ich ab und nahm einen großen Schluck aus dem Wasserglas. Ich hatte echt einen wahnsinnigen Durst.
Bevor Maxi noch etwas darauf erwidern konnte, war uns Cody schon wieder ins Wort gefallen. „Maxi, was hast du heute zum Abendessen geplant?“
Mein Freund zuckte nur mit seinen Schultern. „Was möchtest du uns denn kochen, Cody?“
„Kochen tue ich euch nichts, aber ich könnte uns was bestellen.“
„Du ernährst dich doch auch nur von Fastfood, oder?“, stellte Maxi fest.
„Was heißt hier Fastfood? Das Essen vom Lieferservice ist echt frisch und gesund. Wenn es dir nicht passt, kannst du ja einen Salat nehmen. Nicky hat bestimmt Hunger und Lust auf ein richtiges Essen, oder?“
Er wandte sich direkt an mich und ich wusste nicht gleich, was ich antworten sollte. „Hunger hätte ich schon...“ Ich fuhr mir ein wenig verlegen durch die Haare.
„Dann ist das jetzt beschlossene Sache. Wir bestellen uns was, denn gut kochen kann von uns hier glaube ich niemand, oder du Nicky? Bist du ein Sternekoch und hast Lust, unsere leeren Mägen zu füllen?“
Ich schüttelte den Kopf. Man, ich wusste nicht, was ich von Cody halten sollte.
„Gut, dann einer nach dem anderen: Was möchtet ihr Essen?“ Cody zog sein Handy aus der Hosentasche und öffnete, so wie es aussah, eine App.
„Ich möchte wirklich nur einen Salat“, offenbarte Maxi.
„Du bist so dünn, mein Lieber. Eigentlich sollte ich dir eher einen dicken Burger bestellen“, schmunzelte Cody, tippte aber etwas in seinem Handy ein. „Ah, es gibt sogar mehrere Salate. Welchen möchtest du? Mit Ei, Schinken oder Lachs?“
„Gar nichts. Nur Grünzeug.“
„Du lebst einfach viel zu gesund.“ Cody schüttelte den Kopf.
„Hast du dich schon entschieden, Nicky?“, wandte er sich dann an mich.
„Ähm, was gibt es denn überhaupt?“
„Alles, was das Herz begehrt.“
„Auch Nudeln?“
„Aber hundertprozentig. Spaghetti, Tortellini, Ravioli oder asiatische Bandnudeln?“
„Ich glaube Spaghetti.“
Cody tippte auf ein Symbol in seinem Smartphone. „Und welche Soße? Tomaten -, Käse-Sahne-, Spinat-, oder Lachssoße?“.
Ich entschied mich für die einfachste Variante: Tomatensoße.
„Ich weiß zum Glück schon, auf was ich Hunger habe: Auf eine dick belegte Pizza mit Pommes.“
„Pizza mit Pommes?“, ich glaubte, mich verhört zu haben.
„Das isst er immer.“ Maxi zuckte mit seiner Schulter, „ich finde die echt eklig. Die Pommes sind richtig mit Käse überbacken.“
„Aber das ist ja genau das Geile! Das gibt es nirgendwo sonst.“
„Wie du meinst. Aber was bestellen wir denn für Becka?“
„Meine Traumfrau lässt sich immer das gleiche liefern. Sie liebt die Bandnudeln mit Spinat. Sie könnte die jeden Tag essen.“
„Gut, dann ist das ja geklärt.“
Cody steckte sein Handy wieder in die Hosentasche zurück.
„Ähm“, fragte ich verwirrt, „müssen wir jetzt nicht beim Service anrufen? So machen wir das immer, wenn wir was bestellen.“
„Nö, ich habe es per App bestellt. In – warte Mal – dreißig Minuten müsste alles da sein“, stellte Cody mit einem weiteren Blick auf sein Mobilphone fest.
„Sehr gut, und was machen wir jetzt in der Zeit?“, wollte Maxi wissen.
„Ganz einfach: Wir schauen einen Film an.“ Cody pflanzte sich direkt auf die Couch, neben seine Freundin.
„Können wir uns denn auf einen Film einigen? Was sind denn deine Lieblingsfilme, Nicky?“, erkundigte sich mein Freund.
„Oh, ich hab viele“, antwortete ich und suchte in meinem Kopf nach einem Filmtitel, der mir gefallen hatte. Aber wie es jetzt ausgerechnet sein musste, fiel mir kein einziger guter Film ein.
„Ich habe für solche Momente extra meinen USB – Stick mitgebracht“, mischte sich Cody stolz ein, „da finden wir schon einen guten Film.“
Sofort wurde der Stick an Maxis Fernseher angesteckt und Cody scrollte mit der Fernbedienung eine lange Liste hinab.
„Das sind ja alles nur Horrorfilme“, maulte Maxi.
„Jetzt hab dich nicht so. Früher haben wir auch immer die ekligsten und krankesten Filme bis tief in die Nacht angeschaut.“
„Aber ich weiß nicht, ob Nicky solche Filme schauen möchte.“
Zwei Augenpaare richteten sich auf mich. „Was hältst du von Horrorfilmen? Kannst du danach noch in Ruhe schlafen?“ Cody grinste mich breit an.
„Öhm, mir ist das eigentlich egal“, erwiderte ich leise. Ich kannte bisher kaum Horrorfilme. Ich wusste nicht, ob ich danach noch einschlafen könnte.
„Dann ist das ja auch geklärt“, Cody klatschte triumphierend in die Hände. „Also, auf was habt ihr Lust? Wrong Turn ist echt klasse, aber ich kann schon bei allen Teilen mitreden. Habt ihr schon The Purge gesehen? Den müsst ihr euch mal reinziehen! Nächstes Jahr kommt der vierte Teil ins Kino. Oder steht er mehr auf die Klassiker? Wie wäre es mit ES? Ihr wisst schon, der Film zum Buch von Stephen King.“
„Mir ist das wurscht“, bemerkte Maxi, „ich muss eh noch kurz ins Bad. Ähm – kannst du kurz mitkommen, Nicky?“
Ich war über die Frage ein wenig erstaunt – und Cody anscheinend auch: „Was ist los, mein Kumpel? Brauchst du jetzt schon eine Begleitung, um aufs Klo zu gehen? Oder was habt ihr beide in dem geschlossenen Raum vor?“
Maxi zeigte dem Rothaarigen aber nur den Mittelfinger und zog mich mit in sein kleines Badezimmer. Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich.
„Es tut mir echt leid...“, begann er.
„Was soll dir denn leid tun?“ Ich war echt verwirrt.
„Cody scheint dir nicht so recht sympathisch zu sein, oder?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Cody ist einfach...“, Maxi seufzte, „er selbst. Er lässt sich von niemandem – außer hin und wieder von Becka – vorschreiben, was er zu tun und zu machen hat. Und er hat eine wahnsinnig große Klappe. Viele Leute mögen ihn deshalb nicht.“
„Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll“, gab ich zu.
„Wenn du Cody besser kennenlernst, wirst du echt merken, wie nett er ist. Man kann sich immer auf ihn verlassen. Ich habe ihm schon oft gesagt, dass er nicht gerade den besten ersten Eindruck bei Leuten hinterlässt, aber er hört nicht auf mich. Aber so ist er einfach.“
„Ja, Cody ist echt ein wenig besonders.“
„Aber er kann auch anders sein. Er hat mich so oft zum Lachen gebracht, als ich wegen Stella geheult habe und hatte immer ein offenes Ohr für mich, nachdem meine Eltern mich vor die Tür gesetzt hatten. Ich würde mich wirklich freuen, wenn du versuchst, einigermaßen mit ihm klar zu kommen. Ich weiß, dass das nicht ganz einfach ist.“
Ich lächelte: „Das versuche ich auf jeden Fall.“ Was sollte ich auch anderes sagen?
Maxi dankte mir. „Und ich glaube, Cody mag dich auch. Sollte er auf jeden Fall, sonst bekommt er Probleme mit mir.“ Er lachte kurz auf.
„Ich bin gespannt, wie der Abend noch so werden wird,“ verriet ich.
„Das kannst du auch. Ich hoffe, es gefällt dir. Aber jetzt sollten wir so langsam zurück zu den Beiden gehen, sonst können wir uns noch dumme Sprüche von Cody anhören, was wir so lange im Bad gemacht haben.“
Ich wollte gerade die Türklinke ergreifen und aus dem Badezimmer treten, als Maxi mich noch einmal zurückzog. Er presste seinen Körper fest gegen meinen und drückte mir einen gewaltigen Kuss auf die Lippen. Es dauerte einen Moment, bis wir uns wieder voneinander lösten.
„Tut mir leid, aber das musste jetzt einfach sein. Ich hatte schon beinahe Entzugserscheinungen“, stellte er lachend fest und schob mich dann zurück in sein Wohnzimmer.

„Da ist ja mein Lieblingsschwulenpärchen wieder.“ Cody saß am Sofaende und hatte sich Beckas Füße auf den Schoß gelegt. „Ich habe jetzt einfach mal entschieden, dass wir The Ring anschauen. Den haben Maxi und ich zwar vor gut vier Jahren schon mal angeschaut, aber ich hoffe, du kannst dich nicht mehr allzu daran erinnern? Ich habe jetzt auf jeden Fall richtig Bock auf den Film.“
Maxi schüttelte den Kopf und Cody drückte sofort auf die Fernbedienung, um den Film beginnen zu lassen.
„Komm, wir setzen uns in den Sessel“, forderte Maxi mich auf und bugsierte mich zu dem Möbelstück.
„Ist dir kalt?“, fragte er mich.
„Ähm, eigentlich nicht“, gab ich zu.
„Also keine Wolldecke? Es wäre dann auf jeden Fall gemütlicher.“
„Dann doch.“
Maxi lächelte breit, als er eine dicke Stoffdecke hervorkramte und über mich ausbreitete. Erst dann kroch er zu mir auf den Sessel und quetschte sich selbst unter die Decke. Ganz automatisch kuschelte er sich eng an mich und legte seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Mir war das vor Cody ein wenig unangenehm, so mit Maxi zu kuscheln, aber ich ließ mir nichts anmerken.
Maxi starrte wie gebannt auf den Bildschirm, doch ich konnte mich nicht so recht konzentrieren. Die Szenen, in denen man sich eigentlich erschrecken sollte, langweilten mich eher und die Story des Filmes interessierte mich nicht wirklich.
Ich war froh, als es nach einer Dreiviertelstunde an der Tür klingelte.
„Na endlich“, Cody war sofort aufgesprungen, „ich bin schon fast am Verhungern.“ Er eilte zur Tür und zog gleichzeitig mehrere Geldscheine aus seiner Hosentasche, die lose darin steckten .
Wenig später hatte er mehrere Plastikteller und Kartons in den Händen, aus denen es verführerisch duftete.
„Das ist dein Salat.“ Cody überreichte Maxi den ersten Teller, „und ich glaube, das müssten deine Nudeln sein.“ Ich nahm den anderen Teller in Empfang und verbrannte mir beinahe die Finger. Man, war das heiß!
Vorsichtig öffnete den Plastikverschluss und starrte auf mein Abendessen. Na ja – lecker sah das jetzt wirklich nicht aus, hoffentlich schmeckte es besser.
Becka war entweder wegen der Türklingel oder dem Geruch der verschiedenen Gerichte aufgewacht. Langsam setzte sie sich auf der Couch auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
„Du hast Essen bestellt?“, wandte sie sich an Cody.
„Was denkst du denn, meine Süße? Und an dich habe ich natürlich auch gedacht. Du bekommst deine ganz speziellen Bandnudeln.“ Viel zu übertrieben überreichte er ihr ihren dampfenden Teller, doch sie quittierte das nur mit einem breiten Gähnen.
„Du musst Nicky sein, oder?“, wandte sie sich dann an mich, „Ich muss ja einen tollen ersten Eindruck bei dir hinterlassen haben. Lieg da auf der Couch und bin fest am pennen. Ich hoffe, Cody war wenigstens einigermaßen anständig.“
„Hey – ich bin immer anständig“, warf der Rothaarige empört dazwischen, „und ich habe mich von meiner besten Seite gezeigt. Nicky mag mich jetzt schon total gerne. Er ist ein richtiger Fan von mir, weißt du? Das stimmt doch, Nicky, oder?“
Ich lächelte vorsichtig.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 22 Okt 2017, 18:42

Maxi hatte mich erfolgreich überredet, ihn mit nach Hause zu nehmen. Er wollte unbedingt neben mir die Nacht verbringen und dies ohne Cody und Becka auf der Couch direkt neben dem Bett.
Ich war ein wenig überrascht, als ich unsere Haustüre aufschloss und merkte, dass noch Licht im Wohnzimmer brannte. Für gewöhnlich gingen meine Eltern früh ins Bett und waren nur selten nach Mitternacht noch wach.
„Nicky? Bist du zurück?“ Ich hörte die Stimme meines Vaters aus dem Wohnzimmer schallen.
„Ja“, rief ich zurück und öffnete die Tür zu dem angrenzendem Raum.
Erstaunt stellte ich fest, dass meine Eltern sich am Couchtisch gegenüber saßen und je ein Glas Rotwein in den Händen hielten.
„Ah, Maxi ist auch dabei. Das ist ja eine schöne Überraschung“, stellte meine Mum fest, „setzt euch doch zu uns.“
Ein wenig schüchtern setzten wir uns zu ihnen auf den Boden. Mein Vater reichte uns zwei Kissen.
„Wir feiern gerade unseren 19. Hochzeitstag“, erklärte mir mein Dad und strahlte meine Mutter regelrecht an.
„Oh“, erwiderte ich nur. Ehrlich gesagt – ich hatte bis jetzt gar nicht genau gewusst, an welchem Tag meine Eltern geheiratet hatten. Und 19 Jahre war es jetzt schon her? Wow.
„Möchtet ihr auch ein Glas Rotwein?“ Meine Mutter hielt schon die Flasche in den Händen und sah Maxi und mich fragend an.
„Ja, gerne“, antwortete Maxi, während ich den Kopf schüttelte. Ich war kein Fan von Wein und Sekt.
Sofort war meine Mutter auf den Beinen und holte zwei Weingläser aus der Vitrine. Meines befüllte sie allerdings nur mit etwas Orangensaft.
„Wir haben uns gerade über deinen Geburtstag unterhalten“, wandte mein Vater sich an mich.
„Über meinen Geburtstag?“
„Ja, es ist ja nur noch eine Woche bis dahin.“
„Du hast nächste Woche Geburtstag?!“ Maxi mischte sich ein und starrte mich mit großen Augen an. „Warum sagst du mir nichts?“
„Ähm... Ehrlich gesagt, habe ich das sogar selbst vergessen.“ Das war die Wahrheit. Ich hatte überhaupt keine Zeit gehabt, mir großartig Gedanken über meinen Ehrentag zu machen.
„Meine Güte, ich brauch ja noch dringend ein Geschenk für dich.“
„Du musst mir nichts schenken“, erwiderte ich auf meinen Freund, „ehrlich nicht.“
Aber Maxi winkte ab: „Ich will dir aber was schenken. Mir wird schon noch was gutes einfallen.“
„Und wir haben ja versprochen, dir ein Auto zu schenken“, warf jetzt wieder mein Vater dazwischen.
Ich grinste breit. Ein Auto war ganz nach meinem Geschmack.
„Hast du denn Zeit, dass wir morgen uns mal nach einem geeigneten Wagen umsehen?“
„Ja, natürlich. Das wäre super.“
„Hast du dir denn schon überlegt, was für eines du haben möchtest? Was wäre denn dein Geschmack?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Marke ist mir eigentlich ziemlich egal. Ich hätte nur gerne ein Cabrio.“
„Auch ein Cabrio?“ Maxi grinste, „da habe ich dich wohl angesteckt, oder?“
„Ja, das hast du wohl.“
„Mhm, Cabrios sind meist ein wenig teuer“, bedachte mein Vater, „aber wir schauen mal, was wir machen können. Wir fahren am besten Morgen nach der Arbeit zum Händler, mal schauen, ob wir vielleicht auch ein paar Probefahrten machen können.“
„Das wäre super.“ Dankbar lächelte ich meinem Vater zu.
„Keine Ursache. Hoffen wir, dass wir was anständiges für dich finden.“

Maxi hatte in der Zeit sein Weinglas geleert. „Möchtest du noch etwas oder wollt ihr eher nach oben verschwinden?“, wandte sich meine Mutter an uns.
„Ich glaube, wir sollten eher nach oben gehen, oder?“, fragte Maxi mich, „ich bin schon ganz schön müde.“
„Klar, können wir machen.“ Ich leerte in einem Zug meinen Orangensaft und stellte das Glas auf den Tisch.
„Euch noch einen schönen Abend“, wünschte ich meinen Eltern.
„Den werden wir haben, Gute Nacht.“
Maxi zog mich regelrecht in mein Zimmer. „Wieso hast du mir wirklich nicht erzählt, dass du Geburtstag hast?“
„Ich hab es wirklich vergessen, tut mir leid.“
„Du vergisst deinen eigenen Geburtstag...“ Maxi schüttelte den Kopf. „Aber egal, weißt du wenigstens schon, wie du feiern willst?“
„Ähm, nö, überhaupt nicht.“
„Willst du denn eine große Party machen oder wollen wir nur zu zweit den Tag verbringen?“
Ich realisierte, dass ich jetzt vor einem Problem stand. Till wusste, wann mein Geburtstag war und obwohl er bisher auch noch nichts erwähnt hatte, befürchtete ich, dass er ihn nicht vergessen würde und ebenso mit mir feiern wollen würde. Aber wie sollte ich das nur machen?
„Also? Wie hast du denn sonst immer Geburtstag gefeiert? Kommen da deine Verwandten vorbei?“
„Ja, meine Großeltern kommen immer vorbei. Und ich habe die letzten Jahre mit Madita gefeiert.“
„Madita ist deine beste Freundin?“
„Ja, genau. Sie wohnt jetzt allerdings in Köln.“
„Kommt sie denn an deinem Geburtstag vorbei?“
Beinahe hätte ich schon mit „Nein“, geantwortet, aber dann hatte ich die rettende Idee. „Nein, sie kommt nicht zu mir, denn ich habe beschlossen, dieses Jahr zu ihr nach Köln zu fahren.“
Ich könnte mir selbst auf die Schulter klopfen. Ich hatte zwar Maxi angelogen, was mir eigentlich gar nicht gefiel, aber es war eine super Idee gewesen, Maxi weiß zu machen, dass ich meinen Geburtstag am anderen Ende unserer Bundesrepublik feiern würde. Zwar hatte ich außer ein paar flüchtigen Whatsappnachrichten nichts mehr von Madita gehört, aber das wusste Maxi ja nicht.
„Du bist gar nicht da?“ Maxi sah sehr enttäuscht aus.
„Ne, tut mir leid.“ Ich versuchte, möglichst zerknirscht auszusehen.
„Das ist ja schade. Wie lange bleibst du in Köln?“
„Ich habe nächsten Freitag Geburtstag und bleibe wahrscheinlich bis Sonntag dort“, log ich, „aber am Sonntag Abend können wir uns sicherlich treffen.“
„Musst du am Freitag nicht arbeiten?“
Mist, daran hatte ich ja gar nicht gedacht. „Doch, direkt nach Feierabend fahre ich los.“
„Mhm, vielleicht können wir uns da dann kurz sehen. Ich würde dir schon gerne gratulieren. Fährst du denn dann mit deinem neuen Auto oder mit dem Zug?“
Meine Güte, lügen war ganz schön anstrengend. Wieso musste Maxi auch so viele Fragen stellen?! „Das weiß ich noch nicht.“
„Ach so, okay. Echt schade. Ich hätte mir echt gewünscht, deinen Geburtstag mitfeiern zu können.“
„Tut mir echt leid.“
Man, war das beschissen. Es tat mir ja auch leid... Aber ich musste einfach verhindern, dass sich Till und Maxi über den Weg laufen. Denn dann hätte ich ein riesiges Problem.

„Aber jetzt was anderes. Möchtest du dich ins Bett legen?“ Maxi grinste mich schief an.
„Hä? Weshalb?“
„Ich würde gerne was ausprobieren.“
„Und dazu muss ich mich ins Bett legen?“ Ich checkte im Moment überhaupt nichts, war immer noch in Gedanken bei der Planung meines Geburtstages.
„Du kannst dich auch auf deine Couch setzen.“ Er trat vor mich und drückte mich mit seinen Armen leicht nach hinten, bis ich in den weichen Kissen saß.
Er selbst kniete sich auf den Boden zwischen meine Beine. So langsam kapierte ich, was Maxi von mir wollte. Vor allem, als er sich auch noch an meiner Hose zu schaffen machte und mit zitternden Händen meinen Gürtel öffnete.
Aber das ging mir jetzt ein wenig zu schnell und war ein bisschen zu überraschend. So hätte ich Maxi auch gar nicht eingeschätzt.
„Was soll denn das werden?“
Maxi zuckte nur mit den Schultern, sah mir aber nicht in die Augen. „Ich wollte das unbedingt ausprobieren.“
„So plötzlich?“
„Cody meinte, dass ich es mal versuchen soll.“
Ich glaubte, mich verhört zu haben. Was hatte den Cody damit zu tun?!
„Er meinte, das gefällt jedem Mann.“
„Ach so, du unterhältst dich mit ihm über so etwas?“
„Du hast doch heute selbst gemerkt, wie Cody ist. Er nimmt kein Blatt vom Mund und ist unglaublich neugierig. Es tut mir echt leid, wenn dich das stört. Dann sage ich es ihm gleich morgen.“ Seine Stimme wurde zum Ende hin immer leiser.
„Ja, mach das“, murrte ich.
„Bist du jetzt sauer?“ Maxi schielte von unten herab ängstlich zu mir nach oben.
„Nein, das bin ich nicht.“ Auf Maxi konnte ich auch nur schwer wütend sein.
„Ehrlich nicht?“
„Ich bin nicht sauer.“
„Danke. Es tut mir nämlich wirklich leid. Ich weiß, dass ich nicht mit Cody über so etwas reden sollte.“
„Ja.“ Mehr wollte ich auch darüber gar nicht mehr sagen.
„Ähm, aber Nicky? Darf ich denn trotzdem?“ Er legte vorsichtig seine Hand auf meinen Schritt.
Himmel! Was sollte ich jetzt sagen? Ja? Nein? Vielleicht?
„Willst du das denn wirklich?“, fragte ich vorsichtig.
„Ja. Ich hab viel darüber gelesen und … ähm... angeschaut.“ Sein Gesicht wurde etwas rötlich.
„Also... öhm, okay.“ Auch mir war das jetzt ein wenig peinlich, als Maxi mir die Hose komplett öffnete und ich meine Hüfte hob, um ihm somit zu helfen, sie mir auszuziehen.
Das letzte Mal, als wir nackt beieinander lagen, war es dunkel im Zimmer gewesen und wir waren auch noch unter der Decke vergraben gewesen. Jetzt war es mir doch ein wenig unangenehm, dass Maxi mich so ausführlich musterte. Bei Till hatte ich dieses Gefühl nicht, aber er kannte mich ja auch schon in und auswendig.
Maxi strich erst mal mit seinen Handflächen über meine Oberschenkel. Ich versuchte, mich einigermaßen entspannt zurückzulehnen.
Ich zuckte zusammen, als Maxi urplötzlich seine Lippen auf mein Glied drückte. Das war jetzt irgendwie doch überraschend. Er verteilte winzige Küsse darauf und lies seine Zunge entlanggleiten.
„Ist das gut so?“, fragte er mich, doch ich nickte nur. Nein, schlecht stellte er sich auf jeden Fall nicht an. Er war ein weniger zurückhaltender als Till, aber das war ja ganz natürlich. Es war ja sein erstes Mal. Ich strich mit meinen Fingern durch seine blonden Haare, was ihm zu gefallen schien.
Er gab sich deutlich Mühe und auch ich wurde immer erregter. Es fühlte sich immer besser und besser an. Kurz bevor ich kam, drückte ich seinen Kopf weg. Ich befürchtete, dass es sonst doch zu viel für ihn werden würde.
Tief ein und ausatmend saß ich breitbeinig auf der Couch und versuchte, mich wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen.
„Das war echt gut für dich?“, fragte Maxi mich.
Ich nickte. Was dachte er denn?! Ich machte auf jeden Fall nicht den Eindruck, als hätte es mir nicht gefallen.
„Das finde ich schön.“ Maxi strahlte.
„Soll ich es auch bei dir machen?“
„Ähm“, mein Freund zögerte etwas, „heute nicht mehr, okay? Ein andermal unbedingt.“
„Gut, dann wollen wir jetzt ins Bett gehen?“
„Ja, ich bin echt müde.“ Maxi torkelte in Richtung meines Bettes und kuschelte sich zugleich unter meine Bettdecke.
Ich zog mir meine Boxershort wieder nach oben. Es kam mir komisch vor, mich völlig nackt neben ihn zu legen, während er angezogen blieb.
Maxi legte sich zugleich in meine Arme und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.


Beim Händler standen bestimmt hundert Autos in allen Farben, Formen und Marken. Auch Cabrios waren zu meiner Freude auf dem großen Platz geparkt.
Besonders hatte es mir ein alter BMW mit schwarzem Faltdach angetan. Den hätte ich mir wahnsinnig gerne gewünscht, aber mein Vater hatte bei dem Preis erst einmal schlucken müssen. Er unterhielt sich gerade mit dem Chef über einen roten Seat Ibiza. Der Preis war bei diesem deutlich geringer angesetzt und mein Vater überzeugte den Händler gerade, eine Runde Probefahren zu dürfen. Dieser kramte einen riesigen Schlüsselbund hervor, an dem mindestens dreißig Autoschlüssel hingen und reichte uns den richtigen.
„Dann mal los, Nicky!“, rief mein Vater euphorisch. Es machte ihm richtig Spaß, ein Auto für mich zu suchen. „Ich fahre die erste Runde, zurückfahren kannst dann du, wenn du möchtest.“
„Okay.“ Ich schwang mich auf den Beifahrersitz. Von innen sah das Auto echt cool aus. Schade, dass es regnete und wir somit das Dach nicht öffnen konnten, als mein Vater den Seat vom Hof rollen ließ. „Die Lenkung geht ein wenig schwer“, stellte er sogleich fest. Und als er wenig später auf die Bremse trat, gaben die Bremsbelege ein fürchterliches Quietschen zustatten.
„Nein, Nicky. Dieses Auto bekommst du nicht. Da muss ich ja jedes Mal Angst haben, wenn du fährst.“ Ein wenig sauer wendete mein Dad und wir standen sofort wieder im Hof des Autohändlers.
Mein Vater wechselte einige Worte mit dem Chef und gab ihm den Schlüssel zurück. Ich sah mir währenddessen einen giftgrünen Mazda an. Mit diesem Auto würde ich ganz schön auffallen, wenn ich mit dem fahren würde, aber irgendwie gefiel er mir auch.
„Was ist mit dem hier, Papa?“, rief ich ihm zu.
„Ist der nicht ein wenig zu knallig?“, bedachte mein Vater.
„Ich weiß nicht. Mir gefällt der.“
„Wenn du meinst, dann probieren wir den mal aus. Haben Sie für diesen hier auch den Schlüssel parat?“ Mit dem letzten Satz wandte sich mein Vater an den Händler.
„Das tut mir leid, aber der Mazda ist schon verkauft. Gestern Abend wollte ihn eine junge Dame unbedingt haben.“
„Ach, das ist ja schade.“
„Was haben Sie denn noch für Cabrios da?“, erkundigte sich mein Dad.
„Da wäre noch ein Opel Astra. Baujahr 2005, hat nur 85000 Kilometer unter der Haube und wurde vom Vorbesitzer gehegt und gepflegt.“
„Dann zeigen Sie uns diesen doch mal.“
Mein Vater und ich liefen hinter dem dickbäuchigen Mann her, bis er uns zu einem echt schönen, schwarzen Opel brachte. Mein Vater bespitzelte ihn von allen Seiten. „Der schaut wirklich nicht schlecht aus“, war sein Fazit, „keine Kratzer und Beulen. Der Auspuff ist auch neu. Habt ihr den neu gemacht?“
Der Händler nickte. „Der Vorbesitzer hat ihn einen Monat, bevor er ihn verkauft hat, machen lassen.“
„Und warum hat der Vorbesitzer dieses Auto überhaupt hergegeben?“
„Er ist nach einem Schlaganfall nicht mehr in der Lage, zu fahren.“
„Das ist ja traurig.“
„Der Wagen ist allerdings in einem einwandfreien Zustand. Vier Riesen würde ich allerdings für ihn haben wollen. Darunter geht nichts.“
„Okay“, mein Dad nickte, „wollen wir erst mal eine Runde fahren, Nicky?“
Diese Testfahrt war um einiges besser. Nichts quietschte oder gab andere, komische Geräusche von sich. Die Lenkung funktionierte einwandfrei, die Bremsen waren leise und alle Scheinwerfer funktionierten.
„Wie sieht es aus? Würdest du diesen Wagen haben wollen?“
Ich grinste. Ja, gefallen würde mir dieser Astra schon. Und ich wollte jetzt unbedingt mein erstes Auto bekommen.
Keine halbe Stunde später war es soweit. Der Vertrag war unterschrieben – das Auto gehörte jetzt offiziell uns. Nächste Woche würden wir ihn noch bei der Versicherung anmelden und ab meinem Geburtstag würde ich ihn endlich fahren können.
Ich fiel meinem Vater in die Arme und bedankte mich tausend Mal bei ihm.
„Keine Ursache, Nicky. Wir freuen uns doch, wenn wir dir eine Freude machen können. Du musst uns nur versprechen, immer vorsichtig zu fahren, okay? Wir möchten nicht hören, dass du an einem Baum klebst oder in den Gegenverkehr gerauscht bist.“
„Nein, keine Sorge. Das Verspreche ich.“

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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 23 Okt 2017, 17:38

Ein wenig traurig und enttäuscht bin ich schon.
Ich habe mir echt große Mühe gegeben, diese Geschichte zu schreiben, habe sie tausend Mal korrigiert und umgeschrieben.
Es hat mir aber auch echt Spaß gemacht und ich habe mich gefreut, die Meinungen der Leser zu hören.
Nach jedem Kapitel habe ich stündlich ins Forum geschaut, um zu gucken, ob jemand einen Kommentar da gelassen hat, der mich ermutigt, weiter zu schreiben, der mir seine Meinung preisgibt oder einfach nur einen Satz zu meinen Protagonisten schreibt.
Aber jedes Mal wieder wurde ich trotz der vielen Mitgliedern enttäuscht. Ich habe mir echt was anderes erhofft, als ich begonnen habe, meine Geschichten hier hochzuladen. Es steckt nämlich verdammt viel Herzblut in ihnen.
Das wird jetzt das vorletzte Kapitel dieser Kurzgeschichte sein. Ich habe schon mit dem zweiten Teil angefangen, aber ob ich den auch hier hochlade, oder ihn auf meinem Laptop versauern lasse, weiß ich noch nicht.
Es macht auf jeden Fall traurig, nichts für seine Mühe zurück zu bekommen. Ich hoffe, ihr versteht das.
Das letzte Kapitel lade ich in den nächsten Tagen hoch.

Viele Grüße,
Svenni




Till war ganz begeistert, als ich ihm am nächsten Tag von meinem neuen Auto erzählte. Wir liefen gerade durch den Wald und sammelten Pilze. Till hatte gehofft, dass wir, obwohl es bereits Abend war und schon etliche Besucher vor uns durch das Dickicht getrampelt waren, ein paar essbare Pilze zu finden, mit denen er mir ein Abendessen kochen könnte. Er fragte nach allen Details des Wagens und wollte alles ganz genau wissen. Es war mir ein wenig peinlich, dass ich ihm manche Fragen, wie zum Beispiel den KW - Wert nicht nennen konnte.
„Echt schade, dass ihr den Wagen nicht bei mir gekauft habt. Ich hätte dir gerne ein Auto verkauft“, ergänzte er, als er sich gerade bückte, um mit seinen Händen ein paar Blätter zu durchwühlen.
„Ja, ich weiß. Aber du weißt ja, dass meine Eltern nicht wissen dürfen, dass wir wieder Kontakt haben.“
„Sie wissen es immer noch nicht? Wann willst du es ihnen denn erzählen?“
„Ich weiß nicht.“
„Irgendwann sollen sie es schon wieder erfahren. Ich war noch nie ein großer Fan von Verstecken und Verheimlichen.“
„Ich weiß, aber es geht nicht anders. Sie sind nicht allzu gut auf dich zu sprechen.“
„Aber an deinem Geburtstag sehen sie mich sowieso, oder nicht?“
„An meinem Geburtstag?“ Scheiße, wieso kam er jetzt ausgerechnet darauf zu sprechen?
„Ich war doch letztes Jahr auch dabei, als du mit deiner Familie und mit Madita gefeiert hast. Ich bin jetzt einfach davon ausgegangen, dass ich auch dieses Jahr eingeladen bin.“ Er war stehen geblieben und sah mich mit großen Augen an.
„Ähm. Madita ist dieses Jahr auch nicht dabei.“
Einen Moment überlegte ich, ob ich Till auch einfach belügen sollte, dass ich meinen Geburtstag in Köln feierte, aber das würde nicht klappen. Till kannte mich zu gut, er würde mich durchschauen.
„Das ist ja schade. Aber ich darf doch kommen, oder?“
„Das geht leider nicht.“ Ich sah deprimiert zu Boden.
„Weshalb?“
„Meine Eltern...“
„Sie würden mir schon nicht den Kopf abreißen. Sag ihnen doch einfach, dass ich mich geändert habe und du mich an deinem Geburtstag dabei haben möchtest.“
„So einfach ist das nicht.“
„Wieso?“
„Das ist schwer zu erklären.“ Ich seufzte.
„Mhm.“
„Aber wir können am Abend was unternehmen. Ich komme einfach einen Tag später zu dir und verbringe dann den ganzen Tag mit dir zusammen.“
„Mhm.“
„Sei bitte nicht sauer“, bat ich ihn. Ich wollte nicht, dass Till beleidigt war.
„Nein, das bin ich nicht. Nur ein wenig enttäuscht.“
„Ich mach es wieder gut, versprochen. Und für nächstes Jahr überlege ich mir was wegen meinen Eltern.“
Till lachte kurz auf: „Bis dahin wirst du mich hoffentlich nicht mehr verstecken müssen.“
Darauf wusste ich erst einmal keine Antwort.
Till packte meine Hand. „Komm, wir suchen jetzt mal weiter. Sonst wird es dunkel und wir finden dann erst recht nichts mehr.“
Gemeinsam liefen wir durch das Geäst.
„Da, ich glaube, ich habe einen gefunden“, rief ich begeistert und deutete auf einen großen braunen Pilz vor meinen Füßen.
Till beugte sich sofort nach unten. „Das ist leider kein Steinpilz“, erklärte er mir, „ein Steinpilz hat wie eine Art Schwamm auf der Unterseite der Kappe. Dieser hier hat Lamellen und ich weiß nicht, ob der essbar ist.“
„Dann lassen wir ihn lieber stehen.“
„Ja, nicht, dass wir uns vergiften.“
„Schau mal, da ist ein Ziegenbart.“
„Ein was?“ Ich starrte Till verwirrt an.
„Siehst du das komische, orange Gewächs, das dort aus dem Boden kommt? Das ist auch ein Pilz, so klein wie der noch ist, könnte man ihn essen, später dann nicht mehr. Aber mir schmeckt er nicht besonders gut.“
„Ach so.“ Ich kannte mich mit Pilzen nicht sehr gut aus. Gut, dass Till fast ein Profi auf diesem Gebiet war.
Wir waren über etliche weitere Äste geklettert, als wir endlich fündig wurden. Zwei große Parasol standen auf einer kleinen Lichtung und schienen beinahe auf uns gewartet zu haben. Till war ganz begeistert. Er zückte sein Taschenmesser und schnitt den Stiel der beiden Pilze ab. „Die braten wir uns heute Abend in der Pfanne ab. Dazu ein Spiegelei und unser Abendessen ist perfekt.“

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen anderen Pilz als die Champignons auf der Pizza aß. Aber zu meinem Bedauern schmeckte der Parasol einfach nur eklig. Während Till ein Stückchen nach dem anderen in den Mund schaufelte, klebte die Panade des Pilzes nur eklig an meinem Gaumen und ließ sich kaum schlucken.
„Schmeckt es dir nicht?“, bemerkte Till sofort.
„Oh... Na ja, nicht so wirklich“, gab ich schließlich zu.
„Gib es mir rüber“, befahl er und ich spießte den Pilz auf, um ihn Till auf den Teller zu legen.
„Soll ich dir etwas anderes kochen? Was möchtest du denn?“ Till war schon aufgestanden und zum Kühlschrank gelaufen.
„Nein, musst du nicht“, ich rief ihn zurück, „ich esse einfach das Spiegelei.“
„Aber das reicht dir doch niemals.“
„Doch, natürlich tut es das.“
„Ich will nicht, dass du mir verhungerst, Nicky. Ich könnte dir ruhig noch etwas anderes abbraten.“
„Nein, musst du wirklich nicht.“ Ich lächelte meinen Freund an.
„Mhm“, nur widerwillig setzte sich Till wieder zu mir an den Tisch.
„Aber dann iss' du wenigstens mein Ei.“
Ehe ich mich versah, war das Spiegelei auf meinem Teller gelandet.
„Es gibt noch etwas, was ich dich fragen wollte.“
Ich sah ihn verwundert an.
„Ich habe dich doch letztens gefragt, ob du es dir vorstellen könntest, mit mir zusammenzuziehen?“
Ich biss mir auf die Zunge.
„Es ist jetzt so, dass ich die Kündigung für die Wohnung bekommen habe.“
„Was? Wieso das denn?“ Ich war ziemlich überrascht.
„Mein Vermieter braucht die Wohnung für seine Tochter. Ich habe allerdings drei Monate Zeit, um mir eine neue Bleibe zu finden.“
„Das ist echt überraschend.“
„Ja, schon. Aber mir bleibt nichts anderes übrig, als mich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Und da habe ich mir gedacht, ob nicht vielleicht du Lust hättest, mit mir zusammen zu wohnen.“
„Das wäre schon cool“, ich grinste. Ja, die Vorstellung gefiel mir wirklich, „aber ich kann dir das nicht so spontan zusagen. Ich muss da noch ein wenig nachdenken.“
„Ja, mach dir keine Sorge. Ich lasse dir die Zeit. Ich würde mich nur wahnsinnig freuen. Stell dir vor, wir wären vierundzwanzig Stunden lang zusammen! Das wäre so toll.“
„Na ja, Arbeiten gehen müssten wir schon noch.“
„Das ist klar, aber trotzdem würden wir uns viel öfter sehen.“
„Da hast du allerdings recht.“
Somit war das Thema erst mal beendet und ich war sehr froh darüber. Wir aßen gemütlich unsere Pilze und Spiegeleier auf und spülten zusammen das Geschirr ab. Als wir später gemeinsam im Bett lagen und Till sich meinem Bauch hinab küsste und langsam meinen Reißverschluss der Hose öffnete, dachte ich an Maxi.


Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause radelte, kam mir Maxi mit seinem Peugeot schon entgegen. Wild winkte er und parkte sein Auto direkt vor meinem Füßen.
Voller Eifer sprang er aus seinem Cabrio und lief auf mich zu.
„Nicky! Ich hoffe, du hast heute Abend noch nichts vor!“, rief er ganz atemlos.
„Ähm, ne, eigentlich nicht.“
„Dann musst du mitkommen! Also wenn du möchtest, natürlich. Aber ich würde mich sooo freuen.“ Maxi benahm sich vor meinen Augen beinahe wie ein kleines Kind. Er sprang sogar von einem Bein auf das andere.
„Und wohin?“
„Ins Stadion! Bayern spielt heute Abend.“
„Okay?“
„Willst du denn mitkommen? Ich hab Karten bekommen. So kurzfristig! Kannst du dir das vorstellen?“
„Ähm, ich weiß nicht.“ Mit Fußball hatte ich eigentlich nicht viel am Hut. Ich war nur ein einziges Mal auf dem Fußballplatz gestanden und hatte Maxi beim Spielen zugesehen. Da hatte es mir sogar relativ Spaß gemacht, ihm beim Spielen zuzusehen, aber ob es mich auch interessierte, wenn elf Männer, die ich nicht kannte, hinter einem Ball her rannten?
„Bitte, komm mit. Ich habe mich so gefreut, mit dir dort hin gehen zu können.“
Was blieb mir also übrig? „Dann gehe ich natürlich mit.“
„Wirklich? Das wäre toll!“
„Wer kommt denn noch mit?“
„Niemand, nur wir beide.“ Maxi strahlte.
„Und derjenige, von dem du die Tickets hast?“
„Mein Arbeitskollege hat sie mir geschenkt. Er wollte eigentlich selbst mit seiner Frau hingehen, aber er ist krank geworden. Eigentlich darf ich das nicht sagen, aber ich bin echt froh, dass es so gekommen ist.“
„Und, ähm, wann müssen wir denn los? Wann fängt das Spiel an?“ Ich hoffte, dass ich noch die Zeit hatte, ausführlich duschen zu gehen. Ich stank nach Desinfektionsmitteln und den Ausdünstungen mehrerer Tiere.
„Am besten jetzt gleich. Das Spiel beginnt zwar erst um neun Uhr, aber es wird ein riesiger Ansturm sein. Wir müssen sicherlich ewig an der Kasse anstehen.“
Oh Mist, na das auch noch. Aber was tat man nicht alles, um seinem Freund glücklich zu machen?!
Ich stieg zu ihm ins Auto, mein Fahrrad hatte ich nur gegen unsere Hauswand gelehnt. Ich war mir sicher, dass es nicht gestohlen werden würde.
Maxi redete während der ganzen Fahrt über die verschiedenen Fußballspieler, die Mannschaften und deren Siege.
„Gegen welche Mannschaft spielt Bayern denn heute?“ Es war mir ein wenig peinlich, dass ich das nicht wusste.
„Gegen Werder Bremen. Aber die werden sie sicher besiegen. Schade nur, dass Neuer nicht im Tor stehen wird. Er hat sich am Sprunggelenk verletzt, ich hoffe, er wird wieder fit. Ich weiß allerdings noch nicht, wer ihn auswechseln wird. Bin echt gespannt. Aber trotzdem haben wir eine viel stärkere Mannschaft als die Bremer. Wie glaubst du, wird das Spiel ausgehen? Ich tippe auf 3 : 0.
„Puh, keine Ahnung. 2 : 1?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wie sollte ich auch jetzt schon wissen sollen, wie das Spiel ausgehen wird?!
„Das ist zu niedrig. Und ich glaube nicht, dass die Bremer überhaupt ein Tor schießen werden.“
„Das werden wir ja sehen.“ Ich lehnte mich zurück. Die Fahrt ins Münchner Stadion würde noch ein wenig dauern. Mein Magen knurrte jetzt schon, ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Mir wäre es deutlich lieber gewesen, wenn ich mich jetzt gemütlich ins Bett legen könnte, um vielleicht noch einen Film anzusehen. Die letzten Tage waren ziemlich stressig gewesen. Abwechselnd hatten mich Till und Maxi auf Trab gehalten. Es war ganz schön anstrengend, zwei Freunde gleichzeitig zu haben.

Ich wusste nicht, was ich von dem Stadion halten sollte. Es waren tausende von Fans da und der Lärmpegel war fürchterlich. Es herrschte ein unglaubliches Gedränge und Gejohle der betrunkenen Fangemeinde. Dabei hatte das Spiel noch nicht einmal angefangen.
Maxis gute Laune hatte sich dagegen noch mehr gesteigert. Das Grinsen auf seinem Gesicht war noch breiter geworden.
„Schau, da vorne sind unsere Sitze“, rief er mir durch das Stimmengewirr zu und zog mich zu zwei roten Plastiksitze. Bequem war was anderes, aber wenigstens konnten wir von dort den Platz gut überblicken.
Maxi erklärte mir währenddessen, welche Spieler heute antreten würden und ergänzte zu jedem einzelnen noch mehrere Details. Mir sagten jedoch die wenigsten Namen etwas.
Das Spiel hatte noch keine fünf Minuten begonnen, als schon der erste Spieler mit dem roten Trikot eine riesige Chance hatte, ein Tor zu erzielen. Seinen Namen hatte ich schon längst wieder vergessen. Maxi sprang mit unendlich vielen weiteren Fans von ihrem Stuhl auf und feuerten ihn an. Mir wurde in beide Ohren gebrüllt, dass ich das Gefühl hatte, jetzt taub zu werden.
Ein lautes Stöhnen ging durch die Menge, als der Ball neben dem Tor vorbei rollte. Maxi fluchte laut und ließ sich zurück in seinen Sitz fallen. Ich war ein wenig verwundert, so kannte ich ihn gar nicht. Und so wollte ich ihn auch gar nicht kennenlernen.
Bis zur Halbzeit beachtete mich Maxi kaum. Sein Blick war fest auf das Spielfeld geheftet. Ein wenig beleidigt war ich schon. Da schleppte er mich mit auf dieses blöde Fußballspiel und dann schenkte er mir keine Beachtung.
Zu Maxis Missgunst stand das Spiel in der Pause immer noch 0 : 0. Während den ganzen fünfzehn Minuten schimpfte mein Freund auf die Mannschaft und erklärte mir so ausführlich wie möglich, was sie machen mussten, um ein Tor zu schießen.
Ich konnte nur die Augen verdrehen. Maxis Fußballbegeisterung störte mich. Es fiel ihm noch nicht einmal auf, dass ich bei Weitem keine so gute Laune hatte, wie die anderen Zuschauer.
Mitten in der Nacht kamen wir wieder nach Hause.Wir waren ewig im Stau gestanden und auf der Autobahn war auch noch ein Unfall passiert, wodurch die Fahrt sich stundenlang gezogen hatte. Zu Maxis Begeisterung hatte es der FC Bayern doch noch geschafft, ein Tor zu erzielen und seine Nerven zu beruhigen. Zufrieden war der jedoch nicht von seiner Mannschaft gewesen.
Ich war heilfroh, als ich endlich wieder an unserer Haustüre stand und mich von Maxi verabschieden wollte. Zu meiner Erleichterung war er ebenso müde wie ich und wollte so schnell wie möglich nach Hause, somit war unser Abschiedskuss nur von kurzer Dauer.

gillibill
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon gillibill » 23 Okt 2017, 20:52

[quote="Svenni"]Ein wenig traurig und enttäuscht bin ich schon.
Ich habe mir echt große Mühe gegeben, diese Geschichte zu schreiben, habe sie tausend Mal korrigiert und umgeschrieben.
Es hat mir aber auch echt Spaß gemacht und ich habe mich gefreut, die Meinungen der Leser zu hören.
Nach jedem Kapitel habe ich stündlich ins Forum geschaut, um zu gucken, ob jemand einen Kommentar da gelassen hat, der mich ermutigt, weiter zu schreiben, der mir seine Meinung preisgibt oder einfach nur einen Satz zu meinen Protagonisten schreibt.
Aber jedes Mal wieder wurde ich trotz der vielen Mitgliedern enttäuscht. Ich habe mir echt was anderes erhofft, als ich begonnen habe, meine Geschichten hier hochzuladen. Es steckt nämlich verdammt viel Herzblut in ihnen.
Das wird jetzt das vorletzte Kapitel dieser Kurzgeschichte sein. Ich habe schon mit dem zweiten Teil angefangen, aber ob ich den auch hier hochlade, oder ihn auf meinem Laptop versauern lasse, weiß ich noch nicht.
Es macht auf jeden Fall traurig, nichts für seine Mühe zurück zu bekommen. Ich hoffe, ihr versteht das.
Das letzte Kapitel lade ich in den nächsten Tagen hoch.

Viele Grüße,
Svenni

Hallo Svenni, dann möchte ich mich jetzt ehrlich bei Dir entschuldigen. Der Grund warum ich nicht auf deine Geschichte geantwortet habe ist ganz einfach der, das ich als unangemeldeter User gelesen habe.

Ich hatte mich nicht angemeldet, da ich mein Passwort vergessen hatte. Und lesen geht ja auch so. Nach deinem Text habe ich etwas nachgedacht, und mir ein neues Passwort geben lassen.

Ich finde deine Geschichte unheimlich interessant. Vor allen wie Nicki es schafft seine Dreiecksbeziehung aufrecht zu halten.

Er scheint irgendwie noch so ganz zu WIssen was er will und hat mittlerweile auch gar kein Problem damit seinen Freund anzulügen.

Sowohl Maxi als auch TIl scheinen Nicky ehrlich zu lieben und er die beiden auch irgendwie. Ich bin schon ziemlich gespannt, wie es ausgeht. da du ja das FInale angekündigt hast tippe ich mal das an Nickys Geburtstag der große Knall kommt.

Ich hoffe aber sehr, das du ein HappyEnd eingebautIch würde mich sehr über eine zweite Staffel freuen. Auch wenn ich deine Enttäuschung sicherlich verstehen kann.

Ich hoffe du nimmst meine Entschuldigung an und das andere Leser deiner Geschichte meinem Beispiel folgen werden.

Svenni
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Svenni » 26 Okt 2017, 20:27

Hey du,
danke für die lieben Worte. Ich will auch hier nicht den Beleidigten spielen (dafür mag ich das Forum zu gerne), ich bin einfach enttäuscht, dass ich mir solche Mühe mit dieser Geschichte gegeben habe und ich das Gefühl habe, niemandem interessiert sie.
Das ist jetzt das letzte Kapitel. Die Fortsetzung dauert auf jeden Fall noch ein wenig, ich komme derzeit einfach kaum zum Schreiben :/.


Und ein letztes Mal würde ich mich auf Meinungen von euch freuen.
Am Morgen meines Geburtstages wachte ich sehr früh auf. Ich blinzelte, um auf dem Wecker etwas erkennen zu können, schlug dann aber doch die Bettdecke zurück und schwang meine Beine von der weichen Matratze. Ich hätte zwar noch eine halbe Stunde schlafen können, aber ich war so voller Vorfreude, dass ich nicht länger im Bett liegen konnte.
Goofy begrüßte mich schon schwanzwedelnd, als ich die Treppe hinunter joggte.
„Hey, mein Großer“, rief ich ihm zu, „heute kommst du mit zu mir in die Arbeit.“
Das hatte ich nämlich schon lange mit meinem Chef ausgemacht. Wenn ich mit dem Auto zum Tierarzt fahren konnte und nicht das doofe Rad nehmen müsste, dürfte ich Goofy mitbringen, damit er meinen Hund komplett durchchecken konnte. War bei seinem hohen Alter bestimmt kein Fehler, obwohl es ihm wieder besser ging, seitdem der Herbst angefangen hatte.
„Nicky, du bist ja schon wach“, meine Mum kam noch im Nachthemd aus der Küche gewatschelt und breitete sofort ihre Arme aus, als ich mich an Goofy vorbei schlängelte.
Ich ließ mich von ihr in den Arm nehmen und mich ganz fest drücken. „Ich wünsche dir alles, alles gute, Nicky. Heute wirst du achtzehn Jahre alt! Mannoman, ich kann das gar nicht glauben.“
„Ich ehrlich gesagt auch nicht“, grinste ich breit, „jetzt bin ich volljährig!“
„Trotzdem musst du uns nicht allzu bald verlassen.“ Sie sah mich mit großen Augen an.
„Ne, Mama, mit dem Ausziehen lasse ich mir noch ein wenig Zeit.“ Erst musste ich schließlich das mit Till und Maxi klären. Und eventuell dann entscheiden, zu wen ich lieber ziehen würde.
„Wie sieht es heute Nachmittag aus? Deine Oma und deine ganzen Tanten und Onkel würden gerne vorbeikommen.“
Ich nickte. „Das tun sie doch jedes Jahr an meinem Geburtstag. Ich freue mich darauf.“
„Maxi kommt doch sicherlich auch, oder?“
„Maxi? Ähm, ne, der hat leider keine Zeit.“
„Oh, wieso das? Das ist ja schade.“
„Er muss arbeiten.“
„Aber am Freitag bestimmt nicht allzu lange, oder? Da schließen die Geschäfte doch früher.“
Mist, jetzt stand ich in der Klemme. „Ich weiß, aber er hat sich tausend Mal entschuldigt und mir etliche Gründe genannt, wieso er dieses Wochenende keine Zeit hat. Aber wir sehen uns am Sonntagabend.“
Das war so was von gelogen. Maxi wäre liebend gerne an meinem Geburtstag zu mir gekommen. Till ebenso, aber ich hatte es beiden ausgeredet.
„Mhm, ich hoffe, du bist jetzt nicht beleidigt oder sauer auf ihn. Toll ist es natürlich nicht, an seinem Geburtstag von seinem Freund versetzt zu werden.“
Mist, meine Mutter klang alles andere als erfreut. Hoffentlich würde sie jetzt nicht auch noch so wütend auf Maxi werden wie auf Till. Das konnte ich gar nicht gebrauchen und Maxi hätte es auch nicht verdient.
„Nein, das bin ich nicht. Es tat ihm ja auch total leid, aber es ging nicht anders. Und er plant für mich am Sonntagabend bestimmt etwas besonderes.“
„Na, wenn das so ist. Was möchtest du essen, Nicky? Marmeladenbrot oder soll ich dir doch lieber ein Müsli herrichten?“
„Oh, Müsli wäre nicht schlecht“, ich war froh über den Themenwechsel, „aber ich kann es auch selber machen.“
Meine Mutter schüttelte empört den Kopf: „Nein, heute ist dein Geburtstag, mein Sohn, und da lässt du dich schön von mir bedienen.“
„Wenn du meinst.“ Grinsend setzte ich mich auf den Küchenstuhl und ließ Goofy seinen schweren Kopf auf meinem Schoß ablegen.

Ich bekam das Grinsen gar nicht mehr von meinem Gesicht, als ich eine halbe Stunde später in meinem ersten, eigenen Auto saß. Goofy saß hechelnd unterhalb des Beifahrersitzes und sah mich mit großen Augen an.
„Wir schaffen das, mein Großer“, sprach ich zu meinem Hund, während ich den Schlüssel drehte. Zugegeben, ein wenig nervös war ich schon. Meine erste Fahrt ohne Elternteil neben mir. Und somit rutschte mein Fuß von der Kupplung ab, der Wagen machte einen kurzen Ruck nach vorne und starb schließlich ab.
„Himmel, das fängt ja gut an.“ Ich hoffte, dass mein Vater mich nicht vom Fenster aus beobachtete und sich ins Fäustchen lachte. Er war kurz bevor ich unser Haus verlassen hatte, aus dem Bett gekrochen und hatte mich ebenso fest wie meine Mutter gedrückt. Hoffentlich war er bereits wieder im Bett und erholte sich von seiner Nachtschicht.
„Auf ein zweites Mal“, sprach ich zu Goofy, legte den Rückwärtsgang ein und drehte den Schlüssel erneut. Problemlos erwachte der Astra erneut zum Leben und diesmal gelang es mir, ihn rückwärts aus unserer Einfahrt zu lenken.
Puh, das Schwerste war geschafft. Jetzt hatte ich nur noch die Landstraße vor mir und die würde mir, so breit wie sie war, keine Probleme verschaffen.
Stolz wie Oskar parkte ich mein Auto direkt vor der Praxis. Ich war gespannt, was meine Kolleginnen und Doktor Bär zu meinem Gefährt sagen würden.
Ich öffnete die Beifahrertür und ließ Goofy aus dem Wagen springen. Sofort hob er seine Nase in die Luft und begann zu schnüffeln. Er kannte wohl den Tierarztgeruch.
„Keine Angst, Goofy, dir passiert schon nichts. Doktor Bär will dich nur einmal ansehen, damit ich dich noch eine lange Zeit behalten kann. Gesund natürlich.“
Ich führte den Leonberger in die Praxis und breitete im Empfang eine Decke aus, auf die er sich legen konnte.
Kaum war das erledigt, fuhren drei Autos gleichzeitig auf den Hof und parkten neben meinem Astra. Was für ein Zufall, meine Kolleginnen kamen alle gleichzeitig und sogar noch wenige Minuten zu früh. Dajana kam meist eher kurz vor knapp in die Praxis gerauscht. Diesmal sah ich sogar meinen Chef überpünktlich mit seinem Mountainbike heran radeln. Kamen sie extra wegen meinem Geburtstag so früh? Ich wurde ein wenig rot im Gesicht.
Zu allem Überfluss trug Lena auch noch ein großes Backblech in den Händen. Bekam ich ernsthaft einen Kuchen?
Ich wurde von allen drei Frauen fest gedrückt und beglückwünscht. Man konnte beinahe meinen, sie freuten sich noch mehr als ich auf meinen Geburtstag. Auch mein Chef legte seinen Arm um meine Schultern und hielt mir einen minütigen Monolog über die Vorteile der Volljährigkeit. Ich strahlte richtig und kam mit dem Bedanken gar nicht mehr hinterher.
Der Tag verlief zu meiner Freude sehr ruhig. Der Terminkalender war ausnahmsweise bei Weitem nicht voll und auch zur offenen Sprechstunde erschienen nur wenige Leute. Die meisten Besitzer hatten wohl an dem voraussichtlich letzten sonnigen Tag dieses Spätsommers besseres zu tun, als ihre Tiere zum Tierarzt zu schleppen. Somit saßen wir gemütlich in der Küche, quatschten über Belangloses oder lästerten über die Tierbesitzer.
Mein Chef hatte Goofy zuvor gründlich untersucht und zu meiner Freude nichts ernsthaftes entdeckt. Er konnte zwar eine leichte Herzklappeninsuffizienz hören und eine Arthrose machte meinen großen Freund zum Schaffen, aber sonst war er für sein Alter noch in einem erstaunlich guten Zustand. Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich zum ersten Mal selbst Blutabnehmen dürfen. Ich hatte ziemlichen Respekt davor gehabt und traute mich am Anfang nicht, es bei meinem eigenen Hund zu machen, aber dann hatte es doch geklappt. Goofy stand ganz brav und gelassen da, während ich sein Blut in das Röhrchen tröpfeln ließ. Ich war ein wenig stolz auf mich, als ich Goofys Bein mit einem Verband umwickelte und ihm als Belohnung mehrere Leckerliestangen zusteckte.

Am frühen Nachmittag wurde unsere stationäre Katze Nena von ihrer überglücklichen Besitzerin abgeholt. Die junge Frau weinte beinahe vor Freude, als ich ihr Nena in ihrem Katzenkorb überreichte. Ich war auch froh, dass die Katze endlich wieder nach Hause durfte. Sie war so lange stationär bei uns gewesen und hatte sich zum Schluss in der engen Box ziemlich gelangweilt.
Ich schrubbte gerade die Futterschüsseln und säuberte die jetzt leere Tierbox, als Dajana durch die Tür trat.
„Wenn du möchtest, darfst du jetzt nach Hause fahren“, erwähnte sie beiläufig, während sie einen großen Karton Hundefutter in den Schrank räumte.
„Wie meinst du das?“ Ich sah sie erstaunt an, denn schließlich hatte ich erst in einer Stunde Feierabend.
„Heute ist dein Geburtstag und da musst du wirklich nicht so lange in der Arbeit bleiben. Erst recht, wenn so wenig zu tun ist wie heute. Fahr nach Hause und triff dich mit deinen Freunden. Geh schön feiern, so wie es sich zum 18. Geburtstag gehört.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Aber nur, wenn es für euch okay ist“, antwortete ich ein wenig schüchtern.
„Natürlich ist es das. Und der Chef hat auch sofort zugestimmt. Und jetzt raus mit dir.“
Sie wedelte lachend mit der Hand in Richtung Ausgang.
„Dankeschön, Dajana. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.“
„Dir auch, Nicky. Wir sehen uns dann am Montag.“
Ich räumte die restlichen Futterschüsseln in den Schrank und bahnte mir dann meinen Weg an Dajana und dem riesigen Karton vorbei.
Als ich gerade in der Garderobe stand und mir meinen Kittel ausziehen wollte, kam Julia auf mich zu.
„Dein Freund wartet draußen auf dich“, stellte sie mit einem Grinsen im Gesicht fest.
Ich war verwundert. „Wer denn?“, fragte ich.
Julia zog die Augenbrauen nach oben. Ich biss mir auf die Zunge. Ich war ja auch echt dämlich. Julia wusste ja nichts von meinem Doppelleben.
„Wie meinst du das?“

Ich winkte ab. „Hab mich versprochen. Till wartet also vor der Tür auf mich?“
Julia nickte. „Ja, er hat sogar Rosen dabei. Neben ihm sitzt aber ein anderer Kerl.“
„Wie, da sitzt ein anderer Kerl?“
Julia sah mich verwirrt an. „Ich hab den selbst noch nie gesehen. Sieht aber ganz hübsch aus. Kurze, blonde Haare und er scheint ziemlich groß zu sein.“
Ich wurde blass. Ich ahnte schlimmstes... Aber konnte ich wirklich so viel Pech haben?
Betend, dass Julia sich täuschte, schlich ich zum Fenster und starrte hinaus. Julia musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Wer ist der blonde Typ? Magst du ihn nicht?“
Aber ich antwortete ihn nicht. Mein Albtraum war Realität geworden. Maxi und Till saßen nebeneinander auf der Bank und schienen sich zu unterhalten.
Sofort wich ich wieder vom Fenster zurück. Ich wollte nicht, dass sie mich entdeckten.
„Was ist los, Nicky? Du bist auf einmal so blass.“ Julia sah mich besorgt an.
„Ich muss aufs Klo“, presste ich zwischen meinen Lippen hervor und stürmte an Julia vorbei.
Ich riss die Tür zu unserer Toilette auf und sperrte sie hastig hinter mir ab. Ich setzte mich auf den Klodeckel und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Ich hatte es geahnt! Irgendwann hat so etwas passieren müssen.
Was sollte ich jetzt nur machen? Ich wusste einfach keine Lösung.
Am liebsten hätte ich mich für den restlichen Tag im Klo versteckt, doch irgendwann klopfte Lena an die Tür.
„Nicky? Julia meinte, dass du dich auf einmal merkwürdig benommen hast. Geht es dir nicht gut?“
„Es ist alles okay“, rief ich ihr durch die geschlossene Tür zu, „ich komm gleich raus.“
Lena sollte wieder verschwinden. Genauso wie alle anderen. Ich wollte jetzt niemanden sehen. Ich wollte mich einfach nur weiter verstecken, so lange bis Maxi und Till wieder abhauen würden.
Aber das wäre auch zu schön gewesen, wenn mir das gelungen wäre. Abwechselnd klopften Julia, Dajana und Lena gegen die Tür und stellten mir tausende Fragen.
Sie hatten ja auch keine Ahnung, was so plötzlich mit mir los war.
Endlich tat ich ihnen den Gefallen und schloss die Toilettentüre auf.
Erstaunt, verwirrt und auch ein wenig neugierig musterten mich die drei Frauen.
„Was ist los, Nicky? Bist du krank?“ Lena trat einen Schritt vor und wollte mir den Arm um die Schulter legen.
Ich schüttelte den Kopf.
„Willst du uns sagen, was los ist?“
„Nein, im Moment nicht. Tut mir leid“, fügte ich hinzu.
„Kein Problem, Nicky“, mischte sich Dajana ein, „fahr nach Hause und erhole dich. Ich glaube, das würde dir jetzt am besten tun.“
Ich nickte kaum merklich mit dem Kopf. Dajana hatte recht. Ich würde mich jetzt wirklich am liebsten in meinem Zimmer und unter der Bettdecke vergraben, aber dazu musste ich diese Praxis verlassen. Und draußen warteten Till und Maxi auf mich.
„Schnapp dir Goofy und mach mit ihm einen großen Spaziergang“, schlug Julia vor. Ihre Augen blickten mich noch immer verwirrt an.
„Ja, das werde ich.“
Alle drei begleiteten sie mich zur Eingangstür. Goofy hatte seinen großen Körper gegen meine Beine gedrückt. Fast so, als wüsste er, was mir blühte und wollte mir Mut zusprechen. Ich streichelte sein braunes Fell und versuchte mich, ein wenig zu beruhigen.
Noch immer wusste ich nicht, was ich sagen sollte, wenn ich gleich vor meinen beiden Freunden stehen würde.
Abwechselnd drückten mich meine Kolleginnen zum zweiten Mal an diesem Tag. Sie wünschten mir gute Besserung, obwohl sie gar nicht wussten, was mit mir los war. Wie sollte ich ihnen am Montag nur wieder in die Augen blicken? Vorausgesetzt, Till und Maxi ließen mich am Leben. Mir war das so peinlich, wie ich mich vor den Frauen benahm. Aber ändern konnte ich es jetzt nicht mehr, obwohl ich mich nur zu gerne noch länger in der Toilette versteckt hätte.
Aber früher oder später musste ich mich meinen Ängsten stellen. Ich wusste nicht, wer diesen Spruch erfunden hatte, aber er passte unheimlich gut zu meiner jetzigen Situation.
Julia, Dajana und Lena winkten mir zu, als ich die Türklinke in die Hand nahm und ein letztes Mal tief durchatmend trat einen Schritt aus der Praxis hinaus.
Sofort spürte ich die Blicke der zwei jungen Männer an mir. Sie musterten mich stumm. Ich wagte es nicht, ihnen ins Gesicht zu sehen. Am liebsten hätte ich Goofy gepackt, ihn in mein neues Auto gezerrt und wäre mit Vollgas vom Hof gebraust.

Till saß am nächsten zu mir. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und auf seinen Oberschenkel lag ein großer Strauß roter Rosen. Maxi war ganz an den gegenüberliegenden Rand der Holzbank gerutscht. Seinen Blick hatte er fest gen Boden geheftet. Auch er sah mir nicht in die Augen.
Ich stand etwa zwei Meter von den beiden entfernt und wünschte mich ganz, ganz weit weg.
Till war der erste, der schließlich sein Gesicht hob und sich mir zuwandte.
„Ich hab dir Rosen gekauft“, stellte er mit unheimlich kühler Stimme fest.
„Oh, ähm, danke“, stotterte ich. Was hatte das zu bedeuten?!
Aber anstatt sie mir zu geben, wischte er sie beiläufig von seinen Beinen und ließ die Blumen auf den Boden fallen.
Ich schluckte.
„Ich wollte dich abholen. Ich dachte, du freust dich bestimmt darüber.“
Meine Kehle fühlte sich plötzlich ganz trocken an. Goofy drückte seinen Kopf gegen meine Schenkel.
„Aber anscheinend war nicht der einzige mit dieser Idee.“ Mit diesem Satz wandte er sich an Maxi, der jetzt seine Fingerspitzen anstarrte.
„Ich wollte dich überraschen“, flüsterte der Blonde, „ich wollte dich unbedingt an deinem Geburtstag sehen.“
Ich hatte einen Klos in meinem Hals. Maxi sah so traurig aus, während man Till die Wut deutlich vom Gesicht ablesen konnte.
„Das... Das ist nett.“ Meine Lippen formten diesen Satz ganz automatisch.
Till schnaubte auf. „Jetzt mal Klartext, Nicky: Wie lange läuft das schon so? Da fährt man gut gelaunt zum Tierarzt und freut sich, dass man seinen Freund überraschen kann und sitzt dann plötzlich neben einem anderen Mann auf der Bank und erfährt so ganz plötzlich, dass sein Freund anscheinend ein Doppelleben führt. Was soll das Nicky?!“
„Es tut mir so leid“, Tränen bildeten sich in meinen Augen. Es war die Wahrheit. Ich wusste, dass ich großen Mist gebaut hatte.
„Das will ich nicht hören“, Till winkte energisch ab. „Ich will wissen, wie lange das schon so läuft.“
„Seit... Seit du plötzlich wieder aufgetaucht bist und dich bei mir entschuldigt hast.“
„Aber gleichzeitig hattest du die ganze Zeit was mit ihm am Laufen?“ Er nickte zu Maxi, dessen Augen feucht in ihren Höhlen glänzten.
„Ja...“ Was brachte es, zu lügen? Es war sowieso alles vorbei.
„Und ich dachte wirklich, dass du mein Freund bist.“ Till schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ich auch“, wisperte Maxi gerade so laut, dass ich ihn verstehen konnte. „Ich dachte, du bist mein erster Freund. Ich dachte, wir führen eine richtige Beziehung.“ Tränen liefen aus seinen Augen.
Am liebsten hätte ich mich auf den Boden geworfen und hätte auch geheult. Ich fühlte mich so elend. Aber das alles war ganz alleine meine Schuld.
„Deshalb wolltest du deinen Eltern nicht sagen, dass du wieder mit mir zusammen bist“, stellte Till fest, „weil sie bereits wussten, dass du einen neuen Freund gefunden hast.“
Ich nickte: „Ja, so war es.“
„Eine einzige Frage noch, Nicky“, Till war aufgesprungen und ganz nah an mich heran getreten. Ich wich automatisch nach hinten aus, bis ich die harte Hauswand in meinem Rücken spürte. „Warum hast du das gemacht?“
Ich antwortete lange Zeit nichts, aber Till schien geduldig zu sein. Mit verschränkten Armen stand er vor mir und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Im Hintergrund hörte ich Maxi leise weinen.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte ich schließlich, seinen Blick ausweichend.
„Du weißt es nicht?“
„Ja. Es hat sich irgendwie so entwickelt. Und ich wollte keinen von euch beiden wieder verlieren.“
Till seufzte. Er klang jetzt eher verzweifelt als wütend. „Und deshalb verarscht du uns über Wochen hinweg?“
Ich schluchzte auf, Till schüttelte den Kopf. „Weißt du was, Nicky? Ich habe es wirklich ernst mit dir gemeint. Es tat mir so unendlich leid, dass ich dich damals wegen Denise verlassen habe und ich wollte es unbedingt wieder gut machen. Ich hätte dich nicht verarscht. Ich liebe dich nämlich wirklich. Und er anscheinend auch.“ Mit seinen Finger deutete er auf den weinenden Maxi, „aber das hast du wohl nicht verdient. Du weißt, dass es jetzt zwischen uns vorbei ist?“
Jeder einzelne Satz war ein Stich ins Herz. Aber ich hatte jeden einzelnen verdient.
„Es tut mir so leid“, wisperte ich erneut, doch Till hörte mir gar nicht mehr richtig zu.
Kopfschüttelnd drehte er sich von mir weg und lief ohne ein weiteres Wort zu seinem alten Golf. Die Rosen ließ er einfach am Boden liegen. Diesmal hatte der alte Wagen keine Startschwierigkeiten. Driftend und viel zu schnell brauste Till vom Hof und ließ mich mit schmerzendem Herzen zurück.
Lange sah ich ihn nach, auch nachdem der Golf schon lange um die Ecke verschwunden war. Ich hatte Till verloren. Ein schreckliches Gefühl.
Maxi war jetzt auch aufgestanden. Ich merkte es aber erst, als er direkt vor mir stand.
„Hier ist mein Geschenk an dich, Nicky“, seine Stimme war ganz brüchig, „alles Gute zum Geburtstag.“ Er hielt mir einen kleinen, hübsch eingepackten Karton mit Schleife entgegen.
„Oh, danke.“ Verwirrt nahm ich sein Geschenk entgegen. Was sollte ich davon jetzt halten?
„Ich hoffe, es gefällt dir trotzdem. Ich habe mir große Mühe damit gegeben.“
Ich wusste keine Antwort.
Maxi erwartete aber anscheinend auch keine. Genau wie Till drehte er sich langsam um und lief zu seinem Cabrio, das direkt neben meinem parke.
Aber er drehte sich, kurz bevor er einstieg noch einmal zu mir um. „Du hast mir so weh getan Nicky“, schluchzte er, „ich hoffe, ich kann dich irgendwann vergessen. Ich liebe dich.“
Dann fiel auch seine Autotüre vor mir zu und verbarg mir sein Gesicht.
Ich blieb alleine an der Bank zurück. Die Rosen lagen vor meinen Füßen, Maxis Geschenk hatte ich fest in meine Arme geschlossen.
Goofy blieb brav neben mir stehen, während ich mein Gesicht in seinem Fell vergrub und bitterlich weinte.


Ende

Basti3012
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Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

Beitragvon Basti3012 » 26 Okt 2017, 23:35

Heyho,
Ich habe deine Geschichte bisher im Stillen mitgelesen und mich jetzt hier registriert, um dir zu sagen, dass sie sich zu einer meiner Lieblingsgeschichten entwickelt hat und ich mich jedes Mal freue einen neuen Teil zu lesen.
Schon ein fieser Cliffhanger von dir, muss ich sagen. Freue mich auf jeden Fall jetzt schon auf die Fortsetzung.
LG Basti

Re: Hunde, die bellen, beißen nicht

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