Hamsterrad mit ganz viel Salz

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zwiebelfisch
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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 04 Jul 2018, 16:24

* Kapitel 4 - Fortsetzung *

Wenige Sekunden später waren wir schon bei einem anderen Thema, bevor wir uns gemütlich nebeneinander aufs Bett legten, miteinander kuschelten und schließlich eine gemütliche Nacht miteinander verbrachten. Doch ich konnte dieses Gespräch nicht so schnell vergessen.

***

Kapitel 5 - Joe, Bruno und Stefan

Es war Samstag, der 3. März 2018. Magnus und ich waren seit einem längeren Telefongespräch, in dem wir über drei Stunden lang über alles Mögliche geredet hatten, zusammen, und hatten uns zwischenzeitlich nochmals bei ihm getroffen. Wir wollten es einfach mal miteinander versuchen.
"Ich freue mich so", hatte ich am Telefon gemeint.
"Nicht nur du", war Magnus' Antwort gewesen.
An dieses Gespräch dachte ich auch, in Erinnerungen schwelgend, zurück, als ich wieder einmal mit dem ICE nach Stuttgart fuhr und mein Smartphone vibrierte.
Ich wischte über das Display. Magnus hatte mir geschrieben.
"Und hast n Koffer dabei?"
"Ja", tippte ich ein, zusammen mit einem Zwinkersmiley.
Magnus antwortete mit einem erschrockenen Emoticon. Er hatte mir schon wenige Tage zuvor mitgeteilt, dass er Koffer nicht so gern sehen würde, mir aber nicht geschrieben, warum. Da ich dieses Mal neben meinen Klamotten auch noch Verdunklungsvorhänge dabei hatte, weil Magnus' Schlafzimmer zu einer nachts gut beleuchteten Straße hin lag und es mir trotz Fensterläden und dünnen Store zu hell gewesen wäre, war ich nicht daran vorbeigekommen, mir neben meinem Rucksack auch noch einen Trolley mitzunehmen, trotz Magnus' Einwand.
"Deswegen würde ich ja den Bus nehmen", schrieb ich daraufhin mit einem Zwinkersmiley zurück.
"Welcher Bus?"
Ich tippte, wieder mit einem Smiley, die Linie ein, woraufhin Magnus meinte, er würde mir nachher noch erklären, was er gegen Koffer hätte, was ich mit einem Emoticon beantwortete, das beide Augen mit den Händen verdeckt hatte.
"Sag ja... Weißt noch nicht alles über mich"
"Hast du damit schlechte Erfahrungen gemacht?", erkundigte ich mich.
"Das nicht..."

* Fortsetzung folgt *

Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

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zwiebelfisch
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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 05 Jul 2018, 13:02

* Kapitel 5 - Fortsetzung *

Eine gute halbe Stunde später waren wir im Treppenhaus von Magnus' Wohnung angekommen und standen vor seiner Tür. Mein Freund warf zum wiederholten Mal einen argwöhnischen Blick auf meinen Trolley, während er den Schlüssel im Schloss herumdrehte.
Wir traten ein, Magnus voraus, ich hinterher, ließen die Tür hinter uns zufallen, umarmten uns, betrachteten uns, küssten uns.
Einige Minuten mochten verstrichen sein, als ich als erster mit meinem Gepäck nach links in Magnus' Wohnzimmer trat. Es hatte sich etwas verändert, wie mein Freund bereits auf WhatsApp angekündigt hatte. Die Kommode links neben dem Schreibtisch stand nun quer zur Wand, das Beistellregal war vor das DVD-Regal in der Mitte des Raumes verschoben worden. An ihrer Stelle befand sich nun ein etwas kleineres Regal, auf dem oben ein riesiges Aquarium aus Glas thronte. Ein Aquarium, gefüllt mit Streu, Heu, einem kleinen Holzhäuschen, einer Holzplatte auf Stelzen, einem hohlen Ast, einer Trinkvorrichtung für Kleintiere, einer Futterbox und - einem Hamster. Gerade hatte ich noch einen Blick auf ihn erhaschen können, ehe er schon wieder in seinem Häuschen verschwunden war.
"Und, gefällt dir es?", fragte Magnus, der hinter mir in den Raum getreten war und erwartungsvoll auf das Aquarium und mich blickte.
"Er war so schnell wieder weg", lachte ich.
"Der ist schüchtern", meinte mein Freund beifällig und stand nun neben mir, guckte angestrengt in das Aquarium, seufzte tief, und rief einen englischen Namen, den ich nicht sofort verstand.
"Du hast ihm einen Namen gegeben? Wie heißt er?", fragte ich.
"Joe. J - o - e.", buchstabierte Magnus.
"Ahh", ich klatschte mir mit der Hand auf die Stirn. "Joe."
Während mein Freund noch vor dem Aquarium stand und darauf wartete, dass Joe sein Versteck verließ, griff ich nach meinem Trolley und versteckte ihn hinter der dem Bett abgewandten Seite des Regals in der Mitte des Raumes, während ich meinen Rucksack wie immer neben dem Sofa abstellte. Seufzend ließ ich mich auf selbiges fallen. Seufzend stand Magnus immer noch vor dem Aquarium.
Einige Minuten später setzte er sich neben mich und sah mich etwas müde an. Ich strich ihm über die Schulter.
"Duu, Magnus... was hast du denn nun gegen Koffer?"
Mein Freund atmete tief ein. Es hörte sich fast an wie ein beleidigtes Grunzen.
"Meine Mutter, wenn die drei Tage hier ist, dann kommt die auch mit Koffer", seine Stimmhöhe hob sich und seine Stimme fing an, piepsig zu werden, "und dann denk ich, ich bekomm die nimmer los."
"Aber du weißt doch, dass ich morgen wieder gehe", versuchte ich ihn zu beruhigen.
"Trotzdem", seufzte Magnus gestresst.
"Na gut", meinte ich, "dann versuch ich, das nächste Mal ohne zu kommen."
Innerlich aber hatte ich ein komisches Gefühl. Trotzdem sprach ich das Thema nicht mehr an, sondern kuschelte weiter mit Magnus. Wir hatten außerdem vor, uns mit einem anderen schwulen Pärchen zu treffen, mit dem Magnus befreundet war. Bruno und Stefan hießen die beiden Jungs, sie wohnten ebenfalls in Stuttgart, und wir sollten sie gegen 16 Uhr 15 an der Haustür abholen.
Die Zeit verging schnell. So schnell, dass wir erst gegen 16 Uhr loskamen und Magnus sich tierisch aufregte, als wir um 16 Uhr 15 noch nicht bei den beiden angekommen waren, sondern auf der Bundesstraße am Neckar im Stau standen, direkt hinter einem LKW des SWR.
"Wann fährt der denn endlich los? Ohhh... Mann!" Eine Pause folgte, ehe Magnus fortfuhr. Sollte man sowieso verbieten, diese Sender, bringen eh nichts Gescheites. Und für sowas zahle ich Gebühren!"
"Na und", wandte ich ein, "du bezahlst mit deinen Steuern auch Straßen, die du nie nutzen wirst. Wo ist da der Unterschied?"
"Aber ich kann sie nutzen", entgegnete Magnus, während es wieder ein kleines Stück vorwärts ging.
Ich dachte an eine ähnliche Diskussion zurück, als er sich beschwert hatte, dass Leute in seiner Biotonne herumwühlen würden und ihn das stören würde, auch wenn sie nichts herumliegen ließen, weil er ja Müllgebühren zahlen würde.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 05 Jul 2018, 15:17

* Kapitel 5 - Fortsetzung *

"Natürlich kann man, anstatt die öffentlich-rechtlichen Sender aus Gebühren zu finanzieren, das aus Steuermitteln tun", meinte ich schließlich. "Aber was macht das für einen Unterschied? Wir brauchen dringend ein öffentlich-rechtliches Fernsehen. Gäbe es nur private, dann bestünde die Gefahr, dass die von vermögenden Leuten manipuliert werden oder nur in deren Sinne berichten. Siehe Berlusconi und Italien."
"Aber da brauchts doch keine x Sender. Einer würde doch reichen, oder von mir aus zwei. Weißt du, wie viel die Pensionen der Leute im Rundfunk kosten? Ich zahl denen ihre Pensionen", entgegnete Magnus, während er kurz zu seinem Smartphone griff. "Ich schreib mal kurz Bruno, dass wir später kommen."
Ich überlegte, ob in den Rundfunksendern als öffentlich-rechtliche Anstalten überhaupt Beamte oder Menschen in beamtenähnlichen Positionen arbeiten würden, war mir aber da nicht sicher, sodass ich das Thema nicht weiter verfolgte. Ohnehin war die Straße vor uns mittlerweile frei, und wenige Minuten später fuhren Magnus und ich bereits durch eine Nebenstraße, an deren Ende bereits zwei Jungs warteten. Ja, das mussten sie sein. Doch wer war wer?
Wir hielten an. Die hintere Autotür wurde geöffnet. Magnus drehte sich um. Ich tat es ihm gleich.
"Heyy! Na, alles fit?", begrüßte mein Freund die Jungs.
"Hi", rief ein etwas korpulenter Typ mit schwarzer Kunststoffbrille und stellte sich gleich vor, als er mich sah. "Ich bin der Bruno."
Ahh, dann musste der andere, der gerade die zweite Tür hinten öffnete, wohl Stefan sein! Er wirkte etwas ruhiger als Bruno, hatte auch eine Brille, die jedoch sehr unauffällig war, aber keine Haare, und war etwas schlanker als sein Freund. Die Türen wurden zugezogen, und während wir zu unserem Restaurant fuhren, wobei Magnus die Kurven mit höchstmöglicher Geschwindigkeit nahm, ergab sich ein lockeres Gespräch, das sich vor allem darum drehte, dass Magnus als einziger von uns vieren sehr ungern mit dem Zug unterwegs war, während wir drei, Bruno, Stefan und ich, ihn auf unseren Reisen durch Deutschland sehr gerne nutzten. Auf seine Fahrweise angesprochen, meinte Magnus nur, wie wir denn ohne sein Auto zum Restaurant gekommen wären, das etwas abseits lag. Der Verweis von Bruno auf eine naheliegende Bushaltestelle brachte meinen Freund auch nur bedingt zur Einsicht.
"Ihr fahrt ja nur Bahn", entgegnete er wobei er das "a" näselte, was ich als Abneigung interpretierte, "ich nur zum Flughafen und zurück."
"Ich bekomm' ihn schon noch rum", meinte ich daraufhin grinsend. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, was es noch für Diskussionen um dieses Thema geben würde...

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 05 Jul 2018, 15:47

* Kapitel 5 - Fortsetzung *

Der Abend wurde sehr unterhaltsam. Bruno freute sich beim Essen sehr darüber, dass Magnus nun endlich jemanden gefunden hatte, nachdem er schon mehrmals enttäuscht worden war. Danach ging es um einen Handwerker, der ungeschickterweise in Brunos Wohnung ein Wasserrohr angebohrt hatte und für den Schaden aufkommen musste, und um unangenehme Nachbarn, bevor die XXL-Schnitzel für Bruno, Stefan und Magnus sowie meine Würstchen mit Kartoffelsalat kamen. Nach dem Abendessen, es war schon dunkel, fuhren wir mit dem Auto zurück zu Magnus' Wohnung, um von dort aus nach einem kleinen Fußweg die U-Bahn zum Kino zu nehmen, das am Berliner Platz lag. Ausgerechnet! Für einen Moment schweiften meine Gedanken in der U-Bahn zu Finn, von dem ich seit fast zwei Monaten nichts mehr gehört hatte. Auch wenn ich jetzt Magnus hatte, es war noch immer etwas neu und ungewohnt für mich, und Finn immer noch präsent in meiner Erinnerung. Was würde er wohl gerade tun? Wie ging es ihm jetzt? Hoffentlich war gesundheitlich alles okay bei ihm, er war ja doch in der letzten Zeit häufiger im Krankenhaus gewesen... Ich vertraute jedoch darauf, dass mir es Samuel schon sagen würde, wenn was mit Finn sein würde.
Ich rief mich in die Gegenwart zurück. Ah, das war ja schon die U-Bahn-Haltestelle! Wir stiegen aus, liefen die paar Meter zum Kino, bevor wir uns recht schnell auf "Red Sparrow" einigten - anstatt "Black Panther", den wir ursprünglich hatten ansehen wollen. Während des Films lag Brunos Hand beständig auf der von Stefan, während das bei Magnus und mir nur wenige Minuten so ging. Er meinte, ihm täten seine Finger weh, und es wäre ein unangenehmes Gefühl. Ehrlich gesagt wäre mir aber das sogar wichtiger gewesen als der Film, da er ohnehin nicht so ganz meinen Geschmack traf. Zum Glück war er wenigstens nicht zu horrormäßig.
Nach dem Film überlegten Bruno und Stefan, ob sie noch mit auf einen Sekt zu Magnus mitkommen sollten.
Für mich waren die sechs Stunden, die wir miteinander verbracht hatten, zwar sehr schön gewesen, aber nun wollte ich auch noch etwas Zeit alleine mit meinem Freund. Jedoch waren auch Bruno und Stefan nicht mehr so ganz fit, weswegen sie ihren Plan dann wieder aufgaben. Wir verabschiedeten uns in der U-Bahn voneinander. Es sollte vorerst das letzte Mal sein, dass ich die beiden gesehen hatte.
Etwa 23 Uhr 30 war es, als Magnus und ich wieder nebeneinander auf seinem Sofa saßen. Stille, bis er plötzlich wieder unvermittelt einen Lachanfall bekam, den ich mir nicht erklären konnte.
"Duuu...", begann ich, "kann es sein, dass du immer dann einen Lachanfall bekommst, wenn du dich nicht so gut fühlst?"
Müde blickte mich Magnus an, um schließlich zu nicken.
"Du brauchst dich mir gegenüber nicht zu verstellen", meinte ich sanft zu ihm, "ich merk das."

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 05 Jul 2018, 21:08

* Kapitel 5 - Fortsetzung *

"Ich fühle", er zuckte mit den Schultern, "ich fühle einfach nichts, ich fühle nur Leere."
"Weil die Depression dir die Gefühle abdrückt?"
Magnus nickte. Ich sah ihm tief in die Augen.
"Ich bin immer für dich da, auch wenns dir schlecht geht."
In Magnus' Augen schienen Tränen zu schimmern. Mit leiser Stimme flüsterte er: "Wo warst du letzten Sommer?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Da war ich gerade ganz frisch mit Finn zusammen beziehungsweise auf dem Weg dorthin."
"Du bist das Beste, was mir in den letzten zwei Jahren passiert ist", meinte Magnus. Ich war gerührt, ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Nach einer Pause, in der er nachdenklich nach vorne starrte, fuhr er fort. "Entschuldige, ich möchte dir eigentlich schon die ganze Zeit was sagen. Aber ich kann es nicht. Ich möchte dir sagen, dass ich dich...", er bekam das letzte Wort nicht heraus, so sehr er sich auch anstrengte - irgendetwas schien ihn innerlich zu blockieren.
Sanft zog ich ihn zu mir und küsste ihn.

***

Kapitel 6 - Beziehungswochen

Die nächsten Wochen verliefen wie im Flug und sehr ähnlich. Magnus und ich trafen uns immer am Wochenende, außer an meinem Geburtstag, an dem ich unter der Woche bei ihm übernachtete und von dort aus zur Arbeit fuhr. Sein Geschenk war wunderschön - eine kleine Tasche mit einem Teddybären darauf, darin eine Packung Früchtetee und eine Karte mit den Zeilen:
"Jede Sekunde ... Minute ... Stunde mit dir ist wunderschön. & Jeder Moment ... Tag ohne dich ist ein Warten auf dich. Mein Lieber, ich wünsche dir alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag. Ich hab dich lieb. Dein Magnus. Möchte dich gerne zum Essen einladen."
In der Zwischenzeit schrieben wir immer auf WhatsApp, telefonierten auch manchmal, wobei wir hin und wieder auch in Diskussionen gerieten. So wurde er regelrecht panisch, als sich herausstellte, dass wir in der Eile des Aufbruchs unsere ähnlich aussehenden Hosen vertauscht und er meine mitgenommen hatte.

* Fortsetzung folgt*

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 12:22

* Kapitel 6 - Fortsetzung *

"Und die falsche Hose hast du mitgenommen, mit meinem Gürtel", schrieb ich damals auf WhatsApp.
"Echt?", fragte Magnus nach.
"Ja", gestand ich.
"Hatte doch das Gefühl, dass die andere meine Hose sei", ärgerte sich mein Freund.
"Hattest du eine mitgenommen zum Anziehen?"
Magnus ging gar nicht darauf ein, sondern schrieb, mit vier aufgeregten Emoticons gespickt: "Aber du... Ne ne sei deine."
"Entschuldigung", meinte ich vorsichtig, "ich hab nur von außen draufgeguckt, und auch ich hatte so eine mit Knöpfe an."
"Die musst mir am Freitag mitbringen..."
"Ist das deine Lieblingshose?", fragte ich.
"Ne.. hab aber nicht so viele", kam von Magnus zurück.

Ein anderes Mal war ich nicht gerade so begeistert davon, wie viel Alkohol mein Freund konsumierte, wenn er denn mal dazu griff. Nicht ohne Grund, wie sich später herausstellen sollte...
"Was meinst wohl wie viel ich getrunken habe?", meinte Magnus damals.
"Das kann ich nicht schätzen... etwa nur zwei Gläser Sekt oder so?"
"Ein Cocktail, einen kleinen Jägermeister, drei Gläser Sekt und ich glaub es waren 3 oder 4 Cuba libre."
"Hmmm... ich würde sagen, etwas mehr... das kann schon ausreichen, grade der Jägermeister. Ein Jägermeister hat so viel Alkohol wie die siebenfache Menge Bier."
"So viel war das bei mir gestern", lachte Magnus. "Waren wohl 5 Cuba libre. 6 meinte ich."
Ich schüttelte den Kopf und tippte ein "du weißt es selber nicht mehr genau^^."
"Hab Bruno gefragt..."
Aha, also waren Bruno und Stefan mit dabei gewesen, dachte ich mir, und tippte ein "Ahh" ein.
"Er meinte ich hatte 6 Cuba libre."
"Ohje, ohje, ohje... Vielleicht kann ich dich da wirklich ein bisschen bremsen", schrieb ich mit einem Zwinkersmiley und ergänzte: "Du sagtest ja, wenn du erstmal angefangen hättest, ginge das immer schneller und unkontrollierter..."
"Sobald ich einen bestimmten Punkt überschreite", konkretisierte Magnus.
"Ja, genau. Ach, mein süßer Typ... Liegt es daran, dass du viel trinkst, wenn du trinkst?"
"Ja, daran kann es liegen", beendete mein Freund die Diskussion.

Wenige Tage später ging es um eine geplante Urlaubsreise. Magnus hatte, obwohl wir erst wenige Wochen zusammen waren, meine nur als vorsichtige Überlegung gemeinte Idee, vielleicht mal irgendwann zusammen wegzufahren, beim Schopf gepackt und wollte bereits konkret im Oktober gemeinsam verreisen.
"Am liebsten wäre mir Amsterdam", schlug er vor, "allerdings mit dem Flieger."
Ich gab durch mehrere Emoticons zu erkennen, dass mir das nicht so recht war. Ich war noch nie geflogen und hatte auch aus ökologischen Gründen Bedenken, was mein Freund bereits wusste.
"Dieses oder nächstes Jahr auf jeden Fall", meinte Magnus.
"Ja, ich wollte da eigentlich auch gern hin."
"Würde auch gerne Mal nach Oslo oder Helsinki."

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 12:30

* Kapitel 6 - Fortsetzung *

"Notfalls müssten wir halt getrennt anreisen", überlegte ich und antwortete auf seinen letzten Satz: "Ja, aber eher mal im Sommer, oder? Im Sommer soll es da besonders schön sein." Ich erinnerte mich an die Schwedin, der ich im TGV von Cannes nach Paris Lyon begegnet war und die mir davon erzählt hatte.
"Und in den nächsten Jahren irgendwann Mal auf Safari. Auf jeden Fall im Sommer nach Skandinavien. Und was Amsterdam betrifft: Flug und Hotel im Paket ist günstiger als getrennt", meinte er mit zwei Lachsmileys.
"Hättest du da eigentlich prinzipiell was dagegen?", erkundigte ich mich. "Ich schäme mich."
"Nicht wirklich...", meinte Magnus. "Aber dann kannst ja nie mit wenn es weiter weg geht... Wegen den fliegen..."
"Vielleicht bekommst du mich ja auch in den Flieger", gab ich zu bedenken. "Eigentlich wäre auch so ne Distanz nach Amsterdam ideal für das erste Mal Fliegen."
"Ich weiß", antwortete Magnus, wieder mit einem Lachsmiley. Ich fühlte mich mit meinen Bedenken nicht ganz ernst genommen. Als er später auf Berlin zu sprechen kam, ging ich zu einem Gegenvorschlag über:
"Erinnerst du dich noch daran, dass ich eine Freifahrt für Dritte innerdeutsch von meinen Bonuspunkten buchen kann?", meinte ich augenzwinkernd.
"Hab ich nicht mehr im Kopf", entgegnete Magnus.
"Hab ich auch nur mal beiläufig erwähnt ("es gibt ja auch die Bonuspunkte"). Wenn du Lust hättest, mal mit mir mit dem Zug innerdeutsch wohin zu fahren, kann ich sie jederzeit bestellen."
"Hmmm... Ich, Zug, innerdeutsch", antwortete mein Freund, garniert mit einem aufgeregten und vier Lachsmileys. Er hatte es fast geschafft, mich auf die Palme zu bringen, ich ließ mir das jedoch nicht anmerken.
"Berlin? *knuddel*", schrieb ich zurück.
"Wenn ich zur Messe will?"
"Ja, genau, würde sich anbieten. Kannst aber auch nen anderen Vorschlag machen."
"Wäre aus meiner Sicht ja unpraktisch, weil ich an dem Freitag beim Arbeiten bin und direkt im Anschluss nach Berlin fahren würde... Und auch nicht zu spät dort sein will."
"Dann würde es sich in Berlin wohl eher anbieten, getrennt zu fahren... denn sonst hab ich dann dasselbe Problem, weil für mich der Umweg über Stuttgart mehr Zeit bedeutet als direkt mit dem Zug - 22:30 Ankunft in Berlin ist dir bestimmt auch zu spät mit dem Zug? Bzw. 21:51?"
"Ist schon Recht spät...", meinte Magnus.
"Hmmm. Ich kann um 20:26 in Berlin sein, eventuell auch früher."
"Also für mich... Du musst da aber auch nicht zwangsläufig mit."
"Ja, so hatte ichs auch verstanden. Das liegt an dir - wenn du mich gern dabei hast, fahr ich sehr gern mit - wenn nicht, dann nicht. Berlin ist immer eine Reise wert, und das mit der Messe klingt schon recht interessant :). Ich meinte, dass du dann wahrscheinlich mit dem Flugzeug in Berlin bist, wenn ich mit dem Zug da bin, und das sich dann gut trifft."
"Je nach dem welchen Flug ich nehmen würde. Ist halt stressig und von Berlin seh ich nicht all zu viel..."
"Drei Tage sind das? Find ich ausreichend ;-). Auch wenn wir am zweiten dann nur auf der Messe sind", tippte ich ein.
"Am Freitagabend hin, am Samstag zur Messe und am Sonntag in der früh (so um 9 oder 10) wieder heim."
"Oki."
"Freitagabend (Ankunft so um 19:15)."
"Flughafen?", erkundigte ich mich.
"Ankunft am Flughafen...ja."
"Ok. Wann hast du vor, das zu buchen - nach Mexiko?"
"Vorher noch... ?"
"Hmmm - vielleicht doch besser angesichts der jetzt schon knappen Hotellage. Was ist eigentlich der Grund dafür, dass du den Zug um jeden Preis meiden möchtest?"
"Weil ich entspannt und schnell ans Ziel kommen will ;-)", entgegnete Magnus.
"Das widerspricht doch nicht grundsätzlich dem Zug", meinte ich.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 12:32

* Kapitel 6 - Fortsetzung *

"Mit dem Flieger ist man oftmals schneller und bisher auch meistens entspannter."
"Ich finde Fliegen - auch wenn man das mit der Flugangst beiseite lässt - grundsätzlich auf Kurzstrecken zu umständlich", argumentierte ich. "Hin von der Stadt zum Flughafen, Check-in, Sicherheitskontrolle, Gepäckabgabe, zum Gate, Flug, Gepäck abholen, Weg vom Flughafen in die Stadt. Eine Kurzstrecke ist alles, wofür man mit dem Zug weniger als 8-9 Stunden braucht. Kommt natürlich auch auf die Umstiege an, klar - aber wenn ich noch vom Flugzeug mit ÖPNV und dann der Bahn weitermuss, dann bleib ich gleich bei der Bahn - zumindest in Europa", und führte mehrere Beispiele für Orte an, während Magnus entgegnete, ihm sei das zu weit weg. "Außerdem liebe ich das fliegen...", schloss er seine Ausführungen.
"Und ich das Bahnfahren", konterte ich. "Wobei ich die ganz langen Strecken nicht nonstop, sondern in Etappen zurücklegen würde."
"Das ist der Vorteil am fliegen. Da kann man sich auf das Ziel konzentrieren ohne evtl Umstiege (in Europa) einplanen zu müssen oder Zwischenstopps." Wieder garnierte er seine Ausführungen mit zwei Lachsmileys.
"Ich finde aber gerade Zwischenstopps am schönsten", führte ich aus. "Beim Fliegen wird man nur "gebeamt" und bekommt Veränderungen gar nicht mit oder das, was unterwegs ist - und naja, du sagst, dass du Deutschland nicht magst, warst aber bislang nur in Berlin und Juist, abgesehen von deinem schwäbischen Umfeld."
"Wie gesagt will ja nur ans Ziel kommen. Mir geht's im Urlaub ja nur um das eigentliche Ziel und nicht das was unterwegs ist", meinte er mit sechs Lachsmileys.
"Aber ist Frankreich nur Paris, Italien nur Rom, Großbritannien nur London? Mich würde zum Beispiel eine Rundreise durch Frankreich reizen."
"Da haben mich nur die Städte interessiert", meinte Magnus. "Ne Rundreise in Irland müsstest Mal Mal machen."
"Das wäre eine Möglichkeit, ich war noch nie in Irland ;-). Südfrankreich ist auch ganz schön, in Lyon war ich schon, die Bretagne klingt nach meiner Schwester auch ganz interessant."

Was Magnus' Zufriedenheit mit seinem Leben anging, so bestand ein wesentlicher Unterschied zu mir.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 15:40

* Kapitel 6 - Fortsetzung *

Als ich ihm schrieb, dass ich im Moment total zufrieden mit meinem Leben wäre, und er daran einen sehr großen Anteil hätte, meinte er nur, dass das dann wenigstens einer von uns beiden wäre.
"Bei dir bin ich aber auch sehr optimistisch, dass dir das in naher Zukunft gelingen wird; und ich werde dir dabei helfen, so gut ich kann", meinte ich, ", wenn du das möchtest. Hast du denn gerade das Gefühl, in ein Tief zu rutschen?"
"Das Gefühl hab ich nicht... Ist sowieso immer ein auf und ab", entgegnete Magnus. "Aber zufrieden bin ich nicht. Hab dir ja schon erklärt wie ich mein Leben sehe."
"Das ist schon mal gut, dass es dir momentan relativ gut geht", entgegnete ich und verwies darauf, dass wir beim letzten Treffen darüber ja schon lange geredet hätten.
"Im einen Moment geht's mir gut und dann kommt wieder einer wo es nicht so ist...", erklärte Magnus.
"Wechselt das sehr abrupt innerhalb von Minuten, je nach den Sinneseindrücken, die du grad hast?"
"Es kann sich abrupt ändern...
"Ok - hilft das dir dann irgendwie, wenn ich da bin und dich mental auffange?"
"Es kann mir helfen, wenn du bei mir bist...", entgegnete mein Freund.
"Ich freu mich so, wenn ich dir da helfen kann, wenn ich dich ein bisschen optimistischer, positiver gestimmt machen kann."
"Ja....", schrieb Magnus und schickte einen Zwinkersmiley und einen mit Sonnenbrille hinterher.
"Ich liebe dich so wie keinen anderen auf dieser Welt", antwortete ich und drückte mein Gefühl in mehreren Emoticons aus.
"Es tut mir nur so leid, dass ich es dir nicht so sagen kann wie Du mir."
"Du musst dich nicht entschuldigen - auch wenn ich es nicht nachfühlen kann, ich weiß doch, dass es sehr chaotisch in dir sein muss und du das erst von ganzem Herzen sagen können wirst, wenn du richtig stabil und zufrieden bist. Wenn du wieder etwas fühlen kannst, was ich dir sehr, sehr, sehr wünschen würde. Es muss schlimm sein, weder Freude noch Trauer richtig fühlen zu können... Und deswegen möchte ich dich auch gern dabei unterstützen, da mit professioneller Hilfe einen Weg rauszufinden. Und den gibt es, gib die Hoffnung nicht auf!"
"Ich hoffe wenigstens, dass du merkst, das ich das gleiche für dich empfinde wie du für mich", bedauerte Magnus.
"Ja, das spüre ich. Jedes Mal, wenn du mich angrinst, wenn du mich mit deinem süßen Blick anguckst, wenn du dich nach meinem Tag erkundigst, wenn du mich küsst, wenn du mit mir kuschelst und mehr machst."
Ich erinnerte mich daran, dass er mich beim vorigen Treffen das erste Mal bei der Verabschiedung am Bahnhof geküsst hatte und fügte hinzu: "Du bist letzten Samstag am Bahnhof über dich selbst herausgewachsen."
"Keine Ahnung was mich da geritten hat."
"Das wird dasselbe gewesen sein wie bei unserem ersten Treffen :-). Und genau das ist ein Zeichen dafür, dass du mehr kannst, als du dir selbst zutrauen würdest ;-)."
"Da könntest du Recht haben... :-)."
"Weißt du noch, was da gefühlsmäßig in dir vorging?"
"Keine Ahnung was mich da geritten hat...", überlegte Magnus. "Ich kann es nicht erklären..."
"Wenn du dir dessen bewusst wirst, hast du vielleicht wieder einen Zugang zu deinen Gefühlen :-)", schlussfolgerte ich.
"Der Gedanke was andere von mir halten blockiert mich... Liegt daran, dass ich in meinem Leben schon zu viel Ablehnung und Mobbing erfahren habe. Deswegen sind mir so Feiern/Feste unangenehm. Wenn ich mich da dann mit niemanden unterhalten kann oder so, dann fühlt sich das wie Ablehnung an... Das hängt alles zusammen."
"Dieser Gedanke hat dich wahrscheinlich auch vorher beim Küssen in der Öffentlichkeit blockiert - aber das, was letzten Samstag passiert ist, zeigt, dass du es schaffen kannst, ihn zu überwinden. Spielt denn der Gedanke bei "ich liebe dich" auch eine Rolle?"
"Das tut es...", bestätigte Magnus. "So Gedanken an Ablehnung/Verarschung/belogen werden/das man es nicht ernst meint haben alle die selben Wurzeln und hängen zusammen... Das war ein Prozess in meiner Entwicklung und zieht sich durch mein ganzes Leben... Mir geht es schon immer so... Ich hatte noch nie wirklich viele Freunde. Und die dich hatte, haben irgendwann alle immer den Kontakt abgebrochen. Das fühlt sich dann so an... Genau genommen hab ich grad eine Handvoll Leute und du bist einer davon." Er fügte mehrere Herzchen hinzu.
"Gibt es denn neben Bruno, Stefan und Fabian noch weitere Freunde?"
Magnus zählte sie auf. Es waren genau sieben.
"Na siehst du, acht sind es mit mir", meinte ich, und fügte einen Zwinkersmiley hinzu.
"Du bist ja auch besonders... Du bist mein Schatz. Du bist das beste was mir seit langem passiert ist", freute sich Magnus und schickte fünf Herzchen und zwei positive Emoticons hinterher.
"Du bist für mich auch ein ganz besonderer Mensch - du bist mein Magnus. Es ist einfach so entspannend mit dir. Wenn ich meine Beziehungen bis jetzt vergleiche, war keine nach über einem Monat so entspannt und trotzdem stabil wie diese mit dir jetzt. Und das mit deiner Depression bekommen wir schon hin."
"Hab übrigens gestern zum ersten Mal ne Psychologin wegen einem Termin angerufen. Leider nur Warteliste."
"Super", freute ich mich. "Hast du dich aber hoffentlich draufsetzen lassen?"
"Ja hab ich..."
"Gut - dann versuch noch nen anderen, wenn dir seine Arbeitsweisen zusagen", schlug ich vor.
"Die Sprechstundenhilfe hat mir aber noch ne Nummer von einem anderen Arzt gegeben. Wo ich anrufen kann..."
"Das ist auch schon was", freute ich mich. "Wenn du morgen Zeit hast, dann probier es am besten da auch noch."
"Mal schauen..."
"Ich find es so super, dass du es alleine geschafft hast, anzurufen."
"Hab ne Stunde gebraucht um mich zu überwinden...."
"Aber du hast es geschafft", bestätigte ich. "Der zweite Anruf ist leichter."
"Gibt's oder gab's Momente wo du dich gefragt hast ob dass dir nicht dich zu viel wird mit mir und meinen depris?"
"Nein, die gab es noch nicht - ich hab jetzt lang nachgedacht, aber nein, ich hätte nie deswegen ein Beziehungsende erwogen, dafür liebe ich dich einfach viel zu sehr", schrieb ich zurück und bekräftigte diese Aussage durch mehrere Emoticons. "Ich hab mir immer gedacht, dass wir das sicher in den Griff bekommen werden. Und im Moment sieht es ja sehr gut aus, der erste Schritt ist gemacht."
"Das ist soooo süß", freute sich Magnus und schickte mehrere Emoticons zurück.
"Ich liebe dich - das heißt, ich liebe auch deine Psyche und möchte, dass sie gesund ist. Gedanken gemacht habe ich mir insgesamt nur bei der Sache mit unseren unterschiedlichen Verkehrsmittelpräferenzen - aber ich denke, da findet sich eine Lösung."
"Ob es daran scheitert? Glaub es ja nicht."
"Das glaub ich auch nicht", entgegnete ich. "Ich liebe dich auch, wenn du lieber im Flugzeug sitzt, mein süßer Schatz."
"Das tu ich auch."
"Ich bin so froh, dass ich dich hab", freute ich mich.

Eine Woche später, es war schon Anfang April, schrieb Magnus das erste Mal auf WhatsApp, dass es ihm aktuell nicht mehr so gut gehen würde wie zuvor. Er hätte an diesem Mittag wie bereits schon öfters in dem Tagen zuvor eine Phase von "Will meine Ruhe und einfach allein sein" gehabt.
"Wenn ich also am WE irgendwie ablehnend wirke, dann liegt es daran, das ich wieder so ne Phase hab. Dauert meist aber nicht all zu lange (vllt ne Stunde oder mal zwei oder kürzer). Dass ich dann nicht zu höre oder einfach nur fern schauen will oder so...", erklärte er.
"Okay, gut", meinte ich. "Bitte rede aber mit mir und sag es mir, wenn du dich so fühlst - nur dann weiß ich es und kann mich anderweitig beschäftigen. Und wenn du nicht möchtest, dass ich komme, dann sag es mir auch. Deswegen frag ich ja manchmal, ob dir das recht ist."
"War ich am So/Mo schon drauf und dran zu sagen sich dieses WE nicht zu treffen, nach dem mich da am So so überrumpelt hattest beim gehen... Dann bin ich noch angepisst von der Arbeit und dazu die Phasen von "Allein sein wollen" und "nicht allein sein wollen" ... Weiß im Moment selber nicht was ich eigentlich will. Irgendwie ne Art Achterbahnfahrt diese Woche..."
"Ich dachte mir es schon irgendwie, dass dich das unbewusst mehr beschäftigt hat als du es zuerst zugegeben hast...", meinte ich nachdenklich. "Es tut mir einfach nur Leid, das mit der Verabschiedung. Hätte ich das gewusst, dass das solche Auswirkungen hat, wäre ich wie zuerst gedacht mit dem TGV gefahren."
"100%-tiges Vertrauen hab ich in nichts und niemanden, weil ich das nicht aufbauen kann. Es schwebt immer das _verarscht/ausgegrenzt/man tut nur so/... im Hintergrund. Und wenn dann mal irgendwas ist (in der Regel auch was ganz banales ) dann kommt da sofort und ohne das ich es will so n Negativgefühl auf..."
Ich wurde konkret: "Was steckt denn für dich hinter dieser Verabschiedung? Was war da für dich schlimm? Wie hast du sie interpretiert? Hast du es so empfunden, dass ich es nicht ernst mit dir meinen könnte, weil ich mich nicht so wie beim Mal davor von dir verabschiedet hab?"
"Es war so... Bis ich gerafft hab welchen Zug du nimmst war es ja schon zu spät... Ja... Ist mit unter n Grund warum es in den letzten Jahren nicht geklappt hat.. Hab dadurch auch viel von vorne rein "kaputt" gemacht in Richtung Beziehungen."
"Magnus, das ist aber nicht so. Ich möchte dich, und nur dich, ausschließlich dich. Das hängt für mich an viel, viel mehr als nur an einer Verabschiedung. Ich schreib dir jeden Tag, wie lieb ich dich hab, und ich schreibe das nicht nur, ich fühle das genauso. Ich möchte dich nicht mehr hergeben, auf gar keinen Fall. Du bist ein Teil meines Lebens geworden. Ich liebe dich, deine einfachen und deine komplizierteren Seiten. Ich liebe dich, egal ob du gerade nen guten oder nen schlechten Tag hast. Ich liebe dich einfach über alles."
"Das weiß ja... Und doch hab ich diesen inneren Konflikt mit mir selber... Und so Gefühle das ich z.B. verarscht werde oder unwichtig bin hab ich ja auch meiner Familie gegenüber..."
"Hmmm... seit wann hast du denn diesen inneren Konflikt mit dir? Hast du auf dein Bauchgefühl irgendwie Zugriff oder funktioniert das gar nicht?"
"Schon seit Jahren... Ich hab das Bauchgefühl aber kein Zugriff..."
"ich weiß jetzt da auf Anhieb keine Patentlösung, weil das bei mir anders ist - ja, ich hab auch Bauchgefühle, wie zum Beispiel, dass ich mich beim Gedanken ans Fliegen nicht so wohlfühle; aber ich kann das ein Stück weit zurückdrängen, wenn ich nur genügend Willenskraft hab, oder ich kann mich mit sowas beruhigen wie "Magnus ist ja da, er kümmert sich schon um mich, wenn was sein sollte", verglich ich.
"So einfach ist das auch nicht zu lösen... So ist das halt im Moment... Mit meiner "Schutzmauer"..."
"Ja, ich weiß... denn deine Seele ist einfach zerbrechlich, deswegen hast du diese Mauer wie eine harte Schale um einen weichen Kern. Und ich versuche, dir möglichst viel Liebe zu schenken, weil du es wert bist und weil du das brauchst, und damit du dich selbst, dein Inneres freigeben kannst, damit auch du dich voll und ganz wohlfühlst. Oder, um es so wie du auszudrücken: ich geb mein Bestes, um dich zufrieden und vielleicht auch glücklich zu machen."

Doch die Depression sollte stärker sein.

***

Kapitel 7 - Politik, Essen, Messe

Es war Samstag, der 7. April 2018. Wieder trafen Magnus und ich uns bei ihm in Stuttgart, einen Tag, nachdem wir hitzig debattiert hatten. Er hatte mir ein Bild eines Ramadankalenders mit dem Nachsatz "So ein scheiß brauchen witr hier in DE nicht" geschickt, woraufhin ich ihn gefragt hatte, warum er sich als Atheist eigentlich darüber aufregen würde, es könnte ihm doch eigentlich glatt egal sein.
"Weil wir in einer christlich geprägten Welt leben was auch gut so ist... Und da brauchen wir sowas nicht", hatte Magnus gemeint.
"Nicht, dass ich das unbedingt gut fände, aber aufregen würde ich mich deswegen nicht."
"Zum Glück gibt es in Mexiko keine Muslime... Dann hab ich 3 Wochen Ruhe vor Kopftüchern... :-D"
"Ich finde das ehrlich gesagt nicht lustig", hatte ich geäußert.
"Man muss sich nur mal anschauen was hier im Land so alles passiert und dann muss man sich schon fragen ob das noch normal ist... wobei die Russen auch nicht arg viel besser sind."
"Mich stört es ehrlich gesagt, dass viele Menschen sich nie für Christentum und die Prägung interessieren - nur dann, wenn es um den Islam geht, dann ist das wieder recht", hatte ich mich geärgert. "Ja, die Religions- und Glaubensfreiheit muss gewährleistet sein - nein, es darf dabei keinen politischen Einfluss von außen geben. Was meinst du denn damit genau?"
"Z.b. bringt diese Religion Terror in unsere Gesellschaft oder extremer Judenhass, was in Europa gar nicht geht. Nicht nach dem was passiert ist oder Stellen viele den Koran über unsere Gesetze oder man passt Lebensmittel extra an diese Leute an oder ... oder oder oder."
"Warum reduzierst du das ständig auf die Religion? Ist dir bewusst, dass es schon seit mehr als 40 Jahren nicht wenige Leute hier gibt, die zum Islam gehören?"
"Weil die z.b. meinen deren Religion über unsere Werte stellen (die Art wie wir Leben)9999. Das ist nicht ganz richtig, der Anteil ist in den letzen Jahrzehnten gestiegen und tut es weiter..."
"Er steigt, ja, aber es gibt nicht erst seit den Terroranschlägen Muslime in Deutschland", hatte ich zu bedenken gegeben. "Das machen auch nicht alle, und die, die es versuchen, werden hoffentlich vom Staat in ihre Grenzen gewiesen."
"Die Anschläge in Berlin/Ansbach/Würzburg zeigen das der Staat eben hier versagt...", hatte Magnus argumentiert. "Und das ist in den anderen europäischen Ländern genau das gleiche."
"Und was war zu Zeiten der RAF? Die ETA? Die IRA? Die Mafia in Italien? Sind das nicht auch kriminelle Strukturen? Wenn du absolute Sicherheit möchtest, musst du einen Polizeistaat errichten, das fehlen dann aber sämtliche Freiheiten. Ehrlich gesagt habe ich - jetzt als Extrembeispiel - keine Lust, bei meinem täglichen Supermarktbesuch von Polizisten rundum überwacht zu werden, oder ständig kontrolliert zu werden; und dann kann man immer noch von einem Auto überfahren werden", hatte ich erklärt. "Wir leben in einer sehr viel sichereren Zeit als vor 30 oder 40 Jahren. Auch wenn ständig, permanent ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt wird."
"Bis auf die Mafia sind die anderen Gruppierungen ja weg bzw machen nichts mehr..."
"Richtig, aber sie waren mal sehr aktiv und hatten in ihrer "Blütezeit" in den 70ern und 80ern weit mehr Tote zu verantworten. Frag mich, was der Sinn von dem ganzen sein soll... ehrlich gesagt fühle ich mich da eher unwohler als wohler."
"Das ist die Konsequenz daraus, dass man heute nicht mehr sicher ist...", hatte Magnus geäußert.
"Du warst nie sicher", hatte ich gekontert. "Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag zu sterben, ist wesentlich geringer als im Straßenverkehr und liegt in etwa auf dem Niveau des Risikos, durch einen Blitzschlag zu sterben (etwa 10 Tote im Jahr in Deutschland). Natürlich muss man das Risiko reduzieren, aber irgendwann schränkt es die Freiheit zu stark ein - und eine offene, liberale Gesellschaft gibt es nur mit Freiheit, nicht ohne."
Die Diskussion war dann weitergegangen, über die GEZ hin zur Besoldung von Beamten... und hatte ungut darin geendet, dass mir Magnus nicht einmal eine gute Nacht gewünscht hatte.
Als ich in seiner Wohnung stand, dachte ich immer noch daran, während es mir selber nicht ganz so gut ging und ich nur mühsam nach Stuttgart gekommen war. Seit mehreren Wochen hatte ich nun Ohrgeräusche, die einfach aus dem Nichts aufgetreten waren und mich nur nervten.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 16:00

* Kapitel 7 - Fortsetzung *

Ich blickte auf das Aquarium. Anstatt der Futterbox stand nun dort ein riesiges Hamsterrad. Magnus befand sich gerade in gebückter Haltung davor und beobachtete Joe, wie er dort seine Runden drehte, bevor er ihm einen getrockneten Mehlwurm zum Essen überreichte. Gierig schnappte der Hamster nach seinem Futter und schwupps, mit einem Satz war es weg.
"Der ist wie ich", lachte mein Freund, "ständig am Fressen."
Hmmm... ich wurde nachdenklich... ob sich Magnus wohl auch genauso in einem Hamsterrad fühlte? Immer dieselben Dinge, dieselben Abläufe, dieselben Ängste, dieselben Teufelskreise. Aus denen er eigentlich ausbrechen wollte, aber es nicht schaffte, sondern hilflos wie gerade eben Joe seinen Kopf aus dem Rad streckte.
Mittlerweile hatte ich das Gefühl gewonnen, dass Magnus nur aus Ängsten bestand. Angst vor Fremden, Angst vor Menschen, Angst vor der Zukunft, Angst vor Zwischenfällen, Angst davor, hintergangen zu werden. Bei einem Treffen zuvor war die Angst hinzugekommen, dass mit dem Herd nachts irgendetwas passieren könnte, weswegen er die Sicherung ausstellte, bevor er schlafen ging. Angst vor Kontrollverlust. Auf meine Nachfrage erklärte er, er hätte sie bekommen, als jemand aus seiner Familie gestorben wäre und er das nicht verarbeiten hätte können. Noch machte ich mir keine Gedanken darüber, ob das Auswirkungen auf unsere Beziehung haben könnte und wenn ja, welche, denn es lief ja alles verhältnismäßig gut. Noch.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 16:51

* Kapitel 7 - Fortsetzung *

Magnus und ich hatten geplant, heute eine Messe zum Thema Slow Food in den Stuttgarter Messehallen am Flughafen zu besuchen. Daher ging es gleich los, nachdem mein Freund noch etwas Futter im Aquarium versteckt hatte, erst mit der U-Bahn, dann mit der S-Bahn hinaus Richtung Filderstadt. Keine 45 Minuten später standen wir schon in der ersten von zwei Hallen. Wir liefen sie von rechts nach links durch, immer von vorne nach hinten und von hinten nach vorne. Während Magnus bald eine brandenburgische Bratwurst im Brötchen verzehrte (ob diese Finn-Parallelen wohl Absicht waren?) und danach an einer Käse- und Weinprobe teilnahm, entschied ich mich für Sahnematjes mit gekochten Kartoffeln. Nachdem wir die Messe komplett durchlaufen hatten und Magnus sich trotz seiner schwäbischen Sparsamkeit für fair gehandelte Schokolade als Mitbringsel entschieden hatte, fuhren wir zurück in die Stadt und besorgten uns noch ein paar Artikel im Ein-Euro-Shop. Bis wir wieder heimkamen und anfingen, Gyros mit Pommes zu kochen, war es schon nach 19 Uhr. Eine gute Stunde später saßen wir zusammen auf der Couch und aßen gemeinsam. Während ich die Pommes nahezu ungewürzt aufs Teller legte, schüttete mein Freund fast einen Esslöffel voller Salz auf sein Gericht. Gesund war das ja gerade nicht, aber seitdem Magnus lapidar gemeint hatte, dass er dann eben mit 50 an Herzinfarkt sterben würde, und nichts darauf gab, unterließ ich allzu häufige Bemerkungen.

* Fortsetzung folgt*

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 20:28

* Kapitel 7 - Fortsetzung *

Als ich schon fertig gegessen hatte, holte sich Magnus eine zweite Portion, mindestens so groß wie meine erste, und bestreute sein Gericht abermals mit viel Salz, während ich noch etwas von dem Salat aß. Es folgte ein gemütlicher Couchabend mit mehreren Folgen von "Desperate Housewives", wobei ich eher mit meinem Freund beschäftigt war als mit dem Film, bevor wir auf Magnus' Laptop auf Google Maps unsere früheren Reiseziele verglichen und schließlich uns länger über London und das dortige Underground-System unterhielten. Sehr spät, es war schon gegen 1 Uhr, landeten wir im Bett. Magnus hatte extra zusätzliche Vorhangstangen bei IKEA besorgt, um mir eine gute Möglichkeit zu bieten, meine Vorhänge zu nutzen, sodass ich in dieser Nacht relativ gut hätte schlafen können, wären da nicht meine Ohrgeräusche gewesen. Magnus' Anwesenheit beruhigte mich jedoch, und so blieb ich bis in den Morgen auf der Couch liegen.

***

Kapitel 8 - Das Tief

Die folgenden Wochen standen unter keinem guten Stern, denn es ging sowohl Magnus als auch mir gesundheitlich nicht gut. Meinen Freund beschäftigte zunehmend ein Arbeitskollege und sein Chef, von denen er sich beobachtet beziehungsweise schlecht behandelt fühlte, mir ging es wegen meinen Ohrgeräuschen nicht gut, für die ich auf Ursachenfindung war und wegen denen ich auch ein Treffen mit Samuel am 14. April und mit Magnus am 15. April absagte. Auch Stressfaktoren klopfte ich ab - neben meiner Arbeit und Magnus wäre dafür möglicherweise auch Finn in Frage gekommen. Während ich einfach meine Arbeitsweise ändern konnte und bei Magnus erst mal abwarten wollte, ob es ihm nicht wieder besser gehen würde, äußerte ich Finn gegenüber, wie enttäuscht ich war, dass ich seit nunmehr fast drei Monaten nichts mehr von ihm gehört hatte, und kritisierte sein Verhalten sehr. Beinahe hätte ich dabei die überraschenden Entwicklungen der späteren Monate verunmöglicht, doch daran dachte ich damals nicht, weil es mir selbst nicht gut ging und ich endlich dieses lästige Piepsen weghaben wollte. Ich hatte außerdem längst den Bezug dazu verloren, was hinter Finns Verhalten stecken könnte, eben weil ich nichts mehr von ihm gehört hatte und auch irgendwann aufgehört hatte, mich über ihn bei Samuel zu erkundigen, und mich stattdessen auf Magnus konzentriert hatte. Doch ich wusste ja nicht, ob mein Unterbewusstsein vielleicht doch noch mit Finn befasst war...
"Zum Glück ist Wochenende...", meinte Magnus Mitte April, als wir wieder über WhatsApp schrieben. "Kann manche Leute nicht mehr sehen und mir deren gelabber anhören. Außerdem bin ich aktuell in einer "Will Urlaub haben und alles andere ist egal"-Phase."
"Ohje", bedauerte ich. "Noch dreieinhalb Wochen, dann hast du Urlaub."
"Zum Glück..."
"Sind das bestimmte Arbeitskollegen, die du grad nicht so gern siehst?", erkundigte ich mich.
"Ein Arbeitskollege und mein Chef und der von der Dispo."
"Der Arbeitskollege, der dich letztens eingeparkt hat?"
"Ja genau der... Wenn man dann noch Lust hätte was zu machen was nichts mit dem Urlaub zu tun hat wäre es gut..."
"Hast du aber im Moment nicht, oder? -.-", meinte ich bedauernd.
"Ne hab ich nicht..."
"Nicht mal Lust auf Joe?"
"Ne."
"Hmmm... :/ - kann ich dich da irgendwie motivieren?"
"Ne kannst du leider nicht...", antwortete Magnus. "Außer du kannst die Uhr bis zum Urlaub vordrehen."

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 20:48

* Kapitel 8 - Fortsetzung *

Eine Woche später sollte es noch schlimmer für Magnus kommen.
"Wenn du wüsstest was heute los war", schrieb er nur, als er von der Arbeit nach Hause kam.
"Was war denn los?", erkundigte ich mich.
"Ich hatte heute Nachmittag nen Unfall mit dem Auto..."
Ich erschrak. Hoffentlich war nichts Schlimmeres...
"Ist dir was passiert :-O?", fragte ich besorgt.
"Ne..."
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
"Da bin ich aber erleichtert. Ist das Auto kaputt?"
"Ne. Ist hoffentlich nicht ganz so wild..."
"Hoffe ich auch, Schatz", antwortete ich mit einem Kusssmiley. "Trotzdem blöd..."
"Ist mega scheiße."
"Ja... Glaub ich dir -.-. Fühl dich nochmal gedrückt. Was ist denn bei dem Unfall genau passiert?"
"Ne Straße und da war es etwas enger, wie üblich in Stuttgart, und da kam mir so n Transporter entgegen ohne anzuhalten ist er an die Engstelle hingefahren. Ich bin dann etwas nach rechts ausgewichen damit wir nicht aneinander stoßen. Dabei bin rechts an einen parkenden Transporter gekommen. Mit dem Spiegel und dem rechten Kotflügel etwas entlang geschliffen..."
"Oh nein... konntest du schnell feststellen, wem der Transporter gehört?"
"Laut Polizei bin ich ja Schuld, dass ich gegen das parkende Fahrzeug gefahren bin", beschwerte sich Magnus. "Hab ich dir Mal von meinem Kollegen erzählt der mich ständig anfährt ich würde nichts arbeiten?"
"Ja, das ist derselbe wie der mit dem Auto...", erinnerte ich mich. "Was hat der gemacht?"
"Hab ja nen Kollegen der mich seit 2 1/2 Monaten ständig anfährt als fauler Hund und ich würde denn ganzen Tag nur rum stehen und reden und nichts arbeiten... Und deswegen hat er mich auch schon mehrmals angefahren...", erzählte Magnus. "Und heute hat er das wieder gemacht und beim zweiten Mal ist mir der Kragen geplatzt... Da hab ich ihn angeschrien und zwar hab ich da die ganze Abteilung zusammen geschrien. Ich hatte danach fast nen Nervenzusamenbruch... Hab mich aber grad so nochmal gefangen."
"Ach Schatz", meinte ich bedauernd, "ich kann dich vollkommen verstehen... vor allem nach dem, was gestern gelaufen ist... wollte dich eben anrufen und dich fragen, wie es dir geht. Möchte dich beruhigen..."
Es dauerte gut zwanzig Minuten, bis Magnus zurückschrieb.
"Versuch mich grad auszuruhen..."
"Okay, gut. Sorry für meine vielen Anrufe, aber ich hab mir Sorgen gemacht. Hast du Ärger bekommen wegen deines Wutanfalls?"
"Ne hab ich nicht..."
"Zum Glück... ich möchte nicht, dass es dir jeden Tag schlechter geht... jetzt versuch, zur Ruhe zu kommen und nicht mehr dran zu denken", antwortete ich mit einem Kusssmiley.
"Sobald ich dann morgen wieder zum arbeiten muss kommt's eh wieder hoch..."
" -.- Am Wochenende drück ich dich dann dafür ganz fest und kuschel mit dir."
"Das wollte ich dir auch noch sagen, so wie es mir grad geht (Stand heute)... Will und kann ich dir mich nicht zumuten... Möchte auch nicht, dass ich es evtl an dir auslasse."
"Diesbezüglich musst du dir aber keine Sorgen machen, du kannst dich mir auch zumuten, wenn es dir nicht gut geht - denn ich bin dein Freund, und für dich da, auch und gerade wenn es dir besonders schlecht geht", meinte ich mit einem Kusssmiley. "Die Entscheidung, ob du kommen möchtest oder nicht, liegt aber trotzdem ganz bei dir. Ich würde mich jedenfalls sehr über dich freuen."
"Weiß ich..."

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 06 Jul 2018, 22:18

* Kapitel 8 - Fortsetzung *

Magnus fuhr fort: "Ich bin ausgepowert und verkrafte aktuell nicht viel. Ich kann auch nicht Mal sagen wie viel Zeit ich für mich brauche. Was die Zuneigung betrifft, wollte ich z.b. am Dienstag niemanden um mich rum haben. Hab grad eine sehr schwierige Phase..." Er schickte einen weinenden Smiley: "Außerdem fühle ich mich nur daheim wohl und sonst bin ich überall nur ungern."
"Wenn es nicht anders geht, fahre ich auch nach Stuttgart", schlug ich vor. "Ich kann mir vorstellen, dass es dir im Moment nicht so gut geht... und ich überlege oft, was ich denn tun kann, um dich da rauszuholen, auch wenn du sagst, dass ich da nicht viel machen kann. Ist halt jetzt so, das mit der schwierigen Phase... da brauchst du dir selbst auch keine Schuld zu geben."
"Ist vllt besser, wenn du das nicht machst...", entgegnete Magnus. "Ich will nicht, dass es vllt "knallt" ... Bin leicht reizbar aktuell und gleich genervt.... Wegen jedem Scheiß."
"Hmmm... hast du Angst vor unkalkulierbaren Folgen, wenn du ausrastest?"
"Ich kann nicht vorhersehen wie ich drauf bin..."
"Dann ist das halt so...", meinte ich. "Ich werde dich im Fall des Falles schon wieder beruhigen können."
Magnus lehnte ab: "Wie gesagt, ich brauch Zeit für mich und weiß nicht wie viel... Im Moment fühl ich mich nicht einsam." Er ergänzte mehrere traurige Emoticons.
"Ok, gut, das respektiere ich", meinte ich verständnisvoll. "Warum weinst du, Schatz?"
"Weil es mir nicht gut geht... Und ich dich so abweise..."
"Du weißt, dass ich immer für dich da bin, wenn du mich brauchst - und wenn du mal Zeit für dich brauchst, dann ist das einfach so... wenn ich da deinen Wunsch nicht respektieren würde, mach ich nur alles schlimmer. Ich vermiss dich schon, Schatz... aber ist halt dann so", antwortete ich. "Danke, dass du so offen mit mir redest, dann kann ich dich auch verstehen und Lösungswege finden."
"Urlaub ist die Lösung... Ich muss raus aus meinem Alltag", meinte Magnus.
"Ja, das auch - du solltest aber auch Lösungen finden, mit deinem Alltag umzugehen, weil der halt die meiste Zeit des Jahres ausmacht...", gab ich zu bedenken, "das klingt aber jetzt auch einfacher, als es ist...
"Aktuell ist mein Alltag einfach gesagt nur noch Scheiße..."
"Gefällt dir deine Arbeit an sich auch nicht mehr (also selbst, wenn du die Kollegen ausblendest)?"
"Eigentlich schon... Aber diese Leute sind halt einfach da..."
"Hmmm", ich wusste auch nicht so recht, was ich schreiben sollte, "und sie tun dir ja offensichtlich psychisch weh..."
"Das Umfeld ist in Teilen nicht gut für mich. Stell dir mal vor du bist den ganzen Tag mit einer Person in einem Raum, die nu auf den Tod nicht ausstehen kannst und kannst nicht weg."
Ich überlegte lange hin und her.
"Hmmm... :/ Fühlst du dich so an der Arbeit?"
"So ist es jeden Tag... Fühl mich ständig beobachtet und das man mir nachgeht."
"Tut er das denn auch?"
"Teilweise ja..."

Tatsächlich ging es Magnus am darauffolgenden Wochenende so schlecht, dass er nicht zu mir kommen konnte, sondern nur zum Reifenwechseln fuhr, was lediglich fünfzig Kilometer von mir entfernt war. Ich konnte ihn zwar verstehen, war aber dennoch enttäuscht, weil ich extra ein Treffen mit meinem besten Freund Leon arrangiert hatte, den Magnus gern treffen wollte.
"War ja quasi die einzige Möglichkeit vor deinem Urlaub... naja, jetzt mal gucken...", bedauerte ich.
"Damals hatte ich ja auch noch nicht gewusst, das ich so absacken werde und eine so beschissene Woche haben werde...", entschuldigte sich Magnus.
"Ich weiß, Schatz... *seufz* Ich frag mich, ob ich hätte was anders machen können, damit du nicht so abgesackt wärst."
"Aber ehrlich gesagt ist mir das zu viel darüber zu diskutieren *wieso weshalb warum* Vllt... ich hätte da reagieren müssen und dir was sagen sollen... Es war ja so, dass wir uns (fast) jedes Wochenende gesehen hatten seit wir uns kennen. Am Ende war es mir dann zu viel. Zu all dem anderen Zeug dazu ... Ich hab kaum Energie und so viel zu tun in letzter Zeit", meinte Magnus.
"Das hättest du mir ohne Probleme sagen dürfen. Mir ging es nämlich vor unserem letzten Treffen ähnlich - ich hab das nur nicht von mir aus angesprochen, weil ich Angst hatte, dass du das falsch auffassen könntest", erklärte ich. "Ich wollte nicht, dass du das Gefühl bekommst, dass ich dich weniger lieb hätte oder so - aber es war auch für mich anstrengend, jedes Wochenende nahezu komplett verplant zu sein, auch wenn ich de facto nur maximal einen ganzen Tag in Stuttgart war (den Rest brauchte ich ja dann dringend für mich)."
Manuel geriet in Panik, ich konnte es förmlich an den Smileys sehen, die er mir nun schickte. "Und jetzt kommt dass, was ich die ganze Zeit befürchtet habe und versucht habe zu verhindern, es aber nicht geklappt hat. Ich hab einen riesen Berg noch zu erledigen und nur noch ein Wochenende Zeit... Und ich weiß auch ,dass du das nicht hören willst aber ich muss nächstes Wochenende in Stuttgart bleiben und ganz ohne Stress und ohne Plan im Hinterkopf alles erledigen vollends. Sobald Stress oder Druck hinzukommt wird das nämlich nichts mehr."
"Na super...", ich war enttäuscht, weil für dieses Wochenende ebenfalls schon sehr lange ein Treffen ausgemacht worden war.
"Ich lauf aktuell nur noch auf Sparflamme...", entschuldigte sich Magnus.
"Darf ich dich dann wenigstens an einem Tag besuchen kommen?", fragte ich.

* Fortsetzung folgt *

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Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

Beitragvon zwiebelfisch » 07 Jul 2018, 09:20

* Kapitel 8 - Fortsetzung *

"Kann man schon machen... Aber noch nicht sagen, welcher Tag", entgegnete Magnus.
"Ok, dann mal sehen...", meinte ich. "Wirst du es schaffen, dieses Wochenende auch schon etwas von dem Berg zu erledigen, oder geht das grad gar nicht?"
"Wenn ich schon das Chaos in meiner Wohnung sehe, hab ich schon keine Motivation mehr...", bedauerte Magnus und schickte mir mehrere Bilder von seiner Wohnung, auf der aber nur eine leichte Unordnung zu erkennen war. "So oder Mo könnte gehen."
"Ja, sowas dachte ich auch", entgegnete ich. "Wenn ich dir irgendwie beim Sortieren helfen kann, bin ich für dich da."
"Stell dir Mal vor du hast noch *5%* Akku im Smartphone und schaust dir dann n Video auf YouTube an... Was wird wohl passieren?"
"Dann fährt das Smartphone runter", überlegte ich.
"Der Akku ist mein aktuell Zustand und das Video auf YouTube sind die Aufgaben die ich so zu erledigen habe (Arbeit, Ehrenamt, Urlaubsvorbereitungen, Termine nebenher, Beziehung, Wohnung, Hamster,...). So ist mein aktueller Zustand", schrieb Magnus und ergänzte "'Aufgaben' ... Eher die Dinge in meinem Leben die Energie brauchen wie die App."
"Hmmm... ich weiß, Schatz", meinte ich einfühlsam, "ich kann mich da schon reinversetzen... wie stressig ist für dich das denn alles? Bist du recht schnell sehr gestresst?"
"Das alles braucht mehr Energie als ich zur Verfügung habe...bin dann schnell k.o und dann hab ich keinen n Bock zu nix."
"Okay... nachvollziehbar. Lädt der Urlaub denn deinen Akku wieder auf?"
"In der Regel ja... Aber seit nem Jahr wird der einfach nicht mehr ganz voll..."
"Oweh :-/. Ich glaub, du brauchst schon recht dringend professionelle Hilfe..."
"Ich weiß."
"Ach Schatz", seufzte ich schriftlich und fügte einen Kusssmiley hinzu. "Hmmm... wie viel bringt dir da ein Wochenende, an dem du nichts machst?
"Leider nichts... spätestens am Montagmorgen ist alles weg."
"Die Arbeit, dein Chef, die Kollegen...?"
"Genau."
"Wodurch nervt dich dein Chef eigentlich genau?", erkundigte ich mich.
"Jeden Tag n neuer Plan was wir machen sollen."
"Hmmm :/. Also zu viel Durcheinander?"
"Ja..."

Mitten in dieser schwierigen Phase mit Magnus, in der es mir selbst nicht gut ging und ich am Wochenende lange Zeit im Bett lag, sah ich meine Post durch, als mir ein Brief mit handgeschriebener Adresse auffiel. Es war Finns Schrift.

* Fortsetzung folgt *

Re: Hamsterrad mit ganz viel Salz

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