Ehemann

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Zuri
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Ehemann

Beitragvon Zuri » 02 Jun 2019, 14:58

Hi ihr lieben,

ich melde mich mal mit meiner neuen Geschichte, da meine aktuelle, Finding me, fertig geschrieben ist und nur noch getippt und veröffentlicht werden muss.

In "Ehemann" geht es diesmal erstmals um etwas, das ich selbst so erlebt habe. Wenn also der Protagonist dumme oder unlogische Sachen macht, dann nicht, weil der Autor schlecht ist, sondern weil ich das wirklich so gemacht habe, was zwar immer noch dumm und unlogisch ist, aber wir können nicht immer aus unserer Haut.

Mich würde auch interessieren, ob ihr einmal etwas ähnliches erlebt habt. Also scheut euch nicht, in den Kommentaren zu berichten oder über die nachfolgenden Kapitel zu spekulieren.

Die Namen der Charaktere sind verändert, aber alle existieren wirklich und manche sogar hier auf Boypoint.

Viel Spaß!



Ehemann
Part 1
Hochzeit

Es gibt zwei Arten von Hochzeiten. Meine war keine davon.
Kennt ihr das, wenn Kinder im Kindergarten heiraten? Danach ändert sich nichts. Man mag sich schon irgendwie, aber eben auch nur irgendwie. Man macht nur die Erwachsenen nach — aus Spaß halt.
Wenn Erwachsene heiraten, dann will man meistens wirklich zusammen bleiben. Es gibt Steuererleichterungen und man wird als eine Einheit wahrgenommen.

Meine Hochzeit war keine von diesen. Sie war eine Mischung aus beiden.
Hierzu muss ich euch Mark vorstellen. Wenn man Mark in einem Wort beschreiben will, dann ist es 'verrückt' — denn so wollte er auf andere wirken. Vielleicht trennte er so die Spreu vom Weizen. Wahrscheinlich war das eine Art Selbstschutz bei ihm. Wenn man ihn besser kennt, kann man hinter diese Fassade blicken und sieht dort einen tollen Menschen, mit dem ich gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen und bis heute befreundet bin. Mark hatte die Angewohnheit, Leute aus der Instant-Messenger-Gruppe, in der wir uns beide befanden, zu 'heiraten' und mit einem ebenso fiktiven Ehevertrag alle Rechte abzusprechen, sodass sie sein Eigentum wurden  — das war sein Humor. Auch ich war mit ihm verheiratet. Geschieden sind wir bis heute nicht, da es dazu bisher keinen Anlass gab. Wir alle nahmen das nicht wirklich ernst.

Eines Tages stelle mir Mark Colin vor. Colin ging in Marks Klasse und war laut Mark wie ich aromantisch. Später sollte sich herausstellen, dass er nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte und ich einfach generell keine.
Wir kamen also ins Gespräch und wir ließen Colin meinen Benutzernamen aus dem Forum, aus dem ich Mark kannte, raten. Er riet falsch und anstatt ihm das mitzuteilen, frage ich ihn: "Wollen Sie die Antwort einloggen? Sie haben noch drei Ihrer vier Joker."
Woraufhin er antwortete: "Ja, ich will!"
Ohne das vorher geplant zu haben, sehr wohl jedoch um ihn zu necken, fragte ich ihn: "Willst du mich etwa heiraten? Du antwortest ja, ohne gefragt worden zu sein."
Darauf entgegnete er nur: "Gleich biste in einer glücklichen Ehe."
Er kannte mich gerade mal einen Tag lang und schwul schien er auch nicht zu sein, auch wenn Mark ihm das immer wieder unterstellte — das war sein Humor. Aber Colin versicherte mir, er sei sich bei mir sicher.

Von da an nannten wir uns gegenseitig 'Ehemann'.
Meine Hochzeit war keine von diesen beiden Arten. Sie war eine Mischung aus beiden.
"Sei du selbst. Alles andere wirst du eh verkacken" — Marie Meimberg

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Re: Ehemann

Beitragvon Matti » 06 Jun 2019, 20:13

Geschichten auf wahrer Begebenheit :flag: klasse
Und Leute mit dem Humor von Colin bzw wenn man da auf einer Ebene ist (einen an der Klatsche hat) ist das immer lustig was da so bei raus kommt :D
Meine Erlaubniss weiter zu schreiben hast du
Da es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 06 Jun 2019, 21:10

Jopp, ich weiß nicht, ob mir Geschichten, die auf einer wahren Begebenheit basieren, besser oder gleich gut wie fiktive liegen. Na, das werden wir ja nun herausfinden :D

Na ja, eigentlich ist Mark der durchgeknallte (positiv gemeint :D) und Colin der ungeoute Schwule, der zumindest auf die Idee kommt, jemand unbekannten zu heiraten.

Danke für die Erlaubnis! :D Das nächste Kapitel ist bereits getippt und wird in den nächsten Tagen kommen ;-)
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Re: Ehemann

Beitragvon Matti » 07 Jun 2019, 00:57

:cry: in ein paar Tagen erst? :disappear:
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 07 Jun 2019, 16:35

Ich muss die darauffolgenden Teile ja noch tippen und editieren. Sonst hab ich nichts mehr in der Pipeline und dann habe ich eine große statt mehrere kleinere Lücken.

Schreiben wollte ich die Geschichte übrigens schon während sie noch passierte. Damals war Colin auch damit einverstanden. Aber ich hatte damals noch nicht die Idee, wie die Geschichte aussehen sollte. Vor einiger Zeit sorgte ein Gespräch auf Twitter dafür, dass ich mich entschied, dass jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen war und ich war Feuer und Flamme: Ich hatte eigentlich nur beiläufig auf eine allgemeine Frage auf unschöne Aussagen von (Ex-)Partnern geantwortet. Auf eine Rückfrage erklärte ich die Situation. Doch jemand wollte mehr Details und zeigte sich interessiert. So beschrieb ich diese Geschichte auf die Schlüsselsituationen zusammengefasst in mehreren Tweets. Die Resonanz war überraschend interessiert und positiv. Das weckte dann den Wunsch und die Motivation, das Ganze als Geschichte zu erzählen.
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Re: Ehemann

Beitragvon Matti » 07 Jun 2019, 22:17

Kein Stress :flag: ich bin froh das ihr euch die Arbeit macht und ich es lesen darf.
Nimm mich einfach nicht ernst wenn ich sowas schreibe :roll:
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 08 Jun 2019, 04:46

Ihr? Colin schreibt an der Geschichte nicht mit ;-)



Ehemann
Part 2
Coming-out

Wenn ich an mein Coming-out zurückdenke, fallen mir da ein paar Eckdaten ein:
Ich outete mich an meinem 18. Geburtstag bei meinen Eltern. In den Wochen zuvor hatte ich mich bereits bei meinen Brüdern, meiner Tante und meiner Oma geoutet. Aber bei meinen Eltern war das anders: Auch wenn sie generell tolerant waren, fiel es mir unglaublich schwer, es ihnen zu sagen. Dass ich schwul bin, weiß ich seitdem ich zwölf oder dreizehn bin, aber bis dahin hatte ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, mich zu outen. Also hatte ich zu dieser Entscheidung fünf Jahre gebraucht. Man kann natürlich argumentieren, dass gar keine Notwendigkeit zu einem Coming-out besteht, weil auch Heteros sich nicht outen. Aber das kann man auch nicht wirklich vergleichen. Es gibt in Amerika eine Organisation namens 'SpeakOUT', die freiwillige Redner zu LGBT*Themen an Schulen und sonst wo, wo man ihnen zuhört, schickt. Eine Übung, die man dort mit Schülergruppen durchführt, geht folgendermaßen: Jeder Schüler überlegt sich drei wichtige Eigenschaften von sich selbst und begibt sich dann in eine Gruppe, in welcher er sich mit den anderen unterhält, ohne jedoch diese drei Eigenschaften zu erwähnen. Ziel der Übung ist es, zu zeigen, wie schwierig es ist, einen Teil seiner selbst zu verbergen. Und das war auch für mich ein Grund für mein Coming-out: Ich hatte meine sexuelle Orientierung von Anfang an akzeptiert und mit Homophobie selbst bisher keine Berührung gehabt. Dennoch war die Heteronormativität in so vielen kleinen alltäglichen Aussagen so himmelschreiend inkorrekt in meinem Fall. Frage wie "Hast du eine Freundin?" stellten einen automatisch vor die Wahl, entweder pauschal zu verneinen, da es aller Voraussicht nach nie einen weiblichen Partner geben würde, zu verneinen, aber den Anschein zu erwecken, dass sich das jederzeit ändern könne oder aber sich spontan zu outen. Mittlerweile ist es kein Problem für mich "Nein, und wenn dann wäre es ein Freund" zu antworten, aber damals hieß das, dass jemand anderes den Zeitpunkt meines Coming-outs festlegte und so entschied ich mich für die Flucht nach vorn: Ich outete mich. Ich outete mich an meinem achtzehnten Geburtstag.



Mark und ich mussten uns nicht beim jeweils anderen outen, da wir uns in einem Schwulenforum kennengelernt hatten und so stand diese Eigenschaft schon von Anfang an fest.
Am Tag nach meiner überraschenden Hochzeit schrieb Colin weiter in der Gruppe. Diesmal druckste er herum und eröffnete uns, dass er uns etwas Wichtiges mitteilen wolle. Er war auf einmal nicht mehr so sicher, wie er anfangen sollte. All die gestrige Sicherheit, die er bei der Partnerwahl gezeigt hatte, schien ihm hier gänzlich zu fehlen. In einer Sache war er allerdings offensichtlich sicher: Er wollte es uns mitteilen. Er wollte uns etwas mitteilen, was er anscheinend noch keinem anderen Menschen oder zumindest nur einem sehr nur sehr kleinen Kreis, dem er vertraute, erzählt hatte. Also vertraute er nicht nur mir, dass ich ein guter Ehemann sein würde, sondern er vertraute uns auch generell. So stark, dass er uns etwas mitteilen wollte, was ihm augenscheinlich starke Probleme bereitete zu benennen.
Die sichere Umgebung schien ihm schließlich die Selbstsicherheit zu geben, die er brauchte. "Ich bin schwul", platzte es aus ihm heraus.



Schließlich erklärte er, wie dieser Stein überhaupt ins Rollen gekommen war:
In der Schule hatte Mark ihn immer wieder damit aufgezogen, dass Colin ja schwul sein müsse. Genau gewusst, dass er damit ins Schwarze traf, hatte Mark nicht — es war zum Teil Spaß und zum anderen Teil eine bloße Vermutung gewesen, die genauso gut Wunschdenken hätte sein können. Irgendwann war es Colin so unangenehm gewesen, dass er Mark darauf ansprach und ihn bat, diese Scherze zu lassen, da er damit recht habe. Überrascht und erfreut, richtig gelegen zu haben— denn einen Schwulen bloßzustellen war definitiv nicht seine Intention gewesen —, reduzierte Mark nun die Anspielungen, da eine völlige Einstellung der Neckereien für ihn zu auffällig hätte sein können.

1:0 für Marks Gaydar. Und eine Antwort auf meine Frage, warum ein Hetero einen Schwulen heiraten wollte.
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Re: Ehemann

Beitragvon Quianye » 08 Jun 2019, 07:20

Wünschte mein Gaydar würde nur annähernd so gut funktionieren. :wink: Freu mich auf den nächsten Teil :flag:
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 08 Jun 2019, 07:30

Meines war da auch nicht so gut, langsam funktioniert es zumindest einigermaßen :D

Na ja, ich kann das ja mal an Mark so weitergeben, dass du sein Gaydar bewunderst ;-)

Nächster Teil ist in Arbeit, aber es werden dafür auch wieder ein paar Tage vergehen ;-)
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 16 Jun 2019, 15:08

Endlich! Der dritte Part für euch ist JETZT online! Viel Spaß beim Lesen ;-)



Ehemann
Part 3
Friendcrush

Dennoch war Sympathie eigentlich nicht der Grund, überstürzt eine Ehe einzugehen. Nichtsdestotrotz hatte das Wort 'Ehemann' eine Bedeutung für mich: Freundschaft und eine Art Verbundenheit. Wir gingen schließlich dazu über, auch privat zu schreiben und zu skypen. Einmal — es war noch sehr am Anfang unserer Bekanntschaft und damit unserer Ehe — erzählte ich ihm von einem Treffen am vergangenen Wochenende mit zwei Freunden aus einer anderen Gruppe: Mark und Leander. Ich hatte ursprünglich gar nicht zusagen wollen, da ich zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt komplett pleite war, doch schließlich überredeten mich beide, dennoch zu kommen. Über die Finanzierung solle ich mir keine Gedanken machen — das bekämen wir schon hin.

"Dass Mark nachher sagt, dass ihm das Wochenende gefallen hat, so hab ihn eingeschätzt", teilte ich Colin meine Gedanken mit, "aber bei Leander war ich überrascht. Er ist eher ruhiger und beherrschter als Mark und ich hätte gedacht, dass das für ihn nichts Besonderes sei."
"Hat es dir denn gefallen?"
"Ja."
"Das ist doch alles, was zählt. Dann freu dich doch darüber", gab er mir den Rat.
"Es gab da noch zwei Sachen, die komisch waren", fuhr ich fort. "Zum einen hielt ich mich bei Entscheidungen wie dem Essen, wofür wir einkaufen waren, zurück, da ich nicht das geringste beisteuern konnte — es ist ohnehin schon ein blödes Gefühl, jemandem auf der Tasche zu liegen."
"Das kenne ich leider nur zu gut", bemerkte Colin.
Seine Mutter war alleinerziehend und Aufstockerin. Colin hatte noch zwei Geschwister: Eine ein Jahr jüngere Schwester, mit der er ein Zimmer teilte und einen kleinen Bruder. Seitdem Colin vierzehn war, trug er Zeitung aus, um Taschengeld zu haben. Manchmal half ihm seine Schwester dabei.
"Die andere Sache", nahm ich das Gespräch wieder auf, "schwirrt mir aber viel mehr im Kopf herum: Es gab da so eine Situation als Leander und ich bei ihm an der Küchenarbeitsplatte lehnten und Mark zuschauten, wie dieser Leanders Geburtstagstorte kreierte. Das war eine dieser Situationen, in denen es wirkte, als sei Mark ein Kind, das wir gemeinsam betreuten und wir beide das Kind uns seine Marotten und Gewieftheiten kannten. Mark ist nicht wirklich kindisch, aber seine Aufgedrehtheit und sein Humor lassen ihn manchmal so wirken.

Während Mark mit der Torte beschäftigt war, unterhielt sich Leander ganz entspannt mit mir. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll: Es wirkte wie eine Männerfreundschaft mit Leander — also männlich, aber weder machomäßig noch irgendwie sexistisch, einfach nur passend. Dann schaute mich Leander auf einmal durchdringend an. Lange. Ich konnte seinem Blick nicht standhalten.
"Ja, so lange Blickkontakt halten, ist tatsächlich schwierig", pflichtete mir Colin bei.
"Ich hab mich die ganze Zeit gefragt", fuhr ich fort, da es mir im Moment zu sehr im Kopf herumschwirrte, als dass ich Colin groß zu Wort kommen ließ, "worüber denkt er gerade nach? Was sieht er? Was denkt er darüber?"
Diesmal kommentierte Colin nicht und ließ mich weitersprechen.
"Ich hab Mark schon davon erzählt und das ist auch der Grund, wie du vielleicht verstehst, warum ich das nicht in der Gruppe mit Leander ansprechen konnte, sondern dir lieber privat geschrieben habe. Denn ich hatte mich zuvor gefragt, ob ich vielleicht in Leander verliebt sei. Allerdings kam ich zu dem Schluss, dass ich ihn als Kumpel einfach nur sehr gern hatte.
In dem Moment hab ich aber gedacht, er könne das in mir lesen oder an meinem Verhalten oder meiner Mimik sehen."
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 27 Jun 2019, 23:07

So, das Editieren von "Finding me" hat etwas Zeit in Anspruch genommen und mit Part vier von "Ehemann" war ich die ganze Zeit nicht so recht zufrieden, da ich vorher mal was im Kopf hatte, was ich einarbeiten wollte, aber es nun vergessen habe. Ich hoffe, euch gefällt dieser Part trotzdem, auch wenn er etwas ruhiger ist :)



Ehemann
Part 4

Gemeinsamkeiten

Es war Freitagabend. Colin und ich hatten in den letzten Tagen jeden Abend miteinander geschrieben. Er hatte sich gerade für einen Moment entschuldigt und kam kurz darauf mit einer Schale Haferflocken zurück.
"Du isst auch Haferflocken?", fragte ich. "Also kein gekauftes Müsli, sondern frisch und selbst gemacht. Darum nenne ich es Haferflocken und nicht Müsli. Um das zu unterscheiden."
"Klar, ist doch voll lecker. Ja, viele nennen das Müsli. Mach ich aber auch nicht."

Im weiteren Verlauf des Gesprächs erkundigte er sich auf einmal etwas besorgt: "Ich hoffe, ich halte dich nicht von irgendwas ab."
Ich verneinte und fragte, wie er darauf komme.
"Es ist Freitagabend", entgegnete er.
"Ja, und?", erwiderte ich. Was soll da schon sein?"
"Okay, hab nur immer das Gefühl, dass ich bei irgendwas störe oder jemanden aufhalte", erklärte er.
"Bei mir?"
"Nein, generell. Ist auch mehr eine Macke von mir. Du hast mir also nicht das Gefühl oder so gegeben."
"Das kenne ich", eröffnete ich ihm. "Ich hab auch das auch ständig. Na ja, ich muss jetzt aber nicht bei jeder Eigenschaft 'Ich auch!' schreien."
"Ich denke halt manchmal, ich bin nervig"
"Da musst du dir bei mir keine Sorgen machen", beruhigte ich ihn.
"Ich kann manchmal schon nervig sein", erzählte er. "Einige Eigenschaften von mir wirken auf andere schon seltsam."

Das typische Geräusch einer neuen Nachricht ertönte und mir fiel auf, dass wir uns ein paar Minuten lang angeschwiegen hatten. Es war ein YouTube-Link zu einem Musikvideo von 'Wincent Weiss — Musik sein'. Ihn kannte ich zu dem Zeitpunkt nicht und auch seine Musik gefiel mir nach dem ersten Hören nicht besonders.



Mark hatte noch eine besondere Eigenschaft. Er weigerte sich, meinen Spitznamen so auszusprechen, wie alle anderen das taten. Anstatt mich Sammi zu nennen, nannte er mich Sami. Er meinte, dass ja auch in Samuel nur ein M vorkäme und dass die Kurzform dann auch nur aus einem bestehen dürfe. Ich führte daraufhin an, dass der Spitzname so an Sami Slimani erinnere und mir das nicht so lieb sei. Außerdem hatte mein Bruder angefangen mich so zu nennen und war demnach der Erfinder des Spitznamens, der diese Schreibweise und Aussprache bestimmt hatte. Aber Mark ignorierte mich geflissentlich und ich gab es irgendwann auf. Es gab ja auch noch einen Sami, der mit seiner Halbschwester Samira zusammen Musik machte und bei einer Castingshow im Fernsehen aufgetreten war. Das passte schon eher. Nicht im Musikalischen — da war ich eine Niete — aber die Sympathie war da schon etwas größer.

"Hey, Sami"
Wir skypten gerade. Aber anstatt wie sonst über Alltäglichkeiten oder das Forum wie sonst zu sprechen, kam Mark nach einem kurzen Wortwechsel auf das Thema zu sprechen, welches ihm offenbar eigentlich auf der Seele brannte.
"Und?", fragte er.
"Was und?" Ich hatte keinen blassen Schimmer, worauf Mark überhaupt hinaus wollte — geschweige denn, was ihn daran so brennend interessierte. Zumal es in meinem Leben gerade wirklich nichts Spannendes zu berichten gab.
"Du und Colin?"
Ich wusste zwar immer noch nicht wirklich, was er meinte, also riet ich ins Blaue, einer vagen Vermutung folgend: "Ob wir zusammen sind? Nein, warum?"
"Wir arbeiten daran", war die Antwort, die ich nun häufiger hören würde und was eine von Marks Catchphrases war.

Ich zog eine Augenbraue hoch, was Mark wahrscheinlich nicht sah, da wir zwar die Videoübertragung aktiviert hatten, aber nur gelegentlich das entsprechende Fenster öffneten und den Rest der Zeit etwas nebenbei machten.
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 15 Jul 2019, 15:47

Für die, die sich jetzt gelangweilt haben: Das Warten hat ein Ende und es wird endlich spannend! Wir steuern geradewegs auf den ersten Klimax in wenigen Kapiteln zu. Ich nehme euch, meine lieben Leser zu einem fiktiven Sommerurlaub mit. Viel Spaß!

In fast jedem Kapitel verstecken sich Foreshadowing, Metapher und sogenannte Motive (also immer wiederkehrende Dinge). Ihr könnt gerne kommentieren, wenn sie euch auffallen und Vermutungen anstellen, was sie bedeuten und wie sie zusammenhängen ;-)



Ehemann
Part 5

Das erste Mal

Nachdem ich Mark nun schon im Real Life kannte, machten wir aus, dass er mit Colin für eine Woche nach Hamburg kommen würde. Da ich in meiner damaligen WG keinen Übernachtungsbesuch empfangen durfte, suchten die beiden eine Unterkunft auf AirBnB. Mark achtete darauf, dass ihre Vermieter ein schwules Paar waren.
Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber oftmals, wenn ich jemanden das erste Mal im Real Life treffe, dann lerne ich diese Person von einer anderen Seite kennen und entdecke noch andere Eigenschaften — kurzum: Die Person ist etwas anders als ich sie mir vorgestellt habe. Mark kannte ich ja schon — der fiel mir sofort stürmisch um den Hals — das war im Freundeskreis, den ich um ihn kannte, so üblich und seitdem ich zu diesem gehörte, hatte ich Umarmungen ehrlich gesagt zu schätzen gelernt, da ich das vorher unter Freunden nicht kannte, zumal ich davon auch in der Vergangenheit kaum welche hatte. Ich finde, es hat schon ein bisschen was Besonderes, wenn man sich das erste Mal trifft und — wenn man es tut — sich das erste Mal umarmt.
Bei Colin war es so. Bei ihm hatte ich das Gefühl, als sei er exakt so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Und irgendwie kam es mir so vor, als würden wir uns schon ewig kennen.

Wir gingen nach dem gemeinsamen Frühstück vom Hauptbahnhof in die Innenstadt und setzten uns an die Alster. Colin hatte uns beiden von seinem Besuch in den Niederlanden ein Aloe-Vera-Getränk mitgebracht. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nie in den Niederlanden gewesen. Er reichte es mir, ich trank einen Schluck und stellte die Flasche neben mich.
Bedingt durch meine Sozialphobie benötige ich für vieles eine doppelte Bestätigung, traue mich aber nicht zu fragen — ein schönes Schlamassel. Die Frage, die mir gerade im Kopf herumschwirrte, war: Hat er mir jetzt die ganze Flasche mitgebracht oder sollte ich nur einen Schluck probieren? Es klingt lächerlich und das war es sicherlich auch. Die Frage hätte ich mir einfach selbst beantworten können. Ich wollte ihn fragen, um die quälende Frage loszuwerden, aber mein Mund gehorchte mir nicht. Es kam noch hinzu, dass ich nicht wie ein Trottel dastehen wollte. Also blieb die Flasche neben mir stehen, ohne dass ich einen weiteren Schluck davon trank.

Da Herumsitzen irgendwann auch hungrig macht, begaben wir uns nach einiger Zeit auf die Suche nach etwas Essbaren. Nach kurzer Suche wurden wir fündig und ließen uns bei einer Pizzeria nieder. Während Mark sehr schnell wusste, was er bestellen wollte, konnten Colin und ich uns nicht entscheiden.
"Ich hab eigentlich keinen großen Hunger", murmelte Colin vor sich hin, während seine Augen seinem Zeigefinger folgten, wie dieser über die Speisekarte fuhr. Ich gab vor, ebenfalls keinen allzu großen Hunger zu haben, da ich geizig war und selten auswärts essen ging.
"Sonst können wir uns auch eine Pizza teilen", schlug Colin vor, was ich annahm.
Irgendwie entstand vor meinem geistigen Auge die Vorstellung, dass wir von einem Teller essen müssten, da wir eine Pizza plus zweimal Besteck bestellt hatten. Und irgendwie fand ich die Vorstellung verlockend. Nicht etwa, weil ich mir ein romantisches Dinner mit Colin wünschte, sondern weil mich der Gedanke reizte, auch als Ehemänner aufzutreten. In dem Augenblick wurde mir noch einmal bewusst, welche Wichtigkeit dieser Begriff für mich scheinbar hatte.
Zu meiner Enttäuschung brachte der Kellner zwei Teller mit zwei halben Pizzen.
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Re: Ehemann

Beitragvon Matti » 15 Jul 2019, 20:25

Da fiel mir grad wieder die kleine Pizzeria in Hamburg ein in der ich vor 2 Wochen war.
Die Inhaber hätten so wie sie waren auch vom Filmset, "der Pate" kommen können. :D
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Re: Ehemann

Beitragvon Zuri » 15 Jul 2019, 20:51

Okay, das war dann doch etwas anders bei uns :D Hast du denn ein Angebot bekommen, das du nicht ablehnen konntest?

Warst du da alleine oder mit jemandem zusammen?

Die Pizzaria damals war in der Spitaler Straße.
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Re: Ehemann

Beitragvon Matti » 15 Jul 2019, 23:01

:D hätt fast gepasst, ist etwa 1 km entfernt.
Es wurd mir nur das Tagesangebot unterbreitet welches ich aber zum glück ungeschoren ablehnen konnte 8)
Pizza mit Spargel :x
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Re: Ehemann

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