Die Maschine

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Amon
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Die Maschine

Beitragvon Amon » 24 Sep 2012, 22:38

(Hallo Jungs,

hier der erste Teil einer längeren Geschichte, von der ich hoffe, dass sie zumindest einigen von euch gefallen wird. Vorab aber noch drei Dinge zur Einstimmung oder Warnung:
1) Es wird eine lange Geschichte, und es wird auch noch ein bisschen dauern, bis sie richtig „schwul“ wird. Man braucht also ein bisschen Geduld (auch mit dem Erzähler, dessen Stil sich mit der Zeit hoffentlich verbessern wird.)
2) Ich kann nicht versprechen, dass ich die Geschichte gut zu Ende bringe.
3) Die Menschen in der Geschichte (auch der Erzähler) sind keine guten Vorbilder, auch wenn sie manchmal harmlos oder sogar sympathisch erscheinen.
Ich freue mich über Feedback und bitte sagt mir gleich Bescheid, wenn ihr glaubt, dass ich an eine Grenze komme, was Gewalt, Sex oder Schimpfwörter angeht.

Dann also viel Spaß,
euer Amon)


---



[1] Mein blaues Auge

Meine Mutter fragte, ob ich mich geprügelt habe. – Allerdings. Ganz altmodisch, mit ein paar Beschimpfungen und einem ordentlichen Grund. Aber davon erzählte ich ihr nichts, weil meine Mutter eine andere Auffassung von den Dingen hat und ich nicht gerne eine Beschreibung dessen, was ich tue, aus ihrem Mund höre. Da klingt das alles ziemlich dumm. Das, was ich tue, klingt dumm, als würde es ein Idiot machen oder ein kleines Kind und überhaupt wird die ganze Welt nach Kriterien beurteilt, mit denen ich nicht einverstanden bin.

Dass ich sie so enttäuschen muss und mich mit anderen prügle, sagte sie, aber ich sagte, und blutete dabei aus der Nase ins Waschbecken, dass ich nicht verstehe, wie sie das meint, denn dass ich mich geprügelt habe, kann sie gar nicht wissen, weil sie nur sieht, dass mir einer ordentlich in die Fresse geschlagen hat und da kann in Bezug auf mich überhaupt noch nicht die Rede davon sein, dass ich auch nur irgendetwas getan habe. Darüber hat sie sich sehr aufgeregt. Fast den ganzen Abend, denn immerhin bin ich ein lieber Junge und vor allem IHR lieber Junge und da kann es nicht angehen, dass ich mich in Gewalttaten verstricke und vor allem nicht, dass ich das Wort „Fresse“ gebrauche. Ich glaube aber, sie hat sich vor allem darüber geärgert, dass ich beim Aufsperren auf die Fußmatte geblutet habe.

Mein rechtes Auge war blau und zugeschwollen; das fand ich gut und es sah wirklich nicht schlecht aus, vor allem, weil auch meine Lippe und die Wange ein bisschen beschädigt waren, so dass ich eine richtige Knastschnauze hatte. Besonders in der Schule hat mir das gefallen. Ich tat so als wäre nichts und freute mich insgeheim über die Blödheit der Erwachsenen, die ernsthaft zu glauben schienen, sie seien der einzige Mensch, dem ich so bislang unter die Augen gekommen war, weshalb sie sich veranlasst fühlten, allerlei dazu zu sagen. Meine Klassenkameraden sagten auch etwas dazu, aber das ist ihr gutes Recht, denn immerhin müssen wir alle zusammen verstehen, was es heißt, in eine Welt und in einen Körper hineinzuwachsen. Zumindest theoretisch finde ich das. Praktisch gesehen, ist es leider so, dass ich nicht so viel erlebe und Freunde habe ich auch keine oder zumindest so gut wie keine. Es ist nicht wirklich meine Schuld. Als ich klein war, hatte ich viele Freunde und es hat Spaß gemacht, am Leben zu sein, aber dann habe ich irgendwann nicht mehr richtig dazu gehört und habe auch nicht mehr dazugehören wollen. Die kleinen Jungen, die ich kannte, und die so waren, wie ich, denen ich in die Augen schauen konnte, waren auf einmal größer und lauter geworden und um einen halben Kopf dümmer. An der Bushaltestelle haben sie auf den Boden gespuckt, als ob sie Fußballspieler im Stadion wären, und sie haben angefangen heimlich zu rauchen, als wäre auch nur irgendetwas daran gut. Sie haben angefangen vom Ficken zu reden und von den Haaren die ihnen am Hoden wachsen und Anstand, Höflichkeit und gutes Deutsch, und was mir meine Eltern sonst noch beigebracht hatten, war nicht mehr gefragt. Ich hätte natürlich auch so tun können, als würde ich dazu gehören und ich hätte lügen können, was meine Schamhaare angeht, aber ich brachte es doch nicht fertig und lieber war es mir, allein und ein wenig traurig zu sein und meine Ruhe zu haben, anstatt so zu tun, als wäre ich jemand anderes, der ich nicht bin und den ich selbst nicht hätte leiden könnte, wenn ich ihn kennen würde. Und anstatt also ein Junge zu sein, der behauptet, er wäre ein Mann und sich benimmt wie ein Arschloch, war ich viel eher gar nichts. Meine Stimme war die eines kleinen Mädchens und sehr viel stärker war ich auch nicht. So war das seit zwei Jahren.

Und jetzt war meine Stimme immer noch nicht viel tiefer, aber immerhin hatte ich ein blaues Auge und sah aus, wie ein Schwerverbrecher. Es hat mir gefallen, im Mittelpunkt zu stehen. Sonst kommt das auch manchmal vor, aber dann ist es mir unangenehm. Zum Beispiel, wenn ich den besten Deutschaufsatz geschrieben habe und ihn der Lehrer laut als gutes Beispiel vorliest. Ich höre dann in der Stille im Klassenzimmer, wie die anderen das Messer wetzen (bildlich gesprochen) und in der Pause kommen sie dann, oder auch erst eine Woche später und stoßen es mir in den Rücken. Sie stupsen mich an, wenn ich in der Sportumkleide meine Turnschuhe anziehe und auf einem Bein stehe und wenn ich dann am Boden liege, sagen sie, dass ich ein Spast bin. Einmal habe ich Korbinian, der seinem Vater Pornohefte klaut, gesagt, dass er mich gerne beschimpfen kann, aber es wäre mir lieber, wenn er Arschloch oder Wichser zu mir sagt, weil SPASTIKER ein Fachbegriff für Menschen mit einer bestimmten Behinderung ist und deshalb gehört sich das nicht. Korbinian hat gesagt, WICHSER ist auch nur ein Fachbegriff für Menschen mit einem bestimmten Hobby. Seitdem nennt er mich nicht mehr SPAST, sondern STEPHEN HAWKING.

Dann kam ich also in die Schule mit meinem blauen Auge und Korbinian fragte, ob ich abends im Bett lese. Ich sagte ihm, dass das schon manchmal so ist. Das war ein Fehler, am besten nämlich ist es, mit Korbinian gar nicht erst zu reden. Er sagte, dass er sich das schon gedacht hat:
„Und dann bist du eingeschlafen“, sagte er, „und das Lexikon ist dir aufs Gesicht gefallen.“
Ich sagte nichts darauf und tat so, als ob nichts wäre und da hat es ihm doch leidgetan und ein wenig genervt meinte er, es sei doch nur ein Witz gewesen und er sagte meinen Namen und fragte – und dabei klang er wirklich besorgt – was denn mit mir sei und ob ich ein Problem habe.
„Nein.“, sagte ich. „Ich habe mein Problem gelöst. Das war los.“ Dann ließ ich ihn stehen und ging zu meinem Pult.
„Gewalt ist keine Lösung.“, rief er mir nach.

Das hatte ich schon ein paar Mal am Abend zuvor von meinen Eltern gehört und von den Lehrern hörte ich es auch noch ein paar Mal. Es gibt eben immer ein paar Sätze die ein jeder Pädagoge, oder jeder über zwanzig immer wieder vor sich hinsagt. Und sie sagen diese Sätze so, als wären sie mehr, als eine bloße Dummheit. Sie tun so, als wären sie besorgt, aber in Wirklichkeit wollen sie einen demütigen und ihre Überlegenheit herausstellen. Insgeheim freuen sich die Lehrer, wenn es ihrem Musterschüler schlecht geht, weil sie so tun können, als ob sie etwas für einen täten und Verständnis Zeigen und Zuhören (diese beiden Patentrezepte jedes guten Pädagogen) kosten einen nichts und machen doch ein gutes Gefühl im Magen, fast wie ein gutes Essen, von dem man nicht zunimmt. Hat es sie die letzten beiden Jahre interessiert, ob Korbinian „Spastiker“ zu mir sagt? Hat sie überhaupt interessiert, was mit mir passiert ist? Und falls ja, hätten sie überhaupt auch nur irgendetwas daran ändern können? Manche riefen mich nach der Stunde zu sich, manche machten ihre Scherze (um mich dann doch ernsthaft und besorgt zu fragen, ob alles in Ordnung sei, vor allem auch zuhause).

Am schlimmsten war es mit Kleiber, unserem Geschichtslehrer, der sich für einen besonders moralischen Menschen hält, weil er alles über die Nazis weiß. Er passte mich nach der Schule an unserem Klassenzimmer ab, als ich, wie alle, nach Hause gehen wollte, obwohl wir ihn schon in der dritten Stunde gehabt hatten, wo er nicht viel gesagt hatte. Allenfalls hatte er ein paar Mal gerufen: „was ist denn mit dir passiert!“ und „geht’s dir gut?“ als er mein Auge zuerst gesehen hatte, aber etwas Pädagogisches hatte er nicht gesagt, sondern er hatte mich nur immer wieder gedankenverloren angestarrt und Christian, der neben mir saß, meinte: "Wenn er nachher mit dir redet, legt er dir bestimmt die Hand aufs Knie." Da hatte Kleiber also bis zum Schulende gewartet, um sich mit mir auch ganz in aller Ruhe auszusprechen, wobei er mir die Hand aber nicht aufs Knie legte, sondern auf den Unterarm, weil wir nicht nebeneinander saßen, sondern am Lehrerpult gegenüber. Viel Neues hörte ich nicht von ihm, nur dass man hier in einer Gemeinschaft aufeinander Acht gibt und er wird nicht wegschauen, sondern auf die Zeichen achten, wenn einer zum Opfer wird. Ich fand es ein bisschen kränkend, dass ein jeder in mir den sah, den es zu beschützen galt und keiner den Helden, der aus der Schlacht seine Verletzung als Orden mitnimmt, also grinste ich ihn nur frech an, soweit das eben mit meinem beschädigten Gesicht möglich war und gab zu bedenken, dass es nun wirklich Wichtigeres auf der Welt gibt, als mein blaues Auge und dass er mir vertrauen kann, dass es keinen Grund zur Sorge gibt.
„Können Sie mir vertrauen, Herr Kleiber?“, sagte ich und es blieb ihm nichts anderes übrig, als „ja“ zu sagen. Vertrauen ist eine Pädagogen-Tugend zweiten Ranges, weil sie etwas kostet.
Er sagte noch etwas über Zivilcourage und dann hatte ich meine Ruhe.

Meine Mutter hatte mir verboten, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, weil das bei meiner eingeschränkten Sicht zu gefährlich war. Gleichzeitig sollte ich aber auch nicht mit dem Bus fahren, sondern sie hatte sich den Nachmittag frei genommen und holte mich mit dem Auto ab. Während ich mir auf dem Beifahrersitz Mühe gab, ein Gespräch zu vermeiden, dachte ich zugleich ein wenig angewidert über die Erwachsenen nach, und ihre gnadenlose Wichtigtuerei. Sie alle sagten Dummheiten und noch dazu dieselben Dummheiten. Ich fürchte mich aber nicht davor, selbst eines Tages erwachsen zu sein, weil ich dann klug genug sein werde, kein solcher Dummkopf zu sein. Ich bin sehr zuversichtlich und habe auch Grund dazu, weil ich auch jetzt schon klüger bin als manche Erwachsene und auf jeden Fall klüger als meine Mitschüler. Selbst Korbinian hatte es gesagt: Gewalt ist keine Lösung. Und er hatte es besorgt gesagt, so als wäre es keine bloße Dummheit. Meine dummen Mitschüler werden dumme Erwachsene, die so sprechen, dass alles dumm klingt und ich selbst werde etwas ganz anderes.

Severin hingegen, mit dem ich mich geschlagen habe, ist nicht dumm. Ich finde ihn ganz gut. Vor allem weil er mir ein blaues Auge geschlagen hat.


---

(Morgen kommt das zweite Kapitel: "Opfer meiner Erziehung", in dem der Erzähler berichtet, wie Severin zu seinem Feind geworden ist und welche Erkundigungen er über ihn einholt.)

Die Maschine

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Re: Die Maschine

Beitragvon ollivio » 24 Sep 2012, 23:40

Na das liest sich ja schon mal recht gut, was der "Erzähler" da so von sich gibt :)
Was du nicht willst dass man dir tu, das füg auch keinem and´ren zu

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 25 Sep 2012, 15:46

Richtig gut..
Bin gespannt wie es weiter geht..
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon Lion10 » 25 Sep 2012, 18:41

Echt gute Geschichte i like !

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 25 Sep 2012, 18:44

[2] Opfer meiner Erziehung

Aber zuerst lagen die Dinge anders. Vor einem halben Jahr, als ich in der sechsten Klasse war und Severin in der siebten, war er bekannt dafür, anderen unvermittelt von hinten in die Kniebeuge zu treten, so dass man zu Boden ging. Als ich dann dagelegen war, hatte Severin ganz freundlich getan und gesagt:
„Was machst du für Sachen und fällst um, hast du dein Gemüse nicht gegessen? Warte, ich helf dir auf.“
Und er hatte die Hand ausgestreckt, sie aber im letzten Moment zurück genommen, hineingespuckt und sie noch einmal angeboten. Ich hatte ihn zornig angestarrt und Severin war laut geworden:
„Na, was ist? Du willst dir nicht helfen lassen? Willst du mich beleidigen? Warte nur, dir bringe ich Manieren bei!“
Und noch einmal hatte er gespuckt, diesmal auf den Boden, gleich neben meinen Arm. Dann war er davon gegangen. Ich stand auf und wartete weiter auf den Bus. Sonst war keiner da und ich war erleichtert, dass niemand gesehen hatte, was passiert war und dass niemand sah, wie mein Kopf ganz rot und meine Augen nass waren. Severin war ja bekannt dafür, andern unvermittelt von hinten ins Knie zu treten, so dass sie zu Boden gingen, aber warum er es bei mir getan hatte, wusste ich nicht; wir hatten noch nie miteinander geredet und ich kannte seinen Namen nur, weil er schon häufig jemandem in die Knie getreten hatte. Ganz willkürlich hatte er mich rausgesucht, nur um mich zu demütigen und die Demütigungen ließen nicht nach, denn Severin hielt Wort und versäumte keine zufällige Begegnung, die ich ängstlich und mit Magenscherzen zu vermeiden versuchte, um mich, den Schwächeren, anzubrüllen, ob ich mich endlich entschuldigen werde und ob ich noch immer nicht begriffen habe, was Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft ist. Das war schlimm, besonders, wenn meine Klassenkameraden dabei standen, weil die natürlich fragten, was vorgefallen und gemeint war und da musste ich ausweichen und lügen und auf den Boden schauen.

Vier Monate ging das so, von Februar bis Juni, dann hörte es auf und Severin sagte nichts mehr zu mir und schaute mich gar nicht mehr an, wenn wir im Schulhaus auf dem Gang oder an der Bushaltestelle oder auf der Straße aufeinander trafen. Ich war erleichtert, aber nicht froh, denn mir war immer noch ganz schlecht, wenn ich daran dachte, wie er sich benommen hatte und wie ich feig auf dem Boden gelegen und dagestanden hatte ohne etwas zu sagen und ohne mich zu wehren. Natürlich hatte ich mir deutlich vor Augen gestellt, dass er sich schlecht benahm und sich lächerlich machte und es unwürdig war, den Stärkeren zu spielen und andre grundlos zu demütigen, aber damit war es nicht aus der Welt geschafft, dass er es getan hatte und ich nichts getan hatte und dass er stark war und ich feige. Ich hatte nicht mehr in die Schule gehen wollen, ich hatte nicht mehr auf der Straße sein wollen und zu Hause war ich schlecht gelaunt und musste mir ständig die quälenden Fragen meiner Eltern anhören, was nur mit mir los war, warum ich mit einem mal ganz verändert war, wo ich doch immer so ein glücklicher Junge gewesen bin, bis einer der beiden zum andern sagte: „hör auf, lass ihn in Ruh, es ist halt die Pubertät, hab ich Recht, Junge?“ – so sprach hauptsächlich mein Vater und das hatte mir jedes Mal den Rest gegeben und zornig wie nie zuvor hatte ich den Raum verlassen, wie es Jugendliche tun, und hatte mit keinem mehr reden und die Welt brennen sehen wollen.

Es war wirklich ein bisschen zu viel für mich: Zum einen musste ich mich vor einem feisten Siebtklässler verstecken, einem Schläger, der nichts anderes wollte, als mich zu kränken und zu demütigen und dann musste ich mir zweitens auch noch die anzüglichen Bemerkungen meiner Eltern gefallen lassen, die doch an der ganzen Sache überhaupt schuld waren, weil sie einen Feigling aus mir gemacht hatten, der sich nicht wehren konnte und der nicht dazugehören wollte und der genau wusste, dass er Recht hatte und dass es besser wäre, Recht zu haben, als sich auf das Niveau des anderen herabzulassen und dem Dreckskerl die Fresse einzuschlagen. Und dann waren die verfluchten Gene, die ich von ihnen bekommen hatte, auch noch daran schuld, dass ich noch immer die Stimme und die Oberarme eines kleinen Mädchens hatte. Gottverdammt! Das war zu viel Ungerechtigkeit, sagte ich mir. Und ausgerechnet dann, als ich beschlossen hatte, mir die Sache nicht mehr länger gefallen zu lassen und mich zu wehren, ließ mich Severin in Ruhe und tat so, als wäre nichts gewesen und als gäbe es mich gar nicht.

Aber es gab mich noch und es war eben doch etwas gewesen. Er hatte mich beleidigt, er hatte mich gequält, er hatte mich gedemütigt und jetzt nahm er mir auch noch die Gelegenheit, mich zu wehren. Es konnte so nicht weiter gehen. Mir schien, als hätten sich meine Eltern und Severin verbündet um mich zusammen zum Opfer meiner Erziehung zu machen. Auf diesen Gedanken war ich nicht ganz allein gekommen, sondern den Satz „Du bist doch nur ein Opfer deiner Erziehung.“ hatte ich im Fernsehen gehört. Es war ein Film über einen Mann in einer schwarzen Lederjacke und mit Dreitagebart gewesen, der sich einen Spaß draus macht, jungen Frauen in dunklen Gassen aufzulauern. Die beiden Ermittlungsbeamten, hatten das mit der Erziehung zueinander im Streit gesagt. Außerdem sagten sie, dass man sich zuerst in seinen Gegner hineinversetzen musste, man musste verstehen, wie er denkt, man musste ihn so genau kennen, wie nur möglich. Das schien zunächst einmal nicht schwer. Fast ein jeder Siebtklässler kannte Severins Namen und ein Gerücht über ihn. Ich selbst, der ich damals ja noch in der sechsten Klasse war, kannte natürlich keine Siebtklässler, also habe ich einfach die Mädchen aus meiner Klasse gefragt, weil sie oft für ältere Jungen schwärmen und manche also auch mit den älteren Jahrgängen befreundet sind. Außerdem reden sie auch gerne über andere und wissen, was man sich hinter dem Rücken der Leute erzählt. Ich komme ganz gut mit Mädchen zurecht. Man muss sich nur nicht wie ein kompletter Idiot benehmen, sondern nett zu ihnen sein, (die meisten Jungen können das nicht) und schon mögen sie einen und behandeln einen wie einen kleinen Bruder. Ich habe nichts dagegen. Ich mag es gern, wenn man mich wie einen kleinen Bruder behandelt, denn mein eigener Bruder behandelt mich wie den letzten Dreck.

Nun also Severin. Im Großen und Ganzen, da waren sich die Mädchen, die ich fragte, einig, war er verrückt und man brauchte auch nichts auf ihn zu geben, denn hübsch war er nicht, denn er hatte sehr helle Haut, wurde auch im Sommer nicht braun und also sah er, wenn er rot wurde, aus wie ein Schwein und seine blonden Haare hatten einen roten Schimmer und das ging nun mal gar nicht, wie sie sagten. Ich sagte ein wenig ungehalten, dass ich nicht vor hätte, mit ihm auszugehen, sondern viel eher Ärger mit ihm habe und also wissen wollte, was er für einer sei und dann bekam ich also ein Paar der Gerüchte zu hören, die über ihn erzählt wurden: Nun ja, er trat eben manchmal anderen unvermittelt von hinten in die Kniekehlen, so dass sie zusammen sackten, aber das wusste ich ja schon. Das zweite Gerücht war aber neu für mich: Einmal, mitten im Unterricht, war er schreiend aufgesprungen, hatte den Schulranzen eines Mitschülers gepackt und vor den Augen des Lehrers aus dem Fenster geworfen. Aus dem zweiten Stock. Beinahe hätte man ihn der Schule verwiesen, aber Severin behauptete steif und fest, er habe ein Ticken gehört und gedacht, es sei eine Bombe im Rucksack und man könne heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Als er den Rucksack aus den Sträuchern gezogen hatte, war tatsächlich ein Metronom in einer der Taschen und weiter sagte das Gerücht, Severin hatte es selbst dort platziert, nur um sich diesen dummen Scherz zu erlauben. Was besonders schlimm war: Der Mitschüler, um dessen Rucksack es sich gehandelt hatte, kam aus dem Iran.

Ins Skilager der siebten Klasse, so sagte ein anderes Gerücht, hatte Severin ein totes Meerschwein in einer Plastiktüte mitgenommen und es die ganze Woche über, draußen auf das Fensterbrett gelegt, wo es steifgefroren blieb, auch wenn er es manchmal hereinholte und kurz auf die Heizung legte, um es aufzutauen und zu streicheln. Angeblich hatte der Lehrer gesagt, man dürfte zwar so viele Tiere mit ins Skilager nehmen, wie man wollte, aber keine lebendigen, also nur Kuscheltiere. Und so einen dummen Scherz, so schien es, wollte ihm Severin nicht durchgehen lassen. – Einem Zehntklässler, der doppelt so groß und dreimal so schwer war, wie er selbst, hatte er beim Fußballspielen das Nasenbein gebrochen, indem er beim Elfmeter absichtlich aufs Gesicht gezielt hatte und einmal war er nackt in den Sportunterricht gekommen, weil der Lehrer Schüler, die ihr Turnzeug vergessen hatten, in der Unterhose turnen ließ. Severin, so das Gerücht, hatte am Anfang der Stunde gesagt, dass er aber keine Unterwäsche trägt. Der Lehrer hatte ihm nicht geglaubt und dann war Severin also seelenruhig aus der Umkleide gekommen und war splitternackt zum Sportplatz hinüber gegangen, wozu man sogar die Straße überqueren muss. Freunde hatte er keine, im Internet gab es kein Profil von ihm, und mehr war über ihn selbst nicht zu erfahren (außer eben, dass er verrückt war). Über das Telefonbuch fand ich eine Adresse heraus, die zu seinem Nachnamen passte: ein Einfamilienhaus mit Garten, in einer netten Gegend. Ich fuhr zweimal mit dem Fahrrad daran vorbei. Das war also Severin, mein Feind.


---

(Danke ollivio, nandemaro und Lion10 für euren Zuspruch; bis Donnerstag kommt das dritte Kapitel: „Eine Sommernacht“, in dem auf den Erzähler zwei Einsichten warten und ein Rätsel, das er erst ein Jahr später versteht.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 25 Sep 2012, 22:55

Hammer geil..
Dein schreibstill ist einfach genial..
Freu mich mehr davon zu lesen..
ich fress papier und kotz konfetti

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 27 Sep 2012, 16:41

[3] Eine Sommernacht

Dann waren Sommerferien und ich kam für zwei Wochen nach Italien. Es gab dort nicht viel zu tun, und ich war zufrieden damit. Die meiste Zeit verbrachte ich am Strand oder auf dem Liegestuhl vor dem Bungalow und abends in meinem kleinen eigenen Zimmer, immer mit einem Buch. Meine Eltern machten sich Sorgen um die Tintenfische, die sie grillen wollten und mein Bruder war gottseidank nicht mitgekommen. Er ist sieben Jahre älter als ich und hatte in diesem Jahr sein Abitur gemacht. Beides hatte er mich immer deutlich spüren lassen. In den letzten Monaten hatte er sich in irgendwelchen Städten herum getrieben, um zu schmecken (so seine Wortwahl) wie es wohl sein würde, dort zu studieren. War er zuhause, sprach er mit ernster Stimme über „Immatrikulation“ und „Numerus Clausus“, als handelte es sich dabei um höhere Physik. Dann strich er mir manchmal über den Kopf oder fasste mich sonstwie an und sagte: „Das hast du noch alles vor dir, Kleiner.“ Urlaube mit unseren Eltern hatte er nun aber hinter sich und so genoss ich jetzt am Strand, auf dem Liegestuhl vor dem Bungalow oder in meinem Zimmer diesen Vorgeschmack auf eine Zeit, in der er weit weg sein würde.

Draußen, vor den Fenstern war es schwarze Nacht und seltsamerweise freute ich mich darüber. Ich stand auf, öffnete leise die Türe meines Zimmers und lauschte, aber es war nichts zu hören. Meine Eltern mussten schon schlafen, aber es war noch eine Stunde bis Mitternacht. Barfuß tappte ich durch den kleinen Wohnbereich, der Küche, Flur und Wohnzimmer in einem war, und öffnete die Türe auf die Terrasse hinaus. Es war kühl dort draußen in der Dunkelheit, aber nicht kalt. Mir war noch nie aufgefallen, was für einen eigenartigen Zauber so eine Sommernacht mit sich bringt. Zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern. Der Wind strich durch die Bäume und kroch durch meinen Schlafanzug. Ich machte ein paar Schritte ins Gras, ging auf die Büsche zu, die unseren Garten abgrenzten. Durch die Zweige konnte man hinaus schauen, auf den Weg der zwischen den stummen Häuschen dahin ging, hinüber zu den Zelten. In manchen der kleinen Gärten saßen wohl noch Leute stumm in der Dunkelheit und aus der Ferne hörte man Lachen und Ausrufe in einer fremden Sprache.

Und noch ein anderes Geräusch war zu hören, das viel näher war: das Rascheln von Kleidung, leiser Atem, gespenstische Geräusche, die einen Menschen verraten. Ich bog die Zweige auseinander, steckte mein Gesicht hinein und versuchte zu sehen, was dort war. Mit einem heiseren Auflachen machten sich zwei Gestalten davon, die dort gestanden haben mussten, gleich neben mir auf der anderen Seite des Gestrüpps. Der eine unterdrückte ein Aufschreien. Es waren zwei Buben in kurzen Hosen, ein wenig größer als ich, die jetzt den Weg entlang tappten. Der eine drehte sich dabei um und sah zu mir zurück, gerade als er in den Schein einer schwachen Laterne trat, die den Weg ausleuchtete. Seine Haut war dunkel, halb von der Sonne gebräunt und halb von Geburt. Die Haare reichten ihm bis an die Augenbrauen und klebten an seiner Stirn. Da entdeckte er mein Gesicht zwischen den Zweigen, und ein paar Zähne leuchteten zwischen seinen Lippen auf. Dann war er in der Dunkelheit verschwunden. Ich sah ihm nach und wartete noch ein paar Augenblicke.

„Was machst du da?“, sagte mein Vater. Es war ihm anzusehen, dass er schon geschlafen haben musste und an seiner Stimme hörte ich, dass er lieber im Bett geblieben wäre, als wieder aufzustehen.
„Nichts.“, sagte ich. Er wartete, bis ich zur Terrassentür zurückgekommen war, blieb aber im Türrahmen stehen, sodass ich nicht an ihm vorbei konnte. „Ich bin aufgestanden und rausgegangen. Da war ein Geräusch“, sagte ich, „und ich wollte wissen, was da ist.“
„Ein Geräusch?“
„Ja.“
„Und da gehst du nach draußen um nachzusehen?“
„Ja.“ Mein Vater lässt mich oft das Selbe zwei Mal sagen.
„Warum?“
„Was meinst du, warum? Ich wusste nicht was es war und da…“
„Wie hat es sich denn angehört?“
„Das weiß ich ja eben nicht so genau.“
Er sah mich weiter streng an. Mein Vater kann es nicht leiden, wenn man ihn anlügt.

„Wenn es sich wie ein Hund angehört hätte, hätte ich ja gewusst, dass es ein Hund ist.“, sagte ich, „Aber so weiß ich eben nicht, was es war.“
„Es ist eine schöne Nacht.“, sagte er schließlich, nachdem er zuerst noch in meine Augen und dann in den Himmel geschaut hatte. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich.
„Setzt dich her.“, sagte er. Ich gehorchte und dann schwiegen wir eine Weile. „Wenn du das nächste Mal herausfinden willst, was eine Sache ist, kannst du mich auch fragen. Wenn es etwas Gefährliches ist, zum Beispiel, dann ist es doch wohl keine gute Idee alleine herauszufinden, worum es sich handelt. Oder?“
„Ja.“, sagte ich.
„Also wenn du dich das nächste Mal fürchtest oder Sorgen hast, dann kommst du zu mir. Auch wenn es mitten in der Nacht ist und weckst mich auf. Dafür bin ich da.“
„Ja.“, sagte ich noch einmal. Mein Vater schien ohnehin an seinen eigenen Gedanken weit mehr interessiert zu sein, als an meiner Reaktion darauf.
„Jetzt bist du zwölf.“, stellt er fest. „Und du wirst sicher immer mehr Dinge selbst in die Hand nehmen. Und das ist gut. Aber trotzdem gefällt es mir nicht, dass mein kleiner Junge sich mitten in der Nacht allein im Schlafanzug draußen rumtreibt.“, sagte er und lachte darüber. „Es gibt ein paar Dinge, die du selbst in die Hand nehmen musst. Aber du weißt, dass du mich auch immer fragen kannst. Egal wo und egal wie spät es ist.“

Es war eigenartig. Obwohl es mir ganz offensichtlich schien, dass das, was er sagte, eine ziemliche Dummheit war, dass er nichts anderes tat, als Verständnis zu zeigen und zuzuhören, und er sich dabei sehr groß und wichtig machte, störte es mich gar nicht. Und mehr noch als an seine Worte dachte ich an die Dunkelheit, in die die beiden Gestalten verschwunden waren.
„Willst du mir noch etwas sagen?“, fragte mein Vater und er schaute mir in die Augen. Lange tat er das und mir schien es, als würde ich auf einmal verstehen, was er gemeint hatte, mit dem, was er sagte. Ich verstand, dass er mir nicht helfen konnte. Vielleicht ahnte er etwas von dem, woran ich litt oder er hatte nur eine allgemeine ratlose Vorstellung von meinem Kummer, aber es gab nichts, das er für mich tun konnte und er musste mit einem gewissen Bedauern einsehen, dass das vielleicht so auch das Beste war. Und so wenig ich zuvor verstanden hatte, dass eine Sommernacht schön sein kann, so wenig hatte ich früher verstanden, dass mein Vater einmal jung gewesen ist.
„Nein.“ sagte ich zuletzt und dann gingen wir wieder hinein.

Es war schon Mittag, als ich am nächsten Tag aufwachte. Ich streckte mich und ließ mich auf den Boden fallen um ein paar Liegestützen zu machen. Vor zwei Monaten hatte ich damit begonnen, zuerst gegen meinen Schreibtisch gestützt und dann gegen das Bett. Nun schaffte ich auf dem Boden vierzig Stück. Ich stemmte Wasserflaschen statt Hanteln, aber heimlich, weil meine Mutter der Ansicht ist, dass Krafttraining schädlich ist, solange man nicht aufgehört hat zu wachsen. Sie ist kein Artzt, aber „eine Mutter weiß das.“ Nachmittags als meine Eltern am Strand lagen, lief ich die Brandung entlang auf dem Streifen festen, nassen Sandes, schaute zu den Urlaubern hinauf, die in langen Reihen in der Sonne lagen und zu den Kindern die im Sand Burgen und Wasserbecken anlegten. Den Jungen aus der letzten Nacht konnte ich nirgendwo sehen. Manchmal war ich nachdenklich in diesen Tagen, sodass man mir zweimal dieselbe Frage stellen musste, manchmal war ich auch euphorisch und aufgeregt, sodass ich nicht still sitzen konnte. Nachts lag ich lange wach. Was der Grund dafür war, wusste ich nicht genau und hatte doch ein paar Bilder vor Augen und erinnerte mich an das Gefühl der Nachtluft in meinem Schlafanzug. Es gab Dinge, die ich allein in die Hand nehmen musste.

„He!“, rief mein Vater. „Hast du dir was ausgesucht?“
Wir saßen in der Pizzeria, es war der letzte Abend unserer Reise. Meine Eltern hatten ihre Speisekarten schon beiseitegelegt, der Kellner stand an unserem Tisch und wartete auf meine Bestellung. Ich hatte an Severin gedacht, hatte ihn deutlich vor mir gesehen. Die rotblonden Haare, die sich in kleine, eigentlich ganz hübsche Wellen verloren, obwohl sie kurz geschnitten waren; die bleiche Haut mit einer dünnen Fettschicht darunter, die sie weich aussehen ließ; die groben Hände, deren Finger oft rot waren, und die feinsten Härchen über seiner Lippe, die im Licht golden schimmerten. Ich kannte sein Gesicht genau und seine ganze Gestalt; die tiefe Stimme, in der er Beleidigungen von sich gab; die bleichen blauen Augen, die zornig blicken konnten oder matt und gleichgültig. Mein Magen hatte sich zusammen gezogen und ich hatte schneller geatmet, jetzt da ich so fest entschlossen war, es ihm heim zu zahlen. Ich bestellte und wartete weiter in der Abendluft, sah mich auf der Terrasse unter den anderen Gästen um. Beinahe hatte ich geglaubt, ein braunes Augenpaar zu sehen, aber ich hatte mich getäuscht und in einer kurzen Euphorie, die mich vor Ungeduld kaum sitzen ließ, versuchte ich mich zusammen zu nehmen und mit meinen Eltern ein nettes Gespräch zu führen, als ob nichts wäre. Und mit vielen Worten und ein paar Witzen deckte ich meine Gedanken zu, die halb in der Vergangenheit, in der Dunkelheit einer Sommernacht blieben und halb voraus nach Deutschland stürmten, zu meinem Feind. In der letzten Woche der Sommerferien sah ich ihn wieder.

(Am Wochenende kommt das vierte Kapitel: „Schlägerei“, in dem der Erzähler endlich eine Chance bekommt, sich zu wehren, und sein blaues Auge.)


---

(Danke nademaro, ich freue mich über deine Begeisterung und hoffe, du wirst nicht enttäuscht, wenn sich die Geschichte nun nach und nach verändert.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon ollivio » 27 Sep 2012, 19:55

*ungeduldig auf das Wochenende wart - zappel* :)
Was du nicht willst dass man dir tu, das füg auch keinem and´ren zu

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 27 Sep 2012, 23:17

Veränderung gehören zur einer Geschichte..
Noch ein Grund mehr sich aufs Wochenende zufreuen..
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 29 Sep 2012, 11:36

[4] Schlägerei

Ich begegnete ihm auf der Straße vor den Einfamilienhäusern, zu denen laut Telefonbuch auch seins gehören musste, und Severin führte einen großen Schäferhund an der Leine, ein gewaltiges Tier mit grauer Zunge, die ihm weit aus der Schnauze schlappte. Zuerst überholte ich ihn mit dem Fahrrad, da er in der gleichen Richtung unterwegs war wie ich, dann hielt ich inne, mit schlagendem Herzen, bog in eine Querstraße und stellte das Fahrrad ab, ging zurück auf den Weg, um ihm entgegen zu gehen. Noch war ich nicht völlig sicher, ob er es war, denn ich hatte ihn nur von hinten und halb von der Seite gesehen, aber sein rotblonder Haarschopf und die Turnschuhe sprachen dafür. Wir waren noch zweihundert Meter voneinander entfernt. Der Hund drängte vorwärts, manchmal scherte er auch zur Seite aus und Severin war dann schwer gefordert, auf der Bahn zu bleiben. Das Tier war wirklich ein furchtbares Ungeheuer. Zumindest waren wir so nicht ganz allein. Ich weiß nicht genau, wann er mich erkannte, aber als noch fünfzig Meter zwischen uns waren, schaute er auf den Boden, auf den Hund und einmal auf die Uhr. Dann waren wir noch zehn Meter entfernt und irgendwann standen wir einander gegenüber, weil ich zur Seite und ihm in den Weg getreten war. Der Hund zerrte an der Leine und wollte weiter. Jetzt schaute mich Severin halb feindselig, halb betreten an. Ich würde ihn nicht vorbeilassen. Ich hielt seinem Blick stand und hatte lange darauf gewartet, ihm in die Augen zu schauen.

„Was hältst du davon, dass ich dich zusammen schlage, solange du mit einer Hand den Hund halten musst?“, sagte ich und das überraschte ihn nicht schlecht und seine Stimme war ein wenig unausgewogen und fast ein bisschen heiser, als er antwortete:
„Oder der Hund zerfleischt dich.“
„Der ist doch schlecht erzogen“, gab ich zurück, „der läuft weg, sobald du loslässt.“
„Was willst du von mir?“
„Ich? Du willst Schläge, hab ich gehört, das reicht doch schon für den Anfang.“
Jetzt kam der Hund zu uns zurück, ungeduldig, er roch an meinem Bein.
„Fass.“, sagte da Severin, aber so mild und freundlich, dass der Hund es nicht als Befehl verstand. Trotzdem gefror mir das Blut in den Adern, wie man so sagt, und es ist gut möglich, dass ich für einen Augenblick zusammenzuckte und mein Gesicht seine Farbe verlor. Er lächelte mir zu.
„Du hast Recht, der rennt mir weg, wenn ich loslasse. Weißt was, Flori, verschieben wir’s.“
„Ich heiß Florian. Flori nennen mich nur meine Freunde.“
„Du hast Freunde? Die kannst du ja das nächste Mal mitbringen oder laufen die auch davon, wenn’s ernst wird, wie der dumme Hund?“
Und dann ging er an mir vorbei und ließ sich vom Schäferhund die Straße entlang ziehen.
„Ich bin noch nicht mit dir fertig!“, rief ich ihm nach.
„Dann komm mit. Dein Fahrrad steht doch eh da vorne. – Wenn du noch so lang warten kannst, dann wär’s mir nächste Woche recht. Am Mittwoch um vier am Sportplatz, geht das, Florian?“
„Nächste Woche?“
„In den Ferien will ich nicht ins Krankenhaus und du wahrscheinlich auch nicht. Das heben wir uns für die Schulzeit auf.“, es war wirklich unverschämt wie er mich anlächelte.
„Mittwoch um vier.“, knurrte ich und dann gingen wir still nebeneinander her, als wären wir ein Paar, der Schäferhund voraus, bis ich grußlos rechts zu meinem Fahrrad abzweigte.

Mein Herz schlug schnell und meine Finger waren ungeschickt als es darum ging, das Schloss aufzusperren. Aufgestiegen und mit dem Fahrtwind im Gesicht, versuchte ich mir jedes Wort zu vergegenwärtigen. Ich hatte mich getraut, ich hatte mich nicht einschüchtern lassen. Aber hatte er das versucht? Gedroht hatte er mir nicht. Freundlich war er zu mir gewesen, charmant, als hätte man sich fürs Kino verabredet, nicht zur Schlägerei. Dumm war er nicht, einen Idioten konnte man ihn nicht nennen. Unter den Augen hatte er ein paar Sommersprossen. Mittwoch also, noch sechs Tage. Woher er meinen Namen kannte, fragte ich mich.

Bei den Liegestützen schaffte ich jetzt sechzig Stück, aber ob sie mir viel helfen würden, wenn es darum ging, sich mit Severin zu messen, das bezweifelte ich sehr. Wichtiger war, zu reagieren, schnell zu sein. Der Schmerz macht einen für ein paar Augenblicke träge, wie ich feststellte als ich mir mit voller Kraft auf den Arm schlug. Sofort bleibt die Zeit stehen und es wird ein bisschen dunkler in der Welt. Es sind anderthalb oder zwei Sekunden, die man nutzen muss, um nachzulegen, wenn man selbst geschlagen hat, oder um sich zu verteidigen, wenn man selbst getroffen wird. Weil ich keine Ahnung davon hatte, was genau man bei einer Schlägerei eigentlich zu tun hat, schaute ich mir ein paar Filme an und einen Boxkampf. Vielleicht war das Wichtigste tatsächlich, schnell zu sein und nichts auf seine eigenen Verletzungen zu geben. Das sagt sich leicht und es ist auch gar nicht so schwer, nicht länger darüber nachzudenken. Stattdessen dachte ich an das, was geschehen war, und so betrachtet, hatte ich nicht viel zu verlieren und hatte schon halb gewonnen, wenn ich mich nur traute. Ob ich nun tatsächlich stärker war, als ein Achtklässler, das war ja eigentlich egal. Wichtig war, dass ich nicht länger alles mit mir machen ließ. Ich würde es wissen und er würde es auch anerkennen müssen. Am Dienstag lief ich ihm im Schulhaus über den Weg. Er blinzelte mir zu und ging weiter und an mir vorbei.

Und der nächste Tag kam und es wurde halb vier und ich trieb mich auf der Straße herum, überlegte ob alles vorbereitet war und was sich noch machen ließ, ob ich mich warmlaufen sollte oder dehnen. Zwischenzeitlich wäre ich gerne mehrmals getürmt, aber ich blieb und überquerte um fünfzehn Uhr fünfundfünfzig die Straße hinüber zum Sportplatz. Zuerst war Severin nicht zu sehen, aber er war da. Er lag vor dem Strafraum auf dem Rasen und schaute nach oben ins Blaue, und ich ging hin und stellte mich vor ihn.
„Du bist schon da.“, sagte er und hob den Arm vors Gesicht um auf die Uhr zu schauen, „dann fangen wir doch jetzt schon an. Oder willst du noch ein paar Minuten warten?“
Er trug eine leichte Sporthose und alte Turnschuhe. Ich hielt ihm die Hand hin, nachdem ich mich dagegen entschieden hatte, hineinzuspucken; er lachte dazu und ließ sich von mir hochziehen. Dann schlenderte er zum Tor hinüber und legte die Armbanduhr auf seiner Schultasche ab. Meine Sachen waren schon zu Hause, mein Fahrrad stand drüben an der Schule. Als er zurückkam, war kein Lachen mehr in seinem Gesicht und an seinen Unterarmen spannten sich die Muskeln an. Ich konnte es sehen. Er kam auf mich zu, packte mich am Kragen, zog mich ein Stück zu sich heran und begann zu sprechen, wobei er weiter ging, so dass ich hastig rückwärts stolpern musste, um nicht überrannt zu werden.
„Also dann, was hast du mir zu sagen? Was soll dieses kleine Rendezvous? Was kann so wichtig sein, dass ich mir den Mittwochabend für dich frei halte?“
„Es ist Nachmittag und nicht Abend.“, sagte ich, „Und du weißt genau warum ich da bin.“
„Weil du ein dummes, feiges, kleines Mädchen bist, das nicht weiß, wie man sich benimmt?“
„Das stimmt nicht, sonst wäre ich jetzt gar nicht da. Du hast ausgenutzt, dass ich mich nicht gewehrt habe, aber jetzt wehre ich mich.“
„Davon habe ich bisher nichts mitbekommen. Du lässt dich am Kragen über den Platz schleifen.“ Und dann schubste er mich weg und blieb selbst auf der Stelle stehen.

Ich fiel aber nicht hin, sondern tat einen Schritt nach hinten, schnellte zurück wie eine Sprungfeder, stieß mit der Schulter gegen seine Brust und versuchte nun selbst, ihn weg zu drücken, besann mich aber nach drei Schritten und jagte ihm erst die rechte Faust in den Magen und zog ihm dann, wie er sich zusammenkrümmte den linken Ellbogen durchs Gesicht. Davon sackte er in die Knie, beide Hände gegen den Bauch gepresst, obwohl gleich darauf schon Blut aus seiner Nase schoss. Ich wartete nur einen Augenblick, er sah elend aus und als ich wieder auf ihn zukam, obwohl er noch auf dem Boden kniete und Blut aus seiner Nase kam, da flackerte zum ersten Mal Angst in seinen Augen auf. Er kam auf die Beine, aber das Ziehen in seinem Magen, das nicht aufhörte sondern blieb, weil die Nerven in den Eingeweiden viel langsamer und zäher arbeiten als anderswo, machte ihn schwach und unkonzentriert; er versuchte die Arme zu heben. Dann war ich vor ihm, wollte ihm ins Gesicht schlagen, aber er tauchte darunter hinweg, auf mich zu, schloss den linken Arm um meinen Brustkorb und riss mich zu Boden, lag auf mir, hielt meine Handgelenke mit den Fäusten umschlungen fest und drückte sie gegen die Erde, dann ließ er sein volles Gewicht auf meine Brust sinken, verschnaufte und wartete ab, bis sich seine Schmerzen legen würden. Ich konnte mich nicht befreien oder aus seinem Griff winden, da meine Arme durchgestreckt waren, ich konnte ihm noch nicht einmal mit der Stirn gegen den Schädel stoßen, weil er seine Schläfe eng an der meinen hielt und meinen Kopf so weit zur Seite drückte, dass ich nicht ausholen konnte. Wie lange wir da lagen, weiß ich nicht, bald hörte ich auf, mich zu wehren, weil es sinnlos war, entspannte nach und nach meinen Körper und begann zu überlegen, was zu tun blieb.

Severin drückte schwer auf mich, frei atmen konnte ich so nicht mehr und aus seinem Gesicht floss das Blut neben mich auf den Boden, und wenn er heftig Luft ausstieß, sprühte es auf meinen Hals. Immerhin konnte ich mein Bein anwinkeln und mich vielleicht zur Seite rollen, um ihn abzuwerfen, gesetzt den Fall, mein Arm wäre nicht im Weg, also zog ich ihn hoch über den Kopf und das Kunststück gelang, nur ließ Severin sofort von mir ab, war als erster auf den Beinen und versetzte mir noch im Aufstehen einen gewaltigen Tritt gegen die Hüfte. Als ich aufstand, tat sie weh, Severin aber hatte sich weitgehend erholt, stand ohne Mühe, lächelte sogar und zeigte dabei zwei Reihen roter Zähne, hob die Fäuste wie ein Boxer, kam auf mich zu, machte im letzten Moment einen Satz zur Seite, drehte sich mit dem ganzen Körper und zog wie ein Fußballspieler beim Torschuss seinen Fuß von hinten in meine Kniekehlen. Ich verlor Augenblicklich das Gleichgewicht, wurde regelrecht fortgerissen, und lag wieder am Boden, ganz schnell ging das und da war er über mir, kniete mit einem Bein auf dem Rasen und mit dem anderen auf meinen Eingeweiden und hielt mich mit der Linken auf bewährte Weise am Kragen meiner Trainingsjacke gepackt, hob die Rechte zur Faust geballt, zum Schlag bereit, drohend in die Luft und wartete vielleicht auf meine Kapitulation – ein gewaltiger Fehler, denn ich hatte so beide Arme frei und während ich mit der Armbeuge des einen Nase und Kiefer deckte, jagte ich ihm die Faust des andern mit aller Kraft zwischen die Beine.

Da schrie er zum ersten Mal auf, aber nur ganz kurz und dann krümmte er sich zusammen, würgte sogar, spie Blut und Spucke auf seine Schulter, auf den Boden und über seine Kehle, aber trotz seiner Schmerzen versäumte er nicht, am Rande der Besinnungslosigkeit auf mich los zu schlagen, als ich mich auf ihn stürzte. Mein Auge kam dabei zu Schaden und meine Lippe, und manchmal traf einer seiner Tritte meinen Unterleib, aber ich blieb auf dem Posten und dabei, hauptsächlich seine Innereien zu bearbeiten und drosch so ausdauernd auf eine Stelle zwischen Brustkorb und Hüfte ein, dass er ein zweites Mal schrie, diesmal einen ganzen Atemzug lang. Das machte mich halb verrückt. Mit dem rechten Auge sah ich nichts mehr, im linken standen mir Tränen und ich tastete und stieß ins Ungewisse, da er sich zur Seite gedreht hatte und fast schon entkommen war. Aber da, als ich ihn wieder hatte, hielt er meinen Arm fest und zog mich zu sich heran, ich verlor das Gleichgewicht, war eben noch gekniet und lag nun der Länge nach im Gras, sein Gewicht auf meinem Rücken, seinen Blutatem im Nacken und um meinen Hals seinen Arm, an dem die Muskeln schwollen. Der sich enger zog. Und mir die Luft abdrückte.


---

(Wann es weiter geht, kann ich euch leider nicht genau sagen, ich möchte nächste Woche aber auf jedenfall zwei neue Kapitel schaffen. Demnächst folgt also irgendwann das fünfte: „Nachspiel“, in dem Florian seinen Bruder reinlegt und selbst von seiner Mutter reingelegt wird.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 29 Sep 2012, 18:02

Geil wie immer..
Bin gespannt was aus den zweien noch wird..
Hihi..
ich fress papier und kotz konfetti

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 03 Okt 2012, 21:25

[5] Nachspiel

„Hör auf.“, stieß ich hervor – und noch mal: „Hör auf.“ Wir atmeten gleich schnell. Vier Mal sagte ich es. Dann ließ er nach und wir lagen eine Weile still nebeneinander im Gras. Es war schlimm, sich wieder zu bewegen, also ließ ich es bleiben, lag ganz still, als wäre ich tot, und dann begann ich zu weinen. Ich weiß nicht, ob er das gesehen hat, denn später, als ich fertig war und mich aufrichtete, war er fort.

Es war nicht einfach, nach Hause zu kommen: Das Fahrrad musste ich schieben, aber ich fühlte mich gut, richtig gut und nach ein paar hundert Metern schon war ich ganz euphorisch und abends im Bett auch wieder und konnte kaum einschlafen, nicht nur weil mir die Glieder weh taten, sondern auch weil ich so wunderbar zufrieden mit mir war. Aber dazwischen war es unangenehm, denn meine Mutter wollte sich nicht beruhigen und mich nicht in Ruhe lassen; es wurde zwischenzeitlich ein richtiges Kreuzverhör, in dem sie mehrmals die Taktik änderte und sich auf allerlei berief: auf ihre berechtigte Sorge um mich und auf Recht und Gesetz. Eine Anzeige wegen Körperverletzung müsse her und ich müsse ihr alles sagen, was passiert war und wer es gewesen sei, und nur so könne sie mich beschützen und jemals wieder schlafen und dem Pfarrer unter die Augen kommen und zum Arzt müsse ich sowieso und ins Krankenhaus und da werde man mir Fragen stellen, auch allein schon wegen der Versicherung, die werde sich nicht mit meiner Schweigsamkeit abfinden und bei so einer Behandlung geht es um viel Geld und zum Augenarzt müsse ich auch und vor allem solle ich mal sehen, was passiert, wenn der Papa nachhause kommt.

Als der kam, spielten sie Guter Bulle/Böser Bulle, aber mit einem Mal hatte mein Vater ein Einsehen, als ich ihm sagte, so eine Prügelei kommt schon mal vor unter Jungs (meine Mutter brüllte: Aber nicht mit meinem Sohn!) und jetzt großes Aufsehen darum zu machen, wäre aufgesetzt und unsportlich. Dieses letzte Wort brachte ihn zu Fall. Manchmal weiß ich genau, auf welches Wort jemand anspringt, oder habe zumindest eine starke Vermutung. Er dachte wahrscheinlich an seine Kindheit zurück und an die Rangeleien auf dem Fußballplatz und alles schien harmlos und normal und der Ehrenkodex, auf den ich mich berief, war legitim. Da ich auch ganz offensichtlich nicht verstört oder verängstigt war, sondern ganz ruhig und höchstens von ihren Fragen genervt, ließ man mich schließlich ziehen, aber meine Mutter gab so schnell nicht auf und abends rief dann sogar auch noch mein Bruder an, den natürlich meine Mutter informiert hatte, und tat so, als hätte er selbst zufällig aus eigenem Antrieb angerufen und also ganz zufällig gehört, was geschehen war und als wollte er eben nur mal so mit mir reden.

Man rief mich hinunter ans Telefon und das Erste was er sagte, war ein dummer Scherz, der mir zeigen sollte, dass er alles leicht nahm und wie vertraut wir miteinander waren, was beides eine glatte Lüge war. Er sagte: „Ich habe gehört, du hast dich verschönern lassen.“ und später sagte er „Brüderlein“ zu mir und versuchte (natürlich so ganz unter uns Brüderleins) herauszubekommen, was meine Mutter wissen wollte. Ich hätte gerne auf den Boden gespuckt und sein Gesicht reingedrückt, aber das ging nicht durchs Telefon, also musste ich mir etwas anderes ausdenken und sagte, nachdem er mir zum zweiten Mal versichert hatte, dass ich ihm alles anvertrauen und ihn immer um Rat fragen konnte:
„Ich muss dir etwas anvertrauen, vielleicht kannst du mir einen Rat geben, weil du ja der Ältere von uns bist.“
„Ja.“, sagte mein dummer Bruder nun zum dritten Mal: „Du kannst mich immer um Rat fragen. Auch wenn ich jetzt nicht bei euch wohne, sind wir noch immer eine Familie und eine Familie ist immer für einander da.“
„Also an meiner Schule, da gibt es so einen Jungen.“, sagte ich.
„Ja. Was ist mit dem?“
„Du musst mir erst versprechen, dass du niemandem etwas davon sagst. Bitte. Du musst es mir versprechen, dass es unter uns bleibt.“
„Ja. Das ist doch selbstverständlich, du kannst mir vertrauen. Du kannst mir alles sagen.“, sagte mein dummer Bruder und freute sich insgeheim, dass ich ihm nun sagen würde, was es mit der Schlägerei auf sich hatte. Und dann würde er es meinen Eltern erzählen und sagen, dass er es mit seinem Gewissen nicht hätte vereinbaren können, unsere Eltern zu belügen, und es sei nun besser so, wenn sie es wüssten. Immerhin war er der Vernünftigere von uns zweien. Sein Versprechen galt nichts.

„Also, dieser Junge“, sagte ich, „der hat einen großen Bruder und der Junge hat das Gefühl, dass sein Bruder (entschuldige bitte den Ausdruck, aber das ist, was er selbst gesagt hat) dass sein Bruder ein dummes Arschloch ist, dass sich mit den Eltern gegen ihn verbündet. Und sein ganzes Leben lang hat der Bruder den Jungen aus meiner Schule wie ein kleines, dummes Tier behandelt, wie ein lästiges Ding. Nur manchmal will er den großen Bruder spielen und den Erwachsenen und dann schmeichelt er sich bei dem Jungen aus meiner Schule ein und tut so, als wären die beiden die besten Freunde. Und der Junge aus meiner Klasse findet das dumm und widerwärtig, aber er weiß auch nicht, was er tun soll, denn er will ja niemandem etwas Böses, aber er will auch verflucht noch mal in Ruhe gelassen werden.“ Ich machte eine kurze Pause. „Sag mal, was glaubst du, dass ich dem Jungen raten könnte?“
Jetzt saß er in der Falle. Er musste das kleine Spiel mitspielen oder zugeben, dass ich Recht hatte, mit allem, was ich über ihn gesagt hatte. Die restlichen zehn Minuten unseres Telefonats, die ich sehr genoss, wand er sich und stotterte herum und versuchte mir irgendeinen Rat zu geben. Ich bedankte mich mit großen Worten und stellte ihm noch ein paar Fragen, zu der Stadt, für die er sich jetzt entschieden hatte und in der er nun beschäftigt war, sich eine kleine Wohnung einzurichten.

Als ich auflegte, war ich nahe daran, größenwahnsinnig zu werden und ich wusste selbst nicht, woher auf einmal mein ganzer Mut kam und mein Vorsatz, mich mit jedem anzulegen, der mir am Zeug flicken wollte. Später, als ich im Bett lag und mich die Schmerzen und die Wärme, die von den Verletzungen aufstiegen, nicht schlafen ließen, hörte ich unten im Haus das Telefon klingeln. Es musste mein Bruder sein, der meine Eltern anrief, um ihnen zu sagen, was er aus mir heraus bekommen hatte. Ich muss annehmen, dass er sich zur Abwechslung einmal ganz anständig benommen hat, wahrscheinlich weil es ihm peinlich war, mich nicht zu unterstützen, nachdem, was ich zu ihm gesagt hatte, und ich hatte die nächsten Tage Ruhe. Ich saß am Küchentisch und aß mein Frühstück oder mein Abendbrot und wenn ich meine Mutter dabei ertappte, wie sie mir angestrengt und besorgt ins Gesicht gestarrt hatte, schaute sie weg und sagte nichts weiter dazu. Zwei Tage lang, Donnerstag und Freitag, glaubte ich ein Held zu sein. Die Ruhe hielt bis zum Samstag, wo meine Mutter, die wirklich einen langen Atem hat, ihren nächsten Schachzug tat.

Am Abend sagte sie mir ganz beiläufig und ohne weiteren Grund, dass sie mit dem Auto wegfahren müsse und dass ich mitkommen solle. Mir war das egal, ich muss ihr öfter einmal helfen, Einkäufe zu verladen oder sonst etwas für sie tun und ich habe nichts dagegen, also setzte ich mich ins Auto und schaute aus dem Fenster, während sie kaltblütig und ohne ein Wort zu sagen in jene Straße mit den Einfamilienhäusern, zu Severin nach Hause fuhr. Und diesmal saß ICH in der Falle, denn ich konnte schlecht protestieren oder sie zur Rede stellen und fordern, dass die Schlägerei meine Sache war und nicht die ihre, ohne zugleich einzugestehen, dass ich sehr gut wisse, zu wessen Haus man unterwegs war und dass er es war, der sich mit mir geschlagen hatte. Es war wirklich sehr schlau von ihr. Ich fragte also nur halblaut, was wir hier tun wollten und sie sagte nichts Bestimmtes darauf, sondern nur, dass ich mit aussteigen soll.

Wir gingen also zu der bestimmten Adresse und meine Mutter läutete, drückte zweimal lange auf die Klingel, und mir wurde schlecht. Ich hielt mich am Zaun fest und schaute lange auf meine Schuhe hinunter. Ich dachte nicht besonders viel, in den paar Sekunden, die wir am Vorgarten warteten, und auch seit wir an der Kreuzung in die Straße eingebogen und unvermeidlich hierher gesteuert waren, hatte ich nichts genaues mehr gedacht, sondern eigentlich war mir nur schlecht gewesen, die ganze Zeit. Immer schlimmer war es geworden, aus dem Bauch war es hochgestiegen in den Hals, so dass ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Ein blondes Mädchen öffnete die Tür. Sie war zehn Jahre alt, höchstens elf. Meine Mutter fragte sehr bestimmt und mit einer beinahe etwas zu lauten Stimme, ob Frau Ahnfeld zu Hause wäre – und ich starrte mit Übelkeit auf der Zunge auf meine Schuhe und in den Vorgarten und dann kam Severins Mutter heraus und meine Mutter verlangte, ohne sich vorzustellen, dass sie uns hereinbitten sollte, um mit uns zu reden. Dann setzte sie sich auch schon in Bewegung, ihre Absätze klangen auf den Steinplatten und ich musste ihr nachgehen.

Ich hatte wenig Lust, mich umzusehen, ich war genug von meinem Magen gefordert und außerdem merkte ich ganz deutlich, dass mein Kopf rot war und meine Stirn nass von erstem Schweiß. Auch den sehr raschen Wortwechsel zwischen meiner Mutter und Frau Ahnfeld bekam ich nicht genau mit und ich kann deshalb nicht sagen, ob dieses Treffen abgesprochen und nur für mich inszeniert war, oder ob meine Mutter tatsächlich unangemeldet zu fremden Leuten gefahren war. Die erste Möglichkeit schien mir wahrscheinlicher zu sein.
„Ich bin hergekommen um mit Ihnen zu sprechen.“, sagte meine Mutter und weiter: „Mein Junge“ (sie sagte wirklich „mein Junge“ und nicht „mein Sohn“ oder „Florian“, gerade, dass sie nicht „mein lieber Junge“ oder „mein Jüngster“ sagte) „ist geschlagen worden und ich möchte verstehen, was das zu bedeuten hat.“
Noch ein paar Sachen sagten die beiden Damen zueinander und kurz darauf rief Frau Ahnfeld mit einer rauen, etwas heiseren Stimme: „Severin“ und drehte dabei den Kopf nach hinten zum Flur, wo es die Treppe hinauf ging, „Komm bitte runter.“

(Bis Samstag folgt das sechste Kapitel: „Insulin“, in dem sich Florian und Severin verbünden.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 03 Okt 2012, 21:48

Einfach nur geil wie du schreibst..
Ahhh..
Freu mich auf den nächsten Teil..
Mmmhhhh..ob was zwischen den beiden
Später was läuft?!?!?!
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon Queezle » 03 Okt 2012, 23:15

Amon hat geschrieben:3) Die Menschen in der Geschichte (auch der Erzähler) sind keine guten Vorbilder, auch wenn sie manchmal harmlos oder sogar sympathisch erscheinen.
Ich freue mich über Feedback und bitte sagt mir gleich Bescheid, wenn ihr glaubt, dass ich an eine Grenze komme, was Gewalt, Sex oder Schimpfwörter angeht.


Wie du schreibst hättest du ja gerne frühzeitiges Feedback.

An Genauigkeit solltest du bei Gewalttaten nicht über das bisherige Level hinausschießen.
Klar verstehe ich, dass sich die Geschichte echt anfühlen soll. Aber es gibt eben auch Leser die sich gerade bei zu viel Echtheit zu sehr in die Geschichte hineinversetzen und solche Sachen nicht unbedingt als bloße Fiktion sehen.

Es geht dabei bislang lediglich um die Detailgetreue Wiedergabe von Gewalt. Dass Gewalt in deiner Geschichte thematisiert wird ist natürlich vollkommen in Ordnung.
Im Moment ist das auch alles noch im Rahmen. Nur mehr sollte es eben nicht unbedingt werden.

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 04 Okt 2012, 16:21

(Vielen Dank, Queezle, für deine Rückmeldung, die für mich sehr hilfreich ist, vor allem der Unterschied zwischen Gewalt als Gegenstand der Geschichte und der Darstellung von Gewalt. Brutaler als das vierte Kapitel soll es vorerst auch nicht werden. Später (falls ich überhaupt je so weit komme) gibt es aber zwei/drei Szenen, um die ich mir ein bisschen Sorgen mache. Ich werde mir überlegen, wie ich die Darstellung so zurücknehmen kann, dass man die Handlung und die Gefühle der Figuren noch versteht, ohne dass ich jemanden auf falsche Gedanken bringe.
Dir, Queezle, stellvertretend für alle Moderatoren, vielen Dank für die gute Arbeit, mit der ihr das Forum „auf Kurs“ haltet.

Und dir, nademaro, vielen, lieben Dank für deine anhaltende Begeisterung! Ob zwischen den beiden was laufen wird? Wäre vielleicht ganz gut. Immerhin soll es eine schwule Geschichte werden… Andererseits: Was man bisher von Severin so hört, ist es vielleicht keine besonders gute Idee für Florian, sich mit ihm abzugeben… Aber im Ernst: Ich freue mich über dein Lob und auf das, was kommt, und ich werde mir Mühe geben, es spannend zu machen. Und solange du und die anderen Leser sich noch dafür interessieren, will ich mich gerne anstrengen, die Geschichte weiter zu erzählen und zu dem Ende zu bringen, das ich mir für sie wünsche.)

Re: Die Maschine

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