Die Maschine

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bluesky
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Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 23 Mär 2013, 20:32

Wieder ein schönes und ironisches Kapitel, Amon. Kann es sein, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist?

Ich finde es erstaunlich, wie gefasst Sven und Florian bezüglich des Internats reagieren. Florian scheint besser mit dem Abschied von seinem Freund klarzukommen als viele Erwachsene es würden. Und Sven scheint die Wahl gehabt zu haben, ob er gehen will oder nicht. Immerhin hat er schon eine ganze Weile über offenbar ernste Dinge nachgedacht und scheint von der Mathematikakademie und dem Logikkurs überzeugt.

Florian begreift endlich, was Emma von ihm wollte. Wurde auch Zeit. Nachdem er Christian in Liebesdingen dermaßen auf die Sprünge geholfen hatte, bekommt seine Aussage über das Geben und Interpretieren von Zeichen nun einen ziemlich ironischen Unterton. Jedenfalls freue ich mich für Christian, während Emma mir etwas leid tut. (Aber wie Florian schon sagt: Da kann man nichts machen.)

Die neuerliche Spitze gegen Thomas hat mich hingegen zum Grinsen gebracht. Die Geschichte neigt sich offenbar dem Ende zu – und einmal muss noch gegen den großen Bruder nachgetreten werden. Die Figur hat doch bestimmt ein Vorbild im richtigen Leben...

Die spannende Frage aber ist: Was hat der große Severin Ahnfeld (aka der ZERSTÖRER) wohl vor? (Er hat wohl immer etwas vor!)Es ist sein letzter Tag an der Schule und ich kann mir gut vorstellen, dass es da noch ein paar offene Rechnungen gibt. Ob der Schlüssel wohl zum Requisitenraum gehört? Vielleicht schaut seine Mutter deshalb so angespannt, weil sie weiß, dass ihr Sprössling an dieser Schule nicht mehr viel zu verlieren hat. Jedenfalls traue ich Sven einen „stilvollen“ Abschied zu. (Auch von Florian?)

Amon hat geschrieben:Ob ich selbst mal ernsthaft Fußball gespielt habe? Ist die nächste Frage, ob ich schon mal jemanden zusammengeschlagen habe – oder haben dir die Kapitel 4 & 37 nicht gefallen?
Die Tatsache, dass du diese beiden Fragen unbeantwortet im Raum stehen lässt, bringt mich ins Grübeln, Amon. (Und ja, die genannten Kapitel haben mir sehr gut gefallen!)

---

Aus gegebenem Anlass noch ein paar kurze Bemerkungen zur Geschichte insgesamt. (Du wolltest ja auch kritische Anmerkungen, die ich bisher weitestgehend schuldig geblieben bin.)

-Wie schon häufiger festgestellt wurde, hast du einen hervorragenden Schreibstil. Deine Texte lesen sich nicht nur interessant, sondern auch ungewöhnlich flüssig.
- An einigen Stellen hättest du die Handlung wohl ein wenig straffen können. Dennoch geben die vielen Details der Geschichte eine Lebendigkeit und eine Realitätsnähe, die man bei vielen anderen Erzählungen vermisst.
- Die Nebenhandlungen (etwa um Florians Bruder Thomas oder die Geschichte um Korbinian) fand ich sehr gut in die Gesamterzählung integriert. Sie tragen viel dazu bei, dass der Leser das Hauptthema (die Beziehung zwischen Florian und Sven) immer von neuen Blickwinkeln aus entdeckt.
- Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und die Figur Severin übt eine solche Faszination aus, dass sie die Geschichte über weite Strecken schon fast alleine trägt. Hier wäre es aber noch ein wenig interessanter gewesen, wenn man mehr über Svens Entwicklung erfahren hätte. Zu sehen, welchen Einfluss Sven auf Florian hat, provoziert die Frage, wie sich Sven im Laufe der Zeit seinerseits weiterentwickelt hat.
- Nebenbei liefern sowohl Florian als auch Sven einige profunde Lebensweisheiten, die man Jungs zwischen 13 und 14 Jahren kaum zutraut. Allerdings ist das keine Schwäche der Geschichte, sondern verstärkt eher die Faszination für die beiden Hauptcharaktere.
- Dass nicht alles ausbuchstabiert und zu Tode erklärt wurde, hat für mich einen zusätzlichen Reiz ausgeübt, da es die Fantasie des Lesers stimuliert. Es ist gut, dass einiges offen bleibt. Auch die kurzen Teaser haben die Spannung spürbar gesteigert und den Charakter der Detektiv-Geschichte verstärkt. Spannungsbögen blieben über die ganze Geschichte hinweg bestehen.
- Besonders positiv sind mir dein Humor und das Spielen mit Klischees aufgefallen. Wenn z. B. Korbinian den übermütigen Florian in Kapitel 18 eine Lektion erteilt oder Svens Vater uns mit seiner Erscheinung überrascht, dann stößt das den Leser auf erfrischende Weise vor den Kopf und zwingt zum Nachdenken.

Ich müsste noch einiges weitere anführen, aber das würde erstens zu lange und zweitens wurden diese Dinge auch schon an anderer Stelle angesprochen. Außerdem ist die Geschichte auch noch nicht zu Ende.

Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, „Die Maschine“ auch an anderer Stelle zu veröffentlichen? Es wird dermaßen viel Schund an sogenannter „Jugendliteratur“ verbreitet, dass es sehr schade wäre, wenn diese Geschichte nicht einem breiteren Publikum bekannt würde. Nur meine Meinung.

Also: Herzlichen Dank für die bisherigen Kapitel, Amon - und für alles, was noch folgen mag.
Liebe Grüße und weiterhin alles Gute, bluesky

Re: Die Maschine

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Re: Die Maschine

Beitragvon Cyprus » 23 Mär 2013, 23:20

Hey :)

Symbole also. Ich bin da auch manchmal etwas zu geneigt Symbole zu deuten. Ich glaube, manchmal, das alles einen Sinn hat ;)
Und im Requisietenraum waren zwei Fahrräder. Ohoooo. Und Stüropor- (kacke ich hab vergessen wie man es schreibt, und keien lust wieder zurückzugehen und es rauszufinden) Möbel. Diese können schnell in sich zusammenbrechen, wenn man sich zu schnell und zu stark und vor allem wohl zu oft auf sie verlässt.

Zudem muss ich bluesky mit der Idee der Veröffentlichung HUNDER PROZENT zustimmen. Es wäre eine Schande, wenn diese Geschichte irgendwann hier in dem Forum verstaubt !! Schade ist nur, dass du die Geschichte natürlich überarbeiten lassen müsstest, und der Charakter des "jede woche ein neues stück posten" verloren gehen würde, bzw das man wenn man sie zb in einem buch lesen würde, man seinen senf nicht mehr dazu geben kann. aber alles in allem bleibt es eine klasse geschichte die auch andere menschen lesen sollten ;) heteros zum beispiel :)

LG Cyprus
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Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 25 Mär 2013, 17:02

[46] Der Zerstörer

Die Siegerehrung war vorbei, aber bei den Fußballspielern war Sven nicht mehr zu sehen. Ich fragte Timo, wo er sei.
„Schiffen oder so.“, sagte er.
Auch er roch nach Bier. Ich fragte mich, ob das dem Rektor bei der Siegerehrung nicht aufgefallen war, dass seine großen Sportler allesamt besoffen waren. Bei den meisten war das halb so schlimm. Die waren sechzehn oder älter. Aber Timo? – Ich hatte keine Lust, bei ihnen zu warten, und ging zurück ins Schulgebäude, um Sven entgegen zu gehen. Bei den nächstgelegenen Toiletten war aber niemand, also ging ich wieder hinaus und setzte meinen Weg links um das Gebäude herum fort. Vielleicht war er bei einem Hintereingang hinein gegangen. Es führte dort eine Rampe zu einer Tür und gleich daneben war die Behindertentoilette. Tatsächlich kam er mir von dort entgegen.
„Hast du ihn bekommen?“, fragte Sven und ich gab ihm den Schlüssel. „Du bist der Beste, vielen Dank!“
Es war schwer einzuschätzen, ob er auch getrunken hatte und wenn ja, wie viel. In jedem Fall aber hatte er gute Laune, war den halben Tag lang gefeiert worden, wie ein Held. Er steckte den Schlüssel ein und für einen kurzen Augenblick schien er mir ein bisschen zu schwanken. Er griff zur Seite an das Geländer der Rampe und dann ging er einige Schritte die Mauer entlang, zu einer Nische, die halb hinter Sträuchern verborgen ist. Zwei Regenrinnen enden dort im Kies. Und auf dem Boden liegen immer Zigarettenstummel, von Schülern, die dort heimlich rauchen. Langsam setzte er sich auf die Steine und ich nahm ihm gegenüber an die Mauer gelehnt Platz. Er tastete seine Hosentasche ab und nahm sich einen Traubenzucker. Ich sah ihm noch einmal dabei zu, wie er die Platte durchbrach und die erste Hälfte auf seiner Zunge schmelzen ließ. Unsere Schuhspitzen berührten sich. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte, und es war auch nicht notwendig zu sprechen. Er aß die zweite Hälfte.

„Wenn du nicht bald etwas sagst, werde ich sentimental.“, sagte Sven.
„Warum?“
„Weil ich hier wahrscheinlich nie wieder her zum Rauchen komme.“
„Ist das dein Ernst?“
„Eher nicht.“, sagte er und grinste. „Du fährst morgen?“
„Ja. Vor Sonnenaufgang.“
„Gute Reise.“
„…Danke.“
„Ich hätte dir sagen sollen, dass ich die Schule wechsle.“
„Ist schon gut.“
Es war wieder still.
„Übrigens, Simon lässt dir ausrichten: Was du damit machst, ist deine Sache, das geht ihn nichts an. Und es ist dein Problem, wenn sie dich erwischen.“
„Ist klar.“
„Was wirst du machen?“, fragte ich.
„Was meinst du?“
„Mit dem Schlüssel.“
„Willst du das wirklich wissen?“
„Ja.“

Er zögerte, fischte eine Zigarette aus der Tasche und steckte sie sich an.
„Ich will in den Requisitenraum.“
„Warum?“
Er zuckte mit den Schultern und blies mir den Rauch ins Gesicht, aber ich sah ihn weiter an.
„Weil es dort eine Couch gibt.“, sagte er schließlich.
„Ja und?“
Er rauchte ein Paar Züge.
„Ja… und… Dafür, dass du eigentlich ganz clever bist, bist du manchmal ziemlich schwer von Begriff. – Ich brauche die Couch für ein Rendezvous.“
„Ein Rendezvous?“
„So kann man auch dazu sagen, wenn man will.“
Ich starrte ihn weiter an, ohne zu begreifen, was er sagte.
„Verdammt, Florin, was ist denn mit dir los?“, er drückte die Zigarette aus und stand auf. Seine Schuhe klirrten auf dem Kies. „Du bleibst jetzt schön hier sitzen und denkst darüber nach, was ich meine, und ich geh inzwischen ficken.“

Es war wie ein Schlag in den Magen. Es tat nicht augenblicklich weh, aber es wurde schlimmer mit der Zeit. Mein Kopf und mein Körper verloren ihre Kraft. Sven schien belustigt.
„Was ist denn los mit dir? Ich will ficken. Das ist alles.“
„Mit wem – und warum?“
„Die kennst du nicht.“
„Die?“
„Was dachtest du denn?“
„Ist sie deine Freundin?“
„Nein. Ich will’s halt mit ihr machen.“
„Aber warum?“
„Wie WARUM? Ich bin jetzt vierzehn, verflucht nochmal. Ich hab keine Lust, mein ganzes Leben lang zu wichsen.“
„Aber wie… aber wieso?“ Er sah mich ungeduldig an, während ich stotterte: „Wieso jetzt und mit der?“
„Mit wem soll ich sonst ficken? Mit dir vielleicht? Soll ich dich heiraten und mich von dir schwängern lassen?“
Ich blieb auf dem Boden sitzen. Ich hatte keine Kraft mehr. Auch keine Kraft, die Tränen aufzuhalten, die aus meinen Augen rannen.

„Sei doch nicht so unfassbar dumm!“, sagte Sven verärgert. „Du kannst manchmal so ein beschissenes kleines Kind sein.“
Dann kann er noch einmal näher, ging neben mir auf die Knie, hob mein Gesicht mit der Hand und wischte meine Tränen mit dem Daumen ab.
„Brauchst nicht weinen, Florin.“, flüsterte er ruhig und süß. „Sie sieht dir fast ein bisschen ähnlich. Sie hat braune Augen.“ Er strich mir mit dem Daumen die Tränen unter dem Augenlid weg. „Hat braune Locken.“, er fuhr durch meine Haare über das Ohr hinauf. „Genau wie du.“ Er legte seinen Daumen auf meinen Mund. „Und ihre Lippen und ihre Zunge schmecken nach Sirup.“
Seine Augen waren kalt. Kälter als ein Fluss.
„Sven? … Du hast gesagt, ich soll dir sagen, wenn es weh tut. Und jetzt tut es weh.“
Für einen kurzen Augenblick lächelte er warm und mild.
„Beim ersten Mal tut es immer weh.“
Er stand auf und ging davon. Er ging ficken.

Dumpfe Bässe waren zu hören und die versprengten Reste einer Melodie. Eine Band hatte vorne am Festplatz zu spielen begonnen und vielleicht würden ein paar Mutige tanzen. Der Himmel über dem schmalen Schacht der Nische war tief blau. Dunkel war es jetzt beinahe und das erste Gefühl das zurückkam, war die Hitze meiner Augen und meiner Wangen. Es brannte, als hätte ich Fieber. In der Dunkelheit sah ich Sven in meinen Gedanken. Wie er den Mann mit einem Schuss niederstreckt und weiterläuft. Ich hörte die Mädchen schreien: Ahnfeld, ich will ein Kind von dir. Und das eine Mädchen schaut auf das Spielfeld hinaus und dreht ihre braunen Locken in den Fingern. Beim ersten Mal tut es immer weh. Simon, der den Schlüssel vom Schlüsselring nimmt. Wenn sie ihn erwischen, ist es sein Problem, nicht meins. Du kannst manchmal so ein beschissenes kleines Kind sein. Ich hab keine Lust, mein ganzes Leben lang zu wichsen. Das Neonlicht blitzt zweimal auf und erhellt dann die lange Reihe der Kostüme. Was machen wir in Zukunft ohne dich? Sven legt mir den Daumen auf den Mund. Ihre Lippen und ihre Zunge schmecken nach Sirup. Du musst mir sagen, wenn es weh tut. Ich geh inzwischen ficken. Timo legt den Arm um ihn und fährt ihm durch die Haare. Ahnfeld, ich will ein Kind von dir. Davon ändert sich nichts, wenn ich dir sage, dass ich scheiße-traurig dabei bin. Vor allem wegen dir. Sven, der über die Wunde an meiner Hand leckt. Was glaubst du, was ich schon alles abgeleckt habe? Muss das sein, dass wir über Gefühle reden? Wir können auch einfach noch ein bisschen liegen bleiben. Sven, der auf dem Waldweg den Arm um meine Schulter legt. Sven, der mit dem Hund an der Leine die Straße entlang kommt. Du hast Freunde? Die kannst du ja das nächste Mal mitbringen. Die Schreie, die nachts durch meine Zimmerwand dringen, wenn ich schlafen will, gemischt mit dem Stöhnen und Grunzen meines Bruders. Und das nächste Mal, wenn dich jemand fertig macht, dann schlägst du ihm gleich in die Fresse und wartest nicht wieder ein halbes Jahr. Die betrunkenen Jungs, die ihn auf die Bühne zur Siegerehrung rufen. Dem Ahnfeld sind wir nicht mehr gut genug. Der geht aufs Internat. Ich will ficken gehen. Das ist alles. Sie sieht dir fast ein bisschen ähnlich. Sven, dessen Augen kälter werden als ein Fluss, seine Stimme grob und ungeduldig. Soll ich dich heiraten und mich von dir schwängern lassen? Sven, der sich auszieht, als wäre nichts dabei. Sven, der nackt die Straße überquert, zum Sportplatz hinüber. Wir machen ein Baby. Ich habe nicht gewusst, dass mich das interessiert. Du schmeckst nach Hustensaft. Ihre Lippen und ihre Zunge schmecken nach Sirup. Bring mich zum Lachen. Sven, der weint und mich umarmt. Zuletzt küsst er mich auf den Hals… Ich konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen… Es wurde kalt. Das war das zweite Gefühl das wiederkam. Ich hatte so lange geweint, dass ich nicht mehr konnte. Aber es ging doch wieder. Still – und kalt, wie seine Augen. Sven der über dem Mädchen zu stöhnen beginnt. Das Geräusch zieht über die kalten, verstaubten Kostüme, hallt von den dunklen Ecken wieder. Er riecht nach Bier. Das Mädchen hat Schmerzen. Beim ersten Mal tut es immer weh. Sven schließt die Augen.

Geräusche in den Sträuchern, Schritte auf dem Kies. Die dritte Wahrnehmung, die wiederkam, aber ich sah nicht auf. Es war Sven, gelangweilt und ungeduldig nach vollbrachter Tat. Er setzte sich vor mir auf den Boden, legte mir die Hand aufs Knie.
„Jetzt sitzt du immer noch hier rum.“
Er fasste mir mit der Hand ins Gesicht, hob meinen Kopf an, wie ein Arzt, der einem in die Augen leuchtet. Er strich mir durch die Haare.
„Komm Florin, lass uns gehen. Gehen wir was trinken. Ich lad dich ein.“
Er hielt meinen Kiefer fest mit seiner Hand. Er kam mir nahe mit seinem Gesicht.
„Sie hat geblutet.“, sagte er. Er küsste mich auf den Mund und ich zog ihm den Ellbogen durchs Gesicht. Er fiel auf den Rücken und gegen die Mauer. Als er sich aufrichtete, blutete er aus der Nase. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Auf allen vieren kam er wieder näher. Das Blut rann ihm in den Mund und über die Lippen, tropfte auf die Steine und kroch ihm über den Hals. Er drängte sich gegen mich und drückte seine Stirn gegen meine Schläfe, roch an meinem Hals und sein Blut tropfte mir aufs Schlüsselbein. Noch einmal küsste er mich auf den Mund, dann stand er auf und ging davon, seine Schritte auf dem Kies verhallten und nur eine Spur feiner Tropfen blieb zurück. Und ich.

Auf einmal hörte ich es kichern und knacken. Die Äste der Sträucher neben mir wurden auseinander gebogen und eine Gestalt kam daraus hervor. Vor ihr leuchtete das kleine rote Licht eines Camcorders.
„Na Hawking, wie geht’s?“
Ich starrte in das rote Licht. Meine Augen hatten wieder angefangen zu weinen, obwohl mir schon der Kopf wehtat.
„Ich hab dich voll im Bild dank Infrarot. Wenn du also jemand grüßen willst, ist jetzt die Gelegenheit… Vielleicht ein paar Grüße an Severin? – Nein? …Ich hab’s dir ja gesagt, Hawking: Halt dich von ihm fern.“


---

Vielen Dank, nademaro.
Wiederum besten Dank, bluesky. Klar, es ist ein großes Vergnügen am Schreiben, dass man eigene Erlebnisse (und auch Menschen, die man kennt) in einer Welt auftreten lassen kann, die man voll kontrolliert. Aber am besten wäre es natürlich, wenn es für Thomas für jeden Leser ein eigenes „reales“ Vorbild gibt. Anders gesagt, ich hoffe sehr, dass es für Thomas ein reales Vorbild gibt, aber damit ist nicht gesagt, dass ich es kenne… - Vielen Dank für deine allgemeine Kritik. Severins Backstory zu erzählen, ist natürlich eine Versuchung. Ich weiß nicht, ob es klug war, ihr zu widerstehen…
Vielen Dank, Cyprus! Ich würde mir natürlich wünschen, dass die Geschichte möglichst viel gelesen wird. Aber ich glaube nicht, dass sich ein Verlag dafür interessieren würde. Und öffentlich zugänglich ist sie hier ja für jeden. Es käme nur darauf an, dass ihr sie euren Freunden weiterempfehlt.
Grüße in die Runde, Amon

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Re: Die Maschine

Beitragvon Connery » 25 Mär 2013, 19:07

Das war´s nun? Ich muss sagen ich hatte schwer mit den Tränen zu kämpfen und ich bin sehr Verwirrt was das Ende betrifft.
Amon... Ich liebe dich :D

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 25 Mär 2013, 20:43

Scheizze..
Ist das ein gutes Kapitel..
Hammer mäßig..
Bin total begeistert..
Ein spannungsbogen pur..

Armer Florian..aber so ist das leben..
Bin weiter gespannt was noch passiert..:D
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 28 Mär 2013, 20:36

(Vielen Dank, Connery; überraschende Liebesbekenntnisse von Fremden verbessern meine Laune enorm. *smile* Und ja, eigentlich ist die Geschichte zu ende. Eigentlich, weil ich vielleicht noch ein paar Kapitel als Anhang posten kann. Das muss ich mir noch überlegen.
Auch dir vielen Dank, nademaro. Irgendwann ist nur, was weiter passiert, jedem Leser selbst überlassen.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 28 Mär 2013, 20:43

O.o..

Wir müssen dir danken für eine Wahnsinns Story..

Oh. Nein..da spinn ich mir viel zu viel zusammen..hihi..:D
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon Cyprus » 29 Mär 2013, 12:53

Irgendwie zwar ein "echtes" Ende, hat aber zum Schluss ein bisschen was von: haaach kein Bock mehr, so zack er haut ihm eine und dann geht er.
Naja, wahrscheinlich muss es genau so sein. Schließlich ist da ja auch nicht mehr zu zu sagen, als der Ellebogen in sein Gesicht !
Ich fand die Gedankenfetzen als Reprise, so ein bisschen á la Woyzeck ganz gut gelungen :) !!!

LG Cyprus (ab sofort hält mich wohl nichts mehr an diesem Forum :( ... )
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Re: Die Maschine

Beitragvon thysiru » 02 Apr 2013, 18:59

Jetzt ist sie also zu Ende, die Geschichte von Florin und Sven. :cry:

Aber leider wissen wir immer noch nicht, warum die Geschichte "die Maschine" heißt.
Oder hab ich was überlesen?

Ich war tatsächlich ein paar Tage echt fertig, obwohl es ja "nur" eine Geschichte ist; ich habe mich wohl sehr viel mehr mit dem armen Florin identifiziert, als mir klar war. Ich hab auch mal was ähnliches erlebt mit einem Bi, der nicht wußte, was er wollte.

Das heißt: eigentlich wußte er das schon, nämlich Sex mit einer Frau und einem Mann im selben Zeitraum, ohne sich irgendwie festlegen zu müssen. Aber da ich mich in ihn verliebt hatte, kam ich dadrauf nicht klar.

Mit dem Ellbogen durchs Gesicht ist Sven nocht verdammr gut weggekommen. Besonders perfide fand ich es, daß er auch noch Florin dazu einspannt, um an den Schlüssel zu kommen, damit er seinen Fick auf der alten Couch durchziehen kann.

Amon, Du hast die Geschichte echt sehr realistisch wirken lassen; die Charaktere waren insgesamt glaubhaft. Daß sie kein happy End hat, ist wie aus dem Leben gegriffen...

Auch, wenn ich nur selten etwas kommentiert habe, so hab ich doch jede Folge gespannt und sehnsüchtig erwartet und mit viel Freude gelesen.

Du hast echt Talent! :applause:

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 06 Apr 2013, 13:34

(Unmittelbar folgt das siebenundvierzigste Kapitel: „Buddhismus“, in dem sich Florian bemüht, sein Leben zu ändern.)

*

[47] Buddhismus

Es war vier Uhr morgens, oder etwas später. Der Himmel wurde langsam hell, aber von der Sonne war noch lange nichts zu sehen. Kühler als jetzt würde es den ganzen Tag nicht sein. Ich verließ den Bungalow durch die Terrassentür in den kleinen Garten hinaus, setzte mich in den Liegestuhl und wartete. Ich wartete darauf, dass die Übelkeit in meinem Magen nachlassen würde, und dass die heißen Schauer, die durch meine Wirbelsäule zogen, allmählich verschwinden würden. Irgendwann war mein Atem ruhig geworden und ich zitterte ein bisschen, aber nur von der Kälte. Es war das gleiche, wie jeden Morgen. Dann fühlte ich mich endlich so leer, wie der blasse Himmel. Meine Armbanduhr zeigte fünf, ich zog meine Turnschuhe an und begann zu laufen. Rannte einen schmalen Weg entlang, hinter dem Bungalowdorf, an Orleander vorbei, bis die kleinen Stufen auf den Strand hinunter führten. Ich überquerte den trocknen Sand, der aufsprühte, und setzte meinen Weg auf dem festen nassen Streifen über der Brandung fort. Das Meer glitzerte grau und silbern, Vögel standen darüber im lauen Wind. Hier am Strand schien es mir fast so, als wäre das Leben in Ordnung. Der frühe Morgen, wenn ich mit keinem reden musste, und wenn ich allein war, sicher allein, war auch die einzige Zeit, in der ich ein bisschen nachdenken konnte. Später, wenn es ganz warm geworden war, und wenn es überall nach Schweiß und Sonnencreme roch, wurde mir schlecht davon. Die acht Stunden Fahrzeit nach Italien hatten sicher zu den schlimmsten Stunden gehört, die ich je in einem Auto verbracht hatte. Es war eng geworden und zu heiß und das Radio war unvermeidbar. Ein achtstündiger Kampf gegen Übelkeit, Wutausbrüche und das überwältigende Bedürfnis, in Tränen auszubrechen. Ich hatte mich schlafend gestellt, die meiste Zeit, und hatte mein Gesicht gegen die Tür gedrückt. Jetzt schien die Enge und Verzweiflung weit zurück zu liegen, weiter als vier Tage, und die Welt schien offen dazuliegen und flog rasch unter meinen Turnschuhen davon.

Zurück am Bungalow war es halb sieben und dann, frisch geduscht, saß ich wieder im kleinen Garten und wartete ab. Ab jetzt ging es bergab mit dem Tag. Ein kurzer Gang, vor zum Supermarkt, um Milch, Brot und Obst zu kaufen; ein schmaler Bruchteil der Bevölkerung war schon auf den Beinen. Väter mit sehr kleinen Kindern und die Angestellten der Feriensiedlung, Mütter, die ihre nicht mehr ganz so kleinen Kinder mit Sonnenmilch einrieben, Rentnerehepaare aus Eichstätt und Oberösterreich. Es machte mich irgendwie fröhlich, die Regale im engen, überteuerten Geschäft zu sehen. Taucherbrillen und Schnorchel gab es zu kaufen, Kartenspiele und Tischtennisschläger. Es sah dort so aus, als könnte man sich amüsieren. Tatsächlich war es für mich persönlich natürlich völlig unmöglich, mich zu amüsieren. Das Wasser war trübe vom Sand, sodass man nicht schnorcheln brauchte, und mit meinen Eltern Tischtennis zu spielen, kam auf meiner To-Do-Liste noch nach dem Wunsch, mir einen der kleinen Krebse am Strand in die Badehose zu stecken. Um mich zu amüsieren, hätte ich Freunde gebraucht, aber ich hatte auch keine Lust, mich mit jemandem anzufreunden. Es gab zwar viele Kinder und auch ein paar Jugendliche in meinem Alter, die am Pool herumlungerten und an der Bar den Kicker in Beschlag nahmen, aber die Chancen standen nicht schlecht, dass es die gleichen Arschlöcher waren, wie ich sie von zu Hause kannte – wozu also die Mühe?

Meinen Eltern fiel es natürlich auf, dass ich noch weniger sprach als sonst, und dass ich im Morgengrauen aufstand, um nach dem Mittagessen den halben Tag zu verschlafen, und um halb zehn wieder ins Bett zu gehen, aber sie konnten auch nichts dagegen machen und ich selbst gab mir Mühe, mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlten. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machten. Und solange nichts Vorwurfsvolles oder Aufsässiges in meinem Verhalten war, griffen sie auch nicht ein. Zumindest nicht erheblich. Ein Tagesausflug nach Venedig war angesetzt, obwohl es so ein verkommenes Touristennest war, ein zweiter in ein malerisches Fischerdorf mit weniger Touristen und billigerem Kaffee – und abends fragte mich mein Vater häufiger, ob wir am Kicker gegeneinander spielen sollten, oder ob ich Münzen für den Flipperautomaten wollte. Damit war das Repertoire ihrer erzieherischen Maßnahmen zur Verbesserung meiner Laune und zur Errichtung eines Vertrauensverhältnisses glücklicherweise erschöpft. Hinter vorgehaltener Hand hatte mein Vater wieder zu seiner alten Redeweise zurück gefunden: Es ist halt die Pubertät. War es wirklich die Pubertät? War die Pubertät daran schuld, dass mindestens die Hälfte aller Menschen völlig unerträglich, dumm, brutal und stumpfsinnig ist? War wirklich die Pubertät daran schuld, dass unsere Ferienanlage mit Bungalowdorf und Campingplatz eine verdammte Fabrik war, in der mittelmäßiges Wohlbefinden für kleine Kinder, Väter, Mütter und Rentnerehepaare aus Eichstätt und Oberösterreich hergestellt wurde und sonst nichts? War wirklich die Pubertät an den Quallen schuld, die am zweiten Tag im Wasser getrieben hatten, und an den 34 Grad im Schatten? Und wer war überhaupt diese Pubertät, dass sie ein Grund sein konnte, mich nicht ernst zu nehmen? Da ich im Grunde aber auch keinen Wert darauf legte, von meinen Eltern ernst genommen zu werden, verzichtete ich auch gerne darauf, über diese Sachen noch weiter nachzudenken.

Überhaupt verzichtete ich viel in diesen Tagen. Ich hatte vergessen, Bücher einzupacken, hatte ursprünglich geplant, mich am Morgen unserer Abreise noch darum zu kümmern, hatte dann aber schon genug damit zu tun gehabt, nicht loszuheulen oder wahlweise meinen Vater als Arschloch und Hurensohn zu beschimpfen oder meine Mutter als fettige Ratte. Ich konnte manchmal so unfassbar wütend werden, auch wenn es mein Gegenüber nicht verdient hatte, und es wurde nicht besser davon, dass ich mir nie etwas anmerken ließ. Jetzt saß ich jedenfalls vor dem Bungalow oder am Strand herum, ohne ein Buch in den Fingern, und das fiel meinen Eltern als eine weitere Absonderlichkeit auf. Im kleinen Supermarkt gab es einen Drehständer mit fremdsprachigen Taschenbüchern, aber auf Deutsch gab es nur Ärzteromane für Frauen oder Krimis für Erwachsene oder Sciencefiction für Idioten. Auch ein altes, schäbiges, französisches Taschenbuch gab es dort, das bestimmt schon drei oder viermal gelesen und weiterverkauft worden war. Darauf war die schwarz-weiß-Fotographie eines Jungen von fünfzehn oder sechzehn Jahren gedruckt. Der Titel sagte irgendetwas über Schatten im Plural. Mehr hatte ich im letzten Schuljahr nicht gelernt. Ich hätte es gerne gelesen, aber ich verstand keine zwei Sätze und ich hätte es höchstens in der Hoffnung kaufen können, in meiner Schullaufbahn noch genug zu lernen, um das erste Kapitel zu verstehen. Ich saß nun also herum, ohne etwas zu lesen, und ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und kam mir langsam vor, wie ein Buddhist.

Bei einer meiner nachmittäglichen Meditationen unterm Sonnenschirm am Strand, kam mir plötzlich ein überzeugend-klarer Gedanke: Ich konnte einfach aufhören, über Sven nachzudenken. Seine undurchschaubare Gleichgültigkeit, in der Zärtlichkeit lauerte und Brutalität, musste mir keine Rätsel mehr aufgeben. Der Unterschied zwischen seiner warmen Haut und den kalten Augen konnte mir egal sein. All die kleinen Ungewissheiten, warum er dies und jenes getan hatte, brauchten mich nicht mehr zu kümmern. Warum er mir in die Knie getreten und mich beleidigt hatte, warum er damit aufgehört hatte, warum er sich mir zum Kampf gestellt und mich mit in die Turnhallte und zur Papierfabrik genommen hatte… Weiter wollte ich nicht fortschreiten in meiner Liste, denn da wurde es zu schmerzhaft und zu süß. All das, was mir an Rätseln über Severin geblieben war, musste nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich musste ihn nie wieder sehen. Ich konnte ihn aus meinem Alltag löschen. Dieser Gedanke war eine Sensation, eine Befreiung, die mich den halben Tag in Hochstimmung versetzte und in Reinform das war, was sich mir beim morgendlichen Joggen am Strand jeweils angedeutet hatte. Ich hatte auch wirklich genug von der ganzen Sache. Ich hatte genug davon, verliebt und weinerlich zu sein. Ich hatte genug davon, das Anhängsel eines unberechenbaren Jungen zu sein und auf seine Launen zu spekulieren, wie ein Meteorologe auf das Wetter. Ich hatte genug von seinen Streichen und Spielen und sogar von seiner körperlichen Nähe. Sein Körper war eine Maschine, von Insulin und Traubenzucker am Laufen gehalten, die darauf aus war, zu zerstören und selbst zerstört zu werden. Es war die Maschine, die einen Menschen töten konnte, und mit der er ficken ging.

Da hatte ich schon wieder ein bisschen zu viel gedacht, stand auf und sagte meinen Eltern, dass ich zum Bungalow zurückgehen wollte, um kalt zu duschen, denn mir wäre einfach zu heiß. Tatsächlich ging ich aber doch wieder zum Supermarkt hinauf, um mir das französische Buch anzusehen. Es war angenehm im Laden, besonders vor der Kühltheke. Dort verbrachte ich eine halbe Minute und wollte mich dann wieder dem Drehständer mit den Taschenbüchern widmen, als ich einen Jungen sah. Ich sah ihn für einen kurzen Augenblick zwischen zwei Regalen stehen. Er war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, mit brauner Haut und dunklen Augen. Die schwarzen Haare reichten ihm bis zu den nackten Schultern und für einen kurzen Augenblick blitzten seine weißen Zähne auf. Ich schaute ihn an, ohne zuerst zu verstehen, woher ich ihn kannte. Dann, als er das Geschäft verließ und sich im Hinausgehen noch einmal zur Kassiererin umdrehte, fiel es mir ein: Es war der Junge aus der Sommernacht vor einem Jahr, der auf dem Weg in der Dunkelheit verschwunden war und sich noch einmal zu mir umgedreht hatte. Der gelacht hatte mit seinem Freund, in kurzen Hosen. Ich bemerkte den Herzschlag über meinem Brustbein. Vor einem Jahr – und trotzdem war mir der kurze Augenblick ganz gegenwärtig. Die Nachtluft war durch meinen Schlafanzug gefahren und ich hatte noch nichts verstanden von der Welt. Auf dem Weg zurück zum Bungalow (ich hatte nichts gekauft und die Kassiererin hatte mir einen merkwürdigen Blick zugeworfen) wurde mir klar, wie unsinnig und unwahrscheinlich das alles war. Wir waren damals auf einem anderen Campingplatz gewesen, auf der anderen Seite des Landes, in der Toskana, nicht hier. Nur für wenige Sekunden hatte ich ihn damals gesehen und selbst das war bei der Dunkelheit zu viel gesagt. Letztlich war es auch gleichgültig, ob es derselbe Junge war. Was spielte das für eine Rolle? Ich hatte damals nichts mit ihm zu tun gehabt und auch jetzt kannte ich den Fremden nicht. Immerhin, es wäre doch ein eigenartiger Zufall. Gleichgültig vielleicht, aber doch eigenartig.

An diesem Abend ging ich mit meinen Eltern zur Pizzeria. Danach kauften wir Eis und gingen flanieren, wie mein Vater sagte. Es war spät, als ich ins Bett kam, und ich konnte trotzdem nicht gleich schlafen. Aber rechtzeitig vor Sonnenaufgang lag ich wieder wach. Die Strecke den Strand entlang wurde immer länger. Früher war ich nie gelaufen. Jetzt war ich schon ein bisschen danach süchtig. Ich fühlte mich frei dabei und wenn ich nachher still im Garten saß, wurde mein Körper von einem warmen Glück überschwemmt. Am Vormittag ging ich zum Pool hinauf und saß dort auf einem der Liegestühle herum oder zog ein paar Bahnen. Kurz nach Mittag ging ich wieder vor zur Rezeption, an der Bar und am Kicker vorbei, um ins Internet zu gehen. Es gab dort, bei der Rezeption, eine Reihe altmodischer Computer an denen man bei halbstündiger Bezahlung online gehen konnte. Zuletzt war ich das irgendwann in Deutschland noch gewesen, vielleicht am letzten oder sogar vorletzten Schultag. Ich sah mich um, während die Verbindung meine E-Mail-Seite lud. Die anderen Rechner waren nicht besetzt; lediglich in der Ecke saß ein junger Mann, der mit seiner Maus ungeduldig auf den Tisch klopfte. An der Decke über mir drehte sich ein Ventilator. Vier neue Nachrichten in meinem Posteinang: zwei davon von Severin Ahnfeld. Eine am ersten Ferientag verschickt, eine gestern Vormittag, jeweils kein Betreff. Ich klickte auf „Löschen“ ohne sie zu öffnen. Das war ein gutes Gefühl. Sie würden noch vierundzwanzig Stunden in meinem Papierkorb liegen und dann restlos verschwunden sein. Ich konnte Severin aus meinem Alltag löschen. In meiner Erinnerung würde ein kleiner Rest liegen bleiben, mit begrenzter Haltbarkeit. – Eine Nachricht von Christian, gesendet am ersten Ferientag: „Hey Florian, geht’s dir gut? Alles Gute für deinen Urlaub, hab eine schöne Zeit. Kannst mir gerne schreiben. LG, Christian.“ Zurück zum Posteigang. Die vierte Nachricht stammte von einer Adresse, die ich nicht kannte, versendet am ersten Ferientag. Den Leuten wurde offensichtlich schnell langweilig ohne Schule. „Kino?“ war der Betreff. „Hallo Florian, hab eine neue E-Mail-Adresse. Ansonsten alles klar? Schöne Ferien! Genieße deine ‚Schonzeit‘. Wir sehen uns spätestens im September wieder… Lass uns dann doch wieder Kino machen! Hier schon mal ein Trailer: [youtube.com/link]. Küsschen!!!“


---

(Am Montag folgt das achtundvierzigste Kapitel: „Pozor!“, in dem Florian eine neue Bekanntschaft macht und an die Grenzen seiner Fremdsprachenkenntnis stößt.

Danke, Cyprus. Ich hab schon noch Bock, aber ich kann dir nicht versprechen, dass dir der Anhang, der jetzt doch noch kommt, besser gefallen wird, als das abrupte Ende…
Das stimmt, thysiru, die Erklärung des Titels war ich dir noch schuldig geblieben. Und vielen Dank für das viele Lob!)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 06 Apr 2013, 13:55

Juch..
Ich hab richtig die Wut und die Gleichgültigkeit gespürt..
Der Wahnsinn..

Ohh,.wer da geschrieben hat..hihi..
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon luckyAss » 07 Apr 2013, 01:25

ich hab bisher nur gelesen und mich aus den Interpretationen rausgehalten. Jetz muss ich aber schreiben! Ich fand das Ende bisschen abrupt und bin jetz umso glücklicher, dass die wirklich großartige Geschichte weitergeht!

LG luckyAss

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 08 Apr 2013, 17:46

[48] Pozor!

Was für eine unsinnige E-Mail! Ich las sie noch ein zweites und ein drittes Mal durch. Ich schloss mein Postfach und löschte vorsichtshalber den Browserverlauf. Für mich gab es nichts mehr zu tun und ich verließ den Computerraum. Machte auf dem Weg zurück einen Umweg über den Pool und ging ein zweites Mal am Kicker vorbei. Ich fühlte mich gut. Ich hatte das Richtige getan. Noch dreiundzwanzig Stunden und vierzig Minuten, dann wären Svens Worte, mit denen er mich doch wieder nur in ein altes Spiel verstrickt hätte, unwiederbringlich verschwunden. Christian – nun ja. Und dann dieser Schwachkopf, der mir seine neue E-Mailadresse geschickt und zugleich vergessen hatte, seinen Namen darunter zu setzen. Immerhin musste es jemand aus meiner Klasse sein und jemand der mit mir wieder ins Kino gehen wollte. Es war nicht schwer, auf Emma zu tippen. Dennoch war die Nachricht eigenartig formuliert… - Meine Unruhe hielt an, trieb mich den Strand entlang und immer wieder zu ein paar Erkundungsgängen durch die Feriensiedlung. Meine Mutter fand das merkwürdig, vielleicht sogar besorgniserregend, aber mein Vater flüsterte ihr zu: „Besser als wenn er die ganze Zeit nur rumsitzt.“

Es war am nächsten Tag, als ich am Nachmittag zu einem längeren Strandspaziergang aufbrach. Ich hatte die Frist verstreichen lassen und die einzige Möglichkeit, den Inhalt von Severins E-Mail zu kennen, war jetzt, ihn selbst zu fragen. Ich hatte das Schlimmste hinter mir. Irgendwann wurde es mir zu blöd, in die Sonne zu blinzeln und den Sandburgen kleiner Kinder auszuweichen, also bog ich ab, auf einen schmalen Pfad weg vom Strand. Es ging an einem Holzzaun und an einem Parkplatz vorbei, wo Autos in der Sonne glühten. Dann kam man allmählich wieder in die Gefilde der Feriensiedlung. Es war der Campingplatz unserer Anlage, der sich bis hierher, weit nach Süden zog. Und zu meiner Rechten war mit einem Mal ein hoher Metallzaun hinter dem auf einem geteerten Rechteck zwei Fußballtore standen. Ich blieb stehen. Ein kleiner Junge stand dort in einer weißen Badehose, sah einem anderen, vielleicht seinem großen Bruder zu, der einen Fußball mit den Knien und dem Kopf in der Luft hielt. Abgesehen von seiner schwarzen, engen Badehose war sein ganzer brauner Körper in der Sonne. Die schwarzen Haare fielen ihm bis auf die nackten Schultern. Nüchtern stellte ich fest, dass er schön war. Ein Mädchen würde sich sicher sofort in ihn verlieben, dachte ich. Es hätte mir gefallen, so gebräunt zu sein wie er, und lange Haare zu haben. Sein Körper war fest und glatt, bewegte sich leicht und sicher, wie ein Ruder im Wasser. Ich musste mich zwingen, weiter zu gehen. Ich musste mich zwingen, weiterzugehen und nicht umzuschauen. Ich konnte nicht sicher sein, ob er es war. Aber jetzt wusste ich, wo ich ihn finden konnte.

Ich ging zurück zum Bungalow, beunruhigt und verwirrt. Der junge mit den schwarzen Haaren, die E-Mail, die in meinem Posteingang geblieben war, die anderen beiden, die für immer verschwunden waren, der Junge, der in der Sommernacht verschwunden war, und der andre Junge, der jetzt Fußball spielte und derselbe war. Nach dem „Duschen“ ging es mir besser. Ich zog mir ein anderes T-Shirt an und ging denselben Weg zurück. Jetzt war das Fußballfeld aber verlassen. Mit meiner Mutter spielte ich Federball, obwohl es nicht windstill genug war, und mein Vater hatte sich eine deutsche Tageszeitung besorgt, über die er schimpfen konnte. Am Abend wurde gegrillt und dann spielten wir Karten und ich tat so, als wären wir eine glückliche Familie. Wahrscheinlich war das mehr oder weniger sogar der Fall.

In der letzten Woche wurde es noch einmal anstrengend. Meine Eltern freundeten sich mit einem Ehepaar aus Neu-Ulm an. Der Mann war auch ein ausgewiesener Stau-Experte und die Frau passionierte Gärtnerin. Ihre Tochter war sechzehn und ziemlich schlecht gelaunt und sie verstand nicht, dass ich auch nichts dafür konnte, dass ihre Eltern sie gezeugt, geboren und mit nach Italien geschleift hatten. Das war nun also endlich einmal diese Pubertät, von der ich schon so viel gehört hatte. Manchmal musste ich darüber lachen, wie unmöglich sie sich benahm. Die meiste Zeit wollte ich sie aber ohrfeigen. Hätten der Stauexperte und die Gartenfanatikerin wenigstens einen Sohn gehabt, dann hätte ich mit ihm Fußballspielen können, oder wir hätten uns Bier gekauft, um uns am Strand zu betrinken, oder Streichhölzer, um ein Zelt anzuzünden. Aber so langweilten wir uns gegenseitig und wurden jeden Tag ein bisschen aggressiver.

Einmal als ich am geteerten Fußballplatz vorbeikam, war dort ein wildes Spiel im Gange. Es waren hauptsächlich Kinder, die ein bisschen jünger waren als ich. Aus ihrer unkontrollierbaren Schar ragten ein paar Große, zu denen auch der eine Junge mit den langen schwarzen Haaren gehörte. Sie flogen im Wind, wenn er rannte, und an seinen Beinen und an seinem Bauch tanzten Muskeln unter der gebräunten Haut. Ein langer Schuss – und der Ball flog über den hohen Metallzaun auf den Weg und rollte ins Gebüsch. Es dauerte zwei Sekunden, bis ich reagierte und ihn holen ging. Ich warf ihn in hohem Bogen über den Zaun zurück und ein paar der Kinder riefen etwas in einer anderen Sprache.

Am nächsten Tag zur selben Zeit waren sie wieder dort. Als ich vorbei gegangen war, hörte ich es hinter mir rufen. Ich drehte mich um und der eine Junge mit den langen Haaren kam an den Zaun und rief mir etwas zu. Ich dachte erst, es ginge wieder um einen verschossenen Ball, aber der war noch zu sehen. Noch immer rief er etwas. Mit den Fingern griff er in die Maschen des Zauns und zog sich ein Stück nach oben. Hing dort in der stillen Mittagshitze. Dann, als ich herangekommen war, ließ er sich auf den Boden fallen und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Es war kein Italienisch, das er sprach. Seine Stimme war weich und tief, sein Tonfall freundlich. Ich konnte seine Haut riechen, als er vor mir stand und seine Fingerspitzen waren rot.

Ich schüttelte den Kopf, dass ich nicht verstanden hatte. Ich zeigte auf ihn und die anderen Kinder.
„Deutsch? English? Français?“, fragte ich.
Er lächelte mich an.
„Slovencina.“, sagte er und schüttelte leicht den Kopf. Er winkte noch einmal mit der Hand, deutete, dass ich in den Zaun kommen sollte, vielleicht um mitzuspielen. Ich folgte seiner Einladung.
„Toi jouer avec nous.“, [Du spielen mit uns.] sagte einer der Jungen mit starkem Akzent, mehr oder weniger auf Französisch und soweit ich es verstand. Er deutete nacheinander auf meine Teamkameraden und das Tor.
„Toi, lui, lui, lui, lui, et lui. Là! Moi et les autres, là.“ [Du, er, er, er, er, und er. Da! Ich und die anderen, da.] Damit war zwar immer noch nicht klar, ob ich das entsprechende Tor angreifen oder verteidigen sollte, aber das entschied sich mit der Verteilung des Tormannes.

Technisch war das Spiel alles andere als gelungen. Der Boden war unglaublich heiß, die Sonne blendete und man musste aufpassen, keinen der kleineren über den Haufen zu rennen. Der schöne Slowene spielte im gegnerischen Team und ich behielt ihn im Auge. „Pozor!“ schrie er manchmal und der kleine Junge in der weißen Badehose folgte seinem Kommando. Vielleicht hieß der Kleine so. Ich hätte gerne seine Sprache verstanden. Der Junge, der Französisch konnte, spielte auch nicht schlecht, obwohl er einen Kopf kleiner war als ich. Er und sein Bruder führten unsere Mannschaft an und ich glaube, die beiden waren Italiener. Soweit ich die Sache verfolgen konnte, lagen wir am Ende mit drei zu zwei in Führung. Allerdings wusste ich natürlich nicht, mit welchem Spielstand wir begonnen hatten. Wir hatten nicht allzu lange gespielt, nicht länger als eine dreiviertel Stunde, denn es war furchtbar heiß. Schließlich gab es mehrere Wortwechsel in verschiedenen Sprachen und ein paar Kinder mussten gehen, leider auch das, dem der Ball gehörte. Es gab wieder ein kurzes Gerede und dann fingen die übrig gebliebenen an zu laufen. Der Slowene deutete auf den Stand hinunter.
„Spiaggia“, sagte der Italiener, schob auf Französisch nach „Plage. Nous aller nager un peu.“ [Strand. Wir gehen schwimmen ein bisschen.] Und in vollem Tempo jagten sie den Weg am Parkplatz und am Bretterzaun vorbei zum Strand hinunter, zogen die Schuhe aus und sprangen ins Wasser, als wäre es ein Wettrennen. Wahrscheinlich war es auch eins. Ich folgte ihnen und für eine kurze Zeit war ich ziemlich glücklich.

Zwei Minuten dauerte das Vergnügen, sich gegen die Wellen zu werfen und einander zu tauchen und nass zu spritzen. Dann liefen der Slowene und der kleine Pozor an den Strand hinauf. Sie winkten uns und riefen CIAO und AHOJ. Der kleine Pozor warf uns einen Luftkuss zu und dann jagten sie den schmalen Weg davon, zurück auf den Campingplatz. Auch die Italiener gingen.
„Vous jouez demain?“ [Spielt ihr morgen?], fragte ich sie, aber sie zuckten mit den Schultern, hatten mich entweder nicht verstanden oder aber sie konnten es mir nicht sagen, ob sie morgen spielen würden. „Ciao“, sagten sie noch einmal und dann waren sie fort und ich war mit ein paar kleineren Kindern zurückgeblieben und mit einem Jungen mit ein bisschen Übergewicht und Sommersprossen.
„Also Servus, Ciao, ich muss zum Essen.“, sagte er und ich starrte ihn an.
„Du kannst mich verstehen?“, fragte ich.
„Ja, freilich. Gestatten, Felix aus Klagenfurt.“, sagte er ziemlich förmlich.
„Ich bin Florian. Sag mal, du lässt mich die ganze Zeit Französisch reden… Ich hab doch vorher gefragt, ob einer von euch Deutsch spricht.“
„Ich sprech ja auch kein Deutsch, sondern Österreichisch.“, sagte der kleine Arsch und verzog sich. Ich hatte auch keine Lust gehabt, ihn zu fragen, ob er morgen wieder spielen würde, nickte den verbliebenen Kindern zu und ging am Strand entlang zum Bungalow zurück.

Natürlich trieb ich mich wieder am Fußballplatz herum, aber der schöne Slowene, wie ich ihn jetzt nannte, Pozor und die Italiener waren nicht mehr zu sehen. Stattdessen hielten sich dort ein paar Achtzehnjährige auf, die ein bisschen gefährlich aussahen. Der Urlaub ging langsam seinem Ende entgegen. Noch vier oder fünf Tage. Ich spielte noch zwei Mal mit ein paar Kindern Fußball, aber der schöne Slowene war nicht mehr dabei. Ich hielt weiter nach ihm Ausschau, am Strand, bei der Bar und im Supermarkt, aber vielleicht war er schon wieder abgereist. Felix aus Klagenfurt sah ich noch einmal am Pool, wo er mit seinen beiden Schwestern die Zeit totschlug. Ich versuchte erst, ihm aus dem Weg zu gehen, aber schließlich sprach er mich doch an, als wir am Sprungturm anstanden und dann musste ich mich mit ihm unterhalten. Es stellte sich heraus, dass er eigentlich ganz nett war. Immerhin besser als die Tochter aus Neu-Ulm. Er war erst elf, hatte eine altmodische, eitle Art zu sprechen, und war auch sonst ein bisschen bemüht, anzugeben. Wenn man darüber hinweg sah und er verstanden hatte, dass man ihm auch so zuhörte, war er ein harmloser, lieber Kerl. Ich verbrachte einen Abend mit ihm am Kicker und einen Nachmittag am Strand. Er kannte alle Quadratzahlen bis Vierhundert auswendig und konnte das Alphabet rückwärts in fünf Sekunden aufsagen, sagte aber JE statt JOTT. Ich fragte Felix ob er den Slowenen kannte und wusste, wo er geblieben war.
„Falls du den Adam meinst, dann weiß ich erstens nicht, wo er ist, und zweitens ist er kein Slowene sondern aus der Slowakei.“
Ich wusste nicht genau, warum, aber darüber dachte ich sehr lange nach.


---

(Am Mittwoch folgt das neunundvierzigste Kapitel: „Küsschen“, in dem sich Florian, von einem Traum geweckt, in einem Albtraum wiederfindet.

Danke, nademaro!
Danke, luckyAss; freut mich.)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 08 Apr 2013, 18:15

Jaja..
So ein Urlaub kann echt langweilig werden..hihi..
ich fress papier und kotz konfetti

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 10 Apr 2013, 20:47

[49] Küsschen

Es war die vorletzte Nacht des Urlaubs, in der ich einen merkwürdigen Traum hatte. Ich war auf einem Fußballfeld, das am Strand gelegen war, und immer wieder spülte die Brandung über das Feld, das schließlich nur aus Sand zu bestehen schien. Zuerst war noch ein wildes Spiel im Gange, dann war ich allein. Im Strafraum des anderen Tores sah ich den kleinen Pozor mit dem Ball und sein großer Bruder, der schöne Slowake machte im Torrahmen ein paar Klimmzüge. Er lief durch die Brandung und an seinen Haaren und seinem grünen Fußballtrikot zerrte ein starker Wind. Er lief auf mich zu und neben mir stand Felix aus Klagenfurt und fürchtete sich. Später sah ich, wie der Slowake Felix mit dem Gesicht ins flache Wasser der Brandung drückte. Der trat und schlug um sich und versuchte sich zu befreien aber der Slowake hatte seinen Kopf fest im Griff und drückte ihn in den überspülten Sand. Ich ging hin und da ließ er Felix los und drehte sich zu mir um. Das Gesicht war verändert, war mir bekannt. Er sagte meinen Namen und redete mich auf Französisch an.
„Qu‘ est-ce que tu fais ici?” [Was machst du hier?], fragte ich den Slowaken.
„Je t’ai écrit.“ [Ich habe dir geschrieben.], sagte er.

Dann wachte ich auf. Es war noch lange vor meiner Zeit, war gerade erst halb zwei. Nach einem kurzen Blick auf den Radiowecker schloss ich gleich wieder die Augen, versuchte mich an meinen Traum genau zu erinnern. Manches war schon unwiederbringlich verloren. Wie eine Nachricht, die aus dem Posteingang gelöscht wird, unwiederbringlich verloren geht. Die E-Mail, der Slowake im grünen T-Shirt: Je t’ai écrit. Genieße deine Schonzeit, hatte er geschrieben. Mit einem Mal richtete ich mich auf und schaltete das Licht ein. Korbinian! Er hatte mir geschrieben. Die unbekannte E-Mail in meinem Posteingang war von Korbinian. Es war keine freundliche Nachricht, sondern eine Drohung. Genieße deine Schonzeit. Er hatte mir nicht vorgeschlagen, zusammen ins Kino zu gehen. Er hatte vorgeschlagen, wieder Kino zu MACHEN. Einen Trailer hatte er dafür mitgeschickt. Wie blöde ich gewesen war, nicht auf den Link zu klicken! Ich hätte nur einmal klicken müssen, dann wäre die Sache klar gewesen. Jetzt war es ein Uhr vierzig. In sieben Stunden und zwanzig Minuten würde die Rezeption mit den Internet-PCs öffnen. Bis dahin konnte ich nichts weiter tun. Früher war auch keine Gewissheit zu erlangen. Und dennoch war die Sache sonnenklar. Genieße deine „Schonzeit“, hatte er geschrieben. Wir sehen uns spätestens im September wieder, dann als Achtklässler… Lass uns dann doch wieder Kino machen! Es war eine Drohung, eine Kriegserklärung und blanker Hohn. KÜSSCHEN!!!

Die folgenden sieben Stunden waren schwer durchzustehen. Ich lief wieder den Stand hinauf und brach irgendwann zusammen vor Erschöpfung. Schleppte mich zurück und wartete später zehn Minuten vor der Rezeption, dass geöffnet würde. Es dauerte weitere drei Minuten bis der Computer hochgefahren und die Internetverbindung hergestellt war. Keine neuen Nachrichten. Immerhin das. Ich öffnete die unbekannte E-Mail und klickte auf den Link. Es dauerte unerträglich lange bis die YouTube-Seite geladen war. Der Benutzerkanal trug denselben nichtssagenden Namen wie die E-Mail-Adresse. Nur ein Video hatte der Benutzer hochgeladen und dieses hatte genau zwei Views. Ich setzte die Kopfhörer auf und wartete, auch wenn ich schon wusste, was jetzt kommen würde. Meine Selbstbeherrschung reichte nicht aus, das Browserfenster zu schließen oder einfach nur den Bildschirm abzuschalten. Dann hatte das Video genug geladen, die Bilder setzten sich in Bewegung.

In grünlichem schwarz-weiß leuchten die grellen Umrisse weißer Zweige und Blätter auf, durch die sich die Kamera schiebt. Ihr Knacken ist zu hören und leiser Atem und wie aus der Ferne die dumpfen Bässe von Musik. Dann tauchen hinter den Zweigen die verschwommenen Umrisse einer Gestalt auf, die auf dem Boden an die Wand gelehnt sitzt. Mein Gesicht ist nicht genau zu erkennen, meine Stirn liegt auf den angezogenen Knien und nichts weiter geschieht. Ein Schnitt und dann sind Schritte auf dem Kies zu hören, ich zucke kaum und Korbinians Atem wird schneller. Sven tritt ins Bild, seine Turnschuhe und seine Beine in der kurzen Sporthose. Er setzt sich auf den Boden vor mich. Seine Augen blitzen weiß auf unter dem Infrarotlicht. Mit seiner Hand fasst er mein Knie und schiebt sie unter mein Kinn, hebt es an und dreht meinen Kopf zu seinem Gesicht. Ich lehne den Kopf gegen die Wand, weg von ihm, und er streicht mir durch die Haare mit seiner Hand, die nach dem Mädchen riecht. Seine Stimme ist zu hören, der Kuss, der Schlag und das Blut, das schwarz über seinen Mund und seinen Hals läuft. Noch einmal küsst er mich und meine Lippen werden schwarz davon.

Noch einmal spielte ich das Video ab und ein drittes und ein viertes Mal. Nur dass irgendwann mein Geld verbraucht und meine Zeit abgelaufen war, befreite mich aus der Endlosschleife dieses Augenblicks. Ich fror auf dem Weg zurück zum Bungalow und dort legte ich mich ins Bett. Meine Eltern weckten mich zum Mittagessen und als so ein bisschen Kraft zurückkehrte, wurde mir wieder sehr deutlich, was Korbinian jetzt mit einer einzigen Rundmail oder einem Facebook-Status anrichten konnte. Davon wurde mir schlecht und ich legte mich wieder hin. Es war beinahe schon Abend, als ich noch einmal aufstand, um zur Rezeption zu gehen.
„Korbinian… Ist das dein Spiel für Könige?“, schrieb ich zurück. Als ich dann meine Reistasche packte, wurde mir nach und nach alles egal. Sollte Korbinian doch machen, was er wollte. Ich würde es schon durchstehen. Das Schlimmste, das mir jetzt noch passieren konnte, war, dass ich Charakter zeigen musste. Das war alles. Sollte die ganze Welt doch machen, was sie wollte. Was ging das mich an! Korbinian würde mich schon physisch dazu zwingen müssen, mich für meine Demütigung, die er sich ausdachte, zu interessieren. Sollte doch die ganze Welt zur Hölle fahren.

Nachdem es ja der letzte Abend unserer Reise war, hatten sich meine Eltern mit den Neu-Ulmern zum Essen verabredet. Mein Entschluss, dass man mich fortan gehörig am Arsch lecken konnte, wurde davon nur bekräftigt. Nach dem Essen entschuldigte ich mich und rannte den beleuchteten Weg zu Felix‘ Bungalow hinauf. Die Familie saß auf der Terrasse umgeben von Räucherkerzen und elektrischen Insektenfängern und spielte Kniffel. Felix kam aus dem Garten heraus auf den Weg unter die Laternen, von grimmigen Blicken begleitet.
„Ich fahre morgen.“, sagte ich.
„Das ist schade.“, sagte er. „Ich wollt so gerne noch einmal mit dir baden gehen.“
„Mein Vater will gleich am Morgen los, aber wir können erst ab neun, weil dann die Rezeption aufmacht. Vielleicht, wenn wir uns früh am Morgen treffen, um halb sieben?“
„Um halb sieben, abgemacht. Um halb sieben am Strand bei der gelben Dusche. Ich muss jetzt weiterspielen, Florian, sonst schimpft mein Vater.“ Er wollte sich schon umdrehen und gehen, griff aber noch einmal kurz nach meiner Hand.

Ich wachte später auf am nächsten Tag, später als sonst. Draußen war es ungewöhnlich hell. In meiner Badehose machte ich mich ein letztes Mal auf den Weg zum Strand hinunter, am Orleander vorbei. Das Meer war grau und silbern und eine feste Wolkendecke war zusammen mit starkem Seewind aufgezogen. Der Sand jagte bei jedem Schritt davon. Die Möwen drehten sich im Wind und kreischten. Es war ein schaurig kalter Morgen, der an den Herbst denken ließ, obwohl es noch früh im Jahr war. Ich wartete und wartete ab, aber Felix kam nicht. Ich war enttäuscht und ein bisschen zornig. Um viertel nach Sieben ging ich zurück und meine Eltern waren wach und ziemlich aufgeregt. Es passte ihnen überhaupt nicht, dass ich nun immer vor ihnen aufstand und dann machen konnte, was ich wollte. Wir frühstückten, packten den verfluchten Kofferraum nach einem durchdachten Plan und sahen zweimal den Bungalow durch, ob auch alles in Ordnung und nichts liegen geblieben war.

Dann fuhren wir den Weg durch die stille Feriensiedlung zurück zur Rezeption und mein Vater stieg aus und ging hinein um den Schlüssel abzugeben und seinen Reisepass zurück zu bekommen. Ich saß auf dem Rücksitz und dachte über die schweren Zeiten nach, die mir jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit bevorstanden. Auf einmal klopfte es an die Scheibe. Es war Felix, der draußen vor dem Wagen stand. Ich machte die Scheibe herunter.
„Tut mir leid. Meine Eltern haben mich nicht gehen lassen, weil ein Sturm aufzieht.“, sagte er.
Ich stieg aus.
„Es ist nett, dass du jetzt gekommen bist.“
„Ehrensache.“, sagte Felix. „Ich hab ja gewusst, dass ihr um neun zur Rezeption kommt.“
„Also dann. Mach‘s gut.“, sagte ich.
„Ja.“
Wir standen ein wenig verlegen da. Schließlich hielt er mir die Hand hin. Ich nahm sie, aber dann umarmten wir uns plötzlich und Felix sagte zweimal leise: „Leb wohl.“
Er stand noch da und winkte uns nach, als wir aus der Einfahrt fuhren.

Je näher wir Deutschland kamen, desto unruhiger wurde ich. Als wir über die österreichisch-deutsche Grenze fuhren, hatte ich blanke Angst. Korbinian würde den Link veröffentlichen, würde eine Rundmail an die Klasse schicken, an jeden den ich kannte, und nicht zuletzt an meine Eltern, meine Tante, meinen Bruder, meine Großeltern und meine zukünftige Frau. Es war ihm alles zu zutrauen und wenn er es bisher noch nicht getan hatte, dann nur um ein Druckmittel zu haben, ein Messer, das er mir jeden Augenblick tief in den Rücken stoßen konnte. Das war schlimm genug. Und schlimmer noch: Der Einzige, der mir jetzt helfen konnte, war Severin Ahnfeld. Er allein war schlau genug und entschlossen, Korbinian aufzuhalten und an ihn hätte ich mich wenden können. Es betraf ihn nicht weniger als mich. Vielleicht wusste er schon bescheid. Vielleicht hatte ihn Korbinian schon seinen Triumph schmecken lassen. Das Video hatte zwei Views gezählt, bevor ich es geöffnet hatte. Vielleicht hatte Severin es schon gesehen. Vielleicht hatte er mir deshalb ein zweites Mal geschrieben. Ich verfluchte mich dafür, dass ich seine Nachricht gelöscht hatte. Die tausend kleinen und kleinsten Möglichkeiten und Eventualitäten zerfraßen mir das Gehirn, die Lügen und Geschichten, die ich brauchen würde, um meine Haut zu retten für den Fall, dass das Video öffentlich würde. Warum ich mich von einem Jungen hatte küssen lassen, zwei Mal und warum ich geweint hatte, als er das tat. Ich würde als Schwuchtel gebrandmarkt werden. In der Schule war das vielleicht einmal eine willkommene Abwechslung für ein paar Tage, nicht länger der Streber zu sein, sondern dafür die Schwuchtel, aber zuhause hätte es meinen Untergang bedeutet. Immerhin zog ich Sven den Ellbogen durchs Gesicht und schlug ihm die Nase blutig dafür, dass er mich küsste. Aber wie sollte ich erklären, warum ich weinte? Und andererseits, was zählte das schon? Sollten sie doch denken, was sie wollten. Ich war nicht schwul und kein Gerücht der Welt, kein schäbiges Video würde das ändern. Zuletzt zählt die Wahrheit. Die Wahrheit setzt sich immer durch. Und dennoch: Konnte ich Severin verständigen, ohne mit ihm zu reden? Sollte ich ihm den Link weiterschicken und abwarten, was er von sich aus unternahm? Es war eine verfluchte Sauerei das Ganze. Die Flut von kleinen und kleinsten Möglichkeiten raubte mir den Verstand. Ich hielt es nicht mehr aus, still zu sitzen.

Auch als wir vor unser dunkles Haus kamen und ich ausnahmsweise für ein paar Sekunden seinen Geruch wahrnehmen konnte, bevor ich mich wieder daran gewöhnt hatte, wurde es nicht besser mit mir. Die nächsten Tage verbrachte ich alleine, irrte durch die Räume, saß Stunden vor dem Fernseher, ohne auch nur eine einzige Sendung in Erinnerung zu behalten, und war mehrfach unmittelbar davor, Severin zu schreiben, hatte es auch zweimal schon getan und dann die Zeilen wieder gelöscht. In einem kurzen heroischen Augenblick löschte ich schließlich Korbinians E-Mail und nahm mir damit jede Möglichkeit, Severin das Beweismaterial zu zeigen. Zumindest nach vierundzwanzig Stunden. Es waren schwere vierundzwanzig Stunden. Zuletzt fuhr ich in den Wald hinaus, um weit weg von meinem Computer zu sein, wenn die Frist verstrich. Auf halbem Weg machte ich kehrt, wollte zurück, wollte alles aufhalten und noch einmal überdenken. Wie ein Besessener fuhr ich, von den tausend Stimmen der tausend kleinsten Möglichkeiten angetrieben, und erreichte mit Bauchschmerzen und Krämpfen in den Beinen mein Zimmer um ein paar Minuten zu spät. Damit war meine Entscheidung getroffen. Ich wollte Severins Hilfe nicht. Lieber wollte ich alleine kämpfen. Lieber wollte ich untergehen. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Jetzt fiel es mir ein bisschen leichter, ihren Konsequenzen entgegen zu sehen.

Ein paar Tage lang sonnte ich mich in der herrlichen Gleichgültigkeit eines Verzweifelten. Ich lebte ganz im Augenblick, ohne die Bilder der Vergangenheit in meinen Gedanken zu erlauben und ohne auf die düstere Zukunft zu schielen, die mit dem Herbst heraufzog wie ein Sturm. Ich saß im Liegestuhl im Garten, in der Sonne und trank Limonade, las eine willkürliche Folge von Büchern aus meinem Regal ein zweites Mal und hatte, wie man so sagt, meine Sorgen vergessen. Morgens ging ich laufen, aber erst nachdem meine Eltern das Haus verlassen hatten. Dann lebte ich als ein kleiner König in ihrem Palast, konnte duschen und essen, wann ich wollte, und zog meine süßen Tage bis in die Nachtstunden hinein. Die letzte Augustwoche war so gekommen, zwei Wochen Ferien blieben noch bis zum Schulbeginn. Noch war es ruhig und warm; nur abends zogen Gewitter auf. Ich lag im Garten, an einem Freitagnachmittag, beinahe frei von Sorgen und in der Badehose, als es an der Türe läutete.


---

(Am Freitag folgt das fünfzigste und letzte Kapitel des ersten Teils: „Korbinian“, in dem die Geschichte erwartungsgemäß eine überraschende Wendung nimmt.)

Re: Die Maschine

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