Die Maschine

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nademaro
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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 11 Mär 2013, 18:09

Uhlala..
Oh man..du baust wieder so ne Spannung auf..
Beschreibst ein paar broken aber nichts genaueres..
Bin echt gespannt was da noch alles kommt..:)..hihi..

Ich finde das es ein guter Rhythmus..genau passend..
Nicht zu viel das es schnell zuende ist und auch nicht zu lange..
ich fress papier und kotz konfetti

Re: Die Maschine

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bluesky
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Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 13 Mär 2013, 23:12

„Im Sturm“ ist ein Kapitel, das mir wirklich zu denken gibt. Verglichen mit andren Kapiteln, scheint ja nicht besonders viel zu passieren. Aber wie so oft, steckt der Teufel im Detail.

Sven, Korbinian, Max: Alle verschweigen etwas. Und doch suchte Sven im vorherigen Kapitel und Korbinian im aktuellen Teil das Gespräch mit Florian. Auch Max hatte ihm gegenüber ja Andeutungen gemacht. Der gute Herr Seiler ist als Gesprächspartner plötzlich ungewöhnlich gefragt. Aber niemand rückt so richtig mit der Sprache heraus. Geht es nur darum, die Spannung zu steigern oder gibt es tiefere Gründe?

Korbinian mag in einigen Dingen Recht haben, die er über Severin sagt. Aber ich zweifle an seinen Motiven. So behauptet er zwar, er würde sich Severin auf Abstand halten, aber seine Angriffe auf ihn hinterlassen einen anderen Eindruck. Auch sein penetrantes Gerede vom „Ficken“ ist ja sehr auffällig. Gleiches gilt für seine Warnung vor Severin, die er nicht konkretisieren will. Wenn man bedenkt, dass er Florian nicht leiden kann, ist es sogar seltsam, dass er ihn nicht einfach als schwul bloßstellt. Schließlich nimmt sich Korbinian ziemlich viel heraus – auch gegenüber Severin, den er ja durchaus gerne „Schwuchtel“ nennt.

Sven seinerseits reagiert ungewöhnlich ausweichend auf Florians Fragen. Er sagt nicht, dass er nicht wisse, warum Korbinian ihn derart bekriegt und als „Schwuchtel“ bezeichnet. Stattdessen kommt von Sven jeweils nur ein launiges „Was weiß ich“. Wir wissen ja, warum Korbinian Florian gerne „Hawking“ nennt. Weil es eine Bezeichnung ist, die Florian nicht einfach so zurückweisen kann, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten. Wie auch immer. Da Severin und Korbinian sich während der Zeit zerstritten haben, in der sie beide verschiedene Schulen besuchten, liegt es nahe, dass etwas während der gemeinsamen Zeit beim Fußballspielen vorgefallen war. Vielleicht weiß deshalb auch Max das ein oder andere. Es geht ja angeblich nicht darum, was Severin schon getan hat (er hat wohl schon einiges getan), sondern um das, wozu er fähig ist. Und das ist (auch bei seiner Intelligenz und Dreistigkeit) sicher eine ganze Menge. Mir sind 2 Ausraster von Sven im Gedächtnis geblieben. Ein großer auf dem Fußballplatz und ein kleiner, unscheinbarer, als Florian ihn in Kapitel 36 auf seine Schwester ansprach. In beiden Fällen sah Sven etwas bedroht. Sehr seltsam: Korbinian orakelt, wozu Severin fähig ist – aber pöbelt ihn zuvor auf dem Gang an und quetscht ihm dann einfach so die Finger. Ob er ihn mit irgendetwas erpressen kann?

Florins Glück mit Sven ist offenbar nicht von Dauer. (In Kapitel 39 spricht Florian ja ganz offen von den 3 glücklichsten Monaten seines Lebens und davon, dass er dafür bezahlen muss.) Manchmal wirkt Florin schon fast etwas abhängig von Svens Nähe. Verliebtheit eben? Ich weiß nicht: Warum nur hatte sich Severin nach der Schlägerei mit Florian angefreundet? Angeblich, weil er sich als einziger gewehrt hatte. Wollte Sven also einfach ein Gegenüber, das kein Untergebener sein würde? Ex-Kumpel Korbinian wird wohl einmal so ein Gegenüber gewesen sein. Hatte Sven also in den Jahren zwischen dem Streit mit Korbinian und der Schlägerei mit Florian keinen richtigen Freund? Im Fußballverein ist er laut Kapitel 16 schließlich nicht mehr - aus welchen Gründen auch immer.

Der letzte Satz von Kapitel 41 erwähnt die Ruhe vor dem Sturm. Ich frage mich, um wen ich mir mehr Sorgen machen sollte: Florian oder Sven? Ich mag Stürme (und Gewitter), weil sie die Atmosphäre klären. Nach dem kommenden Kapitel sind wir sicher um einiges schlauer – und haben neue Fragen.

Also erneut meinen besten Dank an dich, Amon. Deine Geschichte liest sich weiterhin großartig und fesselt ungemein. Es braucht dir auch kein bisschen unangenehm zu sein, dass du auf meine viel zu langatmigen Kommentare in der gegebenen Kürze eingehst. Es macht ja gerade den Reiz der Sache aus, nicht alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Und am Ende spricht die Geschichte natürlich absolut für sich. Also bis Donnerstag – ich zähle schon die Stunden.

Connery
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Re: Die Maschine

Beitragvon Connery » 14 Mär 2013, 16:37

Uuuuuuuuuuuuuuuuuund ich warte.... ._.!!! :cry:

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 14 Mär 2013, 19:04

[42] Fieber

Auch wenn ein Sturm aufzog – die nächsten Tage und Wochen flossen über vor Glück. Es war mehr Glück, als sechzig Bilder pro Sekunde fassen können: das Gras, das auf der anderen Seite des Hügels im Wind rauscht, jetzt grün und nicht mehr golden wie im Herbst; der blaue Himmel, ein Blau das weiter hinaufreicht als die Sterne und weiter geht als der Horizont; das Vergnügen, kalt zu duschen; die gewaltigen Donnerschläge und der warme Regen, die mit den Gewittern am Abend kommen; Sven, der auf dem Fahrrad kommt, um mich abzuholen, die schmutzigen Füße auf dem Pedal ohne Schuhe, in der blauen, ausgebleichten Badehose, die Augen zu kleinen Schlitzen zusammengezogen, wegen der Sonne und weil er lacht; Sven, der auf dem Holzfloß im Wasser über mir steht, nachdem ich gesprungen und wieder aufgetaucht bin; Sven der vor mir im eiskalten Wasser treibt; Sven, der mit mir aus einer Flasche trinkt und in den Abendhimmel schaut, um abzuschätzen, ob wir noch trocken nach Hause kommen; Sven, der sich in der Mittagshitze und vom Radfahren erschöpft auszieht, um nackt in den Fluss zu rennen; die Steine auf der Kiesbank, die zu klirren beginnen wie Glas; meine Finger die schwarz und ölig geworden sind, von der gesprungenen Fahrradkette; der Sternenhimmel und darunter das warme Wasser, als ich bei Sven übernachte und wir nach Mitternacht zum See fahren; das Mondlicht auf seinem nackten Körper und das warme Wasser, das mich überall anfasst; das unerschütterliche Gefühl von Freiheit, als wir mit nassen Haaren durch den Wald zurück fahren; Sven, dem auf dem Bauch ganz feine goldene Haare in der Sonne glänzen und dessen Gesicht manchmal still wird, als wäre es im Schnee eingefroren…

Dann aber, zu Beginn der zweiten Juliwoche wurde ich krank. Es waren noch knapp drei Wochen bis zum Beginn der Sommerferien in Bayern und also auch knapp drei Wochen bis ich mit meinen Eltern nach Italien fahren sollte. Ich hätte die Zeit lieber in der Schule verbracht, wo nicht mehr viel geleistet werden musste, wo ich aber Severin sehen konnte, aber ich konnte mich noch nicht einmal beschweren, dass meine Eltern mich nicht gehen ließen, denn ich war wirklich ziemlich übel dran. Es hatte mit ein bisschen Husten angefangen, nach dem Baden, und ich hatte so lange weiter gehustet, bis mir der ganze Brustkorb dabei wehtat. Als nächstes war das Fieber dazugekommen und trotz 30 Grad im Schatten und 39,7 Grad in meinem Mund fror ich und lag im Bett. Es ging mir unsagbar auf die Nerven, der Krankenpflege meiner Mutter ganz hilflos ausgeliefert zu sein und mich in allem bevormunden zu lassen wie ein kleines Kind: was ich trinken sollte, wann ich trinken sollte und wie viel. Wann ich essen sollte, und was, und wann ich schlafen musste, und so weiter. Ich hatte keine Energie, um ihr zu wiedersprechen. Ich wollte schlafen und meine Ruhe. Nach zwei Tagen ging es mir zumindest phasenweise etwas besser und ich ging manchmal hinunter ins Wohnzimmer, um fern zu sehen, oder ins Bad, um mir das Gesicht und die Arme mit kaltem Wasser zu waschen.

Am dritten oder vierten Tag – es machte für mich so gut wie keinen Unterschied – läutete es an der Tür. Ich wurde davon wach, stellte fest, dass ich im Bett lag, und fragte mich, ob es überhaupt geläutet hatte. Als ich schon wieder etwas schläfrig wurde, läutete es ein zweites Mal. Der Wecker zeigte an, dass es später Nachmittag war, und ich schlussfolgerte, dass meine Mutter außer Haus sein musste. Bis mir das gelungen war, läutete es ein drittes Mal. Ich machte mich auf den Weg hinunter durch das Haus und es war Severin, dem ich die Türe öffnete.
„Ich komme, um nach dir zu sehen.“, sagte er. „Und du siehst furchtbar aus.“
Ich trat den Rückweg in mein Zimmer hinauf an, während er aus dem Keller Wasser holte. Er brachte mir ein Glas ans Bett. Es war wunderbar kühl und ich musste davon husten. Er setzte sich neben mich aufs Bett und legte mir seine Hand auf die Stirn und strich mir mit dem Daumen über die Augenbrauen. Seine Haut war kalt von der Wasserflasche. Dann legte er sich neben mich, den Kopf an meine Schläfe und seinen Arm um meine Brust. Ich fing an, ein bisschen zu zittern.
„Sven.“, sagte ich mühsam, „Du wirst dich anstecken.“
„Was glaubst du, wozu ich da bin? Am Samstag sind wir zu der Hochzeit von meinem Cousin eingeladen. Und ehrlich gesagt, bin ich lieber zehn Tage krank, als dort mit hin zu gehen.“
„Du bist verrückt.“, sagte ich erschöpft.

Ich war kurz davor, einzuschlafen, als ich merkte, dass Sven jetzt auf mir lag.
„Komm schon“, sagte er, „gib mir ein bisschen was ab, von deiner Grippe.“
Er fuhr mit seiner Zunge über meine Kehle und ließ eine kalte Spur Spucke zurück.
„Du fehlst mir in der Schule.“, sagte Sven.
Dann küsste er mich auf den Mund. Sehr zärtlich tat er das. Er schob die Hand unter mein T-Shirt, fasste meinen warmen, feuchten Körper an, küsste mich wieder auf den Mund. Er schob seine Zunge durch meine Lippen und als ich nachgab und meinen Kiefer öffnete, drückte er damit gegen meine Zunge.
„Du schmeckst nach Hustensaft.“ stellte er fest.
„Das ist eine schlechte Idee.“, sagte ich. Er gab mir noch einmal das kalte Glas zum Trinken.
„Nein.“, antwortete Sven kurz.
Er zog sein T-Shirt aus und legte sich wieder auf mich. Er küsste mich wieder mit Zunge und seine Hände fuhren über meinen Körper. Ich lag reglos da, wusste kaum, was geschah, und nicht, was ich tun sollte. Ich war zu langsam und zu schwach um seine Zärtlichkeiten zu erwidern. Außerdem kam es mir falsch vor. Er legte seine Arme um mich und drehte sich auf den Rücken, sodass ich auf ihm lag. Er hörte nicht auf, mich zu küssen, und zog meinen Körper fest auf seinen nieder. Mir wurde schwindlig davon und ich fühlte mich elend. Es war so unendlich heiß.
„Sven.“, sagte ich noch einmal.
Er ließ mich los und ich fiel in die Kissen zurück. Er gab mir noch einmal etwas zu trinken, küsste mich auf die Stirn und ich dachte, er wollte sich verabschieden. Ich schloss die Augen und da kamen sie wieder, die Küsse und die Berührungen. Überall fasste er mich an. Ich fühlte seinen warmen, schnellen Atem auf meiner glühenden Haut. Irgendwann verschwand die Welt um mich herum…

Als ich aufwachte, war ein Fleck Sperma auf meinem T-Shirt und ich wusste nicht, ob von mir oder von ihm. Ich wusste nicht, was schlimmer wäre. Ich fühlte mich ein wenig besser und schaffte es, hinüber ins Bad zu gehen und mich angezogen unter die kalte Dusche zu stellen. Davon wurden meine Gedanken klar. Trotzdem wusste ich solange nicht, ob ich mir alles eingebildet hatte, bis ich zurück in mein Zimmer kam und neben dem Glas und der Wasserflasche auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit einem neuen Schachzug fand.

Ich brauchte die restliche Woche, um mich von dem Vorfall zu erholen und verwendete meine halbe Energie darauf, nicht darüber nachzudenken, was geschehen war. Als ich dann in der vorletzten Schulwoche wieder zum Unterricht erschien, erfuhr ich von Timo in der zweiten Pause, dass Sven krank war. Ich sollte mich ohnehin noch schonen und verzichtete also auf das Spiel, kehrte zum Klassenzimmer zurück, wo derselbe Stumpfsinn herrschte, wie auch sonst. Es war wirklich an der Zeit, dass dieses Jahr zu Ende ging. Christian ging mir mit den ewig neuen kleinen und kleinsten Fortschritten, die er bei Nicole gemacht hatte, auf die Nerven. Wieder einmal erwartete er den unmittelbaren Durchbruch und wollte gerade deshalb nichts riskieren, sondern lieber noch ein bisschen abwarten. Es war zum verrückt werden mit ihm. Ich selbst war ohnehin schon in einer merkwürdigen Stimmung: halb gesund, halb krank, halb befreit und glücklich, halb entsetzt und beschämt über das, was vielleicht geschehen war oder vielleicht auch nicht. Wir warteten auf den Kunstunterricht am Montagnachmittag und ich ging mit Christian draußen im Schatten der Bäume über das Grün.

Er sprach wieder einmal davon, was Nicole getan und was Emma gesagt hatte, und rätselte was dies und was jenes bedeuten konnte. Aus einer Zeitschrift seiner Mutter hatte er zehn untrügliche Anzeichen dafür „dass Er auf Sie steht“ gefunden und wollte das ganze jetzt auf seinen und Nicoles Fall übertragen. Dazu hatte er die wildesten Theorien und ich hatte ihm nicht richtig zugehört. Schließlich blieb ich stehen und sagte seinen Namen.
„Was ist?“
„Du bist in Nicole verliebt und es ist nichts weiter dabei.“
„Wie meinst du das?“
„Ich glaube, dass du aufhören solltest, so lange nachzudenken und in alles etwas hinein zu lesen. Das bringt letztendlich gar nichts.“
„Man muss solche Sachen geschickt angehen.“
„Wenn man auf dem Mond landen will, muss man das geschickt angehen. Bei Nicole reicht es, wenn du ihr sagst, dass du in sie verliebt bist.“
Er wirkte gekränkt.

„Ich meine das ganz ernst, Christian. Jeder Versager kann abwarten und nichts tun und versuchen Zeichen zu interpretieren und selber Zeichen zu geben, die nichts Halbes und nichts Ganzes bedeuten müssen. Wenn du in sie verliebt bist, dann ist sie es auch wert, dass du so viel Mut hast, es ihr zu sagen. Und wenn es schief geht, und sie dich deshalb auslacht, hast du die Chance ein Mann zu sein und die Konsequenzen deiner Entscheidung auszuhalten.“
Er begann darüber nachzudenken. Es war eine gute Seite an Christian, dass er manchmal tatsächlich über das nachdachte, was man ihm sagte. Wahrscheinlich war es die Vorstellung, ein Mann zu sein, die ihm gefiel. Ich habe manchmal eine ganz gute Ahnung davon, auf welche Begriffe jemand einsteigt.
„Aber ich kann sie aber auch nicht einfach so überfallen, sonst verschreckt sie das oder sie ist noch nicht so weit.“
„Du sollst ja auch nicht zudringlich werden. Du sagst einfach zu ihr: Nicole, kann ich eben mit dir alleine reden? Und dann sagst du: Ich mag dich sehr gerne und ich glaube, dass es sehr schön wäre, wenn wir ein bisschen Zeit miteinander verbringen würden, alleine, um uns kennen zu lernen. Aber wenn du das nicht willst oder noch nicht willst, dann kann ich das gut verstehen und es würde mich trotzdem freuen, weiter so mit dir befreundet zu sein.“
„Kannst du mir das aufschreiben?“
„Soll das ein Witz sein?“
„…Ja.“


---

(Am Montag folgt das dreiundvierzigste Kapitel: „Verdammt erwachsen“, in dem Florian Christian unter die Arme greift.

Danke, nademaro. Was die Spannung angeht, scheinen Erwartungen ja leider dafür gemacht, enttäuscht zu werden.
Vielen Dank, bluesky. Schon möglich, dass ihm seine Gesprächspartner etwas verschweigen – aber was tut Florian?)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 14 Mär 2013, 19:48

Aber nur wenn man sich Sachen selber zusammen reimt..
Wird man enttäuscht..
Ich warte lieber ab und geh noch mal das Kapitel in Gedanken durch..
:):)

Süßes und verträumtes Kapitel..
Wie immer: freu mich auch mehr..
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Cyprus
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Re: Die Maschine

Beitragvon Cyprus » 16 Mär 2013, 14:35

Der Anfang war klasse geschrieben :)

LG Cyprus
You've gotta dance like there's nobody watching,
sing like there's nobody listening
and love like you'll never be hurt.

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Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 17 Mär 2013, 14:45

Gut, Amon. Eins nach dem anderen.

Das neue Kapitel ist erstaunlich und ziemlich „dicht“. Soll heißen, dass es trotz seiner relativen Kürze einiges zu bieten hat. Man merkt, dass du eine ganze Weile daran gefeilt hast.
Der Anfang bietet wunderbar verträumte Bilder voll Erleben, Unschuld und Glück. Das ist sehr poetisch beschrieben und weckt einige meiner schönsten Erinnerungen. Fast schon wie ein Traum oder ein Rausch. Aber wie das eben mit Träumen so ist… Irgendwann klingelt der Wecker. Oder in diesem Fall die Tür.

In dem Abschnitt, der für mich der Hauptteil des Kapitels ist, wird Florian nicht müde, uns zu versichern, wie übel er dran ist, wie wenig Energie er hat, wie unfähig zu widersprechen und wie hilflos ausgeliefert er gerade ist – schwer krank und ganz mutterseelenallein zu Haus. Dann kommt Sven und will ein wenig was von Florians Grippe abhaben. OK…

Nun möchte ich nicht alles wiederkäuen und kleinkariert zu Tode analysieren. Ich mag das Kapitel sehr. Sowohl der Inhalt (in seiner Bedeutung für die Erzählung), als auch die sprachliche Form bieten dem Leser ja einiges. Dennoch: Da liegt also Florian krank im Bett, fühlt sich elend, hält das, was Sven gerade anstellt für eine schlechte Idee und außerdem für falsch – solange bis er geistig abtritt. Als er wieder zu sich kommt, weiß er nicht, ob er in seiner eigenen Freundenlache aufwacht oder der von Sven. So weit, so gut. In Kapitel 25 („Freiheit“) hatte Florian ja schon einiges vorweggeträumt.

Am Ende des Kapitels erteilt Florian Christian noch einige gute Ratschläge, wie dieser mit seinem Schwarm Nicole umgehen soll. Da ist davon die Rede, dass man nicht abwarten soll, dass man Mut aufbringen und mit den Konsequenzen leben soll. Alles sehr schön, Florian. Und du? Wie steht´s mit dir? Du verwendest „halb entsetzt und beschämt“ deine „Energie darauf, nicht darüber nachzudenken, was geschehen war.“ Hmm… Als Sven dich besuchen kam, hat er sich also die Grippe von dir geholt. Wäre es da nicht angebracht, ihn jetzt auch mal zu besuchen? Dabei könntest du dir einige deiner guten Ratschläge zu Herzen nehmen. (`Tschuldigung; ich werde gerade gemein und überheblich. Selbstverständlich lasse ich es trotzdem stehen.)

Ich sollte mich jetzt wohl über Svens Verhalten ereifern. Aber Dr. Himmelblau ist gerade im Urlaub. Und was aus Florian wird, ist mir zu wichtig, als dass ich ihn in Watte packe und Seven mit lauter Bedenken komme. Florian meinte, dass er begonnen hat, sein Leben in die Hand zu nehmen und mutiger geworden ist. Mag sein. Aber er lässt sich immer noch von Sven mitziehen. Wann hat er jemals aufgemuckt, ihm die Stirn geboten oder zumindest die Initiative ergriffen? Zum Tango gehören bekanntlich zwei. Auch zu Beginn der Pubertät – und Seven ist nun auch nicht so viel älter. (Harry Potter dürfen beide schon schauen.)
„Du fehlst mir in der Schule.“, sagt Sven, als er Florian besucht. Hat er nichts Besseres zu tun? Doch. Und genau das tut er wohl auch.

Vielen Dank, Amon, für das neue Kapitel. Und meinen Glückwunsch dazu, dass es dir so gut gelungen ist. Einige Dinge geben mir wieder zu denken. Vielleicht mehr als mir lieb ist. Aber das ist ja auch ganz gut so. Also bis Montag. Ich freue mich schon.

PS: Du meintest, dass es schon möglich sei, dass seine Gesprächspartner Florian etwas verschweigen und wolltest wissen, was Florian tut. Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe den Eindruck, dass er recht wenig tut, sondern abwartet und Dinge auf die lange Bank schiebt, die er besser klären sollte. Vielleicht bin ich zu hart zu ihm. Vielleicht ist es wirklich nicht wichtig, was genau in der Vergangenheit passiert ist und was man ihm über Seven so alles auftischen könnte. Aber er lässt ja noch andere Dinge schleifen. Und das wider besseres Wissen.
Ich mag Florian und ich mag Sven. Aber ich traue keinem von beiden. Wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 18 Mär 2013, 17:03

[43] Verdammt erwachsen

Fast ganze zwei Tage lang hielt Christian den Mund und dachte darüber nach, was ich gesagt hatte. Dann fing er in der Pause wieder damit an.
„Glaubst du nicht, dass ich Nicole erst noch besser kennen lernen sollte? Oder besser gesagt, sie mich?“
„Das ist vielleicht keine so gute Idee. Deine zwei Brüder kennst du doch zum Beispiel auch ziemlich gut und mit denen möchtest du trotzdem nicht zusammen sein. Oder?“
Christian starrte mich an, als wäre ich verrückt.
„Außerdem…“, fuhr ich fort, „In den Sommerferien werdet ihr euch bestimmt nicht so oft sehen. Dann musst du nächstes Schuljahr von vorne anfangen. Wenn du es ihr jetzt sagst, dann könnt ihr euch entweder in den Ferien treffen und kennen lernen, ohne dass die ganze Klasse zuschaut, oder aber ihr könnt euch aus dem Weg gehen. Falls es peinlich wird.“
„Scheiße, ist das alles kompliziert.“
„Es ist überhaupt nicht kompliziert.“, sagte ich ein bisschen laut und ungeduldig. „Das ist ja das Schöne daran. Es ist, wie wenn man in kaltes Wasser springt. Es ist nichts, das man sofort und gerne tut, aber es ist im Grunde ganz leicht. Und außerdem: Glaubst du, Nicole will einen Freund, der ein ganzes Jahr oder noch länger gewartet hat, dass ihm jemand das kleine bisschen Mut abnimmt, das er selbst aufbringen muss? Es könnte wirklich noch um eine ganze Menge komplizierter sein, Christian, und das einzige, das von dir verlangt wird, ist ein wirklich ziemlich kleines Risiko einzugehen und das Schlimmste, das passieren kann, ist dass du Charakter beweist.“
„Wann bist du eigentlich so verdammt erwachsen geworden?“, fragte Christian. Er schaute mich von der Seite an und ich musste grinsen.

Auch wenn ich ihn damit überzeugt hatte, war er vor allem von meinem Argument überzeugt, dass er es zwar vor den Sommerferien aber am besten unmittelbar vor den Sommerferien angehen musste. Er hatte sich also eine Gnadenfrist bis zum letzten Schultag gesetzt, was insofern naheliegend war, als dann in der Schule ein großes Sommerfest zu Ehren ihres fünfzigjährigen Bestehens stattfinden sollte. Es würde irgendwelche belanglosen Projekte von einzelnen Klassen geben, eine Bühne für Gesang, Tanz und Schauspiel, ein Fußballspiel von Schülern gegen Lehrer, eine Hüpfburg und den ganzen anderen Unsinn, auf den eine Schule stolz sein kann. Es war ein bisschen bescheuert, aber eigentlich auch ganz nett. Jedenfalls hatte ich beschlossen hinzugehen und auch Severin wollte dort sein, weil er sich überreden hatte lassen, beim Fußballturnier mit anzutreten. Das erfuhr ich jedenfalls von Max. Der war ein netter Kerl, der mich immer grüßte, wenn ich ihm über den Weg lief.

Erstaunlicherweise brauchte es bei meinen Eltern etwas Überzeugungsarbeit, dass ich auf das Sommerfest gehen konnte, allein deshalb, weil wir ja am nächsten Morgen gleich schon nach Italien fahren wollten. Ganz früh am Morgen versteht sich, um dem Stau auszuweichen, in den man doch immer kommt, früher oder später. Christian kam mir zu Hilfe, indem seine Mutter versprach, mich am Abend nach Hause zu bringen, sodass mein Vater sich nicht darum zu kümmern brauchte und um halb neun ins Bett konnte, um am Morgen fit zu sein. Mir ging das alles jetzt schon auf die Nerven. Vielleicht hatte Christian Recht und ich war wirklich ein bisschen erwachsen geworden. So erwachsen jedenfalls, dass mir die kleinen, unsinnigen Eigenheiten meiner Eltern fast noch mehr auf die Nerven gingen, als ihre Verbote. Dass mein Vater zum Beispiel keine Autofahrt von über anderthalb Stunden angehen konnte, ohne eine unsinnige Theorie über Staus und Kraftstoffverbrauch aufzustellen. Dass er so tat, als wäre er ein Experte darin, nach Italien zu fahren, und die ganzen anderen Urlauber wären Amateure! Das ging mir alles ziemlich auf die Nerven. Aber egal, dachte ich mir, erst mal zählte das Sommerfest. An ihm sollten sich endlich ein paar Dinge klären, wie ich fand. Vor allem war ich unruhig wegen Sven. Ich hatte ihn in der letzten Zeit kaum gesehen und wenn, meist nur kurz in der Schule, wo er wenig sprach. Er war lange krank gewesen und hatte sich dann schonen müssen, um fit für das Turnier zu sein.

Der letzte Schultag hatte den üblichen Zwischengeschmack von Abschied und Neuanfang, vielleicht ein wenig munterer als sonst, weil noch das große Sommerfest bevorstand. Emma präsentierte diesmal einen kurzen Rock und eine andere Sonnenbrille, Christian hatte in der Nacht nicht geschlafen und mein Zeugnis war gut, nicht perfekt, aber gut. Unser Klassenleiter hielt eine kurze Ansprache, dass ihm das Schuljahr mit uns gefallen hatte, und dann waren wir raus aus der Sache. Ich fuhr nach Hause und brachte die Zeit bis zum Nachmittag damit rum, mein Gepäck für den nächsten Tag vorzubereiten. Es würde ziemlich langweilig werden. Aber immerhin hatte ich genug nachzudenken und genug, auf das ich mich freuen konnte.

Mein Vater kam um halb eins aus der Arbeit nach Hause. Er besah meine Reisetasche, um zu prüfen, ob sie auch in das professionelle System passen würde, nach dem er den Kofferraum packen wollte. Anscheinend war er zufrieden damit. Wir aßen Tiefkühlpizza und später fuhren wir los, um Christian abzuholen. Mein Vater ließ uns an der Schule raus, ohne selber auszusteigen. Er hatte noch tausend Sachen zu erledigen, sagte er uns. Immerhin blieben mir damit die peinlichen Momente erspart, die sich immer ergeben, wenn man mit seinen Eltern und seinen Klassenkameraden oder Lehrern gleichzeitig zusammentrifft. Was nun das Fest anging, so hatte man sich tatsächlich einige Mühe gegeben und eine ganze Menge von Schülern war gekommen. Es war alles ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Kuchenbuffet, Grill mit Würstchen, Biertische, eine Bühne mit schlecht eingestelltem Mikrophon, Informationsstände von den verschiedenen Gruppen und Freiwilligen-Projekten an unserer Schule, ein Preisausschreiben… Christian stellte sich fast sieben Minuten lang an der Getränkeausgabe an, um sich eine Fanta zu kaufen. Das Programm sagte, dass der Chor in einer halben Stunde singen würde. Danach war das Fußballspiel drüben auf dem Sportplatz angesetzt.

Wir machten eine Runde über den Festplatz und gingen durch das Schulhaus, an unserem alten Klassenzimmer vorbei. Irgendeines der anderen Zimmer würde bald uns gehören. Eine zehnte Klasse hatte eine Ausstellung über Irland in ihrem Klassenraum organisiert. Das sahen wir uns an. Die Zeit verging langsam und Christian war aufgeregt. Er sagte, dass ihm schlecht sei, und schob es auf die Fanta. Wir warteten neunzig Sekunden darauf, dass er sein Pfand zurückbekam, und dann irgendwann kündete man auf dem Podium den Chor an, den wir sehen wollten, weil Nicole dort mitsang. Sie kamen auf die Bühne, die Mädchen alle in rosa Poloshirts, die wenigen Jungen, die mitsangen, in hellblau. Sie stellten sich auf und Nicole sah uns in der Menge. Ich stieß Christian an und er hob die Hand. Sie wurde ein bisschen rot und winkte uns unauffällig zu. Das sah zugegeben ziemlich süß aus. Sie fingen an zu singen und ich wurde schnell daran erinnert, warum ich Chorgesang nicht leiden kann.
„Schön, oder?“, sagte Christian.
„Ich bin mir sicher, dass Nicole sehr schön singen kann. Aber das Stück ist doch wirklich…“, ich brach ab, um ihn nicht zu kränken.

„Ich gehe.“, sagte ich nach einer Weile.
„Wohin?“
„Keine Ahnung, ist auch egal. Aber nachher, wenn sie fertig sind, ist es besser, wenn ich nicht da bin.“
Er schien überzeugt.
„Also mach’s gut.“, sagte ich, drehte mich um und schlüpfte durch die Zuhörer davon. In der Menge sah ich Severins Schwester Agnes und seine Mutter. Sie standen etwas abseits und Agnes hatte einen schwarzen Instrumentenkoffer in der Hand. Vielleicht würde sie nachher noch spielen. Sie erkannte mich und lächelte ein bisschen. Svens Mutter schaute so angespannt und konzentriert, wie das erste Mal, als ich sie gesehen hatte. Ich ging an den Ständen entlang, sah immer wieder Gesichter, die ich kannte, und setzte mich schließlich mit einem Programm auf eine Mauer. „Juniororchester“, hieß der Eintrag, gleich nach dem Chor. Vielleicht war sie daran beteiligt. Ich saß eine Weile in Gedanken, bis ich merkte, dass jemand vor mir stand. Es war Christian.

„Ich glaube, ich schaff das nicht, Florian.“, sagte er. Seine Stimme war ein bisschen brüchig, als müsste er weinen, und er war bleich. Ich legte ihm den Arm um die Schulter und ging mit ihm langsam zurück auf die Bühne zu.
„Ich wette, ich trau mich nicht.“, sagte er noch einmal, in vorwurfsvollen Ton. „Ich trau mich nie.“
„Ich glaub schon, dass du das kannst.“, sagte ich und er sah mich von der Seite an. Ich schaute ihm in die Augen und grinste: „Immerhin hast du mich auch gefragt, ob wir zusammen wichsen wollen.“
Für einen Augenblick war er sprachlos und dann fing er an, hysterisch zu lachen. Er lachte ziemlich lange und ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grinste und setzte seinen Weg zur Bühne alleine fort. Ich sah Frau Ahnfeld wieder, aber Agnes war nicht mehr neben ihr. Ich suchte mir einen Platz, möglichst weit weg von ihr und Christian, und sah, wie sechs oder sieben Schülerinnen und Schüler in schwarzen T-Shirts zum Chor auf die Bühne marschierten. Agnes spielte offenbar Querflöte und dann setzte das sogenannte Juniororchester zusammen mit dem Chor ein. Was sie mit ihrem Bruder gemein zu haben schien, war die völlige Ruhe und Gelassenheit, die Agnes auf der Bühne zeigte. Sie wartete geduldig auf ihre Einsätze und machte ihre Sache, soweit ich das beurteilen konnte, sehr ordentlich. Auf den Applaus folgte ein zweites Stück. Schließlich ging ich fort, um nach ihrem Bruder zu sehen.

Auf der anderen Straßenseite, beim Sportplatz, waren noch nicht so viele Menschen. Die Schülermannschaft lief sich warm, die Lehrer machten ein paar halbherzige Dehnübungen. Der Elternbeirat stellte offensichtlich eine dritte Mannschaft und da waren die übelsten Gestalten vertreten. Timo entdeckte ich zwischen den Läufern und einen anderen Jungen, den ich aus der Pause vom Fußballspielen kannte. Ich suchte mir einen Platz auf der Tribüne, von dem aus ich das Ganze überblicken konnte und ließ meine Gedanken schweifen. Wiederum bemerkte ich erst nach einer ganzen Weile, dass jemand vor mir stand.



---

(Am Mittwoch folgt das vierundvierzigste Kapitel: „Endspiel“, in dem ans Licht kommt, was Sven Florian verschwiegen hat.

Danke, nademaro und Cyprus!
Wie immer ganz herzlichen Dank, bluesky, und wie immer habe ich nicht viel, das ich weiter sagen kann. Es wird spannend für mich, weil ich manches doch ganz anders sehe als du (und desto lieber sind mir natürlich deine Einschätzungen.) Könnte es aber bei der Sache mit Christian nicht sein, dass du ein Detail übersehen hast...?)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 18 Mär 2013, 18:00

Oh man..hihi..
Was für eine Story..
Wie erwachsen alles auf einmal ist..
Bin echt wie immer begeistert..:):)
Tolles Kapitel..bin gespannt was da ans licht kommt:):)
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 19 Mär 2013, 23:25

Nachdem Kapitel 42 („Fieber“) nicht nur sehr gut geschrieben war, sondern der Inhalt es streckenweise richtig in sich hatte, erscheint das neue Kapitel so harmlos, dass man Svens Eskapaden schon fast vergessen könnte. Das bunte und freundliche Sommerfest wirkt beruhigend und lässt den Leser beinahe übersehen, dass wir uns dem Ende der Geschichte zu nähern scheinen. (Nach Kapitel 30 hieß es, dass zwei Drittel der Geschichte vorüber seien; nach Kapitel 41 hat Amon angekündigt, dass er gegen Ende das Tempo etwas anziehen werde – und jetzt soll das kommende Kapitel auch schon am Mittwoch erscheinen.)

Hier haben wir also ein entspanntes und harmloses Kapitel. Ganz ohne große Ereignisse – und ganz ohne Sven. Florian macht Christian Mut, sich endlich Nicole zu offenbaren und greift dabei kräftig auf seine eigenen Erlebnisse mit Sven zurück. (Der Sprung ins kalte Wasser; die lange Wartezeit von einem halben Jahr, bis es zur Schlägerei mit Sven kam; das Eingehen von Risiken...)Dass er auf Christian damit besonders erwachsen wirkt, kann man vielleicht so deuten, dass Florian durch die Zeit mit Sven reifer geworden ist – oder zumindest wertvolle Erfahrungen gesammelt hat, die Christian noch abgehen. (Es ist schon fast rührend, wie er Christian aufbaut.) Vielleicht ist Florian aber auch einfach nur etwas schlauer als sein Klassenkamerad. Mag sein.

Schließlich findet auch Florian, dass sich an diesem Sommerfest endlich einige Dinge klären sollen. Man darf gespannt sein, ob ihm die Ergebnisse gefallen werden. Er soll ja schon am nächsten Tag früh morgens nach Italien fahren. Nicht viel Zeit, um etwaige Probleme zu lösen, wenn er erfährt, was Sven ihm verschwiegen hat. Was nun das Fußballspiel zwischen Lehrern und Schülern angeht, bin ich gespannt, was für eine Figur Severin wohl machen wird. Aber am brennendsten interessiert mich natürlich die Frage, was Florian über Sven erfahren könnte – und wie er darauf reagieren wird.

Also Amon: die Spannung ist gewaltig. Entsprechend bin ich froh, nicht bis Donnerstag warten zu müssen.
Dass du manches ganz anders siehst als ich, habe ich mir zwar gedacht. Aber leider weiß ich ja (noch) nicht, welchen Ausgang die Geschichte nehmen wird und wie deine Sichtweise dazu ist. Da bist du natürlich klar im Vorteil.
Ich bin mir auch sicher, dass man zu der Sache mit Christian noch hätte viel sagen können. Aber welches Detail ich genau übersehen habe, weiß ich nicht. Hmm… Vielleicht, dass Florian aus den Ratschlägen, die er Christian gibt, doch auch selbst etwas gelernt hat. Oder dass es bei Christian um einen Mangel an Selbstvertrauen geht, der ihn daran hindert eine Beziehung zu Nicole aufzubauen, während es bei Florian das Vertrauen auf die Zukunft und in die Freundschaft zu Sven ist, das ihn Fragen aufschieben ließ. Ich weiß es nicht.
Also vielen Dank für das neue Kapitel, Amon! Ich freue mich schon auf morgen.
LG, bluesky

Amon
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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 20 Mär 2013, 18:53

[44] Endspiel

Es war Max, der mich laut grüßte und sich neben mich setzte. Immer mehr Schüler und Gäste kamen herüber. Die Tribüne füllte sich langsam. Max überredete mich, mit hinunter zu kommen, an den Spielfeldrand. Von oben könne man nicht richtig anfeuern, sagte er. Unten war eine größere Gruppe von Achtklässlern, einige kannte ich vom Fußball. Außerdem eine Reihe von Mädchen, die sich ziemlich laut und auffällig benahmen. Besonders Timos Namen kreischten sie und pfiffen, wenn er sich zum Dehnen bückte. Es kam eine kurze Lautsprecherdurchsage von Feißen, der das Ganze zu leiten schien, selbst aber nicht mitspielte. Zuerst sollten die Schüler gegen die Eltern spielen. Der Anstoß wurde gegeben und das Schülerteam legte eine schnelle Offensive hin. Sven spielte im Mittelfeld und seine Pässe waren scharf und schnell. Trotzdem konnten Timo und der zweite Stürmer nicht viel ausrichten. Die Eltern spielten defensiv, wahrscheinlich weil man dabei weniger laufen musste. Ihr ganzer Strafraum war mit dicken Bäuchen zugepflastert. Am schlimmsten war ein Herr mit grauem Schnurrbart und roten Backen, Mannschaftskapitän und Elternbeiratsvorsitzender, der über hundert Kilo wog und es immer schaffte, im Weg zu stehen. Er griff die Stürmer an und trat ihnen den Ball zwischen den Beinen weg. Es war frustrierend. Als Timo schließlich doch ein Tor machte, kreischten die Mädchen neben mir und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie ihre Brüste gezeigt hätten.
„Timo, Timo!“, brüllten sie.

Das Spiel zog sich dahin. Fünfundzwanzig Minuten waren ein bisschen zu lang. Es geschah nicht mehr viel. Plötzlich aber, mit noch fünf Minuten zu spielen, scheiterte einer der Angriffe, wiederum am Herrn mit grauem Bart, der gleich an den Tormann weiterspielte und der feuerte den Ball weit hinaus in den Strafraum der Schüler. Der Mann, der ihn annahm stand klar im Abseits, aber diese Regel schien niemanden zu interessieren und während sich die Schüler noch beschweren wollten und auf Abpfiff warteten, war das Tor gefallen. Die Empörung war groß und die Achtklässler um mich herum brüllten Beschimpfungen, aber Feißen als oberster Schiedsrichter pfiff alles nieder. Man konnte der Mannschaft die Wut und die Verbitterung anmerken. Es war nichts zu machen. Die Eltern machten ihre Hälfte dicht, hatten mehr oder weniger acht Abwehrspieler und ließen nichts mehr zu. Der Kapitän der Schülermannschaft gab Anweisungen und brüllte Kommandos, aber seine Spielzüge führten zu nichts. Timo schien frei zu stehen, als er den Pass bekam, pfiff Feißen Abseits.

Die Achtklässler um mich herum wollten Blut sehen, die Mannschaft wollte protestieren, aber ihr Kapitän wies sie zurecht. Es waren noch zwei Minuten zu spielen und es galt keine Zeit zu verlieren. Den Angriff der Eltern fing der zweite Stürmer ab, passte zu Timo aber auch der wurde plötzlich von allen Seiten bedrängt und passte weit zurück ins Mittelfeld, sodass der Ball Severin vor die Füße kam. Er wurde plötzlich lebendig, stürmte auf das Tor zu. Die undurchdringliche Verteidigung blockierte Timo und den zweiten Stürmer. Sie schloss die Seiten ab. Weiter stürmte Sven gerade aus.
„Was zum Teufel macht der scheiß-Ahnfeld?“, brüllte einer der Schüler neben mir.
„Gib ab! Gib ab!“, riefen sie und gleich wurde auch klar, warum. Der Elternbeiratsvorsitzende schloss die letzte Lücke, trat direkt in Svens Bahn. Der rannte unbeirrt weiter, drei Meter waren es noch, sofort darauf nur mehr zwei und als er direkt vor dem Mann war, holte er aus und zog ihm mit voller Wucht den Ball in den Bauch. Der sackte zusammen, die Zuschauer schrien auf, Sven aber sprang mit dem Ball über den Elternbeiratsvorsitzenden hinweg und schoss den Ball geradeaus ins Tor. Der Torwart zuckte zusammen, so fest zog er drauf. Die Menge tobte, der Elternbeiratsvorsitzende lag noch immer auf dem Boden und hielt sich den Bauch und das Mädchen neben mir brüllte: „Ahnfeld, ich will ein Kind von dir!“
Feißen pfiff, das Tor zählte und Sven brüllte so laut, dass man es über den ganzen Platz hören konnte: „Spiel noch einmal defensiv!“
Timo zog ihn weg und umarmte ihn, auch die anderen klopften ihn ab.
„Scheiße, ist das geil!“ brüllte Max und fiel mir um den Hals.
„Ahnfeld! Ahnfeld!“ war jetzt die Parole.

Der Elternbeiratsvorsitzende ließ sich auswechseln und mit einer Minute zu spielen und einer Minute Nachspielzeit ging es weiter. Die Schüler änderten noch einmal ihre Aufstellung und Sven zog sich in die Verteidigung zurück. Noch einen Angriff starteten die Schüler, Sven bekam den Ball und wieder begann er seinen Sturm auf die Verteidigungslinien.
„Ahnfeld! Ahnfeld!“
Er hatte beinahe das gesamte Feld zu überqueren und während sich ihm die Mutigsten in den Weg zu stellen versuchten, schlüpfte der Schülerkapitän durch und mit einem kurzen Pass über Timo war das Drei-zu-Eins perfekt. Das Publikum war begeistert und auf der Tribüne über mir sah ich wieder Svens Mutter, die mit verschränkten Armen konzentriert und angespannt auf das Spielfeld starrte, und Agnes neben ihr. Frau Ahnfeld sah kurz auf sie herunter und sagte irgendetwas. Ich hätte gern gewusst, was sie gesagt hatte. Schließlich kam der Abpfiff und plötzlich schien Sven desinteressiert. Während seine Teamkameraden einander umarmten oder mit hochgezogenem T-Shirt über den Platz rannten und dem Gegner die Hand schüttelten, schlenderte er unbeeindruckt zum Tor und bückte sich nach seiner Flasche.
„Ahnfeld, ich will ein Kind von dir.“, brüllte das Mädchen neben mir noch einmal. Bei den Achtklässlern saß auch ein Mädchen, das gedankenverloren auf das Spielfeld blickte und ihre braunen Locken in den Fingern drehte. Ich wollte Max fragen, wer sie war, aber der hatte keine Zeit, weil die Spieler jetzt zur Tribüne kamen. Fünf Minuten Pause, dann sollten die Eltern, als Verlierer gegen die Lehrer antreten.
„Timo! Timo!“, kreischten die Mädchen wieder und die Lauteste von ihnen gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Servus, Florian.“, sagte er zu mir und ich war ein bisschen stolz darauf. Wir zogen uns auf eine Seite des Spielfelds zurück, wo es ein bisschen Schatten gab.

„Du bist so ein Zerstörer.“, sagte Max, als Sven zu uns herüber kam. Er boxte ihm in die Brust und Timo legte Sven den Arm um die Schultern und fuhr ihm durch die Haare. Der Kapitän kam herüber.
„Dieser verdammte Dr. Tulmer und seine scheiß-Defensive.“, fluchte er, „Das macht er jedes Mal.“
„Ja“, sagte Timo, „deswegen haben wir ja ihn.“ Er meinte Sven.
„Ist Dr. Tulmer der, dem du die Niere weggeschossen hast?“, fragte Max, aber Sven zuckte nur mit den Schultern. Mir fiel auf, dass er noch gar nichts gesagt hatte.
„Mensch, Severin.“, sagte Timo. „Was machen wir in Zukunft ohne dich?“ Der Kapitän zog die beiden mit sich fort zur Teambesprechung.
„Was meint er damit?“, fragte ich Max.
„Weißt du des nicht? Dem Ahnfeld sind wir nicht mehr gut genug. Der geht aufs Internat.“

Ich konnte sehen, wie mir Sven einen dunklen Blick zuwarf, während der Kapitän eine Ansprache hielt. Timo stieß ihn schließlich mit dem Ellbogen an und dann wandte Sven seine Aufmerksamkeit wieder der Besprechung zu. Der Anpfiff für das Lehrerspiel wurde gegeben. Die Schülermannschaft schaute aufmerksam zu, um herauszufinden, was die einzelnen Spieler konnten. Auch die Achtklässler gingen wieder zur Tribüne und ich blieb alleine zurück. Sven sah mich da stehen und er musste begriffen haben, was los war. Er kam zu mir herüber.
„Ahnfeld, schau dir das verfluchte Spiel an.“, brüllte der Kapitän.
„Gib mir zehn Minuten. Die erste Halbzeit.“, rief Sven zurück. Zumindest eine Halbzeit war ich ihm wert.
„Komm mit, Florin. Gehen wir ein Stück.“, sagte er und zog mich fort von den Zuschauern.
„Du gehst weg?“
„Ich geh aufs Internat. Die haben eine Mathematikakademie mit einem Logikkurs. Das ist ganz gut für mich.“
„Na wenn schon?“, sagte ich ruhig. „Warum hast du mir das nicht gesagt?“
„Was weiß ich? Es ist doch auch egal. Wir sehen uns halt am Wochenende oder in den Ferien.“
Ich blieb stehen und sah ihm in die Augen. Wir standen im Schatten der Bäume. Es waren ein paar Buchen, in denen man im Winter Mistelzweige sehen konnte.
„Warum hast du‘s mir nicht gesagt?“
„Ich muss aus dieser Schule raus und weg von hier.“, sagte er. „Das ist besser so. Wahrscheinlich auch für dich.“
Ich verstand nicht, was er damit meinte.

„Warum hast du‘s mir nicht gesagt?“, fragte ich noch einmal.
„Ist das alles, was dich interessiert?“
„Irgendwie schon.“
„Ja. Ich hätte es dir auch sagen können. Aber davon ändert sich doch gar nichts. Davon ändert sich nichts, wenn ich dir sage, dass ich scheiße-traurig dabei bin. Vor allem wegen dir. Aber das ändert nichts. Es ist trotzdem das Beste, wenn ich gehe.“
Ich schaute ihn an und biss mir auf die Lippe.
„Hör auf damit.“, sagte Sven. „Hör auf, so zu schauen. Wir haben noch siebzig Jahre Zeit, befreundet zu sein, da brauchst du wegen ein paar Pausen, in denen wir uns nicht sehen, nicht so rum zu scheißen.“
Es klang beinahe so, als hätte er auch sich selbst ermahnt. Ich fing an zu lächeln und er lächelte zurück. Das tat gut.
„Und jetzt muss ich Fußball schauen. Es ist Endspiel für mich. Und ich will den Gebhart bluten sehen.“
Gebhart unterrichtet Mathe und Physik. Er ist jung und athletisch. Sven drückte seine Faust gegen meine Schulter und ging dann zum Spielfeld. Ich blieb unter den Bäumen zurück und sah ihm nach.


---

(Am Samstag folgt das fünfundvierzigste Kapitel: „Requisiten“, in dem Florian eine Menge bunter Dinge sieht, ohne ihre Symbolkraft zu verstehen.

Danke, nademaro!
Vielen Dank, bluesky. Einen kleinen Hinweis zur Sache mit Christian gibt es auch noch im nächsten Kapitel... *smile*)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 20 Mär 2013, 19:46

Hihi..danke für vorgeburtstagsgeschenk..hihi..
Oh man..armer Florian..das muss echt erst einmal ein Schlag in den Magen sein..
Ich bin weiter gespannt was du noch vorhast..:)
ich fress papier und kotz konfetti

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Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 20 Mär 2013, 23:43

Amon! An dir ist ein Sport-Moderator verloren gegangen. Hast du eigentlich selbst mal ernsthaft Fußball gespielt? Jedenfalls beschreibst du das Spielgeschehen sehr lebendig. „Schwule und Fußball“ – ja klar!

So, nun geht es also aufs Internat. Wer hätte gedacht, dass Sven sich bald von Florian verabschieden muss - also nicht etwa die Freundschaft kündigt oder dergleichen; sondern wirklich weg sein wird? Seien wir ehrlich: Als Max in Kapitel 39 meinte, dass es Sven nicht mehr interessieren muss, was man über ihn sagt, aber dass Florian damit zurechtkommen muss, hat er das schon ziemlich deutlich angekündigt. Darum interessiert es mich auch viel mehr, was Sven wohl damit meint, dass er aus dieser Schule raus muss und das auch besser für Florian ist. Macht er sich Sorgen, dass er nicht gut für Florian ist? Ich weiß nicht.

Zwar zeigt sich Sven auch in diesem Kapitel wieder von seiner gröberen Seite, wenn er ziemlich hart Fußball spielt. Aber das scheint auf allgemeine Zustimmung zu stoßen. „Spiel noch einmal defensiv!“ Und die Menge tobt. Sven ist mal wieder souverän und zeigt seine Überlegenheit nicht nur gegenüber den andren Jungs, sondern auch gegenüber den erwachsenen Gegenspielern.

Das nächste Kapitel folgt also schon am Samstag. (Der Titel „Endspiel“ hatte mir schon einen Schrecken eingejagt.) Ich freue mich schon auf die angekündigten „bunten Dinge“ mit ihrer Symbolkraft. Dabei gibt es wohl einiges zu interpretieren.
Aber was ist das nur für eine Sache mit Christian? Es geht doch nicht schon wieder ums Gemeinschaftswichsen? :wink:

Also bis Samstag und vielen Dank für das neue Kapitel, Amon.
LG, bluesky

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Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 23 Mär 2013, 15:13

[45] Requisiten

Nach ein paar Minuten ging ich zur Schule hinüber. Ich wollte nicht sehen, wie Sven ein letztes Mal mit seinen alten Kameraden spielte. Es hätte mir das Herz gebrochen. Jetzt war ich alleine und hatte nichts zu tun, wollte auch niemanden sehen und wollte nichts unternehmen. Allenfalls hätte ich vielleicht weinen können. Ich ging ins Schulhaus, durch die meist leeren Gänge in denen es kühl war. Irgendetwas vermisste ich, aber es war mir auch beinahe egal, was das war. Ich verbrachte längere Zeit vor einer Schautafel, starrte sie an, ohne sie zu lesen, und irgendwann kam Bastian mit ein paar fremden Schülern vorbei. Sie trugen große Kartons auf dem Arm und ich fragte, ob ich ihnen helfen sollte, und nahm ihnen etwas ab. Sie waren damit beschäftigt, Requisiten aus einem Kellerraum herauf und hinter die Bühne zu tragen. Die Theatergruppe der Schule wollte später etwas aufführen. Bastian, wie ich erfuhr, war nur in seiner Eigenschaft als Klassensprecher und also als Mitglied der Schülermitverwaltung hier beschäftigt.
„Der da ist Schauspieler.“, sagte er und deutete mit dem Kinn (denn er hatte die Hände voll) auf den Jungen vor uns. Er war größer als ich. Ich schätzte ihn auf die zehnte oder elfte Klasse. Er hatte einen breiten Kopf und seine dunkelblonden Haare waren so kurz geschnitten, dass man sehen konnte, wie seine Ohren etwas abstanden. Er drehte sich zu uns um und sah trotz seiner Ohren nicht lächerlich aus, sondern irgendwie sehr nett.

„Ein echter Schauspieler?“, fragte ich mit ironischer Bewunderung.
„Ja. Ich spiele jemand, der eine leichte Kiste trägt. In Wirklichkeit ist sie sau-schwer.“
„Ich spiele jemand, der deinen Witz gut findet.“, sagte ich und der Junge mit den Segelohren fing zu lachen an.
Es sah schön aus, wie er lachte. Es schien mir bemerkenswert, dass er darüber lachte, obwohl er viel älter war als ich und ich mich über ihn lustig machte.
„Welche Klasse bist du?“, fragte er.
„Siebte, bis jetzt.“
„Dann kannst du nächstes Jahr bei uns mitmachen. Hast du schon mal geschauspielert?“
„Ich mache meinen Eltern etwas vor. Zum Beispiel, dass ich meinen Bruder mag.“
Er grinste und fuhr mit den Zähnen über seine Unterlippe.
„Wie heißt du?“
„Florian.“
„Wie noch?“
„Seiler.“
„Ist dein Bruder Thomas Seiler?“
„Du kennst ihn?“
„Der war früher Schülersprecher, oder?“
„Ja.“
„Dann willkommen im Team.“, sagte er und ich brauchte erstaunlich lange, um zu verstehen, wie er das gemeint hatte.

Es dauerte auch ziemlich lange, das ganze Gerümpel, das für den Auftritt benötigt wurde, hoch zu schaffen, vor allem, weil wir uns auch Zeit ließen. Faszinierend war der Kellerraum mit den Requisiten, vollgestellt mit Kisten, Trennwänden, Plakaten, langen Garderobenstangen, auf denen Kleider hingen, Stühlen, zwei Fahrrädern, Treppenpodesten und Möbeln aus Styropor. Es gab auch noch eine ziemlich bequeme, alte Ledercouch und eine Kiste mit Getränken. Der Junge mit den Segelohren bot uns etwas an und wir setzen uns und machten Pause. Die Kostüme und Requisiten faszinierten mich. Ich machte eine Runde durch den Raum und der Segelohrenjunge erklärte mir aus welchen Stücken die Sachen stammten – sofern er sich erinnern konnte. Ein großes Einmachglas stand dort, das bis zum Rand mit Kondomen gefüllt war. Ich starrte es einen Augenblick an, traute mich aber nicht, zu fragen, was es damit auf sich hatte. Als wir hinausgingen, schloss der Junge mit den Segelohren ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Wir brachten eine letzte Ladung Kartons nach oben.

Draußen war es unerträglich hell und warm. Als ich meine Sachen abgestellt hatte, war Christian neben mir.
„Und?“, fragte ich.
„Ich hab es ihr gesagt. Und wir sind jetzt zusammen. Und wir haben uns geküsst.“, sagte er, als würde er mir erzählen, was er zu Weihnachten bekommen hatte. „Ich muss gleich wieder weg. Aber danke. Danke, Florian.“, sagte er und dann war er verschwunden.
Ich freute mich für ihn. Das überraschte mich. Ich war tatsächlich fröhlich, weil Christian glücklich war. Irgendwie war doch alles nicht ganz so schlecht… – Bald darauf traf ich auf Emma.
„Weißt du schon die großen Neuigkeiten?“, fragte sie und setzte ihre Sonnenbrille in die Haare.
„Ja.“
Sie nickte und warf mir einen merkwürdigen Blick dabei zu. Jetzt auf einmal begriff ich, was das zu bedeuten hatte. Ich war wirklich ziemlich blöd gewesen. Na gut – da ließ sich jetzt nichts mehr machen… Sie hatte ihren Nachbarn Konstantin mitgebracht. Er ging auf unsere Schule, wie ich jetzt erfuhr, war aber eine Klasse unter uns. Zu dritt kauften wir uns Kuchen und setzen uns ein Stück abseits ins Gras.

Konstantin erzählte vom Fußballturnier. Sie hatten es sich angeschaut. Die Lehrer hatten die Eltern mit fünf Toren Vorsprung geschlagen, weil ihre Verteidigung ohne den Kapitän nicht mehr bestanden hatte. Da war man natürlich gespannt gewesen auf das Endergebnis.
„Es war ein hartes Spiel und der Feißen hat alles falsch gepfiffen. Und sie haben in Unterzahl gespielt. Es war am Ende unentschieden, weil der Feißen zwei Elfmeter falsch gegeben hat. Aber in der Verlängerung haben sie es dann noch gepackt. Wir haben gewonnen.“
Damit meinte er wohl uns Schüler. Dann, so erzählte er weiter, war die Mannschaft zum Feiern losgezogen und später wäre noch die Siegerehrung. Ich fragte, wer eine rote Karte bekommen hatte, aber er konnte es mir nicht sagen.
„Ich weiß nicht, wie er heißt. Aber jedenfalls hat er den Gebhart gefoult, im Strafraum und dann ist er rausgeflogen. Er hat ihn beim Angriff weggeschubst. Der Torwart mein ich. Der Gebhart ist aufs Tor zugelaufen und der Torwart hat ihn weggeschlagen. Und dann ist ein anderer ins Tor und sie waren nur noch zehn. Aber der hat die beiden Elfer reingelassen und später noch einen im Spiel und dann ist der reingegangen, den wo sie ZERSTÖRER nennen. Und der hat gehalten. Und dann hat er einen Ball ins Gesicht bekommen und hat geblutet, aus der Nase, aber er hat trotzdem weitergespielt.“
„Der Zerstörer?“, fragte ich.
Konstantin schien ein netter Junge zu sein, konnte aber wirklich keine zusammenhängende Geschichte erzählen.
„Er meint Severin Ahnfeld.“, klärte mich Emma auf. Das machte mich froh. Nicht, dass er einen Ball ins Gesicht bekommen hatte, aber dass er sich in seinem Endspiel hatte nützlich machen können.

Die Theatergruppe brachte mit ein paar zweitklassigen Sketchen (der Segelohrenjunge hatte eine angenehm kleine Rolle) und Improvisationsspielen mit Freiwilligen aus dem Publikum (inklusive Rektor) gut vierzig Minuten durch und der Chor trat auch noch einmal auf. Und danach erzählte eine Lehrerin etwas über eine Schule in Äthiopien, die sie besucht hatte. Eine Tanzeinlage gab es auch noch. Wir hörten uns nicht alles an, sondern zogen noch einmal durch das Schulgebäude, wo es eine Crêpes-Werkstatt und einen Rätselgarten gab. Ein paar Leute aus meiner Klasse hatten sich uns angeschlossen. Es war schon beinahe Abend, als die Siegerehrung auf dem Programm stand und eine laute Gruppe von Schülern, die sich schlecht benahmen und vielleicht zum Teil betrunken waren, fiel plötzlich auf dem Fest ein. Max gehörte dazu, die lauten Mädchen aus der achten Klasse, die ein Kind von Sven und Timo wollten, und überhaupt die ganze Fußballmannschaft.
„Da bist du!“, rief Max und hielt sich an meiner Schulter fest. Er roch nach Bier. Du hast den ganzen Spaß verpasst. Er zog mich mit ihnen fort und zur Bühne vor. Der Rektor kündete die Siegerehrung an und bat die Bronzemedaillen-Gewinner (wie er sagte), den Elternbeirat, auf die Bühne. Es gab ein bisschen Applaus und ein paar Schüler riefen: Buh! Die Lehrer wurden auf die Bühne gebeten: Silbermedaille. Sven sah auf die Uhr und löste sich dann aus der Gruppe.
„Verdammt, wo gehst du hin?“, fragte ihn der Kapitän.
„Ich muss was erledigen.“
„Wir sind gleich dran.“
„Na und?“
„Du bleibst da. Das ist ein Befehl.“, rief der Kapitän.

Der Rektor fing an, die Schülermannschaft anzukündigen und tadelte zuerst ihre harten Kampftaktiken.
„Wenn sie mit solchem Eifer lernen würden, hätten wir bald keine Bücher mehr.“, sagte der Rektor und die Menge lachte, obwohl sein Witz irgendwie blödsinnig war. Sie mussten sicher gleich auf die Bühne kommen.
„Florian“, sagte Sven zu mir. „Kannst du bitte was für mich machen?“
„Was denn?“
„Weißt du, wo die 10b ist?“
„10b?“
„Das ist die mit dem Irlandprojekt.“
„Ja.“
„Geh bitte hoch und frag nach Simon. Und lass dir was für mich geben.“
Der Rektor rief die Schüler auf die Bühne. Sie gingen los und riefen Sven nach, wo er bleibe.
„Gleich!“, brüllte er zurück. „Frag nach Simon und sag ihm, dass du was für mich abholst.“
„Simon, Irland, 10b.“, wiederholte ich.
„Danke.“, sagte er und ging auf die Bühne hinauf. Im Davonlaufen hörte ich noch den Applaus der Menge. Der Kapitän hielt einen kleinen Pokal in die Luft und brüllte.

Ich lief die Treppe hinauf und fand die 10b, nachdem ich einmal falsch abgebogen war. Das Schulhaus war so gut wie leer und auch im Klassenzimmer war nicht viel los. Eine Gruppe Schüler saß auf dem Boden zusammen. Sie hörten Musik und versteckten Guinness-Dosen vor mir, als ich reinkam.
„Ist einer von euch Simon?“, fragte ich und sie deuteten zum Fenster.
„Ich bin Simon.“, sagte der Junge, der dort stand, und kam grinsend auf mich zu. Es war der mit den Segelohren.
„So sehen wir uns wieder, Florian Seiler.“
Ich war ein bisschen überrascht und so schaute ich ihn wohl auch an.
„Was gibt’s?“, fragte Simon Segelohr.
„Ich soll was abholen. Für Severin Ahnfeld.“
„Ah.“, brummte er kurz, „Beinahe pünktlich. Ich wollte gleich schon weg. Er zog einen schweren Schlüsselbund aus der Tasche und machte sich daran, einen der Schlüssel abzunehmen.
„Hier.“ Er hielt ihn mir hin. Ein wenig betäubt griff ich zu.
„Was er damit macht, ist seine Sache, mich geht das gar nichts an. Und wenn er sich erwischen lässt, dann ist das sein Problem, nicht meins. Sag ihm das.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„War nett, dich kennen zu lernen, Florian Seiler. Bis nächstes Schuljahr vielleicht.“


---

(Am Montag folgt das sechsundvierzigste Kapitel: „Der Zerstörer“, in dem Sven seinem neuen Spitznamen alle Ehre macht.

Danke, nademaro, und alles Gute! Kann es sein, dass du mir wirklich zu jedem einzelnem Kapitel geschrieben hast?
Vielen Dank, bluesky. Ob ich selbst mal ernsthaft Fußball gespielt habe? Ist die nächste Frage, ob ich schon mal jemanden zusammengeschlagen habe – oder haben dir die Kapitel 4 & 37 nicht gefallen? *condescending smile* Aber im Ernst, bluesky, vielen Dank für das Kompliment; freut mich, dass es dir gefallen hat. Es hat auch Spaß gemacht, das Spiel zu beschreiben. Was nun die Kapitelankündigungen (und also die symbolträchtigen bunten Dinge) angeht, ist es ja kein Geheimnis, dass man sie nicht immer ganz ernst nehmen darf…)

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Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 23 Mär 2013, 16:37

Hihi..danke..
Klar doch, ich finde nach wie vor deine Story Mega..
Deshalb muss ich dir schreiben :D
Bin dein größter FAN :D:D

Was es mit dem Schlüssel Aufsicht hat??
Da bin ich gespannt..
ich fress papier und kotz konfetti

Re: Die Maschine

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