Die Maschine

Platz für eure Beziehungsstories - fact and fiction
Gay Stories - keine Sexstories!
Benutzeravatar
nademaro
member
member
Beiträge: 598
Registriert: 28 Aug 2012, 02:56
Wohnort: Nürnberg
Kontaktdaten:

Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 07 Feb 2013, 19:31

Hihi..
Das war echt fieß..die Hose hoch zu ziehen..
Ich bin soo süchtig..
ich fress papier und kotz konfetti

Re: Die Maschine

Werbung
 

Paul1992
Einmalposter
Beiträge: 1
Registriert: 09 Feb 2013, 00:11

Re: Die Maschine

Beitragvon Paul1992 » 09 Feb 2013, 00:18

Hey Amon,
ich hab mich extra in diesem Forum angemeldet um dir hier schreiben zu können wie großartig deine Geschichte ist. Ich hab die die letzten Tage alle Teile regelrecht verschlungen und mich dabei erwischt, wie man imm Alltag weiter über Severin und Florian nachdenkt. Dein Schreibstil ist ausgezeichnet und die Charaktere sind fein herausgearbeitet - du hast wirklich Talent. Ich habe mir noch 5 andere der aktuellen Geschichten angeschaut hier in dem Forum, aber alle fand ich nach wenigen Minuten deutlich schlechter als "die Maschine", sodass ich aufgehört habe sie zu lesen. Ich freue mich schon sehr auf die nächsten Teile.

Vielen Dank!

Amon
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 57
Registriert: 15 Jul 2012, 11:49

Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 11 Feb 2013, 09:33

[35] Gott steh uns bei!

Wir wurden wach, als mein Wecker um zehn zu läuten anfing. Das Haus hatten wir jetzt für uns allein. Sven aß Cornflakes und ich versuchte, Spiegeleier zu braten, aber es wurde eher Rührei. Es gefiel mir, ihn essen zu sehen. Dann packten wir die Rucksäcke fürs Hallenbad. Ich suchte meine Schwimmbrille, weil Sven seine dabei hatte, und wir gingen zuletzt auf den Speicher, um dort nachzusehen. Als ich den Schrank öffnete, in dem meine alten Sachen verstaut waren, stieß ich einen Stapel um und mehrere linierte Doppelhefte, Din A5, in roten Umschlägen, rutschten heraus auf den Boden.
„Sind das Tagebücher?“, fragte Sven.
„Nein.“, log ich und schob sie zurück in den Schrank. Es waren alte Hefte aus der Grundschulzeit. Sie waren so harmlos, dass sie sogar meinem Bruder hätten in die Hände fallen können. Es stand höchstens drin, wie gemein er zu mir war, und wie niederträchtig er sich benahm. Meine späteren Tagebücher hatte ich in einem kleinen Aktenkoffer unter meinem Bett weggeschlossen. Das Zahlenschloss hatte sechs Stellen zu zehn Ziffern. Das macht eine Million Kombinationsmöglichkeiten. Dann war ich auf den Computer umgestiegen.

Mit dem Bus fuhren wir in die nächste größere Stadt, wo es ein Vergnügungsbad gibt. Das dauerte über vierzig Minuten, fast eine Stunde. Rosenmontag ist ein Arbeitstag in Bayern, trotzdem waren jetzt um die Mittagszeit schon eine Menge Leute im Bad und außerdem viele Schüler. Im Bad gab es zwei Whirlpools, ein Wellenbecken, einen ziemlich großen Außenbereich, vier Rutschen, ein Thermalbad mit Salz, ein Türkisches Dampfbad, (eine gemischte Sauna ab sechzehn Jahren) ein Kinderbecken, einen Ruhebereich, einen Kiosk und ein Sportbecken mit fünfundzwanzig Metern Länge und ziemlich kaltem Wasser. Leider war der Sprungturm draußen gesperrt, aber es war genug, um sich den halben Tag zu vertreiben, wenn man mit Freunden gekommen war. In den Außenbecken konnte man kreuz und quer tauchen und Wasserball spielen, große Schwimmreifen trieben dort herum, die man sich nehmen konnte, und für das Sportbecken konnte man Ringe leihen, um sie aus dem Tiefen (3,40m) herauf zu tauchen. Nachdem wir alles ein bisschen ausprobiert hatten, saßen wir bei unseren Sachen auf zwei Liegen neben dem Wellenbecken und ruhten uns aus. In der künstlichen Brandung kreischten und spielten Kinder.
„Irgendwie sind Hallenbäder doch ziemlich unerträglich.“, sagte Sven.
„Warum?“
„Weil sie einem genau vorgeben, wie man sich amüsieren soll.“
Ich aß weiter meinen Apfel und dachte darüber nach. Svens Rucksack vibrierte. Er suchte sein Handy heraus und nahm ab. Er antwortete kurz und mir schien, dass es seine Mutter war, mit der er telefonierte. Das Rentnerehepaar neben uns warf einander missbilligende Blicke zu. Der Mann schüttelte mit Überzeugung den Kopf.
„Sogar im Schwimmbad müssen die heute schon telefonieren. Bei uns früher hat man sich noch Zeit genommen und persönlich miteinander gesprochen. Aber heute, überall wird telefoniert, auf der Straße und im Bus und jetzt noch im Schwimmbad.“ Er hob ein bisschen die Stimme. „Pass nur auf, dass das Ding nicht im Becken landet. So eine Unvernunft, ein Elektrogerät mit ins Bad zu nehmen.“
„Entschuldige.“, sagte Sven zu seiner Mutter. „Nur einen Augenblick.“ Er ließ das Telefon sinken, drehte sich dem Mann zu und sagte: „Wenn Sie mit mir reden wollen, dann warten Sie, bis ich zu Ende gesprochen habe. Ich bin es nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, und will mich auch jetzt nicht daran gewöhnen.“
Dann setzte er das Gespräch mit seiner Mutter fort. Der alte Mann war darum bemüht, sich auch ja gründlich genug aufzuregen, und auch seine Frau begann zu zischen, dass das eine Unverschämtheit sei, wie es sie noch nicht gegeben habe. Als Sven aber aufgelegt und gefragt hatte, was es denn nun Wichtiges gebe, schüttelten die beiden nur mehr den Kopf.

Wir begannen eine zweite Runde durch das Bad im Whirlpool und kämpften zuletzt erbittert gegeneinander um einen Schwimmreifen. An Land hätte er mich wahrscheinlich besiegt, aber im Wasser war ich ihm gewachsen.
„Das reicht.“, sagte Sven nach einer Weile. „Ich kauf dir ein Eis.“
Er ließ den Reifen los, tauchte ab und war nach mehreren Schwimmzügen unter Wasser auf der anderen Seite des Beckens. Wir gingen zurück zu unseren Sachen, um Geld zu holen. Das Ehepaar war nicht mehr zu sehen. Sie waren offenbar gegangen.
„Das Handy ist weg.“, stellte Sven fest.
Er drehte seinen Rucksack um und lehrte den gesamten Inhalt auf sein Handtuch, begann alle Reisverschlüsse aufzuziehen und die Ritzen zu durchsuchen. Er tat es so methodisch und ruhig wie immer. Nach zehn Minuten legte er den Rucksack beiseite und dachte nach. Dafür brauchte er zwei Traubenzucker. Wir suchten die Umgebung ab und tauchten im Wellenbecken, aber das Handy blieb unauffindbar. Ich holte mein eigenes aus dem Schließfach und wählte seine Nummer an. Es war nicht zu erreichen. Zuletzt gingen wir zum Bademeister. Es war ein junger Mann, der wohl erst vor kurzem volljährig geworden war, mit einer Tätowierung auf dem Unterarm. Sven musste ihm zwei Mal erklären, was passiert war.
„Für Wertgegenstände außerhalb der Schließfächer übernehmen wir keine Haftung.“, sagte er dann.
„Das ist egal.“
„Wurde dein Schließfach gewaltsam geöffnet und das Handy daraus entnommen?“
„Nein.“
„Dann können wir keine Haftung übernehmen.“
„Das ist auch egal, ob Sie haften. Mir geht es nicht um Schadenersatz, sondern darum, das Handy zu finden.“ Eine ungeduldige Brutalität klang aus Svens Stimme.
„Und was soll ich da machen?“
Ein kurzes Zucken fuhr durch Svens Arme und er schloss die Hände zu Fäusten.
„Zeichnen die Überwachungskameras im Bad auf, oder speisen sie nur die Bildschirme ohne Sicherungskopie? – Florin, kannst du mir noch einen Traubenzucker holen, bitte?“
Der Bademeister war offensichtlich überfordert mit dieser Frage. Ich lief los, zum Rucksack hinüber. Über Lautsprecher hörte ich die Stimme unseres jungen Freundes: „Im Hallenbad ist es aus Sicherheitsgründen verboten, zu rennen.“
Die Kameras zeichneten nicht auf und das Handy blieb ohne weitere Hinweise verschwunden. Sven selbst schien das nicht viel aus zu machen.
„Meine Eltern werden sich ärgern.“, stellte er fest und damit war das Thema erledigt.
Zumindest würde ich nicht mehr von einem leeren Posteingang enttäuscht.

Rückblickend scheint die Zeit schnell zu vergehen. Der Schnee zog sich zurück und im Wald, auf dem Weg zur Papierfabrik, wuchsen Leberblümchen. Es hatte sich inzwischen gejährt, dass mir Sven an der Bushaltestelle von hinten in die Knie getreten hatte. Wenn ich darüber nachdachte, schien es mir noch viel weiter in der Vergangenheit zu liegen, als ein kurzes Jahr. Ich war ein anderer Mensch geworden seit dem und hatte angefangen, mein Leben in die Hand zu nehmen. Manchmal schien es mir so, als hätte es Sven damals genau darauf abgesehen gehabt. Von drei Duzend Schülern, denen er in die Knie getreten hatte, hatte sich einer gewehrt. Die anderen waren es nicht wert. Es war gut, ein neuer Mensch zu sein. Es war gut, keine Angst mehr zu haben. Ich konnte kaum erwarten, dass es Sommer würde. Meine Eltern hatten geplant, wieder nach Italien zu fahren. Diesmal aber nicht in die Toskana, sondern an die Adria, gleich die ersten beiden Wochen der Sommerferien. Ich war nicht unbedingt dagegen. Solange ich nicht mit Sven fahren konnte, war es mir auch egal, wann wir fuhren und wohin. Von den beiden Wochen abgesehen, gehörte uns beiden aber der ganze Sommer und der ganze Kreis mit einem Radius von vierzig Kilometern, in dem man an einem Tag mit dem Rad fahren konnte.

Was mich eher störte, war der März, in dem Semesterferien waren. Folglich hatte mein Bruder sein Erscheinen für drei Wochen angekündigt und er würde seine Freundin mitbringen. Sie waren seit zwei Monaten zusammen und sehr verliebt.
„Gott steh uns bei.“, hatte mein Vater gemurmelt, als meine Mutter die große Neuigkeit verkündet hatte. Sie zerbrach sich vor allem über die Frage den Kopf, ob sie für seine Freundin, Lisa mit Namen, das Gästezimmer herrichten sollte, oder ob beide im Zimmer meines Bruders schlafen würden. Es war ihr aber peinlich, vor mir darüber zu mutmaßen. An einem Samstagabend holte ich mit meinem Vater die beiden vom Bahnhof ab. Mein Bruder verzichtete darauf, festzustellen, dass ich groß geworden sei (leider waren nur elf Wochen vergangen, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte) und seine Freundin gab meinem Vater und mir die Hand und sagte:
„Hallo, ich bin die Lisa.“ Sie sagte wirklich DIE Lisa. Im Auto saßen die beiden auf dem Rücksitz und tuschelten miteinander und mein Vater und ich warfen uns an der Ampel einen langen Blick zu. Ich räusperte mich und fragte meinen Bruder, ob es bei der Bahn denn ein Chaos gewesen sei. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass sich mein Vater auf die Lippe biss. Zuhause wurde es noch eigenartiger. Für einen beliebigen Samstagabend hatte meine Mutter den Tisch ziemlich festlich gedeckt und es gab Rindsbraten. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Lisa Vegetarierin gewesen wäre, aber sie griff ordentlich zu. Eigentlich war es sogar ein bisschen unterhaltsam, zu sehen, wie sich mein Bruder anstrengen musste, Stimmung zu machen. Er sprach die meiste Zeit und seine Fragen liefen beinahe immer ins Leere. Lisa studierte Psychologie. Meinen Eltern passte das gar nicht. Sie hatten ziemlich naive Vorbehalte gegen diese Wissenschaft und ich glaube sie fürchteten sich davor, dass mein Bruder anfangen würde, ihnen Vorwürfe wegen seiner Kindheit zu machen. Als wir uns zum Nachtisch vorgearbeitet hatten, wollte die Unterhaltung noch immer nicht in Gang kommen.

„Wir fahren im Sommer nach Italien.“, sagte ich in die Stille hinein.
„Das ist nett.“, sagte Lisa und mein Vater runzelte die Stirn wegen ihrer Wortwahl.
„Warst du schon öfter in Italien?“, fragte ich und sie erzählte von ein paar Aufenthalten. Mit einem Mal kam ein bisschen Stimmung auf und meine Eltern und mein Bruder schimpften zusammen darüber, was für ein verkommenes Touristennest Venedig war. Der Kaffee auf dem Markusplatz war zu teuer, die Schlange vor dem Dom zu lang und die Gassen waren weit weniger malerisch als man es für die teuren Parkgebühren verlangen konnte. Und eine Gondelfahrt kam überhaupt nicht in Frage. Schlimmer war nur noch die Maut in Österreich. Sie blühten alle richtig auf, besonders mein Bruder, der die Angewohnheit hat, zu laut zu sprechen, wenn er nervös ist. Lisa sah sich das Spektakel an. Wir saßen beide stumm zwischen den anderen und plötzlich bemerkte ich, dass sie mir in die Augen sah. Um neun ging ich ins Bett.


---

(Am Donnerstag folgt das sechsunddreißigste Kapitel: „Lisa“, in dem Florian seinen Bruder von einer neuen Seite kennen lernt.

Danke, nademaro, für deinen anhaltenden Zuspruch.
Vielen Dank, Paul, und sehr gern geschehen! Ich freue mich sehr, von einem neuen Leser zu hören, vor allem wenn es so viel nettes Lob ist. (Aber in einem Wettbewerb stehen die Geschichten eigentlich nicht…) Ich freue mich natürlich auch auf die nächsten Teile, desto mehr, je mehr es euch gefällt.)

Benutzeravatar
nademaro
member
member
Beiträge: 598
Registriert: 28 Aug 2012, 02:56
Wohnort: Nürnberg

Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 11 Feb 2013, 10:32

Haha..
Wie Sven manchmal die Ruhe weg hat..hihi..
Unglaublich..
Freu mich auf Donnerstag..
ich fress papier und kotz konfetti

Cyprus
new-boy
new-boy
Beiträge: 41
Registriert: 26 Sep 2012, 14:35

Re: Die Maschine

Beitragvon Cyprus » 11 Feb 2013, 18:36

Schöner Teil. Aber es wird merkwürdig amon :D. Du scheinst doch zu viel aus meinem Leben zu schreiben: Ich habe mein Handy verloren, meine beste Freundin heißt Lisa und hat vor Psychologie zu studieren und es ist auch bei mir heute Rosenmontag. Oh mein Gott, es muss Schicksal sein !!

LG Cyprus
You've gotta dance like there's nobody watching,
sing like there's nobody listening
and love like you'll never be hurt.

William W. Purkey

Amon
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 57
Registriert: 15 Jul 2012, 11:49

Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 14 Feb 2013, 09:02

[36] Lisa

Es war mir unangenehm, das Haus mit noch zwei weiteren Menschen zu teilen. Die Chance, dass die Dusche blockiert war, hatte sich verdoppelt und das Abendessen zog sich jetzt täglich in die Länge. Die beiden hatten auch offensichtlich nichts zu tun. Sie hätten Ausflüge machen können, oder wenigstens einen Spaziergang, aber sie verbrachten die meiste Zeit im Haus, schliefen bis Mittag und ließen dann das Geschirr vom Frühstück auf dem Küchentisch stehen. Als ich am Montag aus der Schule kam, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie zwei Menschen Sex hatten. Ich wollte in meinem Zimmer Hausaufgaben machen, aber die Geräusche drangen durch die Wand und ich konnte nicht weghören. Es war so albern, dass ich darüber lachen wollte, und so peinlich, dass ich es nicht konnte. Zumindest schien mein Bruder seine Sache nicht schlecht zu machen. Lisa schrie fast eine halbe Stunde lang (mit ein paar Pausen dazwischen). Und auch ihn hörte ich dann grunzen und stöhnen. Es war furchtbar. Später, kurz nach Mitternacht, wiederholte sich das Ganze und ich wurde davon wach. An den nächsten Tagen verhielt es sich so ähnlich. Schließlich fragte ich Sven um Rat. Er hörte mir ruhig zu und packte einen Traubenzucker aus, den er zerbrach und auf seiner Zunge schmelzen ließ.

„Das ist allerdings ziemlich unangenehm.“, stellte er fest.
Er schaute an mir vorbei ins Leere und dachte nach.
„Ich hätte gute Lust“, sagte ich, „ihn beim Abendessen bloß zu stellen.“
„Das wirst du ja aber hoffentlich nicht tun.“
„Warum?“
Sven sah mich kurz an.
„Ist das dein Ernst?“, fragte er gereizt.
Ich schämte mich ein bisschen.
„Du kannst es entweder hinnehmen, oder du redest mit ihm.“, stellte er fest.
„Ich glaube, ich will das nicht. Mit meinem Bruder reden. Könntest du das? Deiner Schwester sagen, dass du sie beim Sex hören kannst?“
„Fick dich. Meine Schwester hat damit nichts zu tun.“
Es war ein Ton, den ich von Sven nicht kannte: nicht Ungeduld, Widerwille oder Bosheit, sondern echter Zorn. Mit einer Hand hatte er meine Schulter gepackt und gegen die Wand gedrückt. Ein paar Minuten lang sagte ich nichts mehr und schaute ihn feindselig an.
„Du kannst auch jedes Mal die Musik in deinem Zimmer lauter drehen, so laut, dass sie es drüben hören können. Dann werden sie schon irgendwann begreifen, was los ist.“
Das war nun einmal tatsächlich ein sehr praktischer Vorschlag. Ich dankte ihm flüchtig und dann war die Pause um.

Zuhause fand ich das Ganze aber nicht mehr ganz so praktikabel. Es ging vielleicht, wenn ich am Nachmittag allein mit ihnen war, aber nicht nachts. Was nämlich, wenn meine Eltern von der lauten Musik geweckt würden? Dann gäbe es bestimmt irgendwie ein unangenehmes Gespräch, zwischen meinem Bruder meinem Vater und mir. Das wollte ich mir lieber sparen. Nach den Hausaufgaben und meinen Liegestützen am Nachmittag ging ich in die Küche, um mir einen Joghurt zu holen. Dort saß Lisa am Tisch, mit einem Lehrbuch und einer Tasse Tee.
„Möchtest du Tee, Florian? Es ist noch welcher in der Kanne.“
„Ist mein Bruder oben?“
„Thomas ist einkaufen gefahren. Mit dem Rad. Kann ICH dir bei irgendwas helfen?“
„Ich will mit ihm reden.“
„Das ist gut.“
„Was soll das denn heißen?“
„Ich finde es gut, wenn ihr Zeit miteinander verbringt. Jetzt ist Thomas schon mal bei seiner Familie und verbringt die ganze Zeit mit mir.“
„Kannst ihn gerne haben. Immerhin kenne ich ihn seit dreizehn Jahren und ihr kennt euch erst seit ein paar Monaten, also musst du ihn offensichtlich dringender kennen lernen als ich.“
Darüber lachte sie. Ein bisschen herablassend klang es, wie sie darüber lachte, aber nur ein bisschen.
„Ich wollte eigentlich etwas Bestimmtes mit ihm besprechen, aber vielleicht kann ich das auch mit dir.“
„Sicher. Setz dich.“, sagte sie. Ich blieb aber stehen.

„Also, worum geht es?“, fragte sie.
„Ich kann euch ficken hören.“, sagte ich, „Und das geht mir auf die Nerven, vor allem in der Nacht.“
Darüber lachte sie noch einmal. Diesmal klang es nicht herablassend.
„Gut. Ist angekommen.“, sagte sie. „Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast… Gibt es sonst noch etwas zu besprechen?“
„Nein, das ist alles.“
„Schade. Ich finde es nett, mich mit dir zu unterhalten. Du bist lustig.“
„Meinst du LUSTIG oder LÄCHERLICH?“
„Du hast ja gehört, was ich gesagt habe.“
Es war bewundernswert an Lisa, dass sie sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ. Wir redeten ein bisschen und sie stellte mir ein paar Fragen. Sie tat es aber nicht, wie die Erwachsenen, die nur Fragen stellen, um sich wichtig zu machen. Sie schien tatsächlich zu zuhören. Meinen Bruder hatte sie bei einer Studie kennen gelernt, die sie im Rahmen ihres Studiums durchgeführt hatte, und er war einer der Freiwilligen gewesen. Die Details wollte ich lieber nicht wissen. Lisa fragte mich nicht, ob ich selber eine Freundin hatte. Sie machte überhaupt keine solchen Bemerkungen und sie fragte mich nichts, das ich nicht sagen wollte.

Dann kam mein Bruder nach Hause. Er hatte zwei große Einkaufstaschen dabei und stellte sie theatralisch auf den Küchentisch.
„Na, mein Schatz?“, sagte er zu Lisa. „Na, mein Großer?“, sagte er zu mir.
„Ich habe Florian gerade erzählt, wie wir uns kennen gelernt haben.“, setzte ihn Lisa ins Bild. Die beiden küssten sich.
„Soll ich dir erzählen, wie wir uns kennen gelernt haben?“, fragte er zurück. „Ich war bei meinen Großeltern, zwei Tage lang, weil sich die Geburt verzögert hat. Und dann ist irgendwann mein Vater aus dem Krankenhaus zu uns gekommen und hat gesagt, dass ich ein Brüderchen habe. Eigentlich wollte er erst schlafen, weil er den ganzen Tag nicht dazu gekommen ist, aber ich habe so lange geheult und auf ihn eingeredet, bis wir noch einmal ins Krankenhaus gefahren sind. Wir sind in einen Raum gegangen, da waren lauter kleine Betten mit Babys, aber ich habe Florian sofort erkannt. Der ist mein Bruder, habe ich gesagt und dann sind wir hingegangen und ich habe ihn auf den Arm nehmen dürfen und wollte ihn nie wieder loslassen.“
Ich hätte ihm gerne auf die Hose und auf den Küchentisch gekotzt, aber das konnte ich nicht auf Anhieb, also beließ ich es dabei, zu gähnen, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten. Er hatte die Geschichte nur erzählt, um bei Lisa Eindruck zu machen. Es hätte mich nicht gewundert, wäre jedes Wort eine Lüge gewesen. Ich hätte meinen Vater fragen können, um die Fakten zu prüfen, aber ich wollte auf diese unappetitliche Geschichte kein zweites Mal zu sprechen kommen.
„Und bei dir wusste ich auch auf den ersten Blick: Das ist die Richtige.“, sagte mein Bruder zu seiner Freundin und sie küssten sich noch einmal auf den Mund.
Ich nahm seine Einkäufe aus der Tüte und sagte: „Ich wette du hast auch bei dem Milchreis gewusst: der oder keiner.“
Lisa lachte über meinen Witz und zwar ziemlich laut – und eigentlich auch ein bisschen zu boshaft, dafür, dass sie seine Freundin war.
„Was gibt’s da zu lachen?“, fragte mein Bruder irritiert.
„Nichts. Ihr seid nur sehr verschieden, dein Bruder und du.“

Ein besseres Kompliment hätte sie mir nicht machen können. Ich begann sie zu mögen und redete nun häufiger ein paar Minuten mit ihr, wenn wir uns im Haus über den Weg liefen. Kein einziges Mal hatte ich dabei das Gefühl, dass sie mich wie ein Erwachsener mit ein paar Sätzen abspeisen wollte, und auch nicht, dass sie eine geheime Absicht bei irgendetwas verfolgte und darauf lauerte, dass ich ihr mehr verriet als ich hätte sagen wollen. Sie war ganz einfach nett. Das war eine erstaunliche Tatsache: Wie konnte jemand, der nett war, mit meinem Bruder freiwillig so viel Zeit verbringen, wie sie es tat? Oder aber sie war auch einfach nur sehr geschickt darin, düstere Absichten und einen schlechten Charakter zu verbergen. In jedem Fall aber gehörte sie als seine Freundin zum Feind und ich gab Acht darauf, über nichts zu sprechen, das er gegen mich hätte verwenden können. Mit der Zeit hatte ich tatsächlich eine beachtliche Menge von Dingen angesammelt, über die ich schweigen musste oder sogar lügen. Manchmal fand ich das bedauerlich. Besonders dann, wenn ich auch mit Sven nicht davon sprechen konnte. Aber manchmal fand ich es aufregend und abenteuerlich. So ähnlich fühlte es sich an, nach draußen zu gehen, in den Wald, jetzt, wo die Luft manchmal schon ganz warm geworden war und an den Sommer denken ließ.

Mit den warmen Tagen begann auch mein Fußballtraining. Als die Wiese mit den zwei verrosteten Torrahmen am Stadtrand nicht mehr ganz nass und glitschig war, traf ich mich mit Sven und wir begannen mit ein paar Pässen und Torschüssen. Am Anfang war ich zu nichts zu gebrauchen, später wurde es ein bisschen besser und Sven brachte zwei Jungs aus seiner Klasse mit, damit wir gegeneinander spielen konnten. Der eine hieß Max und hatte ein bisschen Übergewicht, der andere hatte kräftige Oberarme und seine Haare waren so kurz geschnitten, dass man die Kopfhaut durscheinen sah. Ich brauchte einen Augenblick, um ihn wieder zu erkennen. Es war Timo, der in der Turnhalle zu uns auf die Tribüne heraufgekommen war. Ich fragte mich, ob Sven mit den beiden befreundet war. Wir spielten in wechselnden Teams jeweils zehn Minuten gegeneinander. Als ich mit Max zusammen spielte, verloren wir sechs zu eins. Danach standen wir am Tor herum, weil der Boden zu feucht war, um sich zu setzen. Timo machte ein paar Klimmzüge am Tor und Max rauchte eine Zigarette. Sven schien sich offenbar zu langweilen und er drehte den Ball ungeduldig in den Händen.

„Ahnfeld, du gehst mir auf die Nerven mit deinem Ball.“, sagte Max und Sven fuhr unbeeindruckt fort, den Ball zu drehen.
Max schlug ihm den Ball aus der Hand und sobald er auf dem Boden liegen geblieben war, holte Sven aus und schoss ihn Max mit aller Kraft in den Bauch. Der ließ seine Zigarette fallen und sackte in die Knie.
„Das war völlig unnötig.“, stellte Timo nüchtern fest. Er hing inzwischen Kopfüber im Torrahmen, wie eine Fledermaus.
„Ich glaube, Zigarettenpausen sind völlig unnötig.“, sagte Sven.
Ich war zuerst reglos dabei gestanden. Jetzt ging ich neben Max in die Hocke und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Er beklagte sich und fluchte. Ich half ihm aufzustehen. Die Wucht eines neuen Schusses ließ uns zusammen zucken, der Ball jagte an uns vorbei und schlug gegen die Latte am Tor, einige Zentimeter an Timo vorbei.
„Ahnfeld, wenn du mich triffst, spritz ich dir dein Insulin ins Innenohr.“
„Lass nur, ich mach das schon.“, sagte Max und ging drohend auf Sven zu.
Sven hielt den Fußball in der Hand, zwischen sich und Max, der ihn langsam umkreiste. Er ließ sich den Ball vor den Fuß fallen, zog durch und schoss Max ab, der sich aber zur Seite drehte und nur an der Hüfte getroffen wurde. Dann sprang Max nach vorne, packte Sven und riss ihn um. Sie fielen beide auf den Boden und Max drückte Sven ins nasse Gras. Der versuchte sich zu befreien, es gab ein wirres Handgemenge und dann fing Sven an, unverständlich zu brüllen und nach Luft zu schnappen. Ich brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen, dass Max angefangen hatte, ihn zu kitzeln.


---

(Danke, nademaro! Danke, Cyprus! Am Montag folgt das siebenunddreißigste Kapitel: „Sommerreifen“, in dem Florian Sven zum ersten Mal weinen sieht.)

Benutzeravatar
nademaro
member
member
Beiträge: 598
Registriert: 28 Aug 2012, 02:56
Wohnort: Nürnberg
Kontaktdaten:

Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 14 Feb 2013, 11:14

Buhja..
Omg..der arme Florian..

Wow sechsunddreißig Kapitel schon..
Freu mich wie immer auf mehr..:)
ich fress papier und kotz konfetti

Benutzeravatar
ollivio
member
member
Beiträge: 775
Registriert: 09 Mai 2012, 20:38
Wohnort: südl. Hamburg

Re: Die Maschine

Beitragvon ollivio » 14 Feb 2013, 12:04

Ja tatsächlich 36 durchweg interessante Kapitel. Mit Würze, Humor und einzigartiger Beschreibung von Situationskomik.
Man kann sich so gut in Florian hinein versetzen, dass diese Geschichte wirklich bereits einen hohen Suchtfaktor hat :)
Was du nicht willst dass man dir tu, das füg auch keinem and´ren zu

bluesky
member
member
Beiträge: 439
Registriert: 01 Nov 2012, 16:00

Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 14 Feb 2013, 13:23

Hallo und danke für die neuen Kapitel, Amon.
Leider bin ich zwischenzeitlich ca. 1 Woche lang nicht dazu gekommen im Forum zu posten – darum wird das jetzt etwas umfangreicher. (Da musst du durch.)

Amon hat geschrieben:Unangenehmerweise, bluesky, verstehe ich nicht recht, worauf du hinaus willst…


Da würde ich mir keine großen Sorgen machen. Der gute Dr. Himmelblau zählt leider zu den etwas verwirrteren Zeitgenossen und man sollte ihn nicht allzu ernst nehmen. (Ich wollte nur mal aufzählen, welche neuen Erfahrungen Florian bis jetzt schon mit Sven gemacht hat und dass einige davon es auch schon in sich hatten. Da ich letzteres nicht immer extra dazuschreiben wollte, habe ich auf Dr. Himmelblau zurückgegriffen, der natürlich übertreibt und bitte nicht mit mir verwechselt werden sollte. Entschuldige bitte – ich mache es gerade komplizierter als nötig…)

Nun zur Geschichte.
In den letzten Kapiteln erschien mir Sven wieder ziemlich überlegen. Ich fand es bemerkenswert, wie leicht er Florian früh morgens aus dem Bett klingelt und fast schon fernsteuert. Sogar den Zettel für Florians Eltern sagt er treffsicher voraus. Dabei ist Florian doch selbst sehr scharfsinnig und registriert etwa den Sprachgebrauch seiner Umgebung minutiös. („Psychologisch“, „DIE Lisa“, „Ein Chaos“, … Oder ist die unterhaltsame Sprachkritik nur eine liebenswerte Marotte des eloquenten Autors?) Sven jedenfalls bestimmt. Er entscheidet. Er lädt Florian ein; erst zum Frühstück, später zum Eis. Florian scheint mir da eher mitgezogen zu werden und fügt sich in eine Freundschaft, die augenscheinlich keine Thematisierung tieferer Gefühle duldet. Man fragt sich unwillkürlich, wieso Sven wohl so ungehalten auf Florins Freundschaftsbeweise reagiert – die er ja „schwul“ findet. Ob das tiefere Gründe hat?

Ach bin ich mir nicht ganz sicher, ob Florian durch die Bekanntschaft mit Sven wirklich angefangen hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er ist wohl mutiger geworden, aber Sven ist nicht nur der dominantere der beiden; er scheint auch zu bestimmen, was ihre Freundschaft ausmacht, während Florian geduldig warten will. Oder? So bleibt Florian mit seiner Erektion still liegen und tut gar nichts, bis Sven alles in einem Witz auflöst. (Ich frage mich, wie diese Situation wohl mit Christian oder Motte verlaufen wäre.) Andererseits könnte die spontan wirkende Geschichte mit der heruntergezogenen Unterhose wieder einer von Svens Plänen gewesen sein – so wie damals beim Rauchen und beim Kuss unter den Misteln. Jedenfalls wirken die beiden beim anschließenden Frühstück schon fast wie ein Paar – wenn Florian Sven gerne beim Essen zusieht. Ob das nicht langsam auffällt und zum Beispiel Emma bald Verdacht schöpft?

Am interessantesten fand ich aber, was man wieder über Sven erfährt. Angeblich ist es für heutige Jugendliche ja eine größere Sache, ihr Handy zu verlieren, als ihre Unschuld. Sven hingegen regt das abhanden gekommene Handy offenbar weniger auf, als der begriffsstutzige Bademeister. Nur seine Eltern werden sich halt ärgern. Seine Eltern – Papa Ahnfeld ist also auch noch irgendwo. Wenn Florians Erklärung, warum Sven ihn und die anderen Jungs in die Knie getreten hat richtig ist, hat sich zwar ein Verdacht von mir bestätigt, aber es bleibt die Frage, warum Sven gerade zu jenem Zeitpunkt damit angefangen hat. Da muss doch etwas vorgefallen sein, wenn er urplötzlich solche Massentests veranstaltet. Und was musste Sven so bedeutendes entscheiden? Wir werden sehen. (Ja, es ist eine Detektivgeschichte.)

Mittlerweile ist das Verhältnis zu Thomas eines meiner Lieblingsthemen in der Geschichte geworden. Ich frage mich, ob Florian in dieser Beziehung irgendwann mal erwachsen wird und seine bequeme Rolle als Opfer des bösen großen Bruders aufgibt. Er regt sich zwar gerne über dessen Kommentar am Esstisch auf, will aber doch selbst keine Gelegenheit auslassen, um Thomas (auch gerne vor dessen Freundin) vorzuführen. Da zeigt er schon eine echte Charakterschwäche. Ist Florian nicht selbst an seinem schlechten Verhältnis zu Thomas schuld? Immerhin scheint der seine Sache mit Lisa ja „nicht schlecht“ zu machen. (Ach, Florian. Du konntest mit dem Gedanken an Sex bisher so wenig anfangen und denkst doch gleich in Kategorien sexueller Leistungsfähigkeit…) Vielleicht hilft ja die Beziehung zu Sven dabei, dass Florian (der mir doch recht behütet aufgewachsen zu sein scheint) auch im Verhältnis zu seinem Bruder irgendwann mal über seinen Schatten springt. Immerhin muss er von Sven ja auch so einiges einstecken. Beim Fußball etwa wird schon klar, dass er jetzt eben mit den größeren Jungs spielt. Ob er wohl damit klarkäme, wenn er die Freundschaft zu Sven mit anderen teilen müsste? Bisher waren es ja immer nur die beiden.

Übrigens fand ich die Szene beim Abendessen sehr gelungen. Alle schimpfen auf den Italienurlaub – und fahren doch wieder hin. Wird man als Erwachsener zwangsläufig so? Wird sich Sven irgendwann auch daran gewöhnen, dass ihm Hallenbäder vorgeben, wie er sich zu amüsieren hat? Ich will‘s nicht hoffen!

Also erneut vielen Dank für die fesselnde Geschichte, Amon. Ich bin gespannter denn je, wie es weitergeht.

Amon
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 57
Registriert: 15 Jul 2012, 11:49

Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 18 Feb 2013, 07:31

[37] Sommerreifen

„Hör auf.“, brüllte Sven.
„Dann hör auf zu lachen, wenn‘s dir nicht gefällt. Komm schon, hör auf zu lachen.“, sagte Max, der auf ihm saß. Es war ein merkwürdiger Anblick. Ich bekam Magenschmerzen davon.
„Hör auf.“, brüllte Sven noch einmal und man konnte eine rohe Wut und Brutalität aus seiner Stimme hören, auch wenn sie von seinem Gelächter zerrissen wurde, wie die eines Ertrinkenden.
„Lass ihn los. Er kann sich nicht wehren.“, sagte ich.
„Das schadet ihm zur Abwechslung mal gar nicht.“, sagte Max. „Der allmächtige Severin Ahnfeld liegt auf dem Boden, wie ein kleines Mädchen. Hör doch einfach auf zu lachen, Ahnfeld, wenn ich aufhören soll, oder sag ganz lieb BITTE.“
„Hör auf.“, schrie Sven noch einmal. Sein Gesicht glänzte von Tränen und Spucke.
„Sag ganz lieb BITTE.“, sagte ihm Max ins Ohr.
Sven zog ihm mit einem kurzen Ruck den Ellbogen durchs Gesicht. Der dicke Junge fiel zur Seite, schrie auf und hielt sich die Nase. Das Blut schoss durch seine Finger. Sven war auf ihm nach einer halben Sekunde. Er schloss ihm die Hände um den Hals, drückte zu und schüttelte ihn.
„Bring mich zum Lachen, Schwanzlutscher! Bring mich zum Lachen!“, schrie er. Max versuchte mit seinen Fingern, die glitschig waren vom Blut, den Griff zu lösen.
„Hast du eine Ahnung, wie menschenverachtend und demütigend das ist, gekitzelt zu werden? Antworte mir!“ Er ohrfeigte ihn zwei Mal. „Antworte mir und bring mich zum Lachen!“
Sven hatte offensichtlich den Verstand verloren.
„Sven!“, rief ich. „Sven, hör auf.“
„Halt dein Maul, Seiler! Ich kann den scheiß-gottverdammten Schwanzlutscher nicht hören!“
Max machte ein Geräusch, wie ich es noch nie gehört hatte, und sah nicht mehr aus, wie ein Mensch.
Ich war zu ihnen hinübergelaufen, fasste Sven an der Schulter und am Kopf, versuchte ihn weg und zu mir zu drehen.
„Schau mich an, Sven.“, sagte ich. Für einen Augenblick ließ er die Finger von Max‘ Kehle. Mit zwei schnellen Bewegungen seines Armes löste er meinen Griff und schlug mir mit dem Handrücken zwischen die Beine. Ich sackte zusammen und krümmte mich im feuchten Gras, sah, wie Timo von hinten an Sven herantrat, ihm den Arm als Schlinge um den Hals legte und ihn fortzog.

Ich kroch zu Max neben mir und sah ihn an. Seine Haare, sein T-Shirt, sein ganzes Gesicht war nass vom Gras, von Spucke, Tränen und Blut, er zitterte und sein Atem war außer Kontrolle. Ich kniete neben ihm und dann lag er halb in meinen Armen und halb in meinem Schoß. Er blutete noch immer. Mit der rechten Hand hielt er sich die Nase und mit der Linken drückte er fest meine Hand. Es war kaum zu ertragen, wie der Junge zitterte. Was auch immer das war, er hatte Todesangst gehabt. Ich warf einen Blick zu Sven und Timo hinüber. Die beiden standen am Tor. Timo zog Sven mit beiden Armen an sich und redete behutsam auf ihn ein. In meiner Hosentasche suchte ich nach einem Taschentuch und gab es Max. Er wurde allmählich ruhig. Sven saß gegen den Torpfosten gelehnt auf dem Rasen und packte einen Traubenzucker aus, Timo brachte uns eine Wasserflasche und ein Päckchen Taschentücher und ich half Max, sich sauber zu machen. An seinem Hals waren zwei rote Abdrücke geblieben. Dann kam Sven. Er half Max aufzustehen und dann umarmten sich beide. Sie hielten einander lange fest und Sven zitterte ein bisschen. Ich verstand, dass er weinte, und ich verstand auch, wieso. Er hatte beinahe einen Menschen getötet. Vielleicht hätte er es auch nicht getan, auch wenn Timo nicht eingegriffen hätte, wer weiß. Aber er musste gespürt haben, dass er dazu fähig war. Er war physisch dazu in der Lage und seine Wut reichte aus, um ein Menschenleben zu beenden. Dann ließen sie einander los und Sven schaute mich an. Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Ich nahm ihn fest in die Arme. Zuletzt küsste er mich auf den Hals und auf meiner Wange blieben seine Tränen kleben.

Abends verfolgte mich die Szene in den Schlaf. Auch in den nächsten Tagen wurde ich sie nicht los; sie blieb mein Begleiter. Etwas hatte sich verändert, von einer Minute zur anderen. Wieder hatte ich etwas unglaublich Wichtiges verstanden über Sven und über mich und über die Welt. Etwas unglaublich Wichtiges, das ich nicht sagen konnte. Es war ein warmer Schatten, der mich begleitete. Eine Ahnung von dem, was kommen würde. Max hatte sich zwei Zigaretten in den Mund gesteckt, hatte sie angezündet und eine an Sven weiter gegeben. Wir hatten auf der langen Bank neben dem Fußballfeld gesessen und dann hatten wir weiter gespielt, als wäre nichts gewesen. Alles schien ganz wie zuvor. Nur der warme Schatten war jetzt dabei und ließ alle Dinge verändert erscheinen, wie sich ein vertrautes Gesicht verändert, wenn es von unten statt von oben beleuchtet wird. Die Osterferien vergingen draußen an der Papierfabrik und auf dem Fußballplatz. In der Schule hatte ich mich nun manchmal in der Pause mit Sven, Max und Timo getroffen. Es waren zehn oder fünfzehn Jungs, die sich zum Fußball trafen, manchmal waren auch ein paar Mädchen mit dabei. Die meisten waren älter als ich, aber das schien nichts auszumachen. Ich spielte und hielt den Mund. Ich war zufrieden, die meiste Zeit, und Sven fühlte ich mich nahe.

Es war in der zweiten Woche der Osterferien, dass ich an einem Vormittag mit dem Rad zu seinem Haus fuhr. Ein Handy hatte er ja nicht mehr und auf dem Festnetz hatte ich nicht anrufen wollen. Ich hatte beschlossen, ihn persönlich zu fragen, ob er mit mir Rad fahren käme, vielleicht sogar über die Hügelkette bis zum Fluss. Es war schon richtig warm draußen. Ich fand Sven vor dem Haus, vor der Garage, wie er in Jeans und weißem Unterhemd, wie ein Mechaniker, den Wagenheber unter dem Auto seiner Eltern anbrachte.
„Servus, Florin.“
„Sven.“, grüßte ich. „Was machst du?“
„Reifen wechseln...“
„Reifen wechseln?“
„Ja. Ich finde auch, dass es noch zu früh ist für Sommerreifen, aber mein Vater will es so haben.“
Er kurbelte und hob das Auto Zentimeter für Zentimeter an. Ich half ihm, die Sommerreifen aus der Garage zu tragen, und dann versuchten wir, die Schrauben am ersten Reifen zu lösen. Sie saßen ziemlich fest. Wenn man die Hebelwirkung des Kreuzschlüssels mit einem Rohr aufbesserte, ging es. Aus dem Haus kam ein großer, dünner Mann. Sein weißes, längeres Haar ließ ihn alt wirken. Er trug eine Kaffeetasse in der einen Hand und eine Flasche Cola in der anderen.
„Guten Morgen.“, sagte er. Seine Stimme war weich und eher hoch.
„Guten Tag.“, sagte ich und stand auf. Der Mann gab Sven die Cola-Flasche und hielt dann mit beiden Händen seine Tasse.
„Das ist Florian.“, sagte Sven. „Das ist mein Vater.“
Herr Ahnfeld nickte mir zu. Ich streckte halb die Hand aus, merkte dann aber, dass sie von den Reifen schwarz und schmutzig geworden war, und zog sie wieder zurück.
„Zum Festschrauben lass das Rohr weg.“, sagte Herr Ahnfeld leise, mit seiner weichen Stimme. „Sonst überdrehst du das Gewinde.“
Er trank noch einmal aus seiner Kaffeetasse und ging dann zurück ins Haus. Ich schaute ihm nach. Ich hatte kein Bild mehr im Kopf, wie ich mir Svens Vater vorgestellt hatte, in jedem Falle aber anders als so.

Sven benutzte den Kreuzschlüssel um den Kronkorken der Cola-Flasche zu öffnen und trank. Seine Finger waren schwarz und auch das Unterhemd war nicht mehr ganz weiß geblieben. Er sah aus wie ein richtiger Mann. Höchstens hätte noch ein Oberlippenbart gefehlt, so blond, wie die Haare unter seinem Arm. Er bot mir die Flasche an.
„Was wolltest du eigentlich?“, fragte er. „Ich meine: Warum bist du hergefahren?“
„Ich dachte, wir fahren vielleicht zum Fluss.“
„Hm. Erst muss ich fertig werden und dann ist Mittag. Willst du mit uns essen?“
Ich konnte mir Angenehmeres vorstellen, als mit seiner Familie Mittag zu essen.
„Ich weiß nicht. Glaubst du nicht, dass ich euch störe. Oder zumindest deine Eltern?“
„Kann schon sein. Aber erstens ist meine Mutter gar nicht da. Und zweitens…“
„Was?“
„Da darf man sich nichts scheißen.“
Wir arbeiteten weiter. Es ist ziemlich mühsam, vier Reifen auszutauschen. Zwischendrin ging Sven hinein, um Bescheid zu sagen, dass ich zum Essen bleiben würde. Er brachte mir eine Cola mit raus. Ein bisschen begann ich mich auch wie ein richtiger Mann zu fühlen. Ich schwitzte und meine Finger rochen nach Metall. Als wir fertig waren, verräumten wir die Winterreifen in der Garage und packten Kreuzschlüssel und Wagenheber in den Kofferraum. Ich wusch mir die Finger lange und gründlich mit Seife und dann saß ich mit Sven in seinem Zimmer auf dem Teppich; wir hörten Musik und warteten auf das Mittagessen. Es musste schön sein, einen richtigen Bruder zu haben, dachte ich.

Bald darauf klopfte es an die Tür. Es war seine Schwester Agnes, die sagte, dass es Essen gebe. Ihn nannte sie dabei ESSIN und zu mir sagte sie FLORIAN. Svens Vater hatte einen Kartoffelauflauf gemacht. Dafür, dass ich Auflauf nicht leiden kann, schmeckte es ganz gut. Auch die Unterhaltung war gar nicht so unangenehm. Mir wurden keine peinlichen Fragen gestellt und die meiste Zeit war es still, ohne dass es jemanden zu stören schien. Herr Ahnfeld fragte schließlich, was wir am Nachmittag vorhatten, und registrierte Svens kurze Antwort mit einem Nicken. Dann fragte er Agnes. Ich begann darüber nachzudenken, was der stille, behutsame Mann davon gehalten hätte, seinen Sohn auf dem Fußballplatz zu sehen, wie er Max die Luft abdrückte, schüttelte und schrie: Bring mich zum Lachen, Schwanzlutscher! Das war ein Junge, der noch schlimmer war, als der Severin, den ich einmal gefürchtet hatte, vor langer Zeit. Es war ein warmer Schatten, der ihn begleitete, und der auch Sven nicht los ließ, der mich im warmen Wasser an sich zog, und nicht Essin, der Kartoffelauflauf aß, ohne die Ellbogen auf den Tisch zu stützen. Agnes erzählte von einem Konzert, das die Musikschule plante, und für das sie Proben musste. Ihr Vater stellte ihr dazu einige Fragen, die genau auf das einzugehen schienen, was sie gesagt hatte. Sven sah denjenigen, der sprach, ohne Ungeduld an.


---

(Bevor es ans Ende geht, noch einmal eine kürzere Pause.

Danke, nademaro; aber warum „der arme Florian?“
Vielen Dank, ollivio! Es freut mich besonders, dass du Humor und Situationskomik herausstellst. Ich bin mir immer sehr unsicher, ob diese Sachen in der Geschichte funktionieren und auch tatsächlich beim Leser ankommen.

Bluesky! Ich habe dich schon vermisst. Es ist wirklich ein großes Vergnügen, deine Kommentare zu lesen; nicht nur, weil du darin clever argumentierst und analysierst, sondern vor allem, weil sie sehr gut und witzig formuliert sind. Das Problem, wie immer, dass ich gerne eine halbe Stunde mit dir diskutieren würde, aber nichts weiter sagen darf. Ich löse es diesmal mit Gegenfragen. Insofern als sie indirekt etwas mit der Sache zu tun haben, sind die Fragen selbst leichte Spoiler, also Vorsicht! Auch bei einer Beantwortung bitte ich behutsam vorzugehen, besonders bei der zweiten.
Dass Florian seiner Mutter das „psychologisch“ und Lisa den Artikel nicht durchgehen lässt, hat jeweils einen ganz bestimmten Grund. Man könnte sich zum Beispiel fragen, was der Blick zu bedeuten hat, den Florian und Lisa am Ende des Kapitels 35 tauschen.
Du fragst nach Severins Verhalten, in Kapitel 33. Meine Gegenfrage ist: Wer ist der Mann in der Dusche in Kapitel 23 und warum taucht er an dieser Stelle in der Geschichte auf?
Ich habe mich auch schon gefragt, ob es funktionieren kann, dass man nach der Severin-Methode Freunde castet. Aber mir scheint, du hast dabei die spannendere Frage übersehen... Welche?
Ganz herzlichen Dank, und noch die Frage: Hast du einen YouTube-Kanal, auf dem du Bücher oder Filme reviewst? Würde ich mir ansehen. (Ich würde auch deine Kolumne in der FAZ lesen. Nur damit klar ist, dass mein Lob nicht vergiftet ist…) LG, Amon)

Benutzeravatar
nademaro
member
member
Beiträge: 598
Registriert: 28 Aug 2012, 02:56
Wohnort: Nürnberg

Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 18 Feb 2013, 11:25

naja das Florian den Sex zwischen seinem Bruder und der Freundin mit anzuhören..
Es ist was anderes wenn es unbeteiligte Menschen wären aber eigene Geschwister oder gar
Die Eltern das ist unangenehm..

Wow..den Wutanfall hast du echt gut beschrieben..

Oh man..ich bin schon gespannt wie das Ende wird..
ich fress papier und kotz konfetti

bluesky
member
member
Beiträge: 439
Registriert: 01 Nov 2012, 16:00

Re: Die Maschine

Beitragvon bluesky » 19 Feb 2013, 23:39

Erneut vielen Dank für ein weiteres mitreißendes Kapitel, Amon.

Mir hat der Austausch hier im Thraed wirklich gefehlt. Natürlich habe ich immer aufmerksam mitgelesen. Allerdings verstehe ich nach so viel unverdientem Lob von deiner Seite, dass es schon ziemlich irritierend sein kann, dermaßen viel Zustimmung zu bekommen. Jedenfalls habe ich mich sehr über deine Gegenfragen gefreut. Insbesondere zu den Fragen Nr. 2 (der Mann in der Dusche) und Nr. 3 (Svens Freunde-Casting) habe ich auch mögliche Antworten. Allerdings hast du mich ja ausdrücklich gebeten behutsam zu sein. Darum nur jeweils ein paar Andeutungen. Vielleicht hat der Mann in der Dusche für Sven und Florian seine Rolle zu spielen, damit wir den beiden besser folgen können, wie sie uns etwas über sich erzählen. Und die spannendere Frage zu Severins anfänglichem Verhalten gegenüber Florian und den anderen Jungs, könnte vor dem Beginn der Geschichte liegen oder sich darauf beziehen, ob alles so ist, wie es scheint. Ich müsste wohl länger ausholen; aber dann würden die Antworten wohl zu forsch. Außerdem bezweifle ich, dass ich wirklich das treffe, worauf du hinaus willst. Darum besser gleich zum neuen Kapitel.

Du fährst ohne große Vorwarnung die ganz schweren Geschütze auf und mutest dem geneigten Leser wirklich etwas zu, Amon. Sehr gut! Mich hat Kapitel 37 getroffen, wie ein Schlag in die Magengrube. Damit meine ich NICHT nur die animalische Brutalität – ich bin eigentlich kein Voyeur, der sich daran weidet, wie ein Wolf einem Labrador die Gurgel zerfleischt. Aber die Details dieser sehr intensiven Szene haben es in sich. (Wie lange hast du daran eigentlich gefeilt, Amon?) Dass Max Sven nach dem Schuss mit dem Fußball so ohne weiteres kitzelt, spricht ja dafür, dass sie sich schon einigermaßen kennen. Die Rede vom „allmächtigen Severin Ahnfeld“ zeigt, dass Sven einen bleibenden Eindruck auf Max (und andere) gemacht hat und die beiden miteinander bis zu einem gewissen Grad vertraut sind. Dennoch geht Sven ihm sofort an den Hals! Der verdreht im nicht die Arme. Er schlägt ihm nicht auf die Nase und fertig. Er springt ihm an den Hals, würgt ihn und hört nicht auf ihn zu würgen… „Hast du eine Ahnung, wie menschenverachtend und demütigend das ist, gekitzelt zu werden?“, brüllt Sven. Er ist also nicht nur wütend. Er sieht sich im Recht, erhebt sich über sein Opfer und richtet es in seinem „gerechten Zorn“. Florian gibt uns ja eine umfassende Deutung der Ereignisse. Respekt, Amon, dass du dem Sympathieträger deiner Geschichte eine solche Szene antust.

Natürlich bleiben neben der ganz großen Frage (Wer ist Severin Ahnfeld wirklich?) auch mehrere andere Fragen. Wieso kann Sven Florian diesmal so dermaßen schnell besiegen, während er noch gleichzeitig über Max herfällt? Was machen wir aus dem Kuss, den Sven Florian auf den Hals gibt? Und welchen Preis wird die Inkonsequenz dieses Tages haben?

Auch ohne diese heftige Szene, ist das Bild, das du uns später von Svens Vater zeigst eine gelungene Überraschung. Ich hatte eine grobe Vorstellung von ihm, die du wunderbar zunichte gemacht hast. Ich bin wirklich dankbar, dass du wieder eines meiner Klischees zerstört hast, Amon. Das Kapitel hat also nicht nur innerhalb der Geschichte ein bemerkenswert destruktives Potential, sondern auch außerhalb der Geschichte auf die Vorstellungen des Lesers. Bei Florian jedenfalls scheint trotz des warmen Schattens schnell wieder alles beim Alten zu sein, wenn er feststellt, wie schön es sein muss, einen „richtigen“ Bruder zu haben. Wunderbarer Kontrast: Schlachtfeld zu Anfang, Idylle gegen Ende. Wann hatten wir zuletzt ein Kapitel, in dem wir so viel Neues über Sven erfahren haben und gleichzeitig so deutlich merken mussten, wie wenig wir wirklich über ihn wissen? (Und wie wenig Florian über ihn zu wissen braucht.) Wer ist dieser Junge mit den rotblonden Haaren? Severin, Sven, Essin?

Also wie üblich: vielen herzlichen Dank für das neue Kapitel und die beschämend gute Geschichte, Amon. Ich freue mich schon sehr auf die kommenden Teile.
LG, bluesky

PS: Nein, einen YouTube-Kanal habe ich nicht. Ich bin leider kein Computer-Mensch und das hier ist auch das einzige Forum, in dem ich aktiv bin. Du weißt ja, was mich hier her gelockt hat. Allerdings traue ich dir zu, einen eigenen Literatur-Kanal zu betreiben. Falls das der Fall ist, lass es mich unbedingt wissen! Einen neuen Abonnenten hast du sicher.

Amon
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 57
Registriert: 15 Jul 2012, 11:49

Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 25 Feb 2013, 19:07

(Am Donnerstag folgt das achtunddreißigste Kapitel „Freinacht“, in dem es zu einem denkwürdigen Showdown kommt.

Wie immer möchte ich die Pause nutzen, um allen Lesern zu danken und um Kritik zu bitten. Also vielen Dank und meldet euch mit dem, was besser werden soll!

Danke, nademaro, ich bin auch gespannt, was ihr vom Ende halten werdet. Das mit seinem Bruder ist sicher unangenehm, aber da müssen wir wohl alle einmal durch und Florian hat sich ja auch ganz ordentlich verhalten, finde ich…
Vielen Dank, bluesky! Die Kapitel, in denen viel passiert, fallen mir meistens eher leicht. Ich mag das siebenunddreißigste sehr gerne und freue mich, dass es so gut angekommen ist. Dass Severin Florian so schnell als Störfaktor ausschalten kann, liegt wohl daran, dass Florian nicht mit ihm kämpfen, sondern ihn beruhigen will. Und dass Severin ihm zwischen die Beine schlägt, hilft sicher auch. Über eine deiner Formulierungen habe ich eine ganze Weile nachgedacht. Tatsächlich könnte man sich häufig wundern, wie wenig man über andere „zu wissen braucht“, damit die jeweilige Beziehung funktioniert. Ich bin unentschieden, ob das ein beunruhigender Gedanke ist.)

Amon
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 57
Registriert: 15 Jul 2012, 11:49

Re: Die Maschine

Beitragvon Amon » 28 Feb 2013, 18:53

[38] Freinacht

Die Tage vergingen schnell und angenehm. Mich in der Schule anzustrengen, machte mir nichts aus. Ich wurde in meiner Freizeit genug belohnt. Es war warm für April und bei dem guten Wetter sah ich Sven öfter als sonst. Allein schon immer in der zweiten Pause zum Fußballspielen. Die erste Pause verbrachte noch jeder für sich, mit Hausaufgaben, Klassenkameraden und allem, was einem sonst noch auf die Nerven gehen konnte.

Es war der dreißigste April: Um neun Uhr fünfunddreißig saß ich (wie meistens) auf der Heizung vor unserem Klassenzimmer, machte mich über meine Pause her, bestehend aus Wurstbrot, einem Apfel und einer Flasche Wasser. Emma, Christian und Nicole unterhielten sich neben mir, aber ich beteiligte mich kaum an ihrem Gespräch. Irgendwie hatte Kleiber, unser Geschichtslehrer, irgendjemand schlecht behandelt und jetzt empörten sie sich darüber und stritten bald über die Frage, wer im Allgemeinen ungerechter behandelt wurde: Mädchen oder Jungs. Im Grunde diskutierten nur Emma und Christian. Es wunderte mich irgendwie, dass die beiden offensichtlich ganz gut miteinander auskamen. Korbinian kam vom Kiosk zurück und würde sich sicher gleich in die Unterhaltung einmischen.
„Was meinst du dazu?“, fragte auf einmal Emma. Ihre Frage klang ein bisschen vorwurfsvoll. Ich hatte auch nicht mitbekommen, worum es gerade eben gegangen war. Ich zögerte zwei Sekunden und war um die Antwort verlegen. Sie schauten mich mit großen Augen an. Dann fiel mir auf, dass sie gar nicht mich anschauten, sondern an mir vorbei, über meine Schulter. Dort stand Sven. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er schon einmal zu meinem Klassenzimmer gekommen war, und musste jetzt feststellen, dass mein Herz ein bisschen fester schlug.

„Entschuldigung.“, murmelte ich kurz und sah das Erstaunen und den Unmut, der sich auf Emmas und Christians Gesicht zeigte. Ich ging ein paar Schritte mit ihm zur Seite und fragte, was es gebe. Er konnte nachher nicht zum Fußballspielen kommen, musste in der nächsten Pause etwas mit einem Lehrer besprechen. Ob ich aber mit ihm schwimmen wollte, fragte er.
„Schwimmen? Du meinst draußen im See?“, fragte ich ungläubig.
„Ja. Es ist nicht mehr ganz so kalt, wie du vielleicht denkst. Immerhin ist heute Freinacht.“
Ich sagte Sven für den späten Nachmittag zu.
„Gut. Freut mich. Ich hol dich mit dem Fahrrad ab. Noch was, Florin, kann ich mir dein Trinken ausleihen?“
„Ja, ok. Ich hab auch noch was anderes dabei.“
„Danke. Bis heute Abend, halb fünf.“

Er nahm meine Flasche und wandte sich zum Gehen. Ein paar meiner Klassenkameraden, die hier auf dem Gang standen, schienen vor ihm zurückzuweichen. Sven war wohl doch noch bekannter, als ich gedacht hatte, und sein Ruf schien auch noch etwas schlechter zu sein, als vermutet. Da, mit einem Mal, als Sven durch eine Gruppe Schüler schlüpfte, stolperte er, behielt mit zwei hastigen Schritten aber das Gleichgewicht. Meine Klassenkameraden wichen zurück, nur ein großer Junge mit kurzen, schwarzen Haaren, blieb stehen und verschränkte die Arme. Es war Korbinian.
„Pass auf, wo du hinläufst. Gehen ist eher was für Fortgeschrittene.“, sagte er.
„Pass du auf, WEM du zwischen die Füße trittst.“, gab Sven zurück. Es klang bedrohlich und noch einmal senkte er die Stimme und sie wurde eiskalt dabei, sodass es viel gefährlicher und kein bisschen albern klang als er sagte: „Sonst hast du bald Schwierigkeiten zu gehen.“
„Und warum das?“, sagte Korbinian langsam und ließ die Gelenke seiner Finger knacken. „Willst du mich heftig rannehmen, ja? Willst du mich in den Arsch ficken, kleine Schwuchtel?“

Es war totenstill. Alle Gespräche waren verstummt und jeder schaute sie an. Mit der rechten Hand hielt Sven meine Wasserflasche, mit der linken griff er zu und legte sie Korbinian um die Kehle. Möglich, dass ich kurz aufschrie, dabei. Mir stand noch zu klar das Bild vor Augen, wie Sven Max gewürgt und geschüttelt hatte. Bring mich zum Lachen, hatte er geschrien. Korbinian aber reagierte augenblicklich, er schlug die Hand weg, schubste Sven weg von sich, gegen die Wand, und ging drohend auf ihn zu. Er brüllte ihn an:
„Was ist jetzt? Willst du mich ficken? Schwuchtel! Versuch doch, mich zu ficken, wenn du kannst! Na? Na? Was ist?“
Er stand dicht vor ihm, hatte Sven gegen die Wand gedrückt. Korbinian war tatsächlich noch um ein ganzes Stück größer als Sven. Er trug nur ein grünes T-Shirt, das seine langen Arme zeigte, die gar nicht mehr so dünn und ungeschickt von seinen Schultern hingen, sondern über die sich ein Geflecht schlanker Muskeln zog. Er verdeckte Sven fast vollständig, schien ihn beinahe zu erdrücken und brüllte unablässig auf ihn ein. In diesem Augenblick schien er noch verrückter als Sven. Ich traute ihm alles zu. Christian und Emma neben mir waren aufgestanden; alle hielten den Atem an, wussten nicht, ob sie eingreifen sollten.
„Also was ist?“, schrie Korbinian. „Hast du mir noch irgendwas zu sagen?“
Es kam keine Antwort.

„Das hab ich mir gedacht.“, sagte Korbinian.
Er ließ Sven ein Stückchen Raum, sodass man sein Gesicht sehen konnte. Er war ganz ruhig. Es war eigenartig, ihn so ruhig zu sehen, vollkommen gelassen, nur mit einem kleinen Zucken um den Mund. In diesem Augenblick, wie sie sich gegenüber standen, begriff ich endlich, was die ganze Zeit zum Greifen nahe gelegen hatte. Wie Korbinian im grünen T-Shirt vor Sven stand und sie sich in die Augen schauten, begriff ich endlich, dass er der Junge aus dem Foto war. Er war der Junge mit den schwarzen Augen, der sich vor dem Fußballtor an Sven gedrückt hatte; der den Arm um Sven gelegt hatte und ihm in die Augen sah. Für einen Augenblick war ich ganz überwältigt von dieser Erkenntnis... Zurück in der Gegenwart: Korbinian ließ Sven los, ließ ihn stehen und wandte sich zu uns um. Mit einem Mal brach die eisige Stille. Die Schüler, die mit angehaltenem Atem dagestanden hatten, brachen in Gelächter aus. Korbinian stand da, begriff nicht, was geschehen war, und sah die brüllenden Schüler, die nach Luft schnappten, und die Finger, die auf ihn gerichtet waren. Auf seiner Hose zog sich ein dunkler nasser Fleck von der Mitte, zwischen den Beinen, hinunter zum Knie. Mit einem Mal begriff ich und schrie auf vor Lachen. Korbinian starrte an sich hinunter, fragte sich offensichtlich, ob er in die Hose gemacht hatte, während Sven seelenruhig meine Wasserflasche wieder zuschraubte. Er grinste ein bisschen in sich hinein und ging dann fort, zurück zu seinem Klassenzimmer.

Es war ein süßer Genuss, Korbinian einmal so gedemütigt zu sehen – und nicht nur für mich. Die halbe Klasse war in Hochstimmung. Jetzt saß er, der sich sonst gern über alles und jeden lustig machte, mit rotem Kopf und hilflosem Zorn auf seinem Platz und musste den Deutschunterricht über sich ergehen lassen, in der Gewissheit, nachher wieder verspottet zu werden. Jetzt konnte er die andren ihre Messer wetzen hören. Christian neben mir strahlte, so als hätte ihm Nicole einen Heiratsantrag gemacht, und mir selbst taten vom Grinsen schon die Backen weh. Es war unfassbar, wie dreist und besonnen Sven sein konnte, wie ruhig er in den bedrohlichsten Situationen bleiben konnte. Ich hatte es ja schon mehrfach erlebt. Erstaunlicher war noch die Tatsache, dass Sven und Korbinian sich kannten, dass sie einmal befreundet gewesen waren. Das gab mir einen Stich im Herzen und tat im Magen weh. Und jetzt? Was war jetzt von ihrer Freundschaft geblieben? Waren sie so verfeindet, dass Sven alles hatte kommen sehen? Hatte er deshalb meine Flasche ausgeliehen? Dieser Gedanke beunruhigte mich und ich verstand nicht genau, warum. Es war das Phänomen des warmen Schattens. Man sah ihm nicht an, wie gerissen er war, und wie brutal er sein konnte. Hatte man es einmal gesehen, konnte man es nicht mehr vergessen. Wie konnte man ihm noch trauen, wenn man gesehen hatte, wie er plötzlich in einem Augenblick charmant sein konnte? Severin konnte gefährlich sein, man konnte nicht wissen, was er tat, und was er beabsichtigte. Sven hingegen war mein Freund und wollte mit mir befreundet sein. Er wollte sich heut Abend mit mir treffen. Er hatte meine Hand gehalten und mich an sich gezogen und er hatte mich auf den Hals geküsst und einmal auf den Mund. Sven war mein Freund und seine List hatte diesmal den Richtigen erwischt. Ich war stolz auf ihn und sonnte mich in der Schadenfreude meiner Klassenkameraden.

Ich verbrachte den halben Nachmittag mit Träumereien und dann um halb fünf klingelte es tatsächlich an der Türe – und der, an den ich die ganze Zeit gedacht hatte, wartete auf mich. Wir fuhren mit den Rädern aus der Stadt hinaus nach Osten, wo hinter einem kleinen Wäldchen ein Baggersee liegt. Im Sommer baden dort viele Leute. Er ist näher als der Fluss und wärmer; eine Bude für Eis und Würstchen gibt es, eine kurze rote Wasserrutsche und ein kleines Holzfloß in der Mitte des Sees. Jetzt, am letzten Apriltag lag aber alles verlassen und nur ein paar Spaziergänger ließen ihre Hunde über die Rasenflächen jagen. Auf einem schmalen Pfad, der einem Fahrrad alles abverlangt, fuhren wir auf die andere Seite des Sees hinüber, wo das Ufer steiler abfällt. Unsere Räder ließen wir auf dem Rasen liegen und gingen dann hinunter zum Wasser. Im ersten Augenblick fühlte es sich warm an der Hand an, wärmer als erwartet. Als ich mich umdrehte, hatte sich Sven ausgezogen und stand in der Badehose bereit. Er stand schon bis zu den Schultern im Wasser, als ich die ersten Schritte hinein machte. Die Täuschung von Wärme war sofort verflogen. Unter einer allerdünnsten Schicht an der Oberfläche war das Wasser kalt. Es war so kalt, dass es an den Beinen brannte.
„Komm endlich rein, Florin.“
„Es ist so kalt, dass es weh tut.“
„Nur am Anfang tut es weh. Dann hört es auf. Du musst dich nur einmal trauen.“
Hinter uns, oben am Pfad waren leise Geräusche zu hören. Es war ein junger Mann, bzw. ein Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren, der den Weg entlang ging. Er trug einen Wollpullover unter der Jacke und eine Brille, durch deren Gläser er uns vorsichtig beobachtete. Er drehte den Kopf ganz leicht, um herunter zu schauen, ohne dass man es merkte, und nach ein paar Sekunden war er dem Pfad folgend zwischen den Bäumen verschwunden.
„Ich hätte gute Lust, dich rein zu werfen.“, sagte Sven.
„Sei nicht so ungeduldig. Ich mach schon.“
Und dann stürmte ich vorwärts ins kalte Wasser.


---

(Am Montag folgt das neununddreißigste Kapitel: „Dankbarkeit“, in dem Florian Sven endlich nackt sieht.)

Benutzeravatar
nademaro
member
member
Beiträge: 598
Registriert: 28 Aug 2012, 02:56
Wohnort: Nürnberg

Re: Die Maschine

Beitragvon nademaro » 28 Feb 2013, 19:49

Ja..hihi..
Florian hat sich echt gut gemacht..

Omg..ich hab das geniale Bild vor mir..
Hast du klasse beschrieben..ich musste selber lachen..

Uhh..da bin ich joa auf Montag gespannt..hihi..

Mach weiter so..:D
ich fress papier und kotz konfetti

Re: Die Maschine

Werbung
 

 


  • Ähnliche Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Schwule Geschichten“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste