Die Liebe meines Lebens

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Svenni
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Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 15 Dez 2018, 10:26

Es gibt etwas neues von mir :D Trotz Stress in der Arbeit und in der Uni habe ich es geschafft, jeden Tag ein paar Seiten zu schreiben. Ich kann nicht versprechen, wie regelmäßig ich die Kapitel hochladen kann, denn ich habe nicht immer WLAN am Laptop. Ist ein wenig kompliziert bei mir.

Ich bin gespannt, was ihr zu meinem Geschreibsel sagt.


Gewidmet ist die Geschichte meiner Liebe des Lebens <3


Die Liebe meines Lebens



Ein schwules Pärchen erregt in den ersten Wochen unheimlich Aufmerksamkeit. Die Leute tuscheln, drehen sich zwei mal nach ihnen um, um sich auch ja nicht die fest umschlungenen Männerhände entgehen zu lassen.

Besonders schlimm ist es in der Schule. Das erste schwule Paar ist quasi eine Sensation. Über nichts anderes wird mehr geredet, jeder noch so große Außenseiter kennt die Namen des Liebespaares. Es wird geschwätzt, getuschelt und palavert. Natürlich so, dass das schwule Pärchen es nur zu gut mitbekommt, dass sie das Gesprächsthema sind.

Die Klassenkameraden verhalten sich eigenartig, die Jungs gehen mehr auf Abstand, um ja nicht das Gefühl zu erzeugen, sie würden genauso sein. Die Mädels dagegen stehen meist Schlange, betteln quasi darum, die beste Freundin des Gespanns zu werden. Die Frage „wollen wir Shoppen gehen?“ hängt den meisten an Männern-Interessierten schon zum Hals raus.


Aber dann, so nach ein paar Wochen, regelt sich das alles. Alle haben sich an die 'Schwuchteln' gewöhnt und die Sensationsflut ebbt ab. Es wird immer noch getratscht, aber es kehrt mehr und mehr der Alltag zurück, zumindest in dieser bayrischen Schule.

Die halbstarken Jungs verhalten sich nicht mehr wie Gorillas, um besonders männlich zu wirken. Zumindest meist nicht. Und die Mädchen haben langsam kapiert, dass ihr Liebespärchen kein Bedarf an fünfzig verschiedenen besten Freundinnen hat.

Bei uns in an der Schule hieß dieses schwule Pärchen Felian und Jerome.

Jerome war unser Austauschschüler aus dem fernen Florida. Und er sah mega gut aus, richtig heiß. Die Mädels standen bei ihm Schlange, vom ersten Moment an, seit er deutschen Boden unter seinen Füßen hatte. Aber dann hatte Felian ihn sich geschnappt. Felian, der ruhige, coole Felian. Der, der sich aus dem ganzen Trouble meist raus hielt und kaum Freunde in der Schule hatte. Er hatte eine beste Freundin, Christina, und mit ihr verbrachte er jede Pause und saß in jedem Unterricht nur neben ihr, immer am gleichen Platz, hinten rechts in der Ecke.

Jetzt gab es wohl noch Jerome an Felians Seite. Wie die beiden sich richtig kennengelernt hatten, wusste keiner. Schließlich ging Jerome in dem Jahr, das er hier im kalten Deutschland verbringen sollte, eine Klasse über unsere. Er war schließlich schon 18 Jahre alt.

Jerome war der laute, witzige Amerikaner, dem es unglaublich leicht fiel, Bekanntschaften zu schließen. Sein Freund dagegen befand sich eher in der Außenseiterrolle. Aber dort war er wohl freiwillig, denn er versuchte es auch nicht zu ändern.

Kaum einer hatte überhaupt seinen Namen gekannt, ehe er händchenhaltend mit Jerome über den Pausenhof gelaufen war.

Aber ich habe ihn gekannt. Ich habe nicht nur seinen Vornamen gekannt, sondern auch seinen Zweit- und seinen Nachnamen. Felian Alexander Guhne.

Ich kannte die Filme, die er gerne ansah, denn ich hatte seine große Sammlung an Disneyfilmen gesehen.

Ich wusste, welches Buch er im Moment las, denn das lag immer auf seinem Nachttisch.

Ich hatte seinen Hund, einen Tibetterrier mit sehr viel Fell, schon oft im Garten gesehen und ich wusste, dass er auf den Namen Hobbit hörte.

Seine Mutter war meine Zahnärztin und sein Vater ging mit meinem Dad zum Angeln.

Und seine Schwester, ja, die kannte ich auch sehr gut. Sana war eine Reitfreundin meiner kleinen Schwester.

Und ein Pferd hatte Felian auch. Einen dunklen Wallach, der Severin hieß. Ich hatte ihn schon das eine oder andere mal mit Karotten vollgestopft.

Ich wusste, welches Deo er benutzte, dass er letzte Woche ein neues Sofa gekauft hatte und seine Lieblingsfarbe blau war.

Wieso ich das wusste? Ich stand jeden Tag an seinem Fenster.



Ich heiße Korbinian und noch bin ich 17 Jahre alt. Ich gehe an ein stinknormales Gymnasium auf dem Land und bis zum Abitur habe ich noch ein wenig Zeit. Ich fahre gerne Mountainbike, noch lieber hätte ich allerdings ein Motorrad. Mein Vater war da allerdings total dagegen, also blieb das im Moment noch ein weit entfernter Traum. Ich hätte gerne einen Hund, muss mich aber mit einem Goldhamster zufrieden geben, der in der Nacht so einen Radau veranstaltete, dass ich oft lange wach lag. Ansonsten hatte ich noch eine Schwester, Ella, die jetzt vierzehn Jahre alt und voll im Pferdefieber war. Ihr gehörte mittlerweile auch ein kleines Pony, das zugegebenermaßen wirklich niedlich war. Ein wenig neidisch war ich schon, ich hatte schließlich noch keinen Hund bekommen. Trotzdem war ich ein ziemlicher Fan von Mirabelle. Zum einen war sie mit ihrem weißen Fell und schwarzer Mähne ein wirklich hübsches Pony, zum anderen fand ich sie sehr nützlich, um Felian kennenzulernen. Sein Wallach stand nämlich auf der selben Weide wie das kleine Pony. Ich hatte ihn schon öfter beobachten können, wie er mit seinem Pferd umging und wie er ritt. Ein schöner Anblick.

Ich würde alles tun, nur um Felian beobachten zu können. Ich würde fast sagen, es war mein größtes Hobby. Ich war richtig süchtig danach. Felian war meine große, aber auch heimliche Liebe. Niemand wusste davon, nicht einmal er selbst. Am allerwenigsten Jerome. Ich konnte diesen ultrahübschen Footballspieler nicht ausstehen. Kein Wunder, ich stand ja auch schließlich auf seinen Freund. Wenn er gewusst hätte, wie sehr ich in seinen Partner verknallt war, dann hätte das wohl Krieg bedeutet.

Dabei war ich mir sicher, dass ich Felian viel besser kannte als sein eigentlicher Freund. Ob Jerome wusste, dass Felian jeden Abend in sein Tagebuch schrieb? Ich bezweifelte es. Aber ich konnte ihm jeden Tag dabei zusehen.


Ich stand auf der abgefressenen Wiese und sah zu, wie Ella ihr Pony auf Hochglanz putzte. Sogar ihre Mähne war eingeflochten. Mirabelle war bestimmt die Diva in der kleinen Herde.

Severin, der dunkelbraune Wallach, graste gemütlich zwischen zwei anderen Pferden. Ich hatte darauf gewartet, dass Felian auch auftauchen würde, dass ich ihn sehen würde, aber ich wurde enttäuscht. Nicht einmal seine kleine Schwester tauchte auf.

Ella legte dem glänzendem Pony noch eine quietschrosa Decke auf und schickte sie dann zurück zu ihrer Herde.

„Kannst du mich auf deinem Fahrrad mitnehmen?“, wandte sie sich an mich.

Ich reagierte nicht. Ich hoffte noch immer, dass mein Traummann doch noch auftauchen würde. Aber dann wäre er schon reichlich spät dran, der Sonnenuntergang zeigte sich schon am Horizont. Was, wenn er weg war? Übers Wochenende weg gefahren? Was, wenn ich ihn heute gar nicht sehen konnte?! Meine Brust zog sich zusammen, sofort fiel mir das Atmen deutlich schwerer. Nein, daran wollte ich gar nicht denken. Ich musste Felian heute noch sehen. Sonst wurde ich ganz verrückt.

„Korbinian? Hörst du mich?“, nörgelte meine kleine Schwester.

Sie hatte schon das Gatter der Koppel erreicht und drehte sich genervt zu mir um.

„Ich komm ja schon.“ Ein letztes Mal drehte ich mich zu dem Wallach um, der jedoch keine Notiz von mir nahm und folgte Ella zu meinem Fahrrad.

Früher, als Ella noch klein gewesen war, habe ich sie ohne Probleme mit dem Rad mitnehmen können. Früher auf dem Gepäckträger, doch seit ich ein Mountainbike hatte, musste sie auf dem Lenker platz nehmen. Früher war das überhaupt kein Thema gewesen, aber Ella wuchs wohl schneller als andere 14 – Jährige. Sie war schon fast so groß wie ich und mit ihr auf dem Lenker fiel es mir immer schwerer, die Balance zu halten. Sie schien es aber nicht zu stören, dass wir in jeder Kurve beinahe im Matsch landeten.

Ich nahm mein Bike vom Schuppen, setzte mich auf den Sattel und ließ Ella auf den Lenker klettern. Zum Glück war der Weg zu unserem Zuhause nicht weit, es gab keine Stürze und ich schaffte es sogar einigermaßen, jeder großen Pfütze am Boden auszuweichen.

Unser Vater hatte Damenbesuch. Nicht das erste Mal, seit unsere Mutter sich eine eigene Wohnung in Augsburg gesucht hatte. Eine schicke Dame in Lackstiefeln saß an unserem Küchentisch und trank mit Dad Rotwein. Dass sie sich später vermutlich noch das alte Ehebett teilen würden, störte mich nicht sonderlich. Ich hatte mit meinem Vater eh nicht viele Gemeinsamkeiten.

Anders sah es mit meiner Mutter aus. Sie war längst nicht so besorgt und um einen guten Ruf bemüht wie Dad. Ich besuchte sie auch oft in ihrer neuen Wohnung. Aber immer nur alleine. Ella nahm es ihrer Mutter noch immer übel, dass sie einfach so ausgezogen war und sie weigerte sich, sie zu besuchen.

Ich nickte meinem Vater kurz zu, er hob nur kurz die Hand. Er hing ganz an den Lippen der teuer gekleideten Dame mit den vielen Falten im Gesicht.

In meinem Zimmer angekommen, warf ich einen kurzen Blick in die Hamstervilla. Käfig wäre untertrieben gewesen, mein Hamlet konnte wirklich eine Traumsuite als sein Zuhause nennen. Ganze fünf Häuschen fanden in seinem Nagarium Platz, die allesamt mit Einstreu bedeckt waren, ein Sandbad in Übergröße und ein teures Laufrad. Nur blicken ließ sich Hamlet selten, dafür konnte man ihn nachts drei Straßen weiter noch hören. Seine Lieblingszeit war zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens, dann, wenn ich eigentlich im Tiefschlaf sein wollte. Aber jetzt war vom Hamster noch nichts zu hören. Die Ruhe vor dem Sturm quasi. Ich schlich regelrecht zu meinem Kleiderschrank, um Hamlet ja nicht zu wecken.

Ich tauschte mein einfaches T-Shirt gegen einen Pullover mit Kapuze und meine Turnschuhe gegen meine wärmsten Sneaker. Der Sommer war fast vorbei, nachts wurde es nun doch schon immer etwas kälter. Am liebsten hätte ich mich direkt auf den Weg gemacht, aber mein Handy machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Meine Mutter war am anderen Ende und sie hatte es nicht gerne, wenn ich nicht ran ging, wenn sie anrief.

„Korbinian, wir haben schon ewig nicht mehr telefoniert“, begrüßte sie mich sogleich mit ihrer lauten Stimme.

Ich seufzte lautlos. Das klang nach einem längeren Gespräch und das wollte ich jetzt nicht unbedingt führen.

„Was macht die Schule? Hast du neue Freunde gefunden?“ Die Fragerei ging los.

„Joar, da ist es eigentlich wie immer. Da gibt es nichts neues“, antwortete ich kurz.

„Aber Bini, du musst doch irgendwann mal Freunde finden“, jammerte meine Mum, „du bist immer so viel alleine.“

„Ich weiß, Mama, aber das ist mir nur recht. Ich bin gerne alleine.“ Ja, in dieser Hinsicht war ich wie Felian und darauf war ich stolz. Dieser hatte jedoch noch Christina, ich dagegen war immer alleine. Aber das war ich freiwillig, ich hatte mir mit Absicht keine Freunde gesucht.

„Aber Ella hat doch auch so viele Freundinnen. Ist sie denn immer noch mit dem netten Mädchen aus dem Stall befreundet?“

Mum meinte Sana, Felians Schwester, die ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war.

„Ja, natürlich sind sie noch befreundet“, entgegnete ich und warf mich auf mein Bett. Mal schauen, wann ich meine Mutter abwimmeln konnte.

„Das ist schön. Wie geht es ihrem Pferdchen? Reitet sie immer noch so gerne?“

„Ja und so schnell wird sich das auch nicht ändern.“ Man merkte richtig, wie sehr Mum ihre Tochter vermisste. Sie hätte gerne mal mit ihr persönlich telefoniert, aber Ella drückte jeden Anruf weg. So so konnte sie nur mit mir reden, um etwas über das Wohlergehen ihrer Tochter zu erfahren.

„Und, was machst du heute Abend noch? Wirst du einen Film anschauen oder hast du noch viele Hausaufgaben zum Erledigen?“, fragte sie weiter.

„Ich habe noch einen ganzen Stapel zum Lernen“, ich versuchte bedrückt zu wirken, „besonders Mathe bereitet mir im Moment Probleme.“

Mum machte sich gleich ziemliche Sorgen: „Aber das wirst du trotzdem schaffen, mein Großer. Hast du denn noch Traubenzucker da? Und bring dein Mathebuch das nächste Mal mit, wenn wir uns treffen, dann schauen wir da mal gemeinsam rein.“

„Das mache ich.“

„Dann wünsche ich dir einen schönen Abend, Korbinian. Und lerne nicht zu lange. Du wirst es schon schaffen, da bin ich mir ganz sicher.“

„Danke, Mum.“

Sie verabschiedete sich. Ich war ganz erstaunt, so schnell hätte ich nicht gedacht, dass sie auflegen würde. Eine mögliche schlechte Schulnote hatte sie wohl davon abgehalten, mich noch länger zu bequatschen.

Na dann, nichts wie weg. Ich zog mir die Kapuze über den Kopf und öffnete das Fenster. Mit Schwung schwang ich meine Beine nach draußen und landete auf dem Dach unseres Wintergartens. Von dort aus war es eine Leichtigkeit, auf den Boden zu kommen.

Mein Vater wusste bestimmt nichts von meinen nächtlichen Ausflügen, bei Ella war ich mir aber nicht so sicher. Aber Geschwister verpetzten einander nicht.


Blumenstraße 19, das war mein Ziel. Es war bereits stockdunkel, als ich die Straßen entlang radelte. In unserem kleinen Kaff begegnete ich natürlich keiner Menschenseele.
Fünf Minuten später war ich da. Wie jeden Tag versteckte ich mein Mountainbike hinter den Himbeerstrauch und schlich mich dann auf leisen Sohlen zum Gartentor. Ich wusste, dass es quietschte, also sprang ich mit einen Satz darüber. Das Haus lag völlig im Dunklen, nur zwei Zimmer waren beleuchtet. Das eine war das Wohnzimmer, das andere das Zimmer meiner Lieblingsperson. An dieses schlich ich mich langsam, mit bedachten Schritten, näher. Es hatte sich dort auf der Wiese ein leichter Trampelpfad gebildet, so oft bin ich da schon lang gelaufen. Hoffentlich bemerkte das keiner.

Direkt vor dem Fenster stand eine große Eiche. Hinter deren Stamm versteckte ich mich. Durch ihre Blätter war ich sehr gut geschützt. Ich wusste gar nicht, was ich machen würde, wenn bald der Winter eintreffen würde und mir der Baum kein Versteck mehr bieten könnte.
Im Schnee würde man auch meine Schuhabdrücke sehen.

Ich drückte mich ganz nah an den Stamm, presste sogar meine Wange seitlich dagegen. Jetzt hatte ich einen perfekten Blick direkt in Felians Zimmer, ohne selbst gesehen zu werden.

Mein Herz machte einen Sprung, als ich ihn auf dem Bett liegen sah. Er schrieb in sein Tagebuch. Er wusste überhaupt nicht, dass er gerade beobachtet wurde. Wer ahnte denn auch schon, dass sein Klassenkamerad draußen im Garten lungerte und sich unter einem Baum versteckt hielt?!

Trotzdem war ich ein wenig unzufrieden. Felian schrieb schon in seinem Tagebuch, das hieß, er würde bald ins Bett gehen. Er machte es immer als letztes, kurz vor dem Schlafengehen. Ich hätte ihn gerne stundenlang beobachtet. Wie aufs Stichwort stand er von seinem Bett auf und rieb sich müde die Augen. Er schob sein Tagebuch unter den Kleiderschrank, auch dieses Versteck kannte ich schon lange.

Zu meinem Bedauern zog er sich immer im Badezimmer um und in das hatte ich keinen Einblick. Jetzt hieß es warten. Er brauchte immer genau fünfzehn Minuten, ehe er mit nassen Haaren und frisch geputzten Zähnen zurück kam.

Er kämmte sich seine Haare ein letztes Mal vor dem Spiegel in seinem Zimmer durch. Ein paar Tropfen fielen von seinen nassen braunen Haaren auf sein schwarzes T-Shirt, das ihm wohl ein wenig zu klein war. Wenn er sich streckte, konnte man beinahe seinen Bauchnabel sehen. Ich errötete leicht.

Dann ließ er seine Bürste auf den Tisch fallen, gähnte einmal herzhaft, schnappte dann aber sein Handy und tippte eine Nachricht ein. Bestimmt schrieb er Jerome und wünschte ihm eine gute Nacht. Ich war gleich ein wenig neidisch.

Und dann ging es ganz schnell. Er schmiss sein Handy zurück auf den Tisch, dann kletterte er in sein Bett und keine Sekunde später erlosch das Licht.

Ich blieb trotzdem noch zehn Minuten im fremden Garten stehen. Es könnte ja sein, dass er doch noch einmal das Licht anschalten würde. Aber das tat er nicht. Bedrückt schlich ich den Trampelpfad zurück, sprang wieder über den Gartenzaun und holte mein Fahrrad.

Eine halbe Stunde später lag ich in meinem Bett, lauschte dem Laufrad meines Hamsters und wünschte mir, ich würde neben Felian in seinem Bett liegen.


Eigentlich konnte ich mich glücklich schätzen. Seit einem Jahr stand ich auf Felian, seit einem halben Jahr war ich jede Nacht an seinem Fenster. Ich war so dankbar, dass sein Zimmer im Erdgeschoss war. Seit zwei Monaten war er mit Jerome zusammen. Jetzt wusste ich wenigstens, dass er wie ich auf das selbe Geschlecht stand. Zuvor hatte ich es nur gehofft, aber auch ein wenig geahnt. Jetzt hatte ich Gewissheit. Ich musste nur Jerome loswerden und mich an seine Stelle werfen.

Ich saß in der linken Reihe, auf dem letzten Platz. Meine Schulbücher hatte ich auf den langen Tisch ausgebreitet. Natürlich saß ich alleine dort, ich hatte nie einen Nachbarn. Nur Felian hätte ich mir neben mich gewünscht. Der saß schräg vor mir neben der komischen Christina und hing schon wieder am Handy. Er sah irgendwie müde aus. Hatte er schlecht geschlafen?

Hin und wieder nippte er an einem Kaffeebecher. Ich sah ihn immer nur Kaffee trinken. Durch ihn habe ich damit auch angefangen, obwohl ich den bitteren Geschmack eigentlich nicht mochte.

Wir hatten Mathe, aber anders als wie ich es gestern meiner Mutter gesagt hatte, kam ich in diesem Fach recht gut zurecht. In den anderen eigentlich auch. Man konnte sagen, dass ich ein guter Schüler war. Felian zum Glück auch. Er war sogar Klassenbester. So viel ich mitbekam, war Jerome eher das Gegenteil. Ich hatte schon oft gehört, dass er mit der deutschen Schule so einige Probleme hatte. Er sprach unsere Sprache zwar recht gut, aber in den meisten anderen Fächern kam er wohl nicht so zurecht. Ich konnte es kaum erwarten, bis er wieder tausend Kilometer entfernt in Florida saß.



In der Pause saß er neben Jerome auf der Mauer zu unserem Schulhof und hielt Händchen mit ihm, während sie sich ihre Wurstsemmel teilten. So gerne ich Felian beobachtete, aber das war ein trauriger Anblick für mich. Ich befand mich deshalb am anderen Ende des Hofes, wo Christina alleine auf einer Bank saß.

Ich hatte mir schon oft vorgenommen, sie anzusprechen, schließlich war sie Felians beste Freundin. Durch sie konnte ich vielleicht noch mehr über ihn erfahren.

Versucht lässig setzte ich mich neben sie. Sie war ein hübsches Mädchen, aber sie schien es nicht zu wissen. Ihre dunkelblonden Haare fielen ihr glatt auf die Schultern und sie hatte ein paar Sommersprossen auf der Nase. Sie war ziemlich klein, sogar meine kleine Schwester war ein Kopf größer als sie.

Sie sah mich erstaunt an, in all den Jahren haben wir gerade mal drei Sätze miteinander gewechselt.

„Ich dachte, ich setz mich jetzt einfach mal neben dich, du siehst irgendwie einsam aus“, begann ich das Gespräch.

Sie lächelte mich dankbar an. Wahrscheinlich freute sie sich, dass sie jetzt nicht mehr alleine war.

„Du bist doch sonst immer nur mit Felian zusammen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich wollte das Gespräch sofort auf Felian und somit auf das einzig Wichtige lenken.

„Ja, das stimmt.“ Mehr sagte sie nicht.

„Aber seit er Jerome hat, bist du alleine.“

„Na ja, nicht immer. In der ersten Pause ist er bei Jerome, in der zweiten bei mir. Das haben wir so ausgemacht.“

„Du magst wohl Jerome nicht sonderlich, oder?“, stellte ich fest.

„Wieso glaubst du das?“

„Na ja, sonst würdest du wohl auch bei ihnen sitzen, oder?“

„Doch, an sich mag ich Jerome schon.“

„Aber?“

„Man muss ihnen auch mal ein wenig Zweisamkeit gönnen.“

Mein Gesicht muss wohl wie ein Fragezeichen ausgesehen haben, denn Christina fuhr fort: „Die Gasteltern von Jerome finden es wohl nicht so prickelnd, dass ihr Gastsohn schwul ist. Es ist schwierig für die beiden, sich nach der Schule zu treffen.“

„Ach so.“ Na, da freute ich mich aber. „Und was sagen Felians Eltern dazu?“

Christina zuckte mit den Schultern. „Ihnen ist es eigentlich egal, sie mögen Jerome.“

Das war schade, ich hatte gehofft, sie würden den Amerikaner auch nicht im Haus haben wollen.

„Seit wann wusstest du eigentlich, dass Felian schwul ist?“, fragte ich weiter.

„Noch nicht so lange. Er hat es mir erst erzählt, als er schon mit Jerome zusammen war. Anfangs war ich sehr traurig, denn ich war in ihn verliebt. Aber eigentlich wusste ich schon immer, dass es zwischen uns nicht klappen würde. Wir werden immer nur Freunde sein, mehr nicht.“ Jetzt sah sie noch ein wenig trauriger aus.



Noch jemand, der in Felian verknallt war. Aber ich machte mir keine Sorgen, sie würde Felian nicht bekommen.

„Aber warum bist du immer alleine, Korbinian? Wieso weichst uns allen aus? Du suchst nicht einmal den Kontakt zu deinen Klassenkameraden.“ Jetzt fing sie an, Fragen zu stellen.

„Weil ich es so möchte.“ Es war eine etwas patzige Antwort und ich sah zu, dass ich von der Bank aufsprang und mich zurück ins Schulhaus drängelte. Jerome und Felian kamen mir entgegen, die Arme umeinander gelegt.



Den Nachmittag verbrachte ich im Pferdestall. Ella und Sana waren auch da. Gemeinsam flochten sie den Schweif von Mirabelle und rieben Grasflecken aus dem schneeweißen Fell. Wahrscheinlich lästerten sie über den komischen, älteren Bruder, der alleine im Gras hockte und die Pferde beobachtete. Aber das war mir doch egal. Ich wusste selbst, dass ich ein wenig verrückt war.

Das Wichtige nämlich war, dass Severin nicht auf der Koppel war und das hieß, dass Felian wahrscheinlich mit ihm ausreiten war. Mein Herz flatterte. Früher oder später würde er wieder hier auftauchen. Schade, dass ich versäumt hatte, wie er los geritten war.

Ich hätte heulen können, als ich ihn später mit Jerome sah. Er saß nicht auf dem Pferd, sondern führte es mit seiner linken Hand, während seine rechte fest von Jeromes umklammert wurde.

„Sag mal, hält dein Bruder wirklich Händchen mit einem Mann?“ Ella hatte die beiden wohl auch gesehen und wirkte ein wenig geschockt.

„Ja und?“ Sana putzte gemütlich Mirabelles Hufe weiter. „Der andere heißt Jerome. Er ist sein Freund.“

„ Ist es nicht ein wenig komisch?“

„Nein, eigentlich nicht. Für Mama und Papa ist es auch okay.“

„Na dann.“ Ella wandte sich wieder ihrem Pony zu.

Ich war dagegen wie hypnotisiert von der braunhaarigen Schönheit. Den dunkelhäutigen Jerome beachtete ich gar nicht. Felian hatte eine neue Hose an, das konnte ich sogar von dieser Entfernung feststellen. Ob er mich auch sah? Auf jeden Fall schenkte er mir keine Beachtung und das versetzte meinem Herz einen Stich.

Er machte das Halfter von Severin ab und sofort trabte der Wallach zu seinen Pferdefreunden.

Die beiden Jungs blieben aber noch am Gatter stehen. Jerome sagte irgendwas, Felian lachte. Dann legte der Amerikaner seine Arme um meinen Felian und küsste ihn ganz lange.

Ich bekam fast das Kotzen.



Ich freute mich so auf den Abend. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Felian wieder zu sehen, ganz privat ohne Jerome.

Das Abendessen hatte Dad gekocht. Nudeln mit Ketchup. Wenigstens mal was anderes als Currywurst oder Spiegelei. Mehr schaffte mein Vater nämlich nicht.

Ich schaufelte die Nudeln mit reichlich kaltem Ketchup in mich rein und sprang anschließend sofort vom Tisch auf.

„Korbinian“, rief mir mein Vater hinterher, „bleib noch bei uns sitzen. Du bist immer viel zu oft alleine in deinem Zimmer.“

Ich murrte: „Ich muss noch so viele Hausaufgaben machen.“

Vater verdrehte die Augen. „Na dann. Aber schau, dass du nicht zu spät ins Bett kommst.“

Komisch, die Ausrede mit den Hausaufgaben funktionierte immer.



In meinem Zimmer angekommen sprang ich sofort in wärmere Klamotten. Zur Sicherheit drehte ich noch den Schlüssel an meiner Tür um. Nicht, dass mein Vater doch noch mal nach mir sehen wollte und dann das geöffnete Fenster vorfinden würde. Aber ich glaubte nicht, dass das geschehen würde. Mein Vater ließ mich in meinem Zimmer eigentlich immer in Ruhe.

Wie der Blitz war ich aus dem Fenster gesprungen und auf mein Mountainbike.

Schneller als sonst war ich in der Blumenstraße. An diesem Abend war nur noch ein Zimmer beleuchtet.

Der Rasen im Garten war gemäht worden, das war gut, jetzt konnte man den Trampelpfad nicht mehr so deutlich erkennen. Ich versteckte mich hinter der Eiche und ließ meine Augen an das helle Licht im Zimmer gewöhnen.

Aber dann bekam ich den Schock meines Lebens.

Ich sah Felian, das war gut. Und ich sah Jerome. Sie lagen auf dem Bett und sahen sich einen Film an.

Jerome war bei Felian. In seinem Bett. Nur die beiden.

Ich vergaß für einen Moment zu atmen, so verstörend war dieser Anblick für mich.

Sie lagen beide halb unter der Bettdecke, ihr Kinn hatten sie auf den Handflächen abgestützt. Im Fernsehen lief ein Disneyfilm. Ich kannte den Film auch. Peter Pan. Früher war es auch mein Lieblingsfilm gewesen. Peter Pan war mein größtes Vorbild gewesen.

Felian stand auch heute noch auf diese Kinderfilme. Und Jerome anscheinend auch. Selbst durch das geschlossene Fenster hörte ich ihn lachen.

Tränen liefen meine Wangen hinab. Das war so ein grausamer Anblick. Wieso musste er sich unbedingt in Jerome verlieben?! Wieso konnte ich nicht neben ihm liegen? Für ihn würde ich jeden einzelnen Disneyfilm auswendig lernen.
Trotzdem blieb ich vor dem Fenster stehen. Ich konnte einfach nicht weg gehen. Ich war hypnotisiert von Felians Rücken. Sein rotes Shirt war ein wenig nach oben gerutscht und ich konnte das untere Ende seiner Wirbelsäule sehen. Ein himmlischer Anblick.

Der Film endete. Jetzt war Felian derjenige, der lachte. Er rollte sich auf die Seite und ergriff die Fernbedienung. Mit einem Klick war der Fernseher aus.

Ich betete, dass Jerome jetzt gehen würde. Aber ich wurde enttäuscht. Bitter.
Felian drehte sich noch einmal und kam auf Jeromes Bauch zu liegen. Er lachte laut und dann küsste er den Amerikaner. Freiwillig.

Mein Magen fühlte sich plötzlich unheimlich leer an.

Jerome hatte seine Hände sofort unter Felians Shirt geschoben. Er sollte sie dort raus holen! Niemand sollte Felian so berühren. Nur ich sollte das dürfen.
Sie knutschten weiter. Ich stand wie versteinert hinter meiner Eiche.

Für einen kurzen Moment wandte sich Jerome ab und er flüsterte etwas in Felians Ohr. Ich hätte zu gerne gewusst, was er sagte. Felian nickte und gemeinsam krochen sie unter die Bettdecke. Sofort ging die Knutscherei weiter. Felian sah dabei wirklich himmlisch aus. Seine geschlossenen Augen, die verstrubbelten Haare. Aber es wäre schön gewesen, wenn ich derjenige gewesen wäre, der ihn küssen würde.

Gemeinsam schälten sie sich aus ihren Oberteilen und später wohl auch aus ihren Hosen. Ich sah die Klamotten nur aus dem Bett fliegen, sie selbst blieben unter den Bettdecke. Ich beobachtete, wie Jerome von Felians Lippen zu seinem Hals wanderte und anschließend über die Brust immer weiter nach unten, bis er unter der Decke verschwand. Felians Gesicht dabei zu sehen, war das reine Paradies. Noch nie hatte ich so etwas Schönes gesehen.

Ich stand am Fenster, während Jerome und Felian miteinander schliefen. Es war richtig krank, aber es war richtig, richtig spannend, Felian so zu erleben. Seine nur halb geöffneten Lider, sein angespannter Körper. Ich bedauerte, dass ich ihn nicht stöhnen hören konnte. Denn das tat er, da war ich mir ganz sicher.

Irgendwann rutschte Jerome von ihm runter und kroch unter der Decke hervor, die Hände an einem Taschentuch abreibend.

Für einen Moment konnte ich Jerome nackt sehen. Ein Anblick, den ich mir gerne erspart hätte. Er gefiel mir nicht. Viel zu viele Muskeln und dazu diese dunkle Haut. Keine Ahnung, was Felian oder die ganzen Mädels an ihm fanden. Ich wusste, wen ich lieber nackt gesehen hätte, aber dieser blieb lieber in der Decke eingerollt. Irgendwie wirkte er jetzt ganz erschöpft.

Ich sah, dass die beiden miteinander redeten. Es würde mich brennend interessieren, über was.
Dann legte sich Jerome wieder ins Bett. Felian legte seinen Arm um seinen Freund und ein paar Sekunden später ging das Licht aus.

Ich blieb mit einem gewaltigem Problem in der Hose und mit Tränen in den Augen zurück.










Die Liebe meines Lebens

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Svenni
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 16 Dez 2018, 12:10

Ich hasste Jerome. Ich hasste ihn so sehr. Am liebsten hätte ich ihn persönlich in das nächstbeste Flugzeug zurück in die USA gesteckt. Und wenn der Flieger abgestürzt wäre, mir doch egal. Er sollte nur seine ekligen Pratzen von Felian lassen. Felian sollte mein Mann werden! Ich war der perfekte Freund für ihn. Dieser arrogante Footballer passte doch so gar nicht zu ihm! Wieso sah er das nur nicht ein?! Es war doch so offensichtlich. Nur noch ein halbes Jahr, dann war der Dunkelhäutige wieder am anderen Ende der Welt. Dann war Felian wieder frei. Aber noch ein halbes Jahr warten?! Für mich fühlte es sich trotzdem wie eine Ewigkeit an. So lange konnte ich nicht geduldig zusehen, wie das vermeintliche Liebespärchen tagtäglich händchenhaltend über den Pausenhof spazierte. Ich musste etwas unternehmen.

Die ersten beiden Unterrichtsstunden hatte ich Felian fest im Blick. Auf die Lehrer achtete ich gar nicht. Sie waren mir egal, mich interessierte nur der Junge, der heute recht gute Laune zu haben schien. Er flüsterte die ganze Zeit mit Christina, die heute auch längst nicht mehr so bedrückt wie am Vortag wirkte. Zweimal wurde er von den Lehrern ermahnt, aber ähnlich wie mir schien ihm das nicht groß zu stören.
In der Pause war ich ihm die ganze Zeit auf den Fersen. Zusammen mit Christina trabte er in Richtung Pausenverkauf. Er zog sein Geldbeutel aus der Hosentasche und öffnete das Fach für das Kleingeld. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprach ihn an. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht. Nur bei Gruppenarbeiten in der Klasse haben wir bisher ein paar Wörter gewechselt. Ich hatte es nicht so mit Reden. Nicht, dass ich nicht reden konnte, ich stotterte auch nicht, aber ich empfand Leute, die viel redeten, meist als anstrengend. Ich war von der ruhigen Sorte, ich sprach nur, wenn es unbedingt nötig war. Felian war genau wie ich. Meistens zumindest. Momentan war er nur am Reden oder Lachen. So kannte ich ihn eigentlich gar nicht.

„Soll ich dir einen Kaffee mitbringen?“, war die erste Frage, die ich ihm stellte.
Felian merkte im ersten Moment gar nicht, dass er angesprochen wurde. Erst als ich mich direkt vor ihn stellte, nahm er mich ❗️wahr. Gott, von Nahem sah er noch viel besser aus. Dunkelblaue Augen, feuerrote Lippen. Ich war nur ganz knapp davor, ihn direkt zu küssen.
„Sorry Korbinian, meintest du mich?“, fragte er erstaunt.
Er kannte meinen Namen! Okay, wir waren seit Jahren in einer Klasse, aber trotzdem! „Ich hab dich gefragt, ob ich dir einen Kaffee mitbringen soll.“
„Naja“, Felian wirkte noch immer ein wenig verwirrt, „wenn du dich sowieso anstellst...“
Schnell nickte ich. „Kein Problem.“
„Na dann, super. Ich trinke ihn immer mit einen halben Teelöffel Zucker.“
Natürlich wusste ich das schon. Felian fischte einen Euro aus seinem Geldbeutel und hielt mir die Münze auf seiner ausgestreckten Hand entgegen. Ich hielt die Luft an, als ich mir das Geldstück schnappte. Meine Fingerspitzen kribbelten, als ich die weiche Haut seiner Hand berührte. So nah waren wir uns noch nie gekommen. Am liebsten hätte ich mich gar nicht mehr von ihm abgewandt, aber es wäre komisch gewesen, wenn ich mit seinem Geld in der Faust noch weiter vor ihm gestanden wäre.

Die Schlange vor dem Pausenverkauf war lang. Nur im Schneckentempo bewegte ich mich vorwärts. Und das Schlimmste war, dass ich von diesem Winkel aus keine Sicht auf Felian mehr hatte. Ich wollte ihn doch weiter beobachten! Endlich an der Kasse angekommen, bestellte ich zwei Kaffees, zweimal mit ein wenig Zucker. Vom ersten Becher nahm ich einen kleinen Schluck. Es war der Kaffee, den ich gleich Felian überreichen würde. Somit hatten wir vom selben Pappbecher getrunken und ich mochte diese Tatsache, auch wenn Felian davon nichts mitbekommen würde.
Ich biss mir auf die Lippe, als ich mich an mehreren Schülern vorbei gekämpft hatte und wieder freie Sicht auf Felian hatte. Doch er stand nicht mehr ❗️allein mit Christina in der Ecke, sondern Jerome hatte sich zu ihnen gesellt. Natürlich, die erste Pause verbrachten sie immer zusammen. Jetzt hieß es mutig sein. Mit schnellen Schritten lief ich auf die drei zu, die Kaffeebecher vor mich gestreckt.
„Hier bitte, dein Kaffee“, ich hielt Felian den Becher hin, aus dem ich eben schon getrunken hatte. Gleichzeitig ließ ich jedoch mein Trinkgefäß fallen und zwar genauso, dass es auf Jeromes Hose landete. Der Kaffee spritze durch die Luft und verteilte sich komplett auf Jeromes Klamotten. Außenstehende hätten meinen können, es wäre Zufall gewesen, aber es war pure Ansicht. Ich musste mich bemühen, nicht laut loszulachen, sondern bedrückt drein zu blicken.

„Ey, kannst du nicht aufpassen?! Was soll denn das?“ Jerome war außer sich. Nur wegen ein paar Kaffeeflecken. Wenig, okay, das war untertrieben. Sein Shirt, Hose und auch Adidas-Schuhe brauchten dringend eine Waschmaschine. Wie blöd, dass wir uns gerade erst in der ersten Pause befanden. Bis Schulende waren es noch ein paar Stunden.
„Schau mal, wie ich jetzt ausschaue!“ Demonstrierend streckte Jerome sein T-Shirt nach vorne und zeigte auf die dunkelbraunen Flecken.
„Jerry, beruhige dich.“ Felian legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes. Er nannte ihn Jerry? Grottig, aber ich hatte es sowieso nicht so mit den Spitznamen. „Zieh dir doch einfach deine Jacke über, so schlimm ist das schon nicht.“
„Was will der eigentlich hier?“ Jerome funkelte mich wütend an.
„Korbinian hat mir einen Kaffee mitgebracht. Fand ich sehr nett von ihm.“ Er lächelte mich ganz lieb an und in meinem Bauch schlüpften plötzlich hundert Schmetterlinge aus ihrem Kokon.
Jerome murrte nur. „Ich schau mal, ob ich die Flecken raus waschen kann, kommst du mit?“ Er schnappte sich die Hand seines Freundes und zog ihn hinter sich her in Richtung Toiletten.
Christina und ich blieben alleine zurück. Mein Herz glühte. Besser hätte diese Pause nicht laufen können.
„Gib's zu, das war Absicht gewesen.“ Christina sah mich mit ihren großen Augen an. Ich zuckte nur mit den Schultern und sah zu, dass ich vom Ort des Geschehens verschwand.

Ich war sehr erstaunt, meine Mutter am Parkplatz stehen zu sehen, als ich aus der Schule kam. Große Lust hatte ich allerdings nicht❗️, mit ihr zu sprechen. Ich wollte eigentlich schnell nach Hause und dann gleich zum Reitstall weiterfahren. Freitags war Felian immer mit seiner ganzen Familie samt ihrem Hund im Stall, bevor sie mit ihren Tieren einen Spaziergang machten. Es war schon fast Tradition bei Familie Guhne. Und ich wollte natürlich auch vor Ort sein. Nachdem ich heute quasi zum ersten Mal mit Felian gesprochen habe, standen meine Chancen nicht schlecht, dass er mich heute auch beachten würde. Man, vielleicht würden wir wieder miteinander reden und vielleicht – ganz vielleicht – durfte ich sogar mit spazieren gehen. Das wäre natürlich der Höhepunkt.
Aber meine Mutter machte mir und meinen Plänen natürlich einen Strich durch die Rechnung. Natürlich hatte sie mich bereits gesehen, obwohl ich versuchte, mich in einer Gruppe von Mitschülern zu verstecken und schnell hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.
Nachdem sie mich zweimal gerufen hatte, kam ich mit hängenden Schultern angedackelt. Ein Blick in das Gesicht meiner Mutter genügte. Sie hatte heute keine gute Laune. Auch das noch. Ich hoffte, dass ich trotzdem recht schnell frei kommen würde, um Felian doch noch anzutreffen.
„Sag mal, Korbinian, hast du mich wirklich nicht gesehen oder hast du tatsächlich versucht, dich heimlich aus dem Staub zu machen?“ Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich hab dich nicht gesehen, ich war ein wenig in Eile“, versuchte ich mich rauszureden, aber ich wusste bereits, dass ich da gegen meine Mutter keine Chance hatte.
„In Eile? Wo wolltest du denn so schnell hin?❗️ Bist du verabredet?“
Ich schüttelte den Kopf.
Jetzt seufzte sie und ihr Blick wurde ein weniger weicher. „Ich mach mir Sorgen um dich, Korbinian.“
„Sorgen? Um mich? Um mich musst du dir keine Sorgen machen, ich komme gut zurecht.“
„Ja, du kommst alleine gut zurecht. Weil du immer nur alleine bist. Seit Jahren schon habe ich keinen einzigen Freund mehr an deiner Seite gesehen.“
„So will ich das auch haben.“ Langsam wurde ich bockig. Über dieses Thema hatten wir uns schon oft unterhalten und jedes ❗️Mal kotzte es mich mehr an.
„Aber Korbinian, das ist doch nicht normal! Wieso willst du denn keine Freunde haben?“
„Ich mag Menschen nun mal nicht.“ Das war von jeher meine Antwort gewesen. Für mich gab es da nichts weiter zu diskutieren. Ich mochte meine Mitmenschen bis auf wenige Ausnahmen nicht. Daran wollte und konnte ich auch nichts ändern. Ich war nun mal kein Mensch voller Empathie.
Mum sog geräuschvoll die Luft an. „Setz dich erst mal ins Auto“, befahl sie. „Wir fahren zu mir nach Hause.“
Widerrede war zwecklos, also schmiss ich mich auf den Beifahrersitz des kleinen Fiat Panda, auf den meine Mutter so stolz war, und zurrte den Gurt fest um meinen Bauch.
Meine Mutter schwieg noch einen Augenblick, während sie den Motor startete, in den Rückspiegel sah❗️ und rückwärts aus der Parklücke fuhr. Ein paar vereinzelte Schüler strömten noch aus der Schule, ihren Blick meist fest auf ihr Smartphone gerichtet.
„Ich war vorhin auch in der Schule gewesen“, begann sie das Gespräch von Neuem, als sie ihr kleines Auto auf die Straße lenkte.
„Was? Wieso das?“
„Ich habe mit deinen Lehrern gesprochen. Besonders ausführlich mit Frau Herb.“ Mum sah mich erwartungsvoll an, sie war wohl auf meine Reaktion gespannt.
Ich schloss genervt die Augen. Frau Herb war meine Mathelehrerin.
„Du hast mir doch erst am Telefon gesagt, dass du derzeit in Mathe Probleme hast und ich dachte, es wäre keine schlechte Idee mit deiner Lehrerin darüber zu sprechen. Sie war ganz erstaunt, denn den letzten Test hast du wohl mit einer glatten Eins bestanden. Probleme in ihrem Fach hattest du laut ihr noch nie.“
Ich hätte es ahnen sollen, dass die Lüge am Telefon aufflog. Meine Mutter war da viel zu hartnäckig. Dad wäre nie zur Lehrerin gerannt, wenn ich ihm erzählt hätte, dass ich schlecht in einem Fach wäre. Er hätte mir höchstens das Geld für Nachhilfeunterricht gegeben.
„Wieso hast du mich angelogen?“ Ihre Stimme klang scharf. Ihr Lenkrad hatte sie fest mit beiden Händen umklammert.
Erst enthielt ich mich einer Antwort ,aber das hatte keinen Zweck. Meine Mutter würde notfalls Stunden auf einen Satz von mir warten und mich nicht entkommen lassen, ehe sie zufrieden war.
„Ich hatte nun mal keine Zeit zum lange Telefonieren.“
„Und das kann man mir nicht einfach sagen? Muss man mich dafür anlügen?“
„Mhm.“
„Was hattest du denn Wichtiges vor?“
Wieder schwieg ich, aber ich war den strengen Augen meiner Mutter ausgesetzt.
„Ich musste halt noch weg.“
„Korbinian, ich will eine vollständige Antwort von dir. Auch wenn du es dir oft wünscht, du bist nun mal noch nicht 18 und ich will erfahren, wo du dich abends noch rumtreibst. Das Vorgestern war auch nicht das erste Mal gewesen, ich hab dich schon öfter abends angerufen, aber du bist nicht ans Handy gegangen.“
„Tja, dann hab ich halt schon geschlafen.“ So langsam wurde ich bockig.
„Das glaube ich dir nicht.“

Währenddessen waren wir endlich an ihrer neuen Wohnung angekommen. Es war ein veralteter Wohnblock, ihr Appartement lag im dritten Stock. Schweigend stiegen wir aus und ich stapfte mit ein paar Metern Abstand hinter ihr zum Aufzug. In der Wohnung roch es bereits nach Essen.
„Ich habe einen Eintopf aus Linsen und Kartoffeln aufgewärmt. Möchtest du etwas?“ Ihre Stimme klang ein wenig weicher.
Ich nickte. Gegessen hatte ich seit heute früh nichts mehr. Nicht einmal einen Kaffee hatte ich heute gehabt, denn der war ja auf Jeromes Hose gelandet.
Wir setzten uns an den Küchentisch, ich schaufelte den Eintopf wie wild in mich rein, während Mum nur darin herumstocherte.
„Ich will, dass du mir vertraust, Korbinian“, meinte sie nach mehreren Minuten Schweigen und legte den Löffel auf den Tisch.
„Das tue ich doch.“
„Kommt mir aber nicht so vor.“
Ich seufzte. „Ich bin nun mal nicht wie die anderen Leute oder wie Ella. Ich mache mir nicht viel aus meinen Mitmenschen.“
„Aber warum ist das so? Ich habe heute mit fast ❗️all deinen Lehrern gesprochen. Alle haben mir gesagt, dass du immer alleine sitzt. Auch in den Pausen, du bist immer abseits von den anderen. Wirst du gemobbt?“
„Nein!“
„Wirklich nicht? Wir müssen darüber reden.“
„Ich werde nicht gemobbt.“
„Okay. Aber du hast ein Geheimnis und ich will wissen, was es ist. Ich bin deine Mutter und ich mache mir Sorgen um dich.“
„Ich hab es dir schon gesagt, du musst dir keine Sorgen machen. Mir geht es gut.“
„Tut es das wirklich? Bist du wirklich zufrieden mit deinem Leben?“
Jetzt biss ich mir auf die Lippen. Nein, ich war nicht zufrieden. Ich würde erst glücklich sein, wenn ich Felian an meiner Seite hätte.
Mum griff über den Tisch nach meiner Hand. „Ich will, dass du mir vertraust. Was belastet dich so?“
Sollte ich ihr von Felian erzählen? Nein, nein, das konnte ich nicht. Felian würde für ewig mein Geheimnis bleiben. Aber eine Sache wollte ich trotzdem loswerden. Eine Sache musste ich trotzdem jemandem erzählen.
„Ich bin schwul.“ Es war mehr ein Flüstern.
Mum zog ihre Augenbrauen nach oben. „Ah okay.“
„Und was sagst du dazu?“
„Nichts. Ist doch völlig in Ordnung. Okay, ein wenig erstaunt bin ich schon, ich hätte damit jetzt nicht gerechnet, aber hast du denn Angst vor meiner Reaktion gehabt?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nun ja, ein wenig schon. Es weiß sonst keiner.“
„Ach Korbinian“, sie drückte meine Hand etwas, „das hättest du doch nicht haben müssen. Es ist doch nichts Schlimmes. Gehst du deshalb auf Abstand mit deinen Klassenkameraden?“
Ob das wirklich der Grund war, wusste ich nicht. Ich hatte ja schon keine Freunde gehabt, bevor ich überhaupt wusste, dass ich auf Kerle stand. Aber es war so leichter meiner Mutter zu erklären. Deshalb nickte ich.
„Ich habe nachgedacht. Meinst du, es würde dir helfen, wenn wir einen Therapeuten suchen würden?“
„Einen Psychologen?“
„Ja. Ich könnte mal einen Termin ausmachen und wir gehen gemeinsam hin. Oder du alleine, wenn dir das lieber ist. Vielleicht ist der eine Hilfe. Ich will nicht, dass du immer alleine und unglücklich bist.“
„Ich bin nicht unglücklich.“
„Das freut mich.“
Sie ließ meine Hand los. „Übrigens, ich muss dir auch noch was erzählen. Ich habe eine Überraschung für dich.“
„Eine Überraschung?“
Sie grinste geheimnisvoll. Jetzt war ich doch ein wenig aufgeregt.
„Ich kenne natürlich deinen größten Wunsch.“
Na ja, von meinem größten Traum konnte sie nichts wissen. Sie wusste nicht, dass ein Junge namens Felian existierte.
„Und ich habe heute mit deinem Vater gesprochen.“
„Du hast mit Dad gesprochen?“
„Ja, das habe ich. Wir können schließlich noch normal miteinander reden, obwohl ich ausgezogen bin.“ Sie seufzte kurz, wahrscheinlich dachte sie nach diesem Satz an Ella, die jedem Versuch ihrer Mutter, Kontakt aufzubauen, auswich.
„Um was geht es denn jetzt?“ Ich war wirklich neugierig.
„Eine Kollegin von mir ist an Krebs erkrankt. Sie liegt derzeit im Krankenhaus und es ist fraglich, ob sie überhaupt noch mal nach Hause kann.“
„Das ist traurig.“
„Ja, das ist es. Sie ist eine nette Frau und eine gute Kollegin gewesen. Aber zurück zum Thema. Sie hat einen kleinen Hund, den im Moment ihre Nachbarin verpflegt. Aber die Nachbarin ist damit nicht wirklich zufrieden, also sucht sie dringend ein neues Zuhause für ihn.“
Ich atmete tief ein. War es wirklich das, was ich glaubte? Bekam ich tatsächlich einen Hund? Nach Felian war dies mein größter Wunsch, da hatte meine Mum recht.
„Dein Dad wäre auch damit einverstanden, wenn du dich alleine um ihn kümmerst.“
Ich grinste. „Natürlich werde ich das. Was ist es denn für ein Hund?“ Ich war ganz nervös.
„Ein kleiner Pudel. Acht Jahre alt. Billy heißt er.“
„Billy...“ Ich bekam das Lächeln gar nicht mehr aus dem Gesicht. Ein Pudel. Zugegeben, ich hätte mir niemals einen Pudel ausgesucht, ich war eher ein Fan anderer Rassen, aber ich bekam einen Hund?! Da war die Rasse total egal.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Fiat und kurvten durch die Stadt. Nervös zappelte ich auf dem Beifahrersitz. Der Tag verlief unerwartet fantastisch. Erst hatte ich mit Felian geredet, dann Jerome mit Kaffee verbrüht und jetzt bekam ich auch noch einen Hund! Und es hatte auch noch gut getan, mich mit meiner Mutter auszusprechen. Ein wenig belastet hatte es mich schon, dass niemand wusste, dass ich schwul war. Bei Mum war das Geheimnis auf jeden Fall gut aufgehoben.
Mum hatte gerade noch Zeit, die Handbremse anzuziehen, schon war ich aus dem Auto gesprungen. Wir standen vor einem heruntergekommenem Bauernhaus, das dringend ein wenig renoviert werden müsste.
„Hier hat meine Kollegin gewohnt“, Mum deutete auf ein kleineres Haus nebenan, „leider auch ganz alleine.“
Aber ich hörte ihr gar nicht mehr richtig zu, ich hampelte aufgeregt am Gartentor auf und ab. So kannte mich meine Mutter gar nicht.
Eine ältere Frau erschien an der Haustüre. Ganz altmodisch trug sie ein Kopftuch um ihre Haare gebunden.
„Sie sind wegen dem Hund da?“, rief sie uns entgegen.
„Das sind wir“, entgegnete Mum sofort.
Wir traten durch das Gartentor, aber die Dame war schon wieder im Haus verschwunden. Langsam schlichen wir ihr hinterher. Sie winkte uns ins Haus hinein und ich hielt sofort nach einem Pudel Ausschau.
„Der Hund ist in der Küche. Dort versteckt er sich den ganzen Tag.“ Die Frau wirkte nicht sehr angetan von ihrem Pflegetier.
Ich war schon in der Küche verschwunden, aber auch dort sah ich keinen Hund. Meine Mum war mir gefolgt. „Da schau, unter dem Tisch sitzt er“, flüsterte sie.
Sofort ging ich in die Hocke. Ganz in der Ecke, unter der Eckbank vergraben, saß ein winziges Püschel braunes Fell. „Billy“, wisperte ich, aber das Hündchen beachtete uns gar nicht.
„Er kommt nur nachts raus. Dann frisst er auch.“ Die Hauseigentümerin war im Raum erschienen. Ich verfluchte ihre laute Stimme, der kleine Hund hatte auch so schon genug Angst. Sie warf uns eine Tüte mit Trockenfutter zu. Ein paar Brocken flogen raus und kullerten über den Boden. Billy jaulte leise auf und presste sich noch enger in die Ecke. So schnell würde er nicht raus kommen.
„Komm Korbinian, lassen wir ihn noch einen Moment in Ruhe. Suchen wir stattdessen schon mal sein Körbchen und seine Leine und laden alles ins Auto“, befahl meine Mutter.
Ich folgte ihr. Im Wohnzimmer stand ein kleines Körbchen, das aber schon bessere Zeiten gesehen hatte. Aus dem Kissen kam bereits die Füllung und der Rand war schon ganz abgenagt. Mit der Erlaubnis der Besitzerin trugen wir es zum Auto. Als wir das Haus wieder betraten, hatte sich die Dame bereits ihrer Bügelwäsche und ihrem Bügeleisen zugewandt. Mich störte dieses Desinteresse sehr.
„Hat er denn eine Leine?“, erkundigte sich meine Mum.
„Ja, die hängt neben der Tür. Ich habe sie bis jetzt nicht gebraucht, er will nicht spazieren gehen. Ein Halsband hat er trotzdem an.“ Die Leine war in einem ähnlichen Zustand wie der Korb. Ich rollte sie zusammen und steckte sie in die Hosentasche.
Jetzt mussten wir nur noch Billy unter dem Möbelstück hervor zaubern. Es tat echt weh zu sehen, wie viel Angst das kleine Tier hatte. Ich kroch unter den Tisch. Billy sah mich näher kommen. Er drehte den Kopf gegen die Wand und verkrampfte sich. Vorsichtig strich ich mit meiner Hand über seine Locken. Er zitterte. Ganz, ganz vorsichtig nahm ich ihn hoch und robbte mit ihm unter dem Tisch hervor. Meine Mum sah ihn mitleidig an.
Zu dritt verließen wir das Haus. Mum hielt die Tüte mit den Leckerlies umklammert. Der Pudel lag bewegungslos in meinem Armen.
„Keine Angst, du musst nie wieder hierher zurück“, versprach ich dem ängstlichen Tier, „jetzt passe ich auf dich auf.“
Meine Mutter fuhr mich anschließend sofort nach Hause. Während der Autofahrt hatte Billy sich auf meinem Schoß zusammengerollt. Nur einmal hob er kurz den Kopf. Zum Abschied umarmte ich Mum sogar, etwas, was ich noch nie zuvor gemacht hatte.

Weder mein Dad noch meine Schwester waren zuhause. Das wunderte mich ein wenig, aber ich war ganz froh drum. Billy sollte seine Ruhe haben. Sein Körbchen stellte ich direkt neben mein Bett. Ängstlich sah er zu mir hoch, als ich ihn drauf setzte. „Gleich morgen kaufe ich dir ein schöneres Körbchen“, schwor ich mir. Aus der Küche holte ich zwei Schüsseln, eine mit Wasser, in die andere schüttete ich das Trockenfutter. Kurz schnupperte Billy daran, dann nahm er sogar vorsichtig ein Stückchen ins Maul. Er musste wahnsinnig Hunger haben. Ich ließ ihn in Ruhe fressen und legte mich währenddessen ins Bett. Doch dann fiel mir etwas siedend heiß ein: Wie sollte ich heute Felian besuchen? Ich konnte und wollte Billy auf keinen Fall alleine lassen. Mitnehmen konnte ich den ängstlichen Hund natürlich auch nicht.
Ich seufzte. Ich musste wohl oder übel heute Nacht auf Felian verzichten.

Svenni
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 19 Dez 2018, 14:42

Nachts lag ich wach. Billy war in sein Körbchen gekrochen. Hin und wieder konnte ich ihn jaulen hören. Ich hoffte, dass er bald zutraulicher wurde.
Ich starrte die dunkle Zimmerdecke an. Seit zwei Stunden drehte ich mich von einer Seite auf die andere, doch ich fand keinen Schlaf. Ich dachte an Felian. Ich vermisste ihn. Andauernd fragte ich mich, ob es ihm gut ging. Es machte mich richtig nervös, dass ich ihn heute Abend nicht besucht hatte. Für mich waren die nächtlichen Besuche schon so alltäglich geworden, dass ich jetzt nur schwer darauf verzichten konnte. Ich wollte ihn so dringend sehen! Aber mich jetzt davon schleichen würde nichts bringen. Es war drei Uhr nachts und ich ging stark davon aus, dass er in seinem Bett lag und schlief. Was, wenn er aber auch wach lag und nachdachte? Dachte er vielleicht sogar an mich?

Nein, nein, er kannte mich ja noch nicht mal wirklich. Vielleicht war auch Jerome bei ihm und sie lagen zusammen im Bett. Nackt natürlich und fest umschlungen.

Erst in den Morgenstunden hatte ich mehr schlecht als recht in den Schlaf gefunden. Als ich mich gegen Mittag aus dem Bett gequält hatte, war mein neuer Hund schon wach gewesen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab und sah mich mit seinen treuen Hundeaugen aufmerksam an. Ich hatte ihm ein paar Leckerchen hingehalten und war stolz wie Bolle gewesen, als er sie erst zögerlich, aber dann doch zutraulicher gefressen hat. Er ließ sich sogar vorsichtig über seine Locken streicheln. Er schien zu spüren, dass ich ihm nichts Böses wollte und alles tun würde, damit es ihm gut gehen würde.

Als ich später mit ihm auf dem Arm die Treppe runter lief, fing mich mein Vater in der Küche ab.

„Ach, das ist dein neuer Hund“, war sein erster Satz, „ich hab ihn mir viel größer vorgestellt.“

„Es ist ein Zwergpudel“, informierte ich ihn.

Mein Vater nickte anerkennend. „Ein Pudel also. Wie hast du ihn denn genannt?“

„Er heißt Billy.“

„Ein netter Name. Na dann, viel Spaß mit ihm.“ Er streckte seine Hand nach ihm aus, wich aber sofort zurück, als Billy ängstlich jaulte.

„Er ist noch ein Baby, oder? So wie der schreit.“

Dad kannte sich wirklich nicht mit Tieren aus. Normalerweise fasste er nicht einmal eines an. Tiere gab es in unserem Haushalt normalerweise nur auf dem Teller. Es würde mich sehr interessieren, wie meine Mutter ihn gestern überzeugt hatte, dass ich einen Hund bekomme. Es war sicherlich ein sehr mühsames Gespräch gewesen.

„Nein, Billy ist bereits acht Jahre alt“, klärte ich ihm auf.

„Ach so. Viel Spaß mit ihm.“

„Dankeschön.“ Das ganze Gespräch war sehr mühselig und trocken gewesen, aber das war ja nichts Neues. So lief es meistens, wenn ich mit meinem Vater redete.



Ich setzte Billy kurz auf dem Boden ab, während ich in meine Schuhe schlüpfte und mir einen dicken Pullover überzog. Ich warf noch einen Blick in mein Geldbeutel, ob ich auch genügend Scheine einstecken hatte. Jetzt war nämlich Einkaufen angesagt. Billy brauchte eine komplette Neuausstattung. Auf dem Hinweg zum Haustierladen trug ich Billy lieber auf dem Arm. Ich traute der alten Leine nicht, hatte zu viel Angst, dass sie reißen würde. Der Weg war nicht weit und Billy hielt brav still. Im Geschäft fanden wir recht schnell eine super liebe Verkäuferin, die gleich hin und weg von meinem Hund war. Gemeinsam suchten wir ein großes Hundebett mit weichem, dunkelblauem Kissen und eine stabilere Leine aus. Nur bei den Halsbändern konnte ich mich länger nicht entscheiden. Mindestens zehn Stück probierte ich an meinem Hündchen aus, ehe ich mich für ein dunkelgrünes entschieden hatte. Es passte am besten zu seinen braunen Locken. Billy blieb die ganze Zeit über ganz brav. Er wurde auch ein wenig neugierig, schnüffelte interessiert an den Schuhen der Verkäuferin. Gemeinsam mit einem großen Sack Leckerchen und vielen Dosen Nassfutter verließen wir den Laden wieder.

Auf dem Rückweg hatte ich viel zu schleppen. Gut, dass Billy so gut an seiner neuen Leine lief.

Zuhause angekommen verfrachtete ich das ganze Zeug erst mal in meinem Zimmer. Dann schnappte ich mir erneut Billys Leine und trabte mit ihm zum Pferdestall. Vielleicht hatte ich ja Glück und traf Felian.

Tatsächlich. Ich konnte es kaum glauben. Sana und meine Schwester saßen im Schneidersitz auf dem Gras und zwischen ihnen hatte Felian es sich bequem gemacht. Er lag auf dem Bauch und tippte mit schnellen Fingern auf seinem Handy. Seine Lippen hatten sich zu einer schmalen Linie zusammengezogen. Er sah angespannt aus.

Mein Herz klopfte wie wild, als ich mich näher an sie heran schlich. Sana lächelte mich an, als ich mich zu den Dreien setzte, Ella dagegen sah nicht einmal auf. Ich dagegen war wie von Felian hypnotisiert. Wenn ich die Hand ausstrecken würde, könnte ich seine Jeans berühren.

Er tippte wohl seine Nachricht zu Ende und schmiss dann sein Mobilphone ins Gras. Einen Moment lang sah er mich an, mein Herz flatterte wie verrückt, dann wanderte sein Blick weiter zu Billy.

„Ist das dein Hund?“, fragte er. Billy schnüffelte einen Meter entfernt an den Gänseblümchen.

Jetzt riss auch Ella den Kopf hoch. Auch sie hatte noch nichts von meinem Hund erfahren.

„Wie Korbinian, du hast einen Hund?“ Ihre Augen wanderten erstaunt zwischen Billy und mir hin und her.

„Ja, Mama hat ihn mir gestern geschenkt“, erwiderte ich kurz. Ich wünschte mir, sie würde aufstehen und gehen. Ich wollte mit Felian alleine sein.

„Warum schenkt Mum dir einen Hund? Ich möchte auch einen haben!“

„Du redest ja nicht mehr mit ihr“, bemerkte ich ein wenig kühl und abweisend. Ich hatte überhaupt keine Lust, mich vor Felian mit ihr zu streiten. „Und außerdem hast du ein Pony, schon vergessen?“

„Aber ich hätte auch gerne einen Hund. Ich könnte ihn zum Ausreiten mitnehmen. Ein Hund ist was ganz anderes als ein Pferd.“

Ich hatte ihr aber gar nicht mehr zugehört. Mein Atem stand still, während ich beobachtete, wie Felian sich erhob und vorsichtig zu meinem neuen Haustier kroch. Er hielt Billy seine Hand hin und anders, als wie es zu erwarten gewesen wäre, wich das Hündchen nicht zurück, sondern begann interessiert an seiner Handfläche zu schnuppern. Ich war zufrieden. Auch Billy schien Felian zu mögen.

„Ein Pudel“, murmelte er.

Ich zuckte mit den Schultern. Felian tat es mir gleich. „Na ja, er passt auf jeden Fall zu dir.“ Ich strahlte ihn an. Mein Herz machte Saltos. Felian hatte mir ein Kompliment gemacht! Es muss ein Kompliment gewesen sein! Ich schwebte auf Wolke sieben. Vor lauter Euphorie vergaß ich fast zu antworten. „Danke“, murmelte ich und wurde glatt ein wenig rot. Ich konnte es kaum glauben! Felian, mit dem ich doch sonst nie mehr als drei Sätze gewechselt hatte, schmeichelte mir jetzt so.

Klar, dass meine Schwester mir da wieder einen Strich durch die Rechnung machen musste.

„Einen Pudel? Also diese Rasse wäre nichts für mich. Ich würde lieber etwas Größeres haben wollen. Einen Schäferhund vielleicht oder einen Boxer.“

„Aber Pudel zählen ganz schlauen Hunden“, antwortete Felian, der jetzt Billys Locken streichelte.

„Genau“, ich stimmte ihm natürlich sofort zu, „und ich werde ihm ganz viel beibringen.“

Ella hatte sich nun auch neben das kleine Tier gekniet. Ich war ein wenig beleidigt, als ich sah, dass er sich auch von ihr streicheln ließ.

„Niedlich ist er trotzdem, auch wenn ich niemals einen Pudel haben möchte“, bemerkte sie. „Wie hast du ihn eigentlich genannt?“

„Billy heißt er“, antwortete ich.

„Hast du den Namen ausgesucht?“

„Nein, er hieß schon so.“

„Und wo hast du ihn jetzt her? Vom Tierheim?“

„Nein, er hat Mamas Arbeitskollegin gehört. Aber sie musste ins Krankenhaus, darum habe ich ihn jetzt.“

„Ach so. Und du musst ihn wieder zurückgeben, wenn es der Frau besser geht?“

Ganz schnell schüttelte ich den Kopf: „Nein, er bleibt hier.“ Aber... Aber konnte ich mir da wirklich sicher sein? Mama hatte gesagt, die Dame sei an Krebs erkrankt, aber manchmal erholte man sich davon wieder. Musste ich befürchten, dass ich Billy vielleicht wieder abgeben musste? Nein, das durfte nicht sein. Ich wusste, dass das unverzeihlich war, trotzdem hoffte ich, dass Mamas Kollegin nicht mehr gesund werden würde.



Schnell wandte ich mich wieder Felian zu. Ich genoss es richtig mit ihm zu reden. Ich liebte seine tiefe Stimme und mein ganzer Körper kribbelte, wenn er mich durch seine dunkelblauen Augen anschaute.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, als ich ihn das fragte: „Wenn du möchtest könnten wir auch mal gemeinsam mit deinem Hund spazieren gehen.“ Aufgeregt knetete ich meine Hände.

Erstaunt zog er seine Stirn kraus. „Woher weißt du denn, dass ich einen Hund habe?“

„Ähm..“ Scheiße, was sollte ich jetzt sagen? Natürlich wusste er nicht, dass ich über fast sein ganzes Leben Bescheid wusste.

„Er weiß es bestimmt von mir“, Sana zuckte mit den Schultern. Ich hatte ganz vergessen, dass sie auch noch in unserem Kreis saß, so unbeteiligt hatte sie unsere Gespräche verfolgt, „ich habe bestimmt mal vor Korbinian Ella etwas von Hobbit erzählt.“

„Ach so. Es ist nur so, Hobbit ist schon ziemlich alt. Er geht kaum noch spazieren. Aber schauen wir mal. Ich habe im Moment nur sehr wenig Zeit, tut mir leid. “

„Oh.“ Das war wohl nichts gewesen. Schade, es wäre so schön gewesen, mit Felian und zwei Hunden über die Felder und durch den Wald zu marschieren. Es tat weh, so abserviert zu werden.





Am Abend war ich wieder mit Billy alleine. Ella übernachtete an diesem Abend bei Sana und bei meinem Vater wusste ich nicht einmal, ob er zuhause war und im Wohnzimmer saß oder ob er noch unterwegs war. Aber dies beruhte wahrscheinlich auf Zweiseitigkeit. Mein Hund hatte sich nach einer großen Portion Hundefutter in seinem Körbchen eingerollt. Für ihn war es ein anstrengender Tag gewesen und er schlief schon jetzt tief und fest und träumte wohl von Hasen- und ❗️Katzenjagden.

Konnte ich es riskieren, mich davon zu schleichen? Was, wenn Billy aufwachen würde und einen Radau veranstalten würde? Andererseits... irgendwann musste ich mich wieder zu Felian schleichen, sonst würde ich noch verrückt werden. Wieso nicht gleich heute Nacht? Billy würde sich daran gewöhnen müssen, ein paar Stunden alleine zu bleiben. Am Vormittag, wenn ich in der Schule war, würde ihm auch nichts anderes übrig bleiben.

Fest entschlossen schlüpfte ich in meine Sneakers und Pullover, streichelte dem brummenden Hund kurz über den Kopf und schon hatte ich mich aus dem Fenster geschwungen.

Ich wollte gerade mein Fahrrad aufheben, das an der Hauswand entlang zu Boden gerutscht war, als sich ein Auto näherte. Im ersten Moment dachte ich mir nichts dabei, aber als das Auto, je näher es kam,langsamer wurde, hob ich meinen Kopf. Verdammt, das war unser Auto! Ich hatte gar nicht aufgepasst, ob unser Wagen in der Einfahrt stand oder nicht. Mein Vater musste auch ausgerechnet in dieser Minute nach Hause kommen, wo auch immer er gewesen war.

Ich ließ mein Fahrrad wieder fallen und mit einem Satz war ich hinter dem Busch. Ich hätte schwören können, dass mein Vater mich im Licht der Scheinwerfer gesehen hatte. Ich überlegte einen Moment, ob ich nicht lieber aufstehen und mich zeigen sollte, als auch schon die Autotüre geöffnet und gleich darauf wieder zu geschlagen wurde. Ich hörte die stapfenden Schritte meines Vaters, als er zur Haustüre eilte. Ich zuckte zusammen, als ich an mein offenes Fenster dachte. Möglicherweise würde er es entdecken und sich fragen, wieso ich es am Abend so lange geöffnet hatte. Aber auch diesmal hatte es mein Vater wohl zu eilig, um solche Kleinigkeiten zu bemerken. Ich hörte seinen Schlüsselbund klappern, die Haustüre wurde geöffnet und er stürmte ins Haus. Es hätte mich beinahe interessiert, wo er gewesen war und wieso er es so eilig hatte. Seine Laune war wohl auch nicht so gut gewesen.

Ich zuckte mit den Schultern, schnappte mein Fahrrad und radelte die dunkle Straße entlang. Dads Probleme waren nicht meine Probleme.



Das Haus in der Blumenstraße war ungewöhnlich hell erleuchtet. Meistens brannte um diese Uhrzeit nur noch in Felians Zimmer das Licht, im Wohnzimmer lief höchstens noch der Fernseher. Ich wusste, dass seine Eltern sehr früh zu Bett gingen. Sein Vater❗️ fuhr im Morgengrauen gerne zum Baggersee, um dort in aller Frühe ein paar Fische zu angeln, während seine Frau und Felians Mutter vor allen anderen Kollegen in der Zahnarztpraxis auftauchte.

An diesem Abend war das Licht in fast ❗️jedem Raum angeschaltet und ich hörte bis auf die Straße lautes Lachen. Anscheinend waren trotz der kalten Herbstnacht ein paar Fenster geöffnet. Neugierig schlich ich mich durch den Garten und zu Felians Zimmer. Ich war enttäuscht, als ich nur in einen leeren Raum blickte. Einzig und allein der Familienhund Hobbit lag auf Felians Teppich und hatte die Augen geschlossen. Ich wartete fünf Minuten, aber es tauchte niemand im Zimmer auf. Dagegen konnte ich aber leise die Stimme der Eltern aus dem Wohnzimmer hören.

Durch das Wohnzimmerfenster hatte ich noch nie geblickt, aber ich wollte es trotzdem riskieren. An der Hauswand entlang schlich ich mich weiter durch den Garten. Dabei trat ich direkt ins Blumenbeet. Ich fluchte. Jetzt hatte ich doch tatsächlich drei Rosen zertreten. Würden seine Eltern merken, dass jemand in ihren Garten eingebrochen war oder würden sie einfach denken, eine fremde Katze oder ein Hund hatte sich in ihrem Beet ausgetobt? Ich ging auf die Knie und versuchte, meine Fußspuren in der weichen Erde zu verwischen. Im stockdunklen war das gar nicht so einfach.Ich hoffte, ich würde keine Spur übersehen.

Auf Knien kroch ich weiter. Endlich hatte ich das Wohnzimmerfenster erreicht. Ganz langsam und vorsichtig richtete ich mich auf. Hier stand keine Eiche, hinter der ich mich verstecken konnte. Es gab außer ein paar Johannisbeersträucher nichts, was mich verbergen würde. Aber ich musste es einfach wagen. Ich wollte so unbedingt wissen, was im Inneren vor sich ging. Ich trat hinter die Sträuchern, aber ich musste aufrecht stehen bleiben, um sehen zu können, was sich im Wohnzimmer abspielte. Ich wusste, wie leicht ich gesehen werden könnte, nicht nur von Felians Familie selbst. Ich befand mich sehr nah am Nachbarshaus, in dem ebenfalls Licht brannte. Was, wenn mich die alte Dame, die dort wohnte, bemerkte? Aber mir blieb nichts anderes übrig, als mir selbst die Daumen zu drücken, dass es gut ausgehen würde.

Endlich, endlich hatte ich freien Blick auf die Familie und auf Felian. Ich konnte sogar meine Schwester erkennen. Ich hatte ganz vergessen, dass sie die Nacht bei ihrer besten Freundin verbrachte. Es war komisch, sie im Wohnzimmer der Guhnes zu sehen. Sie saß direkt gegenüber vom Fenster, sie hatte also auch die größte Chance, mich zu bemerken. Aber wie die anderen war sie viel zu sehr von einem Spiel abgelenkt, das auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet war. Ich streckte mich und konnte das Brettspiel Monopoly erkennen. Ich grinste. Früher hatte ich das gerne mit meiner Mutter gespielt.

„Wieso habe ich nur diese verdammte Schlossallee gekauft“, hörte ich den Vater murren, „ich bin jetzt schon fast pleite.“

„Das liegt nicht nur an dieser einen Straße, Ted“, lachte seine Ehefrau, „du kommst einfach viel zu häufig auf meine Bahnhöfe.“

„Wieso musst du auch gleich alle vier haben“, grunzte der Vater, „hier, Feli, du bist dran.“

Ich musste mich etwas zur Seite lehnen, um besseren Blick auf Felian zu haben. Er trug eine rote Jogginghose und seine Haare waren ein wenig verwuschelt. Er würfelte und ließ sein gelbes Männchen ein paar Felder vorwärts ziehen. „Ich bin schon wieder im Gefängnis“, lachte er, „ich schaffe es nie über Los.“

„Sei froh, dass du noch eine Freikarte hast, ich sitze jedes Mal ewig drin“, erwiderte meine Schwester und nahm Felian den Würfel ab.

„Warte, Jerome ist eigentlich dran“, bemerkte Herr Guhne.

Jerome war auch hier? Ich verdrehte die Augen. Wieso musste Felian nur so an ihm hängen? Musste Jerome denn so oft bei ihm zuhause sein? Ich hasste diesen Kerl so sehr.

„Stimmt“, erwiderte Sana, „wo bleibt er denn?“

„Ich weiß nicht“, Felian drehte seinen Kopf in Richtung Wohnzimmertür, „er wollte eigentlich nur kurz aufs Klo gehen. Ich schau mal nach ihm.“

Felian schwang sich vom Sofa auf und trabte aus dem Wohnzimmer.

Die Mutter streckte sich ein wenig und angelte eine Packung Marlboro vom Regal. Ich verstand, darum das offene Fenster trotz des Herbstwetters. Aber das Felians Eltern rauchten❗️, hatte ich nicht gewusst. Hoffentlich fing er selbst nicht damit an. Seine Lungen sollten gesund bleiben.

Meine Schwester beugte sich zu Sana hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ein Finger von ihr deutete in Richtung Fenster. Ich erschrak. Ahnte sie etwas? Hatte sie mich vielleicht sogar gesehen? Vielleicht sollte ich besser verschwinden, aber ich konnte es nicht. Ich musste Felian weiter beobachten, es war wie ein Zwang.

Endlich tauchte er wieder im Zimmer auf. Er hielt Händchen mit Jerome, der trotz seiner dunklen Hautfarbe ein wenig blass wirkte. War er etwa krank? Sie setzten sich zusammen auf das Sofa und Felian lehnte sich ein wenig an seinen Freund. Jerome schnappte sich die Würfel, die Herr Guhne ihm hin hielt und würfelte. „Oh je, Museumstraße, schon wieder. Wie viel bekommst du von mir, Sana?“

„360 Mark“, grinste sie, „so langsam müsstest du es doch auswendig wissen, so oft wie du das schon bezahlt hast.“

Jerome lächelte als Antwort und zählte seine Scheine zusammen. Irgendwie wirkte er heute komisch. Vielleicht war er wirklich krank. Vielleicht sogar so, dass er sich nicht mehr davon erholen würde.

Ella würfelte, schob ihre Figur vorwärts und baute ein Haus auf einer ihrer Straßen. Ihr Blick blieb dabei fest auf das Fenster gerichtet. So langsam wurde ich richtig nervös.

„Du bist dran, Susanne.“ Der Ehemann stieß seine Frau mit dem Ellenbogen an.

„Stimmt, tut mir Leid. Da schaut mal, ich bin auf ❗️'Frei Parken' gekommen“. Gut gelaunt schnappte sie sich den Geldstapel, der in der Mitte des Spielbrettes lag.

„Das ist gemein, Mum“, lachte Felian, „ich hab das meiste Geld eingezahlt. Ich hätte es verdient.“

„Da ist jemand am Fenster.“ Felians Eltern sahen Ella erschrocken an.

„Jemand steht vor dem Fenster“, wiederholte meine Schwester, „ich habe gerade eine Bewegung gesehen.“

„Bist du dir da sicher?“ Der Vater klang ganz aufgeregt.

Felian war schon aufgestanden und zum Fenster getreten. Gerade noch rechtzeitig duckte ich mich und saß zum zweiten Mal an diesem Abend im Busch. Mein Herz klopfte wie wild. Wenn Felian mich hier jetzt entdecken würde... Zwischen uns wäre es sofort vorbei, noch ehe es überhaupt angefangen hatte.

„Ich geh mal nach draußen.“ Der Vater war nun auch endlich aufgestanden.

„Ich komme mit“, erwiderte seine Frau bestimmt.

„Nein, falls dort draußen wirklich jemand ist, dann will ich nicht, dass ihr alle durch den Garten lauft. Wo haben wir denn die Taschenlampe?“

Endlich, endlich kam Bewegung in mich. Ich sprang vom Busch auf, raste quer durch den Garten, zertrampelte in der Zeit die restlichen Rosen und sprang mit einem riesigen Satz über den Gartenzaun. Ich warf mich auf den Sattel und war in Lichtgeschwindigkeit in Richtung Heimat unterwegs. Bevor ich um eine Kurve radelte, sah ich den Schein einer Taschenlampe im Garten umherwandern.



Am nächsten Morgen, ich kam gerade mit Billy vom Spaziergang zurück, traf ich meine Schwester und meinem Vater am Frühstückstisch vor. Ich musste mich wohl oder übel zu ihnen setzen.

„Na, bist du schon zurück?“, begrüßte ich Ella.

„Ja, ich bin gleich nach dem Aufstehen zurück gefahren. Ich hab ganz schlecht geschlafen und will mich nur noch in mein eigenes Bett legen und den ganzen Sonntag verschlafen.“

Mein Vater sah von seiner Zeitung auf. „Korbinian, Hunde möchte ich nicht in unserer Küche haben, erst recht nicht während dem Essen.“ Er warf mir einen kühlen Blick zu.

Ich seufzte. Ein Pudel verlor doch kaum Haare, was störte es also, wenn er am Boden unter dem Tisch saß?! Ich wusste aber, dass ich mit meinem Vater nicht diskutieren konnte, also band ich den kleinen Hund im Flur an. Mit traurigen Augen sah er zu mir, als ich mich auf die Eckbank setzte und nach einer Semmel griff. Mit schnellen Griffen hatte ich sie halbiert und mit einer Scheibe Käse bestückt.

„Bei Sana ist gestern eingebrochen worden“, informierte Ella mit aufgeregter Stimme, „da war jemand im Garten gewesen und hat die ganzen Blumen zertreten.“

„Was?“ Mein Vater legte die Zeitung auf seinen Teller. „Wer war denn das?“

Ella zuckte mit den Schultern. „Das weiß keiner. Ted vermutet, dass sich derjenige an seinem neuen Motorrad austoben wollte. Aber so weit hat er es wohl nicht geschafft, denn ich hab ihn rechtzeitig gesehen.“ Sie wirkte ganz stolz. Ich versuchte mich, auf meiner Bank ganz klein zu machen.

„Ich muss dringend mit Ted reden. Ich glaube nicht, dass ich dich dann noch gerne dort übernachten lasse, wenn ich schon Angst haben muss, dass du dann von einem Einbrecher überfallen wirst.“

„Ach Dad“, meine Schwester verdrehte die Augen, „er war doch nur im Garten und ich denke nicht, dass er nochmal kommt. Sanas Vater hat mit einem Baseballschläger den ganzen Garten durchsucht.“ Sie kicherte leise, anscheinend war das ein lustiger Anblick gewesen.

Innerlich machte ich drei Kreuzzeichen. Wenn ich nicht rechtzeitig abgehauen wäre, läge ich jetzt mit einem zertrümmertem Schädel auf der Intensivstation oder bereits in der Leichenhalle.

Ich würde in Zukunft vorsichtiger sein müssen.



Den restlichen Vormittag ließ ich Billy unseren Garten erkundigen. Es freute mich sehr, dass er schon zutraulicher geworden war. Er war sicherlich sehr froh, dass er nicht mehr bei der griesgrämigen Nachbarin seiner alten Besitzerin leben musste.

Ella begleitete mich die meiste Zeit. Ihre anfängliche Eifersucht auf meinen ersten, eigenen Hund schien verflogen zu sein. Sie war ganz hin und weg von seinen niedlichen, braunen Locken und wollte ihn gar nicht mehr von ihrem Arm lassen.

In dieser Nacht besuchte ich Felian nicht. Ich hätte es so gerne getan, aber ich traute mich nicht. Seine Eltern waren sicherlich immer noch total wachsam und ich konnte es einfach nicht riskieren, mich wieder hinter meiner gewohnten Eiche zu verstecken. Ich drehte mich ewig im Bett hin und her. Ich wollte Felian doch so gerne bei mir haben. Als Ersatz schnappte ich mir Billy und ließ ihn neben mir auf meinem Kopfkissen schlafen.

Als ich am Montagmorgen das Klassenzimmer betrat, saß Felian schon auf seinem gewohnten Platz neben Christina. Unauffällig beobachtete ich ihn. Er trug heute andere Schuhe. Ganz neu sahen sie aus. Wann er sie wohl gekauft hatte?

Mir fiel auf, dass er heute recht schweigsam zu Christina war. Normalerweise hatte er ihr immer recht viel zu erzählen, sie war doch seine beste und einzige Freundin. Heute saßen sie jedoch nur schweigend nebeneinander, Christina kritzelte in ihrem kariertem Block. Anscheinend ging ihr gutes Verhältnis und ihre Freundschaft auch langsam in die Brüche. Und das alles nur wegen diesem Jerome.

Während des Unterrichtes konnte ich ihn nur schwer beobachten, die Lehrerin wachte quasi mit Adleraugen über uns, aber in der Pause nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und sprach ihn an.

Er saß gemeinsam mit Jerome und Christina auf einer Bank im Pausenhof. Während das Mädchen wieder in ihrem Block zeichnete, hatten Jerome und Felian ein Mathebuch und ein Heft auf dem Tisch vor ihnen aufgeschlagen.

„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte ich mit leiser Stimme.

Felian lächelte mich kurz an und rutschte ein Stückchen näher an Jerome, sodass ich zwischen Christina und ihm Platz hatte. Sein amerikanischer Freund dagegen schaute nicht einmal von seinem Heft auf.

Er sah immer noch genauso schlecht aus wie am Samstag Abend. Seine Haare wirkten sogar ein wenig fettig. Er schien wirklich krank zu sein, immer wieder zog er ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich lautstark die Nase. Hoffentlich steckte sich Felian nicht an ihm an.

Er kaute an seinem Kugelschreiber, schien zu überlegen und schob dann das Heft zu Felian hinüber. „Ist das jetzt richtig so?“

Felian las sich hochkonzentriert die Rechnung durch, die Jerome gerade gelöst hatte. „Ich glaube schon, dass das so stimmt“, er wirkte selbst ganz verzweifelt, „ich wünschte, du wärst in meiner Klasse und nicht bereits in der Abi-Klasse, dann könnte ich dir viel besser helfen.“ Er strich seinen Freund zärtlich über den Arm.

Na, soweit kommt's noch! Ich war überglücklich, dass Jerome nicht in unserer Klasse war. Wenigstens in den wenigen Unterrichtsstunden hatte ich meinen Schwarm ganz für mich alleine.

„Lass mich doch auch mal schauen“, schlug ich vor, „ich bin recht gut in Mathe“, lobte ich mich. Es stimmte. Mathe war eines der wenigen Fächer, die mir wirklich Spaß machten und ich hatte mir das Mathebuch für die Abiturentenklasse schon längst gekauft.

Begeistert reichte mir Felian das Buch und die von Jerome angefertigte Rechnung. Ich überflog die Aufgabe, aber der Lösungsweg stimmte. Wenn jetzt Jerome auch alles richtig in seinen Taschenrechner eingegeben hatte, dann würde auch die Lösung richtig sein.

„Oh, ich seh schon, woran es liegt“, informierte ich, „du hast hier das X im Quadrat vergessen.“

„Aber ich dachte, ich habe es in der Zeile weiter oben aufgelöst?“ Jerome war ganz verzweifelt.

„Das stimmt, aber deswegen ist es doch nicht ganz weg. Es steht jetzt nur ein Minus davor.“ Das, was ich da erzählte, war völliger Quatsch, aber Jerome, als auch Felian schien es zu glauben.

„Dann heißt es in der Zeile drauf dann Minus fünf X im Quadrat?“ Felian beugte sich so nah zu mir rüber, dass meine Hände ganz schwitzig wurden.

Es gefiel mir nicht, ihn anzulügen, aber ich tat es für Jerome. „Ganz richtig. Und das Ergebnis ist dann...“, wie der Blitz schrieb ich drei weitere Zeilen voll mit irgendwelchen Buchstaben, Zahlen und Zeichen, die ein paar Zeilen weiter oben auch standen, „dieses hier.“ Ich kreiste mein Endergebnis groß ein. „Hiervon musst du jetzt nur noch die Wurzel ziehen, dann bist du fertig.“

„Und das ist bei jeder Aufgabe so?“

„Ja, das ist die ganze Zauberei. Genau dieses Schema und du hast jede Aufgabe in Minuten gelöst.“

„Klasse! Vielen Dank.“ Jerome klopfte mir mit seiner von Grippebakterien verseuchten Hand auf die Schulter. „Jetzt sehe ich doch nicht mehr ganz so schwarz für die Klausur.“

„Die schaffst du jetzt ganz sicher.“ Felian küsste den Dunkelhäutigen auf die Wange. Wollte er denn unbedingt krank werden?!

„Wie heißt du eigentlich?“ Der Amerikaner wandte sich wieder an mich.“

„Korbinian“, murmelte ich. Ich hatte keine große Lust, dem Kerl meinen Namen zu verraten.

„Ihr seid in einer Klasse, oder?“

„Genau.“ Felian wollte wohl noch etwas hinzufügen, wurde aber durch die Schulglocke unterbrochen. Jerome seufzte und packte seine Mathesachen zusammen. „Wünscht mir Glück für den Test“, bat er und mit schlurfenden Schritten lief er zum Schulgebäude. Felian sprang auch auf und joggte hinter ihm her. Christina und ich blieben noch einen Moment auf der feuchten Holzbank sitzen. „Das hast du mit Absicht gemacht, stimmt's?“ Endlich hatte sie einmal von ihrem Zeichenblock aufgeblickt.

„Was denn?“

„Jerome die falschen Ergebnisse gesagt.“

Wortlos stand ich auf und ging. Ich musste wohl nicht befürchten, dass Christina mich verriet, trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn sie es nicht mitbekommen hätte.

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Saltoboy » 19 Dez 2018, 16:09

Hallo Svenni,

Ich finde die Geschichte ganz interessant und du hast es irgendwie mit Tieren oder? :D Allerdings muss ich sagen, dass ich das Verhalten Leuten so nachzustellen sehr sehr gruselig und auch fragwürdig finde.
Und eine Frage noch: Was sollen die Ausrufezeichen, die ab und zu mitten im Text stehen?
Bin gespannt wie es weiter geht und ich hoffe der Junge bekommt ordentlich Ärger.

Viele Grüße

Svenni
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 20 Dez 2018, 20:04

Danke für deine Rückmeldung :D Korbinian soll auch keine "normale" Person sein. ^^ich bin gespannt, was du später zu ihm sagen wirst.
Na ja, ich studiere Tiermedizin, das heißt wohl alles. ^^
Oh je, die Ausrufezeichen sollen nicht sein. Ich hab eine nette Dame gefunden, die mir die Geschichte korrigiert und da wo ein Ausrufezeichen ist, hat sie ein Wort oder ein Satz geändert. In meinem Word Dokument habe ich die Zeichen eigentlich gelöscht, aber anscheinend sind sie wieder aufgetaucht, sobald ich es hier eingefügt habe. Komisch... Leider habe ich es auch nicht früher bemerkt. Ich hoffe, in den nächsten Kapiteln kann ich alle endgültig löschen

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 25 Dez 2018, 19:30

Leider klappt es hier mit dem Formatieren nie. Die Abstände sind auch komisch :/ Egal.



In den nächsten drei Wochen wagte ich mich nicht mehr zu Felians Haus, zu groß war die Angst, entdeckt zu werden. Unter Tags war ich ein paar Mal mit Billy zusammen in seiner Straße auf und ab gelaufen, aber ich hatte kein Glück gehabt und ihn getroffen.

So wie ich mitbekommen hatte, war Jerome durch seine Matheklausur gefallen. Ich hatte erwartet, dass er mich ansprechen und mich zur Rede stellen würde, wieso alle Aufgaben falsch waren, die ich ihm erklärt hatte, aber das hatte er nicht getan. Ich war froh darüber, ich wollte Felian nicht schon wieder anlügen. Am Anfang war ich sehr schadenfroh, als ich von Jeromes schlechtem Matheergebnis erfahren hatte, aber dann fiel mir ein, dass er womöglich länger in Deutschland bleiben würde, wenn er sein Abitur nicht bestehen würde. Und das wollte ich auf keinen Fall. Wenn er mich das nächste Mal fragen würde, ob ich ihm wieder bei seinen Aufgaben half – aber das glaubte ich nicht – würde ich es ihm wohl oder übel richtig erklären müssen.

Auch abgesehen von Felian lief mein Leben im Moment ein wenig suboptimal. Während Billy, wenn ich ihm am Abend zurückgelassen gelassen hatte, die ganze Zeit über geschlafen hatte, drehte er jetzt immer völlig am Rad, wenn ich ihn am Vormittag alleine zuhause lassen musste. Nicht nur einmal hatte er mein halbes Zimmer verwüstet, in die Ecke gepinkelt, meinen Schreibtisch abgeräumt und die Ohren meiner Stofftiere abgefressen. Anscheinend jaulte er auch die ganze Zeit, eine Nachbarin hatte mich schon darauf angesprochen. Ich war sehr froh, dass mein Vater selbst den ganzen Vormittag in der Arbeit war und von dem Lärm meines Hundes nichts mitbekam. Ich hatte sonst Angst, dass er mich zwingen würde, mein Hündchen wieder abzugeben. Froh war ich trotzdem nicht über das Drama, das Billy veranstaltete, sobald ich in der Früh das Haus verließ. Ich war schon dabei, mit ihm zu Üben, aber großen Erfolg hatten wir noch nicht gehabt. Ich stand jetzt in der Früh extra eine Stunde früher auf, um mit ihm eine große Runde Gassi zu gehen.Bisher war es kein Problem gewesen, da ich am Abend meist sehr früh ins Bett konnte, aber wenn ich bald wieder anfangen würde, Felian zu besuchen, dann würde ich am nächsten Tag wohl immer mit tiefen Augenringen in der Schule sitzen.



An einem Freitagabend traute ich mich endlich wieder, zu Felians Haus zu schleichen. Ella hatte den ganzen Nachmittag mit Billy Ball spielen können, also war ich der Meinung, dass ich es auch von dieser Seite wagen könnte, ihn eine Stunde alleine zu lassen. So, wie er jetzt in seinem Körbchen lag und träumte, war er sicherlich vom Tag so ausgelastet, dass er bestimmt nicht wieder anfangen würde, die Tür zu zerkratzen oder meinen Schreibtischstuhl anzunagen. Mein armer Hamster traute sich schon kaum noch aus seinem Häuschen.

Mein Vater hatte wieder einmal Damenbesuch, sie saßen im Wohnzimmer mit einer Flasche Wein zusammen. Er würde mich also auch nicht vermissen. Es war noch kälter geworden, ich schlüpfte in meine Winterjacke und band mir auch einen Schal um. Die Straße war ziemlich vereist, es fiel mir schwer, mit dem Rad die Spur zu halten. Ich wollte nicht hinfallen und mir vielleicht den Arm brechen. Ich war wirklich froh, dass es bis jetzt nicht geschneit hatte.

Als ich gerade in die Blumenstraße einbog, kam mir ein Auto entgegen. Gerade schaffte ich es noch, auf den Gehsteig zu fahren, trotzdem erkannte ich in dieser Sekunde ihre Gesichter. Es waren Frau und Mann Guhne. Wo wollten sie an diesem Freitagabend noch hin? Und hoffentlich war Felian nicht dabei. Wenn die Eltern weg waren, vielleicht hatte ich dann bessere Chancen, meinen Schwarm beobachten zu können, ohne im Garten entdeckt zu werden.

Ich hatte Glück, Felian schien noch zuhause zu sein, in seinem Zimmer war das Licht angeschaltet. Ich sprang wieder über den Zaun, blieb aber heute mit meinen Schuhen am Holz hängen. Mit dem Bauch landete ich auf dem gefrorenen Boden. Ich fluchte leise. Wenigstens hatte Frau Guhne ihre Blumenbeete schon umgegraben, ich hatte dieses Mal keine neuen Blumen zerstört. Ich schlich mich ans Fenster und wurde augenblicklich feuerrot im Gesicht. Felian lag auf seinem Bett, hatte die Hose bis an den Knien unten und... und.... Ich konnte es kaum glauben, ihn dabei beobachten zu dürfen. Er sah so schön aus! Seine Augen hatte er sanft geschlossen, seine Lider flackerten hin und wieder, während sein flacher Bauch sich gleichmäßig hob und senkte. Es war das erste Mal, dass ich ihn nackt sah und es war absolut himmlisch. Seine Hand bewegte sich mal schneller, mal langsamer und ich konnte sehen, wie sich sich jeder einzelne Muskel an seinem Körper anspannte. Ich konnte es kaum erwarten, bis er kommen würde. Ich wollte es so unbedingt sehen! Man, war ich aufgeregt.

Aber so weit kam es gar nicht. Ein Hund fing laut zum Bellen und Jaulen an. Es klang beinahe wie Billy, wenn ich ihn der Früh alleine in meinem Zimmer zurückließ. Im ersten Moment ignorierte Felian es und machte einfach weiter, aber das Bellen wurde immer lauter und dringender. Ich hatte den großen Verdacht, dass es sich hierbei um seinen Hund Hobbit handelte. Seufzend stand er auf und ich hatte sein bestes Stück einen Moment lang direkt vor dem Fenster, ehe er seine Jeans wieder hoch zog und den Gürtel schloss. Mit deutlich genervtem Gesicht stapfte er aus seinem Zimmer. Ich blieb weiterhin hinter der Eiche stehen. Ich konnte es immer noch gar nicht glauben, wobei ich ihn gerade beobachtet hatte. Es dauerte zwei Minuten, dann hörte ich die Haustüre ins Schloss fallen. Im ersten Moment reagierte ich gar nicht, dann kam aber Panik in mir auf und ich rannte um die Ecke, auf der sich die Terrasse befand. Interessiert sah ich zu, wie Felian, jetzt in dicken Pullover und Mütze gehüllt, mit einem Hund an der Leine die Straße überquerte. Anfangs konnte ich es gar nicht glauben, dass es sich bei diesem Hund um Hobbit handelte, so alt sah er aus. Sein ehemals schwarzes, langes Fell hing jetzt nur noch verstrubbelt an seinem Körper hinab und man konnte dem armen Tier ansehen, dass es nicht mehr allzu gut zu Fuß war. Hobbit steuerte sofort einen Baum an und hob daran sein Bein. Als er auf drei Beinen stand, fiel er beinahe um. Mit langsamen Schritten lief Felian mit ihm in die dunkle Nacht hinein. Ich schlich mich wieder zurück zu meiner Eiche. Ich hätte Felian so gerne weiter dabei beobachtet, wie er mit sich selbst beschäftigt war. Ich lehnte mich gegen den Stamm und verschränkte meine Arme. Meine Fingerspitzen waren schon ziemlich eingefroren.

Plötzlich bemerkte ich etwas. Meine Augen glotzen das Fenster an. Der Griff war nicht geschlossen, das Fenster war nur angelehnt! Wieso denn das? Wieso hatte Felian in einer so kalten Nacht das Fenster geöffnet?

Langsam trat ich näher heran. Mit der flachen Hand drückte ich auf die Scheibe und das Fenster schwang leicht nach innen. Wahrhaftig, wenn ich wollte, könnte ich mich sofort ins Haus schleichen. Aber wollte ich das? Traute ich mich das? Felian war bestimmt nicht lange mit Hobbit draußen, er könnte jeden Augenblick zurückkommen. Was, wenn er mich in seinem Zimmer vorfand? Außerdem konnte ich mir nicht sicher sein, ob Sana nicht auch im Haus war. Auch sie könnte mich hören.

Es wäre einfach blöd von mir, jetzt in dieses Haus einzubrechen. Ich könnte mir ernsthafte Probleme einhandeln. Felian würde aus allen Wolken fallen, wenn ich in seinem Zimmer stehen würde.

Trotzdem war ich so blöd und wagte es. Ich schob das Fenster weiter auf, stützte mich auf den Rand und mit Schwung stemmte ich mich in die Höhe. Mit meinen Schuhen machte ich die weiße Hauswand etwas dreckig, aber ich gelangte ins Zimmer. Mit einem Rums landete ich auf dem Zimmerboden. Ich lauschte, aber alles blieb still. Entweder war Sana auch nicht zuhause oder sie war von etwas Anderem so abgelenkt, dass sie nicht auf die Geräusche achtete.

Ich hatte ein Ziel: Der Kleiderschrank. Darunter versteckte Felian sein Tagebuch. Dies wollte ich haben. Ich war so neugierig darauf, was er jeden Abend hinein schrieb. Ich kniete mich auf den Boden und schob meine Finger in den Spalt unter den Schrank. Ein wenig musste ich tasten, dann hatte ich ein Buch mit einem blutroten Einband gefunden. Komisch, sein altes war grün gewesen. Hatte er ein neues? Ich klemmte es mir unter den Arm, aber anstatt sofort wieder zu verschwinden, sah ich mich noch ein wenig im Raum um. Ich konnte jetzt viel mehr erkennen als vom Fenster aus. An der rechten Wand hing ein riesiges Poster von Nirvana, das ich bisher noch nicht entdeckt hatte und auf seinem Schreibtisch stand eine ganze Reihe von Bildern mit ihm und Jerome. Diese Fotos hätte ich am liebsten zerstört.

Mein Blick wanderte nach unten und ich erschrak. Ich hatte ziemlich viel Dreck mit rein gebracht. Ich kniete mich auf den Boden und sammelte das Gras und die Erdklumpen so gut es ging ein. Mit dem Ärmel wischte ich über den Boden, um die nassen Stellen zu trocknen. Meine Klamotten wurden dabei komplett dreckig, aber das spielte für mich keine Rolle. Endlich war ich zufrieden, die größten Schmutzstellen waren beseitigt. Ich ging nicht davon aus, dass man sofort erkennen würde, dass jemand im Zimmer gewesen war. Jetzt wurde es Zeit, mich wieder nach draußen zu stehlen. Ich nahm Schwung und sprang aus dem Fenster. Bewegungslos blieb ich auf dem Rasen stehen, aber alles war ruhig. Felian war noch nicht zurück. Gott sei Dank. Mit dem Tagebuch unter dem Arm schwang ich mich auf mein Rad und düste nach Hause.




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Erleichtert stellte ich fest, dass Billy immer noch in seinem Korb lag. Er war tatsächlich zu müde gewesen, um Radau zu machen. Fiepend sprang er an meinem Schenkel hoch, aber ich ignorierte ihm. Ich war so neugierig auf das Tagebuch. Ich schmiss mich auf mein Bett und schlug es auf. Tatsächlich, es schien ein neues zu sein. Die ersten drei Seiten waren bisher mit mit Felians großer Handschrift vollgeschrieben. Von gestern war der erste Eintrag. Schade, dass ich nicht früher gekommen war, ich hätte gerne mehr frühere Einträge gelesen.





Heute habe ich Jerome davon erzählt. Am Anfang habe ich gehofft, dass ich mir es sparen kann. Eigentlich hatten wir geplant, erst zum nächsten Schuljahr nach Berlin umzuziehen. So kurz vor dem Abitur wäre das natürlich nicht optimal gewesen, trotzdem wäre es mir lieber gewesen.

Auf jeden Fall habe ich heute Jerome erzählt, dass wir bereits nächsten Monat umziehen. Mama freut sich so sehr, endlich ihre eigene Praxis aufmachen zu können.

Dad ist auch ganz begeistert, endlich wieder näher bei seiner Familie zu sein.

Seinen Bruder hat er schon so lange nicht mehr gesehen und Oma wird auch nicht mehr jünger... Sie freut sich so, ihren Sohn und ihre Enkel endlich wieder in der Nähe zu haben.

Berlin... Ich bin ganz aufgeregt. So vieles wird sich verändern.

Jerome war ganz fassungslos.

Er hatte gedacht, dass wir noch ein halbes Jahr zusammen haben,

ehe er wieder in seine Heimat zurück muss.

Er war so traurig gewesen und ich bin es auch.

Es tut weh, ihn zurückzulassen und die Vorstellung, dass er bald wieder tausend Kilometer von mir entfernt sein würde...

Er ist die erste Person, in die ich mich verliebt habe.

Aber ich glaube nicht, dass unsere Beziehung halten wird.

Eine Fernbeziehung mit so vielen Kilometern dazwischen???

Heute hat meine Mama unserer Rektorin Bescheid gesagt. Ab ersten Dezember bin ich abgemeldet.

Einen Monat noch in dieser Schule, dann heißt es Abschied nehmen.

Viele Leute werden mich hier eh nicht vermissen.

Christina und Jerome werden die einzigen sein.

Ich hoffe, ich sehe sie wieder.

Ich bin echt gespannt auf Berlin.

Ich war schon so lange nicht mehr da.

Das letzte Mal glaube ich vor fünf Jahren.

Oma habe ich seitdem auch nur einmal gesehen, ich bin gespannt, wie es ihr geht.

Und wie die neue Schule ist.

Ob ich es dann auch schaffe, Medizin zu studieren.

Ich bin gespannt.



Ich drückte mein Kopf ins Kissen und heulte so stark, wie noch nie zuvor.

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 26 Dez 2018, 15:18

ch war wie hypnotisiert. Nachts lag ich im Bett und starrte die Decke an. Ich konnte es nicht glauben. Allein der Gedanke daran war absurd. Felian und wegziehen? Nein, das konnte nicht sein. Es durfte einfach nicht sein. Mein Felian... Die Vorstellung, dass er bald am anderen Ende von Deutschland sitzen würde, war so schmerzhaft. Ich würde ihn nicht mehr sehen können! Was sollte ich nur ohne ihn tun?! Mein Leben bestand doch eigentlich nur noch aus ihm.
Ich heulte mich mehr oder weniger in den Schlaf. Das Tagebuch lag immer noch unter mir. Meine Tränen hatten die Seiten ganz wellig gemacht und die Tinte verwischen lassen, aber das spielte doch keine Rolle. Felian würde bald in Berlin sein und ich musste ohne ihn hier bleiben.

Ein paar Stunden später schlich ich mit roten Augen und Tränensäcken bis hinunter zum Kinn, in die Küche. Ich war überrascht, als ich Sana ebenfalls mit trüben Augen neben dem Rest meiner Familie am Frühstückstisch vorfand. Ich hatte keine Lust, Felians Schwester zu sehen.
Ich setzte mich auf meinen Platz auf der Bank und rutschte ganz an die Seite.
„Du siehst aber gar nicht gut aus, Korbinian“, begrüßte mich mein Vater, „wirst du krank?“
Ich murrte nur, war nicht zu einer Antwort fähig.
„Stimmt, du schaust ziemlich fertig aus“, stimmte auch meine Schwester zu. Ich zuckte mit den Schultern.
Ella wandte sich wieder an ihre Freundin: „Und er gibt wirklich dir die Schuld? Denkt er wirklich, dass du es gestohlen hast?“
Sana rührte seufzend in ihrer Tasse Tee. „Das ist doch offensichtlich, nur ich war im Haus.“
Vater stellte bei diesem Satz seine Ohren natürlich sofort auf: „Was sollst du geklaut haben, Sana?“
„Das Tagebuch meines Bruders“, jammerte Sana, „er kann es nicht mehr finden.“
„Und er hat es nicht nur verlegt?“
„Nein, er schwört, dass er es immer an der selben Stelle versteckt, aber da ist es jetzt anscheinend nicht mehr. Ich weiß doch nicht mal, wo dieser Ort ist!“
„Und dir glaubt er das nicht?“
„Nein! Wir haben uns gestern heftig gezankt. Er ist sich sicher, dass ich es einfach aus Neugierde genommen habe. Aber das stimmt nicht. Normalerweise vertragen wir uns immer sehr gut, es ist eigentlich das erste Mal, dass wir uns so fest gestritten haben.“
„Und was sagen Ted und Susanne denn dazu?“ Mein Vater knickte seine Zeitung in der Mitte und legte sie neben sein Teller.
„Sie sind über das ganze Wochenende nicht da. Sie sind nach Berlin gefahren.“
Ich zuckte bei diesem Ortsname zusammen. Ich wollte von dieser Stadt weder etwas hören noch sehen.
„Ah, nach Berlin. Wann zieht ihr denn jetzt vollständig dahin?“ Vater war wohl schon voll informiert, genau wie meine Schwester. Auf jeden Fall machte sie nämlich kein überraschtes Gesicht.
„Ende des Monats. Über das letzte Jahr hinweg hat meine Mama schon ihre eigene Zahnarztpraxis hergerichtet und auch schon mehrere Mitarbeiter gefunden. Jetzt hatten wir das Glück und haben endlich ein Haus kaufen können. Ich freue mich total auf Berlin, Felian dagegen eher weniger.“ Jetzt wirkte Ella ein wenig beleidigt.
„Will er denn nicht in die Hauptstadt ziehen?“
„Nein, er würde am liebsten bis zum Schuljahresende hier bleiben. Sein Freund ist so lange noch in Deutschland, dann muss er in die USA zurück.“
„Ach, er wird sich schon dran gewöhnen.“ Das Gespräch für meinen Vater war somit beendet. Er schlug seine Zeitung wieder auf, schnappte sich einen Kugelschreiber und kritzelte im Kreuzworträtsel umher.
Sana wandte sich wieder ihrer besten Freundin zu: „Und was soll ich jetzt wegen dem Tagebuch machen?!“
Ella strich ihr beruhigend über den Arm: „Mach dir da keine Sorgen. Dein Bruder beruhigt sich schon wieder.“
„Er wird sich erst beruhigen, wenn sein Tagebuch wieder da ist!“
„Er wird schon noch kapieren, dass du es nicht hast.“
„Das glaube ich nicht. Er hat sowieso schon schlechte Laune, seit er erfahren hat, dass sein Pferd verkauft werden muss.“


Den Sonntag verbrachte ich im Bett. Meine Familie hielt mich für krank, aber das war ich auch. Psychisch jedoch, nicht physisch. Meine Mutter rief zwei Mal an, um sich nach mir und auch nach Billy zu erkundigen, aber ich hatte keine Kraft zum Telefonieren. Ella nahm mir Billy ab und beschäftigte sich mit ihm. Sie nahm ihn sogar mit zu ihrem Pony, aber vor diesem großen Tier schien der kleine Hund eher Angst zu haben.
Am Montag verhaute ich die erste Matheklausur in meinem Leben, in Geschichte schaffte ich beim Ausfragen null Punkte. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Als ich da vorne an der Tafel stand und meine Lehrerin eine Frage nach der anderen zur Kuba Krise stellte, hatte ich die ganze Zeit nur Felian vor Augen. Auch er wirkte angeschlagen. Seine Haare waren ungewaschen und er hatte einen großen Pickel auf der Wange.
Am Ende der Stunde stellte mich meine Lehrerin zur Rede. Sie fragte mich, ob ich irgendwelche Sorgen hatte. Ich antwortete ihr nicht. Ich teilte meine Sorgen mit niemandem.
Auch das Verhältnis zwischen Jerome und Felian schien angespannt zu sein. Sie hielten nicht mehr die ganze Pause über Händchen und einer blickte trauriger aus der Wäsche wie der andere.

Montag Abend radelte ich wieder zu Felian, aber nicht, um ihn wie sonst immer zu stalken oder womöglich ins Haus einzubrechen. Ich hatte das Tagebuch dabei. Dies schmiss ich einfach in den Briefkasten. Sollten sie doch merken, dass es jemand gestohlen hatte! War mir doch egal.
Am Dienstag klopfte Ella ganz aufgeregt an meine Zimmertür. Ich ignorierte es, aber sie kam trotzdem herein.
„Weißt du, was passiert ist?“, rief sie. Sie war ganz zappelig.
„Mhm.“
„Bei Felian wurde eingebrochen! Jemand ist eingebrochen und hat sein Tagebuch geklaut!“
Ich gab ihr keine Antwort.
„Wer bricht denn irgendwo ein und klaut nur ein Tagebuch? Und schmeißt es dann ein paar Tage später in den Briefkasten?! Felian ist so sauer, hat Sana erzählt.“
„Das glaube ich“, murmelte ich.
„Was ist denn eigentlich mit dir los, Korbinian?“
„Mit mir? Nichts.“
„Doch, du bist so komisch. Ich meine, du bist immer irgendwie komisch, aber in den letzten Tagen noch mehr. Was hast du denn?“
Ich wurde wütend. „Mit mir ist nichts!“, herrschte ich sie an.
Ella machte automatisch einen Schritt nach hinten. „Aber...“, fing sie an, aber ich ließ sie nicht ausreden. „Raus aus meinem Zimmer“, befahl ich ihr mit lauter, fast schon hysterischer Stimme.
Ella sah mich verdattert an, schüttelte den Kopf und verschwand dann rückwärts aus meinem Reich.
Die Nachmittage nach der Schule verbrachte ich oft mit Billy an der Pferdekoppel. Ella beobachtete mich oft, aber sie wagte es nicht mehr wirklich, mich anzusprechen. Wenn wir uns im Haus begegneten, schwiegen wir uns genauso an wie Vater und ich. Ich wusste, dass sie mich für ein wenig gestört hielt, aber was soll's?! Ich wusste sowieso nicht, wie mein Leben ohne Felian weitergehen würde.
Sana und Ella spielten entweder mit Billy, putzten ihr Pony oder gingen gemeinsam ausreiten. Ich lag meist auf der feuchten Wiese und schaute zu Felian. Er verbrachte jetzt viel Zeit mit seinem Wallach. Ich verstand nicht, wieso er ihn verkaufen musste. Konnte das Pferd nicht einfach mit nach Berlin reisen?
Hin und wieder waren auch seine Eltern dabei und diese brachten fremde Leute mit auf die Weide. Ich vermutete, dass es Kaufinteressenten waren. Sie begutachteten den Braunen ausgiebig, manche sattelten ihn auch und ritten ihn auf den Wiesen. Bisher glaubte ich aber nicht, dass sie schon einen Käufer gefunden hatten.
Zwei Wochen vergingen wie im Flug. In der Schule saß ich nur noch unbeteiligt an meinem Platz, bei Tests schrieb ich nicht einmal mehr mit und am Nachmittag lag ich entweder stundenlang im Bett oder beobachtete die Pferde. Irgendwann schienen sie tatsächlich einen möglichen neuen Besitzer für Severin gefunden zu haben. Ein Mädel, etwa in unserem Alter, war schon drei Mal hier gewesen, war mit dem Pferd ausreiten gewesen, hatte ihn über ein paar Hindernisse springen lassen und ihn seltsame Figuren auf dem Reitplatz vorführen lassen. Ich vermutete stark, dass es nicht mehr lange dauern würde und sie den Wallach kaufen würden.
Tatsächlich, zwei Tage später fuhr ein Pferdeanhänger auf den Hof. Felians Eltern erwarteten ihn schon. Felian war nicht dabei. Es wurden lange Gespräche geführt, Geld wechselte den Besitzer und schließlich wurde das braune Pferd eingefangen und auf den Hänger gebracht. Das Mädel sprang die meiste Zeit auf und ab und quietschte wie wild. Ich konnte es nicht sehen, dass sie sich so sehr freute, während Felian litt, dass er sein Pferd nicht mehr sehen konnte.

Und ohne, dass ich es verstehen konnte, war Felian plötzlich weg.

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Cyberfox » 27 Dez 2018, 23:21

Irgendwie schon sehr traurig die Geschichte. Nur mit den Methoden die er bisher angewendet hat, hat er echt schon gewaltige Grenzen überschritten. Ich hoffe wirklich, dass dies alles fiktiv ist. Auf der anderen Seite hat aber auch genau dieser Übergang die Story so spannend gemacht. Sollte der letzte Satz kein abruptes Ende der Geschichte bedeuten, freue ich mich auf weitere Fortsetzungen. :-) Ich konnte mich bisher sehr gut in diese Geschichte hineinversetzen. Dies gelingt mir nicht in allen Geschichten, die ich im Internet lese. Das als kleine Anmerkung. :-)

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 28 Dez 2018, 08:55

Hey :) Danke für die Rückmeldung. Es werden auf jeden Fall noch sehr viele Kapitel kommen. Das war erst der Anfang. Meine Hauptperson soll auch nicht "normal" sein. Ich bin gespannt, was ihr zu den weiteren Teilen sagt. Die haben mir noch mehr Spaß gemacht zu schreiben

Svenni
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 28 Dez 2018, 19:18

Und natürlich geht meine Geschichte weiter.
Wir sind hier jetzt vier Jahre später.
Ich war noch nie in Berlin! Ich kenne unsere Hauptstadt daher überhaupt nicht. Alle Orte, Straßennamen und Geschäfte sind daher fiktiv! Alles ist aus meinem Kopf entsprungen.



Ohne Felian war mein Leben nichts mehr wert. Mehr schlecht als recht hielt ich die nächsten Jahre durch. Jerome war in seinen letzten Monaten in Deutschland sehr einsam. Im August war er zurück nach Florida geflogen und ich hatte ihn nie wieder gesehen. Ich hoffte, dass er nie wieder deutschen Boden betreten würde.
Mit Christina hatte ich mich anfangs ein wenig angefreundet, aber unsere Freundschaft verlief nur oberflächlich. Seit dem Abitur hatten wir auch keinen Kontakt mehr.
Lange hatte ich nicht gewusst, was ich nach der Schule machen sollte, aber dann habe ich mich natürlich an Felian orientiert. In seinem Tagebucheintrag war gestanden, dass er Medizin studieren wollte. Zum Studieren waren meine Noten zu schlecht gewesen, ich sank vom Einser-Schüler so weit hinab, dass ich gerade noch so meinen Abschluss schaffte, fand aber eine Ausbildung als Krankenpfleger. Und das machte mir tatsächlich sogar Spaß. Ich machte mir zwar nicht allzu viel aus den kranken Menschen, nicht so wie meine Kollegen, die ihr ganzes Herzblut in ihre Patienten steckten. Der Umgang mit den ganzen Medikamenten machte mir aber Spaß und der Schichtdienst machte mir nie etwas aus. Ich meldete mich jedes Jahr freiwillig für die Dienste am Heiligen Abend und an Silvester, wodurch ich eine Ausrede hatte, nicht mit meiner Familie feiern zu müssen.
Allzu groß war meine Familie sowieso nicht mehr. Meine Mutter verstarb, als ich im ersten Lehrjahr war, an Lymphdrüsenkrebs. Ihren Tod hatte ich wirklich betrauert. Zu meinem Vater hatte ich kaum noch Kontakt. Zweimal im Jahr telefonierten wir, an seinem und meinem Geburtstag. Ella dagegen hatte sich lange um mich bemüht. Ständig hatte sie versucht, mich aufzumuntern, ohne zu wissen, was mir eigentlich fehlte. Aber seit einem Jahr hatte sie nun einen Freund und war von ihm ganz schnell schwanger geworden. Mein Vater war durchgedreht, als er erfahren hatte, dass seine Tochter mit gerade mal achtzehn Jahren ein Kind zur Welt bringen würden und somit hatte auch Ella keinen Kontakt mehr zu ihm. Mama hätte sich über ihr Enkelkind sehr gefreut, egal wie früh sie Oma geworden wäre, da war ich mir sehr sicher.
Meinen Hund hatte ich tatsächlich nach einem halben Jahr wieder abgeben müssen. Seine frühere Besitzerin hatte die Chemotherapie erfolgreich überstanden und wollte Billy unbedingt wieder zu sich nehmen. Aber anders als man meinen könnte, hatte es mir gar nicht so viel ausgemacht. Mein halbes Zimmer war zerstört gewesen, mein Bett und mein Schreibtisch angefressen, meine Kuscheltiere in Einzelteile zerlegt und zum Schluss wurde er immer weniger stubenrein. Der Raum stank schließlich schon wie der größte Tierpark.
Mein Hamster lag eines Morgens auch tot in seinem Häuschen, seitdem war ich also tierlos.
Ein Jahr nach meiner Ausbildung bin ich auch nach Berlin gezogen. Ich wäre schon viel früher gegangen, aber ich hatte das nötige Geld nicht. Mein Vater weigerte sich natürlich, mir etwas dazuzugeben. Aber jetzt hatte ich eine kleine Wohnung in einem Viertel in Berlin, das recht in Ordnung war. Ich arbeitete jetzt in einem großen Krankenhaus an einem Stadtrand von Berlin. Es gefiel mir recht gut. Anfangs war ich in der Kinderstation gewesen, aber das war selbst mir zu traurig gewesen. Ich hatte auf die Intensivstation gewechselt und dort war ich besser aufgehoben. Die Patienten redeten nicht viel, sondern schliefen meist nur in ihren Betten. Ich musste auch keine dementen alten Frauen einsammeln, die in Unterwäsche durch die Gänge liefen oder Mütter stundenlang Taschentücher hin halten, die ihre krebskranken Kindern in den Armen hielten. Zu meinen Kollegen hatte ich keinen großen Kontakt. Ich wusste oft nicht mal wie sie hießen und ich war mir nicht mal sicher, ob sie meinen Namen kannten. Aber ich wollte es so. Auch jetzt gab es für mich nur Felian. Jeden Tag dachte ich an ihn, aber bis jetzt hatte ich ihn nicht wieder gesehen. Aber ich glaubte fest daran, dass er eines Tages mir gehören würde. Zwei andere Männer hatte ich in den Jahren kennengelernt, aber beide Male hatte ich den Kontakt nach nur einer Nacht abgebrochen. Ich wusste nicht, ob sie mich gerne besser kennengelernt hätten, aber für mich hatte nur die Lust eine Rolle gespielt und weil beide Felian ähnlich sahen. Der eine hatte genau die selben dunkelblonden Haare gehabt, während der andere fast haargenau den selben schlanken, sehnigen Körper aufweisen konnte. Trotzdem waren sie nicht Felian und ich hatte somit nach einem einmaligem Erlebnis kein Interesse mehr an ihnen.
Ja, die Jahre sind schnell vergangen, aber jeden Tag litt ich mehr. Felian, mein Felian... Er hatte mich verlassen. Aber jetzt war ich endlich bei ihm in Berlin und die Suche nach ihm konnte fortgesetzt werden, sodass wir eine gemeinsame Zukunft hatten.

In dieser Nacht war ich der einzige auf Station. Zwei Ärzte hatten noch Dienst, aber sie saßen im Büro und tranken Kaffee. Ich schlich durch die Gänge und öffnete eine Tür zu den Patientenzimmern nach der anderen. Fast ausnahmslos alle Kranken schliefen in ihren Betten, einer schnarchte lauter als der andere. Nur in Zimmer 1999 brannte die kleine Nachttischlampe.
„Ah Pfleger Ernst, schön, dass sie herein schauen“, begrüßte mich mein am meisten verhasster Patient. Pfleger Ernst, das war mein Name bei den meist tattrigen, alten Leuten. Zwar passte dieser Nachname zu mir, hatte ich mir schon oft gedacht, denn den meisten Tag lang guckte ich 'ernst aus der Wäsche'. Trotzdem konnte ich es kaum erwarten, das Namensüberbleibsel meines Vaters an dem Tag, an dem Felian und ich endlich heiraten würden, loszuwerden.
„Sie sollten doch schon längst schlafen, Herr Lorenz“, brummte ich.
Der alte Mann mit der Glatze schüttelte den Kopf. „Aber Nein! Ich hab den ganzen lieben Tag lang geschlafen. Nachts bin ich fit. Ich war schon früher eine Nachteule. Sie auch, oder?“
„Nicht wirklich“, grummelte ich. Gustav Lorenz war schon seit knapp zwei Wochen auf meiner Station, er hatte fürchterliche Leberwerte. Eigentlich war es ein Wunder, dass es ihm noch so gut ging. Er langweilte sich auf der Intensivstation, angeschlossen an zehn verschiedenen Kabeln und Infusionen. Ich hätte ihn gerne sofort entlassen, mit seiner ständigen guten Laune ging er mir gewaltig auf die Nerven. Ich meine – es würde nicht mehr lange dauern, dann würde seine Leber nicht mehr arbeiten und er würde einen qualvollen Tod sterben, aber ihm verging trotzdem nie das Lächeln im Gesicht. Von meinen Kolleginnen und auch von den Ärzten war er der Lieblingspatient. Sie rissen sich quasi darum, wer seine Infusionsflasche auswechselnd dufte oder wer ihm diese Pampe, die man hier Mahlzeiten nannte, auf seinen Tisch stellen durfte. Ich dagegen konnte es kaum erwarten, bis Herr Lorenz wieder nach Hause durfte oder in die Leichenhalle weiter transportiert werden würde. Der Tod war hier im Krankenhaus ein immer vorhandener Partner, aber schon längst machte mir diese Tatsache nichts mehr aus. Ehrlich gesagt hatte es mir noch nie etwas ausgemacht. Jeder Mensch würde irgendwann sterben müssen. Meine Mutter hatte es schon hinter sich, meine Schwester, Vater, ich und Herr Lorenz hatten es noch vor uns. Nur Felian verdiente das ewige Leben.
„Könnten Sie mir vielleicht eine Tasse Tee bringen? Ich habe einen so trockenen Hals,“ bat Gustav Lorenz mich und ich drehte wortlos wieder um und lief zum Gemeinschaftsraum, in dem die Kaffeemaschine und der Wasserkocher für die Patienten standen. Ich hatte diesem Kranken schon so oft seinen Tee gebracht, dass ich genau wusste, welche Sorte er mochte. Er trank jeden Tag vier bis fünf Tassen Hagebuttentee. Ich verstand einfach nicht, wieso man so viel Tee trinken konnte. Mir würden die Hagebutten schon zu den Ohren raus kommen. Insgeheim fragte ich mich, was der Lorenz wohl machen würde, wenn ich ihm den falschen Tee bringen würde. Kamille statt Hagebutte. Würde er sich beschweren, nach dem Oberarzt rufen lassen oder mir das heiße Wasser ins Gesicht schütten? Aber so wie ich den alten Mann kannte, würde er sich gar nichts anmerken lassen und sich, so wie er es immer tat, zehn Mal bei mir bedanken, um dann das Kamille – Gesöff anschließend ins Klo zu kippen.
Aber ich war nun mal lieb und nett, also füllte ich die Tasse brav mit dem Hagebutten – Teebeutel und verbrannte mir beim Zurücktragen dreimal die Finger. Am liebsten hätte ich laut geflucht und die blöde Tasse auf dem Boden zerschellen lassen, aber das hätte so einen Lärm veranstaltet, dass im Nu wieder alle anderen Insassen wach werden würden.
„Ach, vielen Dank, Pfleger Ernst. Ich muss ihnen schon gar nicht mehr sagen, welche meine Lieblingsteesorte ist, sie wissen es schon auswendig!“ Welch ein Wunder... Ich konnte ein Augenverdrehen nur schwer unterdrücken. „Warum haben Sie sich nicht auch eine Tasse geholt und setzen Sie sich nicht zu mir? Es läuft die Wiederholung vom Tatort. Gestern Abend habe ich den leider verschlafen, jammerschade. Schauen Sie denn auch Tatort?“
„Nein Danke, Tatort läuft bei mir zuhause eigentlich nicht“, entgegnete ich.
„Mit meiner Frau habe ich früher jeden Samstagabend Tatort angeschaut. Elisabeth war ein riesiger Fan von Horst Tappert . Wir saßen immer zusammen auf der Couch, nachdem ich von meiner Arbeit als Dachdecker nach Hause kam, und haben zusammen Fernsehen geschaut. Elisabeth ist vor zwei Jahren auch hier im Krankenhaus gestorben. Ab und zu meine ich, ihr Geist streift durch die Gänge. Haben Sie sie kennengelernt? Haben Sie damals schon hier gearbeitet.“
„Nein, ich bin erst seit Januar hier“, erwiderte ich und überprüfte anschließend den Schlauch der Infusion, die an Lorenz Handgelenk entlang lief.
„Kann es sein, dass Sie aus Bayern kommen?“, Lorenz konnte reden wie ein Wasserfall, „ich merke es an ihrem Dialekt. Ich meine, er ist nicht stark ausgeprägt, aber hin und wieder fällt es doch auf. Mir zumindest.“
Kurz nickte ich.
„Und warum sind Sie nach Berlin gezogen? Nur damit Sie hier in diesem Hospital arbeiten können?“
„Der Liebe wegen“, antwortete ich kurz angebunden und stürmte aus dem Zimmer.

Es war schon hin und wieder vorgekommen, dass mir die alten Patienten, die weder Kinder noch sonstige Verwandte hatten, mir ihr Erbe anboten. Frau Meyer zum Beispiel. Ich hatte sie während meiner Ausbildung im Augsburger Krankenhaus wochenlang gepflegt. Am Ende war ich ihr Lieblingspfleger, wie sie mir jedes Mal verkündete. Ich fragte mich zwar, wie ich das geschafft hatte, schließlich war ich nicht gerade er empathischte Mensch, aber laut ihr gab es sonst niemanden, den sie ihr kleines Sümmchen Erspartes hinterlassen konnte. Ich hatte es kaum erwarten können, bis es soweit war. Frau Meyer grenzte an das hundertste Lebensjahr und sie litt seit Jahren an Knochenkrebs. Oft hatte ich überlegt, wie ich es ein wenig beschleunigen konnte. Eine zu große Luftblase in der Infusion würde es zum Beispiel schnell machen. Ich konnte das Geld damals dringend benötigen, um schneller zu Felian nach Berlin zu kommen. Aber ich hatte mich dann doch nicht getraut, dabei wäre es so leicht gewesen. Und bei einer achtundneunzigjährigen Frau mit Krebs, die eigentlich zum Sterben ins Krankenhaus gekommen war, würde es keiner hinterfragen. Aber dann war Frau Meyer doch wieder entlassen worden und in ihr Pflegeheim zurück überwiesen worden. Ich hatte seitdem nie wieder etwas von ihr gehört und geerbt hatte ich natürlich auch nichts. Ich glaubte nämlich nicht, dass sie noch immer lebte. Irgendwann war selbst bei den stärksten Menschen Schluss. Als ich in dieser Nacht das Zimmer von Gustav Lorenz verließ, dachte ich ebenfalls an eine Luftblase im Infusionsschlauch.

Die Nacht verließ ansonsten relativ ruhig. Die Patientin im Zimmer 1981 verstarb gegen drei Uhr morgens. Sie war erst gestern nach einem Motorradunfall eingeliefert worden. Ich hatte nicht allzu viel von ihr mitbekommen, also war ihr Tod mir ziemlich egal. Ich deckte ihren Körper mit zwei Tüchern ab und fuhr ihn zum Aufbewahren mit dem Aufzug in den Keller.
Um fünf Uhr war meine Schicht zu Ende. Ich schlüpfte aus meinem dunkelblauen Kittel und lief über den einsamen Parkplatz zu meinem Auto. Von meinen ersten Gehältern in Berlin hatte ich mir ein Auto gekauft. Ich hätte ansonsten jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit fahren müssen und das wollte ich nicht. Zu viele Menschen. Ich brauchte einfach meine Ruhe, besonders nach der Arbeit. Mein Wagen war ein 25 Jahre alter Mercedes Benz, der weder Servo-Lenkung, noch Klimaanlage hatte. Aber ich liebte diese Karre. Nachts träumte ich von Ausflügen mit Felian und diesem Auto quer durch Europa und wie wir nachts zusammengequetscht auf der Rückbank schliefen.
Mein Weg war nicht allzu weit, auch meine Wohnung befand sich am Rande von Berlin. Es war eine Zwei – Zimmerwohnung direkt über einem Restaurant, was praktisch gewesen wäre, wenn es nicht nur veganes Essen gegeben hätte. Somit ging ich dort nur zur allergrößter Not dort hin. Allerdings kochte ich auch selbst sehr gerne. Mindestens einmal am Tag gab es bei mir frisches Essen.
Ich schloss meine Wohnungstüre auf und sah den Anrufbeantworter meines nagelneuen Telefons blinken. Wie immer hoffte ich, dass eine Nachricht von Felian auf mich wartete. Oder zumindest von jemanden, der wusste, wo er sich aufhielt. Natürlich hatte ich das ganze Telefonbuch nach ihm durchforstet und die Dame im Einwohnermeldeamt fast in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte einiges raus gefunden, aber nichts hatte mich bisher zu Felian geführt. Ich hatte die Adresse raus bekommen, zu der er damals nach Berlin gezogen war. Aber eine ehemalige Nachbarin war so nett gewesen und hatte mir erzählt, dass sich die Eltern, nachdem sie kaum ein Jahr hier gewohnt hatten, getrennt hatten und Felian, seine Schwester und seine Mutter waren ausgezogen. Die Zahnarztpraxis, die die Mutter gegründet hatte, war gleich im ersten Jahr so sehr in die roten Zahlen gegangen, dass Frau Guhne sie sofort wieder verkaufen musste. Der Vater hatte noch ein halbes Jahr länger alleine in dem Haus gewohnt, hatte sich dann aber durch einen Sprung von der Elsenbrücke umgebracht. Ich war sehr verblüfft gewesen, als ich dies gehört hatte. Fakt war aber, dass seitdem keine Adresse den restlichen Guhnes bekannt war. Ich hatte Felians neuen Wohnsitz noch immer nicht gefunden.
Abermals wurde ich enttäuscht. Es war eine Nachricht meiner Schwester von gestern Nachmittag. Sie fragte mich, wann sie mich denn in Berlin besuchen konnte. Jetzt wohnte ich schon seit einem dreiviertel Jahr in der Landeshauptstadt, doch besucht hatte sie mich bisher noch nicht. Auch meine Nichte, die kleine Magdalena, die jetzt schon zum Krabbeln anfing, hatte ich noch nie gesehen. Ich löschte die Nachricht. Wenn ich mal Zeit hatte und dran denken würde, würde ich Ella zurückrufen.
Ich trat ins Badezimmer und putzte mir die Zähne. Obwohl es eine recht ruhige Nacht gewesen war, war ich hundemüde. Ich wusch mir fest mit Seife mein Gesicht und konnte es kaum erwarten, in mein verhältnismäßig neues Bett zu fallen. Das von Billy zerfressene hatte ich natürlich nicht mit in die neue Stadt genommen. Ich schnappte mir meinen Kamm und fuhr durch meine Haare. Sie waren so lang geworden, ich würde bald zum Friseur müssen. Als ich das letzte Mal in den Spiegel guckte, fiel mir eine lose Wimper auf, die auf meiner Wange gelandet war. Vorsichtig nahm ich sie zwischen zwei Fingerspitzen.
„Ich wünsche mir, dass ich Felian bald wieder sehe“, flüsterte ich in die dunkle Wohnung und blies die dunkle Wimper fort.


Ich hätte nie gedacht, wie schnell sich mein Wunsch erfüllen würde. Zwar träumte ich jeden Tag von Felian, trotzdem erschien es mir so unwirklich, ihn vielleicht bald wieder zu sehen. Es waren so viele Jahre ohne ihn vergangen. Aber am nächsten Montag, ich kam gerade aus dem Zimmer von Herrn Lorenz, dem es seit gestern Nacht deutlich schlechter ging und hatte eine leere Tasse in der Hand, als er an mir vorbei ging.
Er hatte seinen Kopf in einen Beipackzettel eines Arzneimittels vergraben, trug einen weißen Kittel und eine weiße Hose. Seine Haare waren viel kürzer geschnitten als früher, aber die Farbe war noch genau die selbe. Die Tasse fiel mir mit einem großen Knall aus der Hand. Ich konnte es nicht glauben, wen ich hier von mir hatte. Felian! Mein Felian! Da lief er wirklich im Krankenhaus an mir vorbei. Träumte ich?
Durch den Knall der in Einzelteile zersprungenen Tasse zuckte Felian zusammen und drehte sich blitzschnell zu mir um. Er sah mich an der Tür zu Lorenz Zimmer stehen, sah wohl meinen entgeisterten Gesichtsausdruck, meinen Mund, der mir vor Überraschung weit offen stand.
„Ist alles okay mit dir?“ Seine Stimme klang ein wenig tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Aber so unglaublich sanft. Seine blauen Augen musterten mich ein wenig argwöhnisch.
„Felian?“ Ich flüsterte seinen Namen.
„Kennen wir uns?“ Er runzelte ganz leicht die Stirn. Genauso hatte er es früher auch immer gemacht, wenn ein Lehrer ihm eine Frage gestellt hatte und er überlegen hat müssen.
Vorsichtig nickte ich. Mein Mund stand immer noch komplett offen. Bald würde ich sicher eine Fliege verschlucken.
Er schien nachzudenken. Seine Stirn kräuselte sich weiter und seine Augenbrauen waren nur noch ein Strich.
Erinnerte er sich nicht mehr an meinen Namen oder wusste er gar nicht, wer ich überhaupt war? Beide Vorstellungen taten weh. Da hatte ich jahrelang nichts anderes gemacht als ihn zu suchen und dann wusste er nicht einmal mehr wer ich war. Ein trauriger Moment.
„Kann es sein, dass wir in einer Klasse waren?“
Ich nickte erneut.
„Aber in Bayern, nicht wahr? Das ist verdammt lange her.“
Ich blickte ihn einfach nur in die Augen. Den Beipackzettel hatte er in der Hand zerknüllt.
„Korbinian, richtig?“ Verlegen kratzte er sich an der Wange.
„Ja, der bin ich“, wisperte ich. Meine Beine ähnelten Wackelpudding.
„Man tut mir echt leid, aber ich hab dich zuerst gar nicht erkannt! Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen.“ Ach, was er nicht sagte. „Du hast dich verändert.“
Verändert sollte ich mich haben? Ich fand eher, dass ich noch genauso wie früher war. Gut, meine Haare bräuchten Mal wieder einen Schnitt und ich sollte mir mal wieder neue Klamotten zulegen, aber sonst war ich wirklich noch der Alte.
„Arbeitest du auch hier?“ Was für eine Frage, schließlich stand ich in Arbeitskleidung vor ihm.
„Ja, seit Januar bin ich hier“, entgegnete ich. Meine Stimme zitterte ein wenig.
„Und was hat dich bis nach Berlin geschlagen? Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier einen ehemaligen Klassenkameraden treffe.“ Er grinste mich an und meine Beine zitterten noch mehr.
Ich hatte auch genug von Bayern“, erwähnte ich.
„Kann ich verstehen. Ich bin auch froh, dass ich jetzt in Berlin wohne. Ich würde auch nicht mehr zurück wollen.“
Ein Arzt kam uns entgegen. Er blieb vor Felian stehen, deutete auf den Waschzettel in Felians Hand und zeigte dann in das Büro des Oberarztes. Mich musterte er kurz mit zusammengezogenen Augen, während ich immer noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve an der Tür lehnte.
„Wollen wir uns nachher in der Kantine unterhalten, Korbinian? Es ist mein erster Tag hier und ich muss unbedingt noch meine Liste zu den ganzen Analgetika fertig bringen. Hast du denn auch um ein Uhr Mittagspause?“
„Ja, ich hab da auch Zeit“, antwortete ich.
„Sehr schön. Treffen wir uns dann vor der Türe?“
Ich winkte ihm zum Abschied, denn er war schon an mir vorbei gehastet und rannte dem Arzt im weißen Kittel hinterher.
Ich ließ mich rückwärts an der Tür hinunter gleiten, bis ich auf dem Boden saß. Heute Morgen dachte ich, dass es ein ganz normaler, langweiliger Tag werden würde, dabei entpuppte sich dieser als die beste Stunde meines Lebens. Ich hatte Felian wieder gesehen! Ich hatte mit ihm geredet. Meine Hände zitterten noch immer. Es war so unglaublich, fast so wie in meinen Träumen. War es denn wirklich Realität gewesen?
Die Tür wurde von innen geöffnet und ich knallte mit dem Rücken gegen die kalten Bodenfliesen. Herr Lorenz stieß vor Schreck einen hohen, lauten Ton aus. Ich lag auf dem Boden und blickte nach oben in Gustav Lorenz entsetztes Gesicht. Seine Infusionsflasche hielt er mit der einen Hand umklammert, der Schlauch baumelte neben meinem Gesicht. Mit seiner freien Hand fuchtelte der alte Mann hysterisch in der Luft und schrie unaufhörlich: „Pfleger Ernst, Pfleger Ernst stirbt! Halloooooo, Pfleger Ernst stirbt.“ Das ganze in einer Tonart, die mir die Ohren schmerzen ließ.
Aus allen Ecken und Enden kamen sie angerannt. Pfleger, Ärzte, Krankenschwestern, sogar das Putzpersonal kam mit dem Besen in der Hand im Laufschritt zu mir gehastet. Zum Glück war Felian nicht dabei, es wäre mir sonst sehr peinlich gewesen.
Ich wurde an den Ellenbogen gepackt und nach oben gestemmt. Dr. Klaus, ein Assistenzarzt, der recht in Ordnung war, zog gleich sein Stethoskop und zog mir meinen Pflegerkittel und mein Sweatshirt bis zum Hals. Eine Schwester band mir die Manschette zum Blutdruckmessen um den Oberarm. Sie waren geschult auf solche Notfälle, aber ich war kein Notfall. Mir ging es so blendend wie noch nie. Wenn man seine wahre Liebe wieder gefunden hatte, musste es einem doch gut gehen. Herr Lorenz, der immer noch hinter mir stand, hatte kräftig zum Husten angefangen. Er röhrte quasi nach Luft. Zwei Azubis dirigierten ihn nach hinten zu seinem Bett, aber er verweigerte sich ihnen. Anscheinend wollte er wieder zu mir. Ein Arzt drückte ihm ein Kortisonspray in die Hand.
Ich wurde von den anderen dutzend Helfern wieder auf die Beine gerichtet. Sie schleppten mich in das Aufenthaltszimmer, kochten mir eine heiße Tasse Tee – natürlich Hagebutte – und leuchteten mir mit einer winzigen Taschenlampe in die Augen. Löffelweise wurde mir Traubenzucker in den Mund gezwängt. Da machte man sich nie etwas aus seinen Kollegen und trotzdem standen sie alle parat, sobald man aus den Socken kippte.
Den Rest des Vormittages saß ich nur im Gemeinschaftsraum und trankt Tee. Ich musste verdauen, wen ich heute Morgen wieder gefunden hatte. Dass ich ihm im Krankenhaus wieder treffen würde, hätte ich im Leben nicht gedacht. Andererseits, durch ihn war ich auch erst auf meinen Job als Krankenpfleger gekommen. Er hatte doch Medizin studieren wollen. Ob er das gerade tat?
Um Viertel vor eins stand ich auf und verabschiedete mich von meinen Kollegen, die mit mir im Raum rum saßen. Montag war immer nur mein halber Tag, gewöhnlicher Weise hatte ich ab Mittag frei. Jetzt konnte ich es kaum erwarten. Ich sprintete durch die Gänge, erwischte gerade noch so den Aufzug und fuhr ins Erdgeschoss. Meine Zehenspitzen trommelten nervös auf den Boden. Ich musste nicht lange vor dem Eingang der Kantine warten, ich erblickte Felian sofort, als er sich durch eine Schlange Besucher drängelte. Ich konnte es noch immer kaum glauben. Es war Felian, der gerade auf mich zu lief.
„Hey“, begrüßte er mich, „wollen wir rein gehen? Ich hab einen wahnsinnigen Hunger.
Mit seinem Ellenbogen drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür zum Speisesaal. Sofort kam uns ein eher unangenehmer Duft entgegen. „Gehst du hier oft Essen?“, fragte Felian mich.
„Nein, dafür schmeckt es hier zu eklig“, grinste ich.
„Ach so, na dann“, lachte Felian, „wo gehst du dann immer zum Essen?“
„Ich nehme mir meist von zuhause etwas mit. Gute Restaurants gibt es hier nicht in der Nähe.“
„Hast du heute auch etwas mitgenommen?“
Ich schüttelte den Kopf: „Nein, montags habe ich immer mittags schon Schluss.“
„Ach so, ich möchte dich nicht aufhalten, wenn du schon etwas anderes für deinen freien Nachmittag geplant hast.“
„Nein nein, alles gut.“ Selbst wenn ich etwas geplant hätte, für Felian hätte ich selbst eine Reise zum Mond sofort abgesagt. Aber das konnte er ja nicht wissen.
„Also was ist, können wir es wagen, uns dort etwas zum Essen zu kaufen oder vergiften wir uns dabei eher?“ Er schnupperte interessiert in der Luft, die deutlich nach etwas Verbranntem roch.
„Tot umfallen werden wir schon nicht.“ Ich trat einen Schritt näher in die Kantine des Krankenhauses.
Viele Tische waren, welch ein Wunder, nicht besetzt. Ich schmiss meine Tasche auf den erstbesten Stuhl an einem Tisch für zwei Personen, weitab von den anderen Ärzten und Angestellten.
Das Essen sah an sich gar nicht so schlecht aus, ich wusste aber, dass der Schein trügt. Entweder fehlten meist komplett die Gewürze oder das Gericht war mit so viel Salz bearbeitet, dass es ungenießbar war. Heute gab es eine Auswahl von zwei Gerichten. Ich wählte Spaghetti mit Tomatensauce. Dabei konnte man nicht allzu viel falsch machen, dachte ich. Felian dagegen war mutiger oder – besser gesagt – noch unerfahren. Er lud seinen Teller mit reichlich Kartoffelsalat und zwei Schnitzeln auf. Dabei war es genau der Kartoffelsalat, von dem ich damals zwei Tage lang Bauchschmerzen gehabt hatte. Ich warnte meinen Schwarm natürlich, aber er musterte nur einen Moment lang seine Kartoffelpampe, zuckte dann aber mit den Schultern. „Nudeln mag ich leider nicht und wenn ich das jetzt nicht esse, bin ich bis zum Abend verhungert.“
Wir setzten uns an unseren Platz und Felian nahm vorsichtig eine Gabel voll Kartoffelsalat. „Ein wenig salzig, aber so schlecht ist der gar nicht“, bemerkte er und schob sofort die zweite Gabel hinterher.
„Du studierst Medizin, oder?“ Interessiert beugte ich mich ganz nah über den Tisch zu ihn rüber. Wie hübsch er in den letzten Jahren geworden war! Seine eh schon schöne, rosige Haut war noch viel gleichmäßiger geworden, auch der letzte Pickel war verschwunden. Und diese neue Frisur.... Er sah gleich noch viel attraktiver aus.
„Ja, ganz genau. Und ich habe jetzt drei Monate Praktikum vor mir.“
„Und, macht es dir Spaß?“
„Oh ja, auf jeden Fall. Ich wollte schon immer Arzt werden und mit jedem Semester komme ich diesem Traum ein Stückchen näher. Und wie kamst du dazu, Pfleger zu werden?“
„Es hat sich so ergeben“, ich zuckte mit den Schultern.
„Und wann genau bist du nach Berlin gezogen?“
„Jetzt im Winter.“
„Hast du noch Kontakt zu unseren alten Mitschülern?“
„Nein, überhaupt nicht“, entgegnete ich.
„Wie ging es denn weiter, nachdem ich gegangen bin? Gab es dann irgendwas aufregendes.“
„Nicht wirklich“, überlegte ich. „Christina wollte ein Jahr nach Australien gehen und Jerome ist im Sommer wieder nach Amerika zurück geflogen.“
„Ach Jerome“, Felian lachte, „ihn habe ich ja ganz vergessen. Stimmt, den gab es ja auch noch.“ Leise kicherte er.
„Habt ihr keinen Kontakt mehr.“
„Ne, wir haben noch zwei Monate lang fleißig telefoniert, aber der Kontakt hat sich dann schnell aufgelöst. Schade eigentlich, ich hatte ihn als Jugendlicher echt gerne gemocht. Jetzt habe ich schon seit Monaten nicht mehr an ihn gedacht.“
„Er war dein erster Freund“, stellte ich fest.
Er nickte. „Ganz genau und ich hoffe, dass er wieder einen Freund gefunden hat, der nicht so weit weg wohnt. Ich bin jetzt übrigens verlobt, schau mal.“ Er zeigte mir einen goldenen Ring an seinem Finger.
Ich fiel fast von den Wolken. Jahrelang hatte ich nach Felian gesucht, von ihm geträumt, unsere gemeinsame Zukunft ausgemalt und dann war er verlobt? Verlobt?! Er war gerade mal 22 Jahre, da verlobte man sich doch noch nicht! Die Spaghetti, die gerade in meinem Bauch angekommen waren, stiegen jetzt wieder nach oben.
„Das ist ja schön“, presste ich zwischen meinen Lippen hervor.
Felian nickte begeistert. „Ja, es ist aber noch ganz frisch. Erst vor zwei Wochen hat mein Freund mir einen Antrag gemacht.“ Er wurde ganz rot um seine Wangen, seine Augen strahlten. Ich wünschte, ich wäre der Grund für dieses Strahlen.
„Und wie lange..., wie lange kennt ihr euch schon?“ Ich musste mich richtig bemühen, ruhig zu bleiben und nicht laut los zu brüllen.
„Wir haben uns hier in Berlin kennengelernt. Zusammengekommen sind wir aber erst, nachdem mein Vater... Na, du weißt schon. Nein, das kannst du ja gar nicht wissen“, unterbrach er sich, ohne zu wissen, dass ich sehr wohl wusste, „naja, mein Vater ist dann gestorben. Er hat mir sehr über die schlimme Zeit hinweg geholfen.“
„Das tut mir leid.“
„Danke. Es war echt keine schöne Zeit für meine Familie.“
„Wie geht es ihnen denn jetzt?“
Felian nahm einen Schluck seiner Cola. „Sana hat ihr Studium als Modedesignerin angefangen, aber ich glaube nicht, dass sie es durchhalten wird. Die Zahnarztpraxis, die Mama hier gründen wollte, hat leider auch pleite gemacht. Sie arbeitet jetzt aber in einem großen Ärztehaus und ist, glaube ich, recht zufrieden.“
„Und du? Erzähl mir von deinem Leben.“
Felian lehnte sich auf dem billigen Holzstuhl weit zurück. „Nun ja, ich habe im Berlin dann mein Abitur gemacht, allerdings habe ich die letzte Klasse freiwillig wiederholt, damit ich gute Noten habe. In Berlin ist das Schulsystem ganz anders. Na ja, dann habe ich mich nach einem Studienplatz bemüht, aber nicht sofort einen bekommen. Ich habe in verschiedenen Bars gejobbt und schließlich Vitus, meinen Freund, kennengelernt. Dann ist das mit meinem Vater passiert und das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Ein Jahr lang habe ich gar nichts gemacht, dann habe ich aber endlich einen Platz in der Uni ergattert und jetzt studiere ich also seit letztem Jahr Medizin.“
„Und dein Freund? Studiert er auch?“ Ganz unauffällig wollte ich das Gespräch zurück zu seinem Verlobten lenken.
„Nein, er hat nicht studiert. Er ist Friseur.“
„Friseur? Das ist ja praktisch“, ich kicherte leise, hoffentlich ging mein Plan auf, „wo arbeitet er denn? Ich müsste mir dringend meine Haare schneiden lassen, seitdem ich hier wohne, haben meine Haare noch keinen Friseur gesehen.“ Demonstrativ packte ich in meine Haare und zog eine lange Strähne in die Höhe.
„Er arbeitet gar nicht mal so weit weg. Wenn man an der Kreuzung rechts vom Krankenhaus gerade durch fährt, gelangt man doch zu einem kleinen Park. Und dort am anderen Ende ist der Friseursalon. Er ist sehr glücklich dort, sie sind insgesamt nur zu dritt und Vitus fühlt sich dort echt wohl.“ Felian schnitt mit seinem Messer ein Stück vom Schnitzel auf und schob es in den Mund. Angewidert verzog er sein Gesicht und bugsierte die Schnitzel an den Tellerrand. Er würde sich heute nur mit Kartoffelsalat begnügen müssen.
„Sehr gut, dann rufe ich da vielleicht mal an.“ Felian schien nichts aufgefallen zu sein, zum Glück. Warum sollte er auch Verdacht schöpfen? Er wusste ja nicht, wie gut ich als Stalker war.

Cyberfox
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Cyberfox » 28 Dez 2018, 22:23

Nicht zufassen. Kaum ist der eine weg, geht es mit dem anderen in die nächste Runde. :lol: Ich ahne schlimmes. Sehr schlimmes. :lol:

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 28 Dez 2018, 23:30

Es sind dazwischen ja auch vier Jahre vergangen 8) du kannst auf jeden Fall auch gespannt bleiben

Cyberfox
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Cyberfox » 29 Dez 2018, 00:09

Jepp aber der Zeitsprung kam echt abrupt. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. :-)

Svenni
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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Svenni » 29 Dez 2018, 09:18

Ich hoffe, ich hab dich damit nicht verjagt :)

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Re: Die Liebe meines Lebens

Beitragvon Cyberfox » 29 Dez 2018, 15:19

Nein hast du natürlich nicht. :)

Re: Die Liebe meines Lebens

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