Das Glück dieser Erde

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Svenni
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Das Glück dieser Erde

Beitragvon Svenni » 17 Jan 2017, 20:55

Hallöchen :)
Ich schreibe seit Jahren hin und wieder hauptsächlich kleine, schwule Kurzgeschichten. Derzeit lade ich sie in einer anderen Webside hoch, will sie aber auch gerne mit euch teilen. Allerdings kommt in manchen die eine oder andere kleine Sexszene (Nichts schlimmes und nicht sehr detailiert) vor und ich glaube, das ist hier nicht erlaubt. Ich hoffe aber, dass diese hier trotzdem okay ist.
Vielleicht könnte sich jemand melden, dem ich die anderen Geschichten schicken könnte und der dann entscheidet, ob ich sie hier hochladen darf oder nicht? Wäre echt nett :)
Aber jetzt erstmal der erste Teil von einer Geschichte, die ich im Frühjahr geschrieben habe. Auf der Webside habe ich bisher kaum Rückmeldungen bekommen und daher würde mich interessieren, was ihr zur Geschichte sagt.

Das Glück dieser Erde

Teil 1

Weiche Finger, die sanft meinen Rücken entlang strichen - mich vorsichtig streichelten - ehe sie mich in eine enge Umarmung zogen und mich wahrscheinlich nie wieder loslassen wollten. Ich vergrub meine Nase in seiner Halsbeuge. Dort roch er so gut... Ich wollte hier nicht weg. Niemals. Ich musste ihn verlassen, doch mein gesamter Körper kämpfte dagegen an. Eine Träne stahl sich aus meinem Auge und drohte meine Wange entlang zu gleiten, doch ein Daumen strich sie mir weg.
„Nicht weinen, Billy“, flüsterte seine Stimme.
Ich antwortete nicht. Auf keinen Fall könnte jetzt ein Wort meinen Mund verlassen.
„Bald sind wir wieder zusammen  - und irgendwann bleibst du einfach hier.“
Ich nickte. Das Gesagte klang so schön. Ja, es war ein kleiner Lichtblick in meiner sonst dunklen Zukunft. Aber bis dahin würde es noch sehr lange dauern. Eine Zeit, die ich nur sehr schwer überleben würde. So viele Tage, Wochen, sogar Monate würden vergehen müssen, bis ich Dean wieder sehen würde. Dean – meinen Freund. Mein wunderbarer, hübscher, fantastischer Freund. Meine große Liebe und ich war mir sicher, dass unsere Beziehung für immer halten würde. Wäre da nur nicht dieser große Abstand zwischen uns.
„Ich will bei dir bleiben“, brachte ich jetzt doch aus meinen Lippen hervor.
„Ich wünschte, du könntest es“, Dean platzierte einen sanften Kuss auf meiner Stirn.
„Irgendwann ist es so weit.“
„Ganz sicher. Irgendwann wohnen wir zusammen und das wird so schön werden. Was wir gemeinsam alles erleben werden...“
Jetzt konnte ich den Tränenfluss nicht mehr aufhalten: In Strömen liefen sie jetzt meine Wangen hinab und machten Deans T-Shirt nass.

Mein Gesicht hatte ich gegen die kalte Fensterscheibe gelehnt. In unglaublicher Geschwindigkeit rasten Bäume, Wiesen, Kühe und hin und wieder ein Dorf vorbei. Mit jeder Sekunde entfernte ich mich noch weiter von Dean.
Ich wünschte, ich könnte den ICE dazu bringen, umzukehren, wenigstens anzuhalten, doch es war der reinste Unfug, daran zu glauben. Ich war jetzt von meinem Freund getrennt und es würde über drei Monate dauern, bis ich wieder an seiner Seite war: Uns würden 500 Kilometer trennen – eine erschreckend hohe Zahl. Die Tränen an meiner Wange waren noch nicht ganz getrocknet, als schon der nächste Schwall aus meinen Augen quoll. Doch jetzt war niemand mehr da, der sie mir wegwischen würde oder an dessen Oberteil ich sie verbergen könnte. Jetzt war ich alleine: Für eine verdammt lange Zeit.

Die zwei Wochen waren so schnell vergangen. Es kam mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich freudestrahlend die Mistgabel in den Heuhaufen geworfen hatte und auf schnellstem Wege nach Hause geradelt war. Mein letzter Arbeitstag war beendet, jetzt hatte ich erst einmal zwei Wochen lang Urlaub. Urlaub, den ich bei Dean verbringen wollte. Der Koffer war schon gepackt gewesen, das Ticket besorgt und mein Zug würde mich in wenigen Minuten nach Berlin bringen. Nur kurz hatte ich mich von meiner Mutter verabschiedet, die mich zum Bahnhof gefahren hatte. Ich wusste vor lauter Vorfreude gar nicht, wo hin damit. Ich war so begeistert, dass ich meinen Urlaub bei Dean verbringen konnte. Doch jetzt war er vorbei. Die vierzehn Tage mit ihm waren so schön gewesen. Jeden Tag hatten wir etwas unternommen, waren im Zoo gewesen und hatten dort Affen gestreichelt, sind Achterbahn gefahren, haben in den schönsten Parks gepicknickt und natürlich sind wir jeden Abend Arm in Arm eingeschlafen. Unvorstellbar, dass diese Zeit jetzt vorbei war. Ich musste den Tag – und vor allem die Nacht – wieder alleine verbringen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie schlimm das für mich werden würde.
Schon jetzt hatte ich große Sehnsucht nach meinem Freund, dabei war ich gerade erst seit zwei Stunden von ihm getrennt. Wie würde es nur in den nächsten Tagen und Wochen werden...?

Eigentlich hatte ich erwartet, dass mich meine Mutter am Bahnhof abholen würde, doch weit und breit sah ich keinen roten Ford auf dem Parkplatz stehen. Anscheinend war sie immer noch arbeiten. Jetzt musste ich erst einmal zusehen, wie ich mit meinem schweren Koffer nach Hause kommen würde. Es war unnötig zu hoffen, dass ein Bus fahren würde. Am Sonntag fuhr nur zweimal täglich ein Bus in mein kleines Dorf und den letzten hatte ich um eine halbe Stunde verpasst: Laufen war angesagt. Wenigstens spielte das Wetter mit. Obwohl es mittlerweile schon Mitte September war, schien die Sonne kräftig vom Himmel und sorgte dafür, dass ich meine Jacke ausziehen musste. Zu meiner Stimmung hätten Wolken und Regen allerdings besser gepasst.

Nur mühsam kam ich voran. Mein Trolli blieb immer wieder an den größeren Steinen des Kiesweges hängen. Die Hauptstraße wäre besser gewesen . Am Rand von eben dieser wäre ich doppelt so schnell vorangekommen. Doch seitdem ich einmal von einem viel zu schnellen Auto fast überfahren worden wäre, als ich mit dem Rad diese Straße entlang gefahren war, mied ich sie.
Wütend schlug ich mit dem Fuß gegen meinen rollenden Koffer, sodass dieser umflog. Meine Lage besserte sich dadurch aber nicht. Eigentlich sollte ich froh sein, dass ich mein Gepäck überhaupt ziehen konnte, auch wenn das auf diesem Weg sehr schwierig war; es zu tragen wäre noch schlimmer gewesen.

Gefühlte Stunden später kam ich zu Hause an. Ich steckte meinen Schlüssel ins Schloss und sperrte die schwere Haustür auf. Totenstille begrüßte mich im leeren Flur.
Ich zog mir die Schuhe aus und hängte meine Jacken an den Haken. Meine Mutter war wohl immer noch nicht Zuhause. Ich mochte es nicht, alleine zuhause zu sein. Obwohl ich seit meiner Geburt dort wohnte, fühlte ich mich in dem Haus nicht wohl. Es war so groß; viel zu groß für meine Mutter und mich. Früher, als Dad noch hier gewohnt hatte, war es besser gewesen. Er war immer zuhause und auch, obwohl er so gut wie immer betrunken gewesen war, war er ein guter Vater gewesen. Er hatte immer Zeit für mich gehabt und mit mir Lego und Playmobil gespielt. Auch wenn sein Atem jeden Tag mehr nach Bier und Schnaps gestunken hatte. Er war süchtig gewesen, doch er war nie ein aggressiver Alkoholiker gewesen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, mich oder meine Mutter zu schlagen oder irgendwie zu verletzen. Er hatte sie geliebt und auch mich. Und trotzdem war er eines Tages mit einer anderen Frau im Bett gelegen. Ich war damals derjenige gewesen, der ihn entdeckt hatte. Und dumm wie ich als Kind war, hatte ich es sofort meiner Mutter erzählt. Es gab einen riesigen Streit. Noch heute kann ich mich ganz genau daran erinnern: Ich hatte Mum noch nie so schreien gehört und noch nie hatte mein Vater geweint. Ich hatte die beiden versteckt hinter der Tür beobachtet, wie sie geweint und geschrien hatten. Auch der ein oder andere Teller war geflogen, aber nur seitens meiner Mutter. Irgendwann war mein Vater einfach zur Tür gerauscht, hatte sie aufgerissen und war in der dunklen Nacht verschwunden. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Eine Woche später war ich auf seiner Beerdigung. Noch in der selben Nacht hatte er sich umgebracht, sich mit einem Strick an einer Eiche erhängt. Noch heute denke ich so oft an ihn.
Die Erinnerungen an diesen Moment vor sieben Jahren kommen jedes Mal hoch, wenn ich durch diese Tür gehe und ich frage mich, was geschehen wäre, hätte ich meiner Mutter nichts von der blonden Frau erzählt.
Wäre es dann nie raus gekommen? Wären Mutter und Vater dann heute immer noch zusammen und hätten wir nicht solche Geldsorgen? Aber am meisten beschäftigte mich die Frage: Wieso hatte er meine Mutter betrügen müssen?! Er hatte sie geliebt, da war ich mir hundertprozentig sicher. Aber wieso ging er dann fremd und schlief mit einer anderen? Ich könnte mir gar nicht vorstellen, mit jemand anderem als mit Dean intim zu werden, weil ich ihn liebte. Wieso hatte es dann nur mein Vater getan? Nur würde ich auf diese Frage niemals eine Antwort bekommen und ehrlich gesagt wollte ich auch gar keine.

Missmutig stapfte ich in die Küche und hoffte, dass meine Mutter mir eine Nachricht hinterlassen hatte und wurde nicht enttäuscht. Gewöhnlich pappte Mum ihre Zettelchen an mich immer an den Kühlschrank, sie wusste wohl, dass mein Weg mich immer zuerst dorthin führte. War ja auch kein Wunder, denn Hunger hatte ich so gut wie immer – auch wenn an mir kaum ein Gramm Fett hängen blieb.
„Bin gegen 20 Uhr Zuhause“, war auf einem karierten Zettel geschmiert, der wahrscheinlich aus irgendeinem Heft herausgerissen wurde. Nicht einmal die Mühe mir zu sagen, wo sie so lange war, hatte sie sich gemacht. Wenigstens wusste ich jetzt, dass ich nicht mit dem Essen auf sie warten müsste. Bis acht Uhr abends waren es noch mehr als zwei Stunden und es war noch nicht einmal sicher, ob sie überhaupt pünktlich kommen würde.
Mein Magen knurrte schon gewaltig, als ich den Kühlschrank und das sich darin befindende Gefrierfach öffnete. Mal schauen, was wir alles da haben. Hoffentlich so viel, dass ich mir wenigstens ein gescheites Abendessen daraus kochen konnte. Doch ich wurde überrascht - positiv. Das gesamte Gefrierfach war voll: Eingefrorene Würste, Pommes, ein Beutel mit Gemüse und sogar zwei Fertigpizzen quetschten und türmten sich in dem kleinen Fach. Das... das war ja Luxus. Ich wusste gar nicht, wann der Kühlschrank das letzte Mal so voll gewesen war. Auf jeden Fall ließ sich daraus ein gutes Abendessen zaubern.
Eine halbe Stunde später war es sogar schon fertig. Ich war zwar nicht der größte Koch, aber etwas halbwegs anständiges brachte ich doch in den Töpfen und Pfannen zusammen. In Berlin hatte Dean jeden Tag für uns beide gekocht und mich mit leckeren und exotischen Speisen verwöhnt. Er studierte Gastronomie-Management und liebte es für andere zu kochen - natürlich ganz besonders für mich. Kein Essen – nicht einmal das von meiner Mutter – würde jemals so gut schmecken wie die Gerichte, die Dean für mich am Herd zauberte. Schließlich waren diese auch mit Liebe gemacht.
Damit konnten natürlich meine angebratenen Würste und das dazu gemachte Kartoffelmus nicht mithalten, essbar war es aber trotzdem. Etwas blieb sogar für meine Mutter übrig, wenn sie später von der Arbeit kommen würde. Auch wenn ich es so hasste – am Aufräumen kam ich nicht vorbei und seitdem unsere Spülmaschine kaputt war, musste ich auch noch alles per Hand abwaschen und abtrocknen. Eine Sache, die ich gar nicht mochte. Mit noch einigen Wassertropfen auf der Oberfläche und mit dem einen oder anderen Kartoffelmusfleck räumte ich die Teller und Töpfe zurück in den Hängeschrank. Sollte es jemanden stören, würde derjenige es schon weg machen. Obwohl, hier wohnten meine Mum und ich eh nur noch zu zweit.

Später am Abend machte ich mich ans Koffer auspacken. So sehr ich es geliebt hatte, ihn zu packen, umso mehr hasste ich es, ihn jetzt wieder auszuräumen. Es zeigte mir endgültig, dass meine Zeit mit Dean vorerst vorbei war. Erst gegen Weihnachten würde ich den Trolli wieder unter meinem Bett hervorzaubern und mit neuer Vorfreude und Enthusiasmus meine Kleidung dort hineinwerfen. Aber bis dahin musste noch so viel Zeit vergehen…

Ich stand gerade unter der Dusche, als ich hörte, wie die Haustür aufgesperrt wurde und hart wieder ins Schloss fiel. Aus reinem Instinkt hielt ich den Atem an und lauschte, ob Einbrecher im Haus waren. Das tat ich automatisch jedes Mal, wenn ich alleine zuhause war und ein Geräusch gehört hatte. Ich fühlte mich in unserem Haus einfach nicht sicher.
Doch es gab Entwarnung. Ich erkannte die schweren Schritte meiner Mutter, die ihre schmerzenden Füße aus ihren Turnschuhen befreite. Als Kellnerin in einem großen Restaurant musste sie den ganzen Tag über viel stehen und laufen und da sie generell schon Probleme mit ihren Beinen hatte, tat ihr das überhaupt nicht gut. Zusätzlich kamen zu den acht Arbeitsstunden noch die Überstunden, die oft unbezahlt waren. Solche Tage waren für meine Mutter schlichtweg der reinste Horror. Eigentlich sollte ich Mitleid mit ihr haben, aber wie so oft fehlte es mir. Innerlich machte ich ihr immer noch Vorwürfe wegen meinem Vater, der sich wegen dem Streit mit ihr umgebracht hatte. Dass es diesen Streit nur gegeben hatte, weil mein Dad sich eine andere Frau fürs Bett gesucht hatte, verdrängte ich gerne. Ich wollte dies nicht wahrhaben: In meiner Erinnerung war mein Vater fehlerfrei, die unschönen Tatsachen, wie seine Alkoholabhängigkeit oder das Betrügen, löschte ich so gut es ging aus meinem Gehirn. So konnte ich meiner Mutter auch einfach nicht verzeihen, dass sie ihren Mann in dieser Nacht aus dem Haus geworfen hatte.

Mum und ich lebten beide meist einfach aneinander vorbei. Wir stritten wenig, was aber vor allem daran lag, dass wir nicht viel miteinander redeten. Mich störte es nicht besonders, glaubte aber, dass Mum es gerne anders hätte. Ich hatte ihr auch lange nicht erzählt, dass ich auf der Abschlussfahrt in Berlin einen jungen Mann kennengelernt hatte, mit dem ich selbst unter den wachsamen Augen der Lehrer etwas angefangen hatte. Ich erwähnte Dean erst zwei Monate später, als ich ihr verkündete, dass ich meine Osterferien in der Hauptstadt verbringen würde. Sie hatte dies alles ruhig angehört und mir danach sogar erlaubt, meine Ferien bei Dean zu verbringen. Sie selbst hatte ihn noch nie gesehen, nur einmal hatte ich ihr ein Foto von ihm gezeigt. „Er sieht nett aus“, hatte sie dazu gesagt, mehr nicht. Ich glaubte, ihr passte es nicht wirklich, dass ich einen Freund hatte, der fünf Jahre älter war und somit schon an das 23. Lebensjahr angrenzte. Etwas dazu gesagt hatte sie aber noch nie und es war mir schlichtweg egal, was sie von meinem Freund hielt. Vielleicht würde er eines Tages mal mich besuchen kommen, hier in dem gruseligen, großen Haus – doch darüber hatten wir noch nie gesprochen.

Ich stellte das Wasser ab und lauschte, so als würde ich erwarten, dass meine Mutter mich rief. Doch nichts geschah. Ich drehte den Wasserhahn wieder auf und wusch mir weiter meine Haare. Erst nach dem ich angezogen und geföhnt war, ging ich die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer. Dort saß meine Mutter und las Zeitung. Erst als ich knapp vor ihr stand, sah sie auf.
„Hallo Billy“, begrüßte sie mich und legte ihren Kreisboten aus der Hand.
Ich nickte ihr zu.
„Wie war es bei Dean? Hattest du Spaß?“
Erneut bewegte ich nur meinen Kopf. Was dachte sie denn? Natürlich hatte ich Spaß, wenn ich bei meinem Freund war! Mehr als hier auf jeden Fall.
„Willst du mir etwas darüber erzählen?“ Meine Mutter sah mich bittend an.
„Nein“, energisch wandte ich mich ab, „es gibt nicht viel zu sagen. Wir waren jeden Tag zusammen weg und haben viel unternommen. Es war so schön dort - Schöner als hier.“ Die letzten Worte hatte ich nur noch geflüstert. Ich wandte mich ab und ging wieder in mein Zimmer. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch Mums Blick erkennen, die mir enttäuscht hinterher sah. Es machte sie traurig zu sehen, wie unzufrieden ich hier war. Sie merkte mir genau an, dass mir etwas fehlte. Oft hatte ich mir vorgenommen, netter zu ihr zu sein, doch ich schaffte es nicht. Über die Tatsache, dass meine Mutter einst meinen Vater mit Tellern und Vasen beworfen hatte, konnte ich einfach nicht hinwegsehen. Ob sie es überhaupt bereute, was sie damals gemacht hatte? Irgendwie interessierte es mich, wie meine Mutter heutzutage über meinen Vater und ihre Tat dachte; aber ich war mir sicher, dass ich es niemals schaffen würde, sie darauf anzusprechen.

Um sechs Uhr am nächsten Morgen klingelte mein Handy. Völlig schlaftrunken ergriff ich mühsam mein Mobiltelefon und hoffte, dass sich Dean am anderen Ende befand und ich gleich seine Stimme hören konnte. Dean der mir sagte, wie sehr er mich liebte und der es sich so sehr wünschte, mich wieder bei sich zu haben. Erwartungsvoll hob ich mir mein Handy ans Ohr, doch ich wurde enttäuscht. Ich hörte weder Deans Stimme noch eine andere. Es war mein integrierter Wecker, der klingelte und der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Ach fuck... darauf hatte ich jetzt gar keinen Bock.
In der Nacht hatte ich schlecht geschlafen. Damit hatte ich aber schon gerechnet. Nachdem ich gewohnt war, jede Nacht in Deans starken Armen in den Schlaf gestreichelt zu werden, ließ es sich alleine im Bett nicht mehr so gut einschlafen. Aber jetzt musste ich erst einmal aufstehen. Der erste Arbeitstag nach meinem Urlaub stand an.
Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheibe. Das Wetter hatte sich wohl meiner Stimmung angepasst.

Es gab Tage, da liebte ich meinen Job. Ich hatte ihn mir ja auch selbst ausgesucht, obwohl so viele Leute mich davon abbringen wollten und sehr viele mein Berufswunsch lächerlich fanden. Aber ich mochte Pferde nun mal. Früher hatten wir ein Eigenes gehabt. Richtig gesagt eher ein Pony, aber so groß, dass selbst meine Mutter ihn noch reiten konnte. Auf Dobby hatte ich reiten gelernt,mich täglich um ihn gekümmert und wortwörtlich seinen Huf gehalten, als der Tierarzt ihn vor drei Jahren aufgrund einer Kolik einschläfern musste. Nächtelang hatte ich mein Kopfkissen nass geheult. Ich war so traurig, schließlich hatte ich meinen besten Freund verloren. Dobby und ich waren ein richtiges Dreamteam gewesen – jahrelang Seite an Seite – und ich wollte einfach nicht verstehen, dass das schwarze Pony jetzt nicht mehr da war.

Zwei Jahre lang hatte ich auf keinem Pferd mehr gesessen und sogar verweigert, auch nur eins zu streicheln. Dean war derjenige, der mich mit meiner früheren Leidenschaft wieder in Berührung brachte. Er selbst hatte zwar kein Pferd, aber seine Nachbarin besaß ein großes Kaltblut und mein Freund hatte mich mehr oder weniger dazu gezwungen, mich auf dessen Rücken zu setzten. Jetzt war ich allerdings froh darüber, denn nachdem ich diese Hürde überwunden hatte, konnte ich von Pferden wie einst vor Jahren nicht mehr genug bekommen. Das wenige Taschengeld, das ich mir über Jahre angespart hatte, verwendete ich jetzt, um Reitstunden zu nehmen. Aber lange reichte es nicht und so kam ich zu meiner Ausbildung als Pferdewirt in einem kleinen Reitstall in der Kreisstadt.
Ja, ich mochte meinen Beruf. Ich fühlte mich zwischen all dem Heu, Hafer und Pferdehaaren wohl. Zwar bestand mein Arbeitstag nicht nur aus Reiten und Pferde streicheln, sondern hauptsächlich aus Ausmisten, Putzen und Kehren, aber meist machte es mir nichts aus. Heute war aber so ein Tag, an dem mich mein Job ankotzte und das lag nicht nur am Regen. Ich hatte schlecht geschlafen, war dementsprechend müde und hatte Hunger, denn zum Frühstücken war keine Zeit mehr gewesen.
Ich zog mir meine Kapuze fest um den Kopf, was allerdings nicht viel nützte. Der starke Wind fegte sie mir jedes Mal wieder runter. Mit der einen Hand schützte ich meine Augen vor dem heftigen Niederschlag, während ich mit der anderen ein dickes Shetlandpony an einem Strick hinter mir her zerrte.

„Lauf mal schneller“, schimpfte ich mit dem langsamen Tier. Mir war kalt und ich wollte das Pony so schnell wie möglich im Stall haben, wo es wenigstens etwas wärmer und vor allem trocken war. Doch Gigant, dessen Name so gar nicht zu seiner mickrigen Körpergröße passte, war anderer Meinung. Anscheinend mochte er es, wenn sein Fell nass war oder er dachte, im Regen würde das Gras noch besser schmecken, denn alle zwei Meter blieb er stehen und senkte seinen Kopf zum Fressen. Dabei war er zuvor stundenlang auf der Weide gewesen. Ungeduldig zog ich am Strick und schaffte es, Gigant wenige Meter nach vorne zu ziehen. Fast hätte ich schon erleichtert aufgeseufzt , doch das Pony tat mir diesen Gefallen nicht, sondern presste seine Hufen fest in den aufgeweichten Boden und ging jetzt endgültig keinen Schritt mehr weiter.

Trotz meiner dicken Jacke war ich bis auf die Knochen durchnässt, als ich eine Stunde später mit Carolin im kleinen Aufenthaltsraum auf einer Bank saß und auf einer Karotte herumkaute. Carolin war die zweite Auszubildende im Reitstall und war mittlerweile eine sehr gute Freundin für mich. Normalerweise verbrachten wir die Mittagspause mit reiten. Das blonde Mädchen besaß ihr eigenes Pferd, welches auch hier im Stall stand und ich fand meist eine Einstellerin, die froh war, wenn ich ihr Pferd bewegte oder durfte eines der Reitschulpferde nehmen. Heute hatte ich allerdings keine Lust dazu. Mir war immer noch bitterkalt und da die Reithalle derzeit besetzt war, hätte ich draußen im Regen reiten müssen und darauf hatte ich ganz sicher keine Lust.
„Wie war es bei Dean?“, begann Carolin das Gespräch.
Automatisch begann ich zu Lächeln, als ich daran zurückdachte: „Es war eine traumhafte Zeit. Ich wünschte, ich könnte für immer bei ihm bleiben.“
„Ich verstehe dich so sehr“,meine Freundin sah mich mitleidig an. Sie selbst führte auch eine Fernbeziehung mit ihrem Freund.
„Bei Dean war es so toll. Es macht so Spaß, bei ihm zu sein.“
„Kann er nicht dich mal besuchen? Er wird doch auch als Student mal etwas Zeit haben, oder?“
„So einfach geht das nicht. Er finanziert nur durch Nebenjobs seine Wohnung und sein Auto. Viel Geld bleibt da nicht übrig.“
„Ach so“, Carolin klang enttäuscht. Wahrscheinlich hätte sie Dean gerne einmal persönlich kennengelernt. Auch sie kannte ihn nur aus Erzählungen und von Fotos.
„Zwei Jahre noch, dann bin ich mit der Ausbildung fertig und dann ziehe ich nach Berlin“, verkündete ich ihr.
„Und was ist mit deiner Mutter?“
„Was soll mit ihr sein?“
„Sie wird dich bestimmt vermissen. Sie ist ja dann ganz alleine.“
Ich zuckte mit den Schultern:„Glaub nicht. Wir haben ja eh kaum was miteinander zu tun. Und sie hat immer noch ihre Freundinnen. Diese sieht sie eh öfter als mich.“
„Trotzdem.... Ich meine ja nur.“
Ich sagte daraufhin jedoch gar nichts mehr und so hüllten wir uns vorerst in Schweigen.
Jetzt dachte ich schon wieder über meine Mutter nach und das wollte ich nicht. Ich machte mir Vorwürfe, weil unser Verhältnis so schlecht war – doch das würde ich niemals vor Carolin zugeben. Ich versuchte angestrengt, auf andere Gedanken zu kommen und so fragte ich das Mädchen, ob irgendetwas Wichtiges während meines Urlaubs passiert war.

Carolin überlegte: „Eigentlich nicht viel. Frau Stöckl hat jetzt endlich einen Käufer für ihren Baldur gefunden. Er hat ihn gestern abgeholt.“
Ich kannte das große dunkelbraune Pferd von Frau Stöckl. Ein paar Mal hatte ich ihn sogar reiten dürfen und seine ehemalige Besitzerin war ganz begeistert davon gewesen, wie gut ich mit ihm klar gekommen war. Sie hatte mich überreden wollen, den Braunen zu kaufen, doch natürlich hatte ich nicht das Geld dafür gehabt.
„Der neue Besitzer hält seine Pferde bei sich zu Hause in einem großen Offenstall. Ich glaube also schon, dass Baldur es dort schön hat.“
Ich hoffte es.
„Ist sonst noch irgendetwas aufregendes passiert?“, bohrte ich weiter. Ich liebte Klatsch und mit Carolin ließ es sich besonders gut über Pferdemädchen und unmögliche Einsteller lästern.
Ihre Stirn kräuselte sich, während sie überlegte: „Glaub nicht. Eigentlich verlief alles ganz normal. Doch warte – da ist etwas! Ein junger Mann kam letzte Woche zu uns und hat sein Pferd bei uns eingestellt. Kreacher, ein süßer kleiner Haflinger. Er steht in der hintersten Box neben Frida.“
Stimmt, ich hatte das blonde Pferdchen vorhin kurz gesehen, als ich gemeinsam mit der Stallbesitzerin, die meine Chefin war, die Pferde gefüttert hatte. Ich hatte mich noch kurz gewundert, da ich das Tier noch nie zuvor gesehen hatte, hatte aber nicht lange darüber nachgedacht.
Aber ein weiterer Mann im Stall war ja fast eine kleine Sensation. Außer mir fand man hier nur Frauen und Mädchen sämtlicher Altersklassen vor, nur selten verirrte sich mal ein Ehemann oder Bruder auf den Stallgassen. Jetzt war ich nicht mehr die einzige männliche Person und ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.

Das Glück dieser Erde

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Svenni
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Re: Das Glück dieser Erde

Beitragvon Svenni » 19 Jan 2017, 14:33

Teil 2

Ich sah ihn bereits am nächsten Tag zum ersten Mal. Als ich am Morgen den Stall betrat, um meinen Arbeitstag zu beginnen, bemerkte ich schon, wie der Haflinger angebunden in der Stallgasse stand und sich wohl auf seinen täglichen Putzvorgang freute. Sein Besitzer war allerdings noch nicht zu sehen. Und auch keine andere Person. Carolin hatte heute Berufsschule und auch meine Chefin war nicht aufzufinden. Wahrscheinlich war sie schon ausreiten, denn sie hatte angekündigt, dass sie heute mit ihrem neuen Pferd zum ersten Mal ins Gelände gehen wollte. Mir sollte das nur recht sein. Meine Laune hatte sich noch nicht gebessert und so genoss ich die frühen Morgenstunden alleine zwischen den Pferden. Ich hoffte nur, dass der Besitzer von Kreacher bald wieder zurück kommen würde. Man ließ sein Pferd nicht lange angebunden alleine stehen. Was, wenn das Pony sich erschrecken würde? Schon jetzt tänzelte es nervös von einem Huf auf den anderen, so als wäre es das ewige Stillstehen leid.
Ich ging zu dem Pferdchen und streichelte es beruhigend über den Hals. Es schien ihm zu gefallen. In meiner Tasche fand ich ein Stückchen Würfelzucker, das ich ihm unter die weichen Lippen hielt. Kreacher nahm es und schnaubte mir entgegen, so als würde er noch einmal eins wollen.
„Na, ihr scheint euch gut zu verstehen, oder?“, ertönte eine weiche, aber eindeutig männliche Stimme hinter mir.
„Ähm ja“, stotterte ich, so als wäre ich bei etwas Schlimmen erwischt worden und drehte mich um. Augenblicklich erstarrte ich. Ich riss die Augen auf. Ich keuchte. Das durfte nicht sein! Nein, das konnte nicht wahr sein. Ich betete, dass ich eine Halluzination hatte. Hoffte, dass ich mir das alles nur einbildete oder dieser Junge Juri einfach nur verdammt ähnlich sah.
Aber er war es. Er war es tatsächlich. Verdammt, ich hatte ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, hatte ihn schon fast vergessen und jetzt stand er vor mir. Ich war völlig überfordert mit dieser Situation.
Ich trat einige Schritte zurück und versuchte so insgeheim dem Blonden zu entkommen.
Doch dieser sah mich nur verdutzt an. War ja klar, er wusste ja nicht, wieso ich mich so aufführte. Er verstand nicht, wieso ich so rot angelaufen war und hektisch versuchte, mich aus dieser Scheiß Situation zu befreien.
„Hey, dich kenne ich doch. Wie heißt du nochmal?“
„B-Billy“, brachte ich gerade so zwischen meinen Lippen hervor.
„Ah ja, stimmt. Billy Elsner, nicht wahr? Wir waren damals in der gleichen Stufe.“
Ich nickte. Wusste nicht, was ich darauf sagen könnte. Innerlich freute es mich, dass er mich wieder erkannt hatte und sogar meinen Namen wusste. Vier Jahre lang waren wir auf der selben Schule gewesen. Jedes Jahr nach den Sommerferien hatte ich gehofft, dass wir beide durch ein Wunder in die gleiche Klasse kommen würden, doch nie hatte es funktioniert. Seit der fünften Klasse hatte ich ein Auge auf ihn geworfen. Seine hellen, blonden Haare hatten mich fasziniert. Dieser weichen, aber doch tiefen Stimme hätte ich stundenlang zuhören können und am Liebsten hätte ich ihn für immer in meinen Armen gehalten. Doch aus uns beiden wurde nie etwas. Nur selten hatten wir mal flüchtig miteinander geredet. Er hatte nie Interesse an mir gezeigt, umso mehr erstaunte es mich, dass er sich doch an mich erinnerte.
Am Anfang hatte ich noch gedacht, dass meine Chancen ganz gut ständen, schließlich wusste mit mir die halbe Schule, dass er schwul war und ich hatte mitbekommen, dass er keinen Freund hatte. Doch ich war zu schüchtern gewesen, um mich richtig an ihn ranzumachen und hatte ihn lieber aus der Ferne beobachtet. Irgendwann wurden meine Gefühle für ihn immer weniger, auch wenn ich ihn nie wirklich vergessen hatte und hin und wieder heimlich von ihm träumte. Ich lernte Dean kennen und lieben und erst durch ihn konnte ich Juri gehen lassen. Nachdem ich mit Dean zusammen war, verbot ich mir, an Juri zu denken. Ich verbannte den Blonden vollständig aus meinem Kopf und ließ ihn nicht mehr rein. Es erstaunte mich, aber ich hatte es tatsächlich geschafft. Juri gehörte meiner Vergangenheit an und ich wollte ihn weder in meiner Gegenwart noch in meiner Zukunft haben. Denn beides gehörte einzig und allein Dean.

Ich wusste nicht, wie er es geschafft hatte, aber Juri hatte mich in eine Unterhaltung verwickelt.
Gemeinsam putzten wir Kreachers weiches Fell und befreiten ihn von Heu und Dreck, während mein Gegenüber unermüdlich quasselte. Zuerst regte er sich mit mir gemeinsam über alte Lehrer und Klassenkameraden auf.
„Weißt du noch, als Herr Bach uns in Physik den Versuch mit dem Glas Wasser und dem Papier zeigen wollte? Er hat aber anstatt eines kleinen Glases einen riesigen und schweren Krug genommen. Kein Wunder, dass das Stück Papier das nicht halten konnte, als er alles auf den Kopf gedreht hatte. Die ganze erste Reihe ist komplett nass geworden“, Juri kicherte in seinen nicht vorhandenen Bart.

„Ne, ich war doch nicht in deiner Klasse,“ entgegnete ich, leicht enttäuscht, dass er dies schon wieder vergessen hatte und ich somit den misslungenen Versuch nicht mitbekommen hatte. Verständlicherweise hatte Herr B ihn bei uns nach diesem Malheur nicht wiederholt.
„Ach, stimmt ja. Sorry.“
Schweigend säuberten wir Kreacher weiter, bis Juri los lief und Sattel und Zaumzeug holte.
„Hast du auch ein Pferd?“, fragte er mich, nachdem er den Sattel auf den Rücken seines Pferdes geworfen hatte.
Ich schüttelte den Kopf:„Ne, habe ich nicht.“
„Aber was machst du dann hier?“, Juri sah mich ratlos an und kicherte dann verlegen.
„Wie meinst du das?“
„Na ganz einfach. Wieso bist du hier, wenn du kein Pferd hast?“
„Ich arbeite hier“, stellte ich klar.
„Arbeiten?“, der Blonde war erstaunt.
„Ja. Ich mache meine Ausbildung hier.“
„Das ist ja cool. Wusste gar nicht, dass das geht.“
„Natürlich geht das. Pferdewirt ist ein ganz normaler Beruf.“
„Hab davon noch nie gehört.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, sondern stellte ihm einfach die nächste Frage:„Und was machst du für eine Ausbildung?“
„Ich mach gar keine. Ich gehe auf die Fachhochschule, um dort mein Abitur nachzuholen. Nur Realschulabschluss reicht mir nicht.“
„Was willst du denn danach machen?“, ja, es interessierte mich, was meine frühere Liebe so für Zukunftspläne hatte.
„Am liebsten würde ich Biologie studieren. Aber das ist leider kein Studium, mit dem man große Jobaussichten hat. Jetzt schaue ich nach irgendeiner Alternative.“
Ich nickte. Ja, davon hatte ich gehört.
„Aber erzähl mal, was musst du hier so machen?“
„Füttern“, zählte ich auf, „Ausmisten, Putzen und joa, das, was halt sonst noch so anfällt.“
„Du darfst nicht reiten?“
„Doch, hin und wieder schon. Wenn halt Zeit dafür ist und ich ein Pferd abbekomme.“
„Ach so, na dann. Bist du gut?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Bin früher als Kind oft geritten. Hatte damals mein eigenes Pony. Ich habe erst angefangen, wieder regelmäßig zu reiten, als ich hier angefangen habe.“
„Na, das wird schon. Wenn du willst, kannst du bestimmt mal auf Kreacher reiten. Jetzt muss ich aber los. Schule fängt für mich heute erst um zehn Uhr an, aber wenn ich nicht bald los komme, schaffe ich es nicht mehr, auszureiten. Man sieht sich, Billy.“
Er lächelte mich an.

Am Nachmittag hatte ich doch mal Glück gehabt und ein Pferd zum Reiten bekommen. Sandy, das gerade mal vierjährige Pferd meiner Chefin. Es freute mich, dass mir die Stute anvertraut wurde, obwohl sie noch so jung war und folglich noch nicht viel konnte. Es kostete mich große Mühe, sie überhaupt in Galopp zu setzen und einmal fiel ich beinahe hinunter, als Sandy eine urplötzliche Angst vor dem Spiegel entwickelte, an dem sie zuvor fünf Mal normal vorbei gelaufen war und einen Sprung zur Seite machte. Zu meinem Entsetzten bemerkte ich Juri, der auf der Tribüne saß und mir zusah. Gott, war das peinlich. Da hatte ich ja einen super Eindruck gemacht. Aber Moment mal, wieso wollte ich eigentlich bei ihm gut ankommen?! Er war mir doch egal. Ich hatte Dean. Früher hätte ich alles getan, um ihn zu beeindrucken, aber diese Zeit war jetzt vorbei.
Trotzdem freute es mich, dass er mir entgegen kam, als ich Sandy aus der Halle führte.
„Meintest du nicht vorhin, dass du nicht sonderlich gut reiten kannst?“, fragte er mich.
„Kann sein. Ist auch so.“
„Red kein Unsinn! Das war echt super. Ein so junges Pferd und du hast dich so wacker geschlagen. Recht viel besser kommt Silke auch nicht auf ihr zurecht.“
Mit Silke war meine Chefin und Besitzerin von Sandy gemeint. Wir durften sie alle beim Vornamen nennen.
„Einmal bin ich aber fast abgestürzt“, gab ich zu.
„Ist mir gar nicht aufgefallen.“
Gemeinsam betraten wir den Stall. Während ich Sandy vom Sattel befreite und sie anschließend auf die Weide brachte, holte Juri zwei Flaschen Cola aus dem Automaten und drückte mir eine in die Hand. Wir setzten uns draußen auf eine Wiese und genossen die Sonne, die im Moment zwischen einigen Wolken hervorguckte. Bibi, die Hofkatze, schlich um unsere Beine und setzte sich schnurrend auf meinen Schoß. Automatisch begann ich sie zu kraulen, aber in Gedanken war ich ganz wo anders. Ich wusste nicht, was ich von Juri halten sollte. Es war komisch, so neben ihm zu sitzen. Früher wäre es für mich das Größte gewesen, wenn ich raus gefunden hätte, dass auch der Blonde ein Pferd hatte und mein Hobby teilte. Jetzt fühlte ich mich unbehaglich. Ich hatte Dean nie von Juri erzählt. Sollte ich es jetzt tun? Wäre er eifersüchtig, wenn ich ihm sagen würde, dass ich Kontakt zu dem Jungen hatte, in den ich einst jahrelang verliebt gewesen war?
Aber...wieso sollte ich es ihm überhaupt erzählen? Ich liebte jetzt Dean. Dass Juri jetzt auch da war, interessierte mich nicht mehr.

„Hey ihr beiden“, eine Stimme hinter uns ließ uns erschrecken und holte mich aus meinen Gedanken. Carolin ließ sich neben uns ins Gras fallen.
Sofort wandte sie sich an Juri: „Ich bin Carolin und du bist wer?“
„Ich heiße Juri“, stellte der Blonde sich vor.
„Sehr schön. Dir gehört dieser niedliche Haflinger in der hintersten Box, nicht wahr?“
„Ja genau. Das ist Kreacher. Eigentlich hat er meiner Mum gehört, aber nachdem sie sich von meinem Vater hat scheiden lassen, hat sie ihn mir überlassen.“
„Oh das tut mir Leid. Also das mit deinen Eltern. Dass du ein Pferd bekommen hast natürlich nicht.“
„Ist schon okay. Dad und ich sind ein gutes Team.“
Juri schien mit seinem Vater alleine zusammen zu wohnen, wie ich mit meiner Mutter. Ganz von alleine kam der Gedanke auf, wie es wohl wäre, wenn unsere Eltern anfangen würden, miteinander auszugehen. Kaum war dieser Gedanke in mir aufgegangen, hätte ich mir selbst dafür eine reinhauen können. Was dachte ich nur für einen Blödsinn! Anscheinend war ich aber doch noch nicht komplett von Juri losgelöst, wenn ich mir schon wünschte, ihn als eine Art Bruder immer bei mir zu haben.
Carolin und Juri plapperten unermüdlich weiter, während ich mich ausklingte und Bibi weiter hinter den Ohren kraulte.

„Wie kommst du eigentlich nach Hause?“
„Mit dem Fahrrad. Wieso?“, gab ich dem Blonden zur Antwort.
„Ich mein ja nur. Ich bin mit meinem Auto hier, wenn du willst, kann ich dich mitnehmen.“
„Ich hab hier noch einiges zu tun.“
„Ich kann dir ja auch helfen. Dann bist du schneller fertig.“
„Das wäre zwar nett, aber wieso bist du so scharf darauf?“
Juri grinste: „Weil ich dich nett finde. Und ich froh bin, dass ich hier jemanden gefunden habe, mit dem ich mich gut verstehe.“
Mein Herz machte einen Sprung. Ach du Scheiße. Das sollte es doch überhaupt nicht machen!
„Dankeschön“, murmelte ich.
„Kein Ding. Also, was musst du noch alles machen? Ich helfe gerne.“
„Die Pferde in die Box bringen. Und die Reithalle von den Pferdeäpfeln befreien.“
„Na das klingt doch einfach. Also los.“
Gemeinsam liefen wir zur Koppel, auf der drei Pferde gemütlich grasten. Die anderen waren schon wieder im Stall.
Wie durch ein Wunder ließen sie sich sehr schnell einfangen, sonst musste ich jeden Tag ewig hinter ihnen her rennen. Umso besser. Gigant, das faule Shetlandpony, überließ ich netterweise Juri. Ich hatte heute keine Lust, schon wieder dieses dicke Pony hinter mir herzuziehen. Ich selbst führte gleich zwei Pferde in Richtung Stall. Doch während Gigant heute brav am Strick neben dem Blonden her lief, hatte ich mit den beiden Großen schwer zu kämpfen. Beide wollten in unterschiedliche Richtungen und einer wollte schneller als der andere sein.
Ich war völlig außer Atem, als die beiden endlich in ihren Boxen standen und am Hafer knabberten. Juri betrat gemütlich schlendernd mit einem braven Pony am Seil die Stallgasse.
Anscheinend mochten mich die Pferde nicht.

Nachdem auch die Reithalle wieder sauber war und ich mich von Silke und den anderen verabschiedet hatte, stieg ich zu Juri in einen alten Golf. Das Auto sah generell schon so aus, als hätte es schon etliche bessere Jahre gehabt. An vielen Stellen kam der Rost durch und der schwarze Lack blätterte fast ab. Auch der viele Dreck und Müll im Inneren ließ den Wagen noch älter wirken.
„Schau nicht so“, lachte Juri, als er meinen kritischen Blick bemerkte, „immerhin fährt er noch. Mehr erwarte ich gar nicht.“
„Ich sag schon nichts“, beruhigte ich ihn. Immerhin hatte er ein eigenes Auto. Ich konnte im Moment nur davon träumen, dass ich zu meinem 18. Geburtstag eins bekommen würde. Mein Vater hatte ein Jahr, bevor er sich umgebracht hatte, einen gebrauchten Ford Focus gekauft und den fuhr meine Mutter immer noch. Ein neues Auto war nicht drinnen. Ich selbst schwor mir aber, dass ich niemals selbst in diesem Wagen fahren würde. Er gehörte meinem Vater. Ich fand es schon eine Frechheit, dass Mum damit jeden Tag zur Arbeit und zum Einkaufen fuhr.
Juri legte den Gang ein und startete den Motor, der unglaublicherweise beim ersten Versuch ansprang. „Na also.“

Er bog auf die Landstraße ein, auf der ich einmal fast mit dem Fahrrad überfahren wurde und gab Gas.
„Was hast du denn in den Sommerferien so gemacht?“, erkundigte er sich, nachdem wir den ersten Teil der Fahrt schweigend hingenommen hatten.
„Ich hab ja keine wirklichen Ferien mehr“, bemerkte ich, „nur noch Urlaubstage und das sind lang nicht so viele wie früher in der Schule.“
„Stimmt. Oh man, ich genieße noch die Zeit, in der ich noch sechs Wochen Ferien am Stück habe.“
„Ich hatte nur zwei Wochen frei gehabt. Gestern ist wieder mein erster Arbeitstag gewesen.“
„Oh je. Wie ist dein Urlaub gewesen? Warst du weg?“
„Ja, ich war in Berlin.“ Ich überlegte, ob ich ihn von Dean erzählen sollte. Würde es ihm interessieren?
„Alleine oder mit deinen Eltern?“
„Alleine. Mein Freund wohnt da.“
„Welcher Freund denn?“
„Wie meinst du das?“, Scheiße, er musste genau bei diesem Thema tiefer nachbohren!
„Na dein bester Freund oder dein richtiger Freund?“
„Mein richtiger Freund“, gab ich leise zu.
„Ach so. Na dann, viel Glück euch noch.“
„Dankeschön.“
Mittlerweile waren wir in meinem Dorf angekommen. Ich beschrieb ihm den Weg zu mir nach Hause. Wenig später parkte er in unserer Hofeinfahrt.
„Danke fürs heimfahren.“ Ich schnallte mich ab und war schon im Haus verschwunden, noch ehe Juri etwas antworten konnte.

Im Flur stieß ich auf meine Mutter. „Wer hat dich denn heim gefahren? Kenne ich diesen Jungen?“
„Nein, kennst du nicht“, entgegnete ich und versuchte an ihr vorbeizukommen.
„Wie heißt er denn?“
„Juri.“
„Ist er ein Freund von dir?“
„Nein.“
„Wieso warst du dann in seinem Auto?“
„Weil er mich heimgefahren hat!“, ich hasste diese Ausfragerei.
„Ach so. Na dann.“ Endlich wandte sie sich ab und ich machte mich am Kühlschrank zu schaffen. Ich erinnerte mich noch gut an die Pizzen im Inneren, also holte ich mir davon eine und schob sie in den Backofen.
„Ich dachte, wir können heute gemeinsam etwas kochen.“ Mum hatte die Küche betreten und sah mich hoffnungsvoll an.
„Oh sorry. Ich hab mir gerade eine Pizza warm gemacht.“ Ich sah sie entschuldigend an, doch richtig Leid tat es mir nicht.

Svenni
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Re: Das Glück dieser Erde

Beitragvon Svenni » 22 Jan 2017, 19:07

Teil 3

Am nächsten Tag hatte ich Berufsschule. Ich mochte dies jedoch nicht wirklich, sondern war lieber im Stall zwischen den echten Pferden, als theoretisch ihre ganzen möglichen Krankheiten, ihre Bedürfnisse, und ihren Körperbau gelehrt zu bekommen. Ich war auch hier der einzige Junge in der Klasse, was mich zur Abwechslung sehr störte. Neunzig Prozent der Mädchen waren hochnäsige Reiterinnen, die angaben, wie gut sie reiten würden, bei welchen Turnieren sie siegen würden und wie wertvoll ihr Pferd sei. Nein – mit solchen wollte ich nichts zu tun haben. Gut, dass Carolin anders war, aber sie war leider nicht in meiner Klasse. Jeder von uns hatte einmal in der Woche Berufsschule und sie hatte das Glück, gleich am Montag an der Reihe zu sein.
Frau Hoffmann, unsere Klassenleitung, teilte das heutige Skript aus. Die Krankheit Kolik war heute anscheinend an der Reihe, durchgesprochen zu werden. Zu meinem Leidwesen wusste ich darüber schon gut Bescheid. Ich hatte im Stall schon vier Kolikfälle mitansehen müssen. Ein Pony war sogar daran gestorben. Das Gute war, dass ich nicht wirklich aufpassen musste, sondern es mir erlauben konnte, in Gedanken weit weg zu sein.
Ich dachte an Dean. Was er wohl gerade machte? Gestern Abend hatten wir kurz miteinander telefoniert, aber er war so müde vom anstrengenden Tag in der Uni gewesen, dass ich bald auflegen musste. Ich vermisste ihn. Wenn ich doch nur bei ihn in Berlin sein könnte... Dann hätte ich den ganzen Stress mit Juri nicht. Aber Moment mal: welcher Stress denn? Bis jetzt hatte ich mit Juri noch gar keinen Stress gehabt. Er wusste schließlich nicht, dass ich einst auf ihn gestanden hatte. Was er aber wusste, war, dass ich einen Freund hatte. Er würde sich schon nicht an mich ranmachen. Oder? Und selbst wenn: Ich würde ganz sicher nicht darauf eingehen. Ich wollte nichts mehr von ihm. Dean war viel besser. Die restliche Stunde begann ich von Dean zu träumen.

„Hey! Ich dachte schon du bist krank. Wo warst du denn heute Vormittag?“ Juri kam gut gelaunt auf mich zu.
Obwohl ich es an den Tagen, an denen ich Berufsschule hatte, nicht musste, besuchte ich abends trotzdem den Stall. Ich war einfach zu gerne hier.
„Ne, keine Sorge. Dienstag hab ich nur immer Schule.“
„Schule?“
„Ja natürlich. Einmal in der Woche hab ich Berufsschule.“
„Einmal in der Woche nur? Na das ist ja praktisch. Wie ist es da so?“
„Langweilig. Ich bin lieber hier.“
„Das verstehe ich. Wollen wir uns mal umsehen, ob du ein Pferd ausleihen darfst? Dann können wir noch gemeinsam ausreiten gehen?“
„Gute Idee.“ Vorfreude machte sich in mir breit. Ja, ich hatte wirklich Lust darauf.
Carolin war so lieb und ich durfte Frida, ihre schöne scheckige Stute, nehmen. Sie selbst musste heute Abend früher nach Hause und kam nicht mehr zum Reiten.
Nebeneinander lenkten Juri und ich unsere Pferde vom Hof und schlugen einen Trampelpfad in Richtung Wald ein.
„Wie lange gehört Kreacher dir schon?“
„Seit drei Jahren“, der Blonde streichelte stolz das helle Fell des Haflingers.
„Und wieso bist du erst jetzt in unseren Stall gekommen?“
„Kreacher stand zuvor gemeinsam mit einem anderen Pferd in einem Bauernhof. Aber dieses Pferd ist letzte Woche gestorben und da der Bauer sich kein Neues kaufen möchte, wäre der Kleine dort alleine gewesen. Und das wollte ich ihm nicht antun.“
„Ja verständlich.“
„Öhm Billy?“
„Ja?“
„Ich finde schade, dass wir früher nicht viel Kontakt hatten. Also als wir noch in der Schule waren. Ich fand dich damals nämlich schon echt nett.“
„Oh. Wow. Dankeschön“, stotterte ich. Hätte ich wirklich damals Chancen bei ihm gehabt, hatte sie aber nicht genützt?! Oh man. Aber jetzt war mir das egal. Schließlich war Dean mein fester Freund. Vielleicht würde Juri mein bester Freund werden, mehr aber nicht.
Mein Handy begann zu klingeln. Umständlich fischte ich es aus meiner Jackentasche und drücke auf den grünen Hörer.
„Hey Süßer“, begrüßte Dean mich.
Ich freute mich, seine Stimme zu hören.
„Hey. Schön dich zu hören.“
„Gleichfalls. Wie war Schule heute so?“
„Ach. Langweilig wie immer.“ Ich freute mich, dass Dean sich daran erinnerte, dass ich heute Schule gehabt hatte.
„Oh du Armer. Ich hatte heute auch nicht so viel Glück gehabt.“
„Wieso? Ist Uni heute so anstrengend gewesen?“
„Ich hatte heute sehr viele Vorlesungen. War echt anstrengend.“
Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzten, als Kreacher aus voller Kehle zu wiehern begann.
„Bist du trotzdem noch in den Stall gegangen?“ Schon fast konnte ich in diesem Moment sein Lächeln vor mir sehen.
„Kennst mich doch.“, ich grinste.
„Und, welches Pferd hast du denn heute abbekommen? Oder durftest du gar nicht reiten?“
Ich fand es toll, dass Dean sich für mein Hobby interessierte.
„Das Pferd von Carolin. Und ich bin gerade beim Reiten.“
„Na dann pass auf, dass du nicht runter fällst. Ich will nicht, dass du ganz alleine in irgendeinem Graben liegst.“
„Keine Sorge. Ich bin nicht alleine unterwegs.“
„Ach? Mit wem denn?“
„Mit einem Freund von mir“, sagte ich schnell und ohne nachzudenken. Freund? Seit wann bezeichnete ich Juri als Freund?
„Dann viel Spaß noch. Ich gehe auch noch mit ein paar Freunden aus der Uni feiern. Wir telefonieren morgen wieder, okay? Ich muss jetzt gleich los.“
Schnell hatte er aufgelegt.
Was war das jetzt gewesen? Sonst würgte er mich doch auch nicht so schnell ab. War er etwa eifersüchtig?

„Ist das dein Freund gewesen?“
„Ja.“ Ich lächelte, doch wirklich glücklich war ich nicht. Was, wenn er wirklich eifersüchtig auf Juri war? Durfte ich den Blonden dann nie wieder sehen? Das würde aber sehr schwer gehen.
„Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“
„Wir haben uns auf Klassenfahrt damals kennen gelernt und sind seitdem zusammen.“
„Wie schön.“ Juri lenkte sein Pferd näher an meins, sodass wir uns besser unterhalten konnten.
„Hast du auch einen Freund?“, mein Herz pochte, als ich ihm diese Frage stellte.
„Nein. Nein, leider nicht mehr.“
„Oh. Wieso?“
„Wir waren nicht lange zusammen und haben auch nicht wirklich zusammen gepasst. Traurig ist es trotzdem.“
„Ja, das verstehe ich.“
„Aber egal. Manuel ist Geschichte.“
Wie wohl sein Ex so gewesen ist? Auf was für eine Art Männer stand Juri so? Ich traute mich aber nicht, ihn das zu fragen.

Am nächsten Tag durfte ich selbst Reitunterricht geben. Eine Aufgabe, der ich nur selten nachkommen durfte. Ich fand es schade, denn ich spielte sehr gerne Reitlehrer und brachte Kindern das Reiten bei.
Brav trotteten drei Ponys mit ihren Kindern auf den Rücken im Kreis um mich herum, während ein viertes Mädchen sehr zu kämpfen hatte. Natürlich war es Gigant, der heute wieder einmal keinen Meter freiwillig vorgehen wollte.
Ich ermunterte das junge Mädchen und erklärte ihr immer und immer wieder, was sie tun musste, um das Shetlandpony zum Laufen zu bewegen.
Nachdem ein Junge auf dem ersten Pony fast heruntergefallen war, nachdem dieses einen Sprung zur Seite gemacht hatte, war ich doch froh, dass die Stunde bald vorbei war. Es war wirklich nicht einfach Reitlehrer zu sein und auf so viele Pferde gleichzeitig aufzupassen.
Erleichtert, dass trotzdem alles gut gegangen war und es keine Verletzten gab, betrat ich die Stallgasse. Am anderen Ende sah ich Juri, der wie so oft sein Pferd putzte.
„Willst du heute?,“ fragte er mich, als ich mich neben ihn stellte.
„Was meinst du?“
„Reiten.“
„Auf Kreacher?“
„Natürlich.“
„Wenn ich darf...“
„Hab ich doch gesagt“, Juri lächelte mich aufmunternd an.
„Na dann. Gerne.“
„Super. Ich hol dir den Sattel.“
Zehn Minuten später war ich derjenige, der in der Halle stand, schwang meinen Körper auf den Haflinger und lies ihn loslaufen. Kreacher war total brav und machte genau das, was ich von ihm wollte. Ich fühlte mich auf seinem Rücken richtig wohl. Jetzt wollte ich jedoch ein bisschen schneller reiten und trieb das Pferdchen in den Galopp. Kreacher sprang brav darauf an und rannte im gewünschten Tempo los. Plötzlich erschrak er vor einem Vogel, der draußen vor dem Fenster vorbei flog. Er bäumte sich auf und fing an zu buckeln, so als setzte er alles darauf an, mich aus dem Sattel zu werfen. Und es gelang ihm auch. Im hohen Bogen flog ich und landete im Sand. Es tat zum Glück kaum weh. Vorsichtig bewegte ich meine Arme und Beine und schließlich meinen Kopf. Nichts schien gebrochen oder ernsthaft verletzt zu sein. Sehr gut.
Ich hörte Fußschritte, die zu mir eilten.
„Billy! Bist du verletzt?“
„Alles okay.“
Man, war das peinlich! Jetzt war ich doch tatsächlich vor Juri vom Pferd gefallen. Insbesondere von seinem Pferd. Oh man. Jetzt durfte ich wahrscheinlich nie wieder auf Kreacher reiten.
Überhaupt – wo war der eigentlich?! Aber da sah ich ihn schon. Das Pony stand an der Bande und versuchte die Zierblumen in den Kästen zu fressen. Sehr gut, auch er war unverletzt.
„Gehts dir wirklich gut?“, Juri packte meine Hand und zog mich auf die Beine.
Ich nickte. Der Blonde begann, sich an meinem Sweatshirt zu schaffen zu machen. Er packte den Saum, zog ihn bis zum Bauchnabel hoch und begann zu schütteln. Kiloweise fiel der Sand heraus und auf den Boden. Es war mir unangenehm dass Juri meinen halbnackten Bauch vor sich hatte – aber noch schlimmer war, dass er ihn auch berührte. Ganz warm fühlten sich seine Fingerspitzen auf meiner Haut an und lösten eine Gänsehaut aus.
Ich wollte nicht, dass er mich berührte. Aber gleichzeitig fühlte es sich so schön an. Es war wie etwas, auf das ich lange gewartet hatte und ich jetzt endlich bekam. So war es aber auch. Früher hätte ich alles für diesen Moment getan, aber das war jetzt vorbei. Ich hatte Dean. Eigentlich hätte ich ihn wegstoßen sollen, doch es gelang mir nicht. Eher bedauerte ich es, als Juri meinen Pullover wieder los ließ.
„So, jetzt biste wieder sauber.“
Ich grinste. Wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.
Gemeinsam fingen wir Kreacher ein, dem die neu gewonnene Freiheit sehr angenehm war und brachten ihn auf die Weide. Denn das hatte er sich trotzdem verdient.
„Ich hab gehört, dass du heute früher aus hast.“ Nebeneinander joggten wir zurück zum Stall, denn es hatte mal wieder zu nieseln angefangen.
„Von wem das denn?“, fragte ich. Wer hatte Juri denn von meinen Arbeitszeiten erzählt?
„Carolin. Sie hat es in einem Nebensatz zufällig erwähnt.“
„Ach so.“
„Also was ist jetzt? Hast du jetzt früher aus oder nicht?“
„Ja hab ich.“
„Cool. Wann denn?“
Ich sah auf meine Armbanduhr. Mein Vater hatte sie mir damals zu meinem 12. Geburtstag gekauft. Ich würde sie nie wieder hergeben. Meine größte Angst war, dass ich sie verlieren würde.
„Es ist jetzt kurz nach zwei. In einer dreiviertel Stunde darf ich gehen,“ verkündete ich.
„Sehr gut. Dann helfe ich dir noch.“
„Und dann?“ Ich wusste nicht, was Juri damit erreichen wollte, wenn er mir half.
„Ich ähm, wollte dich fragen, ob wir nicht noch gemeinsam etwas unternehmen möchten?“, plötzlich klang der Blonde ganz verlegen.
Kurz überlegte ich, entschied mich dann aber dafür. Wieso auch nicht? Juri war für mich einfach nur ein Freund. Mehr war da nicht. Niemals würde er zwischen mir und Dean stehen. Jeden Zweifel daran verbannte ich aus meinem Kopf.
„Können wir machen. Aber wo gehen wir hin?,“ antwortete ich ihm.
„Oh, keine Ahnung. Kino?“
„Jetzt am Nachmittag?“
„Stimmt, das ist keine so gute Idee. Puh, was gibt es hier denn noch in der Nähe? Bock auf Schwimmen hast du nicht, oder?“
„Schwimmen? Du meinst jetzt hoffentlich nicht im See, oder?“
„Doch natürlich. Nass sind wir durch den Regen ja eh schon.“ Er lachte, als er mein entsetztes Gesicht sah. Ich hatte absolut keine Lust, bei diesem Sauwetter auch noch in den See zu springen. Bei der Kälte würden wir uns den Tod holen.
„Ich meine natürlich das Schwimmbad. Das hat doch auf, oder?“
„Ich glaub schon“, ich war noch ein bisschen unentschlossen. Würde ich wirklich mit Juri ins Schwimmbad gehen wollen?
„Gut. Also hast du Lust?,“ fragte der Blonde mich jetzt direkt.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ja schon.“
„Aber?“
„Ich hab keine Badesachen dabei.“
„Ich doch auch nicht. Ich fahr dich wieder nach Hause, dann packen wir unsere Sachen zusammen und treffen uns dann wieder bei dir? Du wohnst eh ganz in meiner Nähe, hab ich letztens festgestellt.“
„Okay. Dann machen wir das so,“ stimmte ich zu.
Ich gab es zu. Lust hatte ich schon, mit Juri ins Schwimmbad zu gehen. Ich war nur etwas nervös. Wie würde er reagieren, wenn er mich halbnackt vor sich sah? Noch dringender: Wie würde ich reagieren? Ich durfte Dean nur nicht erzählen, dass ich mit einem anderen Jungen schwimmen gehen würde. Ich wollte nicht, dass er eifersüchtig wurde. Nicht noch mehr, als er es eh schon war. Anscheinend hatte ich bald ein Geheimnis vor meinem Freund. Nicht das, was ich unbedingt wollte.
„Super! Dann beeilen wir uns, damit wir so schnell wie möglich loskommen.“

Kurze Zeit später saß ich tatsächlich schon wieder auf dem Beifahrersitz und ließ mich nachhause chauffieren. Der Motor des Golfes war noch lauter als letztes Mal und das komplette Auto noch mehr zugemüllt. Aber das störte mich nicht sonderlich. Es war viel besser als Fahrradfahren. Im Sommer ging dies ja noch, aber jetzt – mitten im Herbst – war es alles andere als angenehm, in die Pedale treten zu müssen.
Juri fand dieses Mal mein Haus, ohne dass ich es ihm erklären musste.
„Bis gleich,“ rief er mir noch zu, als ich die Tür öffnete und ausstieg.
Auf dem Weg zum Haus traf ich auf meine Mutter.
„Du wurdest schon wieder nach Hause gefahren.“
Ich antwortete schlicht und einfach mit: „Ja.“
„Läuft da was zwischen euch beiden?“
„Spinnst du?! Niemals. Und überhaupt, was geht dich das an?!“
Wütend stapfte ich an meiner Mutter vorbei. Auf dem Weg in mein Zimmer kamen mir erste Zweifel auf. Was, wenn meine Mum recht hatte? Schnell verwarf ich den Gedanken. Ich freute mich jetzt aufs Schwimmbad, andere Gedanken hatten jetzt in meinem Kopf nicht platz.

Kaum hatte ich meine sieben Sachen in einen Rucksack geschmissen und das letzte Geld aus meinem Sparschwein gekratzt, hörte ich schon, wie der Golf wieder auf den Hof fuhr. Der Vorteil bei diesem alten Wagen war, dass man ihn sofort erkannte.
Ich sprintete die Treppe wieder hinunter, vorbei an meiner Mutter, der ich keinen Blick schenkte und saß keinen Augenblick später erneut neben Juri.
„Wie alt bist du eigentlich?,“ fragte ich ihn, als er sein Auto zum Wenden brachte.
„19 – wieso?“
„Nur so.“
„Wie alt bist du denn?,“ wollte er jetzt von mir wissen.
„Erst 17. Wie kommt es, dass du schon so alt bist?“
„Ja, mit 19 ist man wirklich schon steinalt,“ grinste der Blonde, erklärte mir dann aber trotzdem, wieso er zwei ganze Jahre älter war als ich, obwohl wir in der gleichen Stufe waren. „Ich musste damals die achte Klasse wiederholen. War zu schlecht, um in die Neunte zu kommen.“
„Und trotzdem holst du gerade dein Abitur nach. Cool.“
„Ja. Musste nur ganz schön viel lernen.“
„Oh, das kenne ich.“ Nur zu gut erinnerte ich mich an die Zeit, in der ich meinen Realschulabschluss gemacht hatte. Nur mit Müh und Not hatte ich ihn geschafft. Ich war kein guter Schüler gewesen, vor allem mit Mathe hatte ich Schwierigkeiten gehabt. Umso glücklicher war ich gewesen, als ich trotzdem mein Abschlusszeugnis in der Hand halten durfte. Ich hatte zwar keine Bestnoten, aber bestanden hatte ich trotzdem.

„So, wir sind da.“
„Und wir scheinen Glück zu haben, es hat offen,“ bemerkte Juri.
„Sag ich doch.“ Ich grinste.
„Na dann beeil dich. Ich will endlich ins Wasser. Er packte meine Hand und zog mich mit sich mit.
Wir bezahlten und liefen den Gang entlang, auf der Suche nach Möglichkeiten zum Umziehen. Ich erstarrte, als Juri direkt auf die Sammelumkleide zusteuerte. Er wollte sich doch jetzt nicht vor mir umziehen – oder? Würde ich das schaffen, ohne dass ich ihn heimlich dabei beobachten würde? Das musste ich aber schaffen, wenn ich Dean behalten wollte.
Ich schien recht gehabt zu haben. Kaum hatten wir die Umkleide betreten, zog der Blonde sich schon sein Shirt über den Kopf und hängte es ordentlich in ein Schließfach. Jetzt war seine Jeans an der Reihe. Nacheinander öffnete er Gürtel, Knopf und Reißverschluss. Ehe ich mich versah, war sie ihm bis zu den Knien runter gerutscht.
Ich schluckte. Alle guten Vorsätze waren wie in den Wind geworfen. Ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Früher hätte ich alles dafür gegeben, ihn nackt vor mir zu haben. Jetzt war es falsch. Ich durfte es nicht machen. Mein Vater hatte meine Mutter betrogen. Ich durfte nicht auch diesen Fehler machen.
„Willst du in Klamotten ins Wasser?“
„Wieso?,“ fragte ich dümmlich. Ich war noch nicht wieder ganz bei Sinnen.
„Weil du noch angezogen bist.“
„Ach das meinst du. Ähm ja.“ Ich zog mir meine Jacke aus, hängte sie in den Spind neben Juris und fast schon schüchtern schälte ich mich aus meinem T-Shirt.
Juri tat mir den Gefallen und wandte seinen Blick ab. Ich tat das selbe, auch wenn ich es mir nicht nehmen konnte, hin und wieder aus den Augenwinkeln zu ihm zu linsen.
Ich war erleichtert, als er wenig später in Badeshorts vor mir stand. Das Umziehen war wohl schon mal gemeistert. Ich selbst zog mir nur noch den Bändel an meiner Badehose enger und band eine Schleife. Jetzt war auch ich bereit zum Baden.
Ich war schon lange nicht mehr im Schwimmbad gewesen, umso mehr freute ich mich auf das dargebotene Rutschenparadies.
„Ich würde sagen, wir gehen als erstes rutschen, oder“, wurde ich gefragt und stimmte zu.
Wir holten uns zwei dicke, mit Luft gefüllte Reifen, die man zum Rutschen brauchte. Juri wandte sich zuerst einer besonders steilen und gefährlich aussehenden Rutschbahn zu. Er legte seinen Reifen auf den Anfang der Bahn, wartete bis die Ampel auf grün schlug, grinste mich noch frech an und war dann schon im Tunnel der Rutsche verschwunden. Ich schluckte. Schon von außen hatte diese Rutsche schon sehr abenteuerlich ausgesehen. Wie würde es nur werden, wenn ich mich direkt in ihr befand? Recht viel Zeit zum Überlegen blieb mir jedoch nicht. Ich wollte vor Juri nicht als Feigling dastehen, also legte auch ich meinen Reifen auf das noch gerade Anfangsstück der Bahn. Viel zu schnell wechselte die Ampel vom roten aufs grüne Licht. Jetzt gab es keinen Weg zurück. Tief atmete ich ein letztes Mal durch, ehe ich mich auf den Reifen setzte und mich an der Wand abstieß.
Als erstes ging es einige Meter steil bergab. Mir stockte der Atmen und mein Magen fühlte sich so an, als befände er sich noch am Rutschenanfang. In rasanter Geschwindigkeit ging es weiter, durch sämtliche Kurven und weitere Abfälle. Zu meinem Entsetzen fand ich mich nach der Hälfte in völliger Dunkelheit wieder. Ich verlor völlig die Orientierung. Panik stieg in mir auf. Ich wollte unbedingt anhalten, aber das war unmöglich. Ich hatte das Gefühl, dass der Reifen eher immer schneller wurde. Endlich ging das Licht wieder an. Endlich sah ich das Ende der Rutsche vor mir. Selten war ich so froh gewesen. Ich plumpste mitsamt Reifen in das Wasser eines tiefen Beckens. Prustend kam ich wieder an die Oberfläche. Mir war noch immer ganz mulmig und mein Herz schlug noch immer in dreifacher Geschwindigkeit.
Ich bemerkte Juri, der am Beckenrand saß.
„Das war echt geil gewesen. Wollen wir nochmal?“
Krass, ihm hatte diese Höllenfahrt wirklich Spaß gemacht? Unglaublich.
„Oh nein, lieber nicht“, winkte ich ab, „was gibts denn hier sonst noch?“
„Einen Strömungskanal, aber der öffnet nur zur vollen Stunde und ein Becken, in dem künstliche Wellen erzeugt werden. Ist das eher etwas für dich?“
Ja, das gefiel mir schon besser und so machten wir uns gemeinsam auf in Richtung des Wellenbeckens. Dort konnte man sich sogar Surfbretter ausleihen und auf den Strömungen sein Glück versuchen. Juri hielt sich auf den Brettern viel besser als ich. Es sah schon fast so aus, als hätte er es schon hunderte Male gemacht. Ich traute mich aber nicht, ihn danach zu fragen. Trotzdem machte es mir viel mehr Spaß.
Wenig später öffnete zur meiner Begeisterung der Strömungskanal. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen ließen wir uns durch den Strudel gleiten. Juri schwamm die ganze Zeit über in mich rein, klebte schließlich schon fast an meinem Rücken. Ich wusste nicht, ob er das mit Absicht machte oder ihn die Stromschnellen unfreiwillig an mich pressten. Es fühlte sich aber schön an.
„Ich brauch jetzt erst mal eine Pause“, bemerkte Juri, nachdem die Drüsen des Strudels wieder abgestellt wurden.
„Wollen wir uns zwei Liegestühle suchen?“, schlug ich vor.

„Ich habe eine bessere Idee“, er packte meine Hand und zog mich mit. Hinter einer Trennwand, direkt unter einer Rutsche, befand sich ein Whirlpool. Zu meiner Verwunderung war er leer. Juri war sofort hinein geklettert und hatte sich auf den mit Polstern versehenen Rand gesetzt. Ich setzte mich gegenüber von ihm, unsere Beine berührten sich in dem kleinen Becken. Hier, im warmen Wasser, zwischen den vielen Blubberblasen, ließ es sich super entspannen. Ich schloss meine Augen und lehnte meinen Kopf zurück. So bemerkte ich auch nicht, wie Juri immer näher an mich ran rutschte, bis er schließlich neben mir saß. Verwundert öffnete ich meine Augen. Juri sah mir lange direkt in die Augen. Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, dass er mich gleich küssen würde. Dieser Gedanke bestärkte sich noch, als er seinen Kopf in meine Richtung senkte. Innerlich wusste ich, was zu tun war. Ich müsste ihn wegstoßen, doch ich schaffte es nicht. Sein Gesicht näherte sich weiter und schließlich spürte ich seinen Kopf auf meiner Schulter.
„Ich hoffe, das ist okay,“ flüsterte er leise.
Ich nickte. Ich versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich froh sein könnte, dass Juri nicht versucht hatte, mich zu küssen.
Wieso war alles nur so scheiße kompliziert?! Wieso musste ich Juri unbedingt dann wieder sehen, wenn ich doch schon längst mit Dean zusammen war? Am besten wäre es, wenn ich den Kontakt zu Juri abbrechen würde. Aber das würde nicht so leicht gehen, schließlich würden wir uns täglich im Stall wieder sehen. Außerdem wollte ich ihn gar nicht wieder los werden. Ich verstand mich so gut mit ihm. Er war so lustig und es machte Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen. Aber scheiße – was machte ich nur mit Dean?! Ich wollte ihn nicht verlieren. Ich liebte meinen Freund. Ich liebte ihn auch. Meine Gefühle für den Blonden, die ich fast ein Jahr lang erfolgreich unterdrückt hatte, waren wieder empor gestiegen. Wahrscheinlich waren sie nie wirklich vollständig weg gewesen. Es hatte keinen Zweck mehr, mich weiter zu belügen.
Sein Kopf, so nah an meinem. Ich konnte seinen Atem fühlen. So schön warm fühlte sich seine Haut an meiner an. Noch ehe ich mich versah, hatte ich meinen Kopf so gut es ging gedreht und ihm einen Kuss auf die Lippen gepflanzt.

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Re: Das Glück dieser Erde

Beitragvon Svenni » 31 Jan 2017, 19:13

So, der letzte Teil :) Ich bin aber immer noch auf eure Meinungen gespannt und will wissen, was ihr von Billy haltet. ^^

Einen Moment blieben wir so. Lippen an Lippen. Bis ich erschrocken zusammen zuckte. Was machte ich da?! Was zur Hölle! Dass... das durfte ich doch nicht. Ich sprang auf. Nur weg hier. Nichts wie weg. Ich rannte. Rannte den klitschig nassen Boden des Schwimmbades entlang. Fast wäre ich ausgerutscht, doch kaum hatte ich mich wieder gefangen, sprintete ich noch schneller. Ich wollte raus hier. Der Bademeister rief mir etwas hinter her, doch ich reagierte nicht. Endlich erreichte ich die Umkleidekabine. In Windeseile zog ich mir meine Badehose aus, sperrte mein Schließfach auf und zog mir ohne mich überhaupt abzutrocknen meine Klamotten wieder an. Ich befürchtete, dass Juri jeden Moment in die Umkleide kommen würde. Ich wollte ihn jetzt nicht sehen. Am besten nie wieder. Doch er kam nicht.
Nach gefühlten Stunden stand ich endlich draußen auf den Straßen vor dem Hallenbad. Ich zitterte am ganzen Körper. Es war kalt, meine Kleidung und meine Haare waren nass. Zitternd schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nachhause. Ich zwang mich, währenddessen an nichts zu denken. Ich wollte mir nicht Deans trauriges Gesicht vorstellen, wenn ich es ihm erzählte. Ob er sich von mir trennen würde? Ich hatte eine wahnsinnige Angst davor.
Der Weg vom Schwimmbad bis zu mir nach Hause war weit, wenn man ihn zu Fuß gehen musste. Es schien mir, als würde er niemals enden. Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper und meine Finger und Füße spürte ich schon lange nicht mehr. Sie waren wie eingefroren.
Nur mit großer Mühe gelang es mir, den Haustürschlüssel ins Schloss zu stecken und umzudrehen. Ich lauschte, doch das Haus blieb leise. Ich war wohl alleine. Zur Abwechslung machte es mir diesmal nicht wirklich etwas aus. In diesem Moment war ich gerne alleine. Ich wollte nicht, dass Mum mich so sah: zitternd, mit blau angelaufenen Lippen. Sie hätte nur wieder irgendwelche blöden Fragen gestellt, obwohl sie genau wusste, dass es sie nichts an ging, wo ich gewesen war und was passiert war.
Ich schlich nach oben, legte mich ins Bett und zog die Bettdecke über meinen Kopf. Am liebsten wäre ich nie wieder herausgekommen.

Fast zwei Wochen war ich krank. Ich lag mit einer schweren Mandelentzündung im Bett und schlurfte literweise Kamillentee und aß Zwieback. Normalerweise hasste ich es, krank zu sein. Denn wenn man krank war, durfte man nicht in den Stall. Doch jetzt war mir das alles ganz recht. So musste ich Juri nicht sehen. Ich wusste nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. Die ersten Tage lang war ich sauer auf ihn gewesen. Ich gab ihm die Schuld an allem. Später bemerkte ich jedoch, dass das nicht richtig war. Juri hatte nichts gemacht. Ich hatte ihn geküsst. Ich war derjenige gewesen, der Scheiße gebaut hatte.
Eigentlich hätte ich es schon längst Dean erzählen müssen, was ich gemacht hatte. Er wusste, dass ich krank war und rief jeden Abend an. Doch noch kein einziges Mal hatte ich den Mut gehabt, ihm zu sagen, dass ich jemand anderen geküsst hatte. Lieber belog ich ihn jeden Tag aufs Neue. Ich war so ein schlechter Freund...
Langsam schälte ich mich aus dem kuschelig weichen Bett. Es ging mir heute schon wieder besser. Zum Glück, denn heute war die Geburtstagsfeier von Silke, meiner Chefin. Eine große Feier mit vielen Leuten war geplant und ich wollte nicht fehlen. Schon seit Wochen hatte ich mich auf diesen Tag gefreut, auch wenn es hieß, dass ich Juri wieder sehen würde. Ich fragte mich, wie dieser nur reagieren würde. War er sauer auf mich, weil ich ihm im Schwimmbad einfach so stehen gelassen hatte? Aber eigentlich konnte mir das alles egal sein. Es sollte mich nicht interessieren, was der Blonde über mich dachte. Trotzdem merkte ich, dass es nicht so war.

Auf dem ganzen Hof verteilt standen überall Bierbänke und billige Holztische. An der Außenwand entlang der Halle war an einer langen Tafel das Buffet aufgebaut. Überall duftete es herrlich nach gebratenen Würsten, Kartoffelsalat und Pommes. Ich hatte die letzten vierzehn Tage kaum etwas gegessen, umso mehr lief mir bei der Aussicht, endlich wieder etwas Richtiges zwischen die Zähne zu bekommen, das Wasser im Mund zusammen. Direkt gegenüber davon stand eine improvisierte Bar, hinter der Silkes Mann und zwei Freunde von ihm Bier und andere Getränke ausschenkten. Zwischen all den Menschen wuselten mindestens zehn Hunde verschiedener Größe und die Pferde auf der Weide sahen neugierig zu uns hinüber.
„Hey Billy! Hier sind wir“, rief mich eine Stimme.
Suchend sah ich mich um und sah Carolin, die auf einer Bierbank saß und mir freundlich zu winkte. Neben ihr saß – ich schluckte – Juri.
Langsam ging ich zu den beiden. Hatte Juri Carolin von unserem Kuss erzählt? Ich hoffte, dass es nicht so war. Und ich schien recht zu behalten, denn das Mädchen machte gar keine Anstalten, mich irgendwie darauf anzusprechen. Auch Juri blieb stumm.
„Gehts dir wieder besser?“, fragte Carolin mich stattdessen besorgt.
Ich nickte: „Ja, danke. Alles wieder in Ordnung.“
„Sehr schön. Viel verpasst hast du in den zwei Wochen eigentlich nicht. Wir haben nur erfahren, dass Frau Stöckl ihren Baldur wieder zurück bekommt. Die neuen Besitzer waren mit ihm total überfordert. Ich dachte, du freust dich bestimmt, wenn du das hörst.“
Und das tat ich auch. Das dunkelbraune Pferd, das ich früher oft reiten durfte, war mir richtig ans Herz gewachsen. Umso schöner, dass ich ihn jetzt wieder bei mir hatte. Auch, wenn ich nicht wusste, ob Frau Stöckl Baldur jetzt endgültig behalten wollte oder ihn wieder verkaufen würde.

Juri sagte die ganze Zeit kein Wort, sondern saß nur stumm neben Carolin und lauschte unserem Gespräch. Immer wieder wanderte mein Blick zu ihm. Er sah so hübsch aus in dem blauen Hemd, das er extra für heute Abend angezogen zu haben schien. Es passte perfekt zu seinen hellen Augen, auch wenn diese heute Abend trauriger als sonst dreinschauten. Oder bildete ich mir das nur ein? Seine Augen, die sonst immer so schön strahlten, waren damals das Erste gewesen, in das ich mich bei ihm verliebt hatte. Seine leuchtenden hellblauen Augen, die heute irgendwie dunkler aussahen.
Scheiße, jetzt dachte ich schon wieder über ihn nach. Das war doch genau das, was ich vermeiden wollte!
Schnell stand ich auf und lief zur Bar. Silkes Mann drückte mir eine Bierflasche in die Hand. Sehr gut, die hatte ich jetzt wohl verdient. Normalerweise trank ich nicht gerne Alkohol, erst recht kein Bier, aber jetzt brauchte ich es. Juri sah mich an, als ich mich wieder zu den beiden setzte und öffnete seinen Mund, als würde er etwas sagen wollen, doch schloss ihn dann sofort wieder.
Ich plapperte währenddessen mit Carolin und versuchte angestrengt, so zu wirken, als wäre alles in Ordnung. Doch das war es nicht. Nichts war in Ordnung.
Nach kürzester Zeit war die Bierflasche geleert und ich hatte mir eine Zweite besorgt. Langsam merkte ich den Alkohol, der sich in mir befand. Durch die Tatsache, dass ich sonst nie trank, spürte ich recht schnell, wie er mir zu Kopf stieg. Bereits nach der dritten Flasche sah ich alles doppelt und es wirkte, als wäre alles mit einem grauen Schleier versehen.
„So langsam reicht es, Billy“, Carolin hielt mich entschlossen auf, als ich abermals auf dem Weg zur Bar war, „irgendwie bist du heute komisch drauf. Ist irgendetwas passiert?“
Ich schüttelte den Kopf. Nie im Leben könnte ich ihr von dem Kuss erzählen. Sie wusste, dass ich mit Dean zusammen war und würde mir die Hölle heiß machen, wenn sie erfahren würde, dass ich Juri geküsst hatte. Und das wollte ich auf gar keinen Fall.
„Du kannst doch mit uns reden. Was bedrückt dich denn so? Ich weiß das etwas ist, sonst greifst du doch auch nicht gleich zum Alkohol.“

„Ich kann nicht“, wisperte ich. Sehr gerne hätte ich insgeheim eine Person gehabt, mit der ich darüber sprechen konnte. Vielleicht würde mir die ganze Situation dann leichter fallen. Aber die Person gab es nun mal leider nicht. Nicht mehr, denn mein Vater war ja leider gestorben.
„Aber wieso denn? Moment mal – hat das etwas mit euch beiden zu tun?“, jetzt wandte sich Carolin an Juri, „auch du verhältst dich seit Tagen schon irgendwie komisch.“
Keiner von uns beiden sagte daraufhin ein Wort, woraus Carolin schließen konnte, dass sie Recht hatte.
„Ich weiß zwar nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber ich will, dass ihr das regelt“, beschloss sie, „ich verstehe mich mit euch beiden sehr gut und ich will nicht, dass unsere Freundschaft in die Brüche geht, nur weil ihr beide irgendeinen Streit habt. Ihr beredet das jetzt am besten.“
Somit stand sie auf und lief in Richtung Weide; ließ uns beide alleine am Tisch zurück.
Juri und ich schwiegen uns erst mal für lange Zeit an. Doch dann stand er auf: „Carolin hat recht. Wir sollten miteinander reden. Aber nicht hier, komm mit.“
Ich zögerte noch, doch dann folgte ich dem Blonden in den Stall. Darin war es recht dunkel, da kein Licht angeschaltet war und draußen die Sonne schon unterging. Alle Pferde befanden sich auf den verschiedenen Koppeln, also hatte auch keiner einen Grund, hier hereinzukommen. Keiner, außer wir beide. Ich begleitete Juri zu Kreachers leerer Box in der Ecke. Er öffnete das Boxentor und setzte sich in das weiche Einstreu.
„Hier sind wir ungestört“, meinte er noch.
Ich wusste nicht so recht, was ich von diesem Satz halten sollte. Aber ich setzte mich neben ihn, das Stehen fiel mir mittlerweile schwer.

„Das im Schwimmbad tut mir Leid. Ich wollte das nicht.“
Ich sah ihn an, wollte etwas entgegensetzten, doch Juri sprach einfach weiter: „Ich weiß, dass du einen Freund hast, Billy. Und ich will ganz sicher nicht zwischen euch stehen.“
„Es... es war meine Schuld“, murmelte ich, „ich hab dich geküsst.“
„Ja, aber ich habe es herausgefordert. Schließlich habe ich dich mit genau dieser Absicht überhaupt in den Whirlpool gelockt.“
„Echt?“
„Ja. Und es tut mir Leid. Wirklich. Ich hätte das niemals tun dürfen.“
„Aber wieso hast du es dann gemacht?“
„Ich weiß es nicht. Es lag vielleicht daran, dass ich die ganze Zeit schon wusste, dass du in mich verliebt warst. Katja hat es mir damals erzählt. Aber leider erst, nachdem wir mit der Schule fertig waren und ich dich nicht mehr gesehen habe.“
Katja war meine ehemalige beste Freundin. Nur gut konnte ich mich daran erinnern, wie ich ihr jeden Tag von Juri vorgeschwärmt hatte. Leider war durch einen dummen Streit unsere Freundschaft gegen Ende des letzten Schuljahres zerbrochen und ich hatte bis heute nichts mehr von ihr gehört.
„Was hast du dann gemacht?“, fragte ich leise.
„Ehrlich gesagt nicht wirklich etwas. Ich habe es nur bereut, dass ich dich nicht besser kennengelernt hatte. Aber als ich dich dann hier zum ersten Mal wieder gesehen hatte, habe ich gehofft, du könntest doch noch immer Interesse an mir haben. Ich wollte dich jetzt kennenlernen, nachdem ich es jahrelang in der Schule nicht geschafft hatte. Als ich dann erfahren habe, dass du mittlerweile einen Freund hast, hab ich gemerkt, dass ich mich anscheinend doch in dich verliebt habe. Ich fand es so schön, Zeit mit dir zu verbringen.“
Ich wusste nicht, was ich zu all dem sagen sollte. Juri... Juri war in mich verliebt?! Das konnte ich mir gar nicht vorstellen.
„Auf jeden Fall will ich dir nur sagen, dass es mir Leid tut. Ich hätte mich niemals zwischen dich und deinen Freund stellen sollen. Es war idiotisch zu hoffen, dass du noch an mir interessiert bist und es war einfach nur saublöd von mir, dich quasi zu zwingen, mich zu küssen. Es tut mir wirklich Leid.“
Er wollte aufstehen und verschwinden – womöglich auch aus meinem Leben. Jetzt war ich der, der ihn aufhielt. Ich packte seine Hand und zog ihn wieder zu mir nach unten. Ich sagte kein einziges Wort, sondern umschlang ihn mit meinen Armen, presste ihn so eng an mich wie es nur ging. Wieder einmal war ich derjenige, der ihn küsste. Fast schon schmerzhaft presste ich meine Lippen auf die seinen. Am Anfang wehrte er sich noch etwas dagegen, doch er gab schnell auf und küsste mich zurück. Ich spürte seine Zunge in meinem Mund und es fühlte sich so schön an.
Ich war derjenige, der sich schließlich an seinem Pullover zu schaffen machte und ihm diesen auszog. Ich dachte einfach nicht darüber nach, was ich da gerade machte. Ich wollte nicht wissen, ob es jetzt gut oder schlecht war und mein Gewissen war so gut wie weggeblasen. Ich dachte in diesem Moment nicht an Dean in Berlin, sondern nur daran wie schön Juri sich unter meinen Händen anfühlte.
Am Anfang war er noch etwas zögerlich, aber dann ließ auch er sich auf mich ein. Wir streichelten uns, küssten uns und zogen uns immer weiter aus, bis wir letzten Endes beide nackt in Kreachers Box lagen.
„Du bist so wunderschön“, flüsterte er mir ins Ohr und löste damit eine Gänsehaut auf mir aus.
Meine Lippen suchten die seinen und fanden sie schließlich auch. Fest drückten wir abermals unsere Lippen aufeinander, ich spürte seine Zunge in meiner Mundhöhle. Das alles war so schön. Vorsichtig löste Juri seine Lippen von meinen, nur um anschließend meine Wangen und meine Nase zu küssen. Langsam wanderte er immer weiter nach unten, liebkoste meinen Hals und küsste sich meine ganze Brust entlang bis zu meinem Bauch.
Es war einfach …. wow. Kein Wort konnte diese Situation beschreiben, in der ich mich gerade befand. Wie lange hatte ich genau darauf gewartet? Wie oft hatte ich es mir heimlich in meinem Bett ausgemalt, wie es nur wäre, mit Juri zu schlafen? Jetzt war endlich dieser Moment da. Ich wollte ihn jetzt so unbedingt, Dean war längst aus meinen Kopf verbannt.
Ich spürte, wie Juri sich auf mich legte. Seine Haut auf meiner – es war ein unglaubliches Gefühl. Zärtlich fuhr ich mit meinen Fingerspitzen seine Wirbelsäule entlang. Wohlig seufzte er auf und fing erneut an mich zu küssen. Aber ich begann jetzt mich an ihm zu reiben. Das war gut, sehr gut sogar. Wir keuchten beide, als sich unsere Körpermitten berührten und eng aneinander gepresst wurden. Das war unglaublich. Unglaublich schön. Ich ließ mich komplett gehen. Juris Geruch, seine Haut auf meiner, sein Atem an meinem Hals, sein Keuchen – das alles bewirkte, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Es war so unglaublich gut. Längst hatte ich vergessen, dass hundert Menschen draußen auf dem Hof feierten und jederzeit jemand den Stall betreten konnte.
Wir pressten unsere Lippen noch fester aufeinander, als wir beide gleichzeitig kamen.
Völlig verschwitzt blieben wir nebeneinander liegen und versuchten, wieder zu Atem zu kommen.
„Das ist so schön gewesen“, flüsterte ich nach einiger Zeit leise, nachdem wir uns wieder etwas beruhigt hatten, doch ich erhielt keine Antwort. Juri lag einfach nur da und hatte seine Augen geschlossen. Es schien, als würde er schlafen. Ich lächelte. Er sah dabei so süß aus. Ich zog ihn in meine Arme, legte meinen Kopf auf seine Schulter und war auch bald darauf ins Land der Träume abgedriftet.

Ich wachte auf. Mein Kopf tat mir unglaublich weh. Ich lag unbequem, Heu pikste mir in den Rücken. Ich wusste nicht, wo ich war. Langsam hob ich meinen Kopf und sah mich dabei um. Ich befand mich in einer Pferdebox. Plötzlich fiel mir alles wieder ein. Ich realisierte, was ich gestern getan hatte. Ich… ich hatte Dean betrogen. Mit Juri. Apropos, wo war dieser nur? Ich sah neben mich, obwohl ich bereits wusste, dass er nicht mehr neben mir lag. Aber ich war mit einer Pferdedecke zugedeckt. War er das gewesen? Stöhnend rappelte ich mich auf und zog meine Kleidung an, die neben mir im Heu verteilt lag.
Tränen stiegen mir in die Augen, als ich daran dachte, was ich getan hatte. Ich war fremd gegangen. Ich hatte meinen Freund betrogen. Dean...
Wie Bäche liefen mir die Tränen aus den Augen, während ich auf mein Fahrrad stieg und nach Hause fuhr. Ich fühlte mich so richtig elend. Ich hatte einen großen Fehler gemacht. Niemals hätte ich Dean betrügen wollen und hatte es trotzdem gemacht. Konnte er mir jemals verzeihen? Würde ich mir selbst verzeihen können?
Ich stand vor der Haustür, wollte gerade aufsperren, als meine Mutter mir entgegen stürzte.
„Oh mein Gott, Billy!“, rief sie, als sie mich heulend sah, „Was ist passiert?“
Ich drückte mich an ihr vorbei. Wie kam sie nur auf die Idee, dass ich ihr davon erzählen würde?!
Doch sie folgte mir: „Billy, du siehst schrecklich aus! Sag mir doch, was ist passiert?“
Ich knallte ihr die Zimmertür vor der Nase zu und legte mich aufs Bett. Ich konnte die Tränenflut einfach nicht stoppen. Es war so Scheiße. Ich … ich musste zu Dean. Sofort! Aber würde das gehen?
Ich zuckte mit den Schultern. Es musste! Es war mir alles egal, ich musste nur sofort nach Berlin. Und nie wieder hier her zurück. Ich zog meinen Koffer unter dem Bett hervor. Er würde doch früher wieder zum Einsatz kommen, als ich ursprünglich gedacht hatte. Kreuz und quer schmiss ich Klamotten und andere Dinge in das Gepäckstück. Schon bald war er voll, also kramte ich den zweiten Trolli hervor, der ursprünglich meinem Vater gehört hatte. Als beide Koffer gefüllt waren, schlich ich mich nach draußen. Ich hatte Glück, meine Mutter bemerkte es nicht.
Ich dachte nicht nach, was ich da gerade tat. Ich ignorierte, dass meine Mutter sich trotz allem Sorgen machen würde, wenn ich ohne ein Wort verschwand und ich verschwendete auch keine Sekunde an meine Arbeit. Heute war Sonntag, aber spätestens am Montag würde Silke mich brauchen. Aber das war mir jetzt egal.
Mit einem Trolli war damals der Weg vom Bahnhof zu mir nach Hause schon schwierig gewesen, jetzt hatte ich sogar zwei davon. Ich nahm diesmal jedoch die Hauptstraße, an der ich nun entlang ging. Sollte mich doch nur jemand überfahren – es war mir egal.
Am Bahnhof angekommen machten sich die ersten Zweifel breit. Damals war ich mit dem ICE nach Berlin gefahren, aber um mit diesem wieder zufahren, hätte ich einen Platz reservieren müssen. Ich würde wohl mit den normalen Zügen fahren müssen und keine Ahnung wie oft umsteigen müssen.

Ich konnte es kaum glauben, aber ich hatte es tatsächlich geschafft. Viele Stunden später befand ich mich tatsächlich am Berliner Hauptbahnhof. Unglaublich, ich hatte es bis hier her geschafft, obwohl ich schwarz gefahren war. Mein letztes Geld hatte ich für den idiotischen Schwimmbadbesuch mit Juri ausgegeben.
Unsicher sah ich mich am Vorplatz des Bahnhofes um. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass ich Dean sehen würde, so bald ich in Berlin ankommen würde. Aber er wusste ja gar nicht, dass ich kommen würde. Sollte ich ihn anrufen? Ich kramte mein Handy hervor und wählte seine Nummer.
„Hey Schatz“, meldete er sich sofort. Er klang so, als hätte er gute Laune.
„Hi“, flüsterte ich nur. Es war komisch, seine Stimme zu hören, jetzt, nachdem so viel passiert war.
„Geht es dir wieder besser?“
„Ja.“
„Das ist schön. Ich hab mir echt Sorgen gemacht.“
„Dean?“
„Ja? Was ist los?“
„Ich bin hier“, wisperte ich ins Telefon. Auf unerklärliche Weise wusste ich nicht mehr, ob es das Richtige war.
Schweigen am anderen Ende. Doch dann: „Was meinst du damit?“
„Ich bin in Berlin. Am Bahnhof.“
Noch einmal hörte ich keine Antwort, nur eine klägliche Stille.
„Dean?“
„Ich hole dich sofort ab. Bin gleich da.“
Er legte auf.

Ich sah sein Auto, das direkt vor mir hielt. Dean sprang aus dem Wagen und lief auf mich zu. Wir fielen uns in die Arme. Endlich waren wir wieder zusammen. Ich vergrub mein Gesicht tief in seiner Halsgrube. Er roch so gut. Aber ich fing wieder an zu weinen. Ich konnte es nicht aufhalten, die Tränen mussten raus. Dean umarmte mich fester und bugsierte mich in Richtung Beifahrertür.
„Komm, wir fahren nach Hause. Dann reden wir. Ist etwas Schlimmes passiert?“
Ich nickte und Dean schluckte. Er ließ von mir ab, wir setzten uns ins Auto und er startete den Motor. Die Fahrt dauerte nicht lange. Wir erwischten alle Ampeln in grün und hatten auch keinen Stau vor uns. In seiner Wohnung angekommen legte mein Freund sich mit mir auf die Couch. Ich kroch auf ihn, legte meinen Kopf auf seine Brust.
„Erzähl mir, was ist passiert?“, er streichelte meine Haare. Es fühlte sich so schön an.
„Ich... ich hab...“, meine Stimme brach.
Dean massierte weiter meine Schläfen. „Du musst keine Angst haben. Ich bin bei dir.“
„Ich hab dich betrogen.“ Ich sprach so leise, dass ich am Anfang glaubte, dass er es gar nicht gehört hatte. Doch er hatte mich verstanden.
„Du hast was?!“, schrie er entsetzt auf und sprang in Windeseile vom Sofa auf, sodass ich fast auf dem Boden landete.
„Das ist jetzt ein Scherz von dir, oder?! Das darf nicht wahr sein!“
„Doch. Doch es ist wahr.“
„Mit wem? Diesem Neuen aus dem Reitstall?“, noch nie hatte ich Dean so sauer erlebt. Er war sonst immer so still und ruhig, nie hätte ich gedacht, dass er so brüllen konnte.
Ich zog meinen Kopf ein, dann nickte ich.
„Und du besitzt die Frechheit, jetzt noch zu mir zu kommen?! Und ich hol dich auch noch ab und lass dich in meine Wohnung...“
„Aber Dean! Ich... ich liebe dich.“
„Weißt du wie scheißegal mir das jetzt ist?!“, zischte er mir entgegen.
„Bitte!“, heulte ich, doch es nützte nichts.
„Du musst mir zuhören. Es tut mir so leid“, doch es nützte nichts. Dean packte mich grob am Arm und zerrte mich zu seiner Wohnungstür. „Raus hier! Das hätte ich niemals von dir gedacht, Billy! Ich dachte wirklich, zwischen uns wäre etwas ernstes. Aber das kannst du jetzt vergessen. Ich will dich nie wieder sehen!“
Er knallte die Tür vor mir zu. Niemals hätte ich gedacht, dass er mich einfach so raus werfen würde. Es sollte doch alles gut werden...

Ich setzte mich vor der Wohnung auf die Treppe und betete, dass die Tür noch einmal aufgehen würde. Und das tat sie auch. Kurz erstarrte ich, als ich Deans Gesicht sah. Aber er nutzte diesen Augenblick nur, um mir meine Koffer in hohem Bogen entgegnen zu werfen. Der Koffer meines Vaters ging dabei kaputt. Dann schloss sich die Tür wieder: für mich für immer.

In den nächsten drei Wochen kümmerten sich sehr viele Leute liebevoll um mich. Ich war für die Zeit von der Arbeit freigestellt. Carolin war so lieb und schaute jeden Tag bei mir vorbei, brachte Plätzchen und Schokolade vorbei und hörte mir zu, wenn ich über mein Elend klagte.
Ich hatte auch so ein Glück, dass ich eine so nette Chefin hatte. Silke rief mich immer wieder an, erkundigte sich nach meinem Befinden und gönnte mir die Auszeit, die ich mir ihrer Meinung nach mehr als verdient hatte.
Zu meiner großen Überraschung war auch meine Mutter für mich da. Sie kochte für mich Unmengen von Tee, besorgte mir Zeitschriften und Bücher zum Lesen und bemühte sich, eine gute Mutter zu sein. Es tat mir mittlerweile schon etwas leid, dass ich in den letzten Jahren so kühl und oftmals auch gemein zu ihr gewesen war. Vielleicht würde unser Verhältnis doch noch etwas besser werden?
Aber am Wichtigsten war für mich Juri. Er war die ganze Zeit bei mir. Fast vierundzwanzig Stunden lang tröstete er mich, streichelte mich und war einfach da. Er wohnte in dieser Zeit sogar bei mir und schlief mit mir in einem Bett. Ich genoss es, so von ihm verwöhnt zu werden und ihn zu küssen. Ich fand es toll, dass er sich solche Mühe mit mir gab.
Ich vermisste Dean immer noch sehr, schließlich hatte ich ihn einst geliebt, aber es wurde von Tag zu Tag besser. Und das hatte ich nur Juri zu verdanken. Er war so super.

Der Wecker klingelte. Ich rollte mich auf die andere Seite. Ich war noch so müde, ich wollte jetzt nicht aufstehen.
„Guten Morgen, Billy“, flüsterte eine Stimme in mein Ohr, die ich trotz Halbschlaf als Juris identifizieren konnte.
„Mhm“, grunzte ich nur und wollte weiterschlafen. Ich hatte gerade so gut geträumt – von Juri und mir. Von Dean träumte ich seit letzter Woche nicht mehr.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
„Was?“
„Du hast heute Geburtstag. Heute wirst du 18“, erwiderte Juri stolz.
„Oh echt?“
„Ja.“
Oh Mist. Ich hatte meinen eigenen Geburtstag vergessen. Ich hatte so viele andere Gedanken im Kopf gehabt, dass ich daran gar nicht mehr gedacht hatte.
Endlich öffnete ich meine Augen und sah sofort Juris strahlendes Gesicht vor meinem. Er beugte sich zu mir runter und küsste mich.
„Nochmal alles, alles Gute,“ wisperte er und zog mich in seine Arme. Ich genoss seine Berührung. Es war so schön, ihn an meiner Seite zu haben. Ich hoffte, dort würde er für immer bleiben und mich nie wieder loslassen.
„Komm, wir müssen in den Stall.“
„In den Stall? Wieso?“
Juri grinste: „Überraschung.“
Jetzt war ich gespannt. Schnell schlug ich meine Bettdecke zurück und zog mich unter den begeisterten Blicken Juris an.
„So, wir können los“, bemerkte ich. Jetzt war ich total aufgeregt. Ich liebte Überraschungen und besonders die, die mein neuer Freund für mich organisierte.
„Sehr gut, dann komm“, er packte meine Hand und zog mich mit sich die Treppe hinunter.
Kurz machten wir noch in der Küche halt und ich erblickte einen riesigen Schokoladenkuchen mit Kerzen. Auch ohne sie zu zählen wusste ich, dass es 18 Stück waren.
Meine Mama hatte für mich einen Kuchen gebacken. Meinen ersten Geburtstagskuchen seit Jahren! Ich musste mich später unbedingt bei ihr bedanken.

Kaum hatte ich die Autotür geöffnet, kam mir der bekannte Geruch nach Pferden, Heu und Mist entgegen. Oh, wie sehr hatte ich den denn nur vermisst! Es fühlte sich an, als würde ich nach langer Zeit endlich wieder nach Hause kommen. Und ein wenig war es auch so. Jetzt würde alles besser werden, ich hatte Juri an meiner Seite. Auf ihn hatte ich so lange gewartet und ihn nie wirklich aus meinem Herz gelassen. Jetzt gehörte er mir und das hoffentlich für immer.
„Wir haben lange überlegt, was wir dir zum Geburtstag schenken“, gab Juri zu, „aber Silke hatte dann die beste Idee von allen. Aber schau selbst.“
Abermals nahm er meine Hand in seine und zog mich um die Ecke. Und dort standen sie alle: Carolin, Silke, Frau Stöckl und etliche andere Pferdebesitzer und – zu meiner größten Überraschung – sogar meine Mum. Sie stand am Rand der anderen und hatte zwei Pferde an den Stricken. Der kleine Haflinger war der unverwechselbare Kreacher. Seine weiße Blesse strahlte mir richtig entgegen. Und das zweite Pferd war – Baldur. Das braune, große Pferd von Frau Stöckl. Das Pferd, das verkauft worden war.
„Alles Gute“, flüsterte Juri mir abermals zu, „das ist dein Geschenk. Ich hoffe, du freust dich.“
Ich starrte ihn perplex an. Doch so langsam begann ich zu checken. War – war Baldur jetzt etwa mein Pferd?!
Ich schien recht gehabt zu haben, denn jetzt sah ich die rote Schleife, die um Baldurs Hals gebunden war.
„Ist das … ist das wirklich wahr?“
„Natürlich. Und jetzt geh zu ihm. Er ist deiner. Nun können wir endlich richtig gemeinsam ausreiten gehen.“
Ich setzte mich in Bewegung. Es war wie im Traum, als ich endlich bei meinem eigenen Pferd an kam. Vorsichtig streichelte ich das braune, kurze Fell. Baldur stupste mich mit seiner Nase an. Er hatte mich wiedererkannt.
Ich konnte mein Glück kaum glauben. Tränen stiegen mir in die Augen, aber diesmal weinte ich vor Freude.
„Danke. Vielen Dank,“ stotterte ich. Es war an keinen Einzelnen gerichtet, sondern an alle Leute, die um mich herum standen.
Carolin war die Erste, die mich umarmte. Alle anderen folgten. Sie drückten mich ebenfalls oder klopften mir auf die Schulter. Als letztes kam meine Mum an die Reihe.
„Alles Gute zum Geburtstag mein Sohn“, sprach sie leise.
Und ihre Umarmung war mit Abstand die Schönste an diesem Tag.

 


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