Bauchgefühle

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Saltoboy
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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Saltoboy » 29 Aug 2018, 00:39

Dieses Mal ging es auch wieder nicht ganz so fix, aber immerhin etwas schneller als die letzten Male :D Danke für die Kommentare :)





„Wieso hast du Leo nichts gesagt?“ fragte Hugo irgendwann ganz plötzlich, als sie später im Zug saßen.
Branko zuckte die Schultern und sah nachdenklich aus dem Fenster. „Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis danach,“ murmelte er nach einer Weile.
Hugo atmete tief ein. „Kann es irgendwie sein, dass du ihm nicht wirklich verziehen hast?“ fragte er leise mit steiler Falte auf der Stirn. „Es wirkt jedenfalls immer so, als wärst du ein bisschen wütend auf ihn. Wenn ich mit meinen Freunden was mache ist es jedenfalls selten so angespannt.“
Branko zögerte. „Es ist einfach nicht mehr wie früher und das versteht er irgendwie nicht.“
Branko sah Hugo nicht an. „Das ist echt schade,“ murmelte er.
„Ich habe ihm auch gesagt, dass er nicht mehr mein bester Freund ist und es dauern wird bis wir wieder richtig befreundet sein können, aber wie du siehst hat er da etwas andere Vorstellungen.“
Jetzt zog Hugo den Mund schmal. „Das ist aber ganz schön hart,“ meinte er und sah Branko von der Seite an.
„Er hat ein ganzes Jahr über auf keine meiner Nachrichten geantwortet, sich nicht gemeldet, wenn er mal hier war und so getan als gäbe es mich nicht mehr, obwohl er genau wusste, dass ich ihn gebraucht hätte. Entschuldigung, aber wenn er mein bester Freund wäre, dann hätte er das nicht getan,“ sagte Branko vielleicht eine Spur zu energisch. „Das heißt nicht, dass ich nicht zu schätzen weiß, was er vorher alles für mich getan hat. Wäre das nicht gewesen, hätte ich ihm bestimmt keine zweite Chance gegeben. Aber so tun, als wäre nichts passiert geht halt auch nicht.“
Hugo legte ihm die Hand aufs Knie. „Okay,“ machte er bloß verständnisvoll und lächelte Branko an. „Du bedeutest ihm aber glaube ich trotzdem sehr viel. Auch wenn er sich so blöd verhalten hat.“
Branko lachte kurz. „Ist ja auch egal. Ich bin ja auch nicht ganz unschuldig,“ murmelte er dann und kratzte sich am Kinn.

Hugo zog seine Jacke aus, als sie aus dem Zug stiegen. Darunter trug er ein blaues T-Shirt, das seine blauen Augen irgendwie noch mehr strahlen ließ. „Ist das warm,“ machte er und stopfte die Jacke in seine Tasche. Damit hatte er recht. Für April war es wirklich ungewöhnlich warm.
Branko sah sich um. Sie hatten am Hauptbahnhof einmal umsteigen müssen, da sein Vater etwas weiter außerhalb wohnte und nun standen sie auf einem kleinen Bahnsteig mit zwei Gleisen.
Mirko hatte angeboten sie abzuholen, weil es laut ihm nicht so einfach war den Weg zu finden. Branko suchte nun nach der großen Gestalt seines Vaters und sein Herz hämmerte dabei heftig gegen seine Rippen.
„Oh, ist er das?“ fragte Hugo aufgeregt und deutete auf einen Mann, der auf sie zu kam.
Branko nickte nur und ging langsam auf ihn zu.
„Hallo,“ meinte er unsicher, als er nah genug war, um ihn zu hören.
„Hallo,“ erwiderte Mirko und umarmte erst Branko und schüttelte Hugo dann etwas zögerlich die Hand, der ihn mit halb offenen Mund anstarrte.
Dann lächelte er aber und sagte: „Hi, ich bin Hugo.“
„Freut mich dich kennen zu lernen.“ Er lächelte zwar, aber Branko war sich nicht sicher, ob er nicht doch etwas Skepsis in seinem Blick erahnen konnte.
Hugo schien das jedenfalls nicht wahrzunehmen, sondern grinste nun breit. „Und mich erst. Ich konnte es kaum erwarten Brankos Vater kennen zu lernen.
Branko meinte die Skepsis ein bisschen schwinden zu sehen, aber war sich immer noch nicht sicher, ob er sich das nur einbildete.
„Hattet ihr eine gute Fahrt?“ fragte er, als sie zum Auto gingen.
„War recht kurzweilig,“ sagte Branko und blickte Hugo an, der immer noch so dämlich grinste, sodass er froh war, dass sie hinter Mirko liefen. Er beobachtete ihn sehr eindringlich und schaute immer wieder zu Branko hinüber, der ihm nun einen Stoß mit dem Ellenbogen gab. „Hör auf,“ zischte er, aber Hugo schmunzelte nur und kletterte auf den Rücksitz vom Auto.
„Bei dem guten Wetter heute, hatten wir überlegt gleich den Grill anzuschmeißen, wenn das für euch in Ordnung ist,“ meinte Brankos Vater, als er den Wagen vom Parkplatz herunter lenkte.
„Klar,“ machte Branko Schultern zuckend.
„Das ist gut. Yvonne steht nämlich schon den halben Tag in der Küche und macht Salat und mariniert Fleisch.“
„Ich habe schon lange kein richtiges Fleisch mehr gegessen und Hugo isst sowieso alles, also klingt das wirklich gut,“ lächelte Branko.
„Das klingt so, als wäre ich ein menschlicher Müllschlucker,“ beschwerte sich Hugo. „Dabei esse ich einfach nur sehr gerne und bin nicht besonders wählerisch. Yvonne ist deine Frau?“ fragte er Mirko dann.
Branko fiel auf, dass Hugo direkt dazu übergegangen war Mirko zu duzen, aber diesen schien das nicht wirklich zu stören.
„Verheiratet sind wir wie gesagt nicht, aber ja im Grunde ist sie das.“
Hugo lehnte sich etwas nach vorne. „Darf ich fragen warum nicht?“
Mirko lachte. Hugo war manchmal wirklich etwas forsch, aber deswegen mochte Branko ihn auch so sehr. Es sagte einfach immer, was ihm in den Sinn kam.
„Wir hatten es eigentlich geplant, aber dann kamen die Zwillinge und da war an so etwas erst einmal nicht mehr zu denken. Und nach einer Weile ist das dann ein bisschen in den Hintergrund geraten.“
Hugo lehnte sich wieder zurück. „Mit Zwillingen ist ja auch auf einen Schlag ziemlich viel Leben in der Bude.“
„Oh ja. Die zwei sind noch immer kaum zu bändigen.“
„Sind sie gleich auch da?“ fragte Branko leicht unsicher.
„Ja, sie hatten gerade noch ein Fußballspiel, aber sie sollten bald zurück sein.“
„Seit wann spielen die beiden denn Fußball?“ fragte Hugo neugierig.
„Eigentlich schon immer. Wir haben sie vor zwei Jahren dann endlich im Verein angemeldet, als mir das ganze zu bunt wurde. Ständig haben sie im Garten gespielt und ich musste den Torwart spielen. Das muss ich zwar immer noch sehr häufig, aber immerhin toben sie sich beim Training etwas aus.“
Branko versetzte es einen leichten Stich im Magen. Mirko schien ein wirklich guter Vater zu sein, wenn er ihn so reden hörte. Vielleicht hätte er auch mit ihm Fußball gespielt oder ihm irgendwelche anderen Bälle zugeworfen. Vielleicht hätte er dann auch irgendein Interesse an einer Ballsportart entwickelt.
„Sind sie denn gut?“ fragte Hugo weiter.
„Als Vater muss ich jetzt natürlich ja sagen,“ meinte er. „Nein, also Tom ist wirklich richtig gut und Milo ist vielleicht etwas schwächer, aber er lernt dazu.“
Branko blickte aus dem Fenster. Die Gegend wirkte wirklich idyllisch. Hier aufzuwachsen war bestimmt nicht das Schlechteste. Er musste sich regelrecht zwingen nicht weiter darüber nachzudenken. Das war einfach nur blöd. Es zog seine Stimmung runter und brachte ohnehin nichts. Auf zwei Kinder eifersüchtig zu sein war zudem einfach nur peinlich.
„Da sind wir,“ sagte Mirko eine kurze Weile später und parkte das Auto in der Auffahrt.
Branko stieg langsam aus und betrachtete das Haus. Es stand am Ende einer Straße mit Einfamilienhäusern und man konnte schon von vorne erahnen, dass sich dahinter ein ziemlich großer Garten erstreckte.
Auch Hugo war ausgestiegen und kniff Branko jetzt liebevoll in die Seite. „Es ist wirklich unfassbar wie ähnlich ihr euch seht,“ grinste er. „Und ihr redet auch total ähnlich.“
Branko verzog leicht den Mund. Er hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch.
„Alles okay?“ fragte Hugo und legte den Kopf schief.
Unsicher zuckte Branko mit den Schultern. „Ich denke schon,“ murmelte er und nahm Hugo seinen Rucksack ab.
„Das wird schon,“ zwinkerte dieser und streckte sich, um Branko kurz einen Kuss zu geben.
Er bemerkte den Blick seines Vaters, der sich aber schnell abwandte. Es schien ihn peinlich zu berühren und Branko merkte wie er selbst ein wenig rot anlief.

„Mhm Branko,“ machte er, als er sie ins Haus gelassen hatte und Hugo kurz im Bad verschwunden war. „Es wäre mir ganz lieb, wenn ihr das vor den Jungs lassen würdet.“
Branko sah ihn erstaunt an. „Was lassen? Uns zu küssen?“
„Ähm, ja. Ich möchte sie nur einfach nicht verwirren mit so etwas. Sie sind noch sehr jung und verstehen von so etwas noch nicht so viel.“
Kurz hob Branko die Augenbrauen. Er wusste einen Moment nicht was er sagen sollte und merkte, dass er seinen Vater mit offenem Mund ansah.
„Ich hatte nicht vor…,“ fing er an, aber es kam ihm blöd vor sich dafür zu entschuldigen. „Wir werden schon nicht vor ihnen rumknutschen. Keine Sorge.“
Mirko presste die Lippen aufeinander. „Das sollte überhaupt nicht böse klingen, aber sie hatten noch nie etwas mit Homosexuellen zu tun und es wäre vielleicht besser, wenn du sie erst einmal so kennen lernst.“
Branko konnte nicht anders, er musste kurz auflachen und kratzte sich an der Stirn. „Und wieso hast du dann meinen Freund mit eingeladen? Werden sie sich nicht fragen wer das ist?“
„Ich wollte ihn gerne kennenlernen und es soll überhaupt nicht so klingen als wäre er hier unwillkommen. Ich wollte einfach nur, dass ihr euch vielleicht ein bisschen zurückhaltet.“
„Stimmt, nachher färbt es noch ab oder so,“ murmelte Branko leise und wandte sich ab, sodass Mirko kaum verstehen konnte was er gesagt hatte.
„Ich wollte dich nicht verärgern Branko. Ich muss mich nur selbst auch erst ein bisschen daran gewöhnen, ich hätte schließlich nicht gedacht, dass du schwul bist. Ich dachte einfach es wäre besser, wenn ihr euch erst einmal ohne Vorurteile kennenlernt.“
Branko zog die Schultern hoch und atmete tief durch. Er musste sich ein bisschen beherrschen nicht doch ein wenig sauer zu werden. „Ich verstehe denke ich was du meinst,“ brummte er und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Es war nicht einmal wirklich das gewesen was Mirko gesagt hatte, sondern eher wie und wenn Kinder in dem Alter bereits Vorurteile hatten lag es höchstwahrscheinlich an den Eltern. Aber Branko fand es in diesem Moment auch unsinnig sich darüber mit ihm zu streiten, schließlich wollte er ihn eigentlich besser kennenlernen.
In diesem Moment kam Hugo zurück und lächelte Branko an.
„Sollen wir vielleicht raus auf die Terrasse gehen?“ fragte Mirko unsicher, aber sie folgte ihm beide kurzerhand nach draußen und setzten sich an den großen Tisch, der einen Großteil der Terrasse einnahm und von wo aus man einen sehr schönen Blick in den großen Garten hatte. Ein paar sehr alt aussehende Apfelbäume standen auf einer recht gepflegt wirkenden Wiese. An manchen Stellen lag Spielzeug und vor dem Schuppen am Ende des Gartens stand noch ein Rasenmäher. Man roch noch das frisch gemähte Gras.
„Ich sag Yvonne nur kurz Bescheid, dass wir da sind. Wollt ihr was trinken?“ fragte er und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Branko zuckte die Schultern. „Ja wieso nicht,“ meinte er dann.
„Was ist jetzt schon wieder los du Muffel?“ fragte Hugo, als Brankos Vater wieder nach drinnen verschwunden war.
Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Er meinte bloß, dass wir uns doch bitte nicht vor den Jungs küssen sollen, damit wir sie nicht verstören oder so.“
Hugo gluckste. „Auf die Idee wäre ich ohnehin nicht gekommen. Ich mein in dem Alter ist schwul doch ohnehin eher ein Schimpfwort, als dass man weiß was wirklich dahintersteckt. Du solltest sie vielleicht erst einmal besser kennen lernen und dann werden sie das schon verstehen,“ meinte er und sah Branko mit schiefgelegtem Kopf an. „Die Formulierung ist vielleicht nicht ganz glücklich, aber ich kann es irgendwie verstehen.“
„Ich glaube halt einfach, dass er doch ziemlich viele Vorurteile hat. Er will es nicht so offen zeigen, aber sie sind da, das weiß ich.“
Hugo lehnte sich nach vorne und sah Branko eindringlich an. „Dann sollte es unsere Aufgabe sein sie zu zerstreuen. Erwarte nicht zu viel von ihm Branko. Manchmal muss man den Leuten einfach zeigen, dass wir auch nur ganz normale Menschen sind.“
Branko lächelte ihn ein wenig an. Irgendwie war er froh, dass Hugo bei ihm war.
„So ist es schon besser, Süßer,“ grinste er und lehnte sich wieder zurück.
„Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass du mich nicht Süßer nennen sollst,“ grummelte Branko und verzog den Mund.
„Dann weißt du bestimmt auch noch, dass ich dir gesagt habe, dass mir das ziemlich egal ist oder?“ kicherte Hugo und stieß ihn unter dem Tisch mit dem Fuß.
„Wag es aber nicht das vor anderen zu machen,“ mahnte Branko ihn und blickte sich wieder im Garten um.
„Ist echt schön hier,“ meinte Hugo, der den Blick bemerkt hatte. „Zwar am Arsch der Welt, aber wirklich ganz nett.“
Branko deutete ein Grinsen an, gerade als Mirko wieder nach draußen kam. Die Frau, die ihm folgte war wirklich sehr hübsch. Sie war groß und dunkelhaarig und Branko dachte kurz, dass sie definitiv besser zu ihm passte als seine Mutter.
Sie strahlte ihn an. „Hallo Branko,“ sagte sie, während Branko langsam aufstand und ihr die Hand reichen wollte. Aber sie zog ihn in eine Umarmung. Er lächelte sie etwas verdutzt an.
„Ich bin Yvonne. Mirko hat schon viel von dir erzählt.“
Branko fiel auf, dass sie sehr grade weiße Zähne hatte. Dann wandte sie sich Hugo zu. „Und du musst Brankos Freund sein,“ lächelte sie. Und im Gegensatz zu Mirko selbst wirkte sie keineswegs voreingenommen und so wie Hugo sie anlächelte hatte sie auch überhaupt keinen Grund dazu. Manchmal versetzte dieses Lächeln Branko einen richtigen Stich, weil es so unglaublich herzlich war.

Re: Bauchgefühle

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Skystar » 29 Aug 2018, 20:32

Jaaaa, es geht weiter!

Yvonne mag ich.
Branko mag ich.
Hugo liebe ich! :D

Das mit Mirco wird schon noch, aber mal eine Frage: Wie alt sind die Zwillinge gleich noch einmal? Falls du das schon irgendwo erwähnt hast, ist mir das leider entfallen, sorry. Ich hoffe aber, dass die zwei vom Charakter her Hugo ähneln :D .
5 Jahre "Die Kunst der Magie" ! :applause:

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Matti » 02 Okt 2018, 21:35

Ich glaube sie waren 9 oder 10
:) und ich hoffe, wie alle anderen, das es weiter geht :flag:
Habe jetzt die letzten zwei tage alles durchgelesen und will mehr.
Oder wenigstens einen Hugo für mich :oops:

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Saltoboy » 16 Okt 2018, 00:02

Ich bin glaube ich der langsamste Tipper auf der Welt, aber schön, dass immer noch Leute mitlesen. Der nächste Teil ist sogar auch schon zur Hälfte fertig, daher werdet ihr euch dieses Mal nicht so lange gedulden müssen.



„Du hast einen sehr netten Freund,“ bemerkte Yvonne, grade als Branko ihr half ein paar Sachen in den Garten zu tragen.
Branko lächelte verlegen. Er kam sich so unbeholfen vor und beneidete Hugo darum, dass er sich immer auf Anhieb mit allen verstand. „Ja,“ murmelte er und sah sie nicht an. „Er ist wirklich super,“ fügte er kurz darauf noch hinzu.
Er spürte ihren Blick auf sich ruhen und auch, dass sie lächelte. „Du bist Mirko wirklich sehr ähnlich,“ wiederholte sie. „Nicht nur vom Aussehen. Er ist auch eher zurückhaltend.“
Branko blickte sie flüchtig an, wie sie nun eine Schüssel aus dem Kühlschrank nahm und ihm reichte.
„Tut mir leid,“ murmelte er leicht beschämt. „Ich tu mich mit neuen Menschen manchmal ein wenig schwer.“
„Das muss dir wirklich nicht leid tun Branko. Schließlich hat sich für dich in kurzer Zeit sehr viel geändert. Aber du musst wissen, dass du hier wirklich mehr als Willkommen bist.“
Das versetzte Branko erneut einen Stich. Er war solche Worte einfach nicht gewohnt und es kam ihm immer noch sehr unwirklich vor.
„Ich hatte Sorge, dass Mirko ein Problem damit hat, dass ich… naja, dass ich schwul bin,“ murmelte Branko und blickte hinunter in den Salat, den er jetzt in der Hand hielt. Er wusste nicht einmal warum genau er das zu ihr sagte und weshalb ihn das so bedrückte, obwohl Hugo ihm kurz zu vor noch gut zugesprochen hatte.
Er merkte, dass sie wieder lächelte, obwohl er sie noch immer nicht ansah. „Er war darüber sehr überrascht, wenn ich es so sagen soll. Das ändert aber nichts daran, dass er dich kennen lernen möchte. Da brauchst du dir wirklich keine Sorgen machen.“
Branko nickte stumm. „Ich mache mir immer zu viele Sorgen,“ lächelte er dann.
In diesem Moment betrat Mirko die Küche. „Sorgen worum?“ fragte er und sah Branko neugierig an. Dieser stöhnte innerlich auf.
„Ich geh schon mal in den Garten,“ meinte Yvonne und verschwand aus der Küche.
„Hast du Probleme?“ fragte Mirko besorgt. Doch Branko schüttelte den Kopf und wollte bereits die Küche verlassen. „Über banale Dinge,“ meinte er noch leise.
„Branko, warte mal eben,“ rief sein Vater ihm nach. „Ich hatte dir ja schon einmal angeboten dich finanziell zu unterstützen und ich meinte das verdammt ernst. Genaugenommen bin ich dazu sogar verpflichtet.“
Branko blickte ihn ernst an und schüttelte dann den Kopf. „Ich möchte das aber nicht, das habe ich schon das letzte Mal gesagt. Es ist einfach nicht nötig.“
Er bemerkte den Blick, mit dem Mirko seine Kleidung bedachte und das löste wieder Wut in Branko aus.
„Warum möchtest du das nicht?“ fragte er ruhig und Branko sah ihm nun wieder ins Gesicht. Ja, die Jeans, die er trug sprach vermutlich Bände über seinen Kontostand, der schon wieder gefährlich im Minus war. Aber warum interessierte das alle so brennend?
„Ich möchte einfach kein Geld von jemandem nehmen, den ich kaum kenne,“ sagte Branko und sah seinen Vater nun direkt an.
„Du gibst mir ja kaum Gelegenheit dich kennenzulernen Branko. Ich hatte bisher das Gefühl, dass du keine große Lust hattest mich zu treffen.“
Branko zog die Schultern hoch. „Ich möchte bloß vorsichtig sein,“ meinte Branko und sah wieder auf die Schüssel in seinen Händen. „Wenn das ganze nicht funktioniert, möchte ich nicht, dass du dich irgendwie verpflichtet fühlst mir zu helfen.“
Mirko blickte ihn interessiert an. „Und wieso sollte das nicht funktionieren?“
Branko zuckte die Schultern.
„Branko, du bist mein Sohn und natürlich möchte ich dir helfen. Das macht man als Elternteil schließlich so.“
Branko sah seinen Vater direkt an. Er musste merken, dass er etwas Falsches gesagt hatte. „Macht man das?“ fragte Branko und er merkte wie seine Stimme zitterte. „Ich habe scheinbar keine Ahnung, was Eltern so machen. Daher wäre es mir lieber, wenn wir das Thema lassen könnten. Ich werde nichts von dir annehmen.“
„Ich verstehe es nicht Branko. Dein Freund hat eben auch gesagt, dass du Hilfe gebrauchen kannst.“
Branko stellte die Schüssel sehr feste auf die Anrichte. „Wieso um alles in der Welt redest du mit ihm über so etwas?“ Er merkte, dass seine Stimme nun bebte.
„Er hat gesagt, dass du in letzter Zeit sehr viel gearbeitet hast und ihr euch deshalb nicht so viel gesehen habt,“ erklärte Mirko. „Und dann habe ich ihn gefragt, ob er weiß wie es finanziell bei dir aussieht und ob du deshalb so viel arbeitest.“
Branko schloss die Augen. Wieso konnte Hugo nicht einfach seine Klappe halten? „Wieso interessiert euch dieser Scheiß alle so unfassbar? Gibt es kein anderes Thema, über das du dich mit ihm unterhalten kannst? Das ist mein Ding. Ich habe mich immer um mich selbst gekümmert und damit werde ich jetzt bestimmt nicht aufhören. Ich kann meine Miete bezahlen und gut ist.“
Mirko schüttelte den Kopf. „Ich versteh dich nicht Branko. Ich biete dir Hilfe an und du tust so, als meine ich das böse. Es ist bloß ein Angebot und es wäre doch schön, wenn du dich ein bisschen mehr auf dein Studium konzentrieren könntest.“
Branko nahm die Schüssel wieder hoch. „Danke für das Angebot, aber ich möchte wirklich nicht abhängig von jemandem sein, den ich nicht kenne.“
Er ging schnell aus der Küche und wusste, dass er Mirko damit vor den Kopf stieß. Ihm war schließlich bewusst, dass sie sich nur aus einem Grund noch nicht besser kennengelernt hatten. Und das lag bloß daran, dass Branko häufig die Einladungen seines Vaters ausschlug. Er wusste selbst nicht einmal warum er das tat, aber es verlangte immer sehr viel Überwindung ihm gegenüber zu treten.
Branko setzte sich an den Tisch und sah zu Hugo hinüber, der grade mit Tom einen Ball hin und her kickte. Er war plötzlich auch sauer auf ihn, weil er Mirko verraten hatte, dass er finanzielle Probleme hatte. Wieso konnten sie sich alle nicht um ihren eigenen Kram kümmern?
Mirko kam ein paar Minuten später auch wieder hinaus. Er blickte Branko flüchtig an, ging dann aber zum Grill hinüber.
Schnaufend und lachend ließ sich Hugo wieder neben ihn fallen. „Die beiden sind eindeutig zu viel für mich,“ kicherte er und knuffte Branko in die Seite, als dieser ihn nicht ansah. „Willst du mich nicht mal kurz ablösen?“
Branko schüttelte den Kopf. „Ich bin super schlecht im Fußball,“ murmelte er bloß und starrte Mirkos Rücken an.
„Ich bin auch kein großes Ass,“ grinste Hugo und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Die zwei sind jetzt schon eindeutig besser als ich.“
Branko schwieg und er mochte selbst nicht die Gefühle, die sich in ihm grade anstauten. Wieso konnte er die Zeit einfach nicht genießen und genauso unbeschwert dasitzen oder durch den Garten tollen wie Milo und Tom?
Hugo beugte sich näher zu ihm. „Willst du nicht deine Brüder ein bisschen kennenlernen?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Eigentlich wollte Branko jetzt nur noch nach Hause. Er fühlte sich unwohl und fehl am Platz und bereute fast ein bisschen hergekommen zu sein. Das alles erinnerte ihn einfach viel zu sehr daran, was er verpasst hatte in seiner Kindheit und was stattdessen passiert war. Er wusste nicht einmal mehr, ob er den Kontakt zu seinem Vater überhaupt noch wollte. Am liebsten hätte er diese Gefühle einfach abgestreift, aber sie waren da und er konnte nichts dagegen tun in diesem Moment.
Langsam stand Branko auf und schlurfte zu den beiden Jungen hinüber, die ihn jetzt mit großen Augen anblickten und er merkte eine Panik in sich aufsteigen. Was sollte er zu ihnen sagen? Er wusste es partout nicht.
„Willst du mitspielen?“ fragte Milo und lächelte ihn an.
Branko zuckte die Schultern. Er war froh, dass Milo etwas gesagt hatte. Sein Bruder starrte ihn nur weiterhin neugierig an. „Ich bin aber wirklich schlecht,“ murmelte Branko und überlegte ob er nicht einfach davonlaufen sollte. Er merkte, dass er dem ganzen einfach nicht gewachsen war.
Milo lächelte und kickte ihm den Ball zu.
„Wie alt bist du?“ fragte Tom irgendwann schüchtern. Er hatte keine Sekunde den Blick von Branko abgewendet.
„Einundzwanzig,“ gab Branko knapp zurück und spielte ihm den Ball zu.
„Das ist alt,“ machte Milo. „Und als was arbeitest du?“
Branko sah ihn an. Er wirkte irgendwie plötzlich sehr klein. „Ich studiere und arbeite seit kurzem in einem Konstruktionsbüro.“
Tom stand jetzt der Mund offen. „Und was machst du da?“ fragte er.
Branko lächelte jetzt leicht. „Ich zeichne hauptsächlich. Maschinenteile und so. Ist nicht so super spannend.“ Er zog die Schultern hoch. Ihn beschlich wieder das unangenehme Gefühl, das eben kurzweilig nachgelassen hatte, aber Branko blieb trotzdem noch eine Weile bei ihnen stehen. Auch wenn er sich sehr zusammenreißen musste. Sie fragten ihn hauptsächlich aus.
„Bist du verheiratet?“ fragte Milo ihn irgendwann neugierig und Branko blickte flüchtig zu Hugo hinüber. „Nein,“ machte er. „Und ich glaube auch nicht, dass das irgendwann passieren wird.“
„Mama und Papa sind auch nicht verheiratet,“ meinte Milo und hob den Ball auf.
„Ich weiß,“ murmelte Branko.
„Ich hoffe ihr habt Hunger,“ rief Mirko zu ihnen herüber. „Yvonne hat es ein bisschen zu gut mit uns gemeint,“ lachte er und legte das erste Stück Fleisch auf den Grill.
Branko merkte in diesem Moment, dass Hugo ihn beobachtete. Er schnappte flüchtig seinen Blick auf, erwiderte aber nicht das Lächeln, das er ihm zuwarf.
Nach einer Weile ging er zurück zum Tisch und setzte sich wieder.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte Hugo ihn mit krauser Stirn.
Branko schüttelte den Kopf. „Sicher,“ murmelte er und rückte den Teller vor sich zurecht.
„Ich kenn dich Branko,“ flüsterte er und lächelte ihn aufmunternd an.
„Nicht jetzt,“ brummte er kurzangebunden und sah zu seinem Vater hinüber, der den Grill mittlerweile voll beladen hatte.
Hugo hob die Augenbrauen, sagte aber nichts mehr dazu und wandte sich wieder Yvonne zu.

Branko schwieg die meiste Zeit. Eigentlich wollte er gehen, wusste aber, dass es mehr als unhöflich gewesen wäre noch vor dem Essen zu verschwinden. Außerdem wollte er keine Szene machen und wohlmöglich noch einen Streit hervorrufen. Seine Unterhaltung mit Mirko in der Küche hatte ihn emotional ziemlich runtergezogen und er wusste nicht einmal wieso. Wirkte er tatsächlich so bemitleidenswert, dass er ihm Geld aufdrängen wollte? Es gab fast nichts, das Branko so sehr verabscheute wie fremde Hilfe anzunehmen. Er merkte auch, dass er immer noch der Alte war und Hugos positiver Einfluss kein Stück geholfen hatte ihn umgänglicher zu machen.
Ohne großen Appetit aß er ein bisschen was, aber genießen konnte er trotzdem alles nicht. Es war vermutlich schwer für Außenstehende nachzuvollziehen, wo genau sein Problem lag und dass er es selbst nicht so recht wusste machte die Sache nicht viel einfacher. Manchmal reichten Kleinigkeiten aus, dass er sich nur noch zurückziehen wollte. Es kam ihm vor wie eine Mauer, die ihn von den anderen Menschen in seiner Umgebung abschirmte.
Hugo strich ihm einmal kurz unauffällig über das Bein, was offensichtlich aufmunternd gemeint war, aber dafür war es jetzt zu spät. Es gab nichts mehr, was ihn jetzt noch hätte aufmuntern können.
„Möchtest du noch etwas Branko?“ fragte Mirko ihn und stand vom Tisch auf.
„Nein, danke,“ murmelte Branko und legte seine Gabel auf den Teller.
„Du musst doch bestimmt noch Hunger haben. Du hast schließlich kaum etwas gegessen,“ bemerkte Yvonne und sah ihn forschend an.
Branko schüttelte den Kopf und vermied es Hugo anzusehen, der grade noch fleißig Salat in sich hineinschaufelte.
„Branko ist sehr schnell zufriedenzustellen,“ meinte er und stupste Branko unter dem Tisch an.
„Dabei haben wir so viel zu Essen da. Du brauchst wirklich nicht bescheiden zu sein,“ kam es von Mirko, der grade wieder am Grill stand und ihn jetzt über die Schulter ansah.
„Tut mir leid, aber ich bin wirklich satt.“ Er schob den Teller noch ein wenig von sich, um es zu verdeutlichen und merkte selbst, dass er sich grade ziemlich kindisch verhielt. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und vermied es weiterhin die anderen anzusehen, doch Hugo lehnte sich jetzt dicht zu ihm.
„Willst du kurz reden?“ flüsterte er, aber Branko schüttelte den Kopf.
„Ich würde ehrlich gesagt gerne bald gehen,“ brummelte er leise zurück, woraufhin Hugo die Augenbrauen hob.
„Aber wir sind doch noch gar nicht lange hier. Was ist denn passiert?“
„Ich möchte einfach gerne nach Hause. Das ist alles.“
Hugo schüttelte nur leicht den Kopf und wandte sich seinem Teller zu. Er wirkte ein bisschen genervt und Branko hoffte, dass die anderen sie nicht gehört hatten.
„Seid ihr eigentlich beste Freunde?“ fragte Milo und spießte ein Stück Würstchen auf seine Gabel. Er schien sie beobachtet zu haben.
Hugo lächelte ihn an. „So ziemlich würde ich sagen,“ antwortete er dann und blickte Branko von der Seite an. „Ich wollte ihn gerne als moralische Unterstützung begleiten, weil das ja schon ein großer Schritt ist seine Familie nach so langer Zeit kennenzulernen.“
„Das ist sehr nett von dir,“ sagte Yvonne und hielt den beiden noch etwas Brot hin. Hugo nahm es mit einem Lächeln entgegen und bediente sich. Er schob auch noch etwas auf Brankos Teller.
„Nicht, dass du uns noch vom Fleisch fällst,“ grinste er scheinbar in der Hoffnung Branko doch noch zu einem Lächeln zu bewegen. Dieser zwang sich mehr oder weniger dazu und riss das Stück Brot in zwei Hälften.

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon gillibill » 16 Okt 2018, 20:45

Ich glaube Branco steht sich selber im Weg.

Sein Vater meint es nur gut mit Ihm genauso Hugo. Sein Vater will sich glaube ich auch nicht frei kaufen oder so. Er will nur seinen Sohn kennenlernen.

Der Hauptgrund ist meines Erachtens, das Hugo von seiner Kindheit her an nie gelernt hat zu vertrauen.

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Simson » 17 Okt 2018, 08:36

Hey, schön das es hier weiter geht.

Ich kann Branko schon ein bisschen verstehen. Er hat es bis hierhin alleine geschafft und möchte einfach unabhängig bleiben. Klar meint es sein Vater nur gut, aber Mitleid will Branko sicher auf keinen Fall.
Die Stimmung beim Grillen verschlechtert sich jedenfalls zunehmend. Man hat das Gefühl, es knallt gleich.
Bin gespannt wie es weitergeht.
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Matti » 17 Okt 2018, 12:12

@Saltoboy
Du brauchst dich dafür nicht zu entschuldigen.
Mach dir keinen Druck, es ist
schön das es weitergeht. Nicht das du deswegen die Lust am Schreiben verlierst.

Mir würde es da auch so gehen wie Branko. Durchbeißen und sich nicht auf andere verlassen müssen (können).
Ich hoffe das er aber mal merkt, das Geschenke hingegen in Ordnung sind und er, wenn er diese nicht an nimmt, andere beleidigt.

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Simson » 04 Dez 2018, 18:51

:disappear: :-o
geht's denn noch weiter?
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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Saltoboy » 05 Dez 2018, 22:37

Sorry :/ Ich habe mir jetzt endlich einen neuen Laptop gekauft, also ist die Ausrede nun auch ein für alle mal hinfällig :D



„Branko, ich wollte dich wirklich nicht verärgern,“ sagte Mirko, als er sie eine Weile später nach Hause fuhr. Branko hatte das wirklich nicht gewollt, aber sein Vater hatte darauf bestanden und Hugo hatte gequängelt, dass er ungerne Zug fahren wollte. Andererseits war er auch ganz froh darum, denn er wusste, dass Hugo ihn nicht in Ruhe lassen würde und auf einen Streit in der Öffentlichkeit hatte er noch weniger Lust, als auf das unangenehme Schweigen, das bisher im Auto geherrscht hatte.
„Und ich finde es schade, dass ihr nicht noch länger bleiben wolltet,“ fügte er hinzu.
„Ich wäre gerne noch geblieben,“ fing Hugo an.
„Halt die Klappe,“ fuhr Branko ihn an und es überraschte ihn fast selbst, wie hart seine Stimme klang.
Hugo schwieg und Branko wusste, dass er ihn grade ungemein vor den Kopf gestoßen hatte. Aber grade war ihm alles egal. Ihn überforderte grade jedes Wort, das gesprochen wurde und er hatte ein wenig das Gefühl zu ersticken.
„Branko was ist das Problem?“ fragte Mirko und warf ihm kurz einen besorgten Blick von der Seite zu. „Weder ich noch dein Freund haben dir irgendetwas getan.“
„Ich kann das nicht,“ flüsterte er. „Ich kann das einfach so nicht. Es funktioniert nicht.“
„Was meinst du damit?“
Branko war so froh, dass sie fast da waren. Er wollte einfach nur noch aussteigen.
„So zu tun, als würde ich irgendwie dazu gehören. Das macht keinen Sinn.“
„Du gibst mir ja auch keine Chance.“
Hugo schwieg noch immer, aber Branko wusste, dass er sich sehr zügeln musste.
„Ich habe es versucht, aber ich will das alles einfach nicht. Ich glaube es wäre besser, wenn wir keinen Kontakt mehr haben.“
Mirko atmete hörbar ein. „Ich verstehe es wirklich nicht. Und es macht vermutlich auch keinen Sinn jetzt auf dich einzureden. Schließlich kann ich dich nicht dazu zwingen, aber ich finde es wirklich schade, dass du so denkst.“
Branko blickte stumm aus dem Fenster. „Es tut mir leid, dass ihr euch so viel Umstände wegen mir gemacht habt. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Sag Yvonne, dass es mir leidtut.“
Hugo machte einen seltsamen Laut auf der Rückbank. Branko wusste, dass er kurz davor war an die Decke zu gehen, weil er Brankos Entscheidung nicht verstand. Aber er war sich sehr sicher, dass es das Beste war die ganze Sache so schnell wie möglich wieder zu beenden. Er war einfach nicht bereit dafür.
„Wir haben das gerne gemacht, weil wir wollen, dass du dich als Teil der Familie fühlst.“
„Fühle ich mich aber nicht,“ sagte Branko leise. Seine Stimme zitterte plötzlich. „Und das werde ich auch nie. Das ist mir leider heute klar geworden. Ich kann das wie gesagt einfach nicht, es ist mir zu viel.“
Mirko seufzte. „Branko,“ machte er dann erneut, aber Branko unterbrach ihn.
„Das ist mein letztes Wort,“ flüsterte er. „Akzeptier das bitte.“
Jetzt sagte keiner mehr etwas und das Schweigen wurde noch unangenehmer von Sekunde zu Sekunde.
„Danke fürs Fahren,“ sagte Branko, als sie endlich angekommen waren.
„Pass auf dich auf Branko und wenn doch mal was ist, unsere Tür steht dir immer offen.“
Branko sah ihn nicht an, sondern stieg einfach aus und ging schnurstracks auf die Haustür zu. Er hörte aber noch, wie Hugo zu seinem Vater sagte: „Ich rede mit ihm. Er bekommt sich bestimmt wieder ein.“
Branko war schon im Treppenhaus, als Hugo ihn einholte. „Kannst du mir mal bitte sagen, welche Sicherung in deinem Kopf heute wieder durchgebrannt ist?“ fauchte er, als er hinter Branko die Treppen hochhastete.
Branko antwortete ihm nicht, sondern schloss die Wohnungstür auf.
„Rede mit mir,“ rief Hugo wütend. „Die sind alle so nett und du benimmst dich wie der letzte Volldepp und was war das grade im Auto? Wieso machst du so etwas dauernd?“
Weiterhin ohne zu antworten setzte Branko sich auf die Bettkante und begann vor und zurück zu wippen. Hugo stand da, stemmte die Hände in die Seiten und starrte ihn an.
„Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen,“ flüsterte Branko und sah zu Boden.
„Ach das ist ja mal was Neues. Ich weiß, dass du dir so sehr eine Beziehung zu ihm gewünscht hast Branko, aber immer, wenn dir jemand zu nahe kommt blockst du ihn ab. Du hast mir versprochen, dass sich das ändert.“
Branko merkte, dass er einen Kloß im Hals hatte. „Aber vielleicht kann ich mich nicht ändern. Ich versuche es immer wieder. Du sagst immer du magst mich wie ich bin, aber genau das ist wie ich bin.“
„Du hast sie wirklich nicht mehr alle Branko. Ich wollte dir das echt nicht so sagen, aber du solltest dir wirklich Hilfe suchen. Ich habe es versucht, aber da sind so viele Dinge, bei denen ich dir nicht helfen kann. Es kommt mir grade so vor als hätte ich das letzte halbe Jahr mit einer Wand gesprochen.“
Er wusste, dass Hugo wahrscheinlich recht hatte, aber trotzdem taten diese Worte weh. Branko blickte zu Hugo auf. „Und wieso bist du dann mit mir zusammen, wenn du mich für so bescheuert hältst?“ fragte er mit kratziger Stimme.
Hugos Rucksack fiel zu Boden, den er eben erst vom Rücken genommen hatte. Mit einem dumpfen Geräusch schlug er auf dem Laminat auf. „Das frage ich mich auch, wenn du mir solche Fragen überhaupt stellen musst,“ murmelte er. „Du weißt, dass ich dich liebe und ich gebe mir so viel Mühe und versuche diese Beziehung am Laufen zu halten. Und wenn alles gut ist, dann weiß ich auch warum ich das mache, aber in letzter Zeit überwiegen leider wieder die schlechten Tage bei dir Branko und das ist verdammt anstrengend.“
„Ich habe dich nie darum gebeten das zu tun. Du bist völlig freiwillig mit mir zusammen und du wusstest worauf du dich einlässt. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe,“ erwiderte Branko leise und wandte nun wieder den Blick ab. In ihm herrschte gleichzeitig Chaos und Leere. Er wollte jetzt einfach allein sein und wenn Hugo das nicht verstand war es ihm in diesem Moment auch ziemlich egal, dass er ihre Beziehung aufs Spiel setzte.
„Was wird das jetzt?“ fragte er scharf und legte den Kopf schief. „Machst du jetzt das gleiche mit mir wie mit deinem Vater? Nur weil du mit der Situation nicht klar kommst die Beziehung beenden?“
Leicht zuckte Branko mit den Schultern. Beinahe erschreckte es ihn selbst, dass es ihn so kalt ließ. Er wusste schließlich, dass wenn Hugo jetzt ging, er höchstwahrscheinlich nicht mehr wiederkommen würde.
„Du bist so ein unfaires Arschloch Branko,“ zischte Hugo jetzt und aus den Augenwinkeln sah Branko, dass er sich mit dem Handrücken über die Augen fuhr. „Ich dachte immer, dass du wirklich denkst du seist nicht gut genug und es nicht wert, dass sich irgendwer um dich sorgt. Aber in Wahrheit bemitleidest du dich einfach nur sehr gerne selbst und kannst es nicht haben, wenn plötzlich alles irgendwie gut läuft. Und es ist dir dabei scheiß egal, dass du andere Menschen verletzt, wenn du sie so behandelst. Ich würde ja sagen es liegt an irgendwelchen Sachen aus deiner Kindheit, aber leider weiß ich fast gar nichts darüber. Und ich glaube du wirst es bereuen, dass du grade aus irgendeiner Laune heraus mit mir Schluss machst.“
Branko stütze den Kopf in seine Hände. „Geh jetzt bitte Hugo. Ich kann diese Unterhaltung jetzt nicht führen,“ flüsterte er.
Er hörte, dass Hugo seinen Rucksack aufhob. Er war eben sehr laut geworden, doch nun sprach er ganz leise. „Herzlichen Glückwunsch. Du hast heute zwei Menschen, denen sehr viel an dir liegt aus deinem Leben gedrängt. Ich hoffe du bist jetzt zufrieden.“ Es schien als warte Hugo noch, dass Branko etwas sagte, aber er schien zu merken, dass dies nicht passieren würde. Nach einer Weile drehte er sich um und kurz darauf fiel die Wohnungstür laut ins Schloss.


Branko lehnte sich zurück. Sein Herz schlug sehr schnell und er war froh, dass er jetzt allein war. Er wusste, dass Hugo ihm fehlen würde, aber es fühlte sich auch gut an niemandem mehr Rechenschaft zu schulden. Keiner der dauernd wissen wollte wieso er etwas tat und wie er sich fühlte. Auch wenn er es hasste Hugo damit zu verletzen. Er würde darüber hinwegkommen. Vermutlich schneller als gedacht. Er hatte jemanden verdient, der besser zu ihm passte und der ein besserer Freund war, der weniger Geduld kostete.
Es dauerte jedoch nicht lange, da wurde die ersehnte Stille von einem Klopfen an seiner Zimmertür unterbrochen.
Als Branko nicht antwortete steckte Olli den Kopf durch die Tür.
„Hey, was war denn hier los und wieso seid ihr schon wieder zurück? Ist Hugo schon gegangen?“
„Er ist weg und jetzt lass mich bitte in Ruhe,“ fuhr Branko sie an. Er hatte die Hände vor der Brust verschränkt.
„Habt ihr euch gestritten?“ fragte Olli trotzdem weiter.
„Wir haben Schluss gemacht, falls du es genau wissen willst und jetzt geh bitte raus.“ Seine Stimme klang plötzlich rau und sehr unfreundlich, aber das war jetzt wirklich die letzte Unterhaltung, die er führen wollte.
„Bitte was?“ machte Olli. „Bist du verrückt? Das ist doch Quatsch. Das wird schon wieder,“ fügte sie noch aufmunternd hinzu.
„Ja offensichtlich bin ich verrückt,“ murmelte Branko. „Und jetzt raus. Ich muss jetzt allein sein.“
Olli tat wie geheißen und kurz darauf hörte er, dass auch sie die Wohnung verließ. Er wusste, dass sie Hugo zu hundert Prozent nachlief und vermutlich war dieser sehr dankbar um einen Gesprächspartner.
Branko presste die Hände vors Gesicht. In diesem Moment war er nicht fähig klar zu denken, aber das Gefühl wieder ganz allein zu sein bereitete ihm ein vertrautes und recht angenehmes Gefühl.
Er wusste nicht wie lange er an die Decke gestarrt hatte, bis Olli zurückkam. Es waren bestimmt mehr als zwei Stunden gewesen. Ohne zu klopfen kam sie zu Branko ins Zimmer.
Sie sagte nichts, sondern stemmte die Hände in die Hüften und starrte ihn an. Sie schien zu warten, dass Branko etwas sagte, aber dieser schwieg eisern.
„Möchtest du mir erklären, was los ist?“ fragte sie dann ganz ruhig, doch Branko schüttelte nur entschieden den Kopf.
„Okay, du willst nicht reden, aber Branko ich sag dir mal eines. Du kannst das vielleicht mit Hugo und deinem Vater machen, aber mich wirst du nicht los. Du kannst mich ignorieren, beschimpfen oder sonst was. Das ist mir verdammt egal, aber du wirst mir jetzt sagen, was los ist. Hugo hat gesagt, du wärst plötzlich ganz komisch geworden, obwohl vorher eigentlich alles in Ordnung war und dann willst du gehen und sagst deinem Vater, dass du den Kontakt abbrechen willst und dann machst du auch noch mit Hugo Schluss. Was ist passiert?“
Branko zuckte die Schultern. „Ich habe nicht schlussgemacht,“ flüsterte er. „Er hat mir diese Worte in den Mund gelegt. Ich wollte einfach bloß nicht reden.“
Olli hob die Augenbrauen so weit, dass Branko kurz dachte sie würden bald in ihrem Haaransatz verschwinden. „Ah. Und deshalb schmeißt du das Beste, das dir in deinem Leben passiert ist einfach so mir nichts dir nichts hin?“
„Ich hätte mich auf beides gar nicht erst einlassen sollen.“
Olivia sog hörbar die Luft ein. „Weißt du eigentlich wie sehr Hugo grade geweint hat Branko. Du tust ihm weh.“
„Er wird darüber hinwegkommen. Er wird jemanden finden, der besser für ihn ist und der genau so ist wie er das gerne möchte. Ich bin das leider nicht und offensichtlich kann ich mich auch nicht ändern. Und er muss aufhören sich der Illusion hinzugeben er könnte mich so verändern wie er es gerne hätte. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe Olli. Ich will nicht darüber reden.“
Scheinbar schien das Olli die Sprache verschlagen zu haben. „Ich dachte er wäre dir wichtig und auch dein Vater…“ fing sie nach einer Weile jedoch leise an.
„Sag mal hörst du schlecht?“ schnauzte Branko. „Du sollst mich in Frieden lassen. Ich will jetzt nicht reden.“
„Dir ist schon bewusst, dass ich ziemlich viel Erfahrungen habe im Umgang mit Menschen wie dir oder?“
Branko setzte sich auf und sah sie irritiert an.
„Ich arbeite jeden Tag mit Jugendlichen zusammen, die aus einem scheiß Elternhaus kommen, die vernachlässigte oder sogar misshandelt wurden. Ich weiß genau, dass so etwas nicht spurlos an einem vorbei geht.“
„Tu jetzt nicht so. Ich bin keiner deiner schwer erziehbaren Jugendlichen.“ Er stand vom Bett auf und wollte sich an ihr vorbei schieben.
„Du verhältst dich grade aber ziemlich so.“
„Wieso kapiert eigentlich keiner, dass man manchmal einfach über gewisse Sachen nicht reden möchte? Bin ich jetzt wirklich der Arsch? Klar ist das mies für jemanden, der so neugierig ist wie Hugo, aber meinst du es geht mir grade gut damit?“
Olli schaute ihn bloß an. „Aber wieso wolltest du ihm nicht einfach kurz erklären was los ist? Wieso müsst ihr euch denn direkt trennen wegen so etwas?“
Branko seufzte. „Weil ich es nicht kann. Manchmal geht es einfach nicht und erklären kann ich das schon gar nicht. Wenn er das nicht akzeptieren kann ist das leider die einzige Schlussfolgerung.“
Olli sah traurig aus. Branko wusste schließlich genau wie sehr sie Hugo mochte und wie schön sie es fand, wenn er da war. Und auch Branko mochte es in circa achtzig Prozent der Fälle, wenn Hugo an seiner Seite war. Nur manchmal wurde ihm das alles einfach zu viel.
Und grade jetzt, da er einfach einen emotionalen Zusammenbruch gehabt hatte, hatten Hugos Forderungen das Fass einfach zum Überlaufen gebracht.
„Entschuldige dich einfach bei ihm,“ meinte sie kleinlaut und sah ihn flehend an.
„Ich will mich aber nicht immer für mich selbst entschuldigen müssen,“ meinte Branko und sah sie von oben an. „Ich will einfach manchmal für kurze Zeit meine Ruhe haben dürfen. Er hat doch gemerkt, dass ich grade nicht bereit war mit ihm zu reden. Er tut immer so verständnisvoll, aber gibt mir nicht für den Augenblick den Freiraum, den ich brauche.“
„Hugo braucht halt die Aufmerksamkeit und ich weiß auch, dass er dir guttut.“
Branko drängte sich jetzt doch an ihr vorbei und ging in die Küche. „Es tut mir leid, aber ich weiß bis heute nicht wieso er mit mir zusammen sein wollte. Ich bin absolut nicht die Person, die er haben will.“
Olli war ihm natürlich gefolgt. „Und weißt du wie nervig es ist, dass du das immer noch in Frage stellst?“
„Tja so bin ich halt. Nervig, verschlossen, unkommunikativ, bescheuert, verrückt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Weißt du jetzt wieso ich das in Frage stelle?“ flüsterte er und füllte Wasser in den Wasserkocher. Er sah sie nicht an, sondern vergrub nur die Hände in den Hosentaschen und starrte auf die Füllstandanzeige am Wasserkocher.
„Wieso tust du das Branko? Ist es denn so jetzt besser für dich?“
Er nickte leicht, sagte aber nichts und sah sie auch nicht an.
„Überleg es dir vielleicht nochmal. Das kann doch jetzt nicht das Ende sein.“

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Simson » 06 Dez 2018, 19:06

:o ...Hätte ich mal lieber nicht nachgefragt! Dann hätte ich jetzt noch die Illusion, dass sich Hugo und Branko nur kurz streiten :cry:

Was machst du Salto? Du weißt schon, dass du dich bei DEM cliffhanger zu einem zügigen nächten Post verpflichtet hast ?! 8)
Oder willst du mich (uns) hier lange leiden lassen ? :wink:

Also ich kann Branko immernoch verstehen. Er kann halt nicht aus seiner Haut und Nähe scheint ihm bedrohlich zu sein ABER er hat doch trotzdem ein Gehirn. Was macht der bloß??? Armer Hugo !
"Sei wie du bist ! Irgendwann kommt es sowieso raus." E.v. Hirschhausen

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Matti » 08 Dez 2018, 12:55

Egoistisch, fiel mir so als erstes ein, wie Branko sich verhällt.
Also nicht auf sein bisheriges Leben bezogen, sondern auf das hier und jetzt. Ich ertappe mich selbst auch immer mal, wie ich meinen Eltern bzw. ihrer Erziehung die Schuld an meinem heutigen Verhalten gebe.
Die Kunst ist es in den besagten Situationen, seine alten Denkmuster zu umgehen.

Du schreibst das wirklich richtig klasse
und vor allem kann man sich sehr gut in deine Charaktere hineinversetzen.
Danke dafür :wink:

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Re: Bauchgefühle

Beitragvon Saltoboy » 17 Dez 2018, 01:30

Hach ja. Ich habe Branko leider einige meiner schlechteren Charaktereigenschaften verliehen. Es freut mich aber, dass man sich trotzdem gut in ihn hineinversetzen kann. Ich weiß leider aus persönlicher Erfahrung, dass man in manchen Momenten nicht unbedingt rational handeln kann.
Als kleiner Hinweis. Es wird etwas später in diesem Teil einen kleinen Perspektivenwechsel geben und für eine kurze Weile wird die Geschichte aus einer vielleicht etwas unerwarteten Perspektive weiter erzählt, da ich besagten Charakter in letzter Zeit vielleicht ein wenig vernachlässigt habe.
Viel Spaß!



Branko wollte es sich aber eigentlich nicht noch einmal überlegen. Natürlich war Hugo ihm wichtig, aber es passte vielleicht wirklich einfach nicht. Die nächsten paar Tage ging es ihm nicht wirklich gut, aber die Überzeugung die richtige Entscheidung getroffen zu haben hielt ihn irgendwie aufrecht. Das versuchte er sich jedenfalls einzureden. Und das funktionierte auch ziemlich gut, jedenfalls bis Mittwoch.
Branko kam gerade aus der Uni nach Hause und hörte schon, dass Olli Besuch hatte, dachte sich aber nichts weiter dabei. Er stellte seinen Rucksack in sein Zimmer und zog sich seine Jacke aus. Er hörte Olli lachen und kurz kreischen, dann ging er in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es ihm einen solchen Stich versetzen würde Hugo wieder zu sehen, aber er hatte das Gefühl sein Herz würde mit einer sehr spitzen Nadel durchbohrt. Hugo und Olli blickten zu ihm auf, als sie ihn bemerkten. Sie spielten grade offensichtlich irgendein Spiel auf dem Tisch.
„Oh, hallo Branko,“ machte Olli und zog die Beine zu sich ran. Man merkte ihr das Unbehagen deutlich an.
Einen Moment war Branko nicht fähig sich zu bewegen, er starrte stattdessen nur Hugo an, der erst zurückblickte, dann aber verunsichert den Blick abwandte. In diesem Moment war ihm so erschreckend bewusst geworden, was für einen riesigen Fehler er gemacht hatte. Egal was er versucht hatte sich einzureden.
„Ich will dann nicht weiter stören,“ murmelte er und wandte sich langsam ab. Im Flur blieb er einen Augenblick stehen. Sein Herz pochte ihm so heftig gegen die Rippen, dass es schmerzte und er hatte das Gefühl er würde keine Luft mehr bekommen. Branko wollte sich nicht von dieser Welle der Emotionen überrollen lassen. Er überlegte kurz in die Küche zurück zu gehen, aber entschied sich dann dagegen. Es würde ihn vermutlich umbringen noch einmal in Hugos Augen blicken zu müssen.
„Du wolltest doch mit ihm reden,“ hörte er Olli leise sagen.
„Er aber offensichtlich nicht mit mir,“ antwortete Hugo kühl und Branko fiel ein Stein in den Magen. Schnell ging er in sein Zimmer und schloss die Tür. Er hörte nun sein eigenes Herz förmlich schlagen und er verfluchte sich selbst für sein Verhalten und die Unfähigkeit auf Hugo zuzugehen und dass er sich nicht längst bei ihm entschuldigt hatte. Aber was sollte das bringen? Er würde bestimmt nicht noch eine Chance bekommen.
Unschlüssig stand er da und blickte sich in seinem Zimmer um. Es war so verflucht eng hier drinnen. Grade so, dass ein Bett, sein Schreibtisch und ein kleiner Schrank Platz fanden. In diesem Moment kam ihm das ganze sehr erdrückend vor.
Er schrak zusammen, als es leise an der Tür klopfte.
„Ja?“ krächzte er, ohne nachzudenken.
Dieses Mal stach die Nadel noch viel tiefer zu, als er Hugos Kopf sah, der sich durch die Tür schob.
„Ich wollte dich nicht aus deiner Küche vertreiben,“ murmelte er und kam langsam ins Zimmer.
„Hast du nicht,“ log Branko und er wusste selbst nicht wieso er das behauptete.
„Können wir vielleicht reden?“ fragte Hugo und schaute Branko unsicher an.
„Gibt es denn noch etwas zu bereden?“ erwiderte Branko, sah ihn aber nicht an. Er klammerte sich bloß an die Fußseite seines Bettes.
Hugo seufzte. „Du bedeutest mir zu viel, um das einfach so stehen zu lassen. Ich mein immerhin haben wir in den letzten Monaten sehr viel Zeit miteinander verbracht und ich denke schon, dass du mir eine Erklärung schuldest, wieso ich dir plötzlich so egal bin.“ Hugo sprach ruhig und Branko spürte seinen Blick auf sich ruhen.
„Du bist mir nicht egal. Die Situation war nur…,“ er brach ab. „Es war einfach zu viel für mich. Ich kann das auch nicht erklären, aber ich wollte einfach allein sein. Das wir uns deswegen trennen habe ich nicht gewollt.“
Hugo stand relativ dicht neben ihm. Er schloss jetzt die Tür, vermutlich weil er genau wusste, dass Olli sonst lauschte.
„Ich habe mit deinem Vater gesprochen Branko. Er ist glaube ich wirklich traurig, dass du keinen Kontakt mehr zu ihm willst.“
Jetzt blickte Branko ihn doch an. Schaute in das hübsche Gesicht, das irgendwie ziemlich traurig aussah.
„Wieso tust du das?“ fragte er entgeistert.
Hugo zuckte mit seinen Schultern. „Weil ich es wollte und weil ich das Gefühl hatte, dass es mir vielleicht hilft dich zu verstehen.“
„Und hat es das?“
Er schüttelte bloß leicht den Kopf. „Du fehlst mir,“ murmelte er dann und zog leicht die Nase hoch.
Branko wandte sich ihm nun zu und stand jetzt noch dichter vor ihm. Sanft strich er ihm über den Arm, wobei er sich nicht sicher war, ob das in Ordnung war. Am liebsten hätte er ihn umarmt, aber da hatte Hugo sich auch schon vorgebeugt und ihn geküsst. Brankos Hirn schaltete sich in diesem Moment augenblicklich in den Standby-Modus. Er schlang seine Arme um Hugo und zog ihn dichter zu sich. Sehr bestimmt schob dieser ihn auf das Bett und setzte sich auf seinen Schoß, während sie sich immer intensiver küssten.
Branko lag auf dem Rücken und konnte sein Glück gar nicht fassen. Nie hätte er gedacht, dass es so einfach sein würde sich mit Hugo zu vertragen, der jetzt seinen Hals küsste und sich daran machte Branko von seiner Kleidung zu befreien.
Branko fand es sehr schön zu fühlen wie Hugo sich bewegte und auf ihn reagierte. Draußen ging langsam die Sonne unter und kurz fragte Branko sich, ob Olli mitbekam, was in seinem Zimmer vor sich ging.

Branko fuhr sanft über Hugos warme Haut, als dieser seufzend in die Kissen sank. Dann beugte er sich kurz vor und drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Schläfe. Er sah ihn von der Seite an und musste Lächeln. Er war einfach sehr glücklich über das was grade geschehen war, aber Hugo wirkte plötzlich nicht ganz so glücklich und Branko hatte das Gefühl, dass er etwas sagen sollte.
„Es ist schön, dass du hier bist,“ flüsterte er und stupste sanft mit der Nase gegen Hugos Schulter. Dieser setzte sich aber ganz plötzlich auf und Branko schrak über diese plötzliche Bewegung ein wenig zusammen. Scheinbar hatte er etwas Falsches gesagt.
„Jetzt also doch?“ fragte Hugo und verschränkte die Arme vor den Knien.
„Was meinst du?“ wollte Branko wissen und setzte sich jetzt ebenfalls auf.
„Jetzt ist es okay, dass ich hier bin? Hast du da vielleicht einen Kalender für mich, damit ich weiß wann es in Ordnung ist mit dir zu reden? Das würde die Sache sehr viel einfacher machen.“ Er klang plötzlich sehr abweisend und Branko hatte ein ungutes Gefühl dabei.
„Nein, habe ich nicht. Es tut mir auch leid, dass ich manchmal meine Ruhe brauche, ich wünschte nur du würdest das dann akzeptieren.“ Er berührte Hugo leicht am Rücken, der aber offensichtlich nicht von Branko berührt werden wollte.
„Manchmal?“ fragte Hugo scharf. „Ist das dein scheiß Ernst? Dauernd! Und ich soll das akzeptieren? Ich habe da jetzt wirklich lange drauf Rücksicht genommen, aber es macht mich fertig dauernd von dir auf Abstand gehalten zu werden, ohne je eine Erklärung dafür zu bekommen. Du erwartest von mir, dass ich Verständnis dafür aufbringe, dass du deine Freiräume brauchst, aber woher soll ich das Verständnis nehmen, wenn ich keine Erklärung bekomme? Du hast ja auch kein Verständnis für mein Bedürfnis nach Nähe zu dir. Das ist einfach verdammt egoistisch.“
Branko versuchte es noch einmal Hugo zu berühren, aber er kletterte jetzt aus dem Bett und fing an sich langsam anzuziehen.
„Ich dachte wir vertragen uns wieder,“ flüsterte Branko.
„Nein,“ murmelte Hugo. „So nicht.“
„Und warum schläfst du dann mit mir?“ fragte er und merkte wie sich alles in ihm zusammenzog. Hugo zog sich sein Shirt über den Kopf und als er wieder auftauchte waren seine Haare ziemlich verstrubbelt. „Weil ich scheinbar nicht dazu gelernt habe. Ich kann einfach nicht loslassen. Das war schon bei Alex so. Du speist mich immer mit irgendwelchen leeren Phrasen ab. „Ich kann das einfach nicht“, oder „das ist mir grade einfach alles zu viel“. Das sind einfach Ausreden. Und wenn du dann solche Sachen zu mir sagst, zweifle ich daran, ob du das wirklich ernst meinst oder grade nur froh bist einen weggesteckt zu haben.“
Branko stand nun auch vom Bett auf. Hastig zog er sich etwas über und stand dann verblüfft vor Hugo.
„Du weißt genau, dass ich dich liebe. Denkst du ehrlich, dass ich dir das vorspiele? Meinst du ich würde dich so nah an mich ranlassen, wenn ich es nicht ernst meinen würde?“
Hugo schaute ihn jetzt von unten her an, er zog die Schultern hoch und atmete tief durch. „Wenn du das nah nennst, dann weiß ich nicht, was das Ganze noch soll. Ich rede nicht über das Körperliche, obwohl es manchmal auch noch hapert. Ich will, dass du mir vertraust. Du hast offensichtlich Probleme damit sozial mit anderen zu interagieren. Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn du wenigstens versuchen würdest daran zu arbeiten. Wenn ich dir das nicht wert bin, dann möchte ich glaube ich keine Beziehung mehr mit dir führen.“

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„Ja?“ machte Leo gedankenverloren, als er ans Telefon ging. Er war grade dabei seine Sporttasche auszuräumen. Er klemmte das Telefon zwischen Ohr und Schulter und warf ein ziemlich verschwitztes T-Shirt in den Wäschekorb. Er wunderte sich wieso Olli ihn anrief. Normalerweise hätte sie Sophie angerufen, aber nicht ihn.
Er merkte, dass sie zögerte und dann fragte sie: „Weißt du wo Branko steckt?“
Das machte ihn noch stutziger. Sie wusste doch, dass die beiden im Moment eher weniger miteinander sprachen.
„Ne, keine Ahnung. Wieso?“ fragte er also und nahm das Handy jetzt wieder richtig in die Hand.
Sie stöhnte und klang dabei ein wenig verzweifelt. „Er ist irgendwie verschwunden und geht auch nicht an sein Handy. Ich habe es schon zigmal versucht. Ich dachte er wäre vielleicht bei dir.“
Jetzt lachte Leo. Branko war erwachsen und wahrscheinlich war er einfach bei seinem Freund und achtete nicht auf sein Handy. Und genau das sagte er ihr auch so. „Die beiden haben bestimmt besseres zu tun,“ fügte er noch lachend hinzu.
Für einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. „Er ist nicht bei Hugo,“ meinte sie dann entschieden. „Und ich mache mir wirklich Sorgen. Die beiden haben sich nämlich vor ein paar Tagen getrennt.“
Leo zog die Brauen hoch, als er das hörte. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet, so vertrottelt wie Branko ihn angeschaut hatte. „Ich wusste, dass dieser Typ ihn fallen lassen wird,“ meinte er wütend und pfefferte seine Sportschuhe in die Ecke. „Ich habe es die ganze Zeit gewusst.“
„Ähm, es war nicht Hugo, der Schluss gemacht hat,“ meinte Olli dann trocken und einen Moment konnte er sie kaum verstehen.
Das überraschte ihn jetzt allerdings wirklich. Er wusste genau wie viel Branko diese Beziehung bedeutete.
„Das musst du mir jetzt genauer erklären,“ meinte er und setzte sich gespannt auf die Bettkante. Vielleicht war ihre Sorge um Branko doch nicht so unbegründet, wie er zunächst gedacht hatte.
Sie seufzte einmal tief. „Ich weiß auch nicht so richtig was genau passiert ist, aber als die beiden vom Besuch bei Brankos Vater wiederkamen, habe ich gehört, dass sie sich gestritten haben und Hugo meinte nachher Branko wäre irgendwie durchgedreht und hätte seinem Vater gesagt, dass er keinen Kontakt mehr will. Völlig grundlos und als Hugo mit ihm darüber reden wollte, haben sie sich wohl gestritten. Branko hat nachher zu mir gesagt, dass er eigentlich gar nicht Schluss machen wollte und eigentlich nur seinen Freiraum haben wollte. Ich weiß auch nicht wieso sie sich noch nicht wieder vertragen haben. Hugo war jedenfalls richtig am Ende danach und Branko halt so gleichgültig wie immer. Sie haben auch noch einmal mit einander geredet, aber danach war es wohl nur noch schlimmer als vorher und jetzt ist er weg und eigentlich waren wir verabredet und er hat auch nicht die Küche geputzt, obwohl er damit dran war und Branko ist da normalerweise immer sehr penibel.“ Er hörte wie sie Luft holte nach diesem Monolog.
Wenn Leo eines wusste, dann, dass wenn Branko so auf irgendetwas reagierte, es ihm alles andere als gleichgültig war. Er hatte es zwei oder dreimal mitbekommen, dass Branko sich völlig zurückzog und mit niemandem mehr sprechen wollte. Einmal war er zwei Wochen nicht in die Schule gekommen. Aber er hatte nicht erwartet, dass so etwas noch einmal passieren würde, jetzt da er einigermaßen glücklich gewirkt hatte. Er war noch ein wenig angefressen, dass Branko ihm nichts von seinem Vater erzählt hatte. Aber andererseits kannte er Branko viel zu gut, um genau zu wissen, dass man ihm solche Informationen aus der Nase ziehen musste und das hatte er nicht getan.
„Wenn ich mich nicht irre, weiß ich wo er ist,“ murmelte Leo nachdenklich und sah auf seine Armbanduhr.
„Wo?“ fragte sie aufgeregt und Leo musste fast ein bisschen schmunzeln bei der Vorstellung an ihr Gesicht dabei.
„Ich kümmere mich darum. Ich wollte eh mit ihm sprechen. Und ich glaube auch, dass ich vielleicht der Einzige bin, der jetzt eine Chance hat.“
„Mhm,“ machte sie wenig begeistert. „Aber sag mir bitte Bescheid, wenn du ihn gefunden hast.“ Sie klang sehr ernst und Leo fand es wirklich schön, dass sie sich so sehr um ihn sorgte. Er kannte dieses Gefühl und er freute sich für Branko, dass er eine Freundin wie sie hatte.

Re: Bauchgefühle

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