213

Platz für eure Beziehungsstories - fact and fiction
Gay Stories - keine Sexstories!
steveXbird
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Re: 213

Beitragvon steveXbird » 31 Aug 2014, 19:01

So los geht's.

Mal was längeres damit ihr mal lesen könnt :) Ich bin momentan Krank falls es jemanden interessiert wie es mir ergeht, sonst ist alles gut. Immer noch kein Internet in der Wohnung. Das ist zum Kotzen. Euch ne gute Woche!

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I rose into the sky imploded within myself
I burnt the alibis, I did it for my health
I see it in your eyes, the way it looks in me
Although we wear disguise, we'll never be that free
Hold me now, tell me that it's in you
Hold me now, tell me that it's true


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Aus einem Krankenhaus flüchten ist einfacher wie man vielleicht denkt. Wahrscheinlich rechnet einfach niemand damit, das man es versucht. Wahrscheinlich trauten sie es einfach den Leute nicht zu. Wir waren schließlich krank oder verletzt. In meinem Fall beides, aber auch das würde mich nicht aufhalten. Ich wartete bis die Schwester mir zum letzten mal vor der Nachtruhe die Tabletten brachte. Ich tat so als ob ich sie schlucken würde, ich wusste genau was sie mir gaben, Beruhigungsmittel, Schlafmittel und die übliche Dosis Anti-Depressiva. Aber heute Nacht durfte ich nicht schlafen. Ich musste wach bleiben. Heute Nacht würde ich aus diesem scheiß Krankenhaus raus. Die Polizei hatte mich schon gefragt wie das alles passiert war, und ich wusste wo sie meine Sachen aufbewahrten. Dort würde auch meine Kiste sein. Da ist Robert. Und ich musste sie wieder haben. Egal was mich das kosten würde, ich muss sie wieder haben. Als alles am schlafen war, und ich seit 10 Minuten keine Schritte mehr gehört hatte, stieg ich aus dem Bett. Ich zog die Infusionsnadel aus meinem Arm und setzte einen Fuß neben den anderen auf den Boden. Der Boden war hart und kalt und es fühlte sich so unwirklich an, nach den ganzen Wochen wieder Boden unter den Füßen zu haben. Mein Muskel war gerissen im linken Bein, ich hatte Verbrennungen, mein Arm war gebrochen und meine Rippen geprellt. Ich hatte Schmerzen an jeder Stelle meines Körpers und sie wurden schlimmer mit jedem Schritt den ich in Richtung Tür tat. Ich musste das jetzt machen. Ich öffnete die Tür einen Spalt und schaute auf den Flur. Er war leer, aber ich wusste genau das in dem Raum kurz vorm Ende, die Schwestern saßen. Sie mussten natürlich auch in der Nacht hier sein, falls irgendetwas passierte. Ich müsste an dieser Tür vorbei kommen. Wie genau ich das schaffen sollte, wusste ich nicht. Pläne machen war nie meine Stärke, ich hoffte immer darauf das alles gut gehen würde. Aber meistens wurde ich enttäuscht. Ich bewegte mich auf den Flur, die Tür ließ ich offen stehen, so machte ich keine Geräusche. Ich humpelte unter brennenden Schmerzen von Krankenzimmer, zu Krankenzimmer. An jeder Tür wartete ich kurz, ob ich etwas hörte, irgendeine Schwester, Schritte, oder irgendjemanden, der mich von meinem Vorhaben abhalten könnte. Nur noch zwei Türen und dann kam das Schwesternzimmer. Es kam Licht heraus, trat auf den dunklen Flur hinaus. Ich hörte den Fernseher, die Kaffeemaschine und die schrecklichen Plastikschuhe auf dem Linoleum Boden. Jetzt oder nie, ich beschleunigte meinen Schritt, in meinem Bein schossen die Schmerzen wie Flammen nach oben, und dann kam die Tür. Ich blieb wieder stehen, machte eine kurze Pause, wartete bis die Schwester den Fernseher noch lauter drehte und war an der Ausgangstür. Ich drehte mich noch einmal kurz um und blickte auf den Flur hinter mir. Keiner hatte mich bemerkt. Noch nicht. Ich humpelte durch die Tür in den Vorraum. Die Aufzüge vor mir. Ich würde es nicht schaffen die Treppen zu nehmen. Ich schnappte mir einen Mantel von der Garderobe der jemand anderem ursprünglich gehörte. Dann wartete ich auf den Aufzug. Es fühlte sich an wie Stunden, die verschiedenen Stockwerke über der Aufzugstür leuchteten jenachdem in welchem Stock er war. Dann öffneten sich die Türen, darin ein Arzt. Mein Herz schlug unglaublich schnell. Warum war da ein Arzt drin? Hatte der kein Zuhause? Er stieg aus und lief an mir vorbei ohne mich zu beachten, ich blickte ihm nach. Fast zu lang. Die Türen waren gerade dabei sich zu schließen als ich noch schnell hindurch ins innere kam. Ich konnte schlecht durch den Haupteingang im Erdgeschoss gehen, also drückte ich auf Kellergeschoss und hoffte das die Tiefgarage noch offen war. Im Keller schaute ich mich um, es standen überraschenderweise immernoch viele Autos auf den Parkplätzen. Die Beleuchtung tauchte alles in ein grünliches weiß. Es sah dreckig aus, es stank nach Benzin. Ich wusste genau das ich es nicht schaffen würde vom Krankenhaus aus zu laufen. Ich brauchte einen Rollstuhl. Aber auch dieses mal schien ich Glück zu haben, es stand noch einer neben einem Auto. Scheinbar hat ihn niemand zurückgebracht. Warum hatte ich auf einmal so viel Glück? Es machte mir Angst und ich schaute mich nur noch häufiger um. Es war wie in einer dieser Fernsehshows, wo der Kandidat überall von Kameras verfolgt wird. Vielleicht wussten sie ja von meinen Ausbruchsplänen, und das alles hier war vorbereitet. Sie würden an der Ausfahrt der Tiefgarage auf mich warten. Und mich dann wieder in mein Krankenbett stecken, mich mit Medikamenten vollpumpen und mich rund um die Uhr beobachten. Aber selbst dieses Risiko würde ich eingehen. Ich schaffte die letzten Meter zum Rollstuhl und ließ mich in ihn fallen. Ein Geräusch schreckte mich von meiner Erleichterung auf. Die Tür zur Tiefgarage ging auf, und ich schaffte es nur knapp hinter eine Säule zu Rollen. Zwei Schwestern liefen auf ein Auto zu, sie lachten, eine kannte ich. Ich bewegte mich immer weiter hinter die Säule, ich hielt den Atem an, mein Herz trommelte wild und heiß. Die Schmerzen in meinem Bein machten mich fast Ohnmächtig, oder es war der Geruch hier unten. Diese ganze Mischung machte mich fertig und ich war mir nicht sicher, ob ich es überhaupt aus dieser Tiefgarage schaffen würde. Das Bild verschwamm vor meinen Augen und ich zwang mich durchzuhalten. Ich riss die Augen auf. Komm schon John! Für Robert! Bewege deinen Arsch jetzt aus dieser Scheiß Tiefgarage. Die Schwestern sind mit dem Auto abgezogen. Das war schonmal ein Zeichen das die Garage noch offen war. Jetzt oder nie. Ich hörte mich noch einmal kurz um, und dann begann ich mit in dem Rollstuhl nach vorne zu bewegen. Über den Parkplatz, in Richtung Ausfahrt. Ich wusste nicht wo die Ausfahrt enden würde, Gott ich wusste noch nicht mal wirklich in welchem Teil der Stadt ich war, das einzige was ich wusste war, wo meine Sachen sind, und das ich hier raus musste, weg von allem. Zu Robert. Oder das was von ihm in der Kiste noch lebte. Wenn ich hier rauskommen würde, würde ich einen Bus nehmen. Stadtzentrum. Irgendwohin wo ich es finden würde. Die Ausfahrt kam immer näher und der Boden begann sich in eine Steigung zu entwickeln. Ich wusste nicht ob ich genug Kraft haben würde da hochzukommen. Es waren mindestens 5 Meter. Sie kamen mir wie ein Kilometer vor. Wie sollte ich das schaffen? Bei jedem zweiten Anschieben, wurde ich halb Bewusstlos vor Schmerzen. Ich konnte das nicht schaffen. Niemals. Ich würde hier nicht rauskommen. Nicht im Rollstuhl, nicht laufend, nie. Ich dürfte nicht bewusstlos werden, nicht jetzt. Und dann hörte ich Schritte von hinten, hinter meinem Rücken kam jemand immer näher auf mich zu. Es waren keine Absätze zu hören, also ein Mann. Ich wollte mich nicht umdrehen, ich konnte es nicht, es tat alles so weh, so kurz vor der Freiheit würde ich aufgehalten werden. Das könnte nicht sein, das dürfte nicht sein.
,Hey!‘ kam es von hinten. Wirklich ein Mann. Aber die Stimme war müde, erschöpft, und nicht alarmierend.
,Was soll das denn werden?‘ fragte die Stimme, sie war noch hinter mir. Ich konnte nicht sehen von wem sie kam. Ich schluckte, versucht so normal und gesund wie möglich zu klingen.
,Ich will hier hoch, ich hab was verloren oder so, und ich komme nicht mehr hoch.‘ kam es dann von mir heraus. Die wohl beste Ausrede. Ich habe was verloren oder so. Ich glaube es war der stolzeste Moment meines Lebens. Ich meine, wer hatte denn schon so eine tolle Ausrede am Start, weshalb man völlig am Ende im Rollstuhl vor einer Tiefgaragen Ausfahrt stand und nicht hochkam. Klar ich würde auch sofort denken das da jemand was verloren hat.
Er kam kurz zum stehen, und machte dann weitere Schritte auf mich zu. Das war es dann, ich würde hier nie rauskommen, nicht heute. Ich merkte wie er seine Hände an die Griffe des Rollstuhls nahm.
,Du weißt schon wie verschissen spät es ist?‘ fragte er dann als er mich hochschob. Ich konnte es nicht glauben. Es passierte wirklich. Wer schiebt denn einfach einen völlig fertigen, fremden, sichtlich verletzten Jungen eine Ausfahrt nach oben.
,Nein, ich will einfach wieder da hoch.‘ sagte ich dann. Ich hatte natürlich keine Ahnung wie spät es war. Woher denn auch. Ich war oben angekommen. So angeschoben kam es einem nicht so ewig vor. Aber ich wusste ich hätte es nie ohne diesen Mann geschafft. Als wir oben angekommen waren, sah ich ihn auch zum ersten mal. Er sah gut aus, braune, kurze Haare, drei Tage Bart, Brille und noch die weiße Hose aus dem Krankenhaus an. Er schaute auf mich runter, in der rechten Hand sein Handy und seine Jacke, in der linken ein Schlüssel.
,Oh fuck du siehst aber beschissen aus. Hat dich ganz schön erwischt oder?‘ fragte er mich dann. Dankeschön. Einfach Danke.
,Autounfall.‘ antwortete ich knapp. Es war besser nicht alles zu erzählen. Ich konnte gut Geschichten erfinden. Er steckte sich den Schlüssel in die Tasche und kratzte sich am Kopf.
,Wie heißt‘n du?‘ fragte er dann. Das kann dem Wichser doch, scheiß egal sein! Ich hatte absolut keine Lust auf das lustige, wir lernen uns kennen Spiel. Okay er hatte mich da hochgeschoben aber jetzt könnte er sich doch auch genauso gut verpissen.
,John.‘ ich finde warum einen anderen Namen verwenden, John war sowieso völlig austauschbar. Er nickte. Streckte mir die Hand entgegen und grinste.
,Ich bin Thomas.‘ Ich starrte auf seine Hand, er hatte Tattoos am Arm. Ich konnte sie nicht nehmen, ich wollte nicht und konnte auch nicht. Manchmal kann ich einfach nicht. Er lachte, schüttelte den Kopf. Und grinste mich dann wieder an. Irgendwie war er sexy.
,Okay, cool, rauchst du?‘ er hielt mir eine Kippe hin. Hallo er bot einem völlig kranken Jungen im Rollstuhl eine Zigarette an. Ich verzog mein Gesicht und nickte.
,Du bist nicht wirklich der beste Arzt oder?‘ fragte ich ihn dann. Er zündete mir dann sich die Kippe an, Marlboro Reds. Dann lief er hinter meinen Rollstuhl und schob mich nach vorne.
,Ich bin kein Arzt, kleiner Mann.‘ zog an seiner Zigarette und fragte danach: ,Wo soll‘sen hingehen?‘
Er hatte so einen Gossenakzent. Ich mochte ihn sofort.
,Was bist du denn dann?‘ entgegnete ich, versuchte nach hinten zu ihm hochzuschauen, ließ es aber sofort wieder, nachdem es mir im Nacken weh tat.
,Arzthelfer einfacher. Sowas wie ne Krankenschwester, nur Männlich halt. Also, schon was anderes. Halt Männlich. Weißte?‘ nein wusste ich nicht. War mir aber auch egal, er hatte es übersehen das ich auf seine Frage nicht geantwortet hatte, und schob mich einfach weiter durch die Nacht. Und für einen kurzen Moment hatte ich keine Schmerzen, keine Sorgen. Er sollte mich einfach für immer weiter schieben, ohne Pause, ohne irgendwo anzukommen, einfach weitermachen. Ich brauchte kein Ziel. Nie wieder.
Er schob mich schon eine ganze Zeit durch die Gegend, wir waren nun in dem Wald, welcher das Krankenhaus umgab. Ich hatte keine Ahnung wo wir waren und eigentlich sollte es mir angst machen das mich so ein fremder Mann mich mehr oder weniger entführte. Er kam zum stehen, scheinbar merkte er ebenfalls in diesem Moment was er da grad tat. Er lachte wieder auf, offensichtlich tat er das gerne.
,Moment. Haha, wo wolltste nochma‘ hin?‘ fragte er dann und drehte den Rollstuhl mit mir um, so das ich wieder vor ihm stand. Im Wald war es dunkel und so konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Ich konnte so gut wie nichts erkennen. Nurnoch Umrisse.
,Ich weiß nicht.‘ antwortete ich. Schon wieder eine Lüge. Ich wusste genau wo ich hinwollte, wo ich hinmusste. Ich musste zu ihm. Zu Robert. Aber das konnte ich nicht sagen. Er fuhr sich durchs Haar, auf jedenfall sah es so aus, als ob er das tat.
,Kann ich dich was fragen?‘ sagte er dann. Ich nickte. Er würde es nicht sehen, aber ich nickte dennoch. Er fragte auch einfach.
,Bist du schwul?‘ ich war geschockt. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Warum kam die Frage? Weshalb? Machte ich so einen schwulen Eindruck? Und überhaupt, wie kommt man denn dazu einfach jemand völlig fremden zu fragen ob man schwul sei? Ich wollte ihn schlagen.
,Nein, Mann!‘ antwortete ich dann, mehr böse als ich es erwartet hatte. Er lachte. Und hielt mir einen Zettel entgegen den ich annahm.
,Schade, naja wenn du‘s dir nochma‘ anders überlegst, ruf mich an.‘

Es ist schon lustig wie manchmal nur wenige Zentimeter über dein Leben entscheiden können, wenn ich nur ein paar Zentimeter meinen Fuß nach vorne bewege, wenn ich nur einen Schritt machen würde. Dann wäre es das. Irgendwie ist Selbstmord vom Hausdach so pathetisch. Man steht da so öffentlich, jeder könnte einen sehen und einen noch davon abhalten. Wahrscheinlich macht man es deshalb auch, sich von einem Hausdach stürzen. Weil die Leute es sehen können, und dich finden können, es vielleicht noch verhindern könnten. Was war also die schönste Form sich umzubringen? Ich habe mal gehört das wenn man sich mit einer Pistole in den Kopf schießt, man noch ein paar Sekunden lebt. Und wer will schon noch Sekunden leben wenn man sich den halben Kopf weggeschossen hat. Außerdem macht eine Pistole ein Geräusch und man muss erstmal an so etwas rankommen. Schlafmittel klappt meistens einfach nicht. Wenn man so viele Schlafmittel einfach so nimmt oder am besten noch mit Alkohol zusammen, kotzt man das ganze einfach wieder aus. Jimi Hendrix hat versucht sich mit Schlaftabletten umzubringen und ist letztendlich an seinem erbrochenen erstickt. Irgendwie also auch nicht das wahre. Diese Drogen- und Medikamentencocktails scheinen trotzdem irgendwie gut zu sein, man ist völlig weggedröhnt und dann ist man weg. Für immer. Aber was ändert das ganze davor daran das man letztendlich einfach nur sterben will? Selbst wenn man die letzten Sekunden vor seinem Tod noch leidet, weiß man das überhaupt noch wenn man Tod ist? Und überhaupt, was kommt nach dem Tod? Merkt man überhaupt noch was? Kann man noch was merken weil man noch was ist? Oder ist es einfach vorbei, mit allem, und es kommt einfach nichts. Einfach das Ende von allem. Kein Schmerz, keine Gedanken, keine Erinnerungen. Wenn das wirklich so sein wollte, fand ich den Tod noch verlockender wie vorher. Irgendwann ist deine Zeit gekommen, hab ich mir immer gedacht, irgendwann wirst du wirklich weg sein. Was bringen vier verschiedenste Suizidversuche wenn es nie geklappt hatte? Irgendwann ist es soweit, irgendwann wirst du gehen. Und wenn es so weit ist, wirst du die Augen zu haben, du wirst lächeln, du wirst lachen zum ersten mal seid Monaten wirklich, weil du glücklich bist, und dich freust auf das was jetzt kommt, und du verdammt nochmal nie wieder Angst hast, nie wieder Schmerzen, nie wieder irgendwas hast. Ich wusste genau das dieser Moment kommen wird, das er bald da sein wird. Und das dann alles gut sein würde, zum aller ersten mal in deinem Leben würde alles gut sein. Und warum konnte dieser Moment nicht heute sein, nicht genau jetzt, genau jetzt wo ich auf dem Hausdach von Anton und Robert stand, bereit mich fallen zu lassen, bereit das alles hier zu beenden. Alles war so perfekt und so richtig, aber ich bekam nie das was ich wollte. Also warum auch jetzt. Denn kurz vorher öffnete sich die Tür auf dem Dach. Ich schlug sofort die Augen auf, und das ganze überlegende und glückliche Gefühl was ich kurz vorher verspürt hatte, verschwand und wich Wut und Enttäuschung. Wut auf denjenigen der mich bei so einem wichtigen Moment störte und Enttäuschung darüber das es scheinbar schon wieder nicht soweit war. Das ich scheinbar weiterhin hier bleiben müsste. Ich hätte auch einfach die Augen offen lassen können, denjenigen anschauen können, lächeln, ihm zeigen das es soweit ist, das es richtig ist, und dann mich einfach nach hinten fallen lassen können. Es einfach jedem zeigen können, ich kann das tun, ich kann mich umbringen, ich kann mich fallen lassen, ich kann das jetzt hier beenden, und zum ersten mal Herr der Dinge sein, meines eigenem Leben, auch wenn es das Ende sein sollte. Doch ich kam nicht dazu, selbst wenn ich es gewollt hätte, selbst wenn ich es versucht hätte, ich käme nicht dazu. Denn derjenige der kam, derjenige der mich störte bei diesem intimen Versuch, bei meinem Moment, derjenige klammerte sich an mich, er holte mich zu sich, von der Kante weg, zu ihm. Ich kannte diese Umarmung, ich spürte sie erst vor kurzem, ich wusste wer es war, ich hätte nicht die Augen öffnen müssen, ich roch ihn, ich nahm ihn in mich auf, so wie er mich zu sich zog, wusste ich es. Zum Glück war Ironie eines der wenigen Sachen, deren man sich sicher sein konnte. Ironie existierte. Und momentan stellte sie sich so dar, das der Junge dem ich vor kurzem noch das Herz gebrochen hatte, auf diesem Hausdach war, um mich daran zu hindern zu springen, oder besser, mich fallen zu lassen. Andreas. Andreas zog mich von der Kante und zu sich. Er weinte. Ich hatte selten jemanden so stark weinen gehört wie ihn. Andreas drückte mich so stark an sich, das sein weinen mich mit schüttelte. Ich erwachte nach und nach aus meiner Trance, aus meiner Gewissheit es jetzt zu beenden, es jetzt besser zu haben. Wie hat er mich gefunden? Warum hat er mich gefunden? Was wollte er hier oben. Ich schüttelte einfach nur den Kopf, ich glaube das würde ich immer können, dieses ungläubige Kopfschütteln. Was würde jetzt passieren? Für alles was jetzt kam, gab es einfach keinen Plan. Ich war mir doch so sicher das es jetzt vorbei sein würde. Aber das war es jetzt einfach nicht. Ich konnte nichts sagen, ich wunderte mich das ich es überhaupt noch schaffte zu atmen, selbst das erschien mir so unwirklich. Wir bewegten uns irgendwie von einander weg. Er hielt mein Gesicht fest, ich wusste das er mich küssen wollte, in Filmen hätten wir uns jetzt geküsst, er hätte mich geküsst und dann gelacht. Als ob das etwas besser gemacht hätte, als ob das Lachen danach mich geheilt hätte, aber wir hätten es getan und dann hätten wir uns festgehalten und über das Dach geguckt, während die Kamera um uns herum geschwebt wäre und dann würden die End-Credits kommen. All das würde passieren in einem Film, aber das hier war kein Film, das hier war das wirkliche Leben, oder wenigstens der kurze Moment. Also hielt er mich einfach nur fest, er schaute mich verzweifelt an, immerhin das, er wusste auch das das hier kein Film war, keineswegs. Er zog mich weiter vom Rand weg, nur um sicher zu gehen, mittlerweile müsste ich wirklich Anlauf nehmen um mich aus seinen Armen zu reißen um mich danach das Dach hinunter zu stürzen. Aber all das konnte ich nicht, ich würde mich nicht vor ihm umbringen können. Nicht jetzt und nicht vor fünf Minuten und garantiert auch nicht in der Zukunft. Wenn er nur die ganze Zeit bei mir sein würde, dann gäbe es keinen Suizidversuch von mir. Wegen ihm. Nicht wegen mir. Aber das würde ich ihm einfach nicht antun. Es gibt Grenzen, selbst für mich scheinbar. Und so bewegten wir uns immer weiter von der Kante weg, immer näher zu der Tür, näher zum Treppenhaus, und irgendwie war es als ob mir erst jetzt der Boden weggezogen wurde. Es war einfach weg, das ganze Gefühl, die ganze Euphorie, einfach mit einem Schlag zunichte gemacht, und das was jetzt kam war wieder das normale Leben. Auf jedenfall das was man als normal bei mir und als Leben bezeichnen konnte. Und es machte mich fertig. Es war einfach nicht so wie es hätte laufen sollen. Es war nicht richtig. Und dann verspürte ich wieder dies Wut, diese Wut auf Andreas, das er mich an meinem Glück gehindert hatte, das er mich davon abgehalten hat, es zu beenden, und endlich meinen Frieden und meine Ruhe zu finden. Warum musste er das auch tun? Und dann schlug mir die Antwort in den Kopf wie die Tür in den Türrahmen hinter uns fiel. Er liebte mich. Er liebte mich. Und das tat er immernoch. Selbst nachdem ich ihm das ganze entgegen geworfen hatte, selbst nachdem ich mit ihm geschlafen hatte und ihn danach fallen gelassen hatte. Er liebte mich, warum nur? Warum liebte er mich? Wir liefen das Treppenhaus hinunter, es wurde in mir immer heißer, mein ganzer Körper schien zu pulsieren, zu kochen, je näher wir dem sechsten Stock kamen, ich schwöre ich spürte Robert und Anton, ich spürte wie sie die ganze Zeit in der Wohnung sein würden, wie auch Anton seiner Schwester alles erzählen würde, wie Robert auch ihr Rede und Antwort stehen müsste, und ich spürte den Hass der wuchs, in Anton und in seiner Schwester, der Hass auf mich, auf den Jungen der ihnen den Vater genommen hatte. Ein für alle mal. Und dann waren wir am sechsten Stock vorbei, und kamen immer näher der Ausgangstür, ich hatte keine Ahnung wohin Andreas mich nehmen würde, ob er mich zu sich nach Hause nehmen würde, ob er verlangte das ich ihn mit zu mir nehme, oder ob er mich einfach nur von diesem Dach bringen wollte, mir dann schönen Tag und schönen Weg wünschen würde, und dann weg wäre. Die Tür fiel ins Schloss und ich stand wieder auf Boden, fester Boden von dem ich nicht fallen könnte, jedenfalls nicht in den Tod stürzen könnte. Der Boden unter meine Füßen fühlte sich anders an. Einfach so unwahr, so undankbar und unsagbar traurig. Andreas zog mich hinter den Wohnblock in eine Ecke in der am Tag nur die Frauen mit ihren Kinderwägen saßen und sich die neusten Dinge erzählten. Momentan war es leer, nicht untypisch für diese Uhrzeit. Andreas setzte sich direkt vor mich, ich schaute an ihm vorbei, ich konnte noch nichtmal sagen ob ich das absichtlich tat oder ob es einfach nur so kam. Er wartete ganz kurz ab, bevor er merkte das ich diesen Zustand des sitzen nicht ändern würde. Dann drehte er mein Gesicht so hin, das ich ihn anschauen musste. Und dann starrte er mich immernoch verzweifelt, traurig, und momentan auch wütend an. Aber er fand keine Worte, wie sollte man auch so ein Gespräch anfangen? Ich schüttelte mal wieder den Kopf. Das konnte ich gut, vielleicht war es die einzige Sache die ich wirklich gut konnte, den Kopf schütteln. Ich wusste das ich nicht darum kam mit ihm zu reden. Schließlich hatte er mich von diesem Dach geholt.
,Es tut mir leid?‘ sagte ich dann, schaute auf den Boden. Ich formulierte es wie eine Frage, was eigentlich lächerlich war, und er wusste das genauso gut.
,Einen scheiß tut es dir.‘ antwortete er, und zog mein Gesicht wieder zurück, er wollte mir in die Augen sehen. Ich schloss sie kurz und schaute ihn dann fest an.
,Woher wusstest du, wo ich bin?‘ fragte ich ihn dann. Eigentlich eine der einzig wirklich sinnvollen Fragen in diesem Moment. Warum wusste er das ich genau hier sein würde?
,Ich bin dir nachgelaufen.‘ die Antwort kam ohne großes Nachdenken und war ehrlich.
,Dann dauerte es irgendwie ewig, und ich habe mich nicht getraut zu klingeln, ich wusste ja auch nicht wo und bei wem und dann wollte ich gehen und dann habe ich dich da auf diesem Dach gesehen und wie du da an der Kante gestanden hast, und dann bin ich hoch und...‘ ich ließ ihn nicht aussprechen. Ich lachte kurz auf. Irgendwie, irgendwie wenn die ganze Situation nicht so dramatisch wäre, wäre es ja irgendwie süß. Aber momentan war es einfach nur dramatisch, und traurig, nicht süß und schon garnicht lustig. Aber ich musste nunmal lachen.
,Warum hast du mich nicht einfach springen lassen? Warum bist du da hochgekommen?‘
,Warum sollte ich John?‘ fragte er, seine Naivität machte mich fertig.
,Ich hab dich doch gebrochen Andreas. Ich hab mit dir geschlafen und bin dann weggerannt. Warum würdest du wollen das ich noch hier bin bei dir? Warum würde das irgendjemand wollen, nachdem was alles passiert ist?‘ ich wusste die Antwort die kommen würde schon längst. Er würde sagen das er mich liebt, ich würde ihm versichern das es nicht so sein könnte, dann würde er es wiederholen, und ich würde den Kopf schütteln.
,Du wirst mich niemals lieben, oder?‘ fragte Andreas dann, nach einer langen Pause.
,Ich glaube nicht.‘ erwiderte ich.
,Ich glaube ich werde niemals, niemals jemanden lieben. Ich glaube es wird einfach nicht passieren.‘
Andreas nickte. Er versuchte so stark zu sein, so Erwachsen, dabei wollte er nurnoch losheulen. Wegrennen und dafür sorgen das, das hier niemals passiert wäre. Wenn er sich nochmal entscheiden könnte, er würde nicht nochmal Sex mit mir haben wollen. Niemand würde was mit mir zutun haben wollen, wenn er sich nochmal entscheiden könnte. Und das wusste ich.
,Warum warst du auf diesem Dach? Warum wolltest du dich umbringen?‘ ich wusste auch das diese Frage kommen würde. Ich hatte keine Ahnung ob ich wirklich ihm die ganze Wahrheit erzählen sollte. Nicht jeder muss alles über einen wissen. Ich bezweifelte das er die gesamte Wahrheit vertragen würde. Ich könnte niemand die ganze Wahrheit erzählen. Niemanden. Ich schaute in den Hinterhof in dem wir saßen, er war so leer. Fast wie Tod, nur das stark schlagende Herz von Andreas. Er war so aufgeregt, er wollte nicht wissen weshalb ich das machen wollte. Er wollte nichts mehr wissen. Er wollte das ich ihn küsste, das er davon aufwachen würde, in seinem Bett, und daneben würde ich liegen. Er würde mich anlächeln und sich freuen wie schön ich aussehe wenn ich schlafe. Aber so etwas passiert nicht. So etwas ist noch niemanden passiert. Niemand wacht einfach auf wenn der Albtraum so real ist. Niemand hatte solche Albträume.
Und dann nahm ich seine Hand, er zuckte kurz zurück. Ich schaute ihm tief in die Augen.
,Ich wollte das alles aufhört. Ich wollte da unten liegen, Tod. Ich wollte das alles besser wird. Für jeden hier. Ich wollte einfach nicht mehr.‘

So schnell er mir seine Nummer gegeben hatte, so schnell war er auch wieder verschwunden. Ich wusste nicht was ich von der ganzen Sache halten sollte. Ich hätte auch einfach die Wahrheit sagen können, dann wäre ich mit ihm nach Hause und wir hätten gevögelt. Naja, wahrscheinlich wäre ich nicht in der Lage dazu gewesen. Wer weiß. Aber er war schwul, oder? Sonst stellt man doch nicht so eine Frage und sagt danach Schade. Er muss schwul sein. Aber weshalb kam er darauf das ich es auch bin. Warum fragt man sowas überhaupt. So direkt. Und wenn ich ja gesagt hätte, was wäre dann passiert? Er war einfach merkwürdig, aber trotzdem war ich Thomas unendlich dankbar, dass er mich die Rampe hochgeschoben hatte, keine dummen Fragen, bis auf das mit meiner Sexuellen Orientierung, gestellt hatte. Ich war ihm einfach dankbar, vielleicht rufe ich ihn ja wirklich an, aber erstmal muss ich zur Polizei. Und dann wurde mir meine Dummheit bewusst, wie bitte sollte ich an die Sachen kommen? Ich kann ja schlecht einfach in das Polizeipräsidium reinlaufen, Hallo sagen, und die Sachen abholen. Nein das würde nicht gehen. Nicht in meinem Zustand. Sie würden sofort merken das ich der Junge bin, der aus dem Krankenhaus geflüchtet ist, das ich der Junge bin, den man aus dem Haus gezogen hatte das er selbst angezündet hat. Und dann fragte ich mich weshalb ich überhaupt aus dem Krankenhaus gegangen bin. Wahrscheinlich weil ich keine Lust mehr auf die Fragen hatte, keine Lust mehr darauf was vielleicht passieren könnte. Letztendlich steht man dann wohl mit seinem Rollstuhl irgendwo mitten im Wald und weiß nicht wohin. Ich schaute mich um, es war dunkel, ich konnte kaum den Weg ausmachen. Hier würde ich es nie rausschaffen im dunkeln. Ich versuchte mich ein Stück weiter nach vorne zu rollen und dann noch ein Stück, bis ich auf einer Lichtung war. Jedenfalls konnte ich das ausmachen. Der Mond war gut zur Hälfte voll, wirklich viel Licht machte er nicht, aber es reichte um herauszufinden das es eine Lichtung war. Ich stieg aus dem Rollstuhl, ich merkte das meine Schmerzmittel langsam aufhörten zu wirken und ein brennender Schmerz machte sich in meiner linken Seite bemerkbar. Ich schob den Rollstuhl vor mir her, wie einen Rollator. Ich legte mich auf den Boden in das Moos. Neben mir der Rollstuhl und dann machte ich die Augen zu. Normalerweise träume ich nicht, oder klar ich träume, aber ich kann mich morgens nicht mehr daran erinnern von was ich geträumt habe. Ich fand es eigentlich auch eher verwunderlich das ich es geschafft hatte zu schlafen, auf einem Waldboden. Ich hatte die Villa in der ich wohnte angezündet, ich hatte keine Ahnung das es so eskalieren würde. Aber es tat es. Man hat mir gesagt das sie komplett ausgebrannt war, und das meine Mutter fast gestorben wäre, und ich verdammtes Glück hatte noch zu leben. Ja verdammt. So ein Glück. Immerhin müsste ich nie wieder zurück nach Hause, ich würde wieder in die Klinik kommen, und wahrscheinlich würde ich da nie wieder rauskommen. Oder vielleicht komme ich auch ins Gefängnis. Aber das war mir momentan auch egal. Sollen die mich doch einsperren, entweder die Klinik oder das Gefängnis. Das ist vielleicht das einzig gute an dieser ganzen Rock Bottom Theorie. Wenn man mal einmal unten ist, kann es nicht schlimmer werden. Nur war mein Rock Bottom schon seid Jahren erreicht, und ich hatte es nie geschafft wieder hochzukommen. Und dann lag ich da halt. Immerhin ist es ein stillstand. Ein Zustand. Wie es wohl Amy geht. Oder den anderen. Ob sie noch da wären? Ob ich jemals wieder in die gleiche Klinik kommen würde. Ob sich irgendjemand dort Sorgen machte um mich, mich vermisst hat. Aber ich glaube nicht das sich irgendjemand Sorgen gemacht hat. Niemand machte sich da wirklich Sorgen. Es wurde kalt im Wald in der Nacht und als ich aufwachte zitterte ich am ganzen Körper. Krankenhaus Kleidung ist nicht wirklich dafür gemacht, draußen zu campen. Ich finde selbst im Krankenhaus ist einem dauernd kalt. Und mir wurde eigentlich nie schnell kalt. Meine Schmerzen waren besser geworden, oder betäubt von der Kälte, wie dem auch sei, lief ich hinter dem Rollstuhl eine ganze Weile durch den Wald ohne kurz vor dem Zusammenbruch zu sein. Ich war noch nie in diesem Wald gewesen. Und eigentlich wurde mir auch heute nochmals bewusst wie unüberlegt meine Entscheidung einfach war. Ich hatte ja noch nichtmal Ahnung ob ich überhaupt in meiner Heimatstadt war. Oder in welcher Richtung diese sich befinden würde. Ich schaffte es bis zu der Stelle wo die Wege anfingen geteert zu sein. Dann setzte ich mich in den Rollstuhl und schob mich weiter, die Schmerzen kamen nach und nach wieder, wahrscheinlich war ich einfach noch betäubt von der Nacht. Ich traf keine einzige Menschenseele im Wald, was mich nochmals beunruhigte, wenn hier niemand war, war ich wohl ziemlich weit entfernt von allem. Aber wie ist dann Thomas gestern wieder nach Hause gekommen? Und er hat mich ja nicht ohne Grund einfach in den Wald geschoben, es war garantiert sein Heimweg. Ich rollte weiter und weiter in irgendeine Richtung, Hauptsache raus hier. Und dann sah ich endlich Häuser, ich glaube ich habe mich noch nie so darüber gefreut Häuser zu sehen. Irgendwo muss ich sein, und dann würde ich auch herausfinden wo. Ich kannte keinen Straßennamen und es war eine fürchterliche Vorstadt Gegend, mit roten Klinker Häusern, alle mit Garten, abgezäunt, Garage und Carport. Fürchterlich. Ich fand so etwas schrecklich. Entweder die richtigen großen Villen oder die Plattenbauten, aber nicht dieser Pseudo, uns-gehts-so-gut, kack. Und dann viel mir ein wo ich war, ich wusste es genau, es lief mir ein Schauer durch den Körper, was keine gute Mischung mit den Schmerzen zusammen war. Ich kannte diese Straßen doch, und zwar aus meiner Vergangenheit. Ich rollte noch eine Seitenstraße weiter um mir ganz sicher zu sein. Ja. Ohne Zweifel das hier war die Straße in der er gelebt hat, dies war das Haus von Andreas. Ich wollte mich übergeben. Hier hat der Junge gelebt den ich entjungfert hatte, und den ich gebrochen habe. Ich stand eine ganze Zeit im Rollstuhl vor dem Haus und überlegte was nun wohl mit ihm war, ob er hier noch leben würde, ob er ein normales und schönes Leben hatte, ob er noch an mich dachte. Aber all diese Überlegungen führten zu nichts, ich würde nie wissen ob er hier noch lebte und ob er ein normales und schönes Leben hatte. Ich würde es nie herausfinden, denn ich könnte ihm nie wieder gegenübertreten, nicht nachdem was alles passiert war. Nie wieder. Ich drehte mich weg vom Haus und rollte weiter. Immerhin wusste ich nun wo ich war, und wohin ich gehen könnte. Ich hatte wieder einen Plan. Manchmal gibt es diese Momente in denen es dann einfach wieder klar ist, alles. Und dann hat man wieder einen Plan und weiß was man tun muss. Ich würde sofort zur nächsten Telefonzelle gehen und Thomas anrufen. Bei ihm könnte ich sicher unterkommen, und dann würde er mir helfen die Sachen wiederzubekommen. Ja es war klar, so klar war es einfach. Die Sache mit solchen Plänen ist nur immer, das sie Voraussetzen, das alles klappt. Und alle mitmachen. Wenn Thomas doch nicht so locker war, wie ich ihn einschätzte, oder wenn er überhaupt nicht wollen würde das ich jetzt zu ihm komme, würde der Plan schon nicht klappen. Aber daran konnte ich nicht denken. Daran wollte ich nicht denken. Ich wollte mal an garnichts denken, einfach absolut nichts. Aber man kann das nicht verhindern. In solchen perfekten Vorstadt Idyllen gab es einfach keine Telefonzellen, jedenfalls musste ich ewig durch die Gegend rollen bis ich eine fand. An einer Kreuzung an der sich zwei von diesen perfekten Straßen trafen. Ich war mir ziemlich sicher das die Häuserfassaden nur aus Pappe oder Plastik waren und wenn man dagegen stoßen würde, würden sie umfallen. Ja da war ich mir ziemlich sicher, einzig der Fakt das ich mal in einem solchen Haus war und es nicht zusammengefallen ist, störte mein Bild. Aber das war mir jetzt auch egal solange die Telefonzelle echt war und funktionierte. Ich stellte den Rollstuhl rechts daneben ab, und eine ältere Frau beobachtete mich aus ihrem Vorgarten. Der erste Mensch den ich heute sah, war eine Frau mit fürchterlichem Lippenstift im Vorgarten beim gaffen. Es ist so wahnsinnig toll diese Vorstadt Idylle. Ich liebte es. Ich kramte die Nummer aus meiner Tasche und war wirklich froh darüber das ich sie nicht weggeschmissen hatte. Die Vorwahl kannte ich, es war dieselbe die meine alte Schule hatte. Ich meine mich zu erinnern das die nicht weit weg von hier wäre. Es dauerte eine ganze Zeit bis auf der anderen Seite der Hörer abgehoben wurde, er klang ganz verschlafen, ich hatte keine Ahnung wie viel Uhr es war.
,Hallo.‘ sagte er dann, ich drehte mich um, ich hatte keine Lust mehr der guten Frau im Vorgarten beim gaffen zu sehen.
,Hallo, weißt du wie viel Uhr es ist?‘ fragte ich ihn, ich wollte es wirklich wissen. Auf der anderen Seite der Leitung war es kurz still, dann rauschte es, er legte sich um, scheinbar lag er im Bett oder wo anders, aber er bewegte sich. Wenn es darum ging aus Telefonaten, etwas herauszuhören, war ich Meister.
,Du hast angerufen, um zu fragen wie viel Uhr es is‘ ?‘ und auch am Telefon fand ich seinen Gossenakzent irgendwie süß, und nervig zugleich. Ich musste kurz lächeln, und drehte mich wieder zu der lieben Dame beim Stalking. Sie hatte sich mittlerweile einen Gartenstuhl auf der Veranda aufgebaut, scheinbar ist es dann einfacher zu gaffen, wenn man sitzt. Ich schaute sie verstört an, und sie schaute, welch wunder, zurück.
,Ja, also nicht nur, aber auch, ich will wissen wie viel Uhr es ist. Willst du es mir sagen?‘ ich versuchte irgendwie cool zu klingen, nicht krank, aber irgendwie kam ich wie ein kleines Kind rüber. Thomas lachte auf der anderen Seite.
,Viertel vor neun.‘ erwiderte er dann amüsiert. Aha, Vorstadt-Stalker-Lady war früh auf den Beinen. Okay ich fand alles früh vor halb eins. Aber irgendwie habe ich auch mein Zeitgefühl völlig verloren in der Therapie.
,Oh, danke.‘ antwortete ich und Thomas lachte wieder. Und ja ich musste es zugeben, sein lachen war schon irgendwie anziehend. Und scheinbar schien er schwul zu sein. Obwohl ich Schmerzen hatte, war ich irgendwie erfreut bei der Aussicht zu einem sexy Arzthelfer zu gehen. Oder in meinem Fall: zu rollen.
,War‘s das dann jetz‘ ?‘ ich schüttelte den Kopf.
,Nein.‘
,Okay...‘ Ich drehte mich wieder von meiner neuen Stalker-Kollegin weg, die sich mittlerweile mit einem Kaffee und einer Fernsehzeitschrift beglückte. Na das ist der Spaß am morgen.
,Du hast mich gestern im Wald stehen lassen, ich kann nicht laufen. Das war unfair.‘ ich wollte nicht direkt fragen ob ich kommen kann. Ich mochte es grade zu telefonieren. Und ich wollte länger seine Stimme hören. Durch das Telefon.
,Okay, vielleicht. Aber scheinbar haste dich umentschieden was deine sexuelle Orientierung angeht. Find ich cool.‘ ich verdrehte die Augen.
,Ja, sag mal, hast du eigentlich ein Auto?‘ vielleicht würde er mich sogar abholen.
,Jap, willste wo geholt werden?‘ fragte er dann und stand auf, das hörte ich. Ja verdammt, ich wollte wo geholt werden. Irgendwie lief das richtig gut.
,Na wenn du das schon so anbietest. Gerne.‘ ich konnte langsam nichtmehr wirklich stehen weil mein Bein so sehr schmerzte.
,Wo bistn du?‘ fragte er noch nachdem er wieder gelacht hatte.
,So in der Vorstadt. Ich und mein Rollstuhl.‘ antwortete ich und gab ihm dann die genaue Adresse durch.
,Hammer. Ich komm gleich vorbei, wenn ichs finde.‘ er zog sich gerade an als er das sagte, auch das konnte ich raushören. Ich bedankte mich bei ihm und wollte schon auflegen als er noch ein Satz sagte:
,Wolln wir dann gleich im Auto vögeln, oder willste mit zu mir?‘

Ich war als Kind nie wirklich an irgendetwas interessiert. Ich wusste nicht genau weshalb, aber wenn ich mal so zurückschaute, merkte ich doch, das ich eigentlich nicht wirklich ein Hobby gehabt hatte, oder ein Interesse welches ich verfolgt hätte. Vielleicht wenn man, enttäuscht werden, als Hobby bezeichnen möchte. Dann war es vielleicht das. Aber ich glaube ich war einfach immer zu sehr damit beschäftigt traurig zu sein. Irgendwann hab ich dann mal mich dazu gezwungen irgendetwas zu machen. Ich suchte in den Todesanzeigen immer die jungen Leute und sammelte sie. Ich wusste noch nichtmal weshalb, vielleicht weil ich dachte, dass sie es geschafft hatten. Sie hatten es hinter sich, Leben und so. Vielleicht waren sie einfach Krank und litten ziemlich stark vor ihrem Tod, aber wenn man mal davon ausgeht das sich weltweit 2700 Leute täglich umbringen, könnte es sehr gut sein das ich mindestens einen Selbstmörder in meiner Sammlung hatte. Wenn man wirklich sterben möchte, dann hat das auch Gründe. Ich war absolut kein Fan von der Theorie das man Selbstmorde verhindern konnte und müsste. Ich meine was geht es mich denn an wenn sich jemand umbringen will? Kann ich ihn nicht einfach lassen? Solange er nicht auf irgendwelchen Drogen ist wird er doch wissen was er da tut. Ich käme nie auf die Idee jemanden daran zu hindern von einem Hausdach zu springen, oder vor einen Zug, oder sich das Hirn wegzuschießen. Irgendwann gibt man das auf, dieses Denken. Und dann ist nurnoch das schwarze übrig. Diese Resignation, dem Leben und dem Sterben gegenüber. Ich weiß zwar das ich krank bin, aber das macht es nicht irgendwie weniger frustrierend. Aber ich könnte Andreas nicht böse sein. Andreas wusste es nicht besser und würde mich nie verstehen. Selbst wenn er älter werden würde, zu dem Standpunkt den ich hatte würde er nie kommen. Vielleicht würde einfach niemand den gleichen Standpunkt haben wie ich. Ein weiterer Grund warum ich hier nicht hinpasse. In diese Welt. Ich habe mit Robert nie über so etwas gesprochen, generell habe ich fast nie wirklich so viel mit Robert über ernste Dinge gesprochen. Wir hatten einfach Sex und eine gute Zeit, mehr haben wir nicht gebraucht. Aber wenn man eine richtige und feste und intakte Beziehung hatte, müsste man irgendwann zwangsläufig über solche Dinge und andere wichtige Dinge reden. Ich werde nie eine solche Beziehung führen können, das wusste ich, oder nur bis zu dem Moment an dem wir über solche Dinge sprechen würden. Ich mochte es nicht über Dinge zu sprechen. Ich wollte eigentlich garnicht sprechen, ich weiß man sagt so etwas nicht, aber manchmal wäre ich lieber Taubstumm.
,John, mach sowas nie wieder.‘ flüsterte Andreas dann, ich schaute von ihm weg, zu den Fahrradständern. Fast keine abgestellt. Eine absolut unwichtige Information, aber momentan war mir alles lieber wie mit Andreas meinen Psychologischen Zustand durchzusprechen. Ich nickte letztendlich, es war so verlogen, aber die Wahrheit hätte er nicht verkraftet, und nicht verstanden.
,Versprichst du es mir?‘ fragte er dann noch stärker nach und sorgte dafür das ich ihm in die Augen schaute. Ich hasste ihn. Was fällt ihm eigentlich ein? Erst mich davon abzuhalten mich umzubringen, und dann so ein Gespräch mit mir führen?! Und dann noch die Dreistigkeit zu besitzen so etwas von mir zu verlangen.
,Ich kann dir das nicht versprechen.‘ sagte ich dann und stand auf, ich wollte nicht mehr ihm direkt gegenüber sitzen, und vor allem wollte ich weg von hier, weg von diesem Häuserblock, weg.
,Warum nicht?‘ auch Andreas stand auf, ich lief aus dem Hof, Richtung Straße. Ich wusste genau das er mir folgen würde, ich hörte seine Schritte hinter mir, aber auch ohne das wusste ich es. Jungs wie er verfolgen einen immer, sie laufen einem nach bis sie die Bestätigung hatten, das die Wahrheit die sie sich nie zu glauben trauten, wirklich wahr war. Bis zu dem Moment an dem für sie alles zerbrochen ist, bis dahin verfolgen sie dich, und fragen dich, und wollen es wissen. Auch wenn sie es nie wissen sollten. Auch wenn es keiner je wissen sollte. Er rief mir was hinter her, ich beschleunigte meinen Schritt und er fing fast an zu rennen, bis er neben mir war. Ich blieb stehen und starrte ihn an. Er wollte wirklich alles wissen. Er müsste jetzt alles wissen. Damit ich ihn endlich los werden würde, müsste ich ihm alles erzählen.
,Können wir bitte woanders hin?‘ fragte ich ihn dann bestimmt. Er atmete durch, nickte dann und begann loszulaufen. Diesmal folgte ich ihm, ich war interessiert wo er hinwollte. Ich hätte auch einfach umdrehen können, dann wäre mir das folgende Gespräch erspart geblieben. Er lief ein paar Meter vor mir her und ich dachte die ganze Zeit, woher er das vertrauen hatte, dass ich ihm folgen würde. Dreh dich nicht um! Sagte ich leise zu ihm, und dann nochmals. Dreh dich nicht um! Ich komme mit! Doch dann vor der großen Straße, die völlig leer war um diese Zeit, drehte er sich um und starrte mir in die Augen. Feigling. Er versuchte wieder seine Tränen zurückzuhalten. Ich schloss zu ihm auf, und wir überquerten gemeinsam die Straße. Ich glaube er hatte Angst das ich mich direkt vor den nächsten LKW schmeißen würde. Aber es war Menschenleer, ich könnte mich nicht umbringen.
Auf der anderen Seite der Straße war ein Park, eigentlich war es die Sorte von Park, in der sich die ganzen Fixer und Dealer trafen, oder die Obdachlosen schliefen. Wir waren immernoch in dem schlimmen Viertel der Stadt. Er setzte sich auf eine der Tischtennisplatten, relativ am Anfang des Parks. Er war noch nie hier gewesen, ich hatte keine Ahnung wie er den Park gefunden hatte, aber ich konnte gewiss sagen, das er in diesem Teil der Stadt noch nie war.
,So.‘ er steckte die Fäuste in die Hüfte, er wirkte lächerlich, versuchte ernst und erwachsen zu sein ,Dann lass uns hier reden.‘
Ich blieb noch etwas vor ihm stehen, ein paar Schritte, dann setzte ich mich auf den Boden und lehnte mich gegen die Tischtennisplatte, ich wollte ihm nicht in die Augen sehen.
,Okay.‘ sagte ich dann, er sprang von der Platte auf den Boden und setzte sich neben mich. Woher wusste ich das nur, das er das tun würde? Dann schwiegen wir beide noch etwas, ich hatte keine Ahnung und ehrlich gesagt auch keine Lust das Gespräch zu beginnen. Also übernahm Andreas das mal wieder.
,Du wolltest mir versprechen, dass du dich nicht mehr umbringst.‘ sagte Andreas. Einen Scheiß wollte ich, einen Scheiß würde ich.
,Ich kann dir das nicht versprechen.‘ erwiderte ich, mal wieder.
Er lachte merkwürdig auf, nicht weil er es lustig fand, sondern weil er nicht wusste was er sonst machen sollte, oder sonst erwidern sollte, bis auf das obligatorische, warum.
,Ich kann es wirklich nicht.‘ wiederholte ich und schaute ihn dabei an. Er sah so jung aus, aber müde, und angestrengt. Er würde mich nie vergessen, sein ganzes Leben lang würde er das nicht. Ich wünschte ihm einen tollen Freund, einen Mann, und ein Leben, so anders wie meines. Ein geregeltes Einkommen, ein Reihenhaus, und den ganzen anderen spießigen Quatsch wovon ein Junge wie er nur träumte. Er sollte es so viel besser haben, und nie wieder an mich denken. Aber für letzteres war es zu spät. Viel zu spät.
,Warum kannst du es nicht?‘ fragte er dann trotzdem nochmals.
,Ich glaube du willst das nicht wissen.‘ ich starrte ihn fest an, er war doch noch so klein, er war doch noch so jung.
,Ich will es wissen. Ich will jetzt alles von dir wissen. Ich hab ein Recht alles zu erfahren.‘ ein Scheiß hat er! Verdammt, was fällt dem Jungen denn ein? Ich war schon fast richtig wütend auf ihn, und wollte ihn schlagen, ihn anschreien das er sich zur Hölle scheren soll, mich in Ruhe lassen soll, das es ihnen einen verfickten Dreck angeht. Das alles. Das er einfach nur das Pech hatte von mir gefickt worden zu sein. Das war alles. Das war kein Recht nun alles von mir zu erfahren!
,Okay tut mir leid, ich hab das nicht so gemeint, aber ich will dir helfen, wenn ich kann. Also...willst du es mir erzählen?‘ ruderte er dann zurück, nachdem er meinen Blick gesehen hatte. Nein wollte ich nicht wirklich. Aber er schaute so, und er hatte Mitleid, und sobald jemand anfängt Mitleid zu haben, war es vorbei, dann war alles vorbei.
,Ich bin krank.‘ sagte ich dann letztendlich. War doch jetzt auch alles egal. Anders würde man solche Jungs nicht loswerden.
Andreas nickte, er verstand nicht genau was ich meinte. Also er versuchte es nicht zu verstehen, denn er wollte es nicht so verstehen wie es gemeint war.
,Andreas ich bin Depressiv, ich habe Depressionen, Selbstmordgedanken und den ganzen Scheiß seitdem ich 13 bin.‘ wiederholte ich nun, etwas ausführlicher und mit wesentlich mehr Nachdruck. Ich hatte keine Lust ihm eine Bipolare Bewusstseinsstörung zu erklären, Depressionen müssten da reichen.
Andreas nickte wieder.
,Ich hab mich schon 3 mal versucht mich umzubringen, ohne heute mitzuzählen, ich ritze mich, ich verletze mich mit Zigaretten, ich saufe und schmeiße Drogen. Ich will sterben Andreas. Ich will einfach weg sein. Für immer.‘ ausdrücklicher könnte ich es ihm nicht machen. Andreas sah aus als ob er gleich kotzen würde. Er sah zum ersten mal so aus, wie ich jeden Tag aussah, kurz vorm kotzen, kurz vorm durchdrehen, vorm aufgeben, einfach im Arsch. Er rückte ein Stück von mir weg, ich versuchte ihn anzufassen, er schlug mir die Hand weg, als ob ich ihm wehtun würde, als ob meine Berührungen brennen würden.
,Fass mich nicht an!‘ schrie er, er weinte, er weinte vor Wut, vor Verzweiflung und vor Unglaube vor dem was ich ihm gerade erzählt hatte. Er wollte es wissen. Ich nickte nur. Andreas sprang auf und starrte mich wütend an. Als ob es meine Schuld wäre.
,Warum hast du mit mir...warum hast du mich...‘ er brachte es nicht heraus, ich stand langsam auf, stützte mich an der Tischtennisplatte hinter mir, ich konnte nicht mehr gut stehen, mir tat plötzlich alles weh, warum hat er mich nicht einfach springen lassen?
,Warum ich dich gefickt habe?‘ beendete ich seinen Satz für ihn. Bei dem Wort ,gefickt‘ zuckte er zusammen, als ob er das noch nie gehört hatte.
,Weil du nicht schlecht aussiehst und ich geil war. Das war alles.‘ sagte ich trocken, letztendlich war das die Wahrheit. Mehr gab es da nicht zu sagen. Und wie er so oft meinte, er wollte die Wahrheit wissen. War ja nicht so das ich ihn nicht gewarnt hätte.
Er schluckte, dann atmete er so pathetisch aus, als ob er empört wäre, was mir einfallen würde, so etwas zu sagen. Ich schüttelte nur müde den Kopf.
,Du bist so ein Arschloch.‘ sagte er dann. Ich nickte. Ich wusste was ich war, das müsste er mir nicht noch sagen.
,Und ich dachte du liebst mich!‘ fügte er noch hinzu.
,Warum hast du das gedacht?‘ fragte ich ihn dann, es war sogar wirkliches Interesse in meiner Stimme, warum dachte er das ich ihn lieben würde.
,Ich weiß nicht, weil du...du hast mich doch dann angeschrieben und gefragt ob wir was machen wollen und...und wir hatten...und wir hatten Sex.‘ obgleich seiner wütenden und bemühten Fassade war er immernoch der gleiche, kleine und naive Junge, der er die ganze Zeit schon war.
,Okay, es tut mir leid, vielleicht, das es so rüberkam, aber nur weil man Sex hat, heißt das nicht das man jemanden liebt, es heißt noch nichtmal, das man überhaupt verliebt ist.‘ erklärte ich ihm ruhig und sachlich.
,Du hast doch keine Ahnung!‘ rief er dann, nachdem er sich die Sache etwas durch den Kopf hat gehen lassen. Ich wusste nicht was ich dazu sagen sollte.
,Du weißt doch garnicht was Liebe ist! Du warst noch nie verliebt! Du bist einer von diesen Schlampen die mit jedem und allem Fickt und keine verschissene Ahnung hat was er damit anrichtet! Und überhaupt null Ahnung, aber nicht die geringste, davon hat was, verdammte scheiße, Liebe ist!‘ schrie er dann weiter. Ich hatte Andreas noch nie so wütend und außer sich erlebt. Scheinbar hatte ich ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Er hatte keinerlei Beherrschung mehr über sich. Und ich ließ es einfach über mich ergehen.
,Hast du denn kein Respekt?! Dir scheint das ja alles egal zu sein, was mit anderen Leuten ist! Aber es gibt auch noch Leute die nicht ein Scheiß machen nur weil sie sich eh umbringen wollen!‘
Das letzte war mir zu viel. Was fällt diesem Wichser überhaupt ein, meine Krankheit oder meine Selbstmordgedanken, so als Entschuldigung darzustellen?! Ich lief auf ihn zu, er wollte grade nochmals anfangen zu reden, dann holte ich aus, und schlug ihm eine rein. Direkt in seine verschissene Fresse aus der nur Scheiße rauskam.

to be continued. . . ;)
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Re: 213

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Re: 213

Beitragvon Max221B » 05 Nov 2014, 18:28

Schreib weiter, die Geschichte darf nicht einfach so hier enden!!! :flag:
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Re: 213

Beitragvon bennybp » 09 Nov 2014, 13:51

Ich hoffe, Du bist wieder gesund und das mit dem fehlenden Internet ist richtig blöd (wegen Geldmangel oder echt nicht verfügbar??). Jedenfalls ist das hier meine Lieblingsgeschichte und es macht mich verrückt, das so selten etwas neues kommt. Habe mich nur wegen deiner Story angemeldet und würde sie am liebsten als Buch kaufen. Oder hast du das Ende nochmals verändert? Würde mich über Antwort freuen, weiss aber nicht, ob das mit PN geht. Schreiben kann ich leider noch keine.
Der Akil hat es mir gemacht!
Also das Profilbildchen!! Tschuldigung Frost, wollte dich nicht eifersüchtig machen.

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Re: 213

Beitragvon steveXbird » 09 Nov 2014, 19:27

Hallo Kinder, ich melde mich mal zu Wort bei euch wieder nach langer Zeit. Ihr habt allen Grund auf mich böse zu sein, ich möchte mich auch nicht mit irgendwelchen Ausreden hier aus der Affäre ziehen, ich hätte mehr posten können. Momentan sieht die Sache so aus: ich poste euch heute wieder einen Teil. Ich brauche momentan ziemlich Zeit für mich, wieder gesund zu werden und mich auf mich zu konzentrieren, auf das was ich möchte und von mir erwarte oder auch nicht. Zu der Sache mit dem Buch, die Vorbereitung für die Lesung ist in vollem Gange (ich will nicht zu viel sagen falls es am Ende doch nicht klappt) momentan ist Februar eingeplant. Ich halte euch auf dem Laufenden. Momentan ist das Buch fertig, ich bin zufrieden mit Satz und Cover und allem, da gibt es kein Problem, die Veröffentlichung ist eine andere Geschichte. Letztendlich auch die Frage inwieweit ich hier alles posten kann/möchte, wenn ich es später noch als Buch veröffentlichen will. Außerdem ist es so: wenn ich das selbst aus eigener Kraft veröffentlichen will (was momentan der Plan ist) kostet mich das ziemlich viel Geld, Kraft, Zeit etc. Allerdings habe ich so auch die meisten Kreativen Freiheiten, was mir sehr wichtig ist. Ich möchte nicht etwas raushauen was nicht 100% meine Vision ist, tut mir leid für euch letztendlich, aber wenn ich nicht dahinter stehen kann, dann mache ich das auch garnicht. Ich schreibe momentan am zweiten Buch was völlig anders ist als '213' von daher hier wahrscheinlich nicht gepostet wird (ist einfach keine ''Schwule Geschichte''), auch dieses versuche ich irgendwann einmal veröffentlichen zu lassen, selbst zu veröffentlichen. Letztendlich wird das allerdings noch viel viel länger dauern, aber was soll's. Ich weiß momentan noch nicht einmal ob ich noch lange hier bleibe, ich habe einfach das Gefühl, dass mein Leben sich verändert und ich mit vielen Dingen abschließe die in der Vergangenheit mir wichtig waren, ohne Böse zu klingen, aber ich weiß nicht inwiefern ich mich hier noch mit identifizieren kann. Ich muss vielleicht auch einfach nur wieder voll auf den Damm kommen, ich hoffe ihr habt wenigstens ein klein bisschen Verständnis und Respekt dafür, auch wenn das mehr ist wie ich verlangen kann von euch.

Genug geredet von dem Zeug. Es geht mal weiter für euch. Nicht so viel wie letztes mal, aber immerhin :)

Gehabt euch wohl, lebt jeden Tag aus, macht viel für euch selbst und macht euch glücklich, danach eure Freunde, dann Familie. Das ist alles was ich euch mitgeben kann :)

Steve
__________________________________________________

What drives me to my man?
Earthly or divine or otherwise
Is no business of mine
You wasted my time
Deep down I never did feel right
Even now sometimes
That feeling is a lie
You wasted my time
I don't need your love


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich überlegte kurze Zeit ob Thomas wirklich schwul war, oder sich nur einen miesen Scherz erlauben wollte. Und dann überlegte ich mir was ich für einen Eindruck machte. Ich saß im Rollstuhl und war sichtlich verwundet als wir uns das erste mal gesehen hatten. Dann hatte er mir trotzdem seine Nummer gegeben und nun fragte er mich ob wir Vögeln wollten? Ich habe schon viel erlebt in der Schwulen Welt, aber so etwas verwirrendes noch nicht. Warum hat er dann nicht direkt im Wald gefragt ob wir mal vögeln wollen, sondern er fragte ob ich generell schwul bin. Ich verstand diesen Jungen nicht. Ich glaube selbst wenn ich gewollt hätte, und er sah ja wirklich nicht schlecht aus, ich wäre nicht in der Lage für Sex gewesen. Ich meine ich konnte mich kaum in der Telefonzelle aufrecht halten, wie sollte ich dann Sex überstehen? Meine persönliche Lieblingsstalkerin war nun in ein Rätselblock vertieft als ich mich wieder zurück in meinen Rollstuhl setzte um auf Thomas zu warten. Ich wusste nicht, ob er wirklich kommen würde, aber ich habe gehört wie er aufstand. Vielleicht war das ja auch alles nur ein Trick, vielleicht wusste das Krankenhaus bescheid, die Polizei und alle. Und nun hatte ich ihm verraten wo ich war, ich war ja so dumm! Gott, war ich dumm! Warum vertraute ich einfach so einem Fremden!? Ich hatte doch keinerlei Ahnung ob er nicht mit den ganzen unter einer Decke steckte. Ich hasste mich so sehr dafür, dass ich so naiv war. Ich beschloss nicht länger auf ihn zu warten, sollte er doch sehen wie er mich bekommt, sollten sie alle sehen wie sie mich bekommen! Ich müsste einfach nur ein bisschen warten bis es mir besser ginge, bis ich nicht mehr diese Schmerzen hatte, bis ich wieder laufen könnte. Und dann würde ich mir die Sachen holen, ganz alleine, ohne Hilfe von Thomas oder irgendjemand anderem. Ich rollte von der Telefonzelle weg, in die Richtung in die ich dachte, würde es in die Stadt gehen. In den Wald zurück wäre eine dumme Idee, dort könnte ich mich nicht richtig bewegen. In der Stadt müsste ich nur ein bisschen aufpassen, nicht an die ganz vollen Plätze und bekannten Orte gehen, und einfach unauffällig bleiben. Vielleicht könnte ich einfach zu irgendeinem Arzt gehen, das Krankenhaus kann ja nicht jeden Arzt in der Stadt bescheid geben. Außerdem war ich doch sicher nicht so ein schwerer Verbrecher, dass man nach mir so aggressiv suchte. Jedenfalls redete ich mir das ein. Ich rollte weiter und es war niemand zu sehen, nur ein paar gelangweilte Vorstadtfrauen in ihrem Garten, die sich sonnten, oder mit dem Gartenschlauch, belanglos durch die Gegend wässerten. Das hier war wie ein riesiges Labyrinth und ich wusste das ich schon längst Tod wäre wenn ich in einer solchen Hölle aufgewachsen wäre. Bevor ich hier wirklich leben würde, hätte ich schon längst mir ein Messer durch die Brust gerammt. Was nebenbei mal erwähnt, ein ziemlich heftiger Selbstmord wäre, von dem ich noch nie gehört hatte, das ihn wirklich einer vollzogen hätte. Wenn ich ehrlich bin glaube ich auch garnicht das dies funktionieren würde. Ich glaube man hätte selbst nicht genug Kraft um durch den Brustkorb direkt in das Herz zu treffen, und ich glaube niemand war wirklich so krank drauf, das durchzuziehen, noch nicht einmal ich sah mich dazu in der Lage. Noch nicht vielleicht.
Ich war nun aus dieser elenden Vorstadt raus, eine Straße direkt auf die Stadt zu, die ich in etwas Entfernung sehen konnte, es waren vielleicht noch drei Kilometer. Das würde ich schaffen.
Ich hörte ein Auto von hinten kommen, ich versuchte noch schneller mit dem Rollstuhl mich zu bewegen, aber es war klar dass ich niemals schneller wie das Auto sein würde. Es war sicherlich ein fürchterlich skurriler Anblick, wie ein Junge wie wild mit dem Rollstuhl gen Stadt rollt. Das Auto überholte mich mit einem großen Bogen und ich hielt kurz den Atem an, ich wollte nicht dass es Thomas war. Aber wie sollte er mich finden, das wäre doch wirklich nur Glück. Ich hab ihm nur die Adresse von der Kreuzung genannt, wenn ich da weg war, gab es tausende Wege die ich hätte nehmen können. Das Auto fuhr weiter. Es hätte mich ja mal mitnehmen können, wenn es nicht Thomas war oder irgendetwas mit der Klinik oder der Polizei zu tun hätte, könnte es mich doch mitnehmen. Ich will doch auch nur in die Stadt. Aber daraus wurde nichts. Rechts und links von mir waren nur Felder und Wiesen und es kotzte mich hier an. Es war so richtig ekelhaft, die Sonne stand am Himmel und rechts und links waren Felder. Ich hasse solche vermeidliche Land Idylle. Da könnte man doch nur kotzen. Und es waren auch mindestens noch ein einhalb Kilometer, es schien einfach nicht weiter zu gehen, es ging nicht voran. Um mich herum diese widerliche Landschaft, völlig ohne Bewegung. Und mein Bein tat wirklich weh, meine Hände waren wund, und ich ziemlich aus der Puste. Ich wusste aber dass ich das schaffen müsste. Ich hatte es auch aus dem Krankenhaus geschafft, dann würde ich das hier auch schaffen. Ich atmete wirklich stark und es kam mir mal wieder vor als ob ich nicht einen einzigen Meter zurück legen würde, und dann hörte ich das Auto hinter mir, was immer langsamer wurde, und dann hinter mir herfuhr, in Schrittgeschwindigkeit, mindestens ein paar Meter bevor es ganz stehen blieb. Und ich wusste genau wer es war, ich musste mich nicht einmal umdrehen, ich wusste das es Thomas war. Ich wusste das ich nun verloren hätte. Er hat mich gefunden, sie hatten mich wieder gefunden. Ich hörte wie er die Tür aufmachte und ausstieg, er schloss sie nicht wieder. Das Auto war älter, das konnte ich hören.
,Ey, warum haste nich‘ gewartet bis ich gekommen wär?‘ fragte er. Ich blieb stehen. Wegrollen oder gar weglaufen, würde keinen Sinn machen, nicht bei meinen Schmerzen. Er kam näher und drehte mich zu sich. Ich konnte jetzt sein Auto sehen. Ein rotes, verbeultes, hässliches Teil. Ich hasse die Farbe rot an Autos, ich finde es sieht einfach immer nur billig aus. Ich schaute an ihm hoch. Er sah verschlafen aus, hatte einen Pullover an, wahrscheinlich nichts drunter, denn er hatte ihn einfach übergezogen, und eine Jogginghose. Ich mochte Menschen in Jogginghosen nicht, ich fand immer sie hätten irgendwie die Kontrolle über ihr Leben verloren. Aber nicht in der Art in der ich es mochte, wenn man die Kontrolle verlor, sondern auf eine ziemlich widerliche Art und Weise. Kurzum, ich mochte Jogginghosen einfach nicht. Thomas lachte wieder, auf die Weise die nur er konnte. Ich mochte seinen Bart wirklich, im hellen sah er noch besser aus. Er war eigentlich überhaupt nicht der Typ Mann von dem ich was wollen würde. Er war nicht stark und muskulös, jedenfalls nicht so wie Robert es war.
,Du siehst ja immernoch beschissen aus.‘ sagte er dann. Danke, Thomas. Danke, erneut.
,Ich bin krank.‘ sagte ich dann. Irgendwie die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze.
,Ich weiß.‘ sagte er dann. Und fügte dann noch dazu: ,Ich bin Arzt.‘
Daraufhin lachte er wieder, er war kein Arzt. Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte mich grade wieder umdrehen und weiter auf die Stadt zurollen als er mich zurück hielt und sich etwas hinkniete um in etwa auf meiner Augenhöhe zu sein und dann sagte er:
,Hör zu, ich weiß dass du aus dem Krankenhaus einfach so raus bist. Ist mir scheiß egal warum und wieso, vielleicht willst du es mir mal erzählen, vielleicht aber auch nicht. Also, wenn ich helfen kann und soll: wo willst du hin?‘
Ich war verblüfft von seiner Frage, eigentlich von allem was er gesagt hatte. Klar er war nicht dumm das er sich wohl dachte, dass ich nicht einfach so entlassen worden bin mitten in der Nacht, in meinem Zustand. Aber warum hatte er mich dann nicht wieder zurück ins Krankenhaus gebracht? Und warum wollte er mir helfen? Irgendwie wurde ich einfach nicht schlau aus diesem Jungen.
,Wie alt bist du überhaupt?‘ fragte ich dann, es interessierte mich schon die ganze Zeit, auch wenn der Moment etwas überraschend kam, als ich das fragte. Und Thomas lachte wieder auf, Himmel, dieses Lachen war vielleicht süß bei den ersten paar mal, die man es hörte, aber irgendwann ging es mir auf die Nerven, und zwar ziemlich. Er kratzte sich an seinem Bart, scheinbar muss man das tun wenn man Bart hatte, wenn ich jemals mir einen Bart wachsen lassen würde, würde ich dies auch tun.
,24 warum? Steigste nur zu alten Säcken ins Auto oder was?‘ konterte er. Er hatte Humor, das war ihm nicht abzustreiten. Ich versuchte aufzustehen und zu seinem Auto zu gehen, aber mein Bein tat zu sehr weh. Ich verzog das Gesicht vor Schmerz und fiel wieder in den Rollstuhl hinein. Er schaute mich amüsiert an. Ich wollte ihn schlagen.
,Komm ich trage dich Baby.‘ sagte er dann und hob mich ohne Probleme aus dem Stuhl in Richtung Auto. Scheinbar war er stärker wie er aussah, das hätte ich ihm jetzt nicht zugetraut. Ich meine ich wog nicht viel, aber diese Leichtigkeit mit der er das tat. Vielleicht hob er den ganzen Tag über Patienten von einem Bett in das andere. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Er öffnete die Beifahrertür und setzte mich in den Sitz, dann holte er den Rollstuhl, klappte ihn zusammen und beförderte ihn in den Kofferraum. Ich setzte mich solange richtig hin, schloss die Beifahrertür. Ich fühlte mein Bein, es pochte vor Schmerzen. Ich wartete bis Thomas am Kofferraum fertig war, ich schnallte mich nicht an. Ich schnallte mich nie an, ich war Suizid gefährdet, da lasse ich mir doch keine Gelegenheit entgehen zu sterben. Thomas kam wieder vom Kofferraum zurück und setzte sich auf den Fahrersitz neben mir.
,Oh du magstes gefährlich scheinbar?‘ fragte er und deutete auf den Gurt.
,Ich schnall mich nicht an.‘ erwiderte ich trotzig. Thomas zuckte nur kurz mit den Schultern und legte den Gang ein und fuhr los ein Stück, dann bremste er ganz plötzlich ab. Mein Kopf knallte fast gegen das Armaturenbrett. Ich starrte ihn geschockt an.
,Oh da war wohl n Igel, schnallste dich jetzt vielleicht ma‘ an?‘ fragte er dann mit einem Grinsen für das ich ihn nur Ohrfeigen wollte, oder mit ihm schlafen wollte und ihn währenddessen Ohrfeigen, jenachdem.
,Du Wichser ey.‘ kackte ich ihn an. Er lachte nur, ich schnallte mich an und er fuhr los. Ich hatte ihm seine Frage vom Anfang noch nicht beantwortet, wo ich hinwollte. Eigentlich hatte ich jetzt auch keine Ahnung mehr was ich darauf antworten sollte. Ich wollte eigentlich die Sachen holen, aber das nicht direkt. Also hatte ich keine Ahnung.
,Ich will übrigens nicht direkt in deinem Auto vögeln.‘ sagte ich dann.
,Gefällt dir etwa mein Auto nicht?‘ erwiderte Thomas gespielt beleidigt.
,Es ist rot.‘ mehr konnte ich nicht dadrauf antworten. Thomas lachte, mal wieder, dann schaute er mich an, sagte:
,Du bist ja auch nicht schwul.‘ und zwinkerte.
Ich übergang seine Anspielung konsequent.
,Können wir dann einfach zu dir fahren?‘ fragte ich, und wollte es wirklich. Ich musste einfach irgendwo schlafen. Thomas nickte und gab etwas Gas, die Stadt kam immer näher.
Und dann heulten Polizei Sirenen hinter uns auf, das Blaulicht spiegelte sich in den Rückspiegeln. Ich bekam Panik und wollte am liebsten aus dem Auto raus und wegrennen, obwohl ich genau wusste dass beides wahnsinnig und unmöglich war. Die Polizei kam immer näher und es war klar, dass sie uns meinten und nicht einfach nur aus Spaß an der Freude mit Blaulicht durch die Gegend fuhren. Ich starrte zu Thomas, er grinste nur und wurde immer langsamer. Er zog nach rechts und blieb stehen.
Dieser Bastard, dieser Wichser! So ein Schwein, und ich habe ihm ein zweites mal vertraut! Wie dumm nur von mir! Warum war ich nur so dumm!?

Ich hatte noch nicht oft jemanden einfach so in die Fresse geschlagen, um genau zu sein, eigentlich so richtig wie ich es bei Andreas tat, noch keinem. Irgendwie tat mir noch nichtmal die Faust weh, obwohl ich das stark vermutet hätte. Vielleicht war es einfach das Adrenalin das durch mich durchströmte plötzlich. Andreas ging sofort zu Boden. Ich wusste zwar dass ich nicht wirklich schwach war, und gegen Andreas auf jeden Fall eine gute Chance hatte, aber das ich ihn direkt so K.O. schlagen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich hätte eigentlich garnicht erwartet dass ich jemals einen solchen Jungen zusammenschlagen würde. Aber er hat mich so unglaublich aufgeregt. Er hat mich einfach so dargestellt, wie es nicht war. Ich war keine Schlampe, die das einfach nur tut weil sie eh sterben will. Es ist nicht so dass ich nicht versucht hätte meine Suizidgedanken zu besiegen, es war einfach so dass ich es nicht geschafft hatte und mich damit abgefunden habe. Und er erlaubt sich so über mich und meine Krankheit zu reden, nur weil ich nicht direkt mit ihm zusammen gekommen bin! Dieser Junge war einfach nur armselig und traurig und jung. Zu jung um irgendwas zu verstehen was in der Welt abginge. Er sah noch alles rosarot. Und spätestens jetzt wo das Blut aus seiner Nase auf den schwarzen Asphalt unter ihm lief, war wenigstens irgendetwas rot. Ich kniete mich neben ihn und fühlte ob er noch lebte, ja das war pathetisch, aber trotzdem, ich tat es. Er lebte, er bewegte sich sogar, na dann könnte es ja auch garnicht so schlimm sein.
,Verdammt...John...was zur...‘ murmelte er schmerzverzerrt. Ich beachtete ihn nicht wirklich. Ich schaute mich um, als ob das hier jemand wohl gesehen hätte und selbst wenn, aber ich musste trotzdem erstmal die Lage checken.
,Sei mal ruhig Andreas.‘ meinte ich dann. Er murmelte die ganze Zeit das gleiche unverständliche Zeug. Meistens irgendetwas, warum ich das gemacht hätte und wie ,behindert‘ ich doch wäre und krank. Das ich nicht lache.
,Danke Schatzie, ich weiß dass ich krank bin, und du hast dir das hier verdient, jetzt steh endlich auf, jammere nicht rum und sei ein Mann.‘ flüsterte ich Andreas zu und stellte mich zurück an die Tischtennisplatte. Ich starrte ihn an wie er da zusammengekauert lag. So stark hatte ich ihn dann auch nicht getroffen dass er da jetzt so liegen musste. Ich fand ihn nur noch ein Stück mehr armselig als vorher schon. Er stand langsam auf, bis auf ein bisschen Blut aus der Nase, war er völlig unversehrt. Er soll mal nicht so tun. Er starrte mich ungläubig an. Ich müsste jetzt irgendwas starkes sagen. Wie in einem Film oder so.
,Was sollte der Scheiß?‘ fragte er dann. Wusste ich doch dass er zu feige war, mir jetzt eine reinzuhauen.
,Weißt du was du für einen Scheiß gelabert hast?‘ meinte ich dann böse zu ihm.
,Ich hab dir was verdammt intimes erzählt und du machst es so lächerlich!‘ legte ich noch dazu.
,Tut mir leid.‘ sagte er dann. Ich war mir nicht wirklich sicher ob er das wirklich so meinte.
,Als ob, und jetzt halt einfach die Fresse deswegen.‘ ich hatte keine Lust mehr darüber zu reden. Ich hatte eigentlich generell keine Lust mehr mit ihm zu reden. Oder überhaupt zu reden. Jemals.
,Also, liebst du mich wirklich nicht?‘ fragte er dann. Gott, konnte er das Thema nicht einfach in Ruhe lassen? Konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Und in diesem Moment bereute ich es, überhaupt gewartet zu haben bis er wieder wach war. Ich zuckte mit den Schultern, warum sollte ich überhaupt noch auf so eine beschissene Frage antworten.
,Ich glaube nicht, dass das zwischen uns, überhaupt irgendwie funktionieren könnte.‘ sagte ich dann, sehr diplomatisch, obwohl mir eher nach Aggression zumute war. Er schluckte, nickte dann. Scheinbar das Erste was er verstand. Ich könnte noch hinzufügen, dass es mir leid täte, aber das wäre eine Lüge. Mir tat es nicht leid, und mir tat Andreas erst recht nicht leid. Nicht mehr. Dafür war er einfach zu dumm.
,Okay, kann ich dir trotzdem helfen?‘ fragte Andreas nach einer längeren Gesprächspause. Ich wusste gar nicht genau warum ich nicht schon längst abgehauen bin. Eigentlich ziemlich Untypisch für mich, aber irgendetwas schien mich an ihm und an der Situation zu reizen, dass ich noch hier war. Vielleicht interessierte es mich einfach, was noch kommen würde, oder ich hatte einfach Spaß in gewisser Weise mit ihm zu spielen. Er war so jung.
,Du könntest abhauen, mich in Ruhe lassen.‘ erwiderte ich auf seine Frage. Es schien mir so als ob zwischen unserer Konversation Stunden vergingen. Er fragte was, es gab eine riesige Pause, dann antwortete ich, und dann kam schon die nächste große Pause in unserem Gespräch. Andreas schaute etwas beleidigt, als ob ich unverschämt gewesen wäre, ihm zu sagen dass er sich endlich verpissen sollte aus meinem Leben und von hier.
,Ich könnte dich anzeigen!‘ meinte er dann plötzlich, kurz bevor ich mich umdrehen wollte um zu gehen. Wie lächerlich, ich musste kurz lächeln.
,Das wirst du aber nicht tun.‘ sagte ich dann zu ihm. Ich war mir ziemlich sicher.
,Warum sollte ich nicht? Du hast mich verprügelt!‘ erwiderte Andreas und kam ein paar Schritte auf mich zu, scheinbar sollte es bedrohlich wirken, aber ich musste nur noch mehr grinsen.
,Also erstmal: Ich habe dich nicht verprügelt, ich habe dir nur eine reingehauen, großer Unterschied. Und zweitens: Wenn du mich wirklich anzeigen würdest, müsstest du ja auch irgendwie erklären was du mitten in der Nacht hier in diesem Park machst, der weiß Gott nicht wirklich dafür bekannt ist, einen guten Ruf zu haben, mein Lieber.‘ es machte mir wirklich Spaß, ich war ihm überlegen. Das war ich schon die ganze Zeit, und es machte mir plötzlich so Spaß das auszuspielen. Ich wollte wissen wie weit ich gehen könnte, was ich alles mit ihm anstellen könnte, wenn ich es nur drauf anlegen würde. Ich wusste das er noch etwas für mich empfindet, selbst wenn ich ihn halb todgeschlagen hätte, würde er noch etwas für mich empfinden. Deshalb war es so einfach und spaßig ihn fertig zu machen. Andreas blieb vor mir stehen und versuchte mich böse anzuschauen, ich musste mit Mühe mir mein lachen verkneifen.
,Warum bist du so?‘ fragte Andreas.
,So?‘ hakte ich nach.
,Warum bist du so, kalt. So fies.‘ och wie süß, er nannte mich fies.
,Warum bist du so naiv und dumm?‘ konterte ich. Das musste jetzt sein. Das war das einzige was ich darauf antworten konnte und müsste. Gegenfragen waren meine Stärke.
,Ich bin nicht naiv und dumm. Ich glaube nur noch an das Gute, und vor allem glaube ich an das Leben und die Liebe.‘
Wenn er es nicht mit einer solchen Überzeugung gesagt hätte, würde ich nun sofort losbrüllen vor Lachen. Das war ja noch schlimmer wie in irgend so einem Schmalzfilm. Ich wusste aber nicht was ich außer lachen, darauf antworten sollte. Also sagte ich mal wieder einfach nichts.
,Hast du denn keine Träume? Was mal wird? Von deiner Zukunft? Denkst du denn nie daran?‘ er schien mich das wirklich ernsthaft zu fragen. Mich, nachdem ich ihm klarmachte das ich Krank war, nachdem er mich von einem Hausdach eingesammelt hatte, von dem ich springen wollte. Nach dem ganzen Scheiß fragte er mich, ob ich mir Gedanken über meine Zukunft machen würde.
,Willst du mich verarschen? Ich wollte mich vor kurzem verdammt noch mal umbringen?! Also meine Gedanken gingen soweit dass ich einfach von dem Gott verfickten Dach springen würde, und es dann keine Zukunft mehr geben würde für mich!‘ ich schrie ihn förmlich an, und merkte wie er bei jedem weiteren Satz mehr zusammen zuckte. Ich konnte ihn immernoch damit schocken. Obwohl er mich dort oben gesehen hatte, konnte ich ihn immer noch schocken.
,Dann machst du es dir aber verdammt einfach. Du meinst es ist dann einfach so getan? Einfach da runter springen und fertig?‘ ja genau das dachte ich, und es war mir scheiß egal, ob irgend so ein daher gelaufener Junge den ich mal gevögelt hatte meint, dass es einfach wäre, und feige.
,Weißt du, für dich wäre es vielleicht so dass es feige wäre. Aber bei mir ist das Scheiß egal, weil es niemanden gibt, es gibt niemanden, den es auch nur einen Fick interessiert ob ich von dem Dach runterkomme indem ich die Treppen nehme oder ob ich springe.‘ es war die Wahrheit, spätestens nachdem die Sache mit Robert aufgeflogen war, gab es niemanden mehr, der sich auch nur etwas dafür interessiert hätte, ob ich leben würde oder Tod wäre. Es war mir eigentlich schon immer klar, aber ich hatte ja noch Robert und Anton, die irgendwie auf irgendeine Art und Weise für mich da waren, und sich vielleicht für mich interessiert hätten. Aber das das jetzt auch vorbei war, gab es keinen. Und meine Mutter zählte ich schon lange nicht mehr mit. Andreas schien das nicht zu verstehen, oder nicht verstehen zu wollen. Für ihn gab es so etwas nicht, er hatte ein intaktes Umfeld, ein Umfeld das ihn auffangen würde, er hatte richtige Freunde, eine richtige Mutter, richtige Menschen die für ihn da sein würden. Und ehrlich gesagt, machte mich das noch nicht mal wirklich traurig oder eifersüchtig. Mir war es egal. Ich hatte schon lange aufgehört mich deshalb schlecht zu fühlen das ich nicht das hatte was andere hatten. Dafür hatte ich immer Geld gehabt. Geld und Sex. Man kann nicht alles haben, und das habe ich sehr früh verinnerlicht und akzeptiert. Und dann kam Andreas auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter. Und dann umarmte er mich. Verdammt hatte er etwa Mitleid? Versuchte er mich grade zu trösten? Ich wollte weg, er sollte kein Mitleid haben. Niemand. Ich hatte es nicht verdient. Ich stieß ihn von mir. Starrte ihn böse an. Er hatte überhaupt keine Ahnung weshalb ich das tat. Er blieb einfach stehen und schaute verwundert zurück. Ich drehte mich weg und lief davon, ich ließ ihn da einfach stehen, vor der Tischtennisplatte. So völlig ohne Ahnung was das jetzt war. Und in diesem Moment als ich da weglief, wusste ich genau dass er mir nicht folgte, und ich wusste genau dass dieser Moment der letzte war, in dem ich ihn je sehen würde. Das war es dann wohl mit Andreas.

Es gibt die Theorie das jeder Mensch nur eine ganz bestimmte Anzahl an Glück hat. Und wenn das alles aufgebraucht war, gab es nichts mehr. Zwar war es dann nicht sofort vorbei, aber selbst wenn man sich in gewisser Weiße gut fühlte, war es nicht das Glück was man früher empfunden hat, als es noch für einen selbst existierte. Ich wusste nicht was ich von diesem Ansatz halten sollte. Mir war klar dass ich nie wirklich viel Glück hatte in meinem Leben. Ich meine klar, ich hatte Geld aber auch wenn es abgedroschen klingt, es macht nicht Glücklich. Entweder war dann mein Glück ziemlich schnell schon verbraucht, und zwar zu einem Zeitpunkt an den ich mich nicht mehr erinnern konnte, oder die Theorie war einfach falsch. Wenn ich wirklich Glück hätte, dann wäre die Sache mit Robert niemals so schief gelaufen, oder ich wäre nie krank. Andererseits bin ich auch aus dem Krankenhaus gekommen, was auch mehr oder weniger nur Glück war. Also genau konnte ich mich nicht entscheiden, vielleicht gab es auch Glück nicht. Wir bildeten uns einfach nur ein, dass wenn etwas klappte so wie man sich das vorstellte, das es Glück war. In Wahrheit war das ganze eine riesige Lüge, nur damit wir nicht durchdrehen. Wer hatte eigentlich dieses Glück erfunden? Also das, was wir heute als Glück kennen? Ich war mir mehr und mehr sicher, das Glück nicht existierte. Das wiegesagt Dinge die uns gelingen einfach ein Zufall waren, der uns nur gut in unser Konzept passte. Und damit hatte ich mich auch einfach abgefunden. Generell konnte ich mich ziemlich leicht und einfach mit Dingen abfinden. Von daher empfand ich auch selten so etwas wie Trauer. Es war mir nicht unbedingt egal, aber ich wusste genau wenn man nichts mehr ändern könnte, dann könnte man nichts ändern. Ich müsste mir doch dann nicht mehr Gedanken machen, außer es zu akzeptieren. Andreas würde mir für eine solche Aussage eine in die Fresse schlagen, falls er mich jemals schlagen könnte, aber Andreas war nicht da, er würde nie wieder da sein. Andreas war einer der Menschen bei denen ich mir so sicher war, dass ich sie nie wieder sehen würde. Ich wusste es praktisch schon jetzt, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Aber das war kein Problem, nicht für mich und auch nicht für ihn, es war einfach das Beste. Ich hielt auch nicht viel von der Aussage dass man jeden Menschen mindestens zweimal im Leben sah. Es war Schwachsinn, wer erfand eigentlich immer solche beschissenen Lebensweisheiten, die keinen, aber so wirklich keinen weiterbrachten? Ich schob es einfach darauf dass es immer Leute gab die Hoffnung brauchten, oder irgendetwas was sie davon ablenkte dass die Welt beschissen, traurig, und schwarz war. Ich war da einfach schlauer. Ich wusste wie es wirklich war. Und ich hatte mich damit abgefunden, weil es so war, weil es so sein wird. Auch wenn ich nicht an die Vorstellung glaubte dass man jemanden immer zwei mal im Leben sieht, hatte ich momentan mich am liebsten selbst verflucht, überhaupt Thomas anzurufen. Ich hätte es nie tun dürfen. Ich hätte schon alarmiert gewesen sein müssen, als er mich einfach so aus dem Krankenhaus geschoben hatte, und spätestens als er mich gefragt hat, ob ich schwul bin. Aber irgendetwas hat mich dazu bewogen ihn doch nochmals zu kontaktieren. Klar ich brauchte einen Verbündeten der gesund war um die Sache durchzuziehen. Um meine Kiste wieder zu bekommen. Die Kiste mit meinem Herz drin, mit den Gedanken und Erinnerungen an Robert. Das einzige was mir wirklich in meinem Leben wichtig war, wichtiger wie mein Leben. Ich hatte eigentlich eine gute Menschenkenntnis, jedenfalls dachte ich das immer. Und auch selbst nachdem die Polizei hinter uns erschienen war, und uns angehalten hatte, selbst als die eine Hälfte meines Kopfes nurnoch schrie hier wegzukommen und Thomas als einen Verräter beschimpfte, wusste irgendetwas in meinem Körper dass dies hier nicht das Ende war, dass dies hier nicht das war, was ich dachte. Thomas war kein Verräter, Thomas war mein Verbündeter, nur wusste er es noch nicht.
Ich fluchte ihn an, leise, fast ein flüstern nur, ich wusste genau dass ich keine zu große Aufmerksamkeit erregen dürfte. Thomas starrte mich scharf an, ich sollte ruhig sein. Sein vorheriges Lächeln wechselte zu Ernst. Scheinbar hatte er auch nicht das beste Verhältnis zur Polizei. Ein Beamter lief auf meiner Seite um das Auto und musterte den Innenraum, er schaute grimmig, das müssen Polizisten tun, wahrscheinlich lernten sie das in ihrer Ausbildung. Ich hasse Polizisten, generell hasste ich auch jede Form von Kontrolle des Staates. Der zweite Beamte war auf Thomas Seite und zeigte ihm an das Fenster runterzulassen, was Thomas daraufhin auch tat.
,Fahrzeugscheine und Papiere bitte...‘ das übliche Gelabere eines Polizisten, er gab sich noch nichtmal wirklich Mühe motiviert oder wenigstens neutral zu klingen. Vielleicht lernte man das auch in der Ausbildung, möglichst genervt klingen, so zu tun als ob wir sie aufhalten würden. Ich hasste sie nur noch mehr, und überlegte ob das Handschuhfach groß genug war für die Mengen die ich kotzen wollte. Ich entschied mich jedoch schnell dagegen, musste aber etwas bei der Vorstellung darüber grinsen. Thomas holte die Sachen die verlangt waren aus dem eben besprochenen Handschuhfach und gab sie dem Beamten. Er musterte sie eine längere Zeit, als ob er wirklich das lesen würde. Er wollte einfach so tun als ob er seinen Job ernst nimmt. Ich wäre als Polizist auch ziemlich genervt und hätte keine Lust auf den Job, schon wieder eine Karriere die vor meinem inneren Auge zerplatzte, nicht dass ich mir wirklich Gedanken gemacht hätte, Polizist zu werden, nicht dass ich mir überhaupt, irgendwelche Gedanken gemacht hätte, irgendwas zu werden. Ich wusste doch von Anfang an dass ich nie irgendetwas werden würde. Aber ratet mal, auch das war mir egal. Ich habe mich ebenfalls damit abgefunden mein Leben lang in der Klinik zu liegen, weshalb sollte ich das nicht auch tun. Dort gab es ja rational gesehen, alles was man brauchte. Und es gab Medikamente die alles betäubten, und vielleicht, wer weiß, überdosierten sie es ja auch irgendwann mal, und dann war ich weg, für immer, und müsste mir sowieso keine Gedanken mehr machen was noch kommen würde, oder kommen könnte. Jetzt räusperte sich der Beamte auf meiner Seite und zeigte auf mich, ich wusste dass ich in einem unglaublich schlechten Zustand war, und garantiert nicht sehr Gesund aussah. Der andere Beamte auf Thomas Seite schaute erst zu seinem Kollegen herüber und dann auf mich, er lehnte sich sogar etwas nach unten um mich besser sehen zu können. Dann gab er Thomas die Unterlagen wieder.
,Was denn mit dem?‘ fragte er. Dankeschön. Thomas schaute zu mir rüber, sein vorher ernster Blick wechselte nun wieder zu dem bekannten Grinsen, das er immer drauf hatte.
,Den da‘ er zeigte auf mich und schaute dann wieder zu dem Polizisten
,Den da hat‘s ziemlich erwischt. Is‘ vom Fahrrad gefallen oder so. Hatte ,n Unfall. Ich kenn‘ seinen Bruder und soll ihn zum Arzt fahrn. Also das wird auch wieder.‘ dann zwinkerte er mir zu. Irgendwie war die Lüge auf so vielen Ebenen schlecht und unglaubwürdig und klischeebelastet, dass sie einigermaßen gut klappen könnte, vor allem bei solchen Dorfpolizisten.
,Hm...‘ machte der Polizist einfach.
,Warum habn sie uns eigentlich angehalten?‘ fragte Thomas dann. Es war die Frage, die sich nun alle Beteiligten stellten.
,Warum haben wir die angehalten?‘ fragte der Thomas Seite Polizist seinen Kollegen.
,Wir machen eine allgemeine Verkehrskontrolle...‘ antwortete er darauf. Ich glaubte das ganze Szenario schon kaum mehr, das konnte doch nicht sein dass sie scheinbar nur Langeweile hatten.
,Genau, außerdem ist ein Junge gestern Nacht aus einem Krankenhaus entkommen, und er steht unter Polizeilichen Beobachtung.‘ wendete sich nun der Polizist an Thomas. Mein Herz schlug schneller, ich stand also scheinbar unter Polizeilichen Beobachtung. Sie suchten also scheinbar nach mir. Thomas drehte sich zu mir, sein Blick sagte alles, er wusste dass ich damit gemeint war. Doch dann lächelte er einfach wieder wie immer und wendete sich an den Polizisten der neben dem Auto stand.
,Ay wie scheiße. Vielleicht war das Essen einfach nich‘ gut?‘ Thomas hatte sogar noch den Nerv zu Scherzen. Der Polizist auf meiner Seite lachte sogar. Der andere nicht. Ich auch nicht. Ich überlegte mir erneut die Idee mit dem Handschuhfach. Nun waren auch die Papiere herausgenommen, vielleicht war dann auch mehr Platz für mein Erbrochenes. Thomas merkte schnell dass sein Witz, falls man das so nennen wollte überhaupt, nicht wirklich gut ankam, er schaute wieder den Polizisten an und versuchte den Schaden zu begrenzen.
,Ja, also wir müssen halt zum Arzt, also wenn das alles is?‘ meinte er dann. Die beiden Kollegen schauten sich an und zuckten mit den Schultern.
,Naja wenn er gestern von einem Fahrrad gefallen ist, war er ja wohl nicht in einem Krankenhaus.‘ meinte dann der Polizist auf meiner Seite. Bei so viel Dummheit, fragte ich mich nicht mehr wirklich warum die Polizei so schlecht angesehen war. Ich fasste es einfach nicht mehr. Wenn mir nicht alles so verdammt weh tun würde, würde ich lachen. Thomas lachte. Gespielt, aber immerhin.
,Okay, dann gute Fahrt?‘ sagte er nachdem er seinen gespielten Lachanfall unter Kontrolle hatte. Die Polizisten nickten. Und Thomas fuhr los. Er murmelte noch irgendetwas von, dummen Spaßten, aber genau konnte ich das nicht mehr verstehen, ich schlief in dem Auto ein.

Ich brauchte eine ganze Zeit aus dem Park zu mir nach Hause, ich brauchte eigentlich ziemlich, ziemlich lange, denn ich musste durch die halbe Stadt laufen. Ich lief nicht oft durch die Stadt, meistens fuhr ich Bus. Eigentlich musste ich auch nicht so oft da durch fahren, aber ich fuhr gerne Bus. Es entspannte mich, einfach das monotone Brummen des Motors, und ich beobachtete gerne fremde Leute. Es wäre das was ich jetzt gebrauchen könnte, nachdem was alles vorgefallen ist. Ich wusste noch nichtmal ob ich mich jetzt umbringen wollte, ob ich es könnte. Das heißt, ich wollte mich umbringen, denn jetzt war es eh alles zu spät und egal, aber ich glaubte nicht das ich es heute schaffen würde. Ich versuchte es heute Abend und wurde aufgehalten, und so direkt nach einem Versuch, wusste ich erstmal nichts mehr. Ich war so leer. Ich war selten so leer. Ich war nicht wirklich deprimiert, ich machte mir keine Sorgen über irgendwas, ich war nicht traurig, ich war nicht glücklich, ich war einfach leer. Ich dachte an absolut nichts außer daran dass ich so verflucht leer war. Und dann wurde mir klar dass es immernoch der richtige Zeitpunkt war. Das vielleicht erst jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war. Dort auf dem Dach hätte es nicht sein sollen. Da war ich so voll. Aber jetzt, jetzt war ich so völlig leer von irgendetwas. Jetzt müsste es sein. Ich würde nach Hause gehen und dann würde ich es einfach tun. Ich würde nackt sein, im Pool liegen, und sterben. Ausbluten, bis das Wasser rotbraun von meinem Blut war, bis meine ganze Leere aus meinen Adern geströmt war, bis nichts mehr von mir in mir war. Bis nichts mehr war. Das wollte ich jetzt. Und dann lächelte ich. Und dann lief ich schneller, ich wollte jetzt zuhause sein. Ich wollte jetzt da sein und alles beenden. Meine Zeit war gekommen, das wusste ich, ich war mir noch nie so sicher in meinem Leben. Meine Zeit war da. Ich war schon längere Zeit in dem Viertel wo ich wohnte unterwegs, der Tag hatte grade angefangen. Es war schon kälter geworden und ich zitterte leicht. Ich bog in die Straße ein in der unser Haus, unsere Villa stand. Meine Hölle auf Erden. Ich starrte auf unser Haus und beobachtete wie es immer näher kam je schneller ich ging. Und dann spürte ich so eine Anwesenheit. Ich wusste genau das noch jemand in der Straße war, ich wusste genau das hinter mir noch jemand war. Ich hatte schon vor ein paar Minuten das Gefühl gehabt, aber ich ließ es nicht siegen. Ich wollte mich auch nicht jetzt umdrehen. Ich konnte mich nicht umdrehen, ich wollte mich doch umbringen, ich wollte so schnell wie möglich zuhause sein um mich zu töten. Doch das Gefühl wurde immer stärker und ich merkte wie ich immer langsamer wurde, der Abstand zu meinem Haus wurde immer länger, es braute sich etwas zusammen, das wusste ich, ich wusste einfach das etwas passieren würde. Und dann drehte ich mich um und schaute die Straße entlang zurück. Wahrscheinlich war genau das mein Fehler gewesen, wahrscheinlich hätte ich einfach weiter laufen sollen, einfach mein Gefühl ignorieren und mich noch mehr beeilen um nach Hause zu kommen. Aber nun war es zu spät, ich merkte nur noch wie jemand starkes seinen Arm von hinten um meinen Hals schlang und mich zu Boden zog. Der Schmerz zog sich von meinem Steißbein hoch in meinen Nacken. Ich lag halb auf dem Boden, mein Kopf wurde nach oben gezogen, ich war im Würgegriff. Dann kam von vorne eine andere Gestalt auf mich zu und prügelte auf meinen Bauch ein. Ich machte die Augen zu, und versuchte auf meinen Angreifer einzutreten. Ich traf vielleicht einmal richtig und ein zweites mal leicht, aber wirklich abhalten konnte ich ihn nicht. Derjenige allerdings der mich würgte ließ mich nun fallen, ich schlug letztendlich richtig auf dem Boden auf, ich rollte mich sofort auf die Seite. Zog meine Beine ein und schützte mein Gesicht mit meinen Händen. Ich versuchte garnicht erst mich zu wehren, es war aussichtslos und vielleicht würden sie einfach aufhören wenn ich so daliegen würde, vielleicht würden sie mich töten, vielleicht müsste ich das dann nicht mehr tun. Und dann vermischte sich mein Schmerz mit Adrenalin das durch meine Adern rauschte und plötzlich war es so laut um mich herum, ich konnte jedes einzelne Atmen meiner Angreifer hören, jeden Schritt, und jeden Tritt in meinen Körper schallte in meinem Kopf wieder und wieder. Ich wusste kurzzeitig nicht ob ich wirklich wollte das sie aufhören, ich wusste nicht ob ich wissen wollte wer sie waren und weshalb. Ich wollte einfach liegen bleiben, in völliger Trance von meinen Schmerzen und dem Adrenalin das durch meine Adern gepumpt wurde, ich riss die Augen auf und schaute durch meine Finger hindurch, ich lag auf der Straße und um mich herum liefen dunkle Gestalten. Sie hatten nun wirklich aufgehört, scheinbar lag ich zu lange regungslos auf dem Boden. Vielleicht machten sie sich Sorgen, dass ich Tod war, oder Bewusstlos. Ich riskierte die Arme von meinem Gesicht wegzunehmen und richtete mich leicht auf. Mein ganzer Körper pochte vor Schmerzen, mein Kopf schien zu explodieren. Sie standen ein paar Schritte von mir entfernt und starrten mich an, und da konnte ich es erkennen. Ich kannte sie. Es waren nun vier Jugendliche, drei Jungs und ein Mädchen. Und dieses Mädchen kannte ich so gut wie kaum jemand anderen. Ich sah sie fast wöchentlich. Und dann kam sie auf mich zu, so schnell und trat mir mit voller Wucht in meine rechte Seite. Ich zuckte sofort zusammen, und bereute es sofort überhaupt mich aufgerichtet zu haben.
,Verfickte scheiße...‘ murmelte ich unter Schmerzen, und fing dafür sofort eine Ohrfeige. Ich wusste nun noch besser wer das Mädchen war, nur eine konnte so Ohrfeigen verteilen. Es war Antons kleinere Schwester, und die anderen drei Jungs die nun sich eine Kippe ansteckten waren ihre Crew.
,Du kleiner verfickter Bastard, du scheiß Schwuchtel!‘ brüllte sie mich an. Ich wusste sofort weshalb sie so mit mir redete. Ich hatte mit ihrem Vater geschlafen, sie hat es scheinbar grade erfahren. Ich hob die Hände, es war als ob ich mich ergeben wollte. Ich wusste dass ich Scheiße gebaut hatte, ich wusste dass ich das hier alles verdient hatte.
,Fuck, es...es tut mir leid?‘ sagte ich dann. Ich wusste nicht ob ich damit die Wahrheit sagte, ich wusste nicht ob es mir leid tat. Und wenn es mir leid tat, wusste ich nicht genau was. Dass ich mit ihrem Vater eine Affäre am laufen hatte oder dass sie es erfahren hatte. Ich glaube letzteres. Wenn dann würde mir es nur leid tun dass sie es erfahren hätte. Auch sie war der Meinung.
,Einen verfickten Scheiß tut es dir, du dreckige Mistgeburt, du Hurensohn!‘ sie feuerte jede Gossen Beleidigung auf mich die sie kannte.
,Was zur verfickten Hölle hast du dir gedacht, als du mit meinem Vater...‘ sie stockte, es widerte sie unglaublich an daran zu denken, darüber zu sprechen.
,Als du mit meinem Vater gefickt hast?!‘ zischte sie dann, sie konnte es nicht laut aussprechen. Es tat ihr noch zu sehr weh. Ich wusste darauf keine Antwort die sie zufrieden stellen könnte. Wahrscheinlich gab es einfach keine Antwort die dies tun würde. Das wusste sie genauso wie ich es wusste. Ich wartete kurz, dann schaute ich sie an, ich schaute direkt in ihre Augen. Sie war noch so jung sah aber so alt aus. Das machte wohl diese Gegend aus einem, aus einem Mädchen. Ihre Augen hatten schon zu viel gesehen, zu viel erlebt. Sie war fertig, sie weinte, vor Wut, vor Enttäuschung. Ich schüttelte wortlos den Kopf, wohl das was ich am besten konnte. Sie erhob die Hand erneut, kurz davor mir noch eine reinzuhauen. Doch stockte. Sie kniete sich neben mich, so das nurnoch ich sie hören konnte. Nicht einer von ihren Jungs, niemand sonst.
,Wenn ich dich noch einmal, jemals, bei uns sehe. Mit Anton zusammen sehe, mit meinem Vater, oder auch nur in der nähe von uns oder unserem Haus, dann mach ich dich so fertig, das glaubst du nicht. Hast du verstanden?‘ zischte sie und packte mich an der Schulter, ihre Kunstnägel bohrten sich in meinen Arm. Ich starrte sie an, unfähig etwas zu sagen. Ich wusste was sie hören wollte. Ich wusste auch dass es nur eine rhetorische Frage war. Ich musste ihr gegenüber nicht betonen dass mir es sicherlich ziemlich egal gewesen wäre, wenn sie mich richtig fertig machen würde. Ich war schon fertig, dazu gäbe es keine Steigerung mehr. Aber das wollte und konnte ich ihr nicht erklären, sie wollte einfach nur hören dass ich es verstanden hätte, dass ich nie wieder ihr oder ihrer Familie, Anton oder Robert nah kommen sollte. Und ich konnte sie verstehen, verdammt konnte ich sie verstehen. Sie wollte einfach so tun als ob es nie passiert wäre, und wenn sie nicht mich in irgendeiner Weise mögen würde, oder wenn sie nur noch ein Stückchen mehr kaputt gewesen wäre, hätte sie mich einfach umgebracht, das Problem beseitigt, für immer. Und danach nie wieder darüber nachgedacht oder darüber gesprochen.
,Hast du das verfickt nochmal verstanden, du Wichser?!‘ fragte sie dann erneut, etwas stärker und bohrte ihre Acrylnägel weiter in meine Schulter. Ich nickte.
,Ja. Tschuldigung.‘ dann spuckte sie mir in mein Gesicht, stand auf, und trat nochmals nach. Dann starrte sie mir zum letzten mal in mein Gesicht, drehte sich um und zog mit ihrer Crew ab. Keiner von den dreien drehte sich um. Keinen interessierte es, was zwischen uns passiert war. Keiner würde jemals wieder fragen. Sie würde niemals wieder über mich reden, meinen Namen in den Mund nehmen und versuchen nie wieder über mich nachzudenken. Für sie war das Thema erledigt. Für sie existierte es einfach nicht mehr. Ich war gestorben. Endgültig. Ich blieb noch eine ganze Zeit auf der Straße liegen und beobachtete wie der Himmel über mir immer heller wurde. Mir war unsagbar kalt, aber ich zitterte nicht, ich glaube mein Körper war zu fertig und zu zerstört um Kraft aufzubringen zu zittern. Ich bewegte mich erst von meiner Position als ein Auto durch die Straße fuhr und vor mir zum stehen kam. Es hupte einfach aufdringlich, ich verdrehte die Augen. Ich wollte nicht aufstehen, ich wollte das es über mich drüber fährt. Aber diesen Gefallen würde es mir nie tun. Ich stand nach dem dritten Hupen auf und humpelte zur Seite. Der Fahrer in dem dicken Auto zeigte mir seinen Mittelfinger und starrte mich böse an. Er sauste davon, ich kannte ihn nicht. Letztendlich war es mir auch total egal. Ich bewegte mich zu meinem Haus, es fiel mir schwer, ich hatte zwar nicht wirklich Schmerzen von dem Angriff, aber irgendwie fühlte ich mich benommen und gelähmt, völlig vorbei war diese Leichtigkeit die ich verspürt hatte, als ich genau wusste das meine Zeit gekommen war. Ich öffnete die Tür zu meinem Haus und wusste sofort was los war. Ich wünschte mir, so sehr wirklich von irgendetwas überrollt zu werden oder getroffen zu werden. Ich wünschte mir alles, nur nicht das was hier vorging.

to be continued. . . ;)
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Re: 213

Beitragvon Freefall » 09 Nov 2014, 20:55

Was soll ich dazu schreiben? Einfach nur krass.
Bedrückend aber gut.
Bücher sind wie Fallschirme.
Sie nützen euch nichts, wenn ihr sie nicht öffnet.

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Re: 213

Beitragvon bennybp » 10 Nov 2014, 16:45

Hi Steve, danke für Deine Nachricht. Sobald ich welche schreiben kann, werde ich dir antworten. Ich finde auch diesen Teil wieder sehr gelungen und möchte dir danken, das du überhaupt weiter geschrieben hast. Was meinst du in deiner persönlichen Einleitung damit, ob du nicht weißt, wie lange du noch hierbleiben wirst? Hier im Forum, in Deutschland oder wie? Ich stelle es mir schwierig vor, so lange an einem Thema wie "213" zu schreiben. Mangelnde Selbstdisziplin scheint dein Problem jedenfalls nicht zu sein :D
Werde gesund und dir klar darüber, wie es mit dir weitergehen soll und habe einfach Spaß und Freude.
Der Akil hat es mir gemacht!
Also das Profilbildchen!! Tschuldigung Frost, wollte dich nicht eifersüchtig machen.

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Re: 213

Beitragvon steveXbird » 07 Dez 2014, 16:52

Hey Leute, es geht mal wieder weiter :)

Ich hoffe es geht euch allen gut, ich hoffe ihr kommt gut durch diesen depressiven Winter :)

Alles liebe euch, machts mal gut :)

Steve

_________________________________________________

To me love was always a hidden thing
Stolen moment at a time
A feeling only held for a little while
And then ripped from your arms
like a child
I carry their names
The secret shapes
An aching braid
Around my heart
Traced in the park
An outline I chalk
Where I took his hand in mine
For a little while everything
was alright


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Normalerweise konnte ich garnicht in Autos schlafen. Weder in Autos noch in Flugzeugen, Zügen oder anderen Dingen die sich bewegten. Ich fand sowas war eigentlich eine Eigenschaft die nur Katzen besaßen, überall schlafen zu können. Ich wusste nicht genau ob ich was gegen Katzen haben sollte. Eigentlich waren mir so gut wie alle Haustiere oder Tiere im allgemeinen, ziemlich egal. Ich konnte nicht wirklich etwas mit ihnen anfangen, ich verstand auch nicht wie so ein kleines, stinkendes Vieh in jemanden so eine große Liebe auslösen konnte. Aber vielleicht lag es auch einfach nur daran dass ich es generell nicht verstehen konnte, wie irgendetwas oder irgendjemand, Liebe in jemanden auslösen konnte. Ich war einfach selbst unfähig dazu. Und Empathie war nicht wirklich meine größte Stärke. Ich wusste eigentlich, wenn ich ehrlich sein soll, nicht dass ich irgendeine Stärke hätte. Ich schien nicht wirklich schlecht auszusehen scheinbar, und irgendwie war ich immernoch am leben, aber war das wirklich eine Stärke? Ich konnte nicht wirklich gut malen oder zeichnen oder singen, ich war nicht wirklich sportlich, eigentlich, wenn man das mal subjektiv betrachtet, war ich ziemlich beschissen in all dem was ich tat. Das zeigte mal wieder, wie wenig Möglichkeiten ich generell in meinem Leben hatte. Was sollte denn irgendwann mal aus mir werden? Ich glaube diese Erkenntnis das nicht wirklich irgendwann mal etwas aus mir werden sollte, kam mir schon ziemlich früh, mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden und würde auch nichts mehr dagegen unternehmen können und wollen. Wenn ich gesund wäre, also so vollkommen Gesund. Dann würde auch nichts aus mir werden. Ich hatte ein reiches Elternhaus, und das würde mich irgendwie mitziehen, irgendetwas studieren, obwohl ich nie einen Abschluss hätte, aber meine Eltern würden jemanden kennen, der jemanden kennt, der mich studieren lassen würde. Und selbst wenn ich das verkacken würde, was garantiert passieren wird, selbst dann, wäre ich nicht verloren. Und zur Not würde ich einfach von dem Geld von meinem Vater leben, bis ich Tod war, natürlichen Todes gestorben war. Ich werde ja sowieso keine Kinder bekommen, die ich versorgen müsste. Ich könnte einfach so weiter machen wie bisher, mit Männern schlafen, und das Geld von meinem Vater ausgeben. Eigentlich ein ziemlich einfaches Leben, eigentlich ein Leben das nicht wirklich nur schlecht war. Aber ich würde nie dieses Leben, leben können. Ich würde nie wirklich leben können. Und das machte mich noch nichtmal wirklich fertig. Nicht mehr. Ich glaube so mancher würde mir einfach in die Fresse schlagen, ich würde es mir zu einfach machen, ich würde mich einfach meinem Schicksal ergeben, das ich selbst gewählt hatte. Selbsterfüllende Prophezeiung. Ich weiß nicht genau, ob derjenige damit recht hatte, dass ich es mir einfach machte. Machte ich es mir einfach? Vielleicht sogar zu einfach? Könnte ich vielleicht noch etwas verändern in dem was man als mein Leben bezeichnet? Ich schob solche Gedanken zur Seite, und ja es war einfach, es war einfach zu wissen das man Krank ist, man konnte Verantwortung abgeben. Und das mochte ich. Ich konnte ja noch nicht einmal Verantwortung für mich übernehmen, geschweige denn für mein Handeln oder mein Denken oder mein Leben. Von daher, ja. Ich war einfach. Ich war erbärmlich. Aber ich würde es nicht ändern wollen. Denn ich war fest überzeugt davon, das genau das, was ich war, für mich so richtig ist. Jeder musste ein Platz in dieser verschissenen Welt einnehmen, und meiner war wohl einfach genau dieser. Dieser jämmerliche und armselige Platz des kranken Versagers. Ich hatte einfach nicht die Kraft etwas dagegen zu tun, und ich sah auch nicht ein weshalb ich diese haben sollte. Es war wie es war, es ist wie es ist. Warum sich Gedanken machen. Aber selbst ich tat das manchmal. Die Gedanken kamen mir wenn ich nicht wirklich schlief, aber auch nicht wirklich wach war. Dieser merkwürdige Zustand zwischen dem vollen Bewusstsein und dem Bewusstsein das man hatte, wenn man schlief. Und dann kamen mir diese Gedanken, vielleicht wollten sie mir etwas sagen. Das etwas passieren müsste, aber bevor ich wirklich darauf eingehen konnte, schlief ich ein, oder wachte ich auf, und damit waren sie weg. Und ich war glücklich mich nicht mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen. Warum sollte ich. Ich sah es nicht ein. Ich mochte es wach zu sein, ich schlief nicht wirklich gerne. Das heißt, ich schlief schon sehr gerne und ich wollte eigentlich auch nichts anderes wie mein ganzes Leben lang schlafen und nie wieder aufwachen, aber ich wollte nicht träumen. Ich wollte nicht das etwas um mich herum passiert, während ich weg war, während ich schlief und machtlos war. Ich mochte es nie machtlos zu sein. Und ich mochte es nicht zu träumen. Zum Glück passierte das selten, und schon garnicht wenn ich betrunken war. Aber ab und an, passierte es. Und dann war es das schlimmste. Ich kann es noch nichtmal so wirklich beschreiben was es genau war, das es so schlimm machte, was es genau war, das ich da sah, aber es war entsetzlich. Eine überschwellende Angst die an einem hochkroch, als ob man noch wach wäre, dabei war man so regungslos, als ob man schlief. Und dann lief es an einem hinauf, und dann war es in einem drin, tief drin. Und man wusste genau das es da war. Aber man konnte nie sagen was. Und genau das war es. Diese Ungewissheit was es ist, gepaart mit der Gewissheit dass es das schlimmste ist, was es sein könnte. Ich träumte meistens schlecht wenn ich die Medikamente umstellen musste, oder wenn ich sie absetzte. Manchmal musste man das. Diese Scheiß Medikamente die man dir gibt, die machen abhängig. Als ob es noch darauf ankommen würde. Als ob es mich interessieren würde, ob ich von dem Scheiß abhängig werde. Dann war ich es halt, nur noch eine Sache mehr. Darauf kommt es nicht an, wirklich nicht. Meinetwegen könnten die mir alles geben was sie wollen, wenn ich dann alles um mich herum nicht mehr merken würde, wäre nur das was mir recht wäre. Alles taub machen. Und solang man dir das nicht verschreibt, muss halt der Alkohol ran. Von dem war ich sicherlich abhängig. Aber auch das war mir egal. Er sorgte dafür dass ich es nicht alles ertragen musste. Das ich mich nicht dem Problem stellen müsste, das ich mich keinem Problem stellen müsste. Nie wieder. Ich war taub gemacht.
Und genauso fühlte ich mich auch, als ich in Thomas Auto einschlief. Ich auf dem Beifahrersitz, er am fahren und mein Rollstuhl hinten im Kofferraum. Ich hatte keinerlei Ahnung mehr wo ich war, ob schon in der Stadt, ob in einer anderen Stadt. Ich wusste es nicht. Er könnte mich ja auch überall hinfahren. Er könnte uns auch beide von einer Klippe fahren. Ich schlug meine Augen auf. Wenn ich aufwachte, dann schlagartig. Ich musste aufwachen und tat es. Ich musste aufstehen und ich tat es. Und dann schaute ich mich zum ersten mal um. Es war Nachmittag. Das konnte ich an der Sonne und den Schatten sehen. Das hat mir mal Amy beigebracht in der Therapie. Und sobald ich daran dachte, wirkte es alles so fern und so lange her. Amy, Tammy und Paul. Wir vier verfickt zerstörten Kinder. Es wirkte als ob sie aus einem anderen Leben stammten. Dabei war es doch alles noch nicht so lang her. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Ich hatte ja keine Ahnung, welcher Tag es war, und wie lange ich in diesem Krankenhaus gelegen hatte. Vielleicht war erst eine Woche vergangen, seitdem ich aus der Klinik kam, vielleicht zehn Tage, vielleicht aber auch schon ein Monat oder mehr. Ich würde Thomas fragen. Ich würde ihn fragen welcher Tag es war. Aber was nützte mir das? Ich hatte ja noch nicht einmal Ahnung, welches Datum die Beerdigung meines Vaters war. Ich wusste garnichts mehr. Ich wusste nur das ich Roberts Sachen brauchte. Ich brauchte sie so sehr. Und dann wollte ich sterben. Für immer. Und dazu brauchte ich die Hilfe von Thomas. Entweder würde ich solange bei ihm bleiben, bis es mir wieder gut ging, körperlich, und würde die ganze Sache alleine durchziehen, oder ich würde versuchen ihn zu überzeugen mir zu helfen. Die zweite Variante klang besser. Deutlich. Ich konnte gut überzeugen. Und er schien auch Interesse an mir zu haben. Auch wenn er nur Sex wollte. Er war kein Typ mich einfach so stehen zu lassen. Sonst hätte er mich nicht gefragt, ob ich schwul wäre. Sonst hätte er mich nicht abgeholt, und vor den Bullen gelogen. Er war anders. Total anders wie Robert. Eigentlich war Thomas meine Rettung, er war genau dann da, als ich jemanden brauchte. Vielleicht war das auch alles vorher geplant. Er diente um meine letzte Aufgabe zu erfüllen. Roberts Sachen holen und dann sterben.
Ich schaute Thomas an, er sah so aus wie immer, wie ich ihn kennengelernt hatte, ich glaube das Thomas einer von den Menschen ist, die immer gleich aussehen. Egal was sie anhatten, egal was sie empfanden, egal wie alt sie waren. Ich konnte ihn mir genauso in einem Anzug vorstellen, in einer Badeshorts, in Tracht, nackt. Und er gefiel mir. Er war ein Mann der nicht auf den ersten Blick unglaublich attraktiv und anziehend wirkte, wie Robert einer war. Er hatte einfach eine Art und Ausstrahlung an sich, die ihn unglaublich faszinierend und attraktiv machte. Ich würde gerne mit ihm schlafen wollen. Ich wollte wissen wie er im Bett war. Ob er zart und sachte war, ob er mich beißen würde, ob er mich ins Bett drücken würde, mich massieren würde und viel küssen würde. Ich wollte wissen wie er mich lieben würde. Wie er in mir kommen würde, wie ich auf ihm kommen würde.
,Ey!‘ sagte er dann, ohne von der Straße wegzusehen. Ich war vollkommen aus meinen Gedanken gerissen, und merkte erst jetzt das ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte, seitdem ich wieder wach war. Ich blinzelte und schaute weg. Er lachte. Wie er es immer tat. Und dann bog er in eine Straße ein, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich wusste dass wir nicht mehr in der Stadt waren. Das hier war eine ganz andere Stadt. Er blieb vor einem Reihenhaus stehen, in dem mehrere Parteien wohnen konnten. Dann schaltete er den Motor ab, stieg aus und öffnete meine Tür. Er machte eine alberne Verbeugung, wie man sie damals machte, wenn man einer Dame die Tür vom Fond öffnete. Ich starrte ihn wütend an. Ich hasste es wenn man so etwas machte. Er lachte nur, wie immer, ich glaube er würde sogar lachen, wenn ich ihm ein Stück rostiges Eisen in die Brust rammen würde. Er würde sogar noch lachen, wenn man ihn obduzieren würde. Er würde immer nur lachen. Und vielleicht war es ja das, was ihn so anziehend machte. Ich stieg aus dem Wagen, das hieß, ich setzte beide Füße auf die Straße und versuchte mich aufzurichten, ich scheiterte und fiel direkt in seine Arme. Verdammt, der Junge war stärker als ich dachte. Er schlug die Autotür hinter mir zu und half mir in den Hauseingang. Er schloss die Tür auf und öffnete sie weit für mich.
,Willkommen bei mir Zuhause, Kleiner!‘


Ich weiß nicht, ob es wirklich in meinem Leben mal den Moment gab, an dem ich gemerkt hatte, dass ich wirklich Krank bin. Dass ich wirklich ein Problem hatte. Es wächst einfach in dir, mit dir mit, und irgendwann ist es dann da. Es fühlt sich so an als wüsstest du es die ganze Zeit und später gibt es dann einfach einen Namen dafür. Ich war bei drei Psychologen um die Diagnose zu bekommen. Meine Mutter hat es einfach nicht eingesehen. Es konnte nicht sein dass ihr eigner Sohn, ihr einziges Kind, psychisch gestört war. Das passte einfach nicht in ihre Familie, in ihr Umfeld. Das passte einfach nicht zu ihr. Ich will jetzt nicht sagen dass meine Mutter sich wünschte mich nie gehabt zu haben, aber ich glaube wenn sie die Wahl hätte, zwischen mir und einem gesunden und normalen Jungen, würde sie sich nicht für mich entscheiden. Und das nehme ich ihr noch nicht einmal übel. Ich würde mich ja auch nicht für mich entscheiden, wenn ich könnte. Meine Mutter schwieg das Thema immer Tod. Sie hat mich nicht zu den Therapiestunden gefahren, oder sich dafür interessiert welche Fortschritte ich mache. Sie hat es geduldet, dass ich so war, aber keinesfalls hat sie es akzeptiert. Für sie musste immer alles Professionell bleiben. Und das verstand ich. Ich war Professionell. Wenn Gäste da waren, hatte ich immer etwas an, was meine Narben verdeckte. Ich redete mit keinem darüber, es ist auch nicht das passende Thema auf irgendwelchen Grill-Festen. Was meinen Vater angeht, der war da nicht anders als sonst zu mir. Ich war ihm egal, und wenn ich dann auch noch Probleme machte, war es einfach ein weiterer Grund für ihn, mich zu ignorieren. Es war ein bisschen so, als ob er mein Stiefvater war, der sich nicht für mich interessierte. Er war mit meiner Mutter zusammen und musste sich irgendwie mit mir Arrangieren, was er meistens dadurch tat, nie da zu sein. Ich kannte das auch garnicht anders. Seitdem ich klein war, lief das schon so. Am Anfang hat er sich schon um mich gekümmert, aber er merkte schnell dass ich nicht der Sohn war den er sich gewünscht hatte. Ich glaube mein Vater hatte sich nie einen Sohn gewünscht. Jedenfalls keinen schwulen. Aber welche Eltern wünschen sich auch dass ihr Kind schwul wird. Und dann noch so wie ich. Ich war schon immer sehr selbstständig. Das musste man auch sein, wenn man in einem Haushalt aufwächst der sich einen Scheiß um dich interessiert. Meine Mutter arbeitete zwar nicht, aber trotzdem gab es immer irgendetwas wichtigeres zu tun, als mir Essen zu machen, oder andere normale Dinge zu tun, die Mütter tun mit ihren Kindern. Mich hat das nie gestört, ich kannte es nicht anders. Man gewöhnt sich ja an alles. Meine Eltern lebten ihr Leben und ich meins. Am besten versuchte man sich aus allem rauszuhalten, dann war es doch am einfachsten. Ich konnte mich allerdings nicht immer aus allem so einfach raushalten wie ich es gerne wollte. Scheinbar schaffte ich es immer die Scheiße anzuziehen. Ich kann mich an eine Party erinnern die meine Eltern schmissen. Irgendwelche Freunde waren eingeladen. Und hier ist Freunde in Anführungszeichen zu setzen, denn so viele Leute wie da waren, kann man garnicht als wirkliche Freunde haben. Aber meine Eltern bezeichneten diese Menschen nie als etwas anderes. Es waren Freunde. Freunde der Familie, egal wie verlogen und falsch das klang, Freunde des Hauses, einfach Freunde. Eine der sogenannten Freunde, ich kannte sie schon etwas besser, sie war öfter da, verstrickte mich in ein Gespräch. Ich musste wirklich an mich halten und bei jedem Satz zwei mal nachdenken, bevor ich ihn aussprach. Ich wollte mich nicht blamieren und meine Eltern wollten nicht dass ich sie blamierte. Allerdings sagte diese Frau immer die merkwürdigsten Dinge, ich war nie einer Meinung mit ihr, in Wahrheit hätte ich ihr gerne alles ins Gesicht geschrien was ich über sie und ihre beschissene Meinung dachte. Aber das konnte ich natürlich nicht tun. Etikette. Auf dieser Party schaute sie dann, sichtlich angetrunken, auf meinen Arm und schrie plötzlich auf. Was für Narben und Schnitte ich doch da hätte, woher die kommen würden. Lauter so dinge. Meine Mutter war in der Nähe und kam sofort angerannt, sie erzählte etwas von einer Katze, die wir natürlich nie hatten, und das Thema war gegessen. Ich glaube trotzdem dass diese Frau es nicht glaubte. Sie steckte mir später nämlich ihre Nummer zu und meinte das ich sie immer anrufen könnte wenn ich ein Problem hätte, oder ich einfach nur reden wollte. Ich glaube ich muss nicht noch erwähnen dass ich niemals angerufen hatte. Ich wollte noch nicht einmal anrufen. Selbst in den schlimmsten Momenten wollte ich das nicht. Warum auch? Ich kannte diese Frau nicht einmal ein bisschen. Aber das war auch das einzige was passiert war. Der Rest dieser Freunde interessierte sich nicht für mich. Nie. Und dabei waren sie so oft da. So oft ich konnte, auf jeden Fall, versuchte ich weg zu sein, wenn meine Eltern diese Partys hatten. Und sie endeten ja eh immer gleich. Entweder stritten sich meine Eltern lautstark nachdem die Gäste weg waren, oder auch noch währenddessen sie da waren. Oder mein Vater vögelte irgendeine von diesen Freunden im Zimmer neben mir. Eins von beidem. Ich lag meistens halb nackt vor dem großen Fenster und schnitt mir die Arme auf. Nichts besonderes. Nichts was mich schockieren würde. Diese Partys waren immer gleich. Immer.
Ich war immernoch fertig und gelähmt von dem Angriff. Das Gefühl ließ mich nicht los, selbst nachdem ich die Tür öffnete. Ich war eigentlich nach Hause gegangen um mich endlich und final umzubringen. Doch nun war irgendetwas los, etwas war passiert. Ich öffnete die Tür und wusste es sofort. Ich kannte den Geruch, diesen würde ich immer erkennen. Mein Leben lang. Es roch nach Schweiß, es roch nach Leder, Blut und billigen Wein. Mein Vater hatte wieder mehrere von seinen Frauen zuhause gehabt. Es war nicht wirklich eine Party, es war keine Orgie, aber es waren mindestens 15 Mädchen hier, und 5 Kollegen von ihm. Alle betrunken, alle ekelhaft, alle hässlich. Ich wollte sterben, ich wollte das es alles aufhört. Diese Treffen oder Partys oder wie auch immer man es nennen wollte, gab es öfters. Das erste mal kann ich mich erinnern, war ich neun Jahre alt gewesen. Es schockierte mich damals, aber spätestens nach dem dritten mal war es mir egal. Doch heute, heute nahm es mich wieder mit. Einer seiner Kollegen hatte die Kiste mit den Sachen von Robert aus meinem Zimmer geholt und zog nun nacheinander jeweils eine Sache heraus. Er lachte mit einer schlecht blondierten Asiatin zu jedem Stück, was das denn bitte für ein Scheiß sei. Mir war so schlecht, mir war so schlecht gewesen und ich war so wütend. Ich wollte ihn töten, ihn und diese billige Asiatin. Dann wollte ich die Sachen packen und mich im Pool versenken, mit Schlafmitteln, Alkohol und aufgeschnitten Pulsadern. Keiner der Gäste merkte wie ich durch die Tür kam, keiner der Gäste merkte wie die Wut in mir aufkam. Keiner der Gäste merkte wie ich die Vase nahm, die neben dem Eingang stand. Keiner der Gäste und wirklich niemand, merkte wie ich mit der Vase auf die zwei lachenden zukam, die Vase in die Höhe riss, und auf den Kopf des widerlichen Arbeitskollegen meines Vaters runterschlug, der gerade ein Bild von Robert in der Hand hielt. Ich war nicht bei mir. Und dann war alles still. Kein Lachen, kein Geruch, keine Musik, kein scheppern der Scherben, keine zerbrochene Vase, nurnoch Bruchstücke. Sonst nichts. Geschockte Blicke vielleicht. Abgebrochene Gespräche, nichts was mich störte. Mein Vater, wahrscheinlich vögeln. Ich lief mit der Kiste voller Robert Erinnerungen in mein Zimmer, ich schloss ab, mir war alles unter mir egal. Ich nahm die Kiste in den Arm, sie war voller Dinge die mich an ihn erinnerten. Es war das Letzte was ich von ihm hatte, jetzt nachdem alles kaputt war. Jetzt nachdem nichts mehr sein wird. Da wollte ich wenigstens die ganzen Fotos haben, das Bettlaken, die Verpackung von unserem ersten Kondom, die Rasierklinge von meinem ersten mal Ritzen wegen ihm, einfach alles was ich mit ihm verband, alles was uns verband. Alles. Ich war einfach in meinem Zimmer, auf meinem Bett mit Robert alleine. Um mich herum existierte nichts, nur diese weiße Insel, mein Bett, die großen Fenster, und meine Erinnerungen. Mehr brauchte ich auch gar nicht. Mehr brauchten wir auch gar nicht. Und dann war ich mir sicher. Ich wollte jetzt weg sein. Ich hatte gelebt. Ich hatte ihn in irgendeiner Form auch geliebt. Ich hatte alles getan, und jetzt war es einfach vorbei. Es war vorbei. Ich war nicht erfüllt von dieser Leichtigkeit, von der ich erfüllt war, nachdem ich von Andreas weggelaufen bin, aber ich war wieder soweit. Ich war mir sicher was jetzt passieren müsste. Ich würde alles vorbereiten. Ich würde warten bis alle Gäste weg waren. Dann würde ich meinen Wodka hervorholen; den, den ich die ganze Zeit aufbewahrte in meinem Zimmer, für solche Momente; zusammen mit der Rasierklinge, von der ich so sicher überzeugt war, dass sie scharf genug ist, meinen Arm aufzuritzen, für immer, das letzte mal. Und das genug Blut über meinen Arm in den Pool laufen würde, genug Blut um das ganze endlich zu beenden, um mich endlich zu beenden. Ich war mir so sicher, wieder. Und ich glaube das war wirklich ein schönes Gefühl, sich so sicher zu sein. Ich schaute noch einmal alles durch was in der Kiste lag von Robert. Dann stand ich auf, zog mich aus und suchte alles zusammen. Im Bad war die Klinge, und Schmerztabletten, damit der Alkohol schneller ins Blut kam. Damit ich schneller weg war, damit ich schneller nichts mehr spüren musste. Und den Rest tat dann mein Blutverlust. Ich wollte das ganze Wasser rot färben. Wenn man vorher den blauen Grund erkennen konnte, dann wird bald alles Rot sein. Wie eine Wolke wird sich mein Blut ausbreiten und den ganzen Pool einfärben. Das ganze Wasser überzogen von dem Rest Leben was in mir steckte. Und dann war es das. Dann war ich endlich weg. Dann war es endlich vorbei. Es war schon dunkel und es war kalt geworden. Ich schaute durch unsere großen Fenster in den Garten, die Gäste meines Vaters schienen meine Entgleisung ignoriert zu haben, sie waren nicht mehr auf der Terrasse oder im Garten zu sehen. Ich konnte sie auch nurnoch leise und dumpf hören. Scheinbar waren sie alle in irgendwelchen Gästezimmern in unserem Keller. Widerlich. Ich hauchte gegen die Scheibe und schmierte mit meinen kalten Fingerkuppen ,RIP‘ in die beschlagene Stelle. Ich nickte meiner Spiegelung selbst zu. Ich wusste was jetzt passieren würde. Ich nahm alle Sachen mit hinunter und schaute durch den großen Wohnbereich. Nur Klamotten, Schuhe, gerauchte Kippen und halb leer getrunkene Drinks. Es war okay. Ich wollte nicht mehr warten, bis ich wusste dass alle weg sind. Ich setzte die Klinge an meinen Arm an. Ich wollte wissen ob sie funktionierte. Ich wollte dass es klappte, dass es einfach ging. Ich drückte tief und fest in meinen Arm, und zog schnell nach oben. Ich schaute auf und hielt die Luft an. Ein elendes Ziehen, kein einziger Schnitt. Und das tat fast noch mehr weh, als wenn man sich wirklich die Haut aufritzte. Ich schmiss die Klinge durch den Raum. Sie kotzte mich an. Ich lief durch das Wohnzimmer in die Küche und kramte in den Schubladen, ich suchte ein Messer. Messer klappten nicht ganz so gut, aber sie klappten. Ich wusste zu ungefähr jedem Spitzen Gegenstand, wie er sich auf der Innenseite des Unterarmes anfühlte. Ich zog ein langes Messer aus der Schublade und hielt es wieder an den Arm. Ich drückte und zog. Nur ein kleiner Schnitt. Bei weitem nicht genug. Ich wurde wütend und setzte immer wieder und immer wieder an, drückte, zog, drückte fester, zog schneller, doch nichts passierte. Und dann hörte ich wie jemand mich auslachte. Ich wusste sofort wem diese Lache gehörte. Mein verfickter Vater lachte mich aus, kam auf mich zu, nahm mir das Messer aus der Hand und lachte, und lachte und sagte:
,Selbst zum Ritzen ist mein missratener Sohn zu blöd.‘

:)
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Re: 213

Beitragvon Max221B » 07 Dez 2014, 18:34

Ach du scheiße.......deine Geschichte ist wirklich gut geschrieben und auch sehr deprimierend irgendwie... Und der Vater ist ja ein richtiges Arschloch (sorry, aber ist doch wahr). Wie du die ganzen Gedanken und Gefühle schilderst ist echt einfach gut. Meinen Respekt! :flag:

Und ich bedanke mich auch mal, dass du hier weitergeschrieben hast!

Liebe Grüße
Max
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Re: 213

Beitragvon bennybp » 07 Dez 2014, 18:53

Faszinierend! Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Geschichte an sich super gefällt aber es ist so einmalig toll geschrieben. Klasse!
Durch einen Freund bin ich mal auf das Thema "Wohlstandsverwahrlosung" aufmerksam gemacht worden. Passt bei John wie die Faust aufs Auge.
Wir werden ja nun aufgrund der Entfernung nicht alle zu deiner Lesung kommen können. Deswegen hoffe ich doch sehr, das du uns auch das Ende der Story hier präsentieren wirst.
Der Akil hat es mir gemacht!
Also das Profilbildchen!! Tschuldigung Frost, wollte dich nicht eifersüchtig machen.

steveXbird
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Re: 213

Beitragvon steveXbird » 18 Dez 2014, 00:04

Wahrscheinlich der Vorletzte Teil meine Lieben :)

Lasst es euch gut ergehen, investiert in guten Wein und in eure Freunde, die einzig wahre Familie die ihr jemals haben werdet :)

Ich gehe jetzt schlafen.

_______________________________________

I shoulda killed you myself.
It was always a dream of mine.
I coulda used a little help,
But red wine's been a good friend of mine.
I've got sad news.
Take off your shoes.
Sit down for a while.


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich liebte den Moment in dem jemand die Tür öffnete zu seiner Wohnung. Dieser intime Moment in dem man jemanden völlig Fremden, so sein Zuhause präsentierte. Einfach die Tür öffnen und schon strömten tausende neue Eindrücke auf einen ein. Gerüche, Gegenstände, oder Stimmungen. All das lag in diesem einen Moment, in dem die Tür geöffnet wurde. Und Thomas machte daraus wirklich einen feierlichen Moment. Er schlug die Tür auf mit einer großen Bewegung und ließ sie bis zum Anschlag aufschlagen. Dann stand er neben mir, während ich direkt vor der Tür stand und in seine Wohnung guckte. Und es war wirklich keine große Wohnung. Es war ein Raum in dem alles stand. Ein kurzer Flur davor, eine Tür wahrscheinlich zur Küche und eine Tür, wahrscheinlich zum Bad. Es roch sofort nach ihm. Ich kannte Thomas nicht wirklich, aber das wonach es hier roch, im Wohnungseingang, in seiner Einzimmerwohnung, das war Thomas. Dieses männliche, aber auch ganz anders wie bei Robert. Bei Robert roch es nach Sex und Gefahr und Mann und es war verboten und verrucht. Und hier schrie alles mich an, dass es nun richtig war, dass er richtig war, er war okay, er war ein Mann, aber er war keine Gefahr für mich. Und das machte mich verblüfft. Ich kannte diese Art von Gefühl und von Geruch nicht wirklich, ich blendete es aus falls es jemals aufkeimte. Thomas räusperte sich neben mir, scheinbar stand ich ziemlich lange, verwundert in der Tür. Ich schaute ihn an. Er gefiel mir. Er war mir viel zu jung, dachte ich dann sofort. Aber er gefiel mir. Und das war entweder der Anfang oder das Ende. Oder der Anfang vom Ende. Er schob sich an mir vorbei in den Raum der vielleicht 25 Quadratmeter hatte. Vielleicht ein bisschen mehr, ich konnte so etwas immer schlecht schätzen. Er räumte ein paar Dinge zur Seite, hob eine Zeitschrift auf, schob seine Boxershorts mit dem Fuß zur Seite. Erst war er ein bisschen stolz gewesen mir seine Bude zu zeigen, aber ich sagte so lange nichts, dass der Stolz in Verlegenheit wechselte. Ich war in der Wohnung und schloss die Tür hinter mir, etwas zu laut. Thomas drehte sich zu mir um, für einen kurzen Moment dachte ich, dass er auf mich zugestürzt kommt um mich zu küssen. Er tat es nicht. Wir schwiegen uns etwas an, und es war dieser Moment, wo du dachtest er würde Stunden gehen, obwohl er in Wahrheit nur ein paar Sekunden in Anspruch nahm. Ich schaute künstlich durch die Wohnung, obwohl ich schon alles gesehen hatte. Sein Sofa, sein Bett, sein Fernseher, sein Bücherregal. Alles normal, nichts was mich beeindruckte, nichts was ungewöhnlich erschien. Kein Kinderbild. Nirgendwo irgendein Bild. Ich schaute Thomas an, er erwartete etwas von mir, eine Regung, um einschätzen zu können wie es mir gefiel, ob es mir gefiel, wie sehr es mir gefiel, oder missfiel.
,Ich mag deine Wohnung.‘ sagte ich dann zu ihm. Ich meinte es ernst, ihm fiel ein Stein vom Herzen. Er war wirklich interessiert daran, dass sie mir gefiel. Es schien ihm wichtig zu sein, und ich konnte nicht genau einordnen weshalb. Er grinste nun wieder sein altbekanntes Grinsen. Ich konnte momentan nicht anders als zurück zu grinsen.
,Was is‘ los?‘ fragte er dann unter seinem Lächeln. Ich zuckte mit den Schultern.
,Du bist echt hübsch, scheiße selbst wenn du so beschissen aussiehst, bist du echt hübsch.‘ meinte Thomas dann und kratzte sich am Nacken. Er wollte mir schon lange ein Kompliment machen. Aber er war trotzdem verlegen. Ich konnte nicht anders wie mehr zu grinsen, das brachte ihn aus seinem Konzept.
,Was?‘ fragte er dann.
,Nichts, es ist einfach, du bist süß.‘ meinte ich dann. Es war vielleicht eines der Sachen die ich wirklich ernst meinte, er war süß. Das war eigentlich das perfekte Wort um ihn zu beschreiben. Er war es die ganze Zeit gewesen, und er war es auch jetzt in seiner Wohnung, stolz mir etwas zu zeigen, das ihm gehörte. Wie er aussah war süß, wie er sprach war süß, und vor allem war es süß, wie er mich behandelte.
,Danke.‘ meinte Thomas dann und schaute mich wieder mit dem Blick an, der bedeuten konnte, dass er gleich auf mich zugestürzt kam, aber auch dieses mal kam er nicht auf mich zugestürzt. Diese Situation war wirklich ziemlich merkwürdig, ich kaum aufrecht stehend, an der Wand abgestützt, Thomas drei Schritte von mir entfernt, mit einem Magazin in der Hand, welches er noch wegräumen wollte. Keiner von uns wusste was man sagen sollte, doch es war so viel gesagt in diesen 25 Quadratmetern.
,Ich glaube ich will mich mal hinlegen.‘ sagte ich dann schließlich, ich wollte mich wirklich hinlegen, ich war unendlich müde. Ich habe zwar in seinem Auto geschlafen und ich schlief auch etwas im Wald bevor ich Thomas anrief, aber so wirklich geschlafen hatte ich nicht mehr, seitdem ich aus dem Krankenhaus war. Thomas räumte sofort alles von seinem Bett runter, besser gesagt, er schmiss alles auf den Boden, was auf dem Bett lag; dann legte er die Decke schön hin, und richtete mir einen Schlafplatz her. Warum war er nur so verdammt freundlich und nett zu mir? Warum war er nicht so wie ich dachte, dass er sein würde? Warum hat er mich nicht an die Polizei oder das Krankenhaus verraten? Warum hatte er mich irgendwo abgeholt mit seinem Auto, warum war ich jetzt in seiner Wohnung; und warum richtete er so liebevoll mir einen Schlafplatz her? Warum hatte ich das verdient? Selbst wenn er nur Sex von mir wollte, das könnte er doch viel einfacher bekommen, wie das er diese ganze Show abzog. Ich hatte das Gefühl, dass da noch viel mehr dahinter steckte. Ich wollte mir aber keine Gedanken darüber machen, teilweise weil mir einfach alles wehtat, und teilweise weil ich die Antwort nicht wissen wollte.
,Danke.‘ sagte ich und humpelte die paar Schritte zu seinem Bett. Ich stolperte halb und er fing mich auf. Dieser Moment kurz bevor er sich zu mir beugen würde, kurz bevor er mich küssen würde. Kurz davor. Aber er tat es nicht. Er tat es einfach nicht. Thomas stützte mich zu seinem Bett. Dann zog er mir mein T-Shirt aus, danach zog er mir meine Hose aus. Aber er tat es nicht mit dem Sexuellen Verlangen, nicht auf die Art und Weise auf der mir Robert das T-Shirt und die Hose auszog, nein er tat es auf eine ziemlich sachliche Weise. Wie ein Krankenpfleger. Er war Krankenpfleger und er behandelte mich wie einen alten Mann, der zu schwach war sich auszuziehen und sich zu waschen. Gut in meinem Zustand war ich das auch. Aber warum behandelte er mich so, wenn er doch vorher gesagt hatte wie hübsch ich war. Wo er doch vorher gesagt hat, dass er interessiert war an mir, dass er etwas wollte von mir, mit mir. Warum tat er dann jetzt so sachlich. Warum fasste er mich nicht an, so wie man mich anfassen würde, wenn man etwas von mir wollte. Weshalb diese Zurückhaltung? Ich drehte mich zu ihm um, ich war nun bis auf die Unterhose ausgezogen. Selbst meine Schuhe zog er aus. Und er hätte auch meine Unterhose ausziehen können, und meinen Schwanz lecken können, blasen können, lutschen können. Bis wir dann Sex hätten. Obwohl mir alles weh tat. Wir hätten Sex und mir würde alles weh tun und mir wäre alles egal. Aber das tat er nicht. Er schaute mich nur an. Von unten nach oben, schaute er mich an. Er musste doch die ganzen Narben sehen, vielleicht die eine oder andere Verbrennung, wenn ich eine Zigarette auf mir ausdrückte. Aber er sagte nichts, er verzog nicht die Miene, er schaute mich einfach nur an. Und er mochte was er sah. Ich fühlte mich wie ein Versuchsobjekt um das jeder stand, das man anstarrte und seine Schlüsse zog. Ich legte meine Hand an seine Wange, ich strich ihm über den Bart. Ich versuchte meinen Kopf näher an seinen zu bringen, meine Lippen näher seinen. Er legte seine Hand an meinen nackten Rücken, er zitterte. Ich zitterte, es war kalt bei ihm. Ich schaute runter an ihm, ich versuchte eine Erektion in seiner Hose zu erkennen. Aber ich war nie gut in so etwas zu erkennen. Ich konnte das nur spüren, nicht sehen. Ich schaute noch einmal zur Seite in seine Wohnung, dann schaute ich ihm wieder in die Augen. Er grinste nicht mehr, er war so ausgewechselt. Er wirkte so gefasst, so fokussiert auf mich, auf diesen einen Moment. Diesen Moment wo ein völlig invalider und kranker Junge seinen vernarbten Arm samt Hand an die Wange führte und über den Bart strich. Der Moment wo man sich die ganze Zeit zurückhalten musste ihn nicht zu küssen, ihn nicht anzufassen, ihn nicht so zu berühren wie es eigentlich sein sollte. Aber dieser Moment war jetzt, und er war gespannt, er war erregt, er wollte es. Ich wollte es. Ich war gespannt, es war alles gespannt und die Luft bewegte sich nicht mehr, weder im Raum noch zwischen uns. Aber wieder vergingen die Sekunden wie Stunden, wieder dauerte alles, wieder bewegte sich nichts, wieder passierte nichts. Wieder schaute er so, so beschäftigt mit sich, mit mir, mit allem, aber trotz aller Beschäftigung, passierte nichts. Ich schaute an ihm vorbei, ich wollte ihn nicht länger ansehen.
,Warum küsst du mich nicht?‘ hörte ich dann, mich selbst fragen. Es war die Frage die, die ganze Zeit im Raum stand, weshalb die Luft anhielt, weshalb er die Luft anhielt. Weshalb wir die Luft anhielten.
,Ich will dir nicht wehtun.‘ sagte er. Er musste erst schlucken, bevor er antworten konnte, er wusste dass diese Frage im Raum steht, und er wusste auch die Antwort auf diese Frage; trotzdem brauchte er einen Moment bevor er antworten konnte. Ich strich Thomas durch seine Haare, meine Augen mittlerweile wieder auf ihn gerichtet.
,Du tust mir nicht weh.‘ sagte ich.
,Du würdest es auch erlauben, selbst wenn ich dir wehtun würde.‘ erwiderte er, und sein Griff an meinem Rücken wurde stärker. Er zitterte nicht mehr, es gab keinen Grund mehr zu zittern, es war nicht mehr kalt. Schon lange nicht mehr.
,Du wärst nicht der erste.‘ antwortete ich. Es stimmte. Er hatte zuviel Respekt vor mir, davor mir weh zutun. Und er war der erste der diesen Respekt hatte. Robert hätte mich gefickt. Sofort. Wenn ich ihm gesagt hätte er soll mich ficken, und er Lust darauf gehabt hätte, wäre es ihm egal in welchem Zustand ich war, er würde mich ficken. Und das mochte ich an Robert, damals. Ich wollte gefickt werden, scheiß egal wie es mir ginge. Wie es mir danach gehen würde. Ich wollte seinen großen Schwanz in mir spüren. Und jetzt wollte ich auch Thomas Penis sehen. Ich wollte ihn erregt vor mir. Ich wollte wissen wie groß, ob er beschnitten war oder nicht, ich wollte ihn einfach sehen. Und es war mir egal ob er mich verletzen würde oder nicht, ich wollte es einfach jetzt tun. Auch wenn mir alles weh tat. Aber Thomas konnte das nicht. Er konnte mir nicht wehtun. Und deshalb konnte er mir auch nicht seinen Schwanz zeigen, deshalb konnte er mich jetzt auch nicht küssen, deshalb konnte er mich jetzt auch nicht ficken. Obwohl es das war was ich wollte, schlafen und ficken; schlafen und ficken und Roberts Kiste wiederholen.
,Ich weiß. Aber ich will nicht für dich so sein, wie die anderen waren.‘ sagte er dann, und seine zweite Hand ging an meinen Kopf, durch mein Haar, fettig, zu lang, ungepflegt. Aber es war ihm egal. Er verlor sogar seinen Gossenakzent, wenn er so mit mir beschäftigt war. Und dann schaute ich ihn an, aber dieses mal anders. Ich durchlöcherte ihn förmlich, ich wollte es jetzt einfach. Scheiß auf meine Schmerzen, scheiß auf alles, scheiß auf meinen Plan, auf Robert, auf meine Mutter, auf die Polizei die mich suchte, scheiß doch auf 25 Quadratmeter wenn du 18 Zentimeter in dir haben konntest. Ich führte mein Hand von seinem Bart hinter seinen Kopf und zog ihn zu meinem, und dann presste ich meine Lippen auf seine, und dann küsste ich ihn. Und plötzlich bewegte sich die Luft wieder um uns herum, dann küsste ich Thomas.
to be continued.... ;) (maybe)
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Re: 213

Beitragvon Max221B » 19 Dez 2014, 00:14

Schon der vorletzte Teil....wie schade. Aber jede gute Geschichte hat auch ein Ende. Wenn ich mir hier so viele Geschichten ansehe, die nie fertig geschrieben werden, finde ich das echt schade. Aber richtig gut, dass so eine gute Geschichte, wie deine ein Ende findet!!! Ich bin sehr gespannt auf das große Finale! :) :flag:

Schön geschrieben, die Szenen in der Wohnung. Echt unglaublich anschaulich! :)

Liebe Grüße
Max
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steveXbird
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Re: 213

Beitragvon steveXbird » 19 Dez 2014, 01:06

Ich möchte mich nach diesem wahrscheinlich wirklich vorletzten Teil bei euch allen noch einmal melden :)

Ich möchte euch allen danken (am ende folgt noch die offizielle Danksagung vom Buch, auch wenn diese sehr privat werden wird :) ). Ihr habt mich über fast zwei jahre lang begleitet, habt mitgelesen, kommentiert, habt euch angemeldet deswegen. Und das ist viel viel mehr wie ich mir jemals erhofft hatte. Ich wollte diese Geschichte aufschreiben um das Andenken an einen unglaublich guten Freund aufrecht zu erhalten. Es war (ohne kitschig klingen zu wollen) ein innerer Drang es nach außen zu bekommen, es irgendwohin zu stellen, wo es wirklich jeder lesen und finden könnte. Ich danke allen schon jetzt dafür dass ihr es so lange geschafft habt, der Geschichte zu folgen.
Es macht mich glücklicher wie ihr euch wahrscheinlich jemals vorstellen könntet.

Ich bin nicht aus der Welt. Mein Postfach ist immer für euch da (für vielleicht alle die in der gleichen/ähnlichen Situation wie John stecken), schreibt mir.

Bald kommt der letzte Teil.

Würdigt euer leben, lebt euch aus. Mehr kann ich euch nicht mitgeben.

Danke.

Steve
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Re: 213

Beitragvon Azazel » 19 Dez 2014, 12:00

Ich kann echt nicht glauben, dass es schon fast zwei jahre her ist und dass es schon bald vorbei ist, da wird einem ja schon wehmütig zumute
"Sie mögen 'Gott ist groß' rufen, aber tatsächlich wird er jedesmal ein bisschen kleiner, wenn sich jemand in seinem Namen in die Luft sprengt."

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Re: 213

Beitragvon bennybp » 19 Dez 2014, 17:19

Azazel hat geschrieben:Ich kann echt nicht glauben, dass es schon fast zwei jahre her ist und dass es schon bald vorbei ist, da wird einem ja schon wehmütig zumute

Einerseits stimme ich dir voll zu, andererseits freue ich mich tierisch, dass steve es zu Ende bringt. Ich hatte lange die Befürchtung, das wir nix mehr von ihm lesen würden. Ich gehöre zu denjenigen, die sich ursprünglich nur wegen dieser Geschichte angemeldet haben.
Lieber steveXbird, ich danke dir innigst für dein Durchhaltevermögen und dafür, das du die Erzählung hier veröffentlicht hast. Hoffentlich erhalte ich mal einen Hinweis, wie man an deine nichtschwule Geschichte kommen kann. Auch vielen Dank für deine lebensbejahenden und aufmunternden Appelle zwischendurch. Ich mag das sehr. Bitte treibe es dolle, aber finde auch die Zeit für dein künstlerisches Schaffen. Du gehörst für mich zu den Menschen, von denen man später evtl. mal hört, das sie ein Werk geschaffen haben.
Der Akil hat es mir gemacht!
Also das Profilbildchen!! Tschuldigung Frost, wollte dich nicht eifersüchtig machen.

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Re: 213

Beitragvon Cool_Phil » 28 Dez 2014, 23:13

Fast 2 Jahre schon? Oh man...
Danke für diese tolle Geschichte und vielen Kapitel die mich jedesmal in den Bann zogen!

Re: 213

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