Totale Zwickmühle

Rund ums Coming-Out - wenn es das überhaupt gibt.
allan
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Totale Zwickmühle

Beitragvon allan » 12 Jun 2017, 10:30

Hallo!
Ich weiß jetzt eigentlich schon mein Leben lang, dass ich mich zu dem männlichen Geschlecht hingezogen fühle. Jedoch gibt es immer wieder Phasen, an denen ich es nicht akzeptiere. Ich bin zwar erst 15, dennoch bekomme ich dieses Thema nicht aus meinem Kopf und mir ist bewusst, dass sich noch relativ viel ändern kann, da ich noch in der Pubertät bin. Trotzdem ist das alles ein wenig komisch, da ich ja auch schon vorher Jungs interessanter fand. Im Kindergarten sind andere Jungs den Mädchen hinterher gerannt, oder andersrum, und ich habe immer Jungs geküsst. Genauso lief das ab in der Grundschule und die weiteren Jahre meines Lebens.

Jedoch gibt es da ein Problem.
Und zwar ich bin ein Muslime. Meine Familie ist streng religiös und Homophobie war immer ein großer Bestandteil meiner Erziehung. Und das sorgt auch dazu, dass ich mich dafür nicht akzeptiere, da ich teils homophob bin. Ich fühle mich viel mehr zu Männern hingezogen, als zu Frauen, dennoch kann ich es nicht akzeptieren. Wenn ich ein schwules Paar auf der Straße sehe, freue ich mich erstmal für die und bin dann auch erstmals total tolerant. Und klar stelle ich mir dann auch so eine Zukunft vor und das ist genau das was mein Herz will. Aber im Nachhinein denke ich wieder an meine Familie und werde homophob. Aber nicht in dem Sinn, dass ich das schwule Paar verachte, sondern, dass ich mich verachte. Ich will es akzeptieren, da ich meine Sexualität nicht steuern kann. Aber das fällt mir total schwer.

Ich habe angefangen mich vor 2 Jahren (13), bei den ersten Menschen zu outen und das war ein großer Fehler, da die letzten 2 Jahre der reinste Horror für mich waren. Ich hatte immer wieder Phasen, an denen ich mich versucht habe einzureden, dass ich vielleicht doch Frauen mehr mag. Ich habe unzählige Tests gemacht, habe mit total vielen Menschen geredet und habe auch was mit Mädchen und Jungen angefangen, um mir sicher zu sein, ob ich vielleicht doch Hetero oder Bi bin. Aber ganz im Gegenteil, denn die Intimität mit dem Jungen ist viel eher was für mich.

Und das ist der Punkt, an dem eigentlich alles schon geklärt ist, da ich offensichtlich schwul bin. Ich kann aber mein Leben nicht leben, da ich immer meine Religion in meinem Kopf haben. Ich wurde relativ religiös erzogen und aufgrund dessen fällt mir alles viel schwerer. Ich werde das frühestens erst in 10 Jahren meinen Eltern beichten können und ich glaube dann würde mich meine Familie verbannen. Ich habe auch schon öfters mit meiner Familie über Homosexualität gesprochen, und jeder hat da total aggressiv drauf reagiert. Also kann ich alles irgendwie nicht akzeptieren. Ich weiß echt nicht was ich tun soll.

Lg allan :flag:

Totale Zwickmühle

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DasLysander
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Re: Totale Zwickmühle

Beitragvon DasLysander » 12 Jun 2017, 17:10

Hey Allan,

das hört sich in der Tat ganzschön kompliziert an. Also erstmal zu dem, was du machen solltest: So wie du es beschreibst, wäre es echt keine gute Idee, sich bei der Familie zu outen. Das heißt also, erstmal so weiterleben wie bisher und die Familie halt im Glauben lassen, du seist hetero. Solltest du das nicht mehr aushalten irgendwann, gäbe es vermutlich die Möglichkeit, dass du zuhause ausziehst, da müsstest du dich ans Jugendamt wenden und deine Situation erklären.

Dann zur Homophobie in deiner Familie und Erziehung: Bist du selbst denn religiös, also bedeutet es dir selbst viel, im Einklang mit dem Islam zu leben oder ist das nur so eine Bürde für dich?
Was denkst du denn, woher das kommt, dass deine Familie so schlecht über Schwule denkt?

Lass den Kopf nicht hängen, es wird besser, je älter und unabhängiger du wirst! :flag:
LG
"People leave their bodies to science. I think cannibals would be so much more grateful."

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Re: Totale Zwickmühle

Beitragvon allan » 13 Jun 2017, 00:06

DasLysander hat geschrieben:Bist du selbst denn religiös, also bedeutet es dir selbst viel, im Einklang mit dem Islam zu leben oder ist das nur so eine Bürde für dich?
Was denkst du denn, woher das kommt, dass deine Familie so schlecht über Schwule denkt?


Ja, ich bin auch relativ religiös und das spielt eine große Rolle für mich. Trotzdem kann ich nicht mein Leben lang mir und meiner Familie was vorspielen, denn dafür ist das Leben einfach viel zu kurz,
Und es liegt wohl daran, dass meine Eltern in einem islamischen Land groß geworden sind, selber noch keine Schwule in der Familie oder im Freundeskreis hatten und es einfach nicht nachvollziehen können, dass zwei Männer sich lieben. Mein Vater hat mir beispielsweise damals immer gesagt, dass Gott Adam und Eva erschaffen hat, und nicht Adam und Adam. Dazu meint meine Mutter noch, dass Homosexualität eine Krankheit sei, und diese Menschen nur psychisch krank sind. Für mich ergeben diese Aussagen keinen Sinn, jedoch kann ich ihren Hass verstehen, da es ausdrücklich in unserer Religion verboten ist.

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Re: Totale Zwickmühle

Beitragvon gutgelaunt » 13 Jun 2017, 01:02

Du bist 15 und hast dein Leben noch vor dir. Du kannst erstmal in aller Ruhe rausfinden was du bist. Und egal was du bist es ist vollkommen in Ordnung. Es ist nichts illegales in Deutschland, es ist nichts verbotenes. Es ist absolut cool. Und vielleicht findest du ja raus, dass du schwul bist und vielleicht bleibt der Gedanke an tolle Jungs ja. Eine Religion hat nicht das Recht einem die Sexualität zu verbieten. Das mit einer Schöpfungsgeschichte zu begründen, die völliger Mumpitz ist, macht die Sache nicht besser.

Religion ist nichts schlimmes und oft vermittelt sie eine tolle Moralvorstellung. Nächstenliebe, Großzugügkeiten, Teilen mit den Bedürftigen. Das sind tolle Werte. Aber auch die Geistlichen müssen zugeben, dass das an der ein oder anderen Stelle nicht ganz hinhaut. Und das die Menschheit älter ist als 3000 Jahre, wo die Schöpfung stattgefunden haben soll ist lange klar. Das da nicht plötzlich zwei Menschen da waren, die alle Menschen gemacht haben ist auch klar. Und damit zu argumentieren, dass es keine Schwulen geben kann, ist grausam. Denn Homosexualität ist auch Älter als die Schöpfungsgeschichte.

Ich finde es toll, dass es in Deutschland Religionsfreiheit gibt und man glauben kann, was man möchte, aber man sollte auch kritisch hinterfragen. Du magst Jungs und findest schwule Pärchen auf der Straße toll. Lass dich da nicht von dem Mumpitz verunsichern, der geredet wird. Es geht in der Religion darum, die Angst vor dem Tod zu lindern und ein guter Mensch zu sein, ein tolles, vorbildliches Leben zu führen. Dir wird gerade verwert der gute Mensch zu sein, der du bist (tolerant und liebevoll) und den Leuten Liebe zu schenken, denen du das eigentlich willst.

Die Jahre im Elternhaus musst du noch rumkriegen. Irgendwann stehst du auf eigenen Beinen und dann kannst du der Mensch sein, der du eigentlich bist und dein Glück ausleben. Denk daran, das hilft dir vielleicht dir deine Zukunft so auszumalen, wie du das dir vorstellst und nicht, wie die "Religion" das will.
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Re: Totale Zwickmühle

Beitragvon Vielreder » 15 Jun 2017, 21:41

Finde ich bedauerlich, dass eine in Deutschland lebende Familie so eine Einstellung hat. Prinzipiell kann ich dir zwar auch raten, dass du sobald du 18 bist, möglichst weit von deinen Eltern wegziehen solltest und dann etwas eigenes anfängst, aber es ist die Frage ob du das willst.
Aber wenn eine Familie so extrem konservativ ist, muss ich mir leider auch die Frage stellen, wie sieht es allgemein aus mit der Integration zuhause? So richtig die hiesigen Werte sind das ja nicht. Und das ist nicht böse gemeint, aber hat denn deine Familie viel Umgang mit nicht-Muslimen? Denn eine Strategie könnte sein, die würde aber eben nur langsam funktionieren, Kontakt zwischen deinen Eltern und mehr nicht-Muslimen herzustellen, sie sozusagen in Umgang mit Menschen mit anderen Werteauffassungen zu bringen und zu hoffen, dass sie sich so langsam anpassen.
Ist alles nicht böse gemeint. Aber meiner Meinung nach ist so eine Einstellung speziell in einem Land wie diesen, absolut inakzeptabel.

Und der Rat: Mach dich nicht kaputt mit der Religion. Das sind uralte Lehren und keiner kann mir erzählen, kein noch so religiöser Mensch, dass man alles, was sich Leute vor 1400 Jahren ausgedacht haben, kritiklos hinnehmen sollte. Religion finde ich da doof, wo sie dem Menschen was vorschreiben will. Wieso sollte Gott was gegen Homosexualität haben? Wem tut man denn damit weh? Widerspricht das Nächstenliebe? Nein, ein Mangel an Nächstenliebe ist es nur, wenn man Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben, obwohl man sie damit quält, ihr Leben ruiniert und zur Hölle macht, obwohl sie niemandem etwas tun.
"Lernen ohne zu denken ist eitel. Denken ohne zu lernen ist gefährlich."
-Kung Fu Tse

Re: Totale Zwickmühle

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