How to: Gedichte

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Akil
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How to: Gedichte

Beitragvon Akil » 26 Feb 2017, 16:16

Ich dichte gerne und oft und oft lese ich (im Forum oder auch von Freunden/bekannten etc.) Gedichte, die ein wenig holpern (oder gar mit Vollkaracho vor die Wand fahren). Und oft scheitert es an kleinen Dingen oder am Grundgerüst, beides ist eigentlich recht einfach. Deswegen dachte ich mir, ich schreibe mal ein Paar Tipps und Tricks für alle Hobbydichter die noch besser werden wollen auf.

Die Kurzfassung?
Behalte die Aussage des Gedichts im Hinterkopf. Schreibe alles auf, was dir in den Sinn kommt und habe keine Angst alles zu verändern. Lies dein Gedicht laut und prüfe den Klang. Achte auf das Fucking Metrum. Brich die Regeln.

Und die Langfassung

1. Bedeutung.
Ein Gedicht, dass keinen Inhalt hat, bewegt keine Menschen. Du musst die Bedeutung nicht vorher aufschreiben, aber das kann durchaus helfen. Manchmal schreibe ich einfach darauf los, aber ich lese mir jede Strophe durch und weiß was ich mit ihr sagen will. Manchmal kann man die Bedeutung nicht wirklich erfassen, aber das Gedicht, die Strophe oder der Vers fühlen sich richtig an, dann lasst euer Werk so stehen. Aber habt einen Grund warum ihr ein Wort dort lasst wo ihr es hingeschrieben habt.

Gerade bei längeren Gedichten, die von Strophe zu Strophe die Bedeutung wechseln, (z.B. ein Gedicht über ein Familienmitglied zum Geburtstag) macht es manchmal Sinn erst einmal ohne Verstand die Bedeutung aufzuschreiben und alles dann in Form zu bringen. Was mich zum zweiten Punkt bringt:

2. Schreiben & Neu Schreiben
Schreib alles was dir durch den Kopf schießt auf. Egal ob PC oder schriftlich. Zu jedem meiner Gedichte bleibt am Ende ein langer Rest unverbrauchter, recycelter oder einfach nur schlechter Verse, Wörter, Sätze oder ganzer Strophen zurück. Manchmal ist einer dieser Brocken der Starter für ein neues Gedicht.

Kein Gedicht kommt einfach so aus der Feder und ist perfekt. Ich verschiebe oft Strophen in ihrer Reihenfolge oder Verse, wechsel Wörter aus und streiche Sachen die ich am Anfang noch gut fand, weil ich inzwischen so viel geändert habe.

SCHREIBT ALLES AUF. Auch wenn es unperfekt ist. Den Feinschliff macht man eh noch, aber man braucht Material zum Arbeiten und das kann man nicht alles im Kopf behalten, gerade wenn man das Gedicht bearbeiten will.

3. Lesen

Lest euch euer Gedicht vor. Anders werdet ihr nie merken, wo ihr stolpert, wo ihr noch arbeiten müsst, wo ihr noch Baustellen habt.

4. Fucking Metrum
Am Metrum scheitern 99% aller Gedichte. Ohne Metrum klingt euer Gedicht scheiße. Mit Metrum, kann ein Laie euer Gedicht nicht mehr schlecht finden. Das Metrum bestimmt wie euer Gedicht klingt.
Es beschreibt (Achtung Fachsprache) die Anzahl und Anordnung betonter und unbetonter Silben. Was das heißt?

Beispiele:
Im Deutschen besteht das Wort Charakter aus drei Silben:
Cha-rak-ter (kleiner Tipp dazu: wenn ihr Probleme habt ein Wort in Silben zu unterteilen, klatscht zu dem Wort. LAUT! WAGE ES!)
Davon ist nur die dritte Silbe betont. Sprecht es euch vor. Ihr sagt Charakter und nicht Charakter oder Charakter.

Im Englischen hat das Wort character ebenfalls drei Silben:
cha-rac-ter
Aber hier ist die erste Silbe betont (character)

Warum das wichtig ist? Ein Gedicht klingt (fast) nie gut, wenn zwei sich reimende Verse ein unterschiedliches Metrum aufweisen. Und Metrum heißt nicht nur in beiden Versen die selbe Anzahl an Silben unterzubringen. (Ich borge mir einfach mal Chriss' Gedicht um das zu verdeutlichen

Chriss hat geschrieben:Aus kleinen Pflänzchen wurden Wälder.
Aus Sträuchern wurden dichte Felder.


Aus klei-nen Pflän-zchen wur-den Wäl-der. (9 Silben)
Aus Sträu-chern wur-den dich-te Fel-der. (9 Silben)

Abwechselnd unbetonte&betonte Silben mit einem unbetonten Endsilbe. Klingt einfach gut.

Chriss hat geschrieben:Die Asche meines Wesens rot noch glüht.
[...]
die erste Pflanze wieder blüht.


Die A-sche mei-nes We-sens rot noch glüht. (10 Silben)
[...]
die er-ste Pflan-ze wie-der blüht. (8 Silben)

Dadurch, dass zwei Silben fehlen klingt das einfach nicht so stimmig, obwohl weiterhin abwechselnd un-&betonte Silben verwendet werden und beide Verse auf einer betonten Silbe enden.

Es klingt übrigens prinzipiell besser, wenn ihr ein Reimschema (Ich hoffe, was das ist wisst ihr) und EIN Metrum beibehaltet. Also in einem Gedicht. Ihr trefft damit keine Lebensentscheidung ;)

Fehlen euch Silben oder habt ihr zu viele könnt ihr versuchen Füllwörter zu streichen oder zu ergänzen, Worte durch Synonyme auszutauschen die kürzer sind. Bei Chriss Zeilen hätte ich das wahrscheinlich irgendwie so gelöst:
Die Asche meines Wesens rot noch glüht.
[...]
die Erste neuer Pflanzen wieder blüht.

5. Brich die Regeln

Manchmal kann ein bewusster (!) Regelbruch den Fokus genau richtig lenken und das Gedicht perfektionieren es einzigartig machen. Habe keine Angst, eine Zeile nicht zu reimen, obwohl der Rest des Gedichtes das macht, oder das Metrum zu wechseln oder zu brechen oder sonst irgendetwas verrücktes zu machen. Wenn du meinst, es passt, probier es auf (und schreib es vor allen dingen auf ;)).



So und das war es auch schon. Wenn ihr noch mehr zum Dichten hören wollt, oder bei euren Gedichten Probleme habt, dann schreibt hier ruhig rein, ich versuche zu helfen, wo ich kann ;)
Was war jetzt noch mal die Schnellspeichertaste?
ALT+F4!

How to: Gedichte

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gutgelaunt
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Re: How to: Gedichte

Beitragvon gutgelaunt » 26 Feb 2017, 21:02

Cool, vielen Dank hierfür. Ich habs direkt mal als wichtiges Thema ganz oben angepinnt.
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