Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

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Rainy
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Re: Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

Beitragvon Rainy » 15 Aug 2010, 16:55

Wenn ich eure Posts so durchlese, dann möchte ich fast meinen, dass es doch schon relativ normal ist, nicht zu trauern. :) Vielleicht geht es sogar sehr vielen Menschen so, dass sie nicht so traurig reagieren können, aber halt aus "Gründen der Höflichkeit" schauspielerisch aktiv werden und der Welt die trauernde Verwandtschaft vorspielen.

Ich kann das leider nicht, aber es ist trotzdem relativ gut gelaufen, so gut sowas halt laufen kann.
Seine Beerding gestern habe ich iwie mit Gleichgültigkeit über mich ergehen lassen. Nur den Leichentrunk danach hab ich fast net ertragen. Das hat wirklich von 14 Uhr bis fast Mitternacht gedauert und es war einfach nur schrecklich und wie sie sich alle gegenseitig und selbst bemitleidet haben und was weiß ich nicht wie großartig mein Vater auf einmal für alle war :-? Zum Glück war mein einer Cousin da auch relativ unberührt von der Beerdigung und hatte genau so die Schnauze voll und wir habn uns dann bei den Toiletten auf meinem Laptop den ganzen Nachmittag "Avatar - Der Herr der Elemente" angeschaut (Kam den ganzen Nachmittag auf Nickelodeon :) ). Meine Mutter hat mir dann am Abend gedankt, dass ich mich so höflich zurück gehalten habe :-?

Obwohl ich zugeben muss, dass ich heute den ersten Moment hatte, an dem ich an ihn denken musste. Das war eigentlich was ganz banales, ich bin an seinem Arbeitszimmer vorbeigegangen, hatte irgendwie verdrängt, dass er ja tot ist (wie kann man sowas nur verdrängen?!) und habe versucht ein Geräusch zu hören, dass mir sagen konnte, ob er wieder in seinem Sessel sitzt, Kautabak kaut und dabei den Bogen seiner Geige auf Kolophonium streicht. Das hat mich immer genervt, wenn er so laut gekautscht hat und sich das Kolophn so quietschig über die Bespannung geschoben hat. Ich weiß nicht, wie man es schafft, mit Kolophon auf dem Bogen so ein hässliches Geräusch zu erzeugen... Als ich nichts gehört habe, hab ich die Tür auf gemacht und er war nicht da und erst in dem Moment war mir wieder klar, dass er ja gar nicht da sein kann. Ich war dann nicht traurig, aber es war ein komisches Gefühl. Ich bin dann zum ersten mal in meinem Leben in sein Arbeitszimmer gegangen, dass hatte er mir zu Lebzeiten immer verboten. Ich war aufgeregt, als ich rein gegangen bin. Da war die Erwartung in mir, dass etwas Schreckliches passieren müsste, wenn ich diese "Heiligen Hallen" einfach betrete und somit ja fast schon "entweihe". Es ist natürlich nichts passiert und das war erschreckend für mich, weil ich hatte mir immer, seid ich ein ganz kleines Kind war, etwas ganz besonderes in dem Arbeitszimmer vorgestellt. Tja, so schnell wird halt alle Magie zerschlagen, wenn man dann mal die Wahrheit kennt. Dann stand ich halt da im Zimmer so rum und hab mich umgeschaut und zum ersten Mal gesehen, dass neben der Tür direkt ein Kamin ist. Aber eigentlich war es so, wie ich es mir vorgestellt hatte: die großen massiven Holzregale mit den Maßen von alten Büchern, an den hohen Fenstern die uralten, schweren Vorhänge, die bestimmt seid 10 Jahren nicht mehr gewaschen wurden sind, der Massive Schreibtisch mit dem entsprechenden Stuhl dazu, was ich halt schon immer von außen sehen konnte und an den Wänden die Violinen die er besessen hatte und dann noch seine ganzen komischen alten Sachen wie u.a. ein Grammophon und solche Kuriositäten. Ich glaube, er hat so altes Zeug gemocht. Irgendwie fand ich, hatte es in dem Zimmer wahnsinnig intensiv nach ihm Gerochen, nach altem Holz, Büchern, Kolophonium, Staub, Kautabak, Gebäck gemischt mit einer bissigen Note Alkohol. Nicht wundern, ich hab irgendwie einen Glitch drauf, wie Menschen, Gegenstände und Räume riechen, das ist immer das, was mir am meisten im Gedächtnis bleibt. Wobei mir grade noch etwas einfällt, ich hatte mir immer vorgestellt, dass er Familienbilder in seinem Zimmer hätte, aber das war nicht so, es standen und hingen nur ein paar Fotos von ihm mit anderen Musikern rum. Ich will nicht sagen, dass ich enttäuscht war, aber es war ernüchternd und gab mir wieder ein wenig das Gefühl, in seinem Leben eh nie einen Platz gehabt zu haben. Es hat mich aber heute auch darin bestätigt, dass mein Vater wirklich in der Vergangenheit lebte, da hab ich natürlich nicht hingepasst.

Mag sich jetzt vielleicht komisch lesen, aber ich hatte halt das Bedürfnis es auf zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß wofür. :roll:
Vielleicht wird mir nur grad klar, dass das alles ist, was mir von meinem Vater geblieben ist, keine schönen Erinnerungen, nur ein paar alte Möbel und ein stickiger Geruch.
What is real? How do you define real?
If you're talking about what you can feel, smell,taste and see,
than real is simply electrical signals interpreted by your brain.

Re: Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

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Re: Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

Beitragvon LemonDrops » 15 Aug 2010, 23:05

Rainy hat geschrieben: Mag sich jetzt vielleicht komisch lesen, aber ich hatte halt das Bedürfnis es auf zu schreiben, auch wenn ich nicht weiß wofür. :roll:
Vielleicht wird mir nur grad klar, dass das alles ist, was mir von meinem Vater geblieben ist, keine schönen Erinnerungen, nur ein paar alte Möbel und ein stickiger Geruch.


Tja, du arbeitest die Geschehnisse auf. Für jeden ist der eigene Vater anders. Manchen ist er ein Freund, anderen eine Art Vorgesetzter, und für wieder andere ist er kaum da. Da fällt auch die Trauerarbeit immer anders aus, falls er aus dem Leben wegfällt. Auch wenn man sie manchmal wohl nicht direkt Trauerarbeit nennen kann oder will, weil man sie nicht leistet, indem man stundenlang am Grab steht und weint. Das ist auch gar nicht nötig. Versuch, mit der Situation so umzugehen, wie du es am besten kannst. Es ist dein Leben, es war dein Vater, und jetzt ist es immer noch dein Leben. Lass dich nicht von dem prägen, was andere erwarten, wie du auf die Dinge, die dir passieren, reagierst. Bleib du selbst, und lass dich nicht von anderen verbiegen, weil sie etwas erwarten. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.

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cappafan
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Re: Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

Beitragvon cappafan » 19 Aug 2010, 21:09

Ich kann mich soweit allen nur anschließen! Bei vielen Menschen ist es auch so, dass die Trauer erst zu einem späteren Zeitpunkt rausgelassen wird.

Sozusagen, dass erst die Wut überwiegt und man erst später weint etc.

Als mein Opa starb, wollte meine Mutter auch nicht, dass man am Grab ihr, das Beileid ausspricht!

Dennoch wünsche ich dir viel Kraft in der nächsten Zeit!

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Re: Ist es so unnormal, dass ich nicht traurig bin?

Beitragvon PeterHauser » 31 Dez 2016, 16:29

Ein Herz aus Stein!
Genau den selben Gedanken mache ich mir gerade über mich!
Mein Vater hat Krebs und wird wahrscheinlich dieses Jahr sterben. Er tut mir leid und ich liebe ihn auch ein bisschen, aber ich glaube, er wird mir nicht so besonders fehlen.
Ich glaube echte Menschen sind einfach viel komplizierter, als wir sie uns meistens vorstellen.
Und für seine Gefühle sollte man sich nicht schämen. Es kommt auf die Taten an.
Ich hoffe, es geht dir Heute gut :)
Liebe Grüße

 


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