Vielfalt am Arbeitsplatz

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iami
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Vielfalt am Arbeitsplatz

Beitragvon iami » 20 Sep 2016, 18:51

Unter dem Titel Vielfalt am Arbeitsplatz wurde bei mir heute in der Ausbildung ein Vortrag gehalten. Es ging dabei alle Formen der sexuellen Vielfalt, sowohl in der Beziehung Kollege-Kollege, "Betroffener"-Vorgesetzter als auch "Betroffener-polizeiliches Gegenüber. Jap richtig gelesen, ich schreibe von der Ausbildung bei der Polizei. Ich möchte dazu nicht irgendeine Frage an euch stellen, nur habe ich mir seither einige Gedanken gemacht, die ihr gleich lesen könnt und wollte mal wissen, was andere über das ein oder andere denken, oder wie sie sich in der ein oder anderen Situation fühlen würden
Als Polizei hat man, sowohl in der Ausbildung, als auch im Beruf einen sehr engen Kontakt mit Menschen: Gemeinschaftsunterkunft mit 3-Bett Zimmern und Gruppenduschen, Kampfsport (Bodenkampf erinnert an Softpornos), wir lernen an Mitschülern das Durchsuchen (immer gleichgeschlechtlich!), wir werden noch oft genug fremde Menschen durchsuchen, im Streifenwagen ist man oft auch für längere Zeit recht eingeengt, und so weiter.
Die Polizei hat oft auch eine sehr altmodische Einstellung, vor allem wenn es darum geht, wie der einzelne Beamte "sein" oder aussehen soll.
Grade bei der Frage ob Outing oder nicht sind das Faktoren, die die Entscheidung nicht unbedingt erleichtern. Andererseits ist man hier mit etlichen, intelligenten, sportlichen, gut aussehenden Jungs "eingesperrt" und sicher bin ich da nicht der einzige.

Auch der Vortrag als solches beschäftigt mich. Ist es heute noch notwendig den Menschen zu zeigen was es alles gibt? Sollte es notwendig sein? Will ich, dass es einen Verband für Homosexuelle Polizisten (auf jeden Beruf übertragbar) gibt, für heterosexuelle gibt es ja auch keinen. Es wurde erwähnt, dass wir (der Vortragende ist schwul) keine Sonderbehandlung wollen, widerspricht dieser Vortrag aber nicht genau dieser Aussage? Klar sollten die Menschen mehr über uns wissen, aber bringt es etwas wenn ein 40 Jahre ältere einer anderen Dienststelle sich eine Stunde vor uns stellt und erzählt? Kann der Vortrag etwas Wesentliches verändern? Klar wissen wir viel mehr über uns als die anderen, und ich denke es könnte etwas verändern, würde ich mit jedem einzelnen, zu dem ich ja viel mehr Bezug habe, den ich viel besser kenne, reden. Aber will ich das? Einerseits habe ich ein Redebedürfnis um etwas zu verändern (oder warum zum Teufel tippe ich hier diesen Roman?), andererseits kann ich jeden meiner heterosexuellen Mitschüler verstehen, dass es ihnen nicht gefallen würde, würde ich ihnen bei der Durchsuchen in den Schritt fassen und sie hätten evtl den Gedanken, das mir das besser gefällt als ihnen...
Sollte die sexuelle Orientierung überhaupt irgendeine Rolle beim Beruf (ein paar "spezielle" Berufe, seien hier mal ausgenommen ;) ) spielen? Ist es nicht irgendeine Information über mein Kollege, die mich wie irgendeine andere Belanglosigkeit nicht im geringsten interessiert? Ich habe mich lange mit diesem Gedanken angefreundet. Ich halte es auch so, das ich mich nicht aktiv oute, da das die Homosexualität wieder zu etwas Besonderem macht, ich würde aber auch nicht mehr lügen, wenn die Frage aufkommt. Andererseits sieht der heterosexuelle i.d.R. sehr schnell, ob jemand ein potentieller Partner sein könnte, was der homosexuelle nicht kann, weis er nicht um die Interessen des anderen.
Finde ich es nun gut, dass dieser Vortrag stattgefunden hatte? Finde ich es sinnvoll? Sollte es das mehr geben? Macht es irgend einen Unterschied? Letzteres kann ich mir nicht vorstellen. Es könnte ein Outing geben, es könnte darauf eine Welle von Outings führen. Aber es könnte auch ohne den Vortrag passieren, oder es könnte gar nichts passieren. Der Vortrag ist vorbei, seither hat keiner mehr darüber geredet und morgen ist er bei den meisten wieder vergessen.

So und jetzt habe ich einfach mal geschrieben was mir heute so durch den Kopf ging, wenn ihr das Gefühl kennt, man will einfach mal etwas erzählen, hat aber weder eine Absicht dahinter, noch kommt ein strukturierter Text dabei raus, dann könnt ihr das ja einfach darunter schreiben, Vielleicht ordnen ein paar Verschiedene Ansichten das Gedankenchaos meinerseits und bestimmt vieler anderer. :flag:
Wir trauen uns manchmal nicht Dinge zu tun, weil wir denken, dass wie sie bereuen, doch am Ende bereuen wir es meistens viel mehr, dass wie uns nicht getraut haben.

Vielfalt am Arbeitsplatz

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Re: Vielfalt am Arbeitsplatz

Beitragvon trimoro » 21 Sep 2016, 01:55

Hi iami,

interessanter Text.
Über diese Themen macht sich glaube ich jeder queere in welcher Phase auch immer, Gedanken.
Ich könnte die gleichen Fragen stellen, aber leider auch kaum Antworten liefern.

Warum und in welcher Weise geht es andere überhaupt an, wen und was ich liebe. Darf das Auswirkungen auf den Beruf haben; darf oder muss es überhaupt als Voraussetzung für den Eintritt in einen bestimmten Beruf gelten? Ich finde nicht.

Zum Thema Sonderbehandlung und generelle Gruppierung/Organisation queerer Menschen finde ich einen Spruch ganz passend (Münze ihn um, auf deine Frage, warum man innerhalb einer Firma einen Verband oder Interessenvertreter hat/sucht):
Gay Pride was not born out of a need to celebrate being gay, but instead our right to exist without prosecution...
So maybe instead of wondering why there isn't an straight pride, month or movement, straight people should be thankful they don't need one.


Das ist generell ein Gleichstellungsthema und wird oft, auch seitens den Geschäftsführungen und auch des Betriebsrates, vorangetrieben. Dieselben organisatorischen Gebilde gibt es in (größeren) Firmen im Bereich der körperlichen/geistigen Beeinträchtigungen/Behinderungen und hat auch hier ihre Daseinsberechtigung.

Generell finde ich es aber nicht schlecht, wenn solche Vorträge gemacht werden. Zum einen, um das Thema zurück in die Gedanken zu rufen, oder generell das Denken darüber anzustoßen.

Du solltest bei so etwas nicht von dir ausgehen, da du dir sicher in der Vergangenheit (warum bist du wohl hier angemeldet ;) ) genügend Gedanken über queeres Zeug (Outing, generelle Orientierung, Umgang deines Engen Umfelds, etc.) gemacht hast und auch sicher eine gefestigtere Meinung dazu hast, die andere einfach nicht haben.
Vielleicht bringt es deinen Kollegen tatsächlich etwas, vielleicht denken sie über das Thema weiter nach. Spreche vielleicht mal mit denen über den Vortrag, ob sie den Vortrag nützlich fanden.

Ich finde es wichtig, dass das Thema Homosexualität hier und da weiter hoch gehalten wird. Das Argument der ständigen (und für manche auch störenden) Aufmerksamkeit ist zwar zum Teil richtig, aber wir bräuchten sie nicht, wenn alles schön wäre und die Akzeptanz flächendeckend da wäre.

Das sind meine Gedanken, die mir spontan zu dem Thema auf die Tastatur gefallen sind :)

Grüße
trimo :flag:
...wish somebody could tell me I´m fine...
(Papa Roach - Last Resort)

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Re: Vielfalt am Arbeitsplatz

Beitragvon Zuri » 21 Sep 2016, 07:41

Gut, dass du dir darüber so viele Gedanken machst und sie mit uns teilst, iami. Ich kann dich gut verstehen. Bei vielen Dingen überlege ich auch: "Muss ich da wirklich den Fokus auf Homosexualität legen oder denken dann wieder alle 'typisch'?" Aber ich finde auch, dass trimoro das sehr gut zusammengefasst bzw. ergänzt hat.

Ich denke, hier wäre auch die heterosexuelle Sichtweise mal ganz interessant bzw. der Dialog mit Heterosexuellen und was sie von dem Vortrag halten oder besonders, wenn ihnen ein schwuler Kollege beim Durchsuchen in den Schritt fasst. Es dient der Ausbildung und das sollte allen klar sein. Aber erst, wenn man es vielleicht mal anspricht und Paris Hiltons Aussage "Gays are the horniest people in the world" einmal widerlegt, ist es vielleicht leichter, damit umzugehen. Nicht jeder Schwule, aber viele sind sehr rücksichtsvolle Menschen und machen sich an dieser Stelle dieselben Gedanken, wollen nicht so wirken, als würden sie gerne jedem ihrer Kollegen in den Schritt fassen und würden es auch lieber umgehen, um nicht in dieser doch recht unangenehmen Situation zu landen und auch ihre heterosexuellen Kollegen nicht in eine solche Situation zu bringen.

Im Bereich der LGBT-Rechte und bei Toleranz und Akzeptanz hat sich über die vergangenen dreißig Jahre natürlich viel getan, aber diese Zeit hat eben auch nicht alles ändern können. Das ist meiner Meinung nach weder ein Grund, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, noch sich von anderen sagen zu lassen, mal solle es mal gut sein lassen und nicht nur immer mehr haben wollen. Du schreibst, dass die Polizei eine recht altmodische Einstellung hat. Das heißt, es wäre ganz allgemein nicht nur hilfreich für Homosexuelle, sondern sicherlich auch in nicht wenigen Dingen für heterosexuelle Kollegen hilfreich, wenn die Polizei in ihrer Welt- und Wertvorstellung etwas mehr ins aktuelle Jahrzehnt rückt, oder?

Hattest du denn bereits am Arbeitsplatz Probleme mit deiner sexuellen Orientierung?

So, das sind jetzt mal meine Gedanken zu deinem Text und trimoros Antwort. Vielleicht ist da ja ein kleiner Denkanstoß oder was anderes, was du gebrauchen kannst, bei^^
"Sei du selbst. Alles andere wirst du eh verkacken" — Marie Meimberg

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Re: Vielfalt am Arbeitsplatz

Beitragvon DasLysander » 23 Sep 2016, 00:00

Sollte die sexuelle Orientierung überhaupt irgendeine Rolle beim Beruf (ein paar "spezielle" Berufe, seien hier mal ausgenommen ;) ) spielen? Ist es nicht irgendeine Information über mein Kollege, die mich wie irgendeine andere Belanglosigkeit nicht im geringsten interessiert?


über den Umgang mit meiner Homosexualität am Arbeitsplatz hab ich mir auch schon ein paar Gedanken gemacht: "Sexuelle Orientierung" hört sich erstmal schön griffig an, ist es aber nich. Sexualität spiegelt sich im Alltag viel mehr im Sozialverhalten wider statt im Sex und ist damit ein Standartgesprächsthema. Soll heißen, wenn jemand von seiner Freundin oder Frau erzählt, ein Familienfoto auf dem Schreibtisch hat, von jemandem von der Arbeit abgeholt wird, usw, ist das Sexualität. Klar geht meine Kollegen nicht an, mit wem ich auf welche Art Sex habe. Den ganzen Rattenschwanz davon in Plaudereien mit Kollegen zu umschiffen wäre aber mir zu kompliziert, außerdem hätte ich das Gefühl, etwas verheimlichen zu müssen, das lehne ich ab.
"People leave their bodies to science. I think cannibals would be so much more grateful."

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Re: Vielfalt am Arbeitsplatz

Beitragvon DasLysander » 26 Sep 2016, 20:06

Sry für den Doppelpost, aber mir sind dazu einfach noch ein paar Sachen im Kopf herumgeschwirrt, weil ich das Thema sehr wichtig finde.

Ist es heute noch notwendig den Menschen zu zeigen was es alles gibt? Sollte es notwendig sein?

Für die Menschen ist normal, was sie im Alltag erleben. Was sie nicht sehen, gibt es für sie nicht und ist dann logischerweise erstmal unnormal.
Bei einem Anteil von 12% Homosexuellen an der Bevölkerung wären diese wohl wesentlich akzeptierter als normal, wenn jeder seine Homosexualität offen leben würde. Das ist derzeit natürlich utopisch. Und genau deshalb sind solche Veranstaltungen notwendig, um den Leuten zu zeigen, was es gibt, worüber aber nicht gesprochen wird.

Sollte die sexuelle Orientierung überhaupt irgendeine Rolle beim Beruf (ein paar "spezielle" Berufe, seien hier mal ausgenommen ;) ) spielen?

Sollte sie meiner Meinung nach nicht. Aber sie tut es ja. Ich hab mir lange überlegt, ob ich als Schwuler Lehrer werden will. Du denkst drüber nach, was die anderen bei einer Körperabtastung denken würden, wenn sie wüssten, dass du schwul bist. Und ich könnte mir vorstellen, viele werden erst gar keine Polizisten, weil sie diesen Problemen aus dem Weg gehen wollen. Es ist diese "Was jemand in seinem Bett macht, muss er keinem erzählen"-Mentalität, die so eine Art Gleichberechtigung vorgaukelt, die in Wirklichkeit keine ist.

Finde ich es nun gut, dass dieser Vortrag stattgefunden hatte? Finde ich es sinnvoll? Sollte es das mehr geben? Macht es irgend einen Unterschied?

Fandest du es denn jetzt gut? Würde mich interessieren :)

Finde ich es sinnvoll?

Ein Vortrag ist sicher nich die beste Form, um das Ziel zu erreichen, das dieser Typ hatte. Wir erinnern uns wesentlich besser an das, was wir fühlen, als an das, was wir hören. Vielleicht hast du schonmal etwas über diese Schulaufklärungsprojekte gelesen, die es eigentlich fast überall gibt. Da gehen so 2-4 Leute im Alter von 18-ca 30 in Schulklassen und informieren über Homosexualität, Transmenschen usw. Durch persönliche Geschichten von Leuten im annähernd gleichen Alter und pädagogische Methoden, die viel auf Empathie und Reflektion setzen, wird da wesentlich mehr erreicht als durch so einen Vortrag. Die machen das übrigens auch oft für die Erwachsenenbildung, also wenn du dich traust, kannst du ja mal anleiern, dass sie zu euch eingeladen werden ;)

Einen Unterschied, den der Vortrag gemacht hat, ist, dass du diesen Thread hier aufgemacht hast, weil er Fragen in dir aufgeworfen hat. Den anderen homosexuellen, die zugehört haben, geht es da mit Sicherheit ähnlich. Und möglicherweise auch ein paar von den heterosexuellen. Es hat sich angehört, als hättest du mit den Leuten nicht über den Vortrag geredet, da kannst du das ja schlecht auch noch von den Heteros erwarten ;) Aber einen Eindruck hat er sicher hinterlassen.

Du hast gar nichts über den Inhalt des Vortrags geschrieben, der würde mich aber ehrlich gesagt auch ein bisschen interessieren :)


Klar wissen wir viel mehr über uns als die anderen, und ich denke es könnte etwas verändern, würde ich mit jedem einzelnen, zu dem ich ja viel mehr Bezug habe, den ich viel besser kenne, reden. Aber will ich das? Einerseits habe ich ein Redebedürfnis um etwas zu verändern (oder warum zum Teufel tippe ich hier diesen Roman?)

Vielleicht wär ja gerade so ein Schulaufklärungsprojekt das Richtige für dich ;) Kannst dich ja mal informieren, was es da so gibt in deiner Nähe, bzw da, wo dann deine Hochschule ist.
"People leave their bodies to science. I think cannibals would be so much more grateful."

Re: Vielfalt am Arbeitsplatz

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