Mediocrity Wins

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Schulbuch
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Mediocrity Wins

Beitragvon Schulbuch » 16 Aug 2016, 14:41

Die Exzentriker der Moderne.

Die alte Angst: Die Welt verflacht, alles wird gleich, nichts lohnt mehr. Die Mittelmäßigkeit siegt.
Kaum eine Stelle beschriebt dies stärker als die Darstellung der letzten Menschen in Also sprach Zarathustra von F. Nietzsche:
Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
[...]
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selbst nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
"Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" - so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht.
[...]

Fortgesetzt wird dieser Gedanke im Kapitel "Der Wahrsager", der spricht:
"- und ich sahe eine grosse Traurigkeit über die Menschen kommen. Die Besten wurden ihrer Werke müde.
Eine Lehre erging, ein Glaube lief neben ihr: "Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles war!"
Und von allen Hügeln klang es wieder: "Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles war!"
Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und braun? Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?
Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Block sengte unsre Felder und Herzen gelb.
Trocken wurden wir Alle; und fällt das Feuer auf uns, so stäuben wir der Asche gleich: - ja das Feuer selbst machten wir müde.
Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund will reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!
"Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte": so klingt unsre Klage - hinweg über flache Sümpfe.
Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde, nun wachen wir noch und leben fort - in Grabkammern!" -
[...]

Zarathustra findet darauf verschiedene Gegenentwürfe: Der Übermensch, der tanzende Gott, der Schaffende. Wie könnten wir diese Gegenentwürfe zusammenfassen? - Als Exzentriker!

"Ist es heute überhaupt möglich, unangepasst, exzentrisch zu leben? Muss nicht jeder Kompromisse machen, die ihn kompromittieren?" - spricht mein Wahrsager. Was wollen wir ihm antworten? Was können wir ihm antworten? Wie wäre es mit einem Lied:
The beautified unspoken words make no sense
Deciphering the shallow mind's consequence
Just see to that all empty thoughts will duplicate
Leaving behind a shitload of things to hate

Re-using sampled values made for me
I buy your manufactured ways to be
Believe the loudest voice will know what's right
The power lies within the will to fight

Take your bets
Make a choice
Sing the song With my own voice
Sober truth
A lie begins
Take your place
Mediocrity wins

Seek comfort in the promise you'll never break
Be sure the ground you stand on isn't fake
Beware interpretations of your mind
By now I realize, at rest I'm blind

Tiresome disputation boring me
Ascending dullness growing exponentially
Digest the essence of what should have won
Antagonistic radical conviction

Given the chance to improvise something new
Driven by lust to free my mind from me and you
Directed inspiration taking over now
Turning my focus over from why to how

And I will never

Take your bets
Make a choice
Sing the song With my own voice
Sober truth
A lie begins
Take your place
Mediocrity wins

- Mediocrity Wins, Bilateral (2011), Leprous

Der schottische Arzt David Joseph Weeks beschreibt Exzentriker auf Basis einer Befragung von mehr als 1000 Probanden in den 1980er Jahren mit folgenden Eigenschaften:
nonkonformistisch;
kreativ;
stark durch Neugier motiviert;
idealistisch: mit dem Anspruch, die Welt zu verbessern und die Menschen in ihr glücklicher zu machen;
betreibt beglückt ein oder mehrere Steckenpferde;
ist sich von klein auf des Andersseins bewusst;
intelligent;
eigensinnig und freimütig; überzeugt, selbst richtig zu liegen und dass der Rest der Welt aus dem Tritt geraten ist;
ohne Konkurrenzstreben, ohne Verlangen nach Anerkennung oder Bestätigung durch die Gesellschaft;
ungewöhnliche Essgewohnheiten und Lebensführung;
nicht sonderlich interessiert an den Ansichten oder der Gesellschaft anderer, ausgenommen zu dem Zweck, diese vom eigenen - richtigen - Standpunkt zu überzeugen;
ausgestattet mit einem schelmischen Sinn für Humor;
alleinstehend;
gewöhnlich das älteste oder einzige Kind;
fehlerhafte Rechtschreibung, bzw. Hang zum Gebrauch von eigenwilligen Neologismen oder Spruchmustern ohne allgemeine sprachliche Akzeptanz

Ist die Moderne also ein Paradies für Exzentriker, voll von Freiheit und kreativen Möglichkeiten? Einen interessanten Entwurf bietet der Artikel "Exzentriker - Die Sehnsucht nach dem Anderssein" von Frank Müller. Einige zentrale Punkte sind:
6. Abweichen - wovon?

Als wäre das alles noch nicht beunruhigend genug, weil es die ohnehin nicht sehr standfeste Position des Exzentrikers von vorneherein erschüttert, prophezeit man heute das Ende der Exzentrik. Nach Silvia Bovenschen wurde der Exzentriker, da er sich am Rande des um die Norm zentrierten Kraftfeldes zu halten wusste, zum Opfer jener Ordnungskrise des abendländischen Bewusstseins, wie sie ein Satz Nietzsches einläutete: "Die Mitte ist überall." Mit dem Zusammenbruch metaphysischer Beglaubigungen und der Zersetzung verbindlicher Wertordnungen löste sich zuletzt auch das topologische Muster von Innen und Außen, von Mitte und Peripherie auf - und damit das Koordinatensystem, innerhalb dessen der Exzentriker sich verorten konnte: "Der traditionelle Exzentriker ist keine Grenzfigur mehr: in der bloßen Zitation des Exzentrischen verliert der Exzentrische seine Ambivalenz und damit gewissermaßen seine Exzentrizität.
[...]
Entgegen der Behauptung, der Exzentriker als Typus sterbe aus oder friste sein Leben als beklagenswertes Opfer des psychiatrischen Kesseltreibens hinter vergitterten Klinikfenstern, hat Michael Rutschky das Schema normal-exzentrisch zu demokratisieren versucht, d. h. es als Binnenattribution in die Person selbst eingebaut. Exzentriker, das sind wir alle, wenn wir nur die Chance dazu ergreifen. Während der 'klassische' Exzentriker im England des 18. Jahrhunderts dem Aufbau seiner Rolle seine ganze Biografie widmen musste, kann sie heute ad hoc bereitgestellt werden.
[...]

7. Zukunft der Exzentrik

[...] Die personale Einheit des Kulturtyps Exzentriker ist zerbrochen. Was bleibt, ist die Schwundstufe einer konstellativen Exzentrizität, vagabundierend, in wechselnder Erscheinung: "Eine situative Exaltation, ein plötzliches Herausspringen aus den jeweiligen An-Ordnungen, deren Gefüge sich gerade erst ausbildet; eine grundsätzliche strukturelle Absage an jede unangebrachte Gemütlichkeit, jede schlechte Beruhigung, jede Verfestigung. Sie ist eine Unterbrechung, eine Aufstörung. Sie ist zugleich die Indikation einer Konventionalisierung und deren Dementi. Aber sie ist zudem auch immer die Parodie des bloß Antikonventionellen, des konformen Konformismus." Der die ganze Person umfassende spleen des alten Exzentrikers wird aus der "schrulligen Verharmlosung einer ganzheitlichen Schrulle (entlassen)" und verwandelt sich in eine "nervöse Sprungbereitschaft", die sich ein gründliches Misstrauen gegen ein Denken in den Kategorien eines 'entweder-oder', des 'richtig oder falsch' auszeichnet. Diese differentielle Exzentrizität ist näher bestimmt als Gespür für Nuancen, eine gesteigerte Empfindlichkeit für Unterscheidungen. Der fehlende Konsens solcher Beobachtungen rückt die nuancierte Exentrizität in die Nähe der Einsamkeit, der Fremdheit und der Verlorenheit. Praktisch überlebt Bovenschens Exzentriker, indem er dem Normalisierungsdruck nachgibt und wie der Held in Erich Nossaks Erzählung "Die Schalttafel" durch die vordergründige Überkompensation seiner Abweichung von der Bildfläche verschwindet.

Lautet die Möglichkeit, die der in Bedrängnis gekommene Exzentriker heute ergreift also Eskapismus? Muss der Exzentriker sich entziehen, um seine Identität zu schützen, sei es durch Überanpassung oder durch nochmaliges ex-zentrisches Herauftransformieren seiner natürlichen Fliehkräfte, durch Erhöhung der Abweichungstoleranz?
[...]
Viele Exzentriker verfügen nicht nur über ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein, sie wirken auch auf ihre Umwelt als eine Art Korrektiv. Indem der Exzentriker unsere eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Phantasien in Stellvertreterfunktion auslebt und uns an der befreienden Exaltation teilhaben lässt, erinnert er uns daran, wie viel persönliche Freiheit wir unnötigerweise verschenken.
[...]
Eine Einschränkung gilt allerdings: Der echte, der "globalisierte" Exzentriker, dessen Abweichung radikal ist und alle Lebensbereiche umfasst, steht außerhalb des kulturellen Zugriffs. Er lebt in einer künstlich hergestellten oder aufrechterhaltenen Fremdheit zu Mutterkultur. Dem heutigen Exzentriker wäre also ein Weg zu bahnen, der zwischen der Skylla des Vereinnahmtwerdens und des eilfertigen Zulieferns von Identitätsangeboten und der Charybdis der kompromisslosen Abwendung und des völligen Rückzugs hindurchführte.

Das Bild vom "Rückzug oder Tod" der Exentriker ist seit Jahrhunderten am bröckeln. Lebenskunst, Lebensphilosophie sind nur zwei der zahllosen Begriffe und Ausdifferenzierungen, unter welchen eine Rückführung des Exzentrikers in die Welt möglich wird.
Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.
- Nachgelassene Fragmente, Mai-Juni 1888 17[3] 2., F. Nietzsche


Welche anderen Wege gibt es für Exzentriker heute, was sind Exzentriker überhaupt noch und spricht der Wahrsager die Wahrheit?
Zuletzt, was wären wir für Menschen, wenn wir den letzten Menschen in uns nicht mehr verachten könnten? ~

mfg Schulbuch

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