Gedanken...

Rund ums Coming-Out - wenn es das überhaupt gibt.
trimoro
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Gedanken...

Beitragvon trimoro » 16 Okt 2015, 20:27

Ich komme gerade vom Einkaufen und habe meine Mum eingeladen, mitzukommen.
Ich setzte sie bei meinem Elternhaus ab und fuhr mit dem Auto vollends nach Hause. Dabei brach ich in Tränen aus und konnte mich kaum mehr auf die Straße konzentrieren.

Ich habe Probleme mit dem "schwul sein". Ich würde liebend gerne meiner Mum Bescheid sagen, was los ist, bekomme es aber nicht über die Lippen.
Wir hatten während des Einkaufens und der Fahrtwege lange und tiefgründige Gespräche über die Familie und die aktuellen Situationen (in der Familie) geführt, dabei auch über mich und meine Veränderungen. Es war verdammt schön, mal wieder so ein offenes Gespräch zu führen. Zum Thema Sexualität habe ich mich wieder nicht voran gewagt, obwohl ich immer mehr das Gefühl verspüre, reinen Tisch machen zu wollen.

Das Verhältnis zu Ihr ist super, es könnte aktuell nicht besser sein und ich habe großes Vertrauen.
Und genau das ist das Problem: Ich will es nicht mit meinem Coming Out zerstören. Das ist die größte Angst.

Zudem habe ich einen sehr guten Freundeskreis, auf die ich mich wirklich verlassen kann. Auch hier das gleiche. Ich will das nicht zerstören, da ich alle gerne habe und das Gefühl habe, die richtigen Leute an meiner Seite zu haben. Aber es wird der Punkt kommen, an dem sie (und ich) entscheiden müssen, ob sie es akzeptieren können oder nicht.

Keine Ahnung, was ich bin, oder in welche Richtung es weitergeht, ob ich mich outen soll, wie ich das anstellen soll, usw...
Ich weiß nicht, ob ihr einen Rat habt. Immerhin kann ich das hier niederschreiben und dadurch vielleicht die Situation besser verarbeiten.

Gehe jetzt erstmal zu meinen Freunden, um wieder auf andere Gedanken zu kommen.

Grüße!

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Night
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Re: Gedanken...

Beitragvon Night » 16 Okt 2015, 20:33

Wieso hast du denn so tierisch Angst, dass dich deine Mutter deswegen ablehnen könnte?

Wenn du wirklich ein so riesiges Bedürfnis verspührst, dich nun endlich zu outen zu müssen, dann ist es wohl an der Zeit.

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Sternenlicht
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Re: Gedanken...

Beitragvon Sternenlicht » 17 Okt 2015, 00:50

Da dich deine Familie und Freunde als Mensch mehr als repektiven, sondern lieben/mögen, würde ich in Erfahrung bringen wie sie zu dem Thema Homosexualität stehen bzw damit umgehen.
Wenn sie das aktzeptieren und dich als Mensch sowieso klasse finden, gibt es doch nichts zu befürchten!

Ich wünsche dir viel Glück
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Sky26
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Re: Gedanken...

Beitragvon Sky26 » 17 Okt 2015, 01:12

Hey trimoro,

ich gestatte mir mal, Deinen Text ein wenig aufzuteilen.


trimoro hat geschrieben:Dabei brach ich in Tränen aus und konnte mich kaum mehr auf die Straße konzentrieren.


Tut mir leid, dass Dich die Sache so belastet. Das Positive daran ist, dass es ein sicheres Zeichen ist, daran zu arbeiten.


trimoro hat geschrieben:Ich habe Probleme mit dem "schwul sein".


Das ist wahrscheinlich der schwierigste Punkt. Es hilft Dir nicht, wenn Du ein zeitgemäßes soziales Umfeld hast, aber selbst nicht akzeptierst, dass Du schwul bist.


trimoro hat geschrieben:Es war verdammt schön, mal wieder so ein offenes Gespräch zu führen. Zum Thema Sexualität habe ich mich wieder nicht voran gewagt, obwohl ich immer mehr das Gefühl verspüre, reinen Tisch machen zu wollen.


Fraglich ist dann, wie offen das Gespräch wirklich war, wenn der Wunsch, Dich zu outen so stark ist.


trimoro hat geschrieben:Das Verhältnis zu Ihr ist super, es könnte aktuell nicht besser sein und ich habe großes Vertrauen.


Sehr gut, das freut mich für Dich. Ein Grund mehr, warum Du es anpacken kannst. :)


trimoro hat geschrieben:Ich will es nicht mit meinem Coming Out zerstören. Das ist die größte Angst.


Du wirst weder Beziehungen zu Deiner Familie noch zu Deinen Freunden zerstören. Intensivieren. Wenn es gut ist, wird es besser. Wenn sie damit ein Problem haben, wird es scheiße, aber Du weisst, dass es vorher nicht so gut war, wie es wirkte.


trimoro hat geschrieben:Aber es wird der Punkt kommen, an dem sie (und ich) entscheiden müssen, ob sie es akzeptieren können oder nicht.


Dann lass es zu, dass es zu diesem Punkt kommt. Sie können nicht über etwas entscheiden, von dem sie nichts wissen.


trimoro hat geschrieben:Keine Ahnung, was ich bin, oder in welche Richtung es weitergeht, ob ich mich outen soll, wie ich das anstellen soll [...]


Was Du bist?

Klingt vielleicht nicht sehr einfühlsam, aber es geht in die Richtung weiter, in die Du es lenkst. Deine Reaktion im Auto lässt vermuten, dass Du Dich outen möchtest und dafür reicht ein "Ich bin schwul / bisexuell" meistens aus. :wink:

Für die eigene Akzeptanz und den Umgang mit dem Thema hat es mir sehr geholfen, Freundschaften mit anderen nicht heterosexuellen Jungs aufzubauen. Natürlich kann es sein, dass Du dabei auch schlechte Eindrücke gewinnst, aber lass Dich nicht entmutigen. :)

Je nachdem, wie sehr Du unter dem Versteckspiel leidest, mag es sein, dass da ein ganz neues Leben auf Dich wartet. Eines, in dem Du keine Angst haben musst, dass Du irgendwie auffällst, jemand unangenehme Fragen stellt und dergleichen.

Mach nur bitte nicht den Fehler, das Outing in Abhängigkeiten einzuwickeln, also nach dem Motto: "Ja, aber erst...". Das führt meiner Erfahrung nach nur zu weiterer Unsicherheit und ist einfach Zeitverschwendung und ein Verlust von Lebensqualität.

Ich wünsche Dir viel Glück und alles Gute. :)

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Re: Gedanken...

Beitragvon trimoro » 17 Okt 2015, 15:26

Hallo,

zuerst einmal: Danke für eure Antworten!

Night hat geschrieben:Wieso hast du denn so tierisch Angst, dass dich deine Mutter deswegen ablehnen könnte?
[...]


Sie wird mich nicht ablehnen, dem bin ich mir ziemlich sicher. Es ist eben nur die Angst der Reaktion und eben einer zusätzlichen "Belastung". Mehr dazu weiter unten im Post.

Sternenlicht hat geschrieben:Da dich deine Familie und Freunde als Mensch mehr als repektiven, sondern lieben/mögen, würde ich in Erfahrung bringen wie sie zu dem Thema Homosexualität stehen bzw damit umgehen.
Wenn sie das aktzeptieren und dich als Mensch sowieso klasse finden, gibt es doch nichts zu befürchten!

Ich wünsche dir viel Glück
Sternenlicht


Meine Familie hat keine Probleme mit Homosexualität. Wir hatten das Thema bereits oberflächlich vor längerer Zeit angeschnitten.

Ich habe zwei Freundeskreise, die ziemlich autark sind.

Zum ersten der beiden:
Hier gab es vor ca. 4 Jahren bereits schon ein Outing (bzw. es wurde bekannt, dass einer schwul ist). Was danach geschah war unschön: Er wurde ziemlich dumm angemacht von einem Teil der Leute. Ich war nur am Rande dabei, da ich zur gleichen Zeit im Job riesig Stress hatte und es nicht wirklich mitbekommen habe. Es wurde abfällig über "schwuchteln", Homosexualität usw. gesprochen. Ich nahm es hin und äußerte mich nicht dazu, da ich auch zu der Zeit schon lange über das "Schwul sein" nachgedacht hatte.
Er kapselte sich danach sehr schnell ab, ich hatte noch lange Zeit Kontakt zu ihm, da wir gemeinsam ein kleines Gaming-Projekt gestartet hatten. Es war eine zweckgebundene Freundschaft. Danach zog er nach Stuttgart (wollte weg hier von den Leuten und dem Umfeld) und der Kontakt ebbte ab.

In der Zwischenzeit sind einige Jahre vergangen und alle sind deutlich Reifer und Erwachsener geworden. Aufgrund des oben dargestellten die große Unsicherheit bei mir. Eventuell denken sie jetzt auch anders darüber.


Zum zweiten Freundeskreis:
Mit den beiden Freunden bin ich nicht so oft unterwegs. Wenn wir uns wieder sehen, haben wir viel zu erzählen. Sie passen auch irgendwie besser zu mir, ich kann ruhige und lange Gespräche mit ihnen führen. Es sind nicht die Partyleute, sondern eher die Entspannten, ruhigen, nachdenklichen und ehrlicheren Freunde, mit denen man auch mal zu Hause auf dem Sofa mit einem Glas Wein sitzen und Stundenlang Gespräche führen/Spaß haben kann.
Wie die zu Homosexualität stehen, weiß ich nicht. Es wäre aber sinnvoll, das Gespräch in die Richtung zu lenken.


Sky26 hat geschrieben:
trimoro hat geschrieben:Dabei brach ich in Tränen aus und konnte mich kaum mehr auf die Straße konzentrieren.

Tut mir leid, dass Dich die Sache so belastet. Das Positive daran ist, dass es ein sicheres Zeichen ist, daran zu arbeiten.

Genau so sehe ich das auch ;)

Sky26 hat geschrieben:
trimoro hat geschrieben:Ich habe Probleme mit dem "schwul sein".

Das ist wahrscheinlich der schwierigste Punkt. Es hilft Dir nicht, wenn Du ein zeitgemäßes soziales Umfeld hast, aber selbst nicht akzeptierst, dass Du schwul bist.

Das ist gerade ein auf und ab. Es gibt Tage, da ist alles in Ordnung, dann wieder eine kurze Zeit, an dem ich alles in Frage stelle. Aber grundsätzlich akzeptiere ich es. Es bleibt ja nichts anderes übrig :)

Sky26 hat geschrieben:
trimoro hat geschrieben:Es war verdammt schön, mal wieder so ein offenes Gespräch zu führen. Zum Thema Sexualität habe ich mich wieder nicht voran gewagt, obwohl ich immer mehr das Gefühl verspüre, reinen Tisch machen zu wollen.

Fraglich ist dann, wie offen das Gespräch wirklich war, wenn der Wunsch, Dich zu outen so stark ist.

Es war ein sehr offenes Gespräch. Es ist im Moment nicht leicht, da mein Vater in ner tiefen Depression steckt und meinem Bruder in die gleiche Richtung droht, abzukippen und Sie praktisch zwischendrin sitzt und alles auffängt bzw. aushält.
Wenn ich dann auch noch ums Eck komme, weiß ich nicht, ob das noch zusätzlich belastet. Die Situation fühlt sich nicht richtig an.

Sky26 hat geschrieben:
trimoro hat geschrieben:Ich will es nicht mit meinem Coming Out zerstören. Das ist die größte Angst.

Du wirst weder Beziehungen zu Deiner Familie noch zu Deinen Freunden zerstören. Intensivieren. Wenn es gut ist, wird es besser. Wenn sie damit ein Problem haben, wird es scheiße, aber Du weisst, dass es vorher nicht so gut war, wie es wirkte.

Auch hier hast du Recht.

Sky26 hat geschrieben:[...]
Je nachdem, wie sehr Du unter dem Versteckspiel leidest, mag es sein, dass da ein ganz neues Leben auf Dich wartet. Eines, in dem Du keine Angst haben musst, dass Du irgendwie auffällst, jemand unangenehme Fragen stellt und dergleichen.

Mach nur bitte nicht den Fehler, das Outing in Abhängigkeiten einzuwickeln, also nach dem Motto: "Ja, aber erst...". Das führt meiner Erfahrung nach nur zu weiterer Unsicherheit und ist einfach Zeitverschwendung und ein Verlust von Lebensqualität.

Ich weiß nicht, ob es leiden ist. Aber das mit den unangenehmen Fragen stimmt. Wie oft kam es schon vor, dass Großeltern nach einer Freundin gefragt haben, oder Freunde meinten: Für dich finden wir auch noch eine. Sie sich über Bilder, Profile (z.B. Facebook) oder Frauen generell unterhalten und immer fragen, was ich davon halte. Es gibt unzählige Situationen, die eigentlich tagtäglich auftreten.

Ich will das Outing nicht in Abhängigkeiten stellen, da ich gleich denke wie du. Die Erwartung ist die, dass ich mich danach freier und wohler fühle. Ob das wirklich so ist, werde ich dann ja sehen ;)

Ist jetzt ein langer Post geworden. Sorry.

Danke für eure Tipps, das Zusprechen und Mut geben!

Viele Grüße,
trimoro

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Re: Gedanken...

Beitragvon Night » 17 Okt 2015, 21:09

trimoro hat geschrieben:Sie wird mich nicht ablehnen, dem bin ich mir ziemlich sicher.


trimoro hat geschrieben:Meine Familie hat keine Probleme mit Homosexualität. Wir hatten das Thema bereits oberflächlich vor längerer Zeit angeschnitten.


Case closed. Jetzt gibts keine Ausflüchte mehr nichts zu sagen. :D

Aber das noch hinterher: Wenn mich nicht alles täuscht, dann lese ich bei dir heraus, dass du ein bisschen zu stolz bist um dich zu outen. Ganz einfach deswegen, weil du keine Lust auf "irgendwelche Fragen" hast oder sonst was. Da kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen und sagen, bitte tu dir das nicht mehr all zu lange an. Mich hat auch viel zu lange mein falscher Stolz zurückgehalten. Von wegen, dass meine Männlichkeit in Frage gestellt wird, dass mich meine Familie und meine Freunde mit Fragen löchern könnten und so ein Scheiß. Im Endeffekt ist nichts davon wirklich eingetreten. Und selbst wenn Fragen kommen: Wenn die Katze erst mal aus dem Sack ist, fühlst du dich so viel besser, dann können dir auch irgendwelche Fragen oder blöden Sprüche kaum noch was anhaben. Bei mir war es zumindest du.

Morgen ist Sonntag. Da hat keiner wirklich etwas vor. Also, morgen zu Mutti und sich ein Herz nehmen.

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Re: Gedanken...

Beitragvon trimoro » 18 Nov 2015, 23:33

Hallo zusammen,

ich möchte euch gerne auch hier auf dem laufenden halten.
Ich habe mich gestern bei meiner Mum geoutet.
Positiv :)
Einen längeren und ausführlicheren Bericht schreibe ich demnächst noch.

Jedenfalls: VIELEN DANK FÜR EURE TIPPS!
Mir hat es ungemein weiter geholfen. Danke!

Liebe Grüße
trimoro

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Re: Gedanken...

Beitragvon Sky26 » 22 Nov 2015, 01:26

Herzlichen Glückwunsch! :)

Re: Gedanken...

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