Coming out - endlich der erste Schritt

Rund ums Coming-Out - wenn es das überhaupt gibt.
Julian20
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Coming out - endlich der erste Schritt

Beitragvon Julian20 » 06 Feb 2015, 21:57

Hallo ihr lieben,

für die die mich noch nicht kennen zietiere ich mal die Kurzfassung aus meinem Vorstellungsthread:
Zu mir:
Ich bin Julian, vor kurzem 20 Jahre alt geworden und schwul (welch Überraschung).Ich bin seit knapp 2 Jahren Azubi zum Einzelhandelskaufmann und war bis vor kurzem noch völlig ungeoutet... Habe mich bisher nie jemandem genug vertrauen können um mit ihm darüber zu sprechen.
Das ich nicht auf Mädels stehe ist mir schon zu Realschulzeiten bewusst geworden, habe diese Gefühle aber immer wieder verdrängt, weil schwulsein irgendwie garkeine Alternative darstellte.

Erschwerend kommt hinzu das ich in einem eher katholisch geprägten Kuhkaff wohne, zur Schule gegangen bin und nun auch hier arbeite.
Hier gibt es keine Homosexualität, es gibt sie einfach nicht. Natürlich gibt es sie, das will bloß niemand wahrhaben.

Der Wunsch mit jemandem darüber zu sprechen wurde von Woche zu Woche größer, ich wollte mich einfach jemandem anvertrauen können. Leider gab es in meinem sogenannten Freundeskreis damals zwar ganz gute Kumpels, aber niemanden mit dem man sich wirklich über Gefühle unterhalten konnte, und schon garnicht über soetwas. Gott sei Dank fing dann die Berufsschule an und ein neues Umfeld wartete auf mich. Ich kam mit allen auf Anhieb recht gut klar, und mit einem von ihnen so gut das ich ihn nach fast 2 Jahren meinen besten Freund nennen kann.

Mir wurde erst vor kurzem Bewusst das ich vorher im Leben wohl noch nie einen besten Freund hatte, ich wusste wohl garnicht was das ist. Naja jedenfalls habe ich bald gemerkt das man mit ihm auch über tiefgründigeres sprechen kann und er nicht nur saufen und Weiber im Kopf hat.
Anfangs dachte ich sogar er könnte schwul sein, und er ist wirklich ein süßer :oops:
Den Gedanken habe ich allerdings wieder verworfen als ich von seiner Freundin erfahren habe :-?

Jedenfalls hat sich recht schnell eine freundschaftliche Beziehung entwickelt und wir unternehmen viel gemeinsam und meistens zu zweit. Soviel das andere schon ab und an zu ihm sagen "wenn ich nicht wüsste das du ne Freundin hast würde ich denken ihr seit schwul". Meinen Freund, ich nenne ihn mal Sascha, interessiert es zum Glück wenig was die Leute sagen :) genauso wenig wie mich.

Ich habe schon seit längerem mal bei ihm "vorgefühlt" wie er denn zur Homosexualität steht und musste erfahren das er tatsächlich in jeder Form tolerant ist, ja sogar ein schwules Paar im Bekanntenkreis hat. Beste Vorraussetzungen also könnte man meinen, wenn da nicht noch diese große Hemmschwelle des Gefühle anvertrauens währe... Meine größte Angst war das ich ihn als Freund verlieren könnte oder sich in unserer Beziehung irgendwas verändert.

Jedenfalls war ich gestern wieder auf dem Weg zu ihm und ich habe im Auto irgendwie den Entschluss gefasst es ihm an diesem Tag zu sagen sollte sich die Gelegenheit irgendwie ergeben. Jedenfalls habe ich den ganzen Nachmittag auf die Gelegenheit gewartet, aber sie kam nicht :cry: Auch hatte ich noch immer Respekt davor wie er in soeinem 4 Augen Gespräch reagiert und ob ich überhaupt ein Wort rausbekomme. Jedenfalls war ich abends wieder zuhause und habe angefangen mit ihm zu schreiben. Und dann habe ich allen Mut zusammengenommen und geschrieben "Sascha ich sollte dir etwas sagen was ich schon länger mal loswerden wollte, wenn du damit klarkommst" und schlicht "ich bin schwul".

Erstmal war stille, dann fragte er mich ob ich Spaß mache oder das mein ernst ist. Als er wusste das ich es wirklich ernst meine hat er mich allerhand gefragt:
Wielange ich das schon weiß, wer es alles weiß, wie ich es geschafft habe das solange zu verdrängen etc.
Später kam jedenfalls die Nachricht das ihn das absolut nicht stört, und später im O-Ton "und wenn dich was bedrückt oder du einfach nur reden willst: du weißt ja wo ich wohne".

Ich saß da und hatte echt feuchte Augen vor Freude und dankbarkeit über seine Reaktion, warum habe ich diesen Menschen nicht schon 5 Jahre früher kennengelernt?

Und dieses Glücksgefühl nach einem erfolgreichen Outing ist einfach unbeschreiblich, ich hab mich ewig nichtmehr so gut gefühlt :flag:


schonwieder mehr Text geworden als gewollt, danke fürs lesen :)

Coming out - endlich der erste Schritt

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michael90
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Re: Coming out - endlich der erste Schritt

Beitragvon michael90 » 06 Feb 2015, 22:24

Hi Julian,

das freut mich von dir zu hören, dass es bei dir so gut gelaufen ist. Hoffentlich ermuntert dich das, weiterzumachen. Die meisten machen sich da viel zu verrückt, es gehört eben in unsere Zeit und die Leute finden einen höchstens interessanter, aber damit muss man erstmal umzugehen wissen und seine Erfahrungen machen. Später machst du dir einen Spaß draus, wenn du die Leute dann einweihst;)
Und das beim ersten Mal von face to face ordentlich über die Bühne zu bekommen, ist echt schwer, aber man übt sich damit ziemlich gut in Rhetorik:)

Wünsch´ dir auf jeden Fall noch viel Erfolg, was bei dir auch noch so kommen mag:)

LG
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TechBoy96
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Re: Coming out - endlich der erste Schritt

Beitragvon TechBoy96 » 06 Feb 2015, 22:46

Hallo Julian,

dein Freund ist echt klasse! Du kannst dich wirklich glücklich schätzen. :)
Sich selbst zu solch einem Getändnis zu überwinden ist nicht einfach, dafür kannst du jedoch sehr stolz darauf sein!
Ich wünsche dir ebenfalls weiterhin viel Erfolg.

Liebe Grüße

TechBoy96

Julian20
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Re: Coming out - endlich der erste Schritt

Beitragvon Julian20 » 07 Feb 2015, 21:42

Haben uns heute zum ersten mal nach meinem outing bei ihm getroffen, hatte ja ein wenig bedenken wie er wohl reagieren wird wenn wir uns wiedersehen. Per SMS hatte ich halt weniger Hemmungen mit ihm darüber zu sprechen. Und ich kann zum Glück sagen das sich nichts zwischen uns geändert hat, außer das ich mich nichtmehr "verstecken" muss und offen reden kann.

Ich hatte auch die Vermutung das er nun denken könnte ich würde eventuell auf ihn stehen und in Blicke zuviel reininterpretieren. Auch diese Angst hat er mir genommen indem er sagte das er sich über sowas überhaupt keinen Kopf macht, und er sogar weiß das er anscheinend ne recht anziehende Wirkung auf Kerle hat (stimmt auch :D).

Jedenfalls fragte er mich auch ob ich denn vorhabe es meinen Eltern zu sagen. Im Prinzip würde ich das schon gerne, wenn da nicht immernoch diese Scheiß Angst wäre. Meine Mutter ging mir heute erst wieder auf die Nerven mit der elenden Frage ob ich denn noch immer keine Freundin habe, und sie fing an mich über so ziemlich jedes Mädel in meinem Umfeld zu interviewen "wäre die nichts für dich?" etc. Ich habe jedenfalls immer nur kurz angebunden mit "nein" geantwortet und wollte schnell ein anderes Gesprächsthema. Eigentlich hätte ich in diesem Moment gerne gesagt dass das mit ner Freundin nichts wird, aber leider war ihr Freund auch den ganzen Tag anwesend und er ist ziemlich homophob, daraus macht er auch keinen hehl.

Jedenfalls habe ich den Gedanken ihr etwas zu sagen schnell wieder verworfen. Ich habe überlegt warum ich überhaupt aktiv auf meine Eltern zugehen soll um ihnen etwas zu sagen, hab ich etwas verbrochen? Nein. Wenn mich mein Vater oder meine Mutter fragen ob ich schwul bin würde ich nun wohl ja sagen (unter der Vorraussetzung wir sind alleine) und wenn sie mich nicht fragen werden sie es wohl erst dann erfahren wenn ich mal jemanden kennengelernt habe den ich ihnen vorstellen will.

Wie denkt ihr darüber? Danke für eure Antworten.

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Paddl60
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Re: Coming out - endlich der erste Schritt

Beitragvon Paddl60 » 07 Feb 2015, 21:59

Hey Julian,

die Situation, was ein mögliches Outing gegenüber deinen Eltern angeht, ist bei mir eigentlich fast die selbe, wie bei dir. Ich hatte bislang allerdings noch nie ernsthaft das Bedürfnis, ihnen auf die Nase zu binden, dass ich schwul bin. An so Sprüche wie "wann bringst du denn endlich mal ne Freundin mit nach Hause?" habe ich mit mittlerweile auch gewöhnt, ist ja irgendwo wahrscheinlich auch normal, dass Eltern so denken. Ab und an sagte meine Mutter zu meinem Vater auch schon flapsig so Sachen wie "ich glaube, der Junge ist doch schwul", was aber alles nicht wirklich ernst gemeint war, darum habe ich mir darüber bzw. über ein Outing bislang auch nie wirklich den Kopf zerbrochen. Und direkt danach gefragt haben sie mich auch noch nicht, von daher... Wobei ich glaube, dass ich selbst bei direkter Nachfrage zumindest zögern würde, mit der Wahrheit rauszurücken...

Wenn ich mal jemanden kennen lerne, dann werden sie es wohl erfahren (müssen) denn ich will schließlich nicht ständig irgendwelche Ausreden erfinden müssen, warum ich mal wieder weg bin, wenn ich mich mit meinem Freund treffe oder ich will ihn irgendwann ja auch mal zu mir mit nach Hause nehmen und dann nicht sagen "ähhm, also das ist wirklich nur ein guter Freund von mir, aber definitiv nicht mehr!" *hust* ;-)
"Wer ein Brett vor dem Kopf hat, nimmt leider selten ein Blatt vor den Mund"

Re: Coming out - endlich der erste Schritt

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