Futurismus/Futurologie

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Futurismus/Futurologie

Beitragvon Retroboy » 01 Mai 2014, 16:11

Schon immer faszinierten mich Gedanken an die Zukunft. Wie würde die Welt wohl in 10, 20, 50 Jahren aussehen?

Wir befinden uns in einem schnelllebigen Zeitalter. Jeden Tag werden unglaubliche Entdeckungen und Erfindungen gemacht. Was heute mit einem Smartphone, mit Computern, mit Geräten allgemein möglich ist, war noch vor fünf Jahren undenkbar. Die Zukunft hat schon heute begonnen - es gibt vom Bund geförderte Projekte wie Häuser, die ganz ohne externen elektrischen Strom auskommen, die also völlig autark sind durch solar pannels. In den Sonnenstunden wird dann so viel Energie gespeichert, dass man auch nachts und in dunkleren Tages- und Jahreszeiten Licht und Elektrizität hat. Es gibt das Elektro-Auto, es gibt bald vielleicht fahrerlose Autos. Es gibt Google Glass und Oculus Rift; im Bereich der Medizin gibt es 3D-Drucker, die Organe und Körperteile aus Molekülen "drucken" können.

Wenn ich mir auf Google Bilder anschaue, wo futuristische Gebäude mit großen Fensterfronten inmitten von grünen, saftigen Wiesen stehen, oder Großstädte mit metallenen Hochhäusern in allen Formen und Variationen, Highways mit schwebenden Autos, riesige Parklandschaften, Menschen in weiß-blauen und weiß-grünen Anzügen und extravaganten Frisuren, dann träume ich manchmal von einer solchen Welt. Mir ist bewusst, dass ich so etwas (falls es das überhaupt geben wird) nicht mehr erleben werde aufgrund meiner begrenzten Lebenszeit. Aber ganz so unwahrscheinlich wäre eine derartige Welt doch gar nicht, wenn man sich heute Städte wie Dubai ansieht mit künstlichen Inseln und himmelhohen Türmen.

Solche Welten sind auch immer Objekt von Romanen und Filmen, aber auch PC-Spielen. Spontan würden mir "The Hunger Games", "Anno 2070", "I Robot", "Die Insel" oder die Dokumentation "2057 – Unser Leben in der Zukunft" einfallen.

Zumeist denkt man an idealtypische Ausprägungen: technologischer Fortschritt, Bekämpfung von Hunger, Frieden statt Krieg, Wohlstand für alle, Befriedigung aller Bedürfnisse &c.

Doch wie ist das Verhältnis zwischen Eutopie und Dystopie (einer negativen Eutopie)? Schon heute beklagen wir uns über die "Überwachung zu unserer Sicherheit". 1984 von George Orwell soll als Warnung und nicht als Anleitung verstanden werden, so eine häufige Forderung. Wird die Zukunft vielleicht ganz anders aussehen? Nicht grün und silbern und weiß, sondern braun und schmutzig und zerstört? Wird es Kriege geben um die letzten Ressourcen wie Erdöl und trinkbares Wasser? Werden supernationale Konzerne irgendwann so mächtig sein, dass sie die neuen Regierungen darstellen werden? Wird es einen finalen Krieg geben, der die Menschheit oder zumindest große Teile von ihr auslöscht? Wird es eine so große und verheerende Naturkatastrophe geben, dass sich das Leben aller Menschen schlagartig und endgültig komplett ändern wird? Werden autoritäre und diktatorische Systeme die Demokratie ablösen (Szenarien wie in "Equilibrium")?

Ich könnte stundenlang darüber nachdenken, ob wir in Zukunft eine blühende Gesellschaft haben werden. Operationen werden am Bildschirm erledigt, Krankheiten wie AIDS und Krebs werden mit einer Injektion vollständig kuriert, jeder Mensch hat genügend Lebensraum, Nahrung, Trinken, niemand muss mehr am Rand der Gesellschaft leben, die Technik erleichtert uns das Leben und nimmt uns alle schwierigen und unliebsamen Arbeiten ab.
Oder doch eher ein Negativbild, in dem jeder Mensch für sich allein überleben muss, die Gesellschaft und die gesamte Menschheit nahezu komplett ausgelöscht sind, die Not der Menschen unermesslich wird, die Welt eine einzige Wüste, nuklear verseucht, schädlich und feindlich für jegliche Form des Lebens.

Was denkt ihr dazu?
Ihr sollt nicht denken!
– Friedrich Wilhelm Nietzsche

Futurismus/Futurologie

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michael90
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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon michael90 » 01 Mai 2014, 17:16

Ich glaube, dass sich in unserer Welt gar nicht so schnell etwas ändern wird. Der immer schnelleren voranschreitenden technologischen Entwicklung stehen Dinge wie Intoleranz, Todesstrafe, Ideologie und Diktatur einer modernen Welt hemmend gegenüber.
Eine Welt, in der Systeme gegen Minderheiten vorgehen, in der Menschen für ihre Weltanschauung verurteilt werden, in der die Todesstrafen vollstreckt werden, in der die Menschen für Selbstverwirklichung geläutert werden, kann keine moderne sein, und deshalb glaube ich auch nicht, dass wir eines Tages in Utopia leben werden, was aber nicht heißt, dass ich nicht glaube, dass sich die Welt zum Guten ändern wird können und ich meinen Teil dazu beitragen kann; so viel dazu.

Was ich zum Futurismus allgemein sage? Es ist ein Jonglieren mit Wahrscheinlichkeiten, was irgendwann sein wird oder sein kann, eine bloße Vermutung, die sich auch gar nicht bewahrheiten muss. Es mag schon eine Verführung sein, sich den Gedanken der Zukunft hinzugeben, und so deute ich es psychologisch:
Im Prinzip ist die Ungewissheit die größte Grausamkeit in unserem Leben, wir wissen nicht was morgen passiert oder ob wir morgen überhaupt noch da sind. Wir versuchen persönlichen Einfluss auf sie zu nehmen, indem wir beispielsweise in eine gute Ausbildung investieren, aber ob es sich auszahlen wird und ob alles so kommt wie vorgestellt, bleibt offen. Deshalb versuchen wir, sie uns gleich welcher Form irgendwie auszumalen, um dieser großen Ungewissheit (abgesehen von der Gewissheit, dass wir irgendwann nicht mehr sein werden) zu entkommen, wenn auch nur gedanklich. Aber am Ende kommt eh alles anders, als man es erwartet hat;)
The meaning of life is to give life a meaning!

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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon Retroboy » 01 Mai 2014, 19:56

michael90 hat geschrieben:Ich glaube, dass sich in unserer Welt gar nicht so schnell etwas ändern wird.


In den nächsten zehn Jahren wird der sogenannte "Peak Oil" erreicht, d. h. dass ungefähr die Hälfte der Erdöl-Ressourcen der Erde abgebaut wurde. Daraus kann man folgern, dass die natürlichen Erdöl-Ressourcen noch 100, im besten Fall 200 Jahre reichen werden. Danach sind alle Ressourcen der Erde (in einer erdgeschichtlichen Sekunde) abgebaut worden und auch die nationalstaatlichen Reserven werden nicht mehr lange hinreichen, um den jährlich steigenden Bedarf an Erdöl und den daraus gewonnenen Produkten abzudecken, was früher oder später zu Krisen und Kriegen führen dürfte (was die Vergangenheit auch bereits gezeigt hat, vgl. Irak-Krieg).
Das ist nur eine von vielen erwartbaren Problematiken, wie sie auch eine erneute globale Wirtschaftskrise (wie wir sie ab 2007 erlebt haben) darstellen könnte. Ob es dann zu einem kompletten Zusammenbruch des weltweiten Kapitalismus und der nationalstaatlichen Wirtschaftssysteme kommen kann, weiß ich nicht (da ich kein Nationalökonom bin), aber solche Szenarien werden ja schon vielfach entworfen.

Ob man das als "schnell" bezeichnen möchte, wenn man den Blick in die kommenden 100 bis 200 Jahre richten möchte (die wir, denke ich, nicht mehr erleben werden), ist jedem selbst überlassen. Sollte aber - neben technologischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen - dies wie prognostiziert eintreten, würde sich die Welt stark ändern, was sich in nationalen Unruhen, Aufständen, Revolutionen, Krieg, Bürgerkrieg &c. entladen dürfte. Ich weiß nicht, wie oft man den gesamten Planeten mit allen derzeit existierenden Nuklearwaffen zerstören könnte. Aber ich meine gehört zu haben, es geht in die vieltausendmal.

Man kann ganz eindeutig sagen: Schon im "Kalten Krieg" gab es das Faktum, dass egal ob NATO oder Warschauer Pakt zuerst geschossen hätte, die gesamte Menschheit hätte ausgelöscht werden können. Wie sieht es dann erst in der Zukunft aus mit der sich evolvierenden Waffentechnik?

michael90 hat geschrieben:Der immer schnelleren voranschreitenden technologischen Entwicklung stehen Dinge wie Intoleranz, Todesstrafe, Ideologie und Diktatur einer modernen Welt hemmend gegenüber.


Das würde ich eigentlich anders sehen. Natürlich hast du Recht, dass in einigen autoritären Regimen technologischer Fortschritt nur bedingt und mühsam durchgesetzt werden kann. Aber Beispiele wie Nordkorea zeigen das genaue Gegenteil, dass man Technologie und Technik auch gerade dazu benutzen kann, ein Volk ideologisch zu prägen und zu unterdrücken, wobei frei zugängliche Technologie auch eher als schädlich empfunden wird (sagen wir exemplarisch social media).

michael90 hat geschrieben:Eine Welt, in der Systeme gegen Minderheiten vorgehen, in der Menschen für ihre Weltanschauung verurteilt werden, in der die Todesstrafen vollstreckt werden, in der die Menschen für Selbstverwirklichung geläutert werden, kann keine moderne sein, und deshalb glaube ich auch nicht, dass wir eines Tages in Utopia leben werden, was aber nicht heißt, dass ich nicht glaube, dass sich die Welt zum Guten ändern wird können und ich meinen Teil dazu beitragen kann; so viel dazu.


Ja, das würde ich so unterstützen. Wir leben im 21. Jahrhundert, in einer zunehmend globalisierten und internationalisierten Welt. Wir in der "Alten Welt" werden seit dem Zweiten Weltkrieg stark von der USA beeinflusst, aber auch von anderen wirtschaftsstarken Ländern, die gerade in der letzten Zeit großen Eindruck auf uns ausüben. Es gibt technologische Neuerungen, die ideellen Grenzen der Nationalstaaten schwinden zugunsten von supernationalen Organisationen (UNO, EU, NATO &c.). Wir verstehen uns alle nicht mehr bloß als Westfalen, Sachsen, Schwaben, Franken, Baiern, Friesen, als Deutsche, als Europäer, sondern als Weltbürger. Der Konflikt zwischen Tradition und Innovation, Reaktion und Progression, Konservatismus und Liberalismus ist nie so stark gewesen wie heute.

Unsere Gesellschaft ist von der Grundlage her eine demokratische. Egal, ob wir in der Bundesrepublik Deutschland, in der Bundesrepublik Österreich, in der Eidgenossenschaft, in Frankreich, in Polen, in Italien, in Spanien oder sonstwo leben. Wir haben einen multikulturellen, multireligiösen, multikonfessionalen, multiethnischen und pluralistischen Anspruch. "Suum Cuique" - Jedem das Seine. Die Menschen- und Bürgerrechte gelten für jeden Menschen, jeder soll sein Leben so führen, wie er es für gut und recht deucht. Egal ob Drag Queen, Punk, Goth, Mehrverdiener, Fließbandarbeiter, Arbeitsloser, Katholik, Moslem, Jude, Homosexueller, Heterosexueller.

Dies ist der Anspruch von Demokraten, von Unterstützern der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die Ausprägungen sind von Region, Nation und Erdteil unterschiedlich ausgeprägt und die Ideen von Pluralismus, Liberalismus und Demokratie werden teilweise auch anders verstanden, wobei sich - denke ich - die meisten demokratischen Länder zu einem gemeinsamen Ziel bewegen; sei es nationale Verknüpfung oder ein gesellschaftliches und politisches Eutopia.

Wenn du sagst, dass dieses Eutopia nie erreicht werden kann, dann stimme ich dir uneingeschränkt zu. Das liegt an dem einfachen Gegenstand, dass der Mensch als ζῷον πολιτικόν immer noch animalische Triebe in sich hat: Gier, Neid und Geiz. Wer keine Macht hat, strebt diese an. Wer Macht hat, tut alles diese zu erhalten. Das gleiche gilt für materielle Güter, Geld und Einfluss. Daran wird jede eutopische Gesellschaft scheitern respektive dies ist der Grund für die Unfähigkeit des Menschen eine solche Gesellschaft überhaupt erst zu errichten.

Mögen wir heute auch in einer Demokratie leben - eine komplette und absolute Erfüllung der Grundideen, die in so vielen Dokumenten und Erklärungen festgehalten und verbindlich definiert wurden, gibt es auch hier nicht. Ich will als Beispiele die Edarthy-Affäre ansprechen, in der sich gezeigt hat, dass persönliche Wohlfahrt über dem rechtsstaatlichen Selbstanspruch und der Wohlfahrt des Staates, minder der betroffenen Personen steht. Als Weiteres das Transatlantische Freihandelsabkommen, das den europäischen Landen US-amerikanische Standards aufzwingen würde bzw. nationalstaatlich sanktionierte und regulierte Normen zugunsten US-amerikanischer Normen aushebeln würde. Mehr Beispiele brauche ich nicht nennen, da nun klar sein sollte, was gemeint ist.

Und natürlich gibt es auch heute noch (zu) viele Staaten, die eben nicht mal die demokratische Grundordnung haben. Ich habe vorhin schon Nordkorea angesprochen, weitere Beispiele finden sich wie Sand am Meer. Wie sollte eine weltweite Eutopie dann bitteschön möglich sein, lässt man die biologischen und philosophischen Prämissen außer Acht?

michael90 hat geschrieben:Was ich zum Futurismus allgemein sage? Es ist ein Jonglieren mit Wahrscheinlichkeiten, was irgendwann sein wird oder sein kann, eine bloße Vermutung, die sich auch gar nicht bewahrheiten muss.


In der Theologie unterscheidet man beispielsweise unter den Begriffen "adventus" und "futurum". Futurum beschreibt dabei die vom Menschen planbare, aber auch aktiv gestaltbare Zukunft. Es ist "die Entfaltung der Möglichkeiten, die in einer Sache, einer Person oder einem irgendwie gearteten Gegenstand von Anfang an angelegt sind. So wie die Blüte aus dem Samenkorn hervorgeht, so entfaltet sich die Zukunft des Werdens in einem Entwicklungsprozess aus der Vergangenheit heraus"[1]. Fürderhin "ist sie mit einer mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit vorausschaubar, planbar und weithin auch durch menschlichen Einsatz machbar"[1]. Wo die Zukunft die Extrapolation der vorhandenen Möglichkeiten sei, wird Zukunft durch immanente, naturwissenschaftliche Gesetze und durch menschliches Handeln bestimmt. Und genau diese Planbarkeit ist Gegenstand der Futurologie.

Unter Futurismus würde ich eine künstlerische und kulturelle Strömung verstehen, die sich subjektiven Vorstellungen von Zukunft oder die Futurologie zur Grundlage nimmt, um ein Bild von der Zukunft (bestehend aus adventus und futurum) zu zeichnen, das nicht unbedingt der Möglichkeit bzw. der Wahrscheinlichkeit entsprechen muss oder kann, das aber das überzeugte Manifest der eigenen Ansichten mit gesellschaftskritischem Tenor ist, eine idealtypische - eutopische - oder eine Warnung, eine dystopische Gesellschaft skizzieren soll oder zum Träumen und Phantasieren anregen will (und somit nur der Unterhaltung dient).

[1] https://www.erzbistum-koeln.de/kultur_u ... imp1S6.pdf (zuletzt abgerufen am 01. Mai 2014)
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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon blowfish » 02 Mai 2014, 11:37

Ich fand vom Vorgehen die Szenarios von Shell ganz interessant. Huebsch aufbereitet z.B. in diesem YouTube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=jQ2uIPeiEYQ (aber schon von 2010)
Hier gibts noch ein bisschen Hintergrund: http://www.shell.com/global/future-ener ... arios.html

Ansonsten faellt mir vorallem ein Zitat von Alan Kay ein: "The best way to predict the future is to invent it."
Bin ich schwul? 83% der Menschen, die diese Frage stellen, sind schwul. Hast du dich vorher extra in einem schwulen Forum angemeldet, beträgt die Wahrscheinlichkeit sogar 97%.

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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon zwiebelfisch » 04 Mai 2014, 09:46

Retroboy hat geschrieben:Schon immer faszinierten mich Gedanken an die Zukunft. Wie würde die Welt wohl in 10, 20, 50 Jahren aussehen?

Wir befinden uns in einem schnelllebigen Zeitalter. Jeden Tag werden unglaubliche Entdeckungen und Erfindungen gemacht. Was heute mit einem Smartphone, mit Computern, mit Geräten allgemein möglich ist, war noch vor fünf Jahren undenkbar. (...)
Wenn ich mir auf Google Bilder anschaue, wo futuristische Gebäude mit großen Fensterfronten inmitten von grünen, saftigen Wiesen stehen, oder Großstädte mit metallenen Hochhäusern in allen Formen und Variationen, Highways mit schwebenden Autos, riesige Parklandschaften, Menschen in weiß-blauen und weiß-grünen Anzügen und extravaganten Frisuren, dann träume ich manchmal von einer solchen Welt. Mir ist bewusst, dass ich so etwas (falls es das überhaupt geben wird) nicht mehr erleben werde aufgrund meiner begrenzten Lebenszeit. Aber ganz so unwahrscheinlich wäre eine derartige Welt doch gar nicht, wenn man sich heute Städte wie Dubai ansieht mit künstlichen Inseln und himmelhohen Türmen.


Bei diesen Zukunftsvisionen fällt mir aber oft auf, dass man sie sich viel näher in der Zukunft vorstellt, als sie dann tatsächlich eintreffen. Wenn ich mir zum Beispiel meine Comics aus den 1990er-Jahren hervorhole und dann sehe, wie man sich damals das Jahr 2010 vorgestellt hat, dann komme ich zu dem Ergebnis, dass 2010 viel näher an 1995 ist, als 2010 an dem Zukunftsbild, das man sich damals gemacht hat. Und das beinhaltete unter anderem auch futuristische Objekte wie schwebende Autos. Dennoch entwickelt sich natürlich die Welt weiter. Aber man kommt irgendwann zu dem Punkt, wo sich etwas nicht weiterentwickeln lässt. Beispielsweise das Rad - die Form ist schon seit etlichen Jahren dieselbe. Oder zu dem Punkt, wo ein weiterer Fortschritt ein Rückschritt ist. Wenn ich da beispielsweise an die Smartphones denke, die sich auf wenige 100 Meter genau orten lassen, stellt sich für mich die Frage, ob diese Möglichkeit

Retroboy hat geschrieben:Schon heute beklagen wir uns über die "Überwachung zu unserer Sicherheit". 1984 von George Orwell soll als Warnung und nicht als Anleitung verstanden werden, so eine häufige Forderung.


in ihrem Eingreifen in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) nicht ein Rückschritt ist.

Retroboy hat geschrieben:Doch wie ist das Verhältnis zwischen Eutopie und Dystopie (einer negativen Eutopie)? (...) Wird die Zukunft vielleicht ganz anders aussehen? Nicht grün und silbern und weiß, sondern braun und schmutzig und zerstört? Wird es Kriege geben um die letzten Ressourcen wie Erdöl und trinkbares Wasser? Werden supernationale Konzerne irgendwann so mächtig sein, dass sie die neuen Regierungen darstellen werden? Wird es einen finalen Krieg geben, der die Menschheit oder zumindest große Teile von ihr auslöscht? Wird es eine so große und verheerende Naturkatastrophe geben, dass sich das Leben aller Menschen schlagartig und endgültig komplett ändern wird? Werden autoritäre und diktatorische Systeme die Demokratie ablösen (Szenarien wie in "Equilibrium")?


Ich denke, die Wirklichkeit der Zukunft wird sich wohl irgendwo dazwischen bewegen, zumal es ja den Trend gibt, dass sich die Gegensätze in der Welt weiter verschärfen werden. Es wird wohl sowohl eutopische Regionen geben, in denen, wie es so schön in der Bibel heißt, "Milch und Honig fließen", als auch dystopische Regionen, wo die Umweltverschmutzung und der Kampf um Ressourcen vorherrscht. Im Prinzip erleben wir diese Zweiteilung der Welt schon heute in den unterschiedlichen Situationen in Industrieländern und Dritter Welt. Gleichzeitig denke ich, dass eine zu große Spaltung zu Auseinandersetzungen führt. Diese muss nicht unbedingt in Krieg bestehen, sondern kann auch im Zuge von Bevölkerungsbewegungen passieren. Auch dies ist bereits heute erkennbar, denkt man an die vielen Flüchtlinge, die von Afrika aus nach Lampedusa übersetzen. Letztendlich wird man aber Europa nicht abschotten können, die Lösung besteht nur in einem ernsthaften Willen zum Ausgleich, das heißt zur Verbesserung der Lebenssituationen der Menschen in Afrika. Aber das ist in einer Gesellschaft, in der der Mensch

Retroboy hat geschrieben: als ζῷον πολιτικόν immer noch animalische Triebe in sich hat: Gier, Neid und Geiz


, nicht machbar, wenn man diese animalischen Triebe als Teil des Id in der Psychoanalyse nicht überwindet.

Retroboy hat geschrieben:In den nächsten zehn Jahren wird der sogenannte "Peak Oil" erreicht, d. h. dass ungefähr die Hälfte der Erdöl-Ressourcen der Erde abgebaut wurde. Daraus kann man folgern, dass die natürlichen Erdöl-Ressourcen noch 100, im besten Fall 200 Jahre reichen werden. Danach sind alle Ressourcen der Erde (in einer erdgeschichtlichen Sekunde) abgebaut worden und auch die nationalstaatlichen Reserven werden nicht mehr lange hinreichen, um den jährlich steigenden Bedarf an Erdöl und den daraus gewonnenen Produkten abzudecken, was früher oder später zu Krisen und Kriegen führen dürfte (was die Vergangenheit auch bereits gezeigt hat, vgl. Irak-Krieg).
Das ist nur eine von vielen erwartbaren Problematiken, wie sie auch eine erneute globale Wirtschaftskrise (wie wir sie ab 2007 erlebt haben) darstellen könnte. Ob es dann zu einem kompletten Zusammenbruch des weltweiten Kapitalismus und der nationalstaatlichen Wirtschaftssysteme kommen kann, weiß ich nicht (da ich kein Nationalökonom bin), aber solche Szenarien werden ja schon vielfach entworfen.


Nicht nur bei Erdöl, auch bei Uran stellt sich dieses Problem. Es wird ja oft vergessen, dass Kernenergie trotz gegenteiliger Beteuerungen eben nicht nachhaltig ist, da Uran auch ein fossiler Brennstoff ist, der gefördert werden muss. Ich denke, dass sich diese Situation auf zweierlei Weise lösen lässt. Entweder, die Welt steigt rechtzeitig auf nachhaltige Versorgung um, wozu es natürlich auch Vorreiter wie Deutschland braucht, und die Wirtschaft kommt glimpflich davon, oder sie macht es nicht und es gibt eine große Depression wie 1929 oder noch größer. Nachhaltige Versorgung bedeutet vor allem Erzeugung von Windenergie, Sonnenenergie durch Parabolspiegel (Photovoltaik ist nicht so effizient), Energie aus Geothermie, Wasserkraft sowie Biomasse. Letzteres natürlich auch nur begrenzt, da der Anbau von Energiepflanzen mit den Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln konkurriert. Möchte man dann auch noch die hausgemachte Klimaerwärmung beschränken, müsste man auch in die Massentierhaltung eingreifen, da Wiederkäuer eben Methan ausstoßen, welches die Erwärmung um einen wesentlichen Faktor erhöht. Aber das führt wieder zu gesellschaftlichen Problemen. Bestes Beispiel ist hier, wie der Vorschlag eines fleischfreien Tags in den Kantinen seitens der Grünen im Bundestagswahlkampf in Deutschland aufgenommen worden ist, nämlich als Bevormundung. Sicher ist dies eine Bevormundung, aber man wird bei steigender Weltbevölkerung nicht umhin kommen, diesen Schritt einmal zu gehen, zumal für die Erzeugung von einem Kilo Fleisch enorme Ressourcen von Wasser und Getreide verbraucht werden. Spätestens, wenn Fleisch unbezahlbar teuer wird, löst sich dieses Problem in einer Marktwirtschaft wie der unseren über den Preis, aber soweit muss es ja nicht kommen, vor allem, weil dann die Ärmeren das Nachsehen hätten und wohl ein sehr intensiver gesellschaftlicher Konflikt entstehen würde. Das Bedürfnis nach Nahrung zählt ja zu den wichtigsten Bedürfnissen, nämlich den physiologischen, geht man nach der Bedürfnispyramide nach Maslow. Der einzige Ausweg wäre, dass bevölkerungsreiche Gebiete wie China und Indien mit der Industrialisierung ihr Wachstum stoppen, ähnlich wie jetzt Europa, und es in der Umweltpolitik besser machen als Europa zwischen 1850 und 1980.

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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon Retroboy » 04 Mai 2014, 15:27

zwiebelfisch hat geschrieben:Bei diesen Zukunftsvisionen fällt mir aber oft auf, dass man sie sich viel näher in der Zukunft vorstellt, als sie dann tatsächlich eintreffen. Wenn ich mir zum Beispiel meine Comics aus den 1990er-Jahren hervorhole und dann sehe, wie man sich damals das Jahr 2010 vorgestellt hat, dann komme ich zu dem Ergebnis, dass 2010 viel näher an 1995 ist, als 2010 an dem Zukunftsbild, das man sich damals gemacht hat. Und das beinhaltete unter anderem auch futuristische Objekte wie schwebende Autos. Dennoch entwickelt sich natürlich die Welt weiter. Aber man kommt irgendwann zu dem Punkt, wo sich etwas nicht weiterentwickeln lässt. Beispielsweise das Rad - die Form ist schon seit etlichen Jahren dieselbe. Oder zu dem Punkt, wo ein weiterer Fortschritt ein Rückschritt ist. Wenn ich da beispielsweise an die Smartphones denke, die sich auf wenige 100 Meter genau orten lassen, stellt sich für mich die Frage, ob diese Möglichkeit in ihrem Eingreifen in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) nicht ein Rückschritt ist.


Da hast du natürlich Recht, und ich verweise an dieser Stelle einmal auf michael90, der sagte, dass wie praktisch nichts oder zumindest nicht viel über die Zukunft wissen. Ich argumentierte daraufhin mit dem futurum, der vom Menschen beeinflussbaren Zukunft.

Wenn ich heute etwas tue, habe ich die Konsequenzen zu erwarten. Wenn ich heute Unmengen an CO2 in die Atmosphäre schleuder, wenn ich den natürlichen Klimawandel noch forciere, wenn ich den Regenwald abholze, wenn ich die Habitate von gefährdeten Tierarten zerstöre, wenn ich Jagd auf gefährdete und vom Aussterben bedrohte Tierarten mache, wenn ich Menschen um meiner eigenen Wohlfahrt willen ausbeute, wenn ich täglich viele hunderttausend Tonnen an Nahrung einfach wegschmeiße, weil sie nun schon einen Tag im Regal lag, wenn ich hunderttausende Liter Wasser über Felder sprühe, wenn ich hunderttausende Tonnen Getreide an Vieh verfüttere, damit eine Fast-Food-Kette genug Buletten für ihre Burger hat, wenn ich Atomkraftwerke betreibe und es zu einem Supergau kommt, wenn ich in einem Golf Öl fördere und mein Rohr auf einmal leckt, dann habe ich gewisse Konsequenzen zu befürchten, die voraussehbar sind und deren Ursachen von mir allein begründet sind.

So, wie wir uns die Zukunft vorstellen in 10, 20, 50, 100, 200 Jahren, so wird die Zukunft natürlich nicht sein. Du nanntest das Beispiel der Comics; es gibt ebenso Bücher aus dem 18. Jahrhundert, wo Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts skizziert werden. Man erkennt, dass die Zukunftsvorstellungen immer von dem jeweiligen Standpunkt abhängen und darüber hinaus nicht eintreffen werden. Es gibt gewisse Prognosen, die man treffen kann und die wahrscheinlich auch eintreffen werden. Aber zum Beispiel werden in den Büchern Apparate und Gerätschaften dargestellt, die realen Geräten glichen, nur "auf Modern getrimmt" worden sind. So ist das bei uns ja auch. Wir haben eine Technologie und die wird dann nur etwas moderner, wobei wir auch Technologien "entwickeln" (also prognostizieren), die unseren Technologien ähnlich sehen, aber nicht unbedingt etwas mit dem späteren Produkt (sollte es erfunden werden) zu tun haben.

Fortschritt ist meiner Meinung nach aber immer möglich. Unsere gesamte Gesellschaft beruht auf dem immerwährenden Fortschritt. Nichts geht ohne Fortschritt.
Es gibt gewisse Stasen, die nicht mehr veränderbar sind. Das Rad ist das Rad, egal ob aus Aluminium, Stein, Holz oder Gold. Aber zum Beispiel gibt es eine fortlaufende Veränderung (Verbesserung?) von technischen Geräten wie dem Smartphone. Vor 10 Jahren hätte es niemand für möglich gehalten, was es heute auf dem Markt gibt. Fortschritt heißt nicht nur Veränderung von bereits Existierendem, sondern auch Kreation und Innovation.

zwiebelfisch hat geschrieben:Ich denke, die Wirklichkeit der Zukunft wird sich wohl irgendwo dazwischen bewegen, zumal es ja den Trend gibt, dass sich die Gegensätze in der Welt weiter verschärfen werden. Es wird wohl sowohl eutopische Regionen geben, in denen, wie es so schön in der Bibel heißt, "Milch und Honig fließen", als auch dystopische Regionen, wo die Umweltverschmutzung und der Kampf um Ressourcen vorherrscht. Im Prinzip erleben wir diese Zweiteilung der Welt schon heute in den unterschiedlichen Situationen in Industrieländern und Dritter Welt. Gleichzeitig denke ich, dass eine zu große Spaltung zu Auseinandersetzungen führt. Diese muss nicht unbedingt in Krieg bestehen, sondern kann auch im Zuge von Bevölkerungsbewegungen passieren. Auch dies ist bereits heute erkennbar, denkt man an die vielen Flüchtlinge, die von Afrika aus nach Lampedusa übersetzen. Letztendlich wird man aber Europa nicht abschotten können, die Lösung besteht nur in einem ernsthaften Willen zum Ausgleich, das heißt zur Verbesserung der Lebenssituationen der Menschen in Afrika. Aber das ist in einer Gesellschaft, in der der Mensch [als ζῷον πολιτικόν immer noch animalische Triebe in sich hat: Gier, Neid und Geiz], nicht machbar, wenn man diese animalischen Triebe als Teil des Id in der Psychoanalyse nicht überwindet.


Diese Ambivalenz der Welt ist ein Faktum, ganz klar. In Europa haben wir einen relativ hohen Lebensstandard, in Ghana dagegen einen eher niedrigen. Andere Teile der Welt sind noch weiter benachteiligt, andere dagegen privilegiert. Das sind Resultate aus Prozessen, die bereits vor mehreren hundert Jahren begonnen haben und die gerade in den letzten 100 bis 200 Jahren vorangetrieben wurden, was wir gerade heute sehen und auch bemängeln.

Was für einen Menschen Eutopie und was Dystopie sind, ist völlig subjektiv. Es gibt je nach peer group, je nach sozialem Milieu, je nach Ideologie, je nach Herkunft, je nach Bildungsstand, je nach Religion und weiteren Determinanten gewisse Schnittpunkte, die eine Dystopie oder Eutopie ausmachen. Andere Faktoren sind beliebig und vom Einzelnen abhängig.

Was aber jedem gebildeten Menschen klar sein dürfte, ist die Tatsache, dass wir nach der Befriedigung aller Bedürfnisse streben. Das ist auch ein marktwirtschaftliches Modell des homo oeconomicus. Maslow hat in seinem erweiterten Modell der Bedürfnisse acht Ebenen dargestellt. Mag man diese auch kritisieren oder ihm eine gewisse Realitätsferne vorwerfen, so ist die Intention dennoch klar sichtbar. Der Mensch hat Bedürfnisse, egal wie man sie definiert und einordnet. In einer Eutopie werden wohl all diese Bedürfnisse zur Vollkommenheit erfüllt. In einer Dystopie hingegen nur gewisse Grundbedürfnisse oder - je nach Entwurf - nicht einmal diese. Kann man denn dann nicht sagen, dass wir heute schon real existierende Dystopien haben? Eutopien hingegen wird es nie geben.
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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon blub89 » 05 Mai 2014, 20:31

Um auch mal ein Statement dazu abzugeben...:
Die Inventions- und Innovationskraft ist kaum vorhersehbar oder planbar. Allerdings kann es von erster erfolgreichen Laborexperimenten bis zum scale-up ca. 10 bis 20 Jahre dauern - das ist der Maßstab, den wir meines Erachtens noch überblicken können. Alle Prognose, die darüber hinausgehen (bsw. 100 Jahre), halte ich schlichtweg für nicht seriös.


Retroboy hat geschrieben:In den nächsten zehn Jahren wird der sogenannte "Peak Oil" erreicht, d. h. dass ungefähr die Hälfte der Erdöl-Ressourcen der Erde abgebaut wurde. Daraus kann man folgern, dass die natürlichen Erdöl-Ressourcen noch 100, im besten Fall 200 Jahre reichen werden. Danach sind alle Ressourcen der Erde (in einer erdgeschichtlichen Sekunde) abgebaut worden und auch die nationalstaatlichen Reserven werden nicht mehr lange hinreichen, um den jährlich steigenden Bedarf an Erdöl und den daraus gewonnenen Produkten abzudecken, was früher oder später zu Krisen und Kriegen führen dürfte (was die Vergangenheit auch bereits gezeigt hat, vgl. Irak-Krieg).
Das ist nur eine von vielen erwartbaren Problematiken, wie sie auch eine erneute globale Wirtschaftskrise (wie wir sie ab 2007 erlebt haben) darstellen könnte. Ob es dann zu einem kompletten Zusammenbruch des weltweiten Kapitalismus und der nationalstaatlichen Wirtschaftssysteme kommen kann, weiß ich nicht (da ich kein Nationalökonom bin), aber solche Szenarien werden ja schon vielfach entworfen.


Peak Oil haben wird in schöner Regelmäßigkeit immer wieder vorhergesagt - in Wirklichkeit hat auch hier keiner eine Ahnung, wann der wirklich sein wird. Bis jetzt wird der große Teil allerdings als Energiequelle (ca. 80-90%) genutzt, statt in die weitere Wertschöpfungskette einzugehen (gemeint sind Kunststoffe, Pharmazeutika, etc.). Der Verbrauch kann relativ schnell sinken, wenn wir Öl als Grundlage für Kraftstoffe ersetzen können. Allerdings sind die Alternativen bislang überschaubar: Reine Elektroautos (geringe Reichweite, schwere & teure Akkus), Wasserstoff (im gasförmigen Zustand schlecht speicherbar, am ehesten über metallorganische Netzwerke (MOFs), die wiederrum ebenfalls schwer & teuer sind; interessante Alternative für eine Form der "flüssigen Speicherung": Ein Ameisensäurezyklus, bislang aber nur effizient über einen Iridium-Kat, der wiederrum zu teuer ist und vermutlich auch höherer Verschleiß der Bauteile. Großer Vorteil der flüssigen Variante: Es existiert schon ein gut ausgebautes Netz für flüssige Kraftstoffe).

Bzgl. Atomkraft: Es gibt einige Ansätze den radioaktiven Zerfall zu beschleunigen und so den Atommüll aufzuarbeiten. Eine praktikable Lösung dürfte allerdings noch mehrere Jahrzehnte dauern - aber der Müll muss nicht für Jahrtausende endgelagert werden, wie es bisweilen heisst...

Retroboy hat geschrieben:Wird es Kriege geben um die letzten Ressourcen wie Erdöl und trinkbares Wasser?


Auch wenn die Süßwasservorräte der Erde deutlich begrenzt sind: Meerwasserentsalzung funktioniert und wird in den nächsten 10-20 Jahren deutlich günstiger. Es gibt Pilotanlagen, die für die Wasseraufbereitung nur die Hälfte der bisher üblichen Schritte benötigen und dabei ein besseres Ergebnis erzielen.

Ein Aspekt, der bisher noch nicht erwähnt wurde, aber durchaus zu den größeren Problemen gehören wird, ist der Bereich Gesundheit. Immer mehr Erreger sind gegen Antibiotika resistent und bislang konnte noch kein wirklich strukturell neues Antibiotikum gefunden werden. Die Gefahr von Seuchen ist in der hochvernetzen Welt durchaus immanent.

Wesentlich schwieriger einzuschätzen als der naturwissenschaftliche Bereich ist der politische: Wie lange vorher hat sich der arabische Frühling abgezeichnet? Die Krim-Krise? Kriege können wesentlich schneller kommen als uns lieb ist - dementsprechend kann man diesbezüglich wohl kaum eine Prognose treffen.
Überzeugungen sind größere Feinde der Wahrheit als Lügen F. Nietzsche

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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon Retroboy » 06 Mai 2014, 00:39

blub89 hat geschrieben:Peak Oil haben wird in schöner Regelmäßigkeit immer wieder vorhergesagt - in Wirklichkeit hat auch hier keiner eine Ahnung, wann der wirklich sein wird. Bis jetzt wird der große Teil allerdings als Energiequelle (ca. 80-90%) genutzt, statt in die weitere Wertschöpfungskette einzugehen (gemeint sind Kunststoffe, Pharmazeutika, etc.). Der Verbrauch kann relativ schnell sinken, wenn wir Öl als Grundlage für Kraftstoffe ersetzen können. Allerdings sind die Alternativen bislang überschaubar: Reine Elektroautos (geringe Reichweite, schwere & teure Akkus), Wasserstoff (im gasförmigen Zustand schlecht speicherbar, am ehesten über metallorganische Netzwerke (MOFs), die wiederrum ebenfalls schwer & teuer sind; interessante Alternative für eine Form der "flüssigen Speicherung": Ein Ameisensäurezyklus, bislang aber nur effizient über einen Iridium-Kat, der wiederrum zu teuer ist und vermutlich auch höherer Verschleiß der Bauteile. Großer Vorteil der flüssigen Variante: Es existiert schon ein gut ausgebautes Netz für flüssige Kraftstoffe).

Bzgl. Atomkraft: Es gibt einige Ansätze den radioaktiven Zerfall zu beschleunigen und so den Atommüll aufzuarbeiten. Eine praktikable Lösung dürfte allerdings noch mehrere Jahrzehnte dauern - aber der Müll muss nicht für Jahrtausende endgelagert werden, wie es bisweilen heisst...


Danke erst mal für deine Stellungnahme :)

Dass Peak Oil immer wieder prognostiziert wird, nur mit variierenden Daten, habe ich auch gelesen. Allerdings habe ich das ja auch auf einen Zeitraum von 100 bis 200 Jahren ausgedehnt, der von vielen (den meisten?) Wissenschaftlern als wahrscheinlich angesehen wird, was natürlich - wie du sagtest - nur Spekulation ist, wo ich dir beipflichte.

Dass du Ahnung von Chemie hast, merkt man da natürlich :D Die Wasserstoff-Brennstoffzelle ist, wie ich hörte, noch nicht sehr effizient und auch gefährlich, da das Teil bei unsachgemäßer Behandlung auch dazu neigt explosiv zu sein. Ob diese Probleme mittlerweile behandelt wurden oder die Behandlung Fortschritte macht, weiß ich nicht. Da bist du eher der Fachmann.

Aber ja. Gegenstand von Zukunftsforschung ist auch der Einsatz von erneuerbaren und nachhaltigen Energiequellen und die Beschränkung auf "grüne Energie" durch (wie es bereits genannt wurde) Technologien wie Wasserkraftwerke, Biomasse-Kraftwerke, Windkraftwerke und alles, was mit Solarenergie zu tun hat. Es gibt auch noch viele andere Beispiele, aber das sind wohl die repräsentativsten.

Die Forschung auf diesem Gebiet finde ich übrigens auch sehr interessant. Beachtet man den ökologischen Fußabdruck und Alternativen zu heutigen Methoden, kann man die Erkenntnisse von Nachhaltigkeit und Umweltschutz auch auf heutige Maßstäbe ansetzen und auf andere Felder der Zukunftsforschung erweitern.

blub89 hat geschrieben:Auch wenn die Süßwasservorräte der Erde deutlich begrenzt sind: Meerwasserentsalzung funktioniert und wird in den nächsten 10-20 Jahren deutlich günstiger. Es gibt Pilotanlagen, die für die Wasseraufbereitung nur die Hälfte der bisher üblichen Schritte benötigen und dabei ein besseres Ergebnis erzielen.


Ja, das kann wohl so sein. Die Problematik würde ich dann aber in gewissen Regionen wie in Afrika sehen, wo die wenigen Wasserressourcen wohl austrocknen werden, das verfügbare Wasser mehr für Agrarwirtschaft als für die Versorgung der Bevölkerung genutzt wird und teure Technologien wie Wasseraufbereitungsstationen nicht dem kapitalistischen Konzept entsprechen würde. Es gibt zwar vielfältige Ansätze, wie zum Beispiel dass man Ackerboden durch Granulat ersetzt und dieses viel ökonomischer und effizienter ist in der Speicherung von Wasser, aber wie wahrscheinlich wird so etwas schon sein? So viele (gute) Ansätze es auch geben mag - sie werden gebremst durch lobbyistische, kapitalistische und diktatorische Tendenzen, die ganz klar feststellbar sind.

blub89 hat geschrieben:Ein Aspekt, der bisher noch nicht erwähnt wurde, aber durchaus zu den größeren Problemen gehören wird, ist der Bereich Gesundheit. Immer mehr Erreger sind gegen Antibiotika resistent und bislang konnte noch kein wirklich strukturell neues Antibiotikum gefunden werden. Die Gefahr von Seuchen ist in der hochvernetzen Welt durchaus immanent.


Das ist ebenso ein schwerwiegender Faktor. Erst heute las ich, dass ein neuer "Killervirus" entdeckt worden sei, der MERS, der noch wenig erforscht sei und daher auch schwer zu bekämpfen. Wobei sich die Medizin und Pharmazeutik auch weiterentwickeln wird, sodass neue Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten erschlossen werden und es vielleicht auch Medizin für AIDS, Krebs und resistente Viren geben wird.

blub89 hat geschrieben:Wesentlich schwieriger einzuschätzen als der naturwissenschaftliche Bereich ist der politische: Wie lange vorher hat sich der arabische Frühling abgezeichnet? Die Krim-Krise? Kriege können wesentlich schneller kommen als uns lieb ist - dementsprechend kann man diesbezüglich wohl kaum eine Prognose treffen.


Ich würde noch die gesellschaftliche Ebene eröffnen: Bereits jetzt gibt es so viele reaktionäre und traditionalistische Bewegungen, vor allem in den Staaten des Nahen Ostens, aber auch in globalisierten und technologisierten Ländern wie der USA. Moderne Technologie und Technik werden abgelehnt und alles, was mit dem westlichen Lifestyle zu tun hat.

Wenn die Möglichkeiten und Fähigkeiten wachsen, so wachsen auch moralische und ethische Fragen und Verantwortung. Und genauso könnte es zu einer drastischen Radikalisierung der Gesellschaft geben, die auf den technischen Neuerungen basieren. Wo setzt man die Grenze? Wo beginnt die Privatsphäre und das Recht des Individuums? Wie ist das Verhältnis von Kontrolle und Sicherheit? Der Mensch als fehlbares Wesen in der Politik, Wirtschaft und Produktion?

Ein Ansatz wäre auch die schwedische Serie "Äkta Människor". Sehr zu empfehlen, da interessante und provokative Thematik.
Ihr sollt nicht denken!
– Friedrich Wilhelm Nietzsche

Ambootia
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Re: Futurismus/Futurologie

Beitragvon Ambootia » 11 Aug 2014, 22:01

Es ist gefährlich den momentanen technologischen Fortschritt einfach weiter in die Zukunft zu extrapolieren. Man muss nur an die späten 60er denken, als jeder davon überzeugt war, dass wir bis 2000 den Mars besiedelt hätten und selbstverständlich auch eine üppig ausgebaute Mondbasis besitzen würden. Fakt ist, dass seit 40 Jahren niemand mehr die Mondoberfläche betreten hat und von einer bemannten Marsmission sind wir noch viele Jahrzehnte entfernt. Überhaupt muss die NASA ständig um ihr ohnehin schon stark gekürztes Budget bangen, nicht einmal Transportflüge zur ISS in lediglich 350 km Höhe sind mehr möglich. Einzig autoritärere Staaten wie China oder Russland können sich es leisten, das nötige Geld abzuzweigen.

Natürlich wäre es auch wunderbar, wenn HIV durch eine einzige Wundermittel-Injektion geheilt werden könnte, auch wenn ich bezweifle dass es aufgrund der Komplexität des Virus jemals möglich sein wird. Man darf auch nicht vergessen, dass bereits in der Vergangenheit durch Impfprogramme viele tödliche Krankheiten besiegt werden konnten. An Pocken, Diphtherie, Masern, etc. starben jedes Jahr hunderttausende Menschen bis sie durch systematisches Impfen (beinahe) ausgerottet werden konnten. Nichtsdestotrotz sterben immer noch unzählige Menschen an ständig neu entstehenden Krankheiten. Man denke nur an die Schweinegrippe-Pandemie oder an den aktuellen Ebola-Ausbruch. Selbst AIDS wurde ja erst 1981 als eigenständige Krankheit erkannt.

Ich will jetzt keine schwarze Zukunft an die Wand malen, allerdings werden viele Probleme von heute auch in 50 Jahren noch aktuell sein. Viele Probleme werden gelöst werden, jedoch werden ebenso viele neue auf uns zukommen. Die größte Herausforderung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zweifellos der Ost-West-Konflikt, der sich ab 1989 völlig unerwartet in Luft auflöste. Dafür stehen wir heute der sich langsam in weltweiten Klimaänderungen manifestierenden globalen Erwärmung sowie dem Terrorismus gegenüber. Die perfekte Welt, in der jeder glücklich ist wird es wohl nie geben.

Wenn man in die Zukunft schaut, muss man auch immer bedenken, dass viel Unvorhergesehenes passieren wird. Als Beispiele seien hier die Erfindung des Transistors, des Internets oder der 11. September genannt. Solche Ereignisse sind nicht vorhersehbar und deswegen wird auch unsere Zukunft in vielen Bereichen wohl völlig anders aussehen, als wir uns das heute vorstellen. Viele Bereiche werden vermutlich überhaupt völlig neu aus dem Boden gestampft werden.

Retroboy hat geschrieben:
michael90 hat geschrieben:Ich glaube, dass sich in unserer Welt gar nicht so schnell etwas ändern wird.


In den nächsten zehn Jahren wird der sogenannte "Peak Oil" erreicht, d. h. dass ungefähr die Hälfte der Erdöl-Ressourcen der Erde abgebaut wurde. Daraus kann man folgern, dass die natürlichen Erdöl-Ressourcen noch 100, im besten Fall 200 Jahre reichen werden.


Wenn die Erdölressourcen tatsächlich noch solange reichen würden, wäre das einerseits ein Segen für die Weltwirtschaft, gleichzeitig jedoch eine Katastrophe für das Klima. Peak Oil bezeichnet nämlich nicht, dass wir die Hälfte des Erdöls verbraucht haben, sondern dass die weltweite Produktion ihren Scheitelpunkt erreicht und danach abfällt. Bereits unmittelbar nach dem Eintreten dieses Ereignisses wären die Folgen spürbar: Sobald die Produktion den steigenden Bedarf nicht mehr decken kann, hat das enorme Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, da sich ein steigender Ölpreis auf alle Wirtschaftsbereiche auswirkt. Fakt ist, dass bei der Ölförderung immer größere Risiken eingegangen werden (Ölkatastrophe im Golf von Mexiko) und immer schwindelerregendere Investitionen nötig sind. Um die aktuelle Produktion aufrechtzuerhalten muss heute schon Öl aus Teersand gewonnen werden oder aufwendig in der Arktis oder am kilometertiefen Meeresboden gebohrt werden. Fakt ist auch, dass das Barrel Öl seit 2000 um das fünffache teurer geworden ist und selbst 2008, als das Barrel fast 150 USD kostete, konnte dem nicht durch eine Produktionssteigerung entgegengewirkt werden. Auch wenn unkonventionell erschlossene Ölvorkommen den Produktionsverfall noch ein wenig hinauszögern werden, ist der Markt zweifellos bereits seit Jahren extrem eng. Wenn wir dann noch die Folgekosten des CO2-Ausstoßes in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen einbeziehen sind wir wahrscheinlich längst an dem Punkt angelangt, an dem sich das ganze nicht mehr wirtschaftlich darstellen lässt.

Re: Futurismus/Futurologie

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