You PC bro?

Lyrik, Ansichten und Debatten - für alles was Kopf und Geist entspringt.
b00001110
new-boy
new-boy
Beiträge: 49
Registriert: 05 Jan 2017, 04:04

You PC bro?

Beitragvon b00001110 » 20 Feb 2017, 19:40

Ich habe wieder was gefunden, was ich gerne teilen möchte. :D

Dieses Mal zwei divergierende Meinungen aus der ZEIT zu politischer Korrektheit.

Von Christian Staas: http://www.zeit.de/2017/04/politicial-correctness-populismus-afd-zensur/komplettansicht
und die Entgegnung von Josef Joffe: http://www.zeit.de/2017/06/political-correctness-moral-gesellschaft-gleichstellung-korrektheit/komplettansicht
Besonders der zweite Kommentar hat es wirklich in sich.

Also, was haltet ihr von politischer Korrektheit? Ist das Thema noch aktuell? Sind die meisten Minderheiten nicht inzwischen (zumindest in DE) mehr oder weniger gleichberechtigt? Denkt ihr auch, dass politische Korrektheit inzwischen auf ein Instrument reduziert worden ist, welches von allen Seiten (Linken und Rechten) ge-/missbraucht wird?
Wie seht ihr das im Zusammenhang mit Meinungsfreiheit?

Wird die Gesellschaft wirklich gespalten in die politisch Korrekten und in die politisch Inkorrekten?
LG

:bp:

You PC bro?

Werbung
 

Sullivan
new-boy
new-boy
Beiträge: 15
Registriert: 07 Jan 2017, 23:17

Re: You PC bro?

Beitragvon Sullivan » 20 Feb 2017, 20:08

b00001110 hat geschrieben:Also, was haltet ihr von politischer Korrektheit?


Gar nichts.

Zitat aus dem Artikel:
"Wir haben es übertrieben mit der politischen Korrektheit", beichten Journalisten von taz bis ZEIT und Politiker von grün bis schwarz. So habe man sich mitschuldig gemacht am Aufstieg der AfD, die ein Ventil biete für den Überdruck, der sich unter dem Deckel dogmatischer Sprechvorgaben angestaut habe. "

Trifft es zu 100%.

Political Correctness ist etwas, das niemand brauch und dass jedweder Debatte nur schadet und niemandem nutzt.

Das ist ideologische Zensur - aber irgendwie wohl gesellschaftlich gewollt. Ist für mich zwar unverständlich, aber wir leben ja in einer Demokratie.

DasLysander
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 88
Registriert: 25 Mai 2016, 13:15

Re: You PC bro?

Beitragvon DasLysander » 21 Feb 2017, 14:02

Den ersten Artikel find ich sehr interessant, regt zum Nachdenken an, der zweite, die "Widerrede", is argumentativ so richtig grottig.

Im ersten Artikel schreibt Christian Staas, dass der Begriff "politische Korrektheit" so gut wie immer nur zynisch verwendet wird, Josef Joffe will zeigen, dass es sie doch gibt, mit der Tatsache, dass "politische Korrektheit" bei Google 13.000 Treffer liefert und einem Dudeneintrag dazu.
Auch wenn der Duden in Deutschland immer eine unheimlich große Autorität zu sein scheint, tatsächlich sitzen da 2-3 Leute und entscheiden mehr oder weniger willkürlich, was sie da reinschreiben. Und die Googletreffer als Beweis für die Existenz politischer Korrektheit, nachdem Christian Staas schon geschrieben hat, dass der Begriff so gut wie immer negativ gemeint verwendet wird, ist auch nich grade ein Hit. Danach beklagt er sich noch darüber, dass im Berliner Koalitionsvertrag der SPD und Grünen "LSBTI..(und so weiter)" 27 mal auftaucht, das Wort "christlich" nirgends. Was ebensowenig ein Beweis für die böse Unterdrückung ist, sondern dafür, dass LSBTI...(und so weiter) endlich eine Lobby haben und politisch vertreten werden. Der Rest des Artikels besteht aus Rumgeheule, und George Orwell darf am Schluss natürlich auch nicht fehlen.

"Politische Korrektheit" ist ein Begriff, ohne den alle besser dran sind, und den wir deshalb endlich wieder aus unserem aktiven Wortschatz entsorgen sollten (zugunsten der guten alten "Übertreibung" vielleicht):
Was mir aufgefallen ist: Wer sich über politische Korrektheit beklagt, für den scheint es immer eine Gruppe zu geben, eine Art selbsternannte Kontrollinstanz, die eine bestimmte Vorstellung davon hat, was man wie sagen darf. Das wird durch das Wort "politisch" ja auch irgendwie suggeriert ("Die da oben" usw.). Die gibt es aber nicht. Es gibt sie nicht und damit gibt es kein Orwellsches Neusprech, vor dem sich alle so fürchten.
Was es gibt, ist die gefühlte Beschneidung der Redefreiheit. Die objektiv in Deutschland auch nicht existiert, aber man muss halt damit rechnen, dass man bei anderen vielleicht bisschen unten durch ist, wenn man Neger sagt oder durchblicken lässt, dass Frauen im eigenen Bewusstsein vor allem durch Brüste repräsentiert sind. Tatsächlich geht es also um die Angst, andere zu Beleidigen, wenn man redet, wie man es halt gewohnt ist. Diese Angst ist ja auch gerechtfertigt, jede Minderheit ist eben inzwischen organisiert genug, um sich zu beklagen, wenn sie sich beleidigt fühlt, vor allem für Politiker ist das ein Problem. Für den Rest der Welt eher kaum, wir haben nur Angst, dass wir zur Rede gestellt werden, sprechen deshalb so, wie es vermeintlich korrekt ist, und fühlen uns unfrei. Was uns beschränkt, ist nicht die "Politik" oder sonst wer, sondern wir selbst mit unserer Angst. Dagegen hilft, es einfach zu tun und, wenn sich jemand beschwert, eben zu erklären, wie man es meint. Wenn mir ein Schwarzer darauf persönlich sagt, er fühle sich von dem Wort Neger abgewertet, weil das an Sklavengesellschaft erinnert, werde ich das vermutlich verstehen und es tatsächlich nicht mehr sagen, mich aber auch nicht unfrei dabei fühlen, weil ich ja weiß, weshalb ich den Begriff vermeide, und das aus eigenem Willen tue.
Nur sich diesen Mut zu sparen und sich lieber als gemein Unterdrückten aufzuspielen und zu äußern, man sei halt gegen politische Korrektheit, "das System", und was auch immer, hilft niemandem weiter, außer der Gruppe von Menschen, die sich sowieso immer für unterdrückt und "fremd im eigenen Land" halten. Daher mein Appell für mehr Mut, so zu reden, wie man es für richtig hält. :)

Dass es an Universitäten Gruppen gibt, die sich da semimilitant als Beschützer der Armen und Schwachen gerieren, stimmt natürlich, das hat mit zwei Dingen zu tun: Erstens, es sind Studenten, die unheimlich gerne gegen alles und jeden protestieren, weil sie sich intellektuell fühlen. Die muss man nicht ernst nehmen, zumal das auf die Gesamtzahl der Studenten nur eine Handvoll ist. Die zweite Sache ist der sogenannte linguistic turn, die linguistische Wende, seit der man sich an Unis in den Geisteswissenschaften wesentlich stärker mit der Reflexion von Sprache und Begriffen beschäftigt, weil man erkannt hat, dass diese das Denken und die Wahrnehmung gliedern und beschränken. Die Ergebnisse dieser Reflexion führen natürlich zu Hinweisen und Überlegungen, wo unsere Sprache ungerecht ist. Wie man mit diesen Erkenntnissen umgeht, ist eine spannende Frage. Aber auf eine konstruierte, gerechte Sprache, die dann jeder sprechen muss, wird es meiner Meinung nach kaum herauslaufen.
"People leave their bodies to science. I think cannibals would be so much more grateful."

 


  • Ähnliche Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Philosophie & Tiefgründiges“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste