Theist aus Gewohnheit?

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Akil
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Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon Akil » 01 Apr 2016, 06:12

Ich bin aus der Kirche ausgetreten und zwar vorgestern :P

Ich habe mich persönlich lange damit beschäftigt, woran ich eigentlich glaube. Ich habe früher, als Kind ab und zu gebetet, aber eher um "Gott auf die Probe zu stellen" oder, wenn ich Angst hatte, etc.
Daran, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt, habe ich nie wirklich geglaubt. Mythen aller Art haben mich aber schon immer fasziniert. Ich habe die Illias mehrmals gelesen, genauso wie die deutschen Götter- und Heldensagen und die alten Sagen der Germanen, die Sagen des klassischen Altertums, verschiedene Versionen der Odyssee. Und auch die christliche Mythologie finde ich irgendwie interessant. Die Reiter der Apokalypse, Engel, die für die ihnen zugewiesenen Völker kämpfen.
Ich liebe Mythos und Magie... aber als Geschichten.
Mit um die 16 habe ich dann begonnen, mich als Agnostiker zu bezeichnen, aber inzwischen bin ich der Ansicht, dass das falsch war. Ich denke zwar aufgrund von Logischen Bedenkgründen, dass man die Existenz eines oder mehrerer allmächtiger Wesen weder beweisen noch wiederlegen kann, aber ich glaube einfach daran, dass es so etwas nicht gibt.

Mein Vater ist sehr religiös, ist aber der Ansicht, dass Glaube etwas privates sein sollte, meine Mutter will bald auch aus der Kirche austreten. Sie regt sich über die evangelische Kirchenführung auf und will so einem Verein nicht mehr angehören.
Ich habe das Gefühl, dass viele nur aus Tradition der (christlichen) Kirche angehören. Nur wenige meiner Bekannten sind wirklich gläubig.

Wie ist das bei euch? Seid ihr Mitglied der Kirche? Denkt ihr, der Staat sollte die Kirche durch Steuern finanzieren oder sollte der Staat mit der Kirche nichts zu tun haben? An was glaubt ihr?

Einen guten Morgen von Akil :)
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Theist aus Gewohnheit?

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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon movieboy » 01 Apr 2016, 13:55

Ich bin auch schon seit längerem am überlegen ob ich aus der Kirche austrete. Aktuell hält mich davon nur die hohe Gebühr von 31€ in Bayern ab (25 € Austrittsgebühr + 6 € optionale Austrittsbescheinigung). Meine Eltern sind auch nicht religiös, wollen aber aus Gewohnheit noch in der Kirche bleiben (das einzige Mal das wir in die Kirche gehen ist an Weihnachten vor dem Essen ).
So richtig an Gott geglaubt habe ich eigentlich noch nie (in der ersten Klasse habe ich mal zu unserer Relilehrerin gesagt das es Gott gar nicht geben kann, weil die Satelliten schon längst ein Foto gemacht haben müssten :D ). Allerdings habe ich mir erstmal keine Gedanken dazu gemacht. Die Konfirmation hab ich gemacht weil es alle gemacht haben (und natürlich wegen dem Geld) ohne groß über Gott nachzudenken. Allerdings muss ich dazu auch sagen, wäre ich katholisch wäre ich schon längst aus der Kirche ausgetreten. Die evangelischen Vertreter aus unserer Umgebung (Relilehrerin und Pfarrerin) haben auch gerade zum Thema Homosexualität eine liberale Haltung. Wobei der letzte Kontakt zu denen auch schon etwas her ist, meine Konfirmation ist auch schon 3 Jahre her. Von dieser Seite hätte ich mit der Kirche also erstmal kein Problem. Allerdings habe ich mich seit ca. 2 Jahren intensiver mit Politik und auch mit dem Glaube auseinandergesetzt und muss auch zu dem Schluss kommen dass ich mich einfach nicht mit dem Glauben an eine höhere Macht und an die Kirche identifizieren kann.
Somit bin ich jetzt zur 11. Klasse in Ethik gewechselt. Auch hab ich in der Schule noch kaum jemanden getroffen der ernsthaft an Gott glaubt. Selbst diejenigen aus der Reliklasse. Auch sind im Verlauf der Jahre immer mehr aus meiner Jahrgangsstufe in Ethik gewechselt (Aktuell gibt es 2 Ethik Klassen, 2 Katholische und eine Evangelische).

Zum Thema wie der Staat mit der Kirche zusammenhängt bin ich der Meinung das die Kirchensteuer abgeschafft werden sollte. Die Kirchen sollten sich wie normale Vereine selber durch Mitgliedsbeiträge finanzieren. Warum sollten auch nicht Mitglieder, die Verwaltung die der Staat der Kirche abnimmt, bezahlen ? Des weiteren finde ich es einfach nur krass das es in einer modernen Gesellschaft wie heute immer noch das Kirchenarbeitsrecht gibt! So haben Kirchen zum Beispiel ein besonderes Kündigungsrecht und könnte zum Beispiel Homosexuelle wegen "fehlender Loyalität" feuern. Auch wenn insbesondere die evangelische Kirche hiervon meinen Erkenntnissen nach keinen Gebrauch macht, finde ich einfach nur die Existenz dieses Rechtes für absolut falsch.
Ich habe kein Problem mit Gläubigen. Insbesondere ältere Menschen suchen sich ja häufig Trost und Hoffnung in ihrem Glauben. Solange es im privaten stattfindet (somit keine Auswirkungen auf nicht Glaubige hat) und sie mich nicht missionieren möchten habe ich kein Problem mit der Kirche (zumindest mit der evangelischen). Aber dass der Staat wie aktuell noch so stark mit der Kirche verbunden ist, ist meiner Meinung nach nicht richtig.


Puh, jetzt hab ich mehr geschrieben als ich eigentlich wollte und so ziemlich jede Frage von dir beantwortet. Mal sehen welche Meinungen es noch so gibt :)

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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon TechBoy96 » 01 Apr 2016, 13:56

Hallo Akil! :)

Ich bin selbst überzeugter Atheist. Ich glaube weder an einen Gott oder eine Gottheit, noch an irgendwelche Religionen.
Die Erde ist 4,5 Mrd Jahre alt und alles was Lebt, ist das Ergebnis natürlicher Selektion und Evolution.
Es gibt für mich nur ein Leben, und zwar das vor dem Tod.
Der Tod ist das Ende - kein Himmelreich, keine Reinkarnation oder sonstiges - man ist einfach Tot.
Religionen sind für mich nur Mythologien und Dogmen, die unbedingt hinterfragt werden müssen.
Was Gottesbeweise angeht, sehe ich die Beweislast bei den Gläubigen und nicht bei den Atheisten.
Wer der Meinung ist, dass es fliegende Einhörner und Kobolde gibt und diese Ansicht logisch begründen möchte, der muss diese Existenz auch beweisen können - nicht umgekehrt.
Aber genau das ist ja der Grund, weshalb ich den Glauben an Gott und Religiosität persönlich ablehne: Es geht nur um Glauben und nicht um Beweise, Wissen oder Erkenntnis. Alles basiert auf Indoktrination.
Und zu guter Letzt: Ich brauche weder einen Gott, noch eine Religion. Ich bevorzuge eigenständiges und kritisches Denken.
Ich brauche auch keine Jahrtausende alten Bücher, die behaupten, "Göttliche Wahrheiten" zu überliefern, obwohl diese oftmals widersprüchliche Botschaften und absurde Geschichten über Wunder und Erscheinungen enthalten.

Ich bin im Dezember 2014 aus der Katholischen Kirche ausgetreten.
Ich glaube nichts von dem, was dort gepredigt wird.
Mich hat zudem auch die enorme Bigotterie, Heuchelei und Verlogenheit gestört, die bei vielen Predigern und Anhängern herrscht.
Andere Religionen sind in der Hinsicht jedoch auch nicht besser.

Ich plädiere immer für eine strikte Trennung von Kirche und Staat, sprich: Keine Kirchensteuer, Kein Religionsunterricht oder religiöse Veranstaltungen an öffentlichen Schulen, keine Bevorzugung einer Religion durch den Staat und somit rechtliche Gleichstellung aller Glaubensgemeinschaften.

LG
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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon fusselchen » 01 Apr 2016, 17:57

Also gut, ich probiere es mal aber es könnte langweilig und konfus werden… :D
Ich bin konfirmiert und nicht aus der Kirche ausgetreten. Ich glaube an ein „Gotteskonzept“, bin mir meiner christlichen Prägung bewusst und sehe mich trotzdem nicht als religiös im gängigen Sinne an.
Für mich ist es unerheblich ob es ein Leben nach dem Tod oder dergleichen gibt. Über Religionen, deren Sinn, Gefahren, Abgrenzungen und Gemeinsamkeiten zu anderen Religionen könnte man hier und anderenorts viel schreiben… ich lasse es mal weil es mir persönlich nichts nützt.
Unangenehm und schlimm finde ich, wie Kindern oftmals Religion vermittelt wird. Da bekommt man schon ein Bild vom „lieben Gott“ und den anderen Protagonisten vermittelt welches man später nur schwer, wenn überhaupt, wieder los wird.

Falls sich jemand wundern sollte, mein Bester und ich haben viele, viele Diskussionen um das Thema gehabt und auch echt viel dazu gelesen. Das macht mich sicher nicht zu einem Experten und manchmal habe ich das Gefühl das dieser massige Input mehr zur Verwirrung als zur Klärung beigetragen hat.

Mein BF und ich haben uns derzeit ungefähr hier eingependelt: Das praktizieren von Religion, der Glaube an einen Gott bzw. „höheres“ Wesen, das Beten, diverse religiöse Rituale sind das Streben nach Erleuchtung. Und zwar im Sinne von Buddha der auf die Frage, was Erleuchtung denn sei, antwortete: „Das Ende allen Leidens.“ Spötter könnten auf die Idee kommen, zu antworten: Ja gut, dann stirb doch, dann haste das erreicht… Wir sehen das aber als etwas an, mit dem sich alle mystischen und spirituellen Zweige des Juden- und Christentums und des Islam beschäftigen. Die 3 Buchreligionen (und wohl auch der Buddhismus, Taoismus und Hinduismus) sind sich meines Wissens nach im Grundsatz darüber einig, das „Leiden“ (also die inneren Leiden) ihren Ursprung unter anderem im Dualismus unseres Seins haben. Was ist damit gemeint? Mein BF und ich verstehen das so, das unsere gesamte erklärbare Welt auf Dualismus aufgebaut ist unter anderem weil unsere Sprache so funktioniert. Sprache braucht die Gegensätzlichkeit: Gut kann nicht ohne Schlecht existieren, Schwarz nicht ohne Weiss, Dünn nicht ohne Dick, dumm nicht ohne intelligent und so weiter. Erleuchtung ist etwas jenseits der Dualität, jenseits der ständigen Widersätze. Religion könnte man als den Versuch bezeichnen, etwas jenseits der Dualität mit den Mitteln der Dualität (Sprache und Schrift) zu erfassen und weiter zu geben. Das entspricht also wahrscheinlich ungefähr dem Versuch, einem von Geburt an blindem Menschen Farben erklären zu wollen. Das diesen Versuch viele ablehnen kann ich verstehen.
Ein anderer Aspekt des Leidens im o.g. buddhistischen Sinne ist die Verhaftung an Vergangenheit und Zukunft oder anders ausgedrückt: Die Abwesenheit der Gegenwärtigkeit. Schlicht: Wenn man die eigene Vergangenheit und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle Vergangenheit sein lassen würde (oder könnte) und sich über die Zukunft nicht den Kopf zerbrechen (müsste), wäre man dem Glück (Ende allen Leidens?) näher. Ein Weg dahin kann sein: Völlige Akzeptanz dessen was ist.

Ich beende das jetzt mal. Mir ging es darum unseren etwas anderen Weg zu zeigen. Wir haben uns auch die Fragen gestellt, ob man in der Kirche bleiben soll oder kann, wie das Verhältnis zwischen Staat und Kirche geregelt ist oder besser geregelt sein sollte aber durch ein paar Zufälle sind wir auf für uns viel spannendere, teils auch verstörendere Fragen gekommen.
Den ein oder anderen wird es freuen: Wir sehen uns nicht als erleuchtet an und haben unseren missionarischen Drang (so eine Phase bekommt jeder, der sich ernsthaft mit so etwas beschäftigt) abgelegt :) Wir sehen uns nach wie vor als pan- bzw. heterosexuelle Kerle, die aber für manch schwere Phasen im Leben inzwischen einige Werkzeuge mehr zur Hand haben.

In diesem Sinne…. :)

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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon Zuri » 01 Apr 2016, 23:18

Ich habe ebenfalls für mich sehr lange darüber nachgedacht und recherchiert. Witzigerweise gehe ich prinzipiell lieber in die Kirche als meine Eltern, die sich selber ohne groß darüber nachzudenken als Christen bezeichnen (Meine Eltern sind was in-die-Kirche-gehen anbelangt "Event"-/"Trittbrett"-/"U-Boot"-Christen und was es nicht sonst so für Bezeichnungen gibt). Das liegt bei mir aber vor allem daran, dass wir im Dorf immer tolle Pastoren hatten, deren Predigten immer sehr weltlich und mehr philosophisch denn religiös waren.

movieboy hat geschrieben:Meine Eltern sind auch nicht religiös, wollen aber aus Gewohnheit noch in der Kirche bleiben (das einzige Mal das wir in die Kirche gehen ist an Weihnachten vor dem Essen ).


Eine sehr schöne Diskussion übrigens, die mit "Ich bin aus der Kirche ausgetreten [...] Wie ist das bei euch? Seid ihr Mitglied der Kirche? Denkt ihr, der Staat sollte die Kirche durch Steuern finanzieren oder sollte der Staat mit der Kirche nichts zu tun haben? An was glaubt ihr?" begann und in verschiedenen Sichtweisen von Atheismus über Agnostizismus bis hin zu einer bewussten, eigenen Auffassung von Glauben aufging und Lust auf mehr macht.

Besonders der Kommentar von fusselchen hat mir gefallen. Nicht, dass die anderen Beiträge damit schlechter wären. Das liegt eher daran, dass ich es immer wieder toll finde, weg von einem "strengen Glauben" auf viel weitreichenderem Gebiet zu diskutieren und das ganze gut zu durchdenken. Aber dazu weiter unten mehr.

movieboy hat geschrieben:Zum Thema wie der Staat mit der Kirche zusammenhängt bin ich der Meinung das die Kirchensteuer abgeschafft werden sollte. Die Kirchen sollten sich wie normale Vereine selber durch Mitgliedsbeiträge finanzieren. Warum sollten auch nicht Mitglieder, die Verwaltung die der Staat der Kirche abnimmt, bezahlen ? [...] Aber dass der Staat wie aktuell noch so stark mit der Kirche verbunden ist, ist meiner Meinung nach nicht richtig.


Dem stimme ich ganz klar zu. Warum sollte jemand für etwas zahlen, was er nicht benutzt? Und allein schon da, dass Staat und Kirche an sich zwei Paar Schuh' sind, sollten sie auch so behandelt werden. Dasselbe ist ja in der jüngsten Diskussion über das Film- und Tanzverbot am Karfreitag aufgekommen.

movieboy hat geschrieben:Des weiteren finde ich es einfach nur krass das es in einer modernen Gesellschaft wie heute immer noch das Kirchenarbeitsrecht gibt! So haben Kirchen zum Beispiel ein besonderes Kündigungsrecht und könnte zum Beispiel Homosexuelle wegen "fehlender Loyalität" feuern.

Ja, das ist ohne Frage einfach nur unmöglich und weder moralisch noch arbeitsrechtlich in irgendeiner Weise gerecht. Nur, dass der Staat das weiterhin erlaubt. Ohne das jetzt für direkte Kirchenmitarbeiter zu legitimieren, aber es gibt ja sogar Entlassungen von Religionslehrern an katholischen Schulen, da dort der Arbeitgeber für Religionslehrer immer noch die katholische Kirche ist. Warum!?

TechBoy hat geschrieben:Die Erde ist 4,5 Mrd Jahre alt und alles was Lebt, ist das Ergebnis natürlicher Selektion und Evolution.
[...]
Ich bevorzuge eigenständiges und kritisches Denken.

Okay, dazu gab es immer wieder mal Diskussionen darüber, dass das eine das andere nicht zwangsläufig ausschließt, aber das lasse ich an dieser Stelle mal...

TechBoy hat geschrieben:Wer der Meinung ist, dass es fliegende Einhörner und Kobolde gibt und diese Ansicht logisch begründen möchte, der muss diese Existenz auch beweisen können - nicht umgekehrt.

Solange sich das darauf bezieht, dass du keinem Glauben angehören willst, aber nicht darauf, dass du Gläubigen ihre Religion absprichst, bin ich damit einverstanden ;)

TechBoy hat geschrieben:Mich hat zudem auch die enorme Bigotterie, Heuchelei und Verlogenheit gestört, die bei vielen Predigern und Anhängern herrscht.
Andere Religionen sind in der Hinsicht jedoch auch nicht besser.

Kann es sein, dass du da Glaube und Religion durcheinander wirfst? Oder denkst du über beide dasselbe?

Ich habe in einem Workshop mit dem Namen "Ethik- und Religionsgespräche" (bietet meine Schule halt statt klassischen Religionsunterricht an und ist bei weitem nicht so religiös oder religionsgebunden wie dieser) an meiner Schule erstmals von einer Theorie der Unterteilung des Religionsbegriffs gehört. Sie zeigt detaillierter, was wir oft zu einem Begriff vermischen und dann Sachverhalte nicht mehr auseinander halten können (wie beispielsweise bei der Frage ""Warum hat Fanatismus nichts mit Religion an sich zu tun, wenn er doch wie im Fall des IS religiös motiviert ist und sich dem Islam zugehörig fühlt?"):

  • Religion: die Rahmendaten, die eine Religion mit sich bringt (also die Thora/Tanach, Bibel, Koran, die Gemeinschaft)
  • Religiosity: der eigene Glaube. An was auch immer. Das ist nicht auf einen Gott beschränkt. Religiosity kann Spiritualität oder Esoterik sein (quasi der Sinn des Lebens, das was für einem der rote Faden im Leben ist).
  • Religism: das strikte Ausleben der Religion gegenüber anderen. Ist die Religismkomponente verstärkt, dann gibt es für dich nur eine Religion, und alle anderen sind falsch. Das geht bis dahin, dass man glaubt, sie müssten bekämpft und vernichtet werden. Was letzendlich zu Fanatismus führt; also die gefährlichste und am weitesten entfernte Komponente vom eigentlichen Religionsbegriff
Also das jetzt mal aus dem Kopf. Ich kann für 100% Korrektheit an dieser Stelle nicht garantieren.

TechBoy hat geschrieben:Ich bevorzuge eigenständiges und kritisches Denken.

Ich glaube, dass, wenn man das will, man, wie man am Beispiel von fusselchen sehen kann, genau damit erst zu einem Glauben finden kann (wie gesagt, wenn man sich nicht für Atheismus entscheidet, was auch völlig legitim ist).

TechBoy hat geschrieben:Ich plädiere immer für eine strikte Trennung von Kirche und Staat, sprich: Keine Kirchensteuer, Kein Religionsunterricht oder religiöse Veranstaltungen an öffentlichen Schulen, keine Bevorzugung einer Religion durch den Staat und somit rechtliche Gleichstellung aller Glaubensgemeinschaften.

(y)
Wobei: Der Religionsunterricht sollte natürlich nicht wegfallen, sondern halt sowas wie Ethik und Philosophie haben.

fusselchen hat geschrieben:Da bekommt man schon ein Bild vom „lieben Gott“ und den anderen Protagonisten vermittelt welches man später nur schwer, wenn überhaupt, wieder los wird.

Ich habe ebenfalls eine "christliche Erziehung" erfahren. Damit meine ich jetzt weder eine katholische Strenge, noch starke Gläubigkeit der Eltern, sondern eher dieses kleine, verborgene, was du in dem Zitat auch beschreibst, fusselchen: So Dinge, die auch oft bereits Teil der Kultur sind und keiner mehr so wirklich darüber nachdenkt, aber die ihren Ursprung in (der Denkweise) einer bestimmten Religion haben. ist nicht böse gemeint, aber muss nicht sein.

@fusselchen: Deine Theorien zu Erleuchtung und Dualität haben mir sehr gefallen :3

Ja, ich glaube auch an eine solche Dualität (oft auch Ying & Yang). Ich selber fühle mich mittlerweile dem zugehörig, was unter dem Begriff Synkretismus zusammengefasst ist. Das klingt erstmal nach: Kann man sich biegen, wie man will, aber natürlich setzt das viel Wissen/Verständnis und Recherche (dennoch sind wir alle fehlbar und nie allwissend) und eine gewisse Verantwortung sich selbst gegenüber voraus: Synkretismus bedeutet im Kern, dass man sich seine eigene Religion aus dem Besten aus anderen Religionen und Weltanschauungen "zusammenpuzzled". Wie gesagt, sehr subjektiv, aber sollte deshalb auch nach besten Wissen und Gewissen zusammengestellt und ständig hinterfragt und konkretisiert werden.

Ich mache hier mal fürs Erste Schluss, da ich eh nicht glaube, dass das hier allzu viele lesen werden. Tut mir leid, dass das so lang geworden ist.
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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon Akil » 03 Apr 2016, 19:55

fusselchen hat geschrieben:Wir sehen uns nach wie vor als pan- bzw. heterosexuelle Kerle
Meinst du pan- bzw. homo? oder missverstehe ich die Beziehung zwischen deinem BF?

Zuri hat geschrieben:Eine sehr schöne Diskussion übrigens,
Finde ich auch :D Deswegen habe ich das ganze ja angestoßen ;) Zu deinem Punkt was ist Religion, Religiosity, Religism... Ich habe das bisher so verstanden, dass Glaube das ist, woran du glaubst, Religion hingegen dass, was gelehrt wird. Allerdings sind dass auch keine wissenschaftlichen Begriffe, von daher wird das im alltäglichen Sprachgebrauch nach Lust und Laune verwendet :x

Ich bin insofern vollkommen dafür, dass jeder Glauben dürfen muss, was er will! Aber organisierte Religion ist meiner Ansicht nach ein Machtkonstrukt, das außerhalb der staatlichen Kontrolle steht und mit einem Glauben an sich erst einmal nichts zu tun hat. Von Papst, Kirchenbau etc. steht nicht in der Bibel, dass wir das heute so zu machen hätten, wie es heute gemacht wird. Das wird gerade im historischen Kontext der Reformation sehr deutlich. Luther hat nicht den Glauben, sondern die Deutungshoheit der Kirche in Frage gestellt, deswegen war er so gefährlich ;)
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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon fusselchen » 03 Apr 2016, 20:01

Ich pansexuell, er (leider zu einer gewissen Zeit meines Lebens :D ) heterosexuell. Falls zu kompliziert: Ich war mal in ihn verknallt und das war keine allzu schöne Zeit.

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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon Zuri » 03 Apr 2016, 20:11

Akil hat geschrieben:Zu deinem Punkt was ist Religion, Religiosity, Religism... Ich habe das bisher so verstanden, dass Glaube das ist, woran du glaubst, Religion hingegen dass, was gelehrt wird.

Ja, so interpretiere ich die Begriffe an sich auch. Diese Dreiteilung ist wahrscheinlich nur eine andere Definition. Du kannst Glauben da recht gut mit Religiosity gleichsetzen ;)

Akil hat geschrieben:Aber organisierte Religion ist meiner Ansicht nach ein Machtkonstrukt, das außerhalb der staatlichen Kontrolle steht und mit einem Glauben an sich erst einmal nichts zu tun hat. Von Papst, Kirchenbau etc. steht nicht in der Bibel, dass wir das heute so zu machen hätten, wie es heute gemacht wird.

Da gebe ich dir recht. Wenn man sich mal den Pastafarianismus (fliegendes Spagetthimonster, ja, in erster Linie Satire, völlig klar) anschaut, sieht man hier neben bloßen Absurditäten (tragen von Nudelsieben) auch treffende Kritik ("Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht Multimillionendollar-Kirchen, Moscheen, Tempel, Schreine für Meine Nudlige Güte erbauen. Das Geld kann man nun wirklich sinnvoller anlegen. Sucht euch etwas aus:
  • Armut zu beenden
  • Krankheiten zu heilen.
  • in Frieden leben, mit Leidenschaft lieben und die Kosten von Kabelfernsehen senken. Mag ja sein, dass ich ein komplexes, allwissendes Kohlenwasserstoffwesen bin, aber ich mag die einfachen Dinge im Leben. Ich muss es wissen, ich bin der Schöpfer.
")
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegende ... e.E2.80.9C

Akil hat geschrieben:Luther hat nicht den Glauben, sondern die Deutungshoheit der Kirche in Frage gestellt, deswegen war er so gefährlich

Und mit seiner Bibelübersetzung hat er dazu noch allgemein zu einem selbstbestimmteren, auf bewussten eigenen Überlegungen beruhenden Glauben beigetragen. Dazu kommt auch noch der Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, den ich in dem Zusammenhang sehr wichtig finde.
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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon fusselchen » 04 Apr 2016, 16:38

Zuri hat geschrieben:@fusselchen: Deine Theorien zu Erleuchtung und Dualität haben mir sehr gefallen :3

Danke :) Es freut mich, das jemand mit dem Thema was anfangen kann.

Interessanterweise habe ich gestern wieder mal in Anekdoten über Ramesh S. Balsekar gelesen und dazu was gefunden. Man kann also wohl noch zwischen Dualität und Dualismus unterscheiden....
Ehrlich gesagt, das ist alles manchmal auch zum verrückt werden. Erleuchtung liegt jenseits von Sprache, Form, Gedanken, Gefühle, Vergangenheit und Zukunft und doch werden so viele Worte und geistreiche Einwendungen dazu gemacht, das man denken könnte, man hat es selbst einfach nicht drauf. Aber auch darüber muss man hinweg kommen, anscheinend ist das auch so ein Stolperstein auf dem Weg des "Suchenden" :lol:

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Re: Theist aus Gewohnheit?

Beitragvon theshyguy » 04 Apr 2016, 19:32

Ich bin nicht gläubig oder religiös. Meine Mutter hatte schon immer die Meinung ich solle es mir aussuchen wenn ich alt genug bin. Und ich habe für mich festgestellt das mich das nicht interessiert.
Hot like the Sun,
and wet like the Rain.

Re: Theist aus Gewohnheit?

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