Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Lyrik, Ansichten und Debatten - für alles was Kopf und Geist entspringt.

Lebst du in der Realität?

Ja!
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78%
Weiß ich nicht ._.
2
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Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon failz0r » 03 Mär 2013, 02:37

Habe mich soeben mit Eskapismus beschäftigt, da mich das selber mehr oder weniger betrifft und ich mir da ziemlich Gedanken drüber mache.
Weiterhin kann ich mir gut vorstellen, dass viele Homosexuelle in ein Phantasma (szenische Traumvorstellung) bewusst oder unbewusst rutschen. .. Weil ihnen der Wunsch nach einem Heterosexuellen schlichtweg offen bleibt. Und sie wissen auch, dass es immer ein Wunsch bleibt, können sich aber damit nicht real abfinden.

Es geht also um die Flucht vor der Realität, wobei ich eine interessante Idee im Netz gefunden habe:
stellt sich dann noch die Frage, ob die Realitätsflucht nicht auch ein Bestandteil der Realität ist :-) .. mehr auf http://w-w-w.ms/a2yij5#4972441


recht philosophisch angehaucht, aber ich finde das Thema hoch interessant - aus genannten Gründen.
Meinen Überlegungen zufolge, steckt hier die Frage nach der Wirklichkeit (hier nur als "Realität" bezeichnet) dahinter.
Mach man sich Gedanken darüber, warum diverse Personen die Wirklichkeit nicht akzeptieren wollen, müsste man imho die "Wirklichkeit" erstmal definieren.
Und da sind wir beim Punkt: Was ist denn überhaupt Realität? Oder ist der Gedanke an unsere Nicht-Realität die Realität? Und wenn wir uns fragen, ob die Nicht-Realität die Realität ist, ist das nicht auch die Realität? Oder etwa nicht?

Ich glaube, dass unser größtes Problem in der Unfähigkeit liegt, eine Wirklichkeit nachzuweisen. Das geht einfach nicht. Denn für den Beweis, müssten wir erstmal - meiner Meinung nach - in einem System über der Wirklichkeit stehen:
Ein Brett lässt sich auch nur von zwei Seiten mit Flacher Hand greifen.
Wir befinden uns also jetzt nur auf einer Seite und dazu scheinen wir noch einfach drauf zu gleiten..


Ich denke, wenn wir das Brett greifen könnten (also die Realität), was bedeuten würde, dass wir Kontrolle über die Wirklichkeit hätten, würde jegliche Gesellschaft kraftlos zusammenbrechen.

Aber ich drehe mich gedanklich immer im Kreis: Meine gesamten Gedanken, die ich gerade aufgeschrieben habe.. ist das nicht die gegenwärtige Wirklichkeit?? Hieße das nicht, dass wir das Brett schon in der Hand haben? ... dass wir nur nicht in der Lage sind, damit umzugehen? .. oder beherrscht uns die Realität? .. Dass ich sozusagen dazu bestimmt bin, mir diese Gedanken zu machen? Oder bin ich mitten drin im Sumpf der Realitätsflucht?


Ich möchte diese Ideen einfach mal in den Raum stellen, weil ich alleine nicht vorankomme. Was meint ihr so zu der Thematik Realitätsflucht und der Frage nach der Wirklichkeit?
Dieser Satz ist falsch.

Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon Schulbuch » 03 Mär 2013, 08:19

1.
Es ist völlig unmöglich nicht in der Realität zu leben.
2.
Jeder erschafft seine Realität.
3.
Jede Realität ist gleich viel wert.

Unter diesen drei Erkenntnissen ist "Realitätsflucht" ein eigentlich unsinniges Wort, das darauf abzielt die Weltanschauung eines Menschen abzuwerten und eine "richtigere" Realität zu postulieren. Somit ist das Wort "Realitätsflucht" selbst eine größere Illusion als es die so bezeichnete Lebensweise jemals sein kann.

Der Kern des Problems der Realität mag folgender sein:

Der Mensch als zeitliches Wesen.

Gefangen in der Illusion von Vergangenheit und Zukunft, unfähig den Geist gleichzeitig mit dem Körper leben zu lassen. Du hast das Gefühl, dass wenn wir uns von dieser Illusion befreien und in der Realität zu leben beginnen "würde jegliche Gesellschaft kraftlos zusammenbrechen". Ohne die Illusion der Zeit gibt es keinen Fortschritt. Stimmt diese Aussage wirklich? Logisch gesehen ist Fortschritt die Überwindung der Vergangenheit zu Gunsten der Zukunft. Tatsächlich gibt es aber nur den Augenblick, der sich selbst überwindet. Zukunft ist einzig das, was unser Geist zu konstruieren vermag. Vergangenheit ist einzig das, was unser Geist zu rekonstruieren vermag. Ohne diese geistige Konstruktionsarbeit bleibt nur noch die Informationen und die Interpretation der eigentlichen Realität übrig.

Die Frage ist also, ob wir Vergangenheit und Zukunft benötigen, um die Realität zu lenken. Sicher ist, dass Realität auch - oder gerade nur - ohne Zeit existiert.

Wenn Zeit die Selbstüberwindung des Augenblicks ist, war keine Vergangenheit je Realität und wir keine Zukunft je Realität werden, denn es wird immer Gegenwart sein. Der Augenblick überschreibt unaufhörlich jede Vergangenheit und erschafft seine eigene Zukunft.
Wenn Zeit die Überwindung der Vergangenheit hin zur Zukunft ist, darf es keine Gegenwart geben, denn sie wäre die Unterbrechung des Zeitflusses. Jede Vergangenheit war real und jede Zukunft wird real werden. Doch es darf nichts geben, was real ist, denn jedes "ist" ist ewig, ist zeitlos und muss erst durchbrochen werden, damit etwas Neues sein kann.
Also haben wir die Wahl zwischen dem ewigen Kreislauf des Augenblicks und dem ewigen Fluss, welcher nie seine Vergangenheit verlässt, sondern sie nur verlängert und nie seine Zukunft erreicht.

Diese zwei Zeitanschauungen trennen auch die zwei bedeutendsten Weltanschauungen:
In der ersten Zeitform sind wir uneingeschränkter Herrscher über unser jetziges Leben nur unsere Gegenwart bestimmt uneingeschränkt den nächsten Augenblick. In der zweiten Zeitanschauung sind wir absolut determiniert, erst die Summe der Vergangenheit ermöglicht eine Zukunft.
In der ersten Zeitform sind wir bereits vollkommen, jeder neue Augenblick entsteht durch die Vervollkommnung des anderen. In der zweiten Zeitanschauung werden wir nie vollkommen sein können, da es immer eine neue Zukunft geben muss.
In der ersten Zeitform ist das Glück eines Augenblicks gleichzeitig ewiges Glück. In der zweiten Zeitanschauung existiert kein Glück in der Gegenwart, nur ein konstruiertes Glück einer Vergangenheit und einer Zukunft.

Doch halt, beide Varianten stimmen doch meist nicht mit unserem Empfinden überein! Wir alle empfinden doch in gewissen Augenblicken Glück, dass weder eine Erinnerung an Vergangenes noch eine Hoffnung für die Zukunft darstellt und dennoch vergeht es und ist nicht ewig! Ist das nicht die dritte Zeitform, ist das nicht unsere Zeitform? :
Das ewige Vernichten des Augenblicks zur Erschaffung der Illusion einer gewollten Zukunft. Und damit eingeschlossen: Der Wille zum eigenen Untergang, zum Untergang einer sinnlosen Gegenwart.

1.
Die Zeit Gottes.
2.
Die Zeit der Logik.
3.
Die Zeit des Menschen.

Wobei die Zeit des Menschen wohl am ehesten der Bedeutung von "Realitätsflucht" gleichkommt.
Ich persönlich würde nun hinterfragen, warum man die Realität überhaupt zu lenken versuchen sollte, aber diese Frage raubt zweifellos jeder "idealen Zukunft" ihre Kraft. Und viele Menschen hängen sehr an ihrer (idealen) Zukunft...
Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?


Also lasse ich meinen eigenen Beitrag zu dem Thema damit gut sein. Ob die Zahlen gleichzeitig eine Rangordnung darstellen sollen, bleibt dem Leser überlassen.
So weit ich das übrigens physikalisch verstanden habe ist "Realität" die Auflösung von Wahrscheinlichkeiten mithilfe der Zeit. Aber vielleicht kann hier ein Physik-Experte mehr dazu sagen, das Zeit-Thema bietet sich dafür auch an.

Ich füge ich noch einige Zitate an, an denen man sich orientieren kann:

»Gegen den Positivismus, welcher bei dem Phänomen stehen bleibt „es giebt nur Thatsachen“, würde ich sagen: nein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen.«
Friedrich Nietzsche

- In Bezug zu "die Wirklichkeit nicht akzeptieren wollen"; alternative Interpretationen der Wirklichkeit.
»Was ist also Wahrheit? [...] die Wahrheiten sind I l l u s i o n e n , von denen man vergessen hat, dass sie welche sind [...]«
Friedrich Nietzsche
»Es bleibt uns also nur die Wahl zwischen falscher Erkenntnis oder gar keiner.«
David Hume (1711 - 1776)

- In Bezug zur Unmöglichkeit "eine Wirklichkeit nachzuweisen".
»Es ist nichts. Wenn etwas ist, so ist es den Menschen unerfaßbar. Wenn es auch erfaßbar ist, so ist es nicht auszudrücken und kann vom Nächsten nicht verstanden werden.«
Gorgias (ca. 480 - 380 v. Chr.)

- In Bezug zur Zeitform 2 gesetzt, in der es kein "ist" geben darf, also "nichts" sein muss; gleichzeitig auch in Bezug zu den Grenzen der Sprache und der Subjektivität alles als "seiend" Erkanntes.
»Es gibt keinen abbild- oder theorieunabhängigen Realitätsbegriff.«
Stephen Hawking (geb. 1942)

- In Bezug gesetzt zu den völlig verschiedenen "Realitäten", die sich aus meinen Zeit-Theorien ergeben.
»Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von „wahr“ und „falsch“ giebt? Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des Scheins, –« [...]
»Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht –, nicht eine Fiktion sein?«
Friedrich Nietzsche

- Oder: Die Schönheit individueller Vielfalt.
»Die seiende Welt ist eine E r d i c h t u n g – es giebt nur eine werdende Welt . – So könnte es sein ! «
Friedrich Nietzsche

- "Seiend" als Stillstand, "werdend" als Fortschritt; daher die nötige Selbstüberwindung des Augenblicks (1.).
»Ich bin sogar grundsätzlich des Glaubens, daß die falschesten Annahmen uns gerade die unentbehrlichsten sind, daß ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktion , ohne ein Messen der Wirklichkeit an der e r f u n d e n e n Welt des Unbedingten, Sich-selber-Gleichen der Mensch nicht leben kann und daß ein Verneinen dieser Fiktion , ein praktisches Verzichtleisten auf sie, so viel wie eine Verneinung des Lebens bedeuten würde.«
Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)

In diesem Sinne ein Hoch auf die Phantasie unseres Geistes.


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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon failz0r » 03 Mär 2013, 13:05

Jeder erschafft seine Realität.


Das nimmt dem Wort "Realität" seine eigentliche Definition. Wenn jeder eine eigene Realität hat, mögen sie in mehr oder weniger Punkten übereinstimmen, gibt es nicht DIE Realität - die "richtigere" Realität, von der wir aber alle auszugehen scheinen.
Dass der Kern des Problems in der Zeit liegt klingt logisch. Auch wenn dein Beitrag logisch und in sich absolut stimmig ist, ich finde in deinen Ausführungen keine Beweise. Ich schließe daraus: Du hast dir selbst durch deine Erklärungen die Realität erschaffen. Klar, ich denke mal wieder viel zu positivistisch, aber wer kann beweisen, dass es falsch ist, positivistisch zu denken? Wer kann beweisen, dass eine andere Denkensweise richtig sei? .. Niemand, wenn es nicht DIE Realität gibt. Niemand ist also in der Lage, das Richtige - DIE Realität - zu greifen. Jeder erschafft sich aber seine Realität, aus der er nie heraus kommt, ohne sich ein einziges mal absolut sicher zu sein, dass diese Realität für ihn die richtige ist. Aber wir haben noch nichtmal Kontrolle über die Entstehung unserer Realität: Ist es nicht unser bestreben, für uns alles beste zu machen?

Dorothee Zölle schrieb:
Es ist der Wunsch, ganz zu sein, das Bedürfnis nach einem unzerstückten Leben. [...] Es ist zugleich der Wunsch nach einem Leben ohne Berechnung und Angst, ohne äußere oder bereits verinnerlichte Erfolgskontrolle, ohne Absicherung.


Um es in anderen Worten zu schreiben: Wir wollen ohne Absicherung und ohne Erfolgskontrolle leben.
Klingt doch total paradox. Hieß es nicht immer, dass wir immer das beste für uns wollen? Bedeutete dieses Zitat nicht dann, dass uns Absicherung gut tun sollte?

Ich glaube eher, dass das Problem in der unterschiedlichen Interpretation dieser, dem Konstruktivismus entspringenden Realität (..ich krame mal meine Religionsaufzeichnungen heraus...):

1. Logos: Das für uns greifbare, logische, schlüssige.
2. Mythos: mehrdeutig, abstrakt, nicht messbar

Das logische ist klar: Unsere Umwelt, Wahrnehmungen, ...
Was ist aber mit dem Mythos? Können wir den überhaupt fassen?
Heißt das alles nicht, dass wir uns auf das logische beschränken und damit unsere Einsicht einengen?

Um nochmal zur Definition von Realität zu kommen: Ich habe eine sehr interessante Ausführung gefunden:

Realität = Übereinstimmung von Sachverhalt und Aussage/Meinung/Einsicht. Gäbe es diese nicht, könnten wir noch nicht einmal sagen "dort steht ein Baum"


Logos: Es steht definitiv ein Baum dort.
Mythos: ??

Damit wäre ja gezeigt, dass es DIE Realität im Logos gibt. Aber was ist mit dem Mythos nur los? Bilden wir uns den nur ein? Gibt es überhaupt noch etwas anderes, als den Logos, .. dass dort eben ein Baum steht?

Ich denke jetzt passt deine Zeit ziemlich gut rein:
Doch es darf nichts geben, was real ist, denn jedes "ist" ist ewig, ist zeitlos und muss erst durchbrochen werden, damit etwas Neues sein kann.


Das logische widerspricht dem. Aber ich versuche das mal auf das mythische anzuwenden:
Wenn wir einen Baum sehen, dann ist das logisch und ist definitiv das, was ist.
Dass es sich aber um einen "Baum" handelt, wissen wir aus der Vergangenheit. Auch können wir Rückschlüsse darauf geben, dass dieser Baum irgendwann mal entstanden ist, weil wir auch aus der Vergangenheit wissen, dass ein Baum wächst.
Ferner können wir sagen, dass dieser Baum auch noch weiterhin dort stehen wird. Wir erstellen uns also mit dem Wissen der Vergangenheit unsere Zukunft? Quasi unsere Realität? ... Wir können ja noch lange nicht alles erkundet haben. Jeden Tag kommen neue Erkenntnisse hinzu. (Ich betrachte jeden Mensch als Individuum) Das hieße aber, dass wir für immer abgestumpft bleiben, weil wir nie alles wissen können, weil es immer etwas neues geben wird.

--
Um mich nochmal kurz zu fassen: Es gibt nichts atemberaubenderes als die Gegenwart. Denn bevor sie nachgewiesen ist, ist sie schon wieder Vergangenheit.

Gibt es also überhaupt eine Gegenwart, oder wird unser Mythos einfach nur durch Faktoren des Logos getäuscht?
Dieser Satz ist falsch.

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon bluesky » 03 Mär 2013, 14:13

Ich versuch jetzt mal, ein paar Dinge zu ordnen, die mir zu dem Thema gerade durch den Kopf schießen. Kann etwas unübersichtlich werden. Nur zur Warnung.

1. Realität & Wirklichkeit:
Ich glaube, es macht Sinn hier verschiedene Arten von Wirklichkeit zu unterscheiden und Realität ist nur eine davon.
Realität (abgeleitet vom lateinischen "res" = "Sache") bezeichnet in der Regel die dingliche Wirklichkeit: Steine, Bäume, Häuser, Planetensysteme, ect. Es gibt aber auch anderes, was wirklich, aber nicht real ist. Zum Beispiel die Inhalte unseres Bewusstseins. Die Vorstellung eines Tisches ist zwar wirklich (denn ich sie IST ja in meinem Bewusstsein), aber sie ist nicht real, weil es nur eine Vorstellung und keine Sache ist; darum auch der existenzielle Unterschied zwischen einem Tisch und der Vorstellung von einem Tisch. Dinge, die zwar wirklich aber nicht real sind, sind zum Beispiel Gefühle, Empfindungen, Drachen, Einhörner, ect. All diese Dinge gibt es. Aber nicht in der Realität (=dinglicher Wirklichkeit), sondern nur im Bewusstsein. Aber es gibt sie. Nur hat jeder Einzelne eben nur seinen persönlichen Zugang zu solchen Dingen. Ich kann nicht wirklich wissen, was ein anderer denkt/empfindet und auch nicht meine Vorstellung von Einhörnern mir der eines anderen messen, z.B. mit jemandem sinnvoll streiten, ob Einhörner Wiederkäuer sind oder nicht, denn das ist der Vorstellung jedes Einzelnen überlassen. Eine besondere Art von Dingen, die wirklich, aber nicht real sind, sind die, die zwar im Bewusstsein vorkommen, zu denen aber doch alle Zugang haben und über die wir sehr wohl streiten können: Mathematik, Logik, ect. Zahlen sind ja nicht real (=dinglich wirklich), ich werde nirgendwo in der Welt einer 2 begegnen. Aber wir alle haben den gleichen Zugang dazu, dass 2+2=4 ist.
Hier sollte man glaube unterscheiden, vor was man denn jetzt beim Eskapismus flieht. Vor der Realität (Wirklichkeit 1, Dinge), vor unseren persönlichen Bewusstseinsinhalten (Wirklichkeit 2, Gefühle, Fantasien) oder vor den allgemein zugänglichen Bewusstseinsinhalten (Wirklichkeit 3, logische Schlussfolgerung/Einsichten). Alle 3 Wirklichkeiten bilden die Existenz (=das, was ist).

2. Was uns gegeben ist:
Man kann an fast jeder Art von Wirklichkeit zweifeln. Aber sinnvollerweise nicht daran, dass man selbst existiert. "Ich denke, also bin ich." Wenn ich an etwas (z.B. der Wirklichkeit) zweifle, dann muss es eben auch ein etwas geben, das zweifelt. Wenn ich also zweifle, dann ist das ein Beweis, dass ich existiere. Das ist uns sicher gegeben. Vielleicht stimmt mein Selbstbild nicht (Wirklichkeit 2), aber es gibt mich (Wirklichkeit 1). Dummerweise kommt man von dieser Erkenntnis nicht direkt zur Antwort, ob es noch etwas anderes, als einen selbst gibt. Denn der Rest der Welt ist uns nur als Phänomen gegeben. Und unsere Wahrnehmung dieser Phänomene könnte ja auf Täuschung beruhen.

3. Gibt es also eine Welt außerhalb meiner selbst?
Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Ich könnte all das ja auch nur träumen. Dennoch ist es wohl sinnvoll, davon auszugehen, dass das, was ich um mich herum sehe, nicht nur leerer Schein ist. Ich habe zwar keinen unmittelbaren Zugang dazu (wie zu meiner Wirklichkeit 2 und Wirklichkeit 3), aber selbst, wenn ich nicht sagen kann, wie die Realität (Wirklichkeit 1) denn jetzt AN SICH ist, kann ich doch sagen, wie sie FÜR MICH ist. Aber ich kann nicht 100% sicher sein, dass sie überhaupt existiert und keine Einbildung ist. Zumindest nicht durch theoretische Beweise. Dennoch ist es sinnvoll davon auszugehen, dass es etwas außerhalb meiner selbst gibt, wie diese Erzählung von Brecht zeigt:
Im alten China trafen sich die Weisen einst in einem Kloster am Gelben Fluss, um klären, was wirklich ist und was Einbildung. Weil die Frage zu unanschaulich war, formulierten sie sie an folgendem Beispiel: Existiert der Gelbe Fluss, der an unserem Kloster vorbeizufließen scheint oder ist er nur Einbildung? Weil sie sich nicht einigen konnten, diskutierten sie den ganzen Winter. Als im Frühling die Schneeschmelze begann, trat der Gelbe Fluss über die Ufer, überflutete das Kloster und alle Weisen ertranken. Da nun alle Weisen im Gelben Fluss ertrunken waren, konnte die Frage, ob er existiert nicht mehr geklärt werden. (Das war ein Glück für den Gelben Fluss, denn die Weisen waren kurz davor, zu verkünden, dass es ihn gar nicht gibt.)

4. Wovor flieht der Eskapist?
Vor der Realität (Wirklichkeit 1) kann man nicht fliehen. Denn die ist da, ob wir sie anerkennen oder bestreiten. Vor Wirklichkeit 3 können wir versuchen zu fliehen, aber es endet im Selbstbetrug. Ich kann mir versuchen einzureden, dass 2+2=4 falsch ist, aber ich belüge mich damit selbst; ich kann mich auch verrechnen, aber das wäre ein Schnitzer und kein Eskapismus. So auch mit logischen Schlüssen über mein Leben. Ich kann davor nicht fliehen, weil ich ihnen nie entkommen kann. Sie bleiben immer bei mir, weil sie immer einsichtig sind und ihre Leugnung mir selbst als Betrug bewusst bleibt. Wovor ich als Eskapist fliehen kann, ist am Ende nur Wirklichkeit 2, also meine eigenen Vorstellungen, Gefühle, Wünsche, ect. Ich kann mir erfolgreich einreden, jemanden nicht zu lieben, bis ich ihn irgendwann tatsächlich nicht mehr liebe. Ich kann meine Träume und Ideale verraten, bis es nicht mehr meine Träume und Ideale sind. Ich kann also vor mir selbst davonlaufen (Wirklichkeit 2) und mich verlieren. Aber ich kann nicht der Realität (Wirklichkeit 1) entkommen und auch nicht den Einsichten der Wirklichkeit 3.

5. Was ist das Problem des Eskapisten?
Grundsätzlich gibt es mit dem Eskapismus kein zwingendes Problem. Wenn ich ihn bewusst und überlegt einsetze, kann er mir helfen, mein Leben erfüllt zu gestalten. Ich kann ihn (wie oben erwähnt) z.B. einsetzen, um etwa über eine unglückliche Liebe hinwegzukommen. Auch jede Menge anderer sinnvoller Anwendungen sind möglich, indem man sich etwas einredet, um dieses etwas dann auch tatsächlich zu erreichen. „Ich kann das schaffen!“ (obwohl ich eigentlich kaum eine Chance habe) – und dann schaffe ich es tatsächlich. Das Problem ist wohl nur, dass wir den Eskapismus in der Regel eben gerade NICHT auf diese Weise gestaltend einsetzen, sondern rein reaktiv. Das heißt, wir REAGIEREN damit auf die Probleme unseres Lebens, anstatt zu AGIEREN, also zu planen, die Initiative zu ergreifen, unseres eigenen Glückes Schmied zu sein. Wir flüchten feige vor uns selbst (Wirklichkeit 2), bis wir uns selber nicht mehr einholen und versauen uns damit ein erfülltes Leben. Dabei ist der Eskapismus aber nur ein neutrales Werkzeug. Wir setzen es halt in der Regel nur völlig falsch ein.

6. Kenne ich das Problem des Eskapisten aus dem eigenen Leben?
Oh ja! Und es gibt ganz wenige Dinge, für die ich mich so sehr schäme, wie dafür. Man vergeudet die knappst Ressource, die man hat – seine Lebenszeit. Und kriegt dafür nichts von Wert. Man wird (sorry, dass ich das so hart sage, aber ich spreche hier von mir selbst) irgendwann ein verdammter Feigling und Idiot und kommt mit dem eigenen Leben nicht mehr so klar, wie man es will. Was hat man von der Flucht in eine Fantasiewelt, wenn man doch ein erfülltes Leben dafür opfern müsste? Am Ende versaut es einem das Leben, weil die eigene Existenz zerreißt: die 3 Wirklichkeiten passen dann nicht mehr zusammen. Aber man kann vor Wirklichkeit 1 und 3 nicht fliehen. Folglich kommt man mit der Realität (=dingliche Wirklichkeit1)nicht mehr klar und muss als Strafe auch noch die eigene Verlogenheit und Unzufriedenheit ertragen, die einem Wirklichkeit 3 um die Ohren hat. GUT SO! Wenn es nicht wehtäte, würde man es auch nicht ändern. Was also tue ich, wenn ich wieder in den Eskapismus abgleite? Ich beiße mir auf die Zunge, grabe meine Fingernägel in einen Arm, schüttle mich kurz und brülle innerlich: „RAUS DAMIT! RAUS DAMIT! RAUS DAMIT! – Stell dich nicht so an. Das hier und jetzt ist wirklich. DAS ist dein Leben. Jetzt kommt verdammt noch mal damit klar!“

(Sorry für den langatmigen Post.)

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon failz0r » 03 Mär 2013, 15:46

Finde ich ganz und gar nicht unübersichtlich ;)

Diese drei Wirklichkeiten erinnern mich an Hemlut Seiffert - Die Dreidimensionalität (..des sprachlichen Zeichens):
Er findet beim Spaziergang ein Stöckchen, über welches er sich nicht weiter wundert. Später sieht er spielende Kinder, die vorbeilaufen. Es scheint, als ob sie sich an dem Stöckchen orientieren würden - er vermutet aber nur.
1. Ein Stöckchen = Das was da liegt / Die realität
2. Das Stöckchen scheint etwas auszusagen = Der Symbolgehalt wird bewusst, man entwickelt Gefühle und Fantasien
3. Das Stöckchen zeigt den Kindern eine Richtung = Bedeutung des Symbols / logische Schlussfolgerung / Einsicht

Das hier ist tatsächlich eine Art, wie man denkt.
Es gibt aber gegen diese, bzw. auch auf diese bezugnehmende andere Theorien: Jost Trier, Karl Bühler, Umberto Eco ..

Und wieder taucht die Frage auf: Welche Theorie stimmt jetzt?


Deine Ausführungen, bluesky, in den Punkten 4,5 und 6 kann ich so, wie sie sind nur unterstreichen!
Dennoch: Dieses "RAUS DAMIT! RAUS DAMIT! RAUS DAMIT! - Stell dich nicht so an. [...]" ist das nicht eigentlich wahnsinniges Verhalten? (p.s. ich denk genauso..)
Dieser Satz ist falsch.

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon bluesky » 03 Mär 2013, 18:47

@failz0r:
- Freut mich sehr, dass du mit den Punkten 4 - 6 so einverstanden bist. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das so posten soll.
- Das mit den 3 Wirklichkeiten habe ich grob an Poppers 3 Welten angelehnt. Der unterscheidet 1. Welt (physikalische Realitaet), 2. Welt (Psyche/Bewusstsein) und 3. Welt (objektive Theorien).
- Das mit dem "Raus damit" usw. ist in der Praxis nicht so verrueckt, wie ich es wohl dargestellt habe. Ich bruelle das ja nicht laut, sondern denke es nur, um wieder bei der Sache zu sein und nicht abzuschweifen. (Ist uebrigens aus ner Science Fiction Serie geklaut.) Wenn es noetig ist (weil ich uebermuedet bin oder mich sonstwie nicht konzentrieren kann), werden dann auch mal die Fingernaegel in die Hand gebohrt, um "aufzuwachen". Also halb so wild.
Ich mach mal ein Beispiel: Eben war ich (bei endlich mal wieder schoenem Wetter) im Wald unterwegs und bin unter anderem an einen Waldlehrpfad (dort werden alle moeglichen Baeume auf Tafeln erklaert) und einen Hundeuebungsplatz vorbeigekommen. Und was mache ich Depp? Freue ich mich, dass endlich wieder die Sonne scheint? Lerne ich was ueber die heimische Flora? Schaue ich mir das Hundetraining an? Nee. Ich bin erst mal nur in Gedanken, grueble ueber meinen naechsten Urlaub, meine Kindheit, mein Traumhaus, ect. Ich bin also gar nicht bei der Sache, geniesse meine Zeit im Hier und Jetzt nicht, sondern fantasiere nur vor mich hin. Das nervt. Also: "Raus damit!" - dann bin ich wieder bei der Sache. Wo ich auch hingehoere.
- Uebrigens hast du da eine ganz schoene Palette mit Namen und Theorien am Start. Nicht schlecht.

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon Schulbuch » 04 Mär 2013, 02:07

Zu failz0r:
Es ist der Wunsch, ganz zu sein, das Bedürfnis nach einem unzerstückten Leben. [...] Es ist zugleich der Wunsch nach einem Leben ohne Berechnung und Angst, ohne äußere oder bereits verinnerlichte Erfolgskontrolle, ohne Absicherung.

Um es in anderen Worten zu schreiben: Wir wollen ohne Absicherung und ohne Erfolgskontrolle leben.
Klingt doch total paradox. Hieß es nicht immer, dass wir immer das beste für uns wollen? Bedeutete dieses Zitat nicht dann, dass uns Absicherung gut tun sollte?

Das ist gar nicht so paradox. Wenn wir tatsächlich das Beste für uns wollen, müssen wir doch gerade Risiken in Kauf nehmen. Das Leben in Extremen - "das Beste" ist ein solches Extrem - wird doch wohl nicht mit kleinen Schritten und hundert Absicherungen gelebt, sondern mit uneingeschränkter Hingabe. Das "Leben ohne Berechnung und Angst" ist ebenfalls nicht widersprüchlich, vielmehr ist der Glaube, dass Berechnung und Absicherungen einem Menschen die Angst nehmen könnten sehr verwunderlich. Angst mit Logik anstatt mit Mut bekämpfen zu wollen, ist etwas, was mir nie einleuchten wird.

1. Logos: Das für uns greifbare, logische, schlüssige.
2. Mythos: mehrdeutig, abstrakt, nicht messbar

Das logische ist klar: Unsere Umwelt, Wahrnehmungen, ...

Dass Wahrnehmungen eindeutig, greifbar und logisch sein sollen ist mir aber ganz neu. Optische Illusionen mal als Stichwort. Das System der Logik selbst ist schon eine Interpretation. Die willkürliche Annahme, dass es eine Ordnung zu geben habe. Es gibt sie nicht. Alles ist mehrdeutig, nichts ist greifbar. "Es ist nichts. Wenn etwas ist, so ist es den Menschen unerfaßbar."

»Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen – die W a h r h e i t ?«
Friedrich Nietzsche


[...] Es steht definitiv ein Baum dort.

Steht er eben nicht. Dort steht, was ein einzelner Mensch als "Baum" bezeichnet. Ich kann deinen Baum auch Haus nennen, wenn ich will. Wer richtig liegt entscheidet einfach die mehrheitlich akzeptierte Interpretationsweise. Es gibt keinen Baum, nur eine Ansammlung von Atomen. Wir sehen den Baum übrigens überhaupt nicht, sondern nur die reflektierten Lichtstrahlen von seiner Oberfläche. Keiner weiß, wie ein Baum tatsächlich aussieht. Es ist so unsinnig anzunehmen, jeder Mensch müsse gewisse Dinge genau gleich sehen.
»Denn Wahr und Falsch sind Eigenschaften der Sprache, nicht der Dinge«
Thomas Hobbes (1588 - 1679)


Ich möchte so weit gehen:
1. Logos: Das für uns greifbare, logische, schlüssige.

Gerade dieses "uns" existiert nicht. Was für mich greifbar ist, ist für andere absurd. Was für dich "logisch" ist, ist für andere ein Widerspruch in sich. Es gibt keine einheitliche Logik. Nur eine mehrheitliche-. Und alles was sich auf eine Mehrheit berufen muss ist nicht zwingend gültig an sich, hat keine Berechtigung ohne die Menschen, ist nicht natürlich und muss immer Hilfs-Konstruktion bleiben. Versperrt nicht die Logik erst unseren Blick auf die Realität, auf das Chaos? Wenn das Universum tatsächlich in der kleinsten Ebene auf Wahrscheinlichkeiten basiert, muss ich fragen, wie man denn Wahrscheinlichkeiten beweist? Ist es nicht immer nur eine Annäherung, nie eine feststehende Zahl? Und kann das tatsächliche Ergebnis nicht auch völlig vom erwarteten Ergebnis abweichen? Natürlich kann es das. "Man kann nicht durch eine Wand gehen" als Tatsache? Falsch, man kann, es ist nur extrem unwahrscheinlich. Zumindest sagt das der derzeitige Stand der Wissenschaft, die ja zur Aufgabe hat die Realität verständlich zu machen. Aber natürlich sind auch das nur Theorien.
[http://netphysik.de/forum/index.php?page=Thread&threadID=5005]

Ich denke jetzt passt deine Zeit ziemlich gut rein:
Doch es darf nichts geben, was real ist, denn jedes "ist" ist ewig, ist zeitlos und muss erst durchbrochen werden, damit etwas Neues sein kann.

Das logische widerspricht dem.

Tatsächlich? Ich nehme an, du meinst gleichzeitig die "Zeit der Logik". Wenn du in der Logik der zweiten Zeitform zu etwas sagst "so und so ist etwas" dann meinst du eigentlich: "so und so war etwas zu dem und dem spezifischen Zeitpunkt".

Zum Beispiel ist gegenwärtig vor dir ein Bildschirm. Du zerschlägst ihn. Vor dir ist kein Bildschirm. Beide Aussagen wurden in ihrer jeweiligen Gegenwart getroffen. Die erste Gegenwart wurde aber dank Zeitform 2 in die Vergangenheit verschoben, um eine logische neue Gegenwart zu ermöglichen. Unlogisch wäre es zu sagen "vor dir ist - und gleichzeitig ist nicht - ein Bildschirm". Um diesen Bruch zu vermeiden wird jede Gegenwart in Zeitform 2 automatisch zur Vergangenheit.
Also ist in der 2. Zeitform jede "ist"-Aussage zwingend an einen Zeitpunkt/Zeitrahmen gebunden, eben damit etwas Neues sein kann. Der Zeitpunkt/Rahmen darf niemals die Gegenwart sein, denn das wäre eine unendlich fortlaufende Variable und in ihr ist jede Aussage gültig. Etwas ist solange, bis etwas anderes ist. Zeitform 2 hat überhaupt gar keine Möglichkeit eine dauerhaft/ewig gültige Aussage zu treffen. Zeitform 2 hat keine Möglichkeit die andauernd fortlaufende Realität/Gegenwart als Zeitrahmen ihrer Aussagen zu verwenden.
Die Veränderung des "Ist" ist erst möglich, in dem Zweitform 2 den "ist"-Zustand sofort in die Vergangenheit transportiert und damit potentiell ungültig für den kommenden Augenblick macht. Zeitform 2 existiert nur, in dem es keine Gegenwart und nur Vergangenheit gibt, jede Aussage über die Realität muss in Zeitform 2 an einen Zeitpunkt/Zeitrahmen geknüpft sein und darf keinesfalls davon ausgehen, dass es nichts außer einer fortlaufenden Gegenwart gibt.
Die Zeit der Logik benötigt das Konstrukt einer andauernden Vergangenheit, um eine Zukunft zu ermöglichen.
Es gibt nichts atemberaubenderes als die Gegenwart. Denn bevor sie nachgewiesen ist, ist sie schon wieder Vergangenheit.

Was mich darauf schließen lässt, dass du ein Anhänger der Zeit der Logik bist. Genau so habe ich diese Zeitform nämlich beschrieben, hihi.

Wenn wir einen Baum sehen, dann ist das logisch und ist definitiv das, was ist.

Wieder nein, diesmal mit einer wissenschaftlicheren Begründung als das obige "nein" bezüglich den Grenzen der Sprache. Wenn wir einen Baum sehen, dann ist das logisch und definitiv das, was vor einigen Millisekunden auf unseren Rezeptoren aufgetroffen und danach vom Gehirn zusammengebaut wurde.
Schau in den Sternenhimmel. Rein gar nichts von dem, was du siehst, i s t . Du siehst, was vor Minuten, Jahrhunderten, Jahrmilliarden von Jahren einen Lichtstrahl in deine Richtung abgegeben hat. Rein gar nichts was wir sehen ist gleichzeitig mit der realen Zeit/Gegenwart, alles was wir wahrnehmen ist schon verzögert. Sinneswahrnehmungen als "Beweis" der gegenwärtigen Realität zu benutzen ist unglaublich absurd, wissenschaftlich gesehen. Du musst dir da wohl eine bessere Grundlage für die Annahme suchen, dass wir eine tatsächliche Realität erfassen können.
Nebenbei bemerkt: Ein Kind, welches zum ersten Mal in seinem Leben einen Baum sieht, weiß keineswegs aus der Vergangenheit, dass es sich um einen Baum handelt. Ihm wird anerzogen und beigebracht diese Form als Baum zu interpretieren. Die "mythische" undefinierte Sache wird erst durch logische Interpretation zu einem bestimmten Gegenstand. Von sich aus ist die Sache gar nichts, der Mensch ist es, der sie definiert und benennt. Der undefinierte, mehrdeutige Zustand ist der eigentlich natürliche Zustand.


Zu bluesky:
Bezüglich "dinglicher Wirklichkeit" und der Wirklichkeit in unserem Bewusstsein:
Eine besondere Art von Dingen, die wirklich, aber nicht real sind, sind die, die zwar im Bewusstsein vorkommen, zu denen aber doch alle Zugang haben und über die wir sehr wohl streiten können: Mathematik, Logik, ect.

»„Wahrheit“ giebt es eigentlich nur in den Dingen, die der Mensch erfindet z. B. Zahl.«
Friedrich Nietzsche

Eine Weiterführung deines Gedanken also: Einzig die Dinge, die wirklich, aber nicht real sind, können auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. Zu dem, was du als "dingliche Wirklichkeit" bezeichnest, kann der Mensch nur Systeme hinzu erfinden und eben diese Systeme auf ihre Richtigkeit überprüfen, nie jedoch das Ding an sich. Zu sagen "der Baum ist falsch" ist Unsinn, zu sagen "der Baum passt nicht zu dem, was wir von ihm erwartet haben" (Erwartung als Resultat eines erfundenen Abwägungssystems) macht wieder Sinn. Wir können nur unsere eigenen Systeme falsifizieren, nie die Natur an sich.
Also stimme ich dir in diesem Sinne zu: "Vor der Realität (Wirklichkeit 1) kann man nicht fliehen", also liegen unsere Problemstellungen entweder im eigenen Bewusstsein, oder im Konflikt mit dem allgemeinen Bewusstsein. Jedoch die Aussage, dass die Flucht vor dem allgemeinen Bewusstsein in Selbstbetrug enden muss, kann ich nur bestätigen, wenn die eigene Natur jedes Menschen gleich der Natur der Allgemeinheit wäre. Da wir aber - so Gott will - Individuen sind muss es gerade auch Menschen geben, bei denen es an eine Logik zu glauben obwohl sie ihr nicht zustimmen der Selbstbetrug wäre. Damit meine ich nicht, dass diese Menschen sich einreden müssten, dass 2+2=5 ergibt, sondern dass sie gewisse Systeme einfach nicht anwenden und dafür Systeme benutzen, die für sie einfach passender erscheinen. Beispiel: 1+1 ist keineswegs 2, sondern 10, wenn man das Dualsystem verwendet, statt dem Dezimalsystem. Und manche erschaffen sich sogar ihre eigenen Systeme...
Die Metapher des gelben Flusses:
Ein Einwurf: Wer sagt, dass Illusionen nicht auch töten können? Man sollte nie die autosuggestive Macht des Bewusstseins unterschätzen.
Am Ende versaut es einem das Leben, weil die eigene Existenz zerreißt: die 3 Wirklichkeiten passen dann nicht mehr zusammen.

Haben die drei Wirklichkeiten jemals zusammen gepasst? Wenn ja (und unter der Annahme, dass wir in der 2. Zeitform leben), wann? Vielleicht ist es hier klüger seine Existenz auf eine einzige Wirklichkeit zu konzentrieren ~



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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon bluesky » 04 Mär 2013, 08:14

@Schulbuch:
Weder Dinge aus Wirklichkeit 1 noch aus Wirklichkeit 3 koennen falsch sein. Es macht genau so wenig Sinn zu sagen "Die 4 ist falsch", wie zu sagen "Der Baum ist falsch". Falsch sind nicht DINGE, sondern AUSSAGEN. Die koennen aber sowohl in Wirklichkeit 1 als auch Wirklichkeit 3 falsch sein. "Der Baum besteht aus Fischen" kann als falsche Aussage gelten. Wie auch 2+2=17 falsch ist.
2+2 ist auch im Dualsystem nicht zehn, sondern hoechstens eins-null. Hier verwechselst du, glaube ich Wirklichkeit 1 und 3. Das Zeichen "10" kann in Wirklichkeit 1 als symbolische Representation sowohl fuer "zehn" als auch fuer "eins-null" stehen. Gemeint ist aber jeweils verschiedenes (Wirklichkeit 3). Das liegt an der Beliebigkeit des Zeichens. Ob ich sage "vier"/"foure"/"quattre" oder schreibe 4 oder IV - gedacht wird immer dasselbe. Fuer alle ist 2+2 gleich dem Quadrat von 2. Und gleich keinem anderen Wert (Wirklichkeit 3). Nur die symbolische/sprachliche Repraesentation in Wirklichkeit 1 faellt verschieden aus - nicht aber der Sinn.

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon Slumber » 06 Mär 2013, 12:24

bluesky hat geschrieben:2. Was uns gegeben ist:
Man kann an fast jeder Art von Wirklichkeit zweifeln. Aber sinnvollerweise nicht daran, dass man selbst existiert. "Ich denke, also bin ich." Wenn ich an etwas (z.B. der Wirklichkeit) zweifle, dann muss es eben auch ein etwas geben, das zweifelt. Wenn ich also zweifle, dann ist das ein Beweis, dass ich existiere. Das ist uns sicher gegeben. Vielleicht stimmt mein Selbstbild nicht (Wirklichkeit 2), aber es gibt mich (Wirklichkeit 1).


So weit würde ich nicht gehen. Diese Aussage wird gestützt von der Theorie, die du dir aufgebaut hast, aber ja nicht unbedingt wahr sein muss. Du sagst "sinnvollerweise", weil es nach der allgemeinen Logik plausibel ist, die sich der Mensch vorstellt. Ich würde nur so weit gehen zu sagen, dass ich denke und daher ETWAS existieren muss, dieses Etwas aber nicht ich selbst sein muss.
Beispielsweise könnten wir auch nur die Vorstellung eines Wesens sein, dass in diesem Gedankenkonstrukt über uns steht und uns in seiner Vorstellung die Fähigkeit gibt, selbst zu denken. Das würde bedeuten, dass wir nur in Wirklichkeit 2 existieren.
Möglicherweise ist dieses ganze Gedankenkonstrukt sogar wie ein Kreis aufgebaut, sodass Wirklichkeit 1 gar nicht existiert, sondern nur eine Illusion der Wirklichkeit 2 ist.
Die Idee klingt im ersten Moment vielleicht etwas primitiv und absurd, aber wenn wir nicht einmal eindeutig beweisen können, dass unsere Umwelt existiert, dass alles theoretisch Einbildung sein könnte, dann lässt sich auch jegliche Logik, die wir aus dieser Umwelt erschließen nicht beweisen und wirft die Frage auf, ob wir selbst Teil der dinglichen Wirklichkeit sind oder ob diese überhaupt existiert. Wir wissen nur, wir sind Teil einer Wirklichkeit, aber nicht, welcher Wirklichkeit.
Die einzige objektive Herangehensweise Realität zu definieren, wäre es also über dem System der Logik jede weitere Möglichkeit zu betrachten. Und dazu fehlt uns schlicht der Verstand.
Ich sehe das daher genau wie failz0r: Wir müssten in einem System über der Realität stehen um sie vollständig greifen und definieren zu können.

PS.: Im Dualsystem entspricht 2+2 nicht 10, sondern 100. *klugscheiß* ^^
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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon bluesky » 06 Mär 2013, 13:27

Slumber hat geschrieben:So weit würde ich nicht gehen. Diese Aussage wird gestützt von der Theorie, die du dir aufgebaut hast, aber ja nicht unbedingt wahr sein muss. Du sagst "sinnvollerweise", weil es nach der allgemeinen Logik plausibel ist, die sich der Mensch vorstellt. Ich würde nur so weit gehen zu sagen, dass ich denke und daher ETWAS existieren muss, dieses Etwas aber nicht ich selbst sein muss.
Beispielsweise könnten wir auch nur die Vorstellung eines Wesens sein, dass in diesem Gedankenkonstrukt über uns steht und uns in seiner Vorstellung die Fähigkeit gibt, selbst zu denken. Das würde bedeuten, dass wir nur in Wirklichkeit 2 existieren.

Genau das meinte ich damit, dass unser Selbstbild nicht stimmen muss. Es ist nicht klar, wo genau ich existiere (also womoeglich nur im Bwusstsein eines Gottes oder so). Aber das aendert nix daran, dass ich existiere. Denn da ich ein Bewustsein habe, muss es mich auch geben - egal in welcher Form. Und dass ich ein Bewusstsein habe, weiss ich sicher, denn das ist etwas (das einzige), das ich UNMITTELBAR erfahre. Also weder durch Sinne, noch durch Berechnungen vermittelt. Welches Substrat dem zugrunde liegt (ob ich im Geist eines anderen - z.B. dem Geist Gottes- existiere oder autonom bin), aendert nichts daran, dass ich existiere. Selbst wenn die ganze Wirklichkeit 1 nur im Bewusstsein eines anderen ist, so ist sie doch Wirklichkeit 1 und ich gehoere auch dort hin. Dass ich vielleicht noch eine Wirklichkeit 0 (Wirklichkeitsgrund/Geist Gottes) annehmen kann, aendert prinzipiell nichts daran, dass ich bin - und zwar nicht nur in meinem Bewustsein (Wirklichkeit 2 & 3), sondern in etwas, das dem vorrausgeht, denn mein Bewusstsein kann nicht in sich selbst existieren. Sonst waere es Gefaess und Inhalt zugleich. Was nicht geht. Also muss es in etwas sein, was ihm vorrausgeht (Wirklichkeit 1). Ob dann Wirklichkeit 1 noch einen Urgrund in Wirklichkeit 0 (dem Bewusstsein eines anderen z.B. Gottes) hat bzw ob es ueberhaupt eine Wirklichkeit 0 gibt, ist dafuer nicht mehr entscheidend. Denn wenn es zur Struktur von Wirklichkeit 1 gehoert im Geist Gottes zu sein, dann ist das eben so. Und? Ich bin dennoch - und zwar in Wirklichkeit 1. Dass mein Selbstbild und meine Auffassung vom Grund von Wirklichkeit 1 nicht stimmen muss, aendert nix daran. Ich denke. Also muss ich notwendigerweise sein. Ob im Hirn oder im Bewusstsein eines anderen - DAS ist dann die Realitaet. Ich kann nur nicht sicher sagen, welche Struktur sie hat.
Umstaendlich, oder?

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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon Slumber » 08 Mär 2013, 00:30

Ok, ich hatte es falsch verstanden: Ich dachte, mit Wirklichkeit 1 ist für dich immer die Wirklichkeit gemeint, die sich NICHT im Kopf eines anderen abspielt, also auch nicht im Bewusstsein Gottes, sondern sozusagen die oberste Existenzebene darstellt. Das wäre in meinen Augen dann die Realität.
Aber so wie du es beschreibst, ist es natürlich klar, dass wir in Wirklichkeit 1 existieren MÜSSEN.
Ich hatte mich vorher auch nicht ganz korrekt ausgedrückt: Ich denke, und daher muss ich zwar existieren, aber ich muss nicht real sein (von meiner Auffassung von Realität ausgehend).
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Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

Beitragvon bluesky » 08 Mär 2013, 01:04

@Slumber: Ja, genau. Vielleicht ist es auch verwirrend, wenn man einerseits sagt, dass man aufgrund des eigenen Denkens existieren muss und andererseits sagt, dass wir in Wirklichkeit 1 (also der dinglichen Welt) existieren. Man koennte ja missverstaendlicherweise meinen, dass nur materielle Dinge in Wirklichkeit 1 existieren. Und dann wuerde das mit unserer Existenz als etwas denkendem in dieser dinglichen Wirklichkeit 1 ja schwierig. Aber in Wirklichkeit 1 existieren ja nicht nur materielle Dinge, sondern eben die Dinge, die nicht (nur) UNSERE Bewusstseinsinhalte (Wirklichkeit 2&3) sind - also auch nicht-materielles wie Energie, Kraefte, Raum, Zeit (wobei die 2 letzten problematisch sind). Und somit koennen auch wir in der (dinglichen aber nicht ausschliesslich materiellen) Wirklichkeit 1 angesiedelt werden. ("UNSERE Bewusstseinsinhalte" habe ich deshalb hervorgehoben, um den Geist Gottes oder wie man das auch nennen will, auszunehmen, da dieser ja theoretisch eine Wirklichkeit 0 konstituieren koennte und damit nicht in Wirklichkeit 2&3 anzusiedeln waere.)
Ich muss also existieren - aber es ist nicht ausgeschlossen, dass meine Existens nicht autonom ist, sondern von einem anderen Bewusstsein (z.B. dem Geist Gottes) abhaengen koennte.

Re: Phantasma als Eskapismus - Flucht vor der Realität?

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