Celebrating Pride

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Zuri
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Celebrating Pride

Beitragvon Zuri » 11 Mär 2017, 18:39

"To be proud" ist einmal für viele Eltern und einmal für viele Schwule ein zentraler Begriff. Für die Eltern ist es Stolz auf das, was aus ihren Kindern geworden ist oder der Wunsch, dass sie es werden/geworden sind; für Schwule ist Stolz aber eher ein Ausdruck, des "sein könnens". Bei der Pride/dem CSD, National Coming-out Day und anderen Veranstaltungen, wird die "Pride" gefeiert. Dies geschieht meistens in einer bunten Atmosphäre, hat aber oftmals auch einen geschichtlich-politischen Touch, der vor Augen führen soll, was die LGBT*-Community erreicht hat und in welchen Ländern der Welt es LGBT*s immer noch schlecht geht.

"I am, what I am", singt Gloria Gaynor (allein der Name hat ja schon was :D) oder wahlweise auch John Borrowman (wer dessen Version lieber mag), Macklemore singt dazu mit Mary Lambert "And I can't change, even if I tried, even if I wanted to" und Klaus Wowereit sagt "Ich bin schwul und das ist auch gut so". Pride wird also nicht nur zu tausenden mit Pomp gefeiert, sondern ist auch ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit; ein Ergebnis von coming out of the closet.

Sich outen können, mit seinem Partner in der Öffentlichkeit Händchen halten, ihn küssen, von Familie und Freunden akzeptiert und weiterhin normal behandelt zu werden, ist vielen von uns wichtig. Genauso geht es darum, Geschlechterrollenbarrieren im Kopf zu überwinden: Wenn ein Junge etwas (gerne) macht, was eher Mädchen zugeschrieben wird — so what!? Wenn wir so etwas machen wollen, dann sollten wir das ohne Bedenken tun können und wenn nicht, macht uns das auch nicht weniger schwul.

Schwulsein ist kein Lebensstil, wir sind nicht mehr und nicht weniger individuell und vielfältig als Heteros. Für sexuelle Orientierungen reicht nie eine einzige Schublade aus. Entweder kauft man IKEA leer (wenn man Millionär) ist oder man lässt locker und lässt einen Menschen einen Menschen sein, auch wenn er nicht in das Rollenbild passt, dem er sonst entspricht, auch wenn er geoutet ist.

So, das war jetzt viel Text :D Jetzt mal zur Frage an alle: Was ist für euch "celebrating pride", "Ich-sein" und was gehört zu eurem Leben dazu, was ihr euch nicht von anderen oder von irgendwelchen Ansichten vorschreiben lassen wollt? Hat es bei euch gedauert, bis ihr zu dieser Ansicht gekommen seid?

Natürlich könnt ihr auch oder ausschließlich Bezug auf den Text nehmen ;)
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Celebrating Pride

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Nonius
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Re: Celebrating Pride

Beitragvon Nonius » 13 Mär 2017, 02:14

Ich habe mich damals geschämt schwul zu sein; damals habe ich mir noch eingeredet bi, zu sein, um wenigstens halb "normal" zu sein. Irgendwann habe ich endlich den Mut gefasst und mir selber laut gesagt: "Ja, ich bin schwul und stehe auf Jungs!" Wie erleichtert ich mich nachher Gefühlt habe! Ich habe immer noch Würde, Rechte und bin ein Mensch wie jeder andere und ich bin stolz darauf mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Zum "Ich-sein" gehört auch dazu, nun in einer Minderheit zu sein. Dadurch lernt man toleranter zu sein, gegenüber den unterschiedlichsten Menschen, denn man weiß sehr genau, wie es ist nicht dazuzugehören. Zum Stolz gehört für mich auch dazu, diese Sichtweise auf die Welt zu haben.

Mit diesem Kampf um die eigene sexuelle Identität habe ich auch gelernt, dass die Meinung anderer Menschen, nicht mein eigenes Leben/mein eigens Glück beherrschen darf. Ich traue micht nun, meine eigene Meinung zu haben, das anzuziehen und das zu tun, was ich will.

Es mag sich komsich anhören, zu sagen, ich sei stolz darauf schwul zu sein — als ob es eine, Gabe oder Leistung wäre. Aber hinter diesem Wort steckt so viel mehr. Ich bin also stolz darauf, schwul zu sein und ich zu sein. :flag:

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Zuri
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Re: Celebrating Pride

Beitragvon Zuri » 13 Mär 2017, 08:33

Danke, Nonius. Das hört sich nach einer sehr positiven Entwicklung an. Vielleicht hat man nichts dafür getan, schwul zu sein, aber man kann dennoch stolz darauf sein, die verschiedenen Erfahrungen gemacht zu haben, die den Menschen bilden, der man jetzt ist. Und was noch viel wichtiger ist: Wenn man sich getraut hat, sich einzugestehen, dass man schwul ist und vielleicht noch geoutet hat, ist das die eigene großartige Leistung, die bei den meisten eine große Portion Mut abverlangt hat und auf die man zu recht stolz sein kann, wie ich finde.

Ja, Stolz wird manchmal mit Snobismus gleichgesetzt, was in diesem Fall aber wirklich nur selten zutrifft und auch meist nur bei größeren Feierlichkeiten wie dem CSD nach außen getragen wird. Aber ja, das Wort wird in diesem Zusammenhang oft missübersetzt. Und dass man es so deuten kann, wie du sagst, sehe ich genauso.

Wie wichtig ist dir eigentlich CSD und so?
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Sullivan
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Re: Celebrating Pride

Beitragvon Sullivan » 25 Mär 2017, 00:08

Den Gedankengang, dass man stolz darauf ist, sich geoutet zu haben oder sich dazu bekannt (ob öffentlich oder auch nur halb-öffentlich) zu haben, dass man schwul ist, den kann ich nachvollziehen und finde ihn irgendwo auch richtig. Es ist immerhin eine Leistung - nicht selten mit viel Arbeit verbunden. Dass man einen gewissen Stolz empfindet, sich dazu "durchgerungen" zu haben, ist glaube ich nur richtig so.

Ob man sich das eingestehen muss, keine Ahnung. Klingt irgendwie sehr negativ, so als wäre es ein Fehler oder ein selbstverschuldetes Übel. Man sollte es eher akzeptieren und aus der Situation dann das beste machen. Ich denke, die allermeisten hier werden den Gedanken kennen, nicht schwul sein zu wollen - weil es eben nicht der Norm entspricht.
Aber sollte es der Maßstab sein, dass man immer der Norm entsprechen will? Ich glaube nicht.

Und da komme ich zu Themen wie dem CSD und anderen offensiven Aktionen:
Nein, man sollte auf keinen Fall sich verbiegen (lassen) und tun was andere wollen. Eine Scheinbeziehung mit einer Frau weil man nicht sagen kann, dass man auf Männer steht, ist der Gipfel des Selbstbetrugs. Keiner sollte soetwas mitmachen müssen. Schon gar nicht nur deshalb weil die Familie oder das persönliche Umfeld das wollen. Wenn das persönliche Umfeld mit meiner Sexualität nicht klarkommt, ist das in erster Linie deren Problem - nicht meines.

Mit Dingen wie dem CSD glaube ich, schneidet man sich aber ins eigene Fleisch. Ich persönlich kann diesen Veranstaltungen nichts abgewinnen. Und ich verstehe es, dass viele Menschen damit nichts anfangen können. Ja, es bringt Aufmerksamkeit - aber so eine offensive Art muss glaube ich nicht sein. Damit vernichtet man eher Sympathie als dass man irgendetwas gewinnt. (Das Gleiche gilt übrigens für allzu öffentliche Auftritte einiger Homosexueller in Film und Fernsehen. Da muss ich mir als Schwuler manchmal an den Kopf fassen und es ist Fremdschämen angesagt.)
Stattdessen sollte man für sich selbst eben überlegen, ob und wem man sich anvertraut. Ob ich jedem ins Gesicht schreien muss, dass ich schwul bin... ich glaube nicht. Den größten Teil der Menschen geht es einen feuchten Kehricht an, was in meinem Schlafzimmer passiert. Ich möchte gar nicht wissen, wer im Bett worauf steht. Es interessiert mich nicht und geht mich auch nichts an. Es hat mich auch gar nichts anzugehen, ist Privatsache.

Man könnte auch sagen, dass dieser Missionierungsgedanke den Leuten gehörig auf den Sack geht - zurecht, wie ich finde.
Es ist egal worum es genau geht, ob Veganismus, Umweltschutz, Sexualität, Religion. Jeder soll da seinen eigenen Weg finden. Andere Leute ums Verrecken bekehren zu wollen, führt aber selten zu irgendwas Gutem.

Okay, bin wohl etwas abgedriftet. Entschuldigung. :oops:

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Re: Celebrating Pride

Beitragvon Zuri » 25 Mär 2017, 01:02

Danke für den ausführlichen Beitrag, Sullivan! Nein, du bist nicht wirklich abgeschweift. Dein Beitrag ging vom der Komplexität her in die Richtung, die ich mir unter anderem erhofft habe :)

Vieles vom dem, was du sagtest, kann ich so unterschreiben. Diese Stellen würden anderen sicher Mut machen (Y)

Aus "der Situation dann das beste machen" klingt ja so, als wäre es eine ungünstige Situation, sprich unnormal, was es ja nicht ist.

Sullivan hat geschrieben:Mit Dingen wie dem CSD glaube ich, schneidet man sich aber ins eigene Fleisch. Ich persönlich kann diesen Veranstaltungen nichts abgewinnen. Und ich verstehe es, dass viele Menschen damit nichts anfangen können. Ja, es bringt Aufmerksamkeit - aber so eine offensive Art muss glaube ich nicht sein. Damit vernichtet man eher Sympathie als dass man irgendetwas gewinnt. (Das Gleiche gilt übrigens für allzu öffentliche Auftritte einiger Homosexueller in Film und Fernsehen. Da muss ich mir als Schwuler manchmal an den Kopf fassen und es ist Fremdschämen angesagt.)

Was findest du daran schlecht? Das schillernd-bunte, was manchmal als Provokation verstanden wird und/oder den politischen Hintergedanken des Ganzen?

Das Politische ist ja wichtig. Denn nichts wird einfach so als normal akzeptiert, nur weil eine Minderheit es normal im Alltag lebt. Das ändert wie die Mehrheit leider nicht. Da muss man sich meiner Meinung nach schon bemühen. Es geht nicht um einen Kampf gegen jemanden, sondern das schlichte Einfordern auf die einen zustehenden Rechte, was somit völlig legitim ist.

Was meinst du mit "allzu öffentliche Auftritte einiger Homosexueller in Film und Fernsehen"?

Man könnte auch sagen, dass dieser Missionierungsgedanke den Leuten gehörig auf den Sack geht - zurecht, wie ich finde. [...] Andere Leute ums Verrecken bekehren zu wollen, führt aber selten zu irgendwas Gutem.

Bekehren klingt beim Thema "Homosexualität" ein bisschen... irreführend ;) ^^
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Re: Celebrating Pride

Beitragvon Sullivan » 25 Mär 2017, 10:51

Zuri hat geschrieben:[...]Aus "der Situation dann das beste machen" klingt ja so, als wäre es eine ungünstige Situation, sprich unnormal, was es ja nicht ist.


Das ist eine Frage der Definition (auch wenn viele hier das nicht hören wollen werden). Wann ist etwas denn "unnormal"?
Eigentlich ja, wenn es der Norm nicht entspricht. Entspricht Homosexualität nicht der Norm? Keine Ahnung. Die Natur hat es ja doch so eingerichtet, dass es das gibt. Gleichzeitig ist es im Hinblick auf die Evolution aber ein Ziel, sich fortzupflanzen. Genau dieses Ziel können Homosexuelle nicht erfüllen (also, klar, es ginge schon, theoretisch. Aber eben nicht "von sich aus".)

Ob das jetzt normal ist oder nicht - ich wills nicht beurteilen. Denn es würde ja ohnehin an der Situation nichts ändern. So eine Wortklauberei ist an der Stelle komplett witzlos, es ändert nichts. Ich denke, beide Sichtweisen sind nachvollziehbar: sowohl das Homosexualität was völlig normales ist, als auch, dass es das nicht ist. Wenngleich natürlich letzteres i.S. einer Akzeptanz oder Toleranz hinderlich ist.


Zuri hat geschrieben:Was findest du daran schlecht? Das schillernd-bunte, was manchmal als Provokation verstanden wird und/oder den politischen Hintergedanken des Ganzen?


Ich versuche die Frage von der anderen Seite zu beantworten:
Ich mag es nicht, missioniert zu werden und ich lebe nach dem Motto "Leben und leben lassen." - Es hat mich nichts anzugehen, was irgendwer im privaten Leben macht oder nicht macht. Das bezieht sich auf Religion und Glaube, auf Sexualität und von mir aus kannst Du es auch noch aufs Kochen oder die Inneneinrichtung beziehen. Warum sollte ich mich in solche Dinge einmischen? Warum sollte mich das zwingend interessieren?

Und jetzt kommt der Bogen zum CSD:
Warum muss man mit Leder bekleidet bei einer öffentlichen Parade rumknutschen und den Leuten unter die Nase reiben, dass man auf Männer, Frauen, Leder, Transsexuelle, Klappstühle oder sonst etwas steht? Warum?
Mir fehlt bei solchen Aktionen immer etwas die Sinnhaftigkeit.

Hitzelsberger hat sich doch vor kurzem auch zu diesem Thema geäußert: er wurde, glaube ich, gefragt, warum er es öffentlich gemacht hat, homosexuell zu sein. Und warum man das den Leuten so unter die Nase reiben müsste, salopp gesagt. Und er antwortete, dass es ihm ja auch ständig unter die Nase gerieben würde, dass andere Menschen Heteros sind. Wenn er ins Büro käme und der Kollege hat ein Bild von seiner Frau oder Freundin auf dem Schreibtisch stehen, sei das ja auch ein Statement zur sexuellen Orientierung.
Damit hat er nicht unrecht.

Aber das sind, finde ich, zwei paar Stiefel.
Ich behaupte mal, dass es kaum jemanden interessieren würde, wenn man als Mann ein Bild von seinem Freund auf dem Schreibtisch platziert. Vielleicht würde der ein oder andere Kollege verdutzt schauen und es würde sicherlich Nachfragen geben. Aber man sollte sich von der Vorstellung lösen, dass man völlig ohne Stirnrunzeln durchs Leben kommt, wenn man schwul ist. Es wird nicht passieren, auch wenn es vielleicht schön wäre.
Man wird sich damit abfinden müssen, dass einige Leute nicht damit klarkommen wollen, dass man schwul ist. Und ich lehne mich weit aus dem Fenster und sage: müssen sie ja auch nicht. Siehe oben, es ist Privatsache. Manche finden Männer geil, schön, andere finden es scheinbar widerlich. Letzteres kann ich zwar nicht nachvollziehen, aber ich rede da keinem rein.
(Ich sage nicht, dass das gut oder schlecht ist. Ist eine wertneutrale Aussage.)


Zuri hat geschrieben:Das Politische ist ja wichtig. Denn nichts wird einfach so als normal akzeptiert, nur weil eine Minderheit es normal im Alltag lebt. Das ändert wie die Mehrheit leider nicht. Da muss man sich meiner Meinung nach schon bemühen. Es geht nicht um einen Kampf gegen jemanden, sondern das schlichte Einfordern auf die einen zustehenden Rechte, was somit völlig legitim ist.


Ja, man muss sich bemühen.
Man muss sich vielleicht auch nur bemühen, zu sagen, dass die Meinung "der anderen" nichts zu bedeuten hat. Irgendwer zerreißt sich immer das Maul. Deshalb: scheiß drauf. (Solange die anderen Meinungen eine gewisse Grenze nicht überschreiten, versteht sich. Bei Ausgrenzung und ähnlichen Geschichten muss man das Ganze nochmal anders betrachten.)

Zuri hat geschrieben:Was meinst du mit "allzu öffentliche Auftritte einiger Homosexueller in Film und Fernsehen"?


Muss eine Hella von Sinnen es so penetrant zur Schau stellen, dass sie auf Frauen steht?
Muss man seine eigene Sexualität zu einem Charakteristikum seiner selbst machen?

Weiß ich nicht. Aber ich glaube es nicht.


Zuri hat geschrieben:Bekehren klingt beim Thema "Homosexualität" ein bisschen... irreführend ;) ^^


Klar, da wird niemand so bekehrt, dass er nachher ein Homo ist. Ich meinte auch eher dass ich nicht jeden davon überzeugen muss, dass irgendetwas gut oder richtig ist. Entweder das Gegenüber akzeptiert meinen Glauben, meine Sexualität, meine Inneneinrichtung - oder eben nicht. Es sollte jedem selbst überlassen sein, ob er das tut. Sobald ich versuche, Toleranz zu erzwingen, wird es automatisch einige geben, denen das sauer aufstößt.

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