Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

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TechBoy96
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Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon TechBoy96 » 20 Jul 2016, 22:31

Hallöchen! :)

Nicht selten liest man hier Beiträge über Jungs, die sich in ein Mitschüler oder in einen Kollegen verliebt haben.
Oftmals führt dies zum Gefühlschaos, zu Ängsten oder gar Kummer. Meistens bleibt die Vorstellung, dass diese Gefühle erwidert werden nur ein ferner Traum. Letztendlich muss man sich irgendwann dieser Tatsache stellen und sie akzeptieren.

Ich möchte hier meine Erfahrung mit euch teilen, da ich selbst aus Erfahrungen anderer in diesem Forum profitiert habe und euch erzählen wie mich diese prägende Erfahrung innerlich gestärkt und mein Leben trotz Liebeskummer positiv beeinflusst hat.

Zu mir: Ich bin 20 Jahre alt, schwul, bis auf eine Person ungeoutet, habe dieses Jahr die Schule beendet und das Abitur erworben .

Es begann alles im September 2013. Ich war damals 17 Jahre alt und kam neu in die Eingangsklasse (11) eines beruflichen Gymnasiums. Da wir alle Neuankömmlinge waren, gab es in der ersten Schulwoche sog. "Einführungstage" in denen wir uns gegenseitig kennenlernen und uns mit dem Schulbetrieb vertraut machen sollten. Am ersten Schultag saß ich in der vordersten Reihe und blickte nach hinten auf meine neuen Mitschüler. Während ich mich umsah, fiel mir ein kleiner, dünner etwas kindlich aussehender Junge auf, der ein Paar Reihen weiter hinten saß. Das war der Tag, an dem ich A. zum ersten mal sah. Er war damals erst 15, da er aus der 9. Klasse des AG kam. Am selben Tag schaute ich öfter zu ihm nach hinten und jedes mal hatte ich ein seltsames Gefühl - es fühlte sich an, als käme er mir bekannt vor obwohl ich ihn zuvor nie gesehen hatte. Ich versuchte mir dieses Gefühl damit zu erklären, dass mich sein Aussehen möglicherweise an jemanden erinnert haben könnte, den ich früher gekannt habe. Nach ein paar Tagen dachte ich nicht mehr darüber nach. Es vergingen mehrere Wochen und ich gewöhnte mich an mein neues Umfeld und an den Schulalltag.

Im Unterricht schaute ich immer wieder (oft unbewusst) zu ihm.
Irgendwie gefiel er mir. Er schien sehr intelligent, nett und aufrichtig zu sein, was ich auch bewunderte.
Ich versuchte oft, mich neben ihm zu setzen, ihn anzusprechen, in der Pause oder auf dem Weg zur Bushaltestelle. Ich mochte sein Aussehen, sein Stimme, seine Art, seinen kindlichen Charme und seinen gelegentlichen Welpenblick.
Nach ein paar Monaten bemerkte ich, wie sehr und wie oft ich immer an ihn denken musste. Ich wollte immer in seiner Nähe sein, war dauernd auf ihn fokussiert, wollte ihn "verteidigen", wenn ihn jemand dumm anmachte.
Im Winter 2013 kam mir in den Sinn, dass ich mich vielleicht in A. verliebt hatte. Ich war verwirrt und konnte damit nicht umgehen, das alles belastete mich.
Es folgten mehrere anstrengende Wochen innerer Unruhe und ein sich ständig drehendes Gedankenkarussell. Es war einfach zu viel auf einmal. Ich war davor noch nie wirklich verliebt gewesen und schon gar nicht in einen anderen Jungen. Ich fragte Google um Rat und stieß hierbei zum ersten Mal auf Boypoint.

Ich besuchte Boypoint (damals noch als Gast) und andere Webseiten zum Thema und versuchte mir Klarheit über meine Gefühle zu verschaffen. Zwischen Ende Januar und Anfang Februar 2014 stieß ich im Bereich "Schwule Geschichten" auf eine sehr Schöne Lovestory zwischen zwei Jungs auf Klassenfahrt. Die Liebe, die Leidenschaft und Zuneigung, die darin zum Ausdruck kamen lösten etwas in mir aus - etwas gutes, etwas schönes.
Ich entdeckte endlich meine wahren Gefühle. Es war eine Art Offenbarung für mich und aber sicher wurde mir klar, dass ich schwul bin.
Drei Monate später hatte ich mein Schwulsein auch völlig akzeptiert und war auch glücklich damit. In der Zwischenzeit las ich zahlreiche Beiträge auf BP und registrierte mich im April 2014.

Nun wurde mir wirklich bewusst, was ich für A. empfand. Verliebt sein ist ein schönes Gefühl. Ich hatte so viele Tagträume in denen wir uns liebten, küssten und sehr nah waren. Oftmals konnte ich Abends nicht einschlafen, weil ich an ihn denken musste. Immer wenn ich ihn sah, hätte ich am liebsten gleich seine Lippen gespürt. Liebesszenen in Filme und Liebesgeschichten (die ich früher eher langweilig fand und belächelt habe) wirkten auf einmal ganz anders, da ich mehr oder weniger mitfühlen konnte.

Ich unternahm regelmäßig Annäherungsversuche indem ich ihm Komplimente machte, ihn vorsichtig berührte (nichts sexuelles oder bedrängendes versteht sich) oder versuchte ihn zum Lachen zu bringen.

Auf einer Klassenfahrt im Juli 2014 kamen wir zufällig ins Gespräch. Er erzählte etwas über sich und seine Familie. Ich erschrak innerlich als er mir sagte, seine Eltern wären christliche Fundamentalisten und sein Vater homophob.

Es vergingen weitere Monate und immer wieder kam bei mir der Gedanke auf, dass das womöglich alles sinnlos sei. Es war so als hätte mein Verstand bereits erkannt, dass das, was ich mir so sehr gewünscht hatte wohl nie passieren würde. Es fühlte sich an, als wäre er für mich unerreichbar.
Es frustrierte mich und manchmal war ich sehr traurig darüber. Dennoch wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben.
Dies lag daran, dass ich ihn jeden Tag sah und somit meine Gefühle für ihn ständig präsent waren. Dies änderte sich in den zwei darauf folgenden Schuljahren auch nicht. Zwar realisierte ich immer mehr, dass wir nie zusammenkommen würden, fühlte mich aber dennoch zu ihm hingezogen.

Ich weiß übrigens bis heute nicht ob A. schwul ist. Ich kann mich jedoch daran erinnern, dass ein Schulfreund von mir ihn mal Fragte ob er schwul sei. Er zögerte und antwortete mit "Ich weiß es nicht"/"Ich bin mir nicht sicher" (irgendwas in der Art). Hieraus möchte ich lieber keine Schlüsse ziehen. Als dieser Schulfreund mir die gleiche Frage Stellte, antwortete ich einfach mit "Nein". Ich wollte mich damals noch keinem anvertrauen.

Nun, da meine Schulzeit vorbei ist werde ich A. mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen (er und einige seiner Freunde ziehen in eine andere Stadt fürs Studium). Nach fast drei Jahren verliebt-sein werde ich natürlich etwas Zeit brauchen um das alles zu verarbeiten.

Mann könnte jetzt natürlich meinen, dass diese Erfahrung mir womöglich nicht gut getan hätte. In der Tat ist es kein Zuckerschlecken mit solchen Dingen fertig zu werden, dennoch bin ich froh diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich habe realisiert, dass ich schwul bin und habe es akzeptiert.
Ich habe mich in meinem Leben erstmals mit dem Thema LGBT beschäftigt. Ich achte nun mehr auf mich selbst und auch mein Äußeres und bin generell ein glücklicherer und offenerer Mensch als davor. Mir wird langsam bewusst, wer ich bin und was ich will. Meine Bewunderung für A.s Intelligenz hat mich dazu ermutigt in der Schule richtig Gas zu geben (was sich echt gelohnt hat) und in meinem Leben Initiative zu ergreifen und was aus mir zu machen anstatt nur passiv zu existieren. Ich bin insgesamt aktiver und selbstständiger geworden.

Das war's soweit von mir.
Liebe Grüße und einen schönen Abend

TechBoy96

Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

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Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon gutgelaunt » 21 Jul 2016, 00:03

Finde ich toll, dass du dir mal die Zeit genommen hast das mit uns zu teilen. So eine völlige Erläuterung deiner Gefühle und deines inneren Comingouts hilft hoffentlich ein paar Jungs die noch ganz an Anfang stehen und die queere Welt erst noch für sich entdecken. Danke dafür.
Bei wem hast du dich denn schon geoutet und wie war das Outing? Magst du darüber mal was erzählen? :) hast du weitere Outings vor oder kommt das nicht in Frage? Wenn nein warum nicht?
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Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon TechBoy96 » 21 Jul 2016, 01:06

@gutgelaunt

Hallo! :)

Geoutet habe ich mich bei einem Schulfreund, die Reaktion war absolut positiv. Mein CO-Thread
Über weitere Outings muss ich noch nachdenken. Ich möchte nichts überstürzen.

LG
TechBoy96

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Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon Collin97 » 22 Jul 2016, 23:45

Wow echt krass, ich habe mich ehrlich gesagt nie in irgendwen verschossen den ich nicht kannte. Also gefallen gefunden Ja aber das war ja nur so ein "der sieht ja gut aus" gefühl.

Aber ich hatte eine ähnliche Erfahrung. Bevor mein Jetziger Freund und ich uns richtig kannten, habe ich angefangen ihn richtig zu mögen und zu schwärmen. In den Ersten 4 Wochen wo wir uns kennen gelernt haben, habe ich nur wie verrückt Darauf gewartet dass eine Nachricht von ihm kam, und wohlgemerkt wiir waren grad mal wenn überhaupt "freunde"..

Naja irgendwann meinte er aber er hat wen in engerer Auswahl und so würde aus uns nichts werden, ich fühlte mich verarscht und wollte keinen Kontakt mehr, aber das machte ihn sehr traurig und er wehrte sich dagegen, er wollte unbedingt noch schreiben und Kontakt haben.

Die nächsten Wochen habe ich ihn echt gern gewonnen, und letztendlich haben wir uns getroffen und wir beide waren verrückt nacheinander, ich hätte es bis zu diesem Moment wo wir uns persönlich Getroffen haben niemals geglaubt dass aus uns was wird.


Und was ich damit sagen will, wenn schon A. Nicht nein sagte zur Frage "bist du schwul" dann hättest du Chancen gehabt, such ihn doch auf Facebook oder so. Vlt freundet ihr euch an?
Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.

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Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon gayangel » 23 Jul 2016, 02:14

Kommt mir iwie bekannt vor und deine Erzählung ist einfach mal richtig krass positiv.
So sollte Liebe ja auch sein, du akzeptierst ihn wie er ist, versuchst gar nichts aufzudrängen, willst ihn einfach nur glücklich sehen.
Wie schnell du auch für dich akzeptiert hast, dass du auf Jungs stehst, zeugt von großem Selbstbewusstsein. 8)
Dennoch wärs ja iwie voll schade, wenn ihr euch nie wieder sehen würdet. Übers Internet gibts ja heute doch meist noch Möglichkeiten.
Zumal wenn er schon sagt, dass er nicht weiß ob er schwul ist und sei Vater sei homophob, dann könnte er vielleicht deine Unterstützung brauchen.
Dran bleiben hilft, die heiße Phase kommt ja auch erst noch, wenn der Ernst des Lebens beginnt.
Deine Motivation solltest du jedenfalls behalten. :flag:

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Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

Beitragvon TechBoy96 » 24 Jul 2016, 20:54

Hallo Leute!

Erstmal danke für eure netten Antworten! :)

gayangel hat geschrieben:Dennoch wärs ja iwie voll schade, wenn ihr euch nie wieder sehen würdet. Übers Internet gibts ja heute doch meist noch Möglichkeiten.

Collin97 hat geschrieben:Und was ich damit sagen will, wenn schon A. Nicht nein sagte zur Frage "bist du schwul" dann hättest du Chancen gehabt, such ihn doch auf Facebook oder so. Vlt freundet ihr euch an?


Ich habe in den letzten 2,5 Jahren bereits zahlreiche (erfolglose) Annäherungsversuche gewagt, auch online. Ich gehe davon aus, dass er kein Interesse hat, auch nicht an einer Freundschaft. Und selbst wenn er tatsächlich schwul wäre, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich "Chancen" habe/gehabt hätte. Jedenfalls habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm.

gayangel hat geschrieben:Zumal wenn er schon sagt, dass er nicht weiß ob er schwul ist und sei Vater sei homophob, dann könnte er vielleicht deine Unterstützung brauchen.


Du glaubst gar nicht, wie oft ich mich genau das gefragt habe. Ob das vielleicht doch ein "Hilferuf" war?
Ich nehme an, dass selbst wenn er schwul wäre und deswegen Probleme oder Angst hätte, er sich mir nicht anvertrauen würde. Wir sind und waren schließlich nie befreundet. Wenn überhaupt, würde er sich wohl eher seinen Kumpels anvertrauen. Die kenne ich aus der Schule: Das sind sehr liberale und tolerante Menschen, die kein Problem mit Homosexuellen haben. Mit einigen von Ihnen wird er bald in eine andere Stadt ziehen und mit ihnen zusammen Wohnen (Studenten-WG). Er würde mit Sicherheit nicht hilflos dastehen, was mich auch beruhigt.

gayangel hat geschrieben:Dran bleiben hilft, die heiße Phase kommt ja auch erst noch, wenn der Ernst des Lebens beginnt.
Deine Motivation solltest du jedenfalls behalten. :flag:


THX, sehr lieb von dir! Ich werde auf jeden Fall weiter kämpfen. Meine schulischen und beruflichen Ziele sind mir nämlich sehr wichtig.

LG
TechBoy96

Re: Verliebt in den Mitschüler: Meine Erfahrung

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