Meine derzeitige Situation

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Meine derzeitige Situation

Beitragvon gaystudent » 14 Apr 2015, 20:00

Liebe Community,

ich bin zwar erst wenige Minuten auf dieser Plattform angemeldet aber ich finde es hat sich schon "gelohnt", da ich hier scheinbar eine Möglichkeit finde, meine derzeitige Situation zu schildern.

Auch mein Leben hat sich in den letzten Monaten um 180 Grad gedreht. Zunächst einmal zu meiner Person: ich bin fast 25 Jahre alt, komme aus einer behüteten Familie in einem 13.000 Einwohnerort, bin katholisch erzogen worden und stehe auch zu meinem Glauben.

Seit meinem 14/15 Lebensjahr habe ich mich auf Seiten wie gayromoe oder dbna herumgetrieben. Anfangs habe ich mir immer gesagt: "du bist nicht schwul; dich interessiert nur die "andere" Welt". Irgendwann wurde der Besuch auf diesen Seiten zum Alltag und ich habe mir auch immer nur Schwulenpornos angeschaut. Wenn mich jedoch Leute (z.B. in der Schule) darauf angesprochen haben, ob ich nicht schwul sei, habe ich einen riesen Aufstand gemacht und mich hinter meiner guten katholischen Erziehung "versteckt".
Mädchen haben mich nicht wirklich interessiert. Es gab sicherlich Möglichkeiten, in denen sich etwas hätte anbahnen können aber entweder habe ich sie gar nicht mitbekommen oder es hat mich aus irgendwelchen Gründen kalt gelassen. Da ich derzeit eh alles in Frage stelle kann es jedoch auch einfach sein, dass ich zu feige war, den ersten Schritt zu tun.
Nach dem Abitur bin ich für´s Studium nach Münster in meine eigene Wohnung gezogen. Hier konnte ich nun richtig Gas geben und mich ganz der Internetwelt hingeben. Ich habe meine Master-Slave Beziehung (die ich schon zu Hause via Webcam begonnen habe) fortgesetzt und auch immer mal wieder mit Jungs über Webcam gewixt. Es war einfach normal für mich und ich fand es geil.

2013 merkte ich, dass sich in meinem Freundeskreis immer mehr Paare gebildet haben und ich fühlte mich einsam. Ich habe mich also auf die Suche nach einer Partnerin gemacht. Es sollte jedoch etwas "normales" sein. Ich habe eine Kommilitonin ins Auge gefasst, mit der es hätte klappen können, doch sie hat "nein" gesagt. Es hat mich nicht weiter gekränkt - ja, es war mir sogar egal und im Nachhinein habe ich immer gesagt, dass es gut war, dass es nicht zustande gekommen ist. Dennoch fühlte ich mich weiter sehr einsam. Ein Freund von mir gab mir damals folgenden Tipp: "hör auf krampfhaft zu suchen - es bringt nichts! Wenn es passiert, dann passiert es halt."

Diesen Tipp habe ich beherzigt und etwa 1,5 Monate später habe ich meinen Freund kennengelernt. Ich habe es nicht drauf angelegt; es ist einfach passiert und er tat mir gut. Im Oktober 2013 habe ich mit der Vorbereitung auf mein Staatsexamen (Rep) begonnen. Dies hat mich sehr gefordert und mein Freund war immer für mich da. Er hat mir geholfen, wo immer es ging und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Dennoch kamen auch Ängste auf:

- wie soll es denn weitergehen, wenn alle Welt von unserer Beziehung erfährt? Alle Leute werden mich verlassen, da sie einen schwulen Kumpel
nicht akzeptieren! Als uns ein Freund damals gefragt hat, ob wir ein Paar sind, habe ich unter Tränen "Ja" gesagt und ich habe versucht mich zu
rechtfertigen. Ich habe gesagt: "ich kann doch nichts dafür".

- Ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt: ich wollte immer gerne Kinder haben.

Aber mein Freund hat mir über diese Gedanken hinweggeholfen; ich war froh ihn zu haben und ich habe ihn wirklich geliebt.

Im Dezember 2013 habe ich meinen Eltern von meiner Beziehung und damit auch von meiner Homosexualität erzählt. Mein Vater hat recht gut reagiert, doch für meine Mutter war das einfach alles zu viel. Sie konnte und sie kann damit einfach nicht umgehen und das tat mir sehr weh, da mir die Beziehung zu meiner Mutter immer sehr wichtig war und auch immer noch ist. Dennoch hat es nie ein gemeinsames Treffen zwischen mir, meinem Freund und meinen Eltern gegeben. Sie wussten zwar, dass mein Freund existiert aber zu Annäherungsversuchen ist es nie gekommen. Aber ich hatte ja mein Staatexamen, auf das ich mich vorbereiten musste, sodass ich abgelenkt war.

Im Dezember 2014 habe ich dann meine Examensklausuren geschrieben. Kurz vorher hatte ich erneut einen kleinen Einbruch. Es wurde mir alles zu viel; ich wollte aufgeben und nicht zu den Prüfungen antreten. Doch auch da hat er mich wunderbar unterstützt und mir durch diese schwere Zeit geholfen. Die Weihnachtsfeiertage haben wir getrennt verbracht. Wir haben uns jedoch zwischendurch einmal getroffen und einen schönen Tag verbracht. Anfang/ Mitte Januar 2015 bin ich dann zurück nach Münster gefahren. Endlich hätte eine unbeschwerte Zeit für uns beginnen können aber leider war das Glück nur von kurzer Dauer:

Ich habe auch während unserer Beziehung immer mal wieder mit anderen Jungs via Webcam gewixt und diese Praxis auch im Januar 2015 fortgesetzt. Insgesamt habe ich es in den 1,5 Jahren unserer Beziehung vllt. 6 oder 7 Mal gemacht. Ende Januar hat es jedoch klick bei mir gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich einen riesen Fehler damit begangen habe. Ich habe begonnen, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und sie alleine zu verarbeiten. Ich habe über eine Woche kaum oder nur sehr schlecht geschlafen bis ich es nicht mehr für mich behalten konnte. Ich habe ihm über 3 Tage hinweg alles gebeichtet. Selbst Dinge, die vor unserer Beziehungszeit lagen, habe ich ihm erzählt und er hat mir alles verziehen.
Ganz besonders schwer wiegt ein Ereignis, dass ebenfalls vor unserer gemeinsamen Zeit lag. Ich habe mir von einem Mann aus München Boxer und Sneaker schicken lassen, in die er mehrfach onaniert hatte. Es war halt mein Fetisch. Und mit diesen Gegenständen habe ich mich dann auch mal vergnügt. Mehrere Wochen oder Monate später schrieb diese Person mich nochmal an. Nach einem harmlosen Gespräch sagte er mir, dass er mittlerweile die Diagnose "HIV positiv" erhalten hat. Da schrillten bei mir natürlich sämtliche Alarmglocken. ich habe mich im Internet informiert und meine Ängste für unbegründet erklärt. Auch diese Geschichte viel mir während meines Aufarbeitungsprozesses wieder ein. Ich habe mich mit Ärzten unterhalten und einen Test machen lassen. Er war natürlich negativ aber dennoch bleibt die Tatsache, dass ich meinen Freund über 1,5 Jahre hinweg unbewusst in die Gefahr gebracht habe. Aber auch das hat er mir verziehen.

Eigentlich hätte alles unmittelbar ganz normal weiter laufen können doch von heute auf morgen war in mir eine innere Leere. Ich habe gar nichts mehr gefühlt. Ich war am Boden zerstört wie ich ausgerechnet diesem besonderen Menschen so etwas antun konnte. Ich habe unendlich geweint, bitterlich darum gefleht, dass die Gefühle für ihn doch bitte wieder zurückkommen mögen und im Laufe der Zeit gemerkt, dass ich professionelle Hilfe benötige. Ich habe mit Erstgesprächen begonnen und ein Arzt hat mir das Medikament "Mirtazapin" verschreiben. Aufgrund der Nebenwirkungen habe ich jedoch zunächst davon abgesehen, es einzunehmen.

Mit der Zeit kamen die Gefühle und das Verlangen nach meinem Freund nach und nach wieder und ich war sehr glücklich darüber. Bis dann der 14. März 2015 kam. Ich habe meiner Mutter erzählt, dass ein Freund von mir nun eine Freundin hat und man konnte meiner Mutter regelrecht ansehen, wie sehr sie diese Mitteilung mitgenommen hat. Bei mir kam es ungefähr so rüber: "na toll, jetzt hat der auch eine Freundin und mein einziger Sohn hat einen Freund; den Enkelwunsch kann ich mir also abschminken". Es hat mich sehr mitgenommen und das gute Gefühl, welches sich so langsam wieder einstellte, ist vollständig verschwunden.
Am selben Abend habe ich mich mit jenem Freund und dessen Freundin verabredet. Ich war eh schon mies drauf und hatte keine Lust. Die Freundin wollte jedoch tanzen und so packte sie mich am Unterarm - also eine ganz normale Berührung doch für mich war das eindeutig zu viel. Sie ist mir dadurch viel zu nahe gekommen und ich fand es mega unangenehm und dennoch hatte ich gleichzeitig die Angst, dass mir diese "Nähe" von weiblicher Seite ja vllt. doch gefallen könnte. Ich wollte mich jedoch nicht noch weiter von meinem Freund entfernen.

Dennoch ließ mich in den folgenden Wochen dieser Gedanke nicht los. Ich habe mich gefragt, ob ich mich jetzt vllt. in dieses Mädchen verliebt habe und ob ich vllt. doch nicht schwul bin. Mal sagte ich "ja", mal sagte ich "nein". Von diesem Tag an lief ich wie ferngesteuert durch die Welt. Ich habe jede Frau "gescannt2 und mich gefragt, och ich nicht vllt. doch auf Frauen stehe. Mal sagte ich "ja", mal "nein". Ein normales Leben fand überhaupt nicht mehr statt. Ich habe alles in Frage gestellt. Ich habe mich insbesondere gefragt, ob ich die Beziehung zu meinem Freund überhaupt noch will. Am Abend des 1. April habe ich dann einfach "nein" gesagt. Damit ich für mich die Welt noch weiter zusammengebrochen. Ich habe wie ein Schlosshund geweint - konnte meinem Vater jedoch keine Antwort auf die Frage geben, warum ich "nein" gesagt habe. Mir viel einfach keine Antwort ein.

Als ich später im Bett lag, habe ich natürlich drüber nachgedacht, warum ich nein gesagt habe. Ich habe mehrere Antwortmöglichkeiten in Erwägung gezogen.

1) ich wollte versuchen, dadurch einen Schlussstrich zu ziehen um aus dem Gedankenkarussell herauszukommen

2) Ich will frei sein - jedoch nicht für einen anderen Mann, sondern für eine Kommilitonin von mir. Hintergrund ist: ich habe mir am Tag zuvor durch
Zufall ein Facebookbild angeschaut und dabei gedacht: "ach ja, die ist ja auch ganz nett und sie schaut ja auch ganz gut aus"

Dadurch ist erneut ein Teil meiner Welt zusammengebrochen. Plötzlich wurden die Gedanken, ob ich nicht vllt. doch auf Frauen stehe und ob ich mich nicht sogar vllt. schon anderweitig verliebt habe, so konkret. Ich konnte kaum schlafen und es wurde Zeit für mich, nun endlich das Mirtazapin zu nehmen.

Dieser Gedanke treibt mich seitdem um. Mein Freund steht immer noch fest zu mir und er möchte einfach nur, dass ich wieder glücklich werde. ich erzähle ihm jeden meiner Gedanken aber auch er ist in der ganzen Sache einfach ziemlich hilflos.

Nunmehr weiß ich einfach gar nicht mehr wo ich stehe. All das, was ich über 10 Jahre hinweg gedacht und praktiziert habe, steht nun auf dem Prüfstand. Ja, ich habe mir mein Leben ganz klassisch vorgestellt und mit einer Frau an meiner Seite wäre alles so viel einfacher. Ich bräuchte keine Angst mehr davor haben, dass mich meine Freunde verlassen; meine Mutter wäre glücklich und ich könnte mir meinen "Kinderwunsch" erfüllen.

Doch würde ich mich dadurch nicht selbst verlieren? Ich habe Angst davor, mir derzeit selbst etwas vor zu machen; meine Homosexualität zu verdrängen und nach 15 Jahren Ehe mit einer Frau zu merken, dass ich doch schwul bin!
Fest steht auch, dass in all meinen "feuchten" Träumen bisher nur Männer vorkommen und das mir die Umarmung mit meinen Freund gestern richtig gut tat und ich auch wieder spitz wurde. Demgegenüber habe ich mich teilweise für meine "schwulen" Gedanken geschämt und seitdem ich gestern festgestellt habe, dass meine Vorstellung von einer klassischen Familie mit meinem bisherigen Leben nicht übereinstimmt, ist einfach alles weg. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, was und wie ich früher gefühlt habe. Alles das, was mich früher erregt hat, ist einfach weg. Mein Freund ist teilweise wie ein fremder für mich. Leute sprechen mich darauf an, warum ich derzeit so still bin. Ich meide die Öffentlichkeit so gut es geht und wenn ich ihr doch ausgesetzt bin, dann ziehe ich mich zwischenzeitlich immer mal wieder zurück.

Heute habe ich vom Amtsarzt eine 3 monatige Prüfungsunfähigkeit attestiert bekommen, sodass mir die Sorge vor der an sich anstehenden mündlichen Prüfung nun vorerst genommen worden ist. Ich wollte die letzten 2,5 Monate dazu nutzen um alles noch einmal zu wiederholen und Lücken zu füllen doch ich habe nichts geschafft. Dadurch, dass ich einfach nicht mehr weiß, was und ich wie ich früher gefühlt habe, habe ich zwischenzeitlich das Gefühl, nun 100% hetero zu sein. Ich weiß einfach nicht mehr wo ich stehe.

So, jetzt habe ich eindeutig genug geschrieben. Das wird sich wahrscheinlich sowieso niemand durchlesen aber wenn es doch jemand geschafft haben sollte, dann wäre ich für eine Einschätzung sehr dankbar. Mein nächste Sitzung beim meiner Therapeutin ist am kommenden Dienstag, 21.04.2015. Mal sehen ob sie vllt etwas Licht ins Dunkel bringen kann.

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Re: Meine derzeitige Situation

Beitragvon gutgelaunt » 14 Apr 2015, 23:03

hab das mal in einen eigenen Thread gepackt. Hier gehts dann weiter... leben-beziehung-probleme-f7/hilfe-meine-welt-steht-auf-einmal-kopf-t21137.html
Follow the coast under the frozen sky

 


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