Die Story vom "Anders" sein

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Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon aBlast » 10 Mai 2012, 14:45

Hey liebes Forum. Ich habe die letzten Tage viele Beiträge hier gelesen und ich muss sagen es ist einfach wunderbar zu sehen wie es anderen mit dieser Situation geht.
Nun wollte ich hier auch mal meine Geschichte posten. Die Geschichte vom Gefühl ein Alien zu sein. Oft hört man das es toll ist einzigartig zu sein, anders, individuell oder was auch immer, aber ich leide sehr darunter. Ich fühle mich vom Universum so alleine hingestellt, weil es bis jetzt niemanden gibt, der wie ich ist, meine Wellenlänge hat.

Ich bin 16 Jahre und ich wusste schon mein ganzes Leben das ich in einer Hinsicht anders bin. Meine Mutter sagte mal zu mir dass sie von der ersten Sekunde an nach meiner Geburt wusste dass ich ein ganz besonderes, einzigartiges Kind bin. Sagen dass alle Mütter?
Egal, auf jeden Fall letzten Endes bin ich nur ganz besonders schwul.

Ich kann mir bis heute nicht erklären warum mir das meine Umwelt auch immer sofort ansieht. Schon immer haben alle möglichen Leute gefragt ob ich schwul bin. Gut, in meiner Kindheit konnte ich das verstehen. Ich hatte schon immer DEN Draht zu Mädchen und bin mit Jungs nie sonderlich gut ausgekommen. Hatte keine Jungs-Interessen und mochte als kleines Kind nur mit Mädchenspielzeug spielen.
Außerdem hat mein älterer Bruder seinen wirklich vielen Freunden die gefragt haben, immer gesagt, ja ich sei schwul. Das seltsame aber ist ich habe im Laufe der Jahre ja auch viele neue Leute kennen gelernt, die nichts von meiner Kindheit oder meinem Bruder wussten und auch da haben mich viele schon nach 5 Minuten gefragt ob ich schwul bin. Ich mache inzwischen keinen Mädchenkram mehr wie früher und ich habe keinen Tunten Stil, kein gebrochenes Handgelenk, keinen Homotouch in der Stimme oder irgendwelche auffälligen schrillen Styles, ich achte immer auf meine Gangart, meine Sprechart, meine Gestik, Mimik etc. wenn ich neue Leute treffe, nur um um jeden Preis zu verhindern das mich jemand aufs Schwul sein anspricht. Ich bin vom äußeren her eigentlich nur der langweilige Durchschnitt. Wie gesagt ich kann es mir einfach nicht erklären. Als hätte ich schwul auf die Stirn tätowiert -.-
Und das schlimmste für mich ist das jedes wenn mich jemand fragt ob ich schwul bin oder mich damit verarscht, es wie ein Messer im Herz ist, weil es immer dieses furchtbare Gefühl ist, das ich so wie ich bin nicht in Ordnung bin, dass mich die Leute nicht akzeptieren (kennen ja sicher viele hier…)
Mit 14 wurde mein Verlangen „normal“ zu sein so schlimm das ich um dem Jungs Ideal zu entsprechen auf der Stelle einen besten Kumpel haben wollte (wünsche ich mir bis heute). Ich hatte damals schon Freunde, auch nicht wenige, aber das waren alle nur oberflächliche falsche Freundschaften, auch mit Jungs. Ich habe dann innerhalb ein paar Monaten erstaunlicherweise erfolgreich eine gute Freundschaft mit einem damaligen Klassenkammeraden erzwungen (auf den ichs mir immer ein bisschen stand… :oops: ). Wir waren halbwegs gute Freunde (Einbahnstraße) bis zu der Nacht auf Klassenfahrt als wir uns plötzlich gegenseitig in der Hand hatten ( ;) ) Von da an hatten wir unser schmutziges kleines Geheimnis das uns wirklich gut verband. Habens ein paar Mal wiederholt und Nächte lang miteinander geschrieben. Mittlerweile war ich unsterblich verliebt und glaube er auch, wenn ich an den Schimmer von Glück in seinen Augen denke als er mir einen runtergeholt hat. Nun ich habs aber schließlich zerstört weil ich nicht aufhören konnte die Freundschaft mit Gewalt in meine Vorstellung von perfekt pressen zu wollen. Mir war die Einbahnstraße nicht genug. – Mal als Beispiel, er hat mir sehr selten privates, persönliches erzählt, sich in den Ferien 3 Wochen nicht gemeldet, NIE nach treffen außerhalb der Schule gefragt, mich aber stets seinen allleraller besten Freund genannt der ihm so wichtig ist --- Hab dann aus Verzweiflung/Liebeskummer (obwohl nie das Wort Liebe oder Beziehung fiel, es in abnormaler Hinsicht aber war) abrupt den Kontakt abgebrochen, - war ihm egal.
Demzufolge hat mir meine beste Freundin 1 ½ Jahre später gesagt dass aus mir aus irgendeinem Grund das letzte Jahr ein verschlossenes, kaltes, trauriges etwas geworden ist. Finde ich echt traurig wenn man den eigenen erbärmlichen Spiegel sehen muss… :cry:
Diese kleine Liebesgeschichte mit fast 2 Jahren Kummer und dass ich mich nie akzeptiert fühle machten mich wohl zu dem was ich heute bin. Verschlossen, kalt und traurig (siehe oben ;) ) und mit einer 20m dicken Stahlwand ums Herz um mich vor Verletzungen zu schützen.

Aber ich will hier nicht nur negativ wirken und muss auch sagen und ich mich nun schon 2 Monate wieder sehr bemühe die Wand abzutragen und wenn nötig den Schmerz hereinzulassen. Denn noch schlimmer als der Schmerz ist die Einsamkeit die die Wand mit sich bringt.
--- Putting a wall around you heart, doesn’t protect you. It shuts people out! ---
Denn die Einsamkeit hatte mir vor einem halben Jahr meine dunkelste Zeit bis jetzt beschert. Die Zeit als die Vorstellung mir eine Waffe an den Kopf zu halten das eizige war, was mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte…
Ich war so schrecklich deprimiert weil ich um die Weihnachtszeit immer nur arbeiten musste (Lehrling in der Gastronomie) und die einzigen 2 Freundinnen die ich habe über ein Monat nicht gesehen hab, dass schwul sein hats auch nicht einfacher gemacht… Aber ich habs überlebt (zur Info: Hätte nie den „finalen Schritt“ getan, weil ich immer wusste dass wieder bessere Zeiten kommen, hatte nicht die extremsten Depressionen)

Jaaaa.. dann habe ich eigentlich alles gesagt was ich mir vom Herzen schreiben wollte. Ich habe meine beste Freundin (mein Felsen) aber mein Geheimnis stellt immer eine Kluft zwischen uns dar. Mit ihr (mit niemanden) kann ich darüber reden. Ich möchte mich jetzt mit 16 auf keinen Fall outen. Ich wäre der typische Fall wo alle sagen würden „Haben wir eh immer gewusst“, das will ich auf keinen Fall hören. Deshalb will ich mit 20 oder so sowieso weg gehen (Gastronomie, finde überall einen Job), habe echt nichts was mich auf dem Land hält. Ich habe eine echt tolle Familie, und bin mir sicher viele Leute würden gar nichts dagegen haben, dass ich auf Jungs stehe, aber ich will es trotzdem nicht. Außerdem kenne ich einige die mit ihren noch nicht mal 20 Jahren richtige Schwulen Hasser sind…. Und alle in meinem Leben die mich kennen würden es mir immer zu spüren geben wie anders ich bin. Dabei möchte ich nur normal sein. Ich habe das anders sein zu lieben probiert, leider nicht geschafft.

Beziehungen brauche ich momentan nicht, würde das mit Arbeit und Schule sowieso nicht hinbekommen. Aber ein oder zwei richtige gute Kumpel wünsche ich mir sehnlichst… :oops:

Sooo jetzt ist aber Schluss! Schönes Gefühl alles vom Herzen zu haben, wenn auch nur schriftlich.

Die Story vom "Anders" sein

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon homoboy » 10 Mai 2012, 16:23

Ich kann dir zwar kein Patentrezept anbieten, aber es ist nichts Schlimmes daran schwul zu sein. Zu bist damit auch nicht weniger wert oder so, sondern einfach nur du selbst. So wie ich es herausgelesen habe, ist es auch nicht das Schwulsein, dass dich bekümmert, sondern der Mangel an echten Freundschaften. Da muss ich dir bedauerlicherweise sagen, dass man richtige Freunde vielleicht auch erst mit 20, 21 oder noch später kennenlernt. Es ist doch kein Wettbewerb, wo man gewinnen muss.
Du sagst, dass dich deine Eltern unterstützen, also nutze das. Sag auch deiner besten Freundin, dass du schwul bist und ich glaube sehr stark, dass sie kein Problem damit haben wird.
Der einzige Unterschied zwischen schwulen Männern und heterosexuellen Männern ist Folgender:
Schwule Männer schlafen mit Männern und nicht mit Frauen.

Das ist der einzige definitive Unterschied. Alles andere basiert auf persönlichen Umständen und hat nichts mit dem Schwulsein zu tun.
Mit freundlichen Grüßen
homoboy

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon Sky26 » 10 Mai 2012, 16:26

Hi und willkommen bei uns.;-)

Ist ja eine traurige Geschichte, musst ja echt verliebt gewesen sein, wenn du ihm so lange nachtrauerst... Das mit dem "Man sieht mir an dass ich schwul bin" macht es ja sehr interessant, mal ein Foto reinzustellen, manchen hier wurde das Coming - Out nämlich nicht geglaubt.^^

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon aBlast » 11 Mai 2012, 16:56

Sky26 hat geschrieben:Hi und willkommen bei uns.;-)

Ist ja eine traurige Geschichte, musst ja echt verliebt gewesen sein, wenn du ihm so lange nachtrauerst... Das mit dem "Man sieht mir an dass ich schwul bin" macht es ja sehr interessant, mal ein Foto reinzustellen, manchen hier wurde das Coming - Out nämlich nicht geglaubt.^^


Naja das mit dem foto lass ich lieber bleiben.. tut mir leid

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon Busfahrer » 11 Mai 2012, 22:23

Hallo, ich habe mich eben nur wegen diesem Beitrag hier angemeldet, denn : Mir geht es (fast) genauso. Meine ganze Schule redet über mich, sogar die Leher haha. Ich weiß nicht ob dir das hilft aber du bist nicht alleine. Ich habe deinen Beitrag gelesen und mir gedacht, der könnte von mir kommen.

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon aBlast » 12 Mai 2012, 10:00

Busfahrer hat geschrieben:Hallo, ich habe mich eben nur wegen diesem Beitrag hier angemeldet, denn : Mir geht es (fast) genauso. Meine ganze Schule redet über mich, sogar die Leher haha. Ich weiß nicht ob dir das hilft aber du bist nicht alleine. Ich habe deinen Beitrag gelesen und mir gedacht, der könnte von mir kommen.


Ist ja geil :D - nicht dass es dir schlecht geht, weißt schon was ich meine ;)
Was sagen die alle über dich? Sieht man es dir auch so an?

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon Busfahrer » 12 Mai 2012, 12:37

Eigentlich finde ich, dass gar nicht schwul wirke. Ich bin mir ja noch nicht mal sicher, ob ich es bin. Es wird mir aber ständig nachgesagt und die meisten die ich kenne, habe mich oder meine Mutter gefragt, ob ich es sei. Ich habe seit ich denken kann, nur weibliche Freunde gehabt, Jungs fand ich schon immer blöde. Mit meinen Kumpelinen habe ich immer Barbie gespielt und ich hatte auch nie ein Problem die mit in die Grundschule zu nehmen. :D Meine Familie hat das immer akzeptiert aber die im Dorf natürlich nicht - immer die Köpfe geschüttelt. Das hat sich jetzt eig. geändert: Ich renne nicht wie ein Weib rum oder sowas. Ich würde schon sagen, dass ich ich femininer verhalten, was ich daran fest mache, da ich nie gelernt habe, wie sich Jungs verhalten (sollen). Das mit den verhalten sollen, finde ich sowieso schwachsinnig. Die Gesellschaft setzt vor raus: Männer haben die Hände in den Hosentaschen, machen die beine Breit beim sitzen, heulen nicht oder müssen sich immer "super cool" darstellen. Ja nicht über Gefühle reden oder sonst was. Ich bin eben nicht so. Ich bin sensibler und scheiße auf Rollenbilder. Ich halte mich von Jungs fern, weil vorwiegend von ihnen die ständigen Beleidigungen kamen in meinem Leben. Dabei frage ich mich, ist schwul eine Beleidigung, eig. ja nicht. Ist genauso als wenn ich jemanden hetero hinterherrufen würde. Außerdem, woher wollen sie es wissen? Ich weiß es selbst nicht, und ist mir auch Bus. Ich dachte auch, wenn ich ans Gymnasium komme, dass es dann aufhört, doch hier ist es genauso und die meisten kennen mich eig, nicht. Aber auch hier, als ob es, wie von dir beschrieben, auf meiner Stirn steht. Mich macht das aber ganz schön fertig, denn ich frage mich immer: Warum ich? Was ist an mir falsch? Gibt es überhaupt Platz für mich, hier auf dieser Welt? Zum Glück habe ich meine Familie und meine Beste Freundin, die mich so nehmen wie ich bin. Das setzte ich auch bei anderen vor raus, ich urteile auch nicht sofort über sie. Aber ich kann es eben nicht ändern, mittlerweile bin ich bei einer Psychologin um meine dar raus resultierenden Probleme, welche mich mein gesamtes Leben schon begleitetet und sich immer verstärkten, in den Griff zubekommen.

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon lycatoria » 12 Mai 2012, 13:26

Eklatant wichtig ist Selbstbewusstsein. Wer selbstbewusst rüberkommt, bietet auch weniger Angriffsfläche als jemand, der sich schon quasi selbst niedermacht.

Sei so wie du eben bist, alles andere ist Blödsinn. Ich kann mir vorstellen, dass das gerade in dem Alter nicht einfach ist. Die Erkenntnis, schwul zu sein, kam bei mir erst später, so mit 18/19 rum. Insofern sind mir da allzu schwere Phasen erspart geblieben. Lass dir gesagt sein: an dir ist alles in Ordnung und es gibt auch für dich einen Platz - und mit Sicherheit auch ein "passendes Gegenstück" ;)

Du kannst dich ja mal im Forum ein wenig umschauen und du wirst feststellen... es geht vielen so. :)

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Re: Die Story vom "Anders" sein

Beitragvon aBlast » 12 Mai 2012, 16:17

lycatoria hat geschrieben:Eklatant wichtig ist Selbstbewusstsein. Wer selbstbewusst rüberkommt, bietet auch weniger Angriffsfläche als jemand, der sich schon quasi selbst niedermacht.

Sei so wie du eben bist, alles andere ist Blödsinn. Ich kann mir vorstellen, dass das gerade in dem Alter nicht einfach ist. Die Erkenntnis, schwul zu sein, kam bei mir erst später, so mit 18/19 rum. Insofern sind mir da allzu schwere Phasen erspart geblieben. Lass dir gesagt sein: an dir ist alles in Ordnung und es gibt auch für dich einen Platz - und mit Sicherheit auch ein "passendes Gegenstück" ;)

Du kannst dich ja mal im Forum ein wenig umschauen und du wirst feststellen... es geht vielen so. :)


Das Selbstbewusste hat man mir als "arrogante Schwuchtel" abgenommen :D

Re: Die Story vom "Anders" sein

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