Ich und mein Leben

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nAth
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Ich und mein Leben

Beitragvon nAth » 05 Aug 2017, 01:25

Hallo zusammen,

Hier ist Nath und ich bin 24 und lebe abwechslungsweise in Basel und London und hab mich vor ca. drei Jahren bei Familie und vielen Freunden als Schwul geouted.

Da ich bald schon das maximalalter für dieses Forum erreicht habe wollte ich euch einfach noch meine Geschichte erzählen und damit hoffentlich so vielen wie möglich Mut machen! (Damit das klar ist: Ich möchte hier nicht das Opfer spielen und Mitleid erregen. Ich veröffentliche das hier weil mir klar wurde dass man schlechte Dinge nur akzeptieren kann wenn man sie mit anderen Menschen teilt und ich jeden ermutigen möchte, dich und deine Geschichte als das zu akzeptieren was dich in deiner hammergeilen Einzigartigkeit ausmacht!)

Also:

Ich wuchs in einem sehr, sehr abgelegenen Ort in der Ostschweiz auf. Da meine beiden Eltern eine Art Gemeindeleiter in einer Kirche waren fand meine Kindheit praktisch nur in einem sehr religiösen und koservativen Umfeld statt. Schnell entwickelte ich eine Angst oder Misstrauen vor allem ausserhalb dieser christlichen Blase: Schule, Hunde, tiefes Wasser, Ballsport, Sport und Bälle allgemein, Duschen nach dem Sport, schlecht in der Schule zu sein, manchmal auch Klassenkameraden, grosse Höhe - und natürlich auch vor mir und meinem Körper.
Über Sex wurde eigentlich nie gesprochen, und wenn, dann nur im Bezug zur Ehe und mit diesem gewissen unterschwelligen Ekel, den man wie ein modriges Stück Brot so schnell wie möglich los haben möchte. Gleichgeschlechtliche Gefühle und Empfindungen existierten schlichtweg nicht und waren für mich (als sie bei mir dann aufkamen) wie ein Planet ausserhalb des Sonnensystems: Spürbar aber einfach unvorstellbar, unerreichbar und auf keinen Fall ein Lebensfähiger Ort. Dass ich dann noch beschnitten werden musste, machte das ganze nicht gerade einfacher.

Versteht mich nicht falsch: Es gab ganz viel schönes, grossartiges und konnte oft eine tolle Geborgenheit erleben. Meine Familie hat mich immer unvoreingenommen akzeptiert und unterstützt! Ausserdem konnte ich dank der Musik (habe Geige gelernt) immer meine eigene Welt, ohne Religion, erschaffen wo ich so sein konnte wie ich war. Jedoch hatte ich immer das Gefühl, falsch zu sein. Ich erinnere mich auch an einen Tag an dem ich ein Messer auf dem Tresen sah und mir vorstellte wie ich es auf mich richte...

Als ich dann 13 war zogen wir dann um in eine kleinere Stadt nahe bei Deutschland. Dort mussten wir in einer frisch renovierten Kirche wohnen, die ich niemandem als Behausung wünsche: Wegen Irrwitzigen Wunschvorstellungen viel zu gross gebaut und daher immer irgendwie leer, dunkel und auch so seltsam steril. Die Menschen, die jede Woche kamen füllten die perfekt sauberen Räume für kurze Zeit mit einer Mischung aus Überrissenen Erwartungen, Sturheit und bitteren Enttäuschungen.

Das einzige was mich in dieser Zeit durchhalten liess waren die Musik und Schulfreunde, jedoch fühlte ich mich durch dieses beängstigend grosse Haus immer so weit weg von den Menschen ausserhalb dass ich nie mit irgendjemanden gross verbunden blieb.

In diesen zwei Orten lebte ich insgesamt 14 Jahre lang. Meine erwachende Sexualität wurde immer von einer Angst beherrscht, Krank zu sein oder zu werden. Immer machte ich Rückzieher wenn ich hätte Erfahrungen machen können. (Was später nach meinem Outing noch viel mehr Selbsthass erzeugte.) Erst ein längerer Aufenthalt in Südbrasilien gab mir dann endlich einen Freiraum für meine Seele (dort fing ich auch erstmals an Musik zu schreiben). Jedoch war auch dort die Religion überall präsent und zudem war ich als Musiklehrer eine art Autorität die ich nicht ausnutzen wollte und meine festnagelnde Angst war immer noch überall dort wo meine Gefühle langsam durchbrachen. An einem wunderschönen Strandrestaurant in Brasilien machte ich dann mein erstes Outing bei meinen beiden Brüdern. Sie reagierten total gut und hielten meine Hand um mir Kraft zu geben.

Zurück in der Schweiz machte ich mein Outing dann nach und nach bei der ganzen Familie, was sich jedes mal anfühlte wie wenn meine Eingeweide gefriergetrocknet würden und war erstaunt dass jeder mich sofort akzeptierte. Irgendwie hatte ich erwartet, abgelehnt zu werden wohl weil ich mich immer noch nicht überhaupt selber akzeptiert hatte. In dieser Zeit verliebte ich mich auch mehrere mal. Und zwar so richtig - leider in heteros... Niemals hatte mir jemals jemand gesagt oder gezeigt wie man mit grossen Gefühlen und Ablehnung umgeht. Ich war völlig aus der Fassung und hörte irgendwann auf, die Anrufe meiner Familie anzunehmen....etwa ein Jahr lang. Bis dann hatte ich noch nie Sex erlebt was mich oben drauf immer mehr verbitterte weil sich die vergangenen Jahre wie verschwendete Zeit angefühlt hat, die man niemals zurück holen kann.

An diesem Punkt war es wieder einmal die Musik, die mein Leben plötzlich in eine ganz neue Richtung gelenkt hat: Ich bekam einen Studienplatz für Komposition an einer der weltbesten Musikhochschulen in London. Mich dort zu bewerben stellte sich als die beste Entscheidung meines Lebens heraus. Ich war zwar ein bisschen älter als die meisten Studenten (Ich fing mit 22 and während die meisten mit 18 beginnen) jedoch gaben mir die letzten zwei Jahre so viel Zeit und Freiraum für mich sodass meine Musik und ich sich nach so vielen Jahren endlich entfalten konnten. :-)

Ich habe schöne und schlechte Erfahrungen gemacht, schöne und schwierige Beziehungen gehabt und bin jetzt wieder Single aber das spielt irgendwie plötzlich keine Rolle mehr weil ich auch so viele Freunde auf der ganzen Welt gewonnen habe und ich niemals so intensiv Musik geschrieben habe wie in dieser Zeit. Meine Stücke wurden mittlerweile in Spanien, Brasilien, Kanada, Thailand, Brasilien, Grossbritannien und der Schweiz gespielt aber was noch viel wichtiger ist:

Endlich kann ich meine Herkunft und Vergangenheit akzeptieren und JA sagen zu allem was passiert oder nicht passiert ist! :-)
Ich konnte jetzt auch endlich mit meinen Eltern über diese Jahrelangen Ängste reden was echt befreiend war!
Heute sage ich: Mein Leben war bis jetzt gut so und alles was jetzt noch kommt ist Luxus! XD
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Puhh das war lang!! (Sorry für wems jetzt zu persönlich war). Ich hoffe dass ihr irgendwas davon gebrauchen könnt!! :-)
Rückmeldungen sind erwünscht, ihr könnt mir auch gern eine PM schreiben! :-D

Ich und mein Leben

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un0destino
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Re: Ich und mein Leben

Beitragvon un0destino » 05 Aug 2017, 02:10

ich finde es eigentlich sehr interessant owo ^^
wenn du wilst können wir ja mal schreiben :§
schreib mich einfach an ^^

Yannickzzz
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Re: Ich und mein Leben

Beitragvon Yannickzzz » 03 Sep 2017, 05:31

jemand 13, 14, 15 oder 16?

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Hyazinth
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Re: Ich und mein Leben

Beitragvon Hyazinth » 22 Apr 2018, 22:13

Hallo nAth,

Schön, dass du deine Geschichte hier teilst.
Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht...

 


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