Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

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Silberfisch
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Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon Silberfisch » 09 Mai 2010, 13:35

Also vorab, ich bin noch nicht geoutet, möchte hier aber mal so meine Situation schildern und würde gerne von euch wissen, welchen näheren Zeitpunkt ihr für mich wohl am besten zum Outen haltet.

Momentan bin ich 19 Jahre alt und mache mein Fachabi, d. h. ich habe noch ein paar Tage Schule und dann fahre ich nur noch für die Abschlussprüfungen zur Schule - Abschluss habe ich Ende Juni. Im August fange ich mir einer kaufm. Ausbildung an. Also ich persönlich halte es für Sinnvoll, da einen Schnitt zu machen und diesen Schnitt als gute Gelegenheit für ein Outing nutzen.

Dafür habe ich noch folgende Gründe. Auf der einen Seite habe ich leider das große Problem, dass die Akzeptanz bei mir in der Klasse gegenüber Homosexualität sehr gering ist. Kaum ein Tag, wo nicht abfällig darüber geredet wird :-? Nunja, ich komme mit allen gut aus, und damit bin ich auch zufrieden. Aber ich befürchte, dass da ein Outing einfach in eine Katastrophe enden würde. Sogar einige Mädels, von denen man es erst gar nicht erwarten würde und sonst auch immer Mitleid für andere zeigen, entpuppen sich als äußerst homophob.

Und jetzt die andere Seite. Grundsätzlich kann ich mich glücklich schätzen, dass ich in dem Punkt sehr tolerante Eltern habe. Wo immer es in Diskussionen passt, betonen sie, dass doch jeder so leben dürfe, wie es ihm/ihr gefällt / glücklich macht :flag:
Habe noch zwei ältere Brüder. Zu beiden bin ich meistens (ich gebe mir Mühe) neutral eingestellt. Von meinem ältesten Bruder (25) [Bruder A] habe ich bisher (bis heute morgen, worauf ich noch komme) immer gedacht, dass ihm das auch egal sein dürfte. Mein älterer Bruder (20) [Bruder B] dagegen, dass er, naja, schon eher etwas homophob wäre. Er ist aktiv bei LARP (live action role play), d. h. mittelalterliche Rollenspiele mit etwas Fantasie dabei ;-) Nunja, damit hatte ich auch nie ein Problem, im Gegenteil, hatte sogar mal vor vielleicht selbst mal mitzumachen, ist aber dann doch nicht so mein Fall. Jedenfalls kam mir sein Freundeskreis so vor, dass die eher weniger was mit Schwulen zu tun haben wollten. (bis zu jenem Moment heute morgen)...

Heute morgen dann am Frühstückstisch eine für mich überraschende Wende:
Es war meine ganze Familie anwesend, plus die Freundin meines ältesten Bruders.
Mein ältester Bruder [Bruder A] brachte irgendwann (irgendwie in Zusammenhang mit der Wahl oder so) "Westewelle die Schwuchtel" ins Gespräch. Meine Mutter, nichts anderes erwartet, reagierte natürlich verärgert darauf und betonte wieder ihre Einstellung (s. o.). Mein Vater, auch so eingestellt, gab dann auch noch seinen Senf hinzu. Tja, und dann entwickelte sich ein Gespräch über Homosexualität, bzw. die Einstellung dazu. Das lustige ist aber, dass mein Bruder B dann plötzlich auch noch was dazu sagte, das ich so gar nicht erwartet hatte. Er hielt meinem Bruder entgegen (und zwischen den Beiden herrscht eine Art Hassliebe^^), dass er beim LARP schließlich auch 3, DREI!!!, Schwule kenne und er die doch generell viel witziger finde! :) Gleich dannach fing auch meine Mutter an, Personen außem Bekanntenkreis aufzuzählen, die auch "ein anderes Leben leben und es offen zeigen". Darunter von meinem Cousin die Cousine, die auch glücklich mit ihrer Freundin lebt. Tja dann fing die Freundin meines Bruders A auch an mit "Schatz, was ist denn mit XYZ, hast du etwa auch was gegen ihn?". Er blieb zwar, so wie er aber immer ist, sturr und sagte dann gar nichts mehr :lol:

Also zwei extrem gegenteilige Seiten in meinem Leben, einmal die Homophobie in der Schule und dann noch meine doch sehr tolerante Familie.
Jetzt frag ich euch: Wie und wann sollte ich mich outen? Ich dachte, es wäre das beste, nach der Schule diesen Schnitt zu nutzen. Man lernt sowieso so viele neue Leute kennen und hat mit den anderen nichts mehr zu tun. Zudem bin ich eher introvertiert und schüchtern. Wie soll man dann damit umgehen in der Ausbildung? Nur mit ja antworten, wenn man wirklich ernsthaft drauf angesprochen wird? Ich mag es nicht mehr, mich immer so verstecken zu müssen und diese Lüge weiterleben zu müssen. Und haben meine Eltern nicht sowieso vielleicht schon vorahnungen? Jedenfalls hatte ich nie das Gefühl, dass sie etwas ahnen würden, aber ich hab mit meinen 19 Jahren nie eine Freundin mit nach Hause gebracht, ist das schon auffällig?

Freue mich schon auf eure Antworten und Meinungen!
Und vielen Dank erstmal, dass du wirklich bis hierhin gelesen hast, ist ja doch ziemlich lang geworden :D
Das Leben ist eine unheilbare Geschlechtskrankheit, die durch Geschlechtsverkehr übertragen wird und unweigerlich zum Tod des Betroffenen führt.

Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

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Morpheus
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Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon Morpheus » 09 Mai 2010, 13:56

So also erstmal ein sehr interessantes Thema, sehr sachlich und gut nachvollziehbar
geschildert.

Erstmal zu einer bekannten Statistik: Bei vielen Brüdern in einer Familie erhöht sich die
Wahrscheinlichkeit, dass der Jüngste schwul ist. Ich habe sogar mal davon gehört, dass
ein dritter Junge in einer Familie mit sehr sehr großer Wahrscheinlichkeit homosexuell
sein wird (unterstützt wieder die Theorie, dass Homos der natürliche Artenvermehrungs-
STOP-Hebel sind).

Also grundsätzlich würde ich mich in einer homophoben Klasse erstmal nicht outen.
Die Frage, die man sich immer selbst stellen sollte ist, ob es die eigene Situation irgendwie
sehr stark negativ beeinträchtigen kann und ob es den Aufwand überhaupt wert ist.
Frage: Würde ein bekannter, sich outender Schwuler in der Klasse das Gesamtbild von
Homosexuellen möglicherweise in ein anderes Licht rücken? Wie groß ist dein Einfluss
auf die Klassengemeindschaft (bist du eher Trendsetter oder Mitläufer usw.).

Also in der Familie halte ich hingegen dein Outing für ein Muss - zumal es deine Eltern
wirklich iwie provozieren und dir ziemlich offensichtlich den Weg ebnen.

Ich persönlich gehe niemals irgendwohin und posaune aus, dass ich schwul bin ... denn hey,
Homosexualität ist rein gar nichts ungewöhnliches! Wenn mich jemand fragt, streite ich es aber
auch nicht ab bzw. ich verteidige Schwule wenn darüber schlecht gerdet wird.

Ich hoffe das hilft dir.
Zuletzt geändert von Morpheus am 09 Mai 2010, 13:57, insgesamt 2-mal geändert.

TurnMeOn
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Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon TurnMeOn » 09 Mai 2010, 18:00

Wie soll man dann damit umgehen in der Ausbildung?

Ich werd zwar wirklich nicht oft gefragt deswegen, aber es kommt schon sehr drauf an, wer fragt und in welcher Situation. Würd mich jetzt zB mein Chef in nem Einzelgespräch fragen, hätt ich kein Problem damit ihm das zu sagen, is ja schließlich net schlimm. Und wenns für den schlimm is, will ich eh nicht für ihn arbeiten :flag:
Grade am Anfang wenn man sich des Schwulseins bewusst wird isses ja nicht so einfach, ich hatte dann irgendwie das Gefühl, mit nem großen Schild auf der Stirn rumzulaufen auf dem in Regenbogenfarben "Schwul" steht. Is aber net so +gg+ Solang du dich nicht vollkommen klischeehaft schwul verhälst, merkt das von den Bekannten eh fast keiner. Siehst ja dann, ob in der Ausbildungsstelle jemanden kennenlernst, dem Gegenüber dich öffnen willst.

Die Frage is halt immer auch wie gut man mit sich selber klarkommt. Wenns für dich kein Problem ist, wenn hinter deinem Rücken getuschelt wird, dann kannstes auch gleich am ersten Tag inner Ausbildungsstelle bei der Vorstellung sagen. Interessant isses für die meisten Stichler eh nur, solange sie jemanden damit verletzen - sobald die merken, dass du dich von Sticheleien nicht kleinkriegen lässt, dürftest eh Ruhe haben.

Wenn ich dich richtig verstehe hast du nen Konflikt mit dir selber zwischen "Ich will mich nicht verstecken" und "Ich hab Angst dass ich nicht akzeptiert werde" - stimmt das so?

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Silberfisch
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Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon Silberfisch » 09 Mai 2010, 23:53

Danke euch beiden für die Antworten.

Tja muss dann wohl doch in den sauren Apfel reinbeißen und mich bei den Eltern outen, was mir aber auch klar ist. Und ich glaube auch, dass je länger man wartet, es umso schwieriger wird. Werde das aber nicht vorm Schulabgang machen, da ich einfach befürchte, dass es um Umwege dann doch die halbe Schule erfährt.

Und das würde ich nicht ertragen, ich bin nicht derjenige, der gerne im Mittelpunkt steht, bin mehr der Unauffällige, also auch nicht wie ein Papagei gekleidet ;-) Wurde übrigens auch noch nie in meinem Leben angesprochen, ob ich vllt schwul sein könnte oder so - nicht mal aus Spaß oder um mich zu ärgern. Äußerlich sieht man mir nix an und das find ich eigentlich auch gut so^^

Das Beste ist wohl, wie ihr auch meint, es dann selbstbewust zu sagen, wenn man direkt angesprochen wird. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, irgendwo hinzukommen und zu sagen "Hallo, ich bin der David und ich bin schwul..." xD Für mich ist schwul sein genauso normal, wie hetero, und da würde man ja auch nicht auf die Idee kommen, es zu sagen^^

TurnMeOn hat geschrieben:Wenn ich dich richtig verstehe hast du nen Konflikt mit dir selber zwischen "Ich will mich nicht verstecken" und "Ich hab Angst dass ich nicht akzeptiert werde" - stimmt das so?


Konflikt mit mir selber würde ich nicht sagen, aber eben, dass mir ein wenig bange ist, ins kalte Wasser springen zu müssen. Bzw. die Angst, dass es mal jemand nicht gut aufnehmen könnte. Hat hier wahrscheinlich jeder gehabt. Und wenn ich mir hier im Forum so einige Erfahrungen durchlese, dann muss ich schon sagen, dass ich hier nicht rumjammern sollte. Bei einigen Berichten kamen mir die Tränen!

Morpheus hat geschrieben:Frage: Würde ein bekannter, sich outender Schwuler in der Klasse das Gesamtbild von
Homosexuellen möglicherweise in ein anderes Licht rücken? Wie groß ist dein Einfluss
auf die Klassengemeindschaft (bist du eher Trendsetter oder Mitläufer usw.).


Ich würde mich da nichteinmal als Mitläufer bezeichnen. Stehe mehr neben der Klasse. Bin immer nett zu allen, aber so richtig anfreunden kann ich mich mit niemanden, soll nicht mal heißen, dass das schlechte Menschen seien. Aber Freunde sind für mich Menschen, denen man in jeder Lebenslage vertrauen kann. Kurz: ich werde gar nichts bewegen können. Und es lohnt ja für die paar Tage dort auch nicht mehr wirklich.

Noch als Zusatz:
Ich wollte mich so Anfang juni bei einem anderen Schwulen outen, der zwar ein Stück weiter von mir weg wohnt, den ich aber schon einmal vor drei Jahren getroffen hatte (ungeoutet). Wollte mich einfach erst einmal bei Jemanden aussprechen, ohne irgendwelche Ängste oder so.
Das Leben ist eine unheilbare Geschlechtskrankheit, die durch Geschlechtsverkehr übertragen wird und unweigerlich zum Tod des Betroffenen führt.

kaunisakumupasse
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Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon kaunisakumupasse » 10 Mai 2010, 14:15

Ohhh ja die Schule....meine Schule ist ganz klar eine homophobe Schule XDXD
Aber ich habe mich so oder so vor meine Klasse geoutet...sie beleidigt mich wohl nicht,aber sie haben mich schon immer als eine "Schwuchtel" angesehen...
Von daher habe ich es gesagt,da es sowieso nicht die Situation geändert hätte.
Dadruch das ich es gesagt habe,muss ich mich nicht so verstecken und ich lebe in keiner lüge....
aber ich finde es auch,das schwul total ungewöhnlich ist und darum würde ich es auch nicht jedem einfach so sagen...
Hmm...wenn ich so überlege....vllt hätte ich der Klasse das garnicht so sagen müssen...egal,kann man nichts machen und ist nich so wild ^w^

Eldit
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Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

Beitragvon Eldit » 10 Mai 2010, 14:21

Aus meiner Schule weiß es auch nur eine Freundin (unter Umständen drei), der ich alles anvertrauen kann. Das genügt vorerst auch zum Quatschen über dies und das. :D
Der Rest meiner Klasse besteht komplett aus Mitläufern und bösartigen Wesen. Denen würde ich das niemals sagen.

Ich finde aber, nach der Schulzeit sollte man sich dann ruhig als schwul outen, wenn man gefragt wird. Sonst natürlich nicht.
Aber Kinder sind böse. Also in der Schule besser nicht. :D
Außer natürlich man hat guten Kontakt mit den Leuten oder ist angesehen/beliebt.

Re: Coming-Out zwischen Schulzeit und Ausbildung?!

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