Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Rund ums Coming-Out - wenn es das überhaupt gibt.
Benutzeravatar
Noes
advanced-boy
advanced-boy
Beiträge: 235
Registriert: 31 Okt 2007, 20:00
Wohnort: Sachsen
Kontaktdaten:

Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon Noes » 29 Sep 2016, 18:06

Hallo,

ich hadere seit gefühlten Ewigkeiten damit, mich bei meiner Familie, v.a. bei meinen Eltern zu outen.

Meine Situation:
Ich habe schon vor einigen Jahren festgestellt, dass ich eher auf Jungs stehe, es allerdings nicht weiter ausgelebt bzw gelaubt, dass es vielleicht nur eine Phase ist. Als ich dann für das Studium in die Stadt gezogen bin, habe ich einen Jungen kennengelernt - daraus hat sich eine Beziehung entwickelt, die bis heute hält und mich glücklicher macht als je zuvor. Er war bereits geoutet und hatte auch keine Probleme damit. Ich hingegen wusste nicht, wie ich es angehen soll, da ich aus einem eher konservativen Umfeld komme und auch bei meinen Freunden nicht so richtig abschätzen konnte, ob sie es gut auffassen (ich hatte eben einfach keine Erfahrung mit dem Thema). Nach und nach ist es aber dann fast von allein passiert, meine WG hat es irgendwann mitbekommen. Sie waren so unterstützend und super, dass ich etwas mehr Selbstbewusstsein hatte, es nun auch meinen anderen Freunden nach und nach zu sagen. Mittlerweile wissen es einige, bei anderen traue ich mich noch nicht so - bzw ergibt es sich nie, würde aber jemand fragen, wie es bei mir mit Beziehungen aussieht, würde ich offen antworten. Die Freunde, die es wissen, haben es gut aufgefasst.

Nun wäre da aber noch meine Familie, wie gesagt etwas konservativ. Anfangs hat es mich nicht gestört, dass sie nichts von meinem Freund wissen. Ich sehe meine Eltern auch relativ selten, fahre 1-2mal im Monat nach Hause. Die Besuche wurden aber in letzter Zeit immer seltener, da ich irgendwann doch angefangen habe, darüber nachzudenken, wenn ich bei ihnen war. Bisher habe ich mich allerdings nicht getraut, es ihnen zu sagen. Vor allem dann, wenn ich gefragt werde, wann ich denn endlich mal eine Freundin mitbringe, denke ich darüber nach, es ihnen zu erzählen, traue mich dann aber doch nicht. Sie haben es wahrscheinlich überhaupt nicht im Blick, dass ich auch einen Freund haben könnte. Ansonsten nervt mich seit geraumer Zeit die Engstirnigkeit meiner Heimat (nicht nur was Homosexualität angeht, auch bzgl. der Flüchtlingskrise etc). Und dann kommen eben immer wieder so Sprüche wie "Zwei Kerle zusammen? Unnormal!" (so in der Art). Ich habe auch etwas Angst, der bunte Hund in der Familie zu sein.

Nun habe ich eben etwas Angst vor der Reaktion. Ich bin mir aber sicher, dass ich bei negativen Reaktionen standhalten könnte - mein Freund ist mir wichtiger. Trotzdem würde meine Familie mich wohl irgendwann (wenn nicht sofort) akzeptieren, denn es ist ja meine Familie. Und ich werde mich sicherlich nicht ändern.
Eine Überlegung war, zuerst mit meinem Bruder zu reden, der da vielleicht (generationsbedingt) etwas entspannter ist als meine Eltern. Allerdings sehen wir uns noch selter als ich meine Eltern.

AKTUELLES PROBLEM:
Meine Eltern kommen mich sehr bald besuchen und übernachten bei mir. Ich kann entweder die Bilder von meinem Freund entfernen..oder sie aber hängen lassen. Was meint ihr, soll ich es ihnen doch sagen? Aber wie sollte ich es anstellen?
Sie dringen quasi in meine eigentliche Lebenswirkklichkeit hier ein, wo keiner damit ein Problem hat - sie selber wissen es aber nicht. Und ich habe solche Angst vor den Reaktionen.

Need help. :/

Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Werbung
 

DasLysander
member-boy
member-boy
Beiträge: 107
Registriert: 25 Mai 2016, 13:15

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon DasLysander » 29 Sep 2016, 19:28

Hallo Noes (yay, jemand aus Sachsen :)),

was du über deine Freunde und deinen Freund erzählst, hört sich schön an :)

Zu deinen Eltern:
Was wäre denn so die schlimmste Reaktion, die du ihnen zutrauen würdest?

Bist du finanziell abhängig von ihnen?

Ich kann deine Angst vor ihrer Reaktion gut verstehen, es sind ja immernoch sehr wichtige Personen im eigenen Leben, die man nicht gerne enttäuscht.
Eine Strategie, die bei mir bisher gut funktioniert hat, wenn ich meiner Mutter etwas zu sagen hatte:
Sag ihnen, dass du ihnen etwas erzählen willst, weil du willst, dass sie es wissen, dass du aber keinen Wert auf eine Reaktion legst, weil du darüber nicht diskutieren willst, sondern sie lediglich informieren.
Du bist nicht in der Pflicht, dir ihre Zustimmung einzuholen oder eine negative Reaktion über dich ergehen zu lassen, deshalb sollte das auch rüberkommen.
Das nimmt deine Eltern gleichzeitig ein wenig aus der Verantwortung, etwas sagen zu müssen, obwohl sie im Moment vielleicht überfordert sind.


Zu der Sache mit dem Besuch:

Du allein bestimmst, wann du dich outest. Wenn du dazu noch nicht bereit bist, ist es deshalb auch nicht feige, die Bilder wegzuräumen.

Vom Gefühl her würd ich persönlich es eher machen, wenn du bei deinen Eltern bist. So wirkt es nicht, als fühltest du dich "ertappt", wenn sie zu Besuch kommen, außerdem kannst du im Fall der Fälle einfach wieder heimfahren.
Wenn du findest, dass du zu deinem Freund stehen musst, indem du die Bilder nicht wegräumst, wenn sie zu Besuch kommen, kannst du die "Gelegenheit" auch nutzen, etwas zu erledigen, was du ja ohnehinschon lange tun wolltest.

Das wird schon irgendwie werden :)
"People leave their bodies to science. I think cannibals would be so much more grateful."

Benutzeravatar
Noes
advanced-boy
advanced-boy
Beiträge: 235
Registriert: 31 Okt 2007, 20:00
Wohnort: Sachsen
Kontaktdaten:

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon Noes » 29 Sep 2016, 19:34

Danke für die Rückmeldung und die Tipps! :)

Ich hatte noch überlegt, ihnen einen Brief zu schreiben..dann könnte ich alles sehr genau erklären und es wäre sozusagen "verschriftlicht". Im Gespräch könnte es sein, dass nicht alles so rüberkommt wie ich möchte (?).
Sie fragen leider auch nie direkt, ob ich eine Freundin habe (so bin ich nämlich bisher immer im Freundeskreis verfahren: "wie siehts bei dir mit Beziehungen aus?" - "Joar, hab einen Freund"). Hm, aber vielleicht ist es doch klüger, wenn ich es bei ihnen zu Hause ins Rollen bringe ...ich hab nur eben das Gefühl, dass ich mich einfach nicht traue, es aber so gerne draußen hätte.

Benutzeravatar
Sky26
member
member
Beiträge: 697
Registriert: 25 Okt 2011, 23:33

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon Sky26 » 29 Sep 2016, 19:35

Hey Noes :)

Ist es für Dich eine Möglichkeit, dass Du Deine Eltern aus Deinem Umfeld erstmal rauslässt und ihnen am Telefon sowas sagst wie "Hey, wenn Ihr kommt freue ich mich, aber ich will keine 50er-Jahre-Sprüche wegen der Bilder mit meinem Freund drauf hören."?

Dann bräuchtest Du auch keine Angst haben, dass sie irgendwie schlecht reagieren, weil Du dann einfach auflegen kannst. Würde es für Dich vielleicht etwas erleichtern.

Schreib mal, wie es gelaufen ist! :)

Benutzeravatar
Noes
advanced-boy
advanced-boy
Beiträge: 235
Registriert: 31 Okt 2007, 20:00
Wohnort: Sachsen

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon Noes » 04 Dez 2016, 16:01

Hm, seit meinem letzten Post hat sich leider nicht viel in der Hinsicht getan, weshalb ich euch noch mal um Rat fragen möchte.
Der Besuch meiner Eltern erfolgte ohne Outing, er war auch einfach ziemlich kurz. Seitdem haben wir uns nicht noch mal gesehen, da ich ziemlich viel Unistress gehabt habe bis vor einer Woche. Daher hatte ich auch nicht wirklich Zeit, mich mit dem Thema Coming out zu beschäftigen.
Kommende Woche werde ich mal kurz nach Hause fahren. Wie immer habe ich dabei ein komisches Gefühl, ich würde meinen Eltern so gern mehr von mir erzählen...ihnen mein Leben zeigen. Aber ich habe Angst vor den Reaktionen, was meine Homosexualität betrifft. Vor allem auch in Hinblick auf Weihnachten macht mir die ganze Sache gerade Probleme. Die letzten Jahre waren für mich immer nicht sehr festlich/besinnlich, weil ich die ganze Zeit an meinen Freund denken musste. Wenn dann alle Geschwister mit ihren Familien kommen und man der einzige ist, der allein dasteht ...und wenn dann alle anderen Verwandten immer wieder dieselben Fragen stellen ("Und was machst du mal, wenn du fertig bist?", ...), da fühle ich mich einfach unwohl. Ich könnte dieses Jahr Weihnachten mit meinem Freund verbringen, er feiert auch nicht zu Hause, sondern bei Freunden. Allerdings habe ich meiner Familie gegenüber ein schlechtes Gewissen irgendwie.. :/

Jedenfalls würde ich gerne dieses Jahr noch offenbaren, dass ich einen Freund habe und seitdem glücklicher als je zuvor bin - auch vor dem Hintergrund, dass ich das meiner Familie gegenüber nun schon zwei Jahre verschwege und der "Berg" immer größer wird ("Zwei Jahre schon? Die ganze Zeit? Du hast nie was erzählt?"). Ich weiß einfach nicht, ob und wie ich es ihnen sagen soll. Vielleicht wäre doch ein Brief eine Möglichkeit? Dann würde ich ihnen Zeit zum Lesen/Aufnehmen der ganzen Sache geben und es würde dann an ihnen liegen, sich zu melden bei mir...hm.

Was denkt ihr? Mir fällt das alles so unheimlich schwer. Mein Freundeskreis hier ist sowas von offen und unterstützend, aber gegenüber meiner Familie habe ich starke Hemmungen..

mateforever
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 52
Registriert: 03 Sep 2016, 19:20

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon mateforever » 04 Dez 2016, 17:56

Also ich hatte auch viel Angst es meinen Eltern zu erzählen, bei meinem Freund war es nicht anders. Wir haben es beide per Messenger gemacht, beidesmal einfach spontan, obwohl wir es nie richtig wollten. Geändert hat sich nichts an der Beziehung zu unseren Eltern. Nur lebt man danach einfacher, weil man es nicht mehr verstecken muss. Ich glaube auch deine Eltern werden es gut aufnehmen.

Speedy89
Greenhorn
Greenhorn
Beiträge: 73
Registriert: 09 Mai 2011, 22:14

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Beitragvon Speedy89 » 09 Dez 2016, 10:03

Hallo Noes,

ich kann dich total verstehen. Und ich kann auch absolut verstehen, dass du gerade jetzt wo die Weihnachtszeit beginnt gerne deinen Eltern davon berichten möchtest.
Ich damals hatte auch sehr viel Angst vor der Reaktion meiner Eltern.
Aber du hattest ja bereits geschrieben, dass dein Freund geoutet ist.
Kann er dich dabei etwas unterstützen ?
Ich weiß ja nicht wie weit deine Heimat von deinem jetzigen Wohnort entfernt ist.
Wäre es eine Möglichkeit das ihr zusammen zu deinen Eltern fahrt ?
Du kannst deinen Eltern ja berichten, dass du jemanden mitbringst.
Und dann bereitest du dich gut drauf vor. Dann hast du Hilfe von deinem Freund, der dich ggf. auch auffängt, wenn es voll in die Hose geht.

Sollte das natürlich ein zu weiter Weg sein um ggf. am gleichen Tag wieder zurück zufahren dann würde ich allerdings alleine hinfahren.
Ich habe es damals so gemacht, das ich es Ihnen Spät abends gesagt habe.
Sie wollten eigentlich schon ins Bett und dann bin ich in das Wohnzimmer gegangen und meinte ich muss mal mit euch reden.

Lange habe ich dann noch überlegt, ob ich es nun wirklich sage. Aber der Druck es endlich los werden zu wollen war einfach riesig.
Es ging dann eigentlich auch schon von ganz alleine.
Meine Mutter war zu erst leicht geschockt weil sie sich gerne noch Enkelkinder gewünscht hätte.
Mein Vater sagte gleich, dass habe ich mir schon fast gedacht.
Aber sie haben es beide dennoch sehr positiv aufgefasst und ich kann dir sagen, dass ein Leben wenn man geoutet ist um einiges sxchöner ist.

Man kann mit seinem Freund zur Familie fahren. Auf Familienfesten ist man nicht mehr alleine.
Also ich drücke dir die Daumen das du es schnell hinter dich bringen kannst.

Re: Coming Out bei der Familie - Spätzündung

Werbung
 

 


  • Ähnliche Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Coming-Out“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast