Ich nachhinein könnte ich heulen das ich damals noch über kein Internet verfügte (meinen ersten Anschluss hatte ich mit 19 *kotz). Ich wohne in einer ländlichen Gegend und auch wenn ich durchs Lesen wußte, dass es einige von uns gibt, fühlte ich mich dennoch isoliert. Viele in meinem Umfeld sagen, dass ich über eine starke individuelle Persönlichkeit verfüge dennoch konnte ich nie den Mut aufbringen in diesem Punkt zu mir selbst zu stehen und schämte mich dafür, weil ich das Gefühl hatte meine Ideale oder Teile meiner Persönlichkeit dadurch zu verlieren (ich weiß; klingt nach Dramaqueen).
Die folgenden Jahre verliefen im Grunde genommen alle identisch. Ich bin stehts darum bemüht Freunde nicht zu nahe an mich heran zu lassen um diesen Teil meiner Persönlichkeit nicht offenbaren zu müssen. Freundschaften welche ich als Jugendlicher pflegte sind zu kumpelhaften Bekanntschaften verkümmert. Jemand der cleverer und mutiger gewesen wäre als ich hätte in meiner Situation vermutlich Jugendgruppen oder ähnliches aufgesucht jedoch schaffte ich es durch eine Mischung aus falschem Stolz und Unsicherheit heraus, mir auch diese Chance zu nichte zu machen. Ironischer Weise kommen Leute häufig zu mir um mir von Ihren Problemen zu erzählen selbst wenn diese mich kaum kennen. Keine Ahnung warum und obwohl ich diesen Leuten immer wieder sage das drüber reden das beste ist was sie machen können, bekomme ich es in meinem eigenen Leben nicht auf die Reihe über meinen Schatten zu springen.
An Empfindungen habe ich inzwischen zahlreiche Erfahrungen sammeln müssen. Von Verdrängung über Wut auf die Gesellschaft, Resignation bis zu Soizidgedanken (keine Bange; ich durfte in meinem Leben so viele schöne Dinge erleben das dies für mich nie wirklich Frage gekommen ist) habe ich keinen emotionalen Zustand ausgelassen. Nach außen hin habe ich es jedoch stehts immer wieder geschafft ein falsches Selbstbildnis von mir vorzugaukeln (Leider).
In letzter Zeit hat sich jedoch etwas in mir geändert. Früher konnte ich nicht nur mein Umfeld, sondern auch mich selbst davon überzeugen, dass ich ein zufriedener glücklicher Mensch bin. Letzeres funktioniert jedoch nicht mehr. Ich habe den Eindruck, dass ich an einem Punkt angekommen bin, in dem ich erst wirklich realisiere was ich mir selbst und meinem Leben angetan habe und jeden Tag aufs neue antue. Das ganze Geflecht aus Lügen und dem unterdrücken von natürlichen Bedürfnissen. Wenn ich beginne darüber nachzudenken bekomme ich fast Brechreize (und das meine ich wörtlich). Mich im Alltag zu konzentrieren fällt mir zunehmend schwerer. All meine Gedanken sind auf dieses total unbefriedigende Leben gerichtet. Inzwischen spüre ich sogar beruflich Auswirkungen. Meine Leistungsfähigkeit hat nachgelassen die Überwindung morgens überhaupt aufzustehen fällt mir immer schwerer. Warum sollte man auch, was hat der Tag einem schon zu bieten.
Versteht mich nicht falsch es geht hier nicht um unerfüllte Sexualität oder ähnlichem. Hey ich bin schwul; Sex kann ich fast zu jeder Zeit überall bekommen. Jedoch anonym ... mehr würde ich ja auch nicht zulassen.
Nein es geht viel um für andere Menschen ganz banale Dinge. Neben jemanden morgens aufzuwachen. Dem Partner beim pennen zu beobachten und die paar Nackenhaare zu betrachten für die man sich so in Ihn verguckt hat oder mit jemaden zusammen im Sommer im Park auf dem Rasen zu sitzen, die Sonne zu genießen und sich dabei Gegenseitig im Arm zu halten. Zusammen einkaufen zu gehen und sich darüber zu streiten welche Sorte Erbsen jetzt besser schmeckt. Klingt Kitschig ... ist aber so.
Statt dessen; naja ich würde sagen ich funktioniere, aber Leben ist was anderes.
Ich könnte das jetzt vermutlich noch viel ausschweifender Beschreiben (man hat mit 27 Jahren verdammt viel zu erzählen), jedoch würde das zu weit ausufern. Naja ich hoffe ich konnte den jüngeren unter euch ein Argument mit an die Hand zu geben nicht den Fehler zu begehen und mit aufschieben anzufangen. Ich würde zwar nicht behaupten das mein Leben vorbei ist, dafür ist es nie zu spät. Aber sich jetzt vor Freunde, Familie und Arbeitskollegen zu stellen und zu sagen das alles eine Lüge war ... Themawechsel das Brechgefühl kommt wieder auf.






